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Persönliche
Beweggründe für antipsychiatrisches Handeln
(1)
Ich bin 56 Jahre alt. Ich bin Jude. Ich glaube, dass diese Tatsache
und meine Kenntnisse über den Holocaust, die ich schon als
Kind erlangte, es mir ermöglichten, die Lage der Psychiatrie-Patienten
und -Patientinnen zu verstehen. Als Neunjähriger habe ich
in einem Filmbeitrag in Newsreel zum ersten Mal Filme
über KZs gesehen. Außerdem erzählte mir mein Onkel
davon; als Armeeoffizier war er an der Befreiung eines KZs beteiligt.
Vieles von dem, was ich hier äußere, läuft auf
einen Vergleich von Anstaltsinsassen mit Juden im KZ hinaus.
Neun Jahre, nachdem ich diese Geschichten gehört und den
Film gesehen hatte, betrat ich zum ersten Mal eine Psychiatrische
Anstalt. Das war im Jahr 1954; ich war Praktikant am Harvard-College
in Cambridge, Massachusetts. Diese unmittelbare Erfahrung ließ
mich all das fühlen, was ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen
über die KZs ausgemalt hatte. Zuerst einmal war da dieser
Geruch, ein fürchterlicher Gestank. Dazu kam der Ausdruck
in den Augen der Leute, dermaßen niedergeschlagene Geschöpfe.
Und schließlich noch die Gleichgültigkeit, ja sogar
Hass derjenigen, die dort arbeiteten, gegenüber den Insassen.
Am ersten Tag sah ich eine Studentin aus unserem benachbarten
College Radcliff, wie sie sich in die Ecke einer Zelle drückte.
Weil ich aber noch kein 'ausgebildeter' Arzt war, wusste ich,
dass das verkehrt war und dass ich, müsste ich hier bleiben,
genauso enden würde, in eine Ecke gekauert.
Schließlich wurde ich Leiter des ersten großen Praktikumprojekts
an einer Psychiatrischen Landesnervenklinik. Ich war immer noch
Student. Ich wurde Zeuge, wie man an Patientinnen und Patienten
Elektroschocks vollzo