in: Kerstin Kempker / Peter Lehmann (Hg.): Statt Psychiatrie, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1993, S. 400-401

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Beiträge von Lothar Jändke, Don Weitz, Alfredo Moffatt, Peter R. Breggin, Bonnie Burstow, Sylvia Marcos, Gisela Wirths, Peter Stastny, Theodor Itten, Sabine Nitz-Spatz, Kerstin Kempker, Thilo von Trotha, Uta Wehde

Wolfgang Fehse

Persönliche Beweggründe für antipsychiatrisches Handeln

Es ist ein Widersinn, dass riesige Summen Geldes in wenigen privilegierten Händen versammelt sind, während gleichzeitig Initiativen, die sich für menschenwürdige Verhältnisse für alle einsetzen, das Geld nötig brauchen.

Ein Beispiel für die Zerstörungen, die die liberal-autoritäre Geldgesellschaft anrichtet, ist die große Anzahl von Menschen, die seelisch aus ihrer Mitte gerückt, ver-rückt werden und deren Sozialisation nicht wie bei den 'Normalen' das effektive Maß hält, sondern 'des Guten zuviel' tut.

Sohn einer Erbin, deren strenger Gehorsam ihrem Vater gegenüber darin bestand, das Vermögen zu erhalten (weswegen sie ihre Sehnsucht nach künstlerischer Anarchie tief versteckte), war ich im Bann ihrer emotionalen Defizite: Anfang der sechziger Jahre mündete meine Sozialisation in ein Dasein als verkrachter Student und chaotischer Poet.

Ich heiratete, und 1968 wurde mein Sohn geboren. In der Nacht seiner Geburt hatte ich irrationale Ängste. Zwei Jahre später ließ sich meine Frau von mir scheiden. Mehrere Vorwürfe 'meiner Familie' gegen mich zogen sich wie Kaugummi durch die Jahre: Ich würde zuwenig Alimente zahlen, ich würde ihm zeigen, wie mies es mir gehe, und insgesamt sei ich ein schlechter, unaufmerksamer und schwacher Mensch, der nur an sich dächte und rumlaufen würde wie ein Penner.

Als mein Sohn 16 Jahre alt war, wollte er in die Psychiatrie mit der Begründung, er habe Angst vor den eigenen Impulsen, seine Mutter umzubringen. Im Alter von 18 Jahren nahm er sich als Psychiatrie-Patient das Leben.

Ich habe Schuldgefühle, weil ich unfähig war, meinem Sohn nahe und ein Leitbild zu sein. Weil ich zu wenig Verständnis, Liebe und Kraft hatte, richtig zu handeln. Weil ich meine inhaltliche und finanzielle 'Vernunft' in einem kritischen Moment vor das Einverständnis mit meiner Frau gestellt habe.

Hätte mein Sohn nach all dem familiären Chaos und psychiatrischen Versagen rechtzeitig in eine Institution gehen können, wo er statt Neuroleptika und stigmatisierender Krankheitsbegriffe endlich Verständnis und Förderung erfahren hätte, wäre ihm vielleicht seine ausweglose Verzweiflung und sein viel zu früher Tod erspart geblieben.

Ich möchte durch die Übernahme einer finanziellen Patenschaft für ein solches anti- und nichtpsychiatrisches Projekt (konkret: das Weglaufhaus Berlin) einen positiven Beitrag leisten zum freundlichen, lebensbejahenden Umgang mit den Gefährdeten dieser ebenso lockeren wie mörderischen Verhältnisse.


Über den Autor

Geboren 1942 in Nürnberg. Früher Arbeit als Taxifahrer, für kurze Zeit als Sozialarbeiter. Jetzt freier Autor. Veröffentlichungen: "Unglaubliches Affentheater", Erzählung, Berlin: Karl-Heinz Schmidt 1981; "Stadteinwärts", Gedichte, Berlin: Labyrinth 1988; "Neues von Nivea", Prosa, Berlin: Neue Gesellschaft für Literatur 1989; Mitherausgeber verschiedener Anthologien; "Das Gerät", Science-fiction-Komödie, aufgeführt 1986 vom Volkstheater Berlin und 1988 vom Theater der Autoren Berlin; u.v.m. (Stand: 1993)


© 1993 by Wolfgang Fehse