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Persönliche
Beweggründe für antipsychiatrisches Handeln
Es ist ein Widersinn, dass riesige Summen
Geldes in wenigen privilegierten Händen versammelt sind,
während gleichzeitig Initiativen, die sich für menschenwürdige
Verhältnisse für alle einsetzen, das Geld nötig
brauchen.
Ein Beispiel für die Zerstörungen, die die liberal-autoritäre
Geldgesellschaft anrichtet, ist die große Anzahl von Menschen,
die seelisch aus ihrer Mitte gerückt, ver-rückt werden
und deren Sozialisation nicht wie bei den 'Normalen' das effektive
Maß hält, sondern 'des Guten zuviel' tut.
Sohn einer Erbin, deren strenger Gehorsam ihrem Vater gegenüber
darin bestand, das Vermögen zu erhalten (weswegen sie ihre
Sehnsucht nach künstlerischer Anarchie tief versteckte),
war ich im Bann ihrer emotionalen Defizite: Anfang der sechziger
Jahre mündete meine Sozialisation in ein Dasein als verkrachter
Student und chaotischer Poet.
Ich heiratete, und 1968 wurde mein Sohn geboren. In der Nacht
seiner Geburt hatte ich irrationale Ängste. Zwei Jahre später
ließ sich meine Frau von mir scheiden. Mehrere Vorwürfe
'meiner Familie' gegen mich zogen sich wie Kaugummi durch die
Jahre: Ich würde zuwenig Alimente zahlen, ich würde
ihm zeigen, wie mies es mir gehe, und insgesamt sei ich ein schlechter,
unaufmerksamer und schwacher Mensch, der nur an sich dächte
und rumlaufen würde wie ein Penner.
Als mein Sohn 16 Jahre alt war, wollte er in die Psychiatrie
mit der Begründung, er habe Angst vor den eigenen Impulsen,
seine Mutter umzubringen. Im Alter von 18 Jahren nahm er sich
als Psychiatrie-Patient das Leben.
Ich habe Schuldgefühle, weil ich unfähig war, meinem
Sohn nahe und ein Leitbild zu sein. Weil ich zu wenig Verständnis,
Liebe und Kraft hatte, richtig zu handeln. Weil ich meine inhaltliche
und finanzielle 'Vernunft' in einem kritischen Moment vor das
Einverständnis mit meiner Frau gestellt habe.
Hätte mein Sohn nach all dem familiären Chaos und psychiatrischen
Versagen rechtzeitig in eine Institution gehen können, wo
er statt Neuroleptika und stigmatisierender Krankheitsbegriffe
endlich Verständnis und Förderung erfahren hätte,
wäre ihm vielleicht seine ausweglose Verzweiflung und sein
viel zu früher Tod erspart geblieben.
Ich möchte durch die Übernahme einer finanziellen Patenschaft
für ein solches anti- und nichtpsychiatrisches Projekt (konkret:
das Weglaufhaus Berlin) einen positiven Beitrag leisten zum freundlichen,
lebensbejahenden Umgang mit den Gefährdeten dieser ebenso
lockeren wie mörderischen Verhältnisse.
Über den Autor
Geboren 1942 in Nürnberg. Früher Arbeit als Taxifahrer, für kurze
Zeit als Sozialarbeiter. Jetzt freier Autor. Veröffentlichungen:
"Unglaubliches Affentheater", Erzählung, Berlin: Karl-Heinz Schmidt
1981; "Stadteinwärts", Gedichte, Berlin: Labyrinth 1988; "Neues
von Nivea", Prosa, Berlin: Neue Gesellschaft für Literatur 1989;
Mitherausgeber verschiedener Anthologien; "Das Gerät", Science-fiction-Komödie,
aufgeführt 1986 vom Volkstheater Berlin und 1988 vom Theater der
Autoren Berlin; u.v.m. (Stand: 1993)
© 1993 by Wolfgang Fehse