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Michael Uhlmann / Petra Uhlmann: Was bleibt ... Menschen
mit Demenz. Porträts und Geschichten von Betroffenen
Mit kurzen Porträts und Geschichten versehener Bildband von
Menschen mit Demenz, der hilft, sie trotz ihrer Einbußen
an kognitiven Fähigkeiten als Menschen mit ihren Wünschen
nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Trost und Einbezogensein,
nach sinnvoller Betätigung und Liebe wahrzunehmen und ihre
Würde zu sichern. Das Buch erschien mit finanzieller Unterstützung
von: Weleda AG, Janssen-Cilag GmbH, BHF-Bank-Stiftung und Hannoversche
Kassen. Trotzdem ein schönes Buch. Gebunden, 103 Seiten,
über 100 großformatige Schwarz-Weiß- und Farbfotographien,
ISBN 978-3-938304-62-4. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag, 2.,
erweiterte Auflage 2007. € 24.90 / sFr 41.70
Peter Lehmann
Jörg
Utschakowski / Gyöngyvér Sielaff / Thomas Bock (Hg.): Vom
Erfahrenen zum Experten Wie Peers die Psychiatrie verändern
Buch über das Ex-In-(Experienced-Involvement-)Projekt, das
heißt die Ausbildung von Psychiatriebetroffenen zur Peer-Arbeit
("Arbeit von Gleichen für Gleiche") innerhalb psychiatrischer
Einrichtungen. Drei Profis haben dieses Buch herausgegeben, das
sich mit der Ausbildung von Psychiatriebetroffenen für die Peer-Arbeit
(Gleiche helfen Gleichen) beschäftigt: Jörg Utschakowski, Gyöngyvér
Sielaff und Thomas Bock. Jörg Utschakowski ist Sozialarbeiter,
er sei in verschiedene europäischen Netzwerken tätig, steht im
Buch. Das Europäische Netzwerk von Psychiatriebetroffenen (www.enusp.org),
der größte unabhängige Verband in Europa, der schon seit Jahren
betroffenenkontrollierte Peer-Ausbildung fordert, taucht allerdings
nirgendwo im Buch auf. Gyöngyvér Sielaff ist Diplom-Pädagogin
und Mitgründerin von Irre Menschlich Hamburg e.V. Zu den Sponsoren
dieses Vereins zählen u.a. die Pharmamultis Eli Lily und AstraZeneca
GmbH. Der Psychologe Thomas Bock ist ebenso Mitgründer von Irre
Menschlich, daneben mitverantwortlich für das Internetportal www.psychose.de;
AstraZeneca ist auch hier der Sponsor. Diese Rahmenbedingungen,
die nicht ohne Einfluss auf die Ex-In-Ausbildung und die Haltung
zur biologisch-psychopharmakologischen Psychiatrie sein dürften,
werden im Buch nicht erwähnt, deshalb sollen sie dieser Rezension
vorangestellt sein. Nun zum Buch. Psychiatriebetroffenheit
ist keine Qualifikation, die einen zum Experten an sich macht,
ansonsten wäre der Psychiater derjenige, der mit seiner der
Psychiatrisierung vorhergehenden Diagnose Experten kreiert. Das
Thema Schulung von Psychiatriebetroffenen ist überfällig,
denn viele Psychiatriebetroffenen maßen sich an, alleine
auf Grund einer vorangegangenen Psychiatrisierung als Experte
anerkannt zu werden, der für alle möglichen, über
die eigene Person hinausgehende Aufgaben in der Arbeit mit Betroffenen
oder für diese qualifiziert ist. Oder trialogbegeisterte
psychiatrisch Tätige benutzen ihnen genehme Betroffene als
"Experten", wenn sie in einem Gremien Betroffenenbeteiligung
mimen wollen. Was macht Betroffene zu Experten? Wer bildet aus?
Wer erarbeitet den Lehrplan? Werden Konfliktpunkte und Interessenseinflüsse
deutlich? Sind die für Psychiatriebetroffenen wesentlichen Inhalte
ausgewogen enthalten? Wer bildet die Ausbilder aus? Wie wird verhindert,
dass Peer-Arbeit nicht zum bloßen Erfüllungsgehilfentum
psychiatrischer Machtausübender verkommt? Können bei
einem Träger psychiatrischer Einrichtungen angestellte Peer-Arbeiter
unabhängig arbeiten? Bekommen sie überhaupt eine Arbeit,
und werden sie dafür auch bezahlt? Und wenn ja, gibt es mehr
als die übl(ich)e Aufwandsentschädigung? Wie sieht die
Arbeit konkret aus? Definieren die Peer-Arbeiter ihre Arbeit als
hilfreich? Obwohl im Psychiatrieverlag erschienen, schließt
das Buch auch antipsychiatrische Erfahrungen wie das Weglaufhaus
Berlin ein, ebenso viele internationale Erfahrungen. Besonders
wertvoll erscheint mir der Artikel "Der Wert der Erfahrung"
von Harrie van Haaster vom Amsterdamer Instituut
voor Gebruikersparticipatie en Beleid (IGPB www.igpb.nl),
in dem er sich mit der Qualifikation von "Experten durch Erfahrung"
befasst und den Fragen, welche Kriterien für "Sachkenntnis durch
Erfahrung" formuliert werden können, um einen Schutz vor Missbrauch
und unangemessenen Ratschlägen zu gewährleisten, und wie ein erfahrungsbasierter
Forschungsansatz zwecks Nachweis für die Wirksamkeit entwickelt
werden kann. Angesichts der projektierten Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen
in die sogenannte integrierte psychosoziale Versorgung (z.B. in
Form von Mitarbeit in Krisenpensionen) ein wichtiges Buch, um
die Diskussion über die Antworten auf die dargestellten Fragen
zu beginnen. Wenn die internationale Betroffenenbewegung incl.
dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. in Antidiskriminierungsprogrammen
wie dem Harassmentprojekt (siehe www.peter-lehmann-publishing.com/articles/enusp/empfehlungen)
die Unterstützung von Initiativen im Peer-coaching fordern, die
wirksame Teilnahme geschulter Psychiatriebetroffener in allen
möglichen Bereichen und Trainingsangebote für Psychiatriebetroffene,
und sich selber gegen Diskriminierung zu schützen, um als Betroffene
in allen Bereichen angestellt zu werden und um in Programmen zur
Bekämpfung von Diskriminierung und Schikane selber Trainerin oder
Trainer zu werden und um in Kriseneinrichtungen, Beratungsstellen
und Forschungsprojekten mitzuarbeiten, ist es höchste Zeit,
sich Gedanken zu machen, wie die eigenen Forderungen umgesetzt
werden können und wie man sich konstruktiv kritisch mit vorhandenen
konkreten Erfahrungen auseinandersetzen kann. Das Buch ist guter
Ansatzpunkt, in die Diskussion einzusteigen. Rezension
im BPE-Rundbrief. Kartoniert, 240 Seiten, 1 Abbildung, 2 schwarz-weiße
Fotos, ISBN 978-3-88414-470-1. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2009.
€ 24.95 / sFr 42.90
Peter Lehmann
H. van Andel, W. Pittrich (Hg.): Kunst und Psychiatrie
Kongress in Münster 1.-5. Oktober 1990. Tagungsbericht. Über
den Einsatz von Kunsttherapie in Anstalten, die Ausweitung der
»diagnostischen Nutzung der Ergebnisse« und so wichtige
Fragen wie, »ob man die Therapie mit kreativen Mitteln eher
als Kreativtherapie oder eher mit dem üblicheren
Begriff als Kunsttherapie bezeichnen soll. Die Diskussion
blieb unentschieden, obwohl sich eine leichte Vorliebe für
die Bezeichnung Kreativtherapie abzeichnete. Die Art
der Debatte machte deutlich, dass man in diesem Fall für
deutsche Begriffe von einem wahren Erdrutsch sprechen konnte.«
Solche Erkenntnisse haben ihren Preis. Kartoniert, 348 Seiten,
Münster: Lit 1991.
Kerstin Kempker
Willem van der Does: Licht
am Ende des Tunnels. Gib der Depression keine Chance wie
wir aus der Melancholiefalle herausfinden
Buch über Depressionen, wie sie nach Meinung des Psychiaters
van der Does entstehen ("unverkennbar eine genetische Komponente"),
wie man sie gut behandelt (vor allem mit Antidepressiva aller
Art, Elektroschocks, kognitive Verhaltenstherapie). Und einer
Auseinandersetzung über eine mögliche suizidfördernde
Wirkung von Antidepressiva mit der primitiven Abqualifizierung
der Argumente des kritischen US-amerikanischen Psychiaters Peter
Breggin, er sei "umstritten", als sei dies ein inhaltliches
Argument und gelte nicht für alle Vertreter dieser Berufsgruppe.
Das Buch endet mit "nützlichen" Adressen, unter
anderem dem Kompetenznetz Depression, von dem man sich dann auch
Elektroschocks und Antidepressiva empfehlen lassen kann. Selbsthilfegruppen
bleiben außen vor. Und zu guter Letzt dann noch eine persönliche
Erklärung des Autors, er habe in den letzten zehn Jahren
von pharmazeutischen Industrien kein Sponsoring erhalten; was
die Zeit davor betrifft, spricht er nicht an, ebensowenig all
die meinungsbildenden Publikationen, die im Auftrag und mit dem
Geld von Pharmafirmen produziert und deren Inhalte weitergegeben
werden, als wären sie wertfreie Wahrheit. Gebunden, 159 Seiten,
mit vielen netten Illustrationen von Peter van Straaten, ISBN
978-3-0350-0053-5. Zürich: Oesch Verlag 2009. € 14.90
Peter Lehmann
Roland
Vauth / Rolf-Dieter Stieglitz: Chronisches Stimmenhören und persistierender
Wahn
Die Autoren, Psychiater und Psychotherapeuten der Universität
Basel, konzentrieren sich nach einer knappen Abhandlung der Diagnostik
und Störungstheorien auf die kognitiv-verhaltenstherapeutische
Behandlung chronisch "schizophrener Störungen". Ausführlich und
mit vielen Beispielen aus Literatur und Praxis beschreiben sie
Techniken und Übungen, die den Betroffenen helfen, sich von ihren
Wahninhalten zu distanzieren. Grundlagen sind: Vertrauen und Sicherheit
in der therapeutischen Beziehung (verbindlich, geregelt, transparent),
gemeinsames Problemverständnis, Normalisieren statt Stigmatisieren,
Trennung von Erleben und Tatsachen, Zusammenhang zwischen Wahn
und Biografie. Das leuchtet ein, ist aber nicht zu verwechseln
mit tatsächlicher persönlicher Anteilnahme: "Intensivierung
von Vertrauen durch Vermittlung von Interesse an der Person des
Patienten (z.B. auf Hobbys des Patienten eingehen und ggf. auch
zunächst gemeinsame Aktivitäten planen, bis die Beziehung steht)."
Kartoniert, VI + 110 Seiten, mit 2 Einsteckkarten, ISBN 978-3-8017-1861-9.
Göttingen: Hogrefe Verlag 2007. € 19.95
Kerstin Kempker
John Virapen: Nebenwirkung
Tod Korruption in der Pharma-Industrie. Ein Ex-Manager
packt aus
Ein Ex-Pharmamanager, der mit skrupellosen Bestechungen von Ärzten,
Gutachtern und Regierungsvertretern rasant Karriere machte, noch
rasanter gefeuert wurde und den just in dem Moment, wo er gefeuert
ist, Reue und Empörung erfassten, schreibt über Korruption
und Verschleierungspraktiken in der Pharmaindustrie, über
den Pharmakonzern Eli Lilly und dessen Strategien zur Vermarktung
von Prozac (Fluctin) und Zyprexa sowie über die eigene Verstrickung
in diese Geschäfte. "Nebenwirkung Tod" ist bereits
das zweite Buch des Autors; das erste war das notdürftig
als Fiktion verpackte "Rubio spuckt's aus", das der Autor unter
dem Namen John Rengen publiziert hatte und aus unerfindlichen
Gründen in diesem neuen, trotz des beibehaltenen etwas marktschreierischen
amerikanischen Erzählstils lesenswerten Buch nicht erwähnt.
Wann erfährt man schon etwas aus dem Inneren der pharmakologischen
Giftküchen, die das zubereiten, was dann in der Psychiatrie
und vielen Bereichen der Medizin als "segensreiche Medikamente"
verabreicht wird? Kartoniert, 267 Seiten, 3 schwarz-weiße
Abbildungen, ISBN 978-3-86695-920-0. Leipzig: Neuer Europa Verlag
2008. € 16.90 / sFr 30.90
Peter Lehmann
Rubina
Vock / Manfred Zaumseil / Ralf B. Zimmermann / Sebastian Manderla:
Mit der Diagnose "chronisch psychisch krank" ins Pflegeheim? Eine
Untersuchung der Situation in Berlin
Auseinandersetzung mit der Abschiebung von "psychisch
Kranken" in Heime aus der Sicht von Professionellen. Die
Autoren zeigen anhand einer großen Studie, an der bis zu
ihrem Tod auch Hannelore
Klafki mitgearbeitet hatte, wie die gegenwärtige Vermehrung
von Heimplätzen für sogenannte psychisch Kranke einen
Belegungssog erzeugt, der die typischen Entscheidungen begünstigt:
über die Köpfe der Betroffenen hinweg und abhängig von Umständen,
die eher mit Problemen des "Versorgungs"-Systems als
mit den Betroffenen selber zu tun haben. Kartoniert, 469 Seiten,
ISBN 978-3-938304-73-0. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2007.
€ 39. / sFr 65.90
Peter Lehmann
Werner Vogd: Das Bild der Psychiatrie in unseren Köpfen.
Eine soziologische Analyse im Spannungsfeld von Professionellen,
Angehörigen, Betroffenen und Laien
»Wie stellt sich die Psychiatrie heute dar, was kann sie
leisten und was könnte sie leisten? Wodurch sind diese Bilder
motiviert? Gründen sich diese auf persönliche Erfahrungen,
Erzählungen, diffuse Ängste oder Vorurteile?« Diesen
Fragen widmet sich der Autor in dem recht teuren Buch, das aus
einem Forschungsseminar an der Universität Ulm und anschließend
am Institut für Soziale Medizin an der FU Berlin hervorging.
Unter den vielen Befragten ist immerhin eine Psychiatriebetroffene.
Und einer der Teilnehmern an den Forschungspraktika war Karl-Heinz
Esser vom Gesamtvorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener,
so war gewährleistet, dass nicht völlig an dieser Personengruppe,
eigentlich dem Subjekt der Psychiatrie, vorbeigeforscht wurde.
Die geringe Zahl mitwirkender Betroffener spiegelt deren Rolle
in der Gesellschaft wider; das gleiche (Miss-)Verhältnis
findet sich bei der Abhandlung des Kapitels Antipsychiatrie, das
zudem alle neueren Publikationen außer acht lässt.
Aber man wird bescheiden und freut sich, wenn immerhin das 1983
publizierte und weit vorausblickende Buch von Tina Stöckle,
»Die Irren-Offensive«, erwähnt wird und eine positive
Würdigung findet. Das Buch stammt aus der soziologischen
Diskussion, dennoch ist es gut lesbar wahrlich keine Selbstverständlichkeit.
Es beleuchtet die wesentlichen Fragen (Gewalt, Psychopharmaka/Elektroschocks/Therapie
ja oder nein?) breit und unaufgeregt, und es enthält sich
dankenswerterweise der ätzenden Wertungen, die man von anderen
sozialpsychiatrisch ausgerichteten Publikationen zur Genüge
kennt. Das Schlussplädoyer, wonach die Psychiatrie den Hilfesuchenden
als medizinisch-therapeutische Institution erscheinen solle,
andererseits ihre Zwangsbehandlung als »medizinische Intensivbehandlung«,
sofern therapeutisch begründet, »in einigen akuten Krisenzuständen
indiziert« sei, zeigt das Dilemma der Psychiatrie und einen
der wesentlichen Gründe für ihr schlechtes öffentliches
Ansehen: Ohne Eintreten für einen wirksamen Schutz vor psychiatrischer
Zwangsbehandlung sind alle Versuche zwecklos, ihr Bild in der
Öffentlichkeit zu verschönern. Leider leiden unter diesem
von Gewalt geprägten Bild und eben nicht nur unter
dem Bild! auch die Betroffenen. Kartoniert, 214 Seiten,
Berlin: Verlag für Wissenschaft und Forschung 2001. DM 68,-
/ € 34,-
Peter Lehmann
Irmgard Vogt / Eva Arnold: Sexuelle Übergriffe in der Therapie
Anleitungen zur Selbsterfahrung und zum Selbstmanagement
Wie soll ich mich als Therapeut verhalten, wenn ich merke,
dass ich mich in meine Klientin verliebe? Wo finde ich ethische
Standards, an denen ich mich orientieren kann? Ein sinnvolles
Manual, das Therapeuten und Beratende mit dem Thema der eigenen
sexuellen Befriedigung innerhalb therapeutischer Beziehungen konfrontiert
und ihnen Hilfe zur Prävention an die Hand gibt. Das Buch
enthält 5 Kapitel: Erörterung der gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen; Erörterung der Anforderungen an die Professionalität
der Beratenden und Therapierenden incl. ethischer Richtlinien
und straf- und zivilrechtlicher Bedingungen (Stand von 1993);
Daten und Fakten aus epidemiologischen Forschungen incl. Übungsaufgaben;
Folgen sexueller Übergriffe für die Betroffenen und
Probleme der Nachfolgebehandlung incl. Übungsaufgaben; Ergebnisse
zur Täterforschung. Mit einem Literaturverzeichnis im Anhang,
der Berufsordnung des Berufsverbands Deutscher Psychologen e.V.
sowie den Ethischen Richtlinien und dem Verhaltenskodex für
PsychologInnen der American Psychological Association in deutscher
Übersetzung. Übersichtlich und klar geschrieben. Kartoniert,
IV + 103 Seiten, ISBN 10: 3-87159-401-6, ISBN 13:978-3-87159-401-4.
Tübingen: DGVT Verlag 1993. € 16.- / sFr 31.-
Peter Lehmann
Katrin
von Consbruch / Ulrich Stangier: Ratgeber Soziale Phobie
Informationen für Betroffene und Angehörige
Etwas dröger Ratgeber mit Hinweisen, wie Menschen mit
sozialen Ängsten selbstbewusstes Verhalten in sozialen Situationen
erlernen können. Er verzichtet auf eine kritische Beleuchtung
der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Entwicklung der Diagnose
"Soziale Phobie" durch die WHO und die mit ihr verquickte
Pharmaindustrie, die für die im Buch erwähnten Antidepressiva
einen expandierenden Absatzmarkt möchte. Dankenswerterweise
weisen die Autorin und der Autor dezent auf die nicht nachgewiesene
Wirksamkeit dieser Substanzen (auch) bei Menschen mit sozialen
Ängsten hin. Nichtssagend und stereotyp sind allgemeine Verweise
auf mögliche genetische Vorbelastungen ebenso wie auf Gehirnaktivitäten;
die beobachtete stärkere Aktivierung bestimmter Gehirnregionen
unter Stresseinfluss werden flugs umgedeutet in die Vermutung
einer Kausalität, als wären soziale Ängste Folgen
von Gehirnveränderungen. Wer diese unsinnigen Passagen im
Buch übersteht, findet schließlich vernünftige,
an der kognitiven Verhaltenstherapie orientierte Anregungen zur
Selbsthilfe, verbunden mit Fallbeispielen, Übungen und Arbeitsblättern.
Kartoniert, 83 Seiten, ISBN 978-3-8017-2092-6. Göttingen:
Hogrefe Verlag 2010. € 9.95 / sFr 16.80
Peter Lehmann
Dörte
von Drigalski: Blumen auf Granit. Eine Irr- und Lehrfahrt durch
die deutsche Psychoanalyse
Psychoanalyse und Kritik Psychoanalyse-Kritik. Die Psychoanalyse
ist bis heute dadurch ausgezeichnet, dass ihre Erfolgsquote sich
schwerlich objektivieren lässt, folglich ist darüber trefflich
streiten. Sie tritt aber auch durch ihren kritischen Duktus, ihre
Intellektualität, die philosophische Tiefe ihrer Konzepte und
Diskussionen hervor. Die Psychoanalyse erfreut sich des Rufes
kritisch zu sein, ja sie gilt als radikal gesellschaftskritisch.
Dass sie genuin auf eine ganz reale Praxis zielt und daran zu
messen wäre, mag da so manchem schon als zu vernachlässigende
Größe erscheinen. Wie unangenehm wird von solch hoher Warte aber
ein handfeste, verstehende Kritik an ihrem Vorgehen wirken, die
sich nicht mit dem Hinweis auf die Untauglichkeit des Therapierten,
der Tiefe seiner Konflikte und Ähnlichem abspeisen lässt? "Blumen
auf Granit" von Dörte von Drigalski ist insofern eine Ausnahme
geblieben. Sie hat das Wagnis auf sich genommen, diese Kritik
nicht wiederum zu objektivieren: Soll heißen, sich und die ihr
widerfahrene Beleidigung und Traumatisierung durch eine psychoanalytische
Lehranalyse hinter einer begrifflich aufgeladenen Fachdiskussion
dieses oder jenes Theorems zu verstecken. Statt dessen liefert
sie in "Blumen auf Granit" zugleich mit fachlich informierten,
psychoanalytischen Reflexionen den Bericht ihrer eigenen Lehrtherapie.
Ihre Verfahrensweise macht sie verletzlich, muss die durch die
Analyse verursachte Demütigung genauso thematisieren wie ihre
eigene Geschichte, den Inhalt der Analyse. Als von Drigalski sich
als junge Ärztin auf den Weg der Psychoanalyse begab, wollte sie
den objektivierenden Automatismen des normalen deutschen Krankenhausbetriebes
in den sie eingebunden war durch die Hinwendung
zu einer die seelische Dimension des Menschen würdigende Wissenschaft
etwas entgegensetzen. Über die ihr auf diesem seelischen Feld
zugefügten Verletzungen zu berichten, denke ich mir als Kraftakt
und intellektuelles Wagnis sondergleichen. Es nimmt deshalb nicht
wunder, dass von Drigalski selbst gezögert hat, den von der Psychoanalyse
gepflegten Idealismus bezüglich der Weisheit des Analytikers,
seinen uneigennützigen Zielen etc ... abzulegen und ihren Bericht
und andere Berichte von ähnlich katastrophalen Analysen eher als
typisch denn als seltene Ausnahmen zu begreifen. Dieses Buch bleibt
ein unverzichtbares Korrektiv. Ich wünschte, ich vermöchte es
jedem intellektuellen oder praktischen Psychoanalyse-Freund unters
Kopfkissen zu hexen. Taschenbuch, 352 Seiten, ISBN 978-3-925931-37-6.
Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, aktualisierte Neuausgabe
2003. € 16.90 / sFr 24.90
Benjamin Sage
Vormundschaftsgerichtstag e.V. (Hg.): 4. Vormundschaftsgerichtstag
vom 12. bis 15. Oktober 1994 in Friedrichsroda. Materialien und
Ergebnisse
Alle Grundsatzreferate, Protokolle der Arbeitsgruppen und verabschiedeten
Ergebnisse der Tagung »Betreuungsrecht in der Praxis
Traum oder Alptraum« der reformorientierten VormundschaftsrichterInnen,
BetreuerInnen und übrigen an der Durchführung des Betreuungsrechts
Beteiligten. Kart., 200 S., Köln: Bundesanzeiger Verlags
GmbH 1995. DM 68,-
Peter Lehmann
Therese
Walther: Die ›Insulin-Koma-Behandlung‹ Erfindung und Einführung
des ersten modernen psychiatrischen Schockverfahrens
Eine paradigmatische Fallgeschichte medizinisch-psychiatrischer
Forschung. Zu den wenigen Vorurteilen, auf die wir äußerst ungern
verzichten, gehört der Glaube, dass medizinische Anwendungen,
seien es medikamentöse oder andere Therapien auf geprüften theoretischen
Voraussetzungen beruhen. Therese Walthers Untersuchung der Insulin-Koma-Behandlung
kann jedoch paradigmatisch zeigen, dass dies ausgerechnet in dem
sensiblen Bereich des medizinischen Umgangs mit seelischen Problemen
mitnichten der Fall ist. Obwohl den Medizinern, die die Insulin-Koma-Behandlung
praktiziert haben, das enorme Risiko dieser "Therapie" anhand
der lebensbedrohlichen Zustände ihrer Patienten unmittelbar vor
Augen stehen musste, glaubten sie nicht auf eine Methode verzichten
zu können, der von Anfang an jeder brauchbare theoretische Unterbau
fehlte. Die zunächst in Fachkreisen wegen dieses Makels verrissene
Therapie erfreute sich anschließend in der gesamten westlichen
Welt größter Beliebtheit und gehörte noch bis in die sechziger
Jahre zu den bevorzugten Arten der Behandlung sogenannter Schizophrenien.
Andererseits handelt es sich hier auch nicht um eine Anwendung,
deren Theorie zwar ungesichert ist, deren Praxis aber um so erfolgreicher
verläuft: Die vollmundig gepriesenen Heilerfolge waren
wie Therese Walther dokumentiert so unsicher, dass da,
wo die Behandlung zur Anwendung kam, oft mit abweichenden Verfahren
oder der gleichzeitigen Verabreichung anders wirkenden Substanzen
gearbeitet wurde. Was diese Methode schließlich verdrängt
haben dürfte, sind weder ihre fraglichen Erfolge, noch ihre von
den meisten "Behandelten" als grausamste Folter empfundenen "Nebenwirkungen"
sondern die Aufwändigkeit ihrer Durchführung: Die nun einsetzende
"Pharmakologische Revolution" konnte eine weitgehende Kontrolle
der Behandelten bei sehr viel geringeren (Personal-) Kosten garantieren.
Therese Walther gelingen in ihrer gut recherchierten Studie tiefe
Einblicke in das psychiatrisch-medizinische Forschungsverständnis.
So führt sie beispielsweise einen Fachartikel aus dem Jahre 1994
an, der die Insulinbehandlung u. a. mit Hinweis auf die "offenkundigen
therapeutischen Chancen" der durch die Behandlung "erzwungene
Regression auf elementare Stufen menschlicher Bedürfnisbefriedigung"
empfiehlt. Dieser Hinweis dürfte auf die körperlichen und seelischen
Begleiterscheinungen dieser "Wunderwaffe" zielen, welche von den
Behandelten einhellig als grausame Misshandlung beschrieben worden
sind (Vgl. Weitz: My Insulin Shock Torture und Kempker:
Mitgift). Aber, wird man sich vielleicht fragen, ist
diese Methode nicht heute schon weitgehend obsolet? Ja, sie ist
aus den genannten Gründen aus der Mode gekommen, aber keineswegs
widerlegt. Und das ist auch prinzipiell nicht möglich, da sie
nie auf theoretisch gesicherten Hypothesen beruhte, die eindeutig
widerlegt oder validiert werden könnten. Die nicht enden wollende
Diskussion über die Wirkungsweise von Psychopharmaka verrät, dass
es sich bei ihren Nachfolgern grundsätzlich nicht viel anders
verhält. ... Wer etwas über die Realitäten medizinischer Forschung
erfahren will, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Kartoniert,
240 Seiten, 10 Abbildungen, ISBN 978-3-925931-34-5. Berlin: Peter
Lehmann Antipsychiatrieverlag, vollständig überarbeitete
und aktualisierte Neuausgabe 2004. € 24.90 / sFr 36.50
Sophie Blau
Peter
N. Watkins: Recovery wieder genesen können. Ein Handbuch
für Psychiatrie-Praktiker
Plädoyer eines britischen Psychologen und Psychiatriepflegefachmanns
nach vier Jahrzehnten Berufspraxis, unter Verzicht auf vorgegebene
Lösungswege und unter der befreienden Annahme des Nicht-Wissens
der Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, ihren Problemen eine
Bedeutung zuzuordnen und Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben
letztendlich erträglicher machen. Orientiert an der kritischen
Psychiatriebewegung der zurückliegenden Jahre (Laing, Foucault,
Breggin, Thomas, Romme, Mosher, Bracken usw.) fordert Watkins
seine Kollegen auf, Betroffene in humanistischer Weise zu unterstützen
und Betroffene, die ihre Probleme und die Psychiatrie überwunden
haben (allen voran die in diesem Buch anglo-amerikanischen
Vertreter der Betroffenenbewegung Ahern, Fisher, Chamberlin,
Coleman, Deegan, Wallcraft), als Experten für sich selbst
in aktiver Rolle wertzuschätzen, von ihren Erfahrungen zu
lernen und die weit über die bloße Betonung
der Hoffnung auf Symptomlinderung und Genesung hinausgehende
familiäre, spirituelle und kreative Dimension des Recovery-Prozesses
in die eigene Praxis zu integrieren. Kartoniert, 250 Seiten, 17,5
x 24 cm, ISBN 978-3-456-84723-8. Bern usw.: Hans Huber Verlag
2009. € 29.95 / sFr 49.80
Peter Lehmann
Uta
Wehde, Das Weglaufhaus Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene
- Einfach abhauen. Dieses Buch bringt einen zum Nachdenken
darüber, wie eine echte Alternative zur Psychiatrie aussehen
müsste. Denn die wenigen mutigen Menschen, die es schaffen,
sich aus dem immer feiner gesponnenen Netz psychiatrischer Kontrolle
zu befreien, haben oft keinen Ort, an dem sie Schutz und Aufnahme
finden. Uta Wehdes Plädoyer für einen psychopharmakafreien und
nutzerkontrollierten Hilfs- und Schutzraum ist wegweisend.
Benjamin Sage
- Weglaufen und ein alternatives Leben finden. "In der DDR kam
der erste Hoffnungsschimmer der Freiheit, als ein paar mutige
Menschen tatsächlich wegliefen. Uta Wehde zeigt uns, dass dies
auch im Bereich der Psychiatrie möglich ist und dass die Mauern
dieser maroden Institution ebenfalls eingerissen werden können",
schreibt Jeffrey M. Masson der ehemalige Leiter des Sigmund
Freud Archivs in seinem Geleitwort zu dieser kritischen
Recherche. Obwohl die Reform der Anstaltspsychiatrie in Deutschland
gern in Sonntagsreden gelobt wird, fehlt es bis heute weitgehend
an Institutionen, die eine echte Alternative zur Psychiatrie
und ihren Zwangsmethoden darstellen könnten. Uta Wehde hat die
bekannten Alternativen kritisch unter die Lupe genommen und
die Befunde für die Konzeption des Berliner Weglaufhauses nutzbar
gemacht. Das sind namentlich die kalifornische (!) Soteria von
Loren Mosher, das Diabasis-Projekt von John Perry und die niederländischen
Weglaufhäuser. Dabei stehen Letztere im Zentrum ihrer Untersuchung.
Die mit wissenschaftlicher Genauigkeit geführte Analyse der
Praxis in den Niederlanden fällt ziemlich bedenklich aus. Der
oft kritiklose Umgang mit Psychopharmaka hat Uta Wehde besonders
gestört. Ihre Vor-Ort-Recherche in Holland zeigt, dass Psychopharmaka
die Lebensqualität der vormals psychiatrisierten Menschen oft
entscheidend vermindert. Sie sind nicht selten dafür verantwortlich,
wenn die Weggelaufenen nicht in ein Leben außerhalb sozialer
Hilfssysteme zurückfinden. Die liberale Institution wird so
schnell zur Scheinalternative. Im Berliner Weglaufhaus
an dessen politischer Durchsetzung die Autorin wesentlich beteiligt
war herrscht in der Konsequenz eine äußerst kritische
Einstellung zu diesen Präparaten vor. Am Schluss gibt Uta Wehde
nicht nur eine Übersicht über die Konzeption des Berliner Weglaufhauses,
sondern dokumentiert auch die Geschichte seiner politischen
Durchsetzung. Dieses Buch ist sicherlich keine leichte Gutenachtlektüre.
Eine große Empfehlung jedoch für alle, die sich ernsthaft Gedanken
über Alternativen zu den Zwangsmechanismen der herrschenden
psychiatrischen Praxis machen wollen.
Sophie Blau
Kartoniert, 192 Seiten, ISBN 978-3-925931-05-5. Berlin: Peter
Lehmann Antipsychiatrieverlag 1991. € 5.90 / sFr 8.90
Stefan Weinmann: Erfolgsmythos Psychopharmaka Warum
wir Medikamente in der Psychiatrie neu bewerten müssen
Sozialpsychiatrisch orientierte (d.h. Publikationen kritischer
Psychiatriebetroffener ignorierende) Auseinandersetzung mit den
Folgen des Bekanntwerdens der Psychopharmakaschäden, insbesondere
der von Volkmar
Aderhold publizierten neuroleptikabedingten hohen
Sterblichkeitsraten und Plädoyer für Alternativen
à la Soteria
und Offener
Dialog, für Wahlfreiheit, Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen
in Praxis und Forschung und eine von Pharmaunternehmen unabhängigere
Forschungs-, Entstigmatisierungs- und Informationspolitik. Wenn
ein Psychiater "wir" sagt, meint er das durchaus und
ausschließlich wörtlich: die Definitionsmacht der Probleme
möchte er nicht teilen, und wenn es darum geht, Forderungen
aufzustellen, will er auch hier bestimmen; sich mit den Forderungskatalogen
der Organisationen von Psychiatriebetroffenen und ihre Unterstützern
auseinanderzusetzen, diese auch nur zu benennen, ist nicht die
Sache eines Sozialpsychiaters. Nichtsdestotrotz ist das Buch lohnenswert
zu lesen; es zeigt, dass die Revocerydiskussion und die Forderung
nach einem Paradigmenwechsel bzw. nach Paradigmenabschaffung (siehe
Pat
Bracken) bei Psychiatern angekommen ist. Kartoniert, 264 Seiten,
ISBN 978-3-88414-455-8. Bonn: Psychiatrieverlag 2008. €
29.95 / sFr 49.90
Peter Lehmann
Stefan Weinmann /
Thomas Becker: Qualitätsindikatoren für die Integrierte Versorgung
von Menschen mit Schizophrenie. Handbuch
Wenn man im Anhang dieses Buches nachschaut, auf welche Literatur
sich die entwickelten Qualitätsindikatoren für die sogenannte
integrierte Versorgung von Menschen mit der Diagnose "Schizophrenie"
stützt, überkommt einen schnell ein leichtes Grausen angesichts
der ausnahmslos biologisch orientierten Weltsicht der zitierten
Psychiater, die sich durch die Recherchestrategie folgerichtig
ergab. Diese baute auf den sogenannten Cochrane-Reviews und, inhaltlich
gleich gelagert, der "Leitlinie Schizophrenie" der DGPPN auf.
Die beiden Autoren haben viel Arbeit investiert, um aus diesem
biologischen Psychiatriebrei auf "breitem fachlichen Konsens"
beruhende Qualitätsindikatoren zu entwickeln, damit psychiatrische
Einrichtungen untereinander vergleichbar werden. Der Konsens wurde
laut Angabe der Autoren durch Abstimmung bei einem Workshop am
31.7.2008 erzielt, bei dem 13 "unabhängige Experten" abstimmten
über ein Ranking der Indikatoren. Neben mehrheitlich Psychiatern
vertrat Ruth Fricke den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener,
gleichberechtigt mit dem pharmafirmengesponserten Angehörigenverband.
Das Buch behandelt das psychiatrische Verständnis sogenannter
Schizophrenie: das übliche biologische Krankheitskonzept, verbunden
mit Psychopharmakavergabe, natürlich Langzeitverabreichung. Eine
betroffenenorientierte Sichtweise sucht man vergebens. Es folgen
Betrachtungen zum Qualitätsmanagement und zur Messung von Qualität
in der Behandlungen. Als behandlungsbezogene Variablen findet
man den Anteil an Personen, denen man typische oder sogenannte
atypische Neuroleptika bzw. Depotneuroleptika verabreicht; nichtpsychiatrische
Hilfen, wie beispielsweise im Artikel Ergebnis
der Umfrage unter den Mitgliedern des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener
zur Qualität der psychiatrischen Versorgung 1995 genannt
und als wesentliches nutzerorientiertes Qualitätsmerkmal definiert
wurden, sucht man selbstredend ebenfalls vergeblich. Qualität
in diesem Verständnis ist Qualität à la biologische Psychiatrie,
Alternativen dürfen nicht gedacht werden, sie kommen demzufolge
in diesem Buch nicht vor. Insofern wurden die Ziele erreicht,
"die Erarbeitung einer konzeptionellen Grundlage für die Identifikation
und Beschreibung von Qualitätsindikatoren bei der Behandlung der
Schizophrenie", die "Beschreibung der Evidenzbasis für die relevanten
identifizierbaren Qualitätsindikatoren" etc. Die "integrierte
Versorgung" kann fortschreiten, Gemeindepsychiatrie und Langzeitverabreichung
wie gehabt, jetzt noch besser messbar, und wie diese Messung vonstatten
geht, zeigt sich prima an diesem technisch-psychiatrischen Buch.
Psychiatriebetroffene bleiben Objekte der Behandlung, ihre formale
Einbindung in solche Projekte, wie die Erarbeitung psychiatrischer
Qualitätsindikatoren, entspricht dem Zeitgeist, sie macht sich
gut als Feigenblatt. Kartoniert, 188 Seiten, ISBN 978-3-88414-488-6.
Bonn: Psychiatrie-Verlag 2009. € 39.95 / sFr 64.90
Peter Lehmann
Thomas Wiefelhaus: Betheljugend – Mehrbett- oder Einzelzimmer?
Buch aus dem Blickwinkel des ehemals unmündigen, 14-jährigen Patienten
über seinen aus nichtigem Anlass erzwungenen Aufenthalt in der
Männerpsychiatrie 1971 in Bethel, die verweigerte psychosoziale
Hilfe, die Überwindung der Psychopharmakawirkungen durch regelmäßiges
Erbrechen u..v.m. Der Untertitel könnte auch lauten "Bettensaal
oder Iso-Zelle?", möglich wäre aber auch "Gebrochen
werden durch die Behandlung oder die eigene Identität erhalten
auch unter allerschwierigsten Bedingungen". Dem damals 14-Jährigen,
der sich nicht unterbringen ließ, gebührt derselbe
Respekt wie dem heute 52-Jährigen, der sich auch durch die
mittlerweile vergangenen Jahre nicht davon abbringen ließ,
sein Schicksal in der Psychiatrie zu dokumentieren. Das Buch passt
so sehr gut zur aktuellen Diskussion um die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen
in den Kinderheimen in den drei Jahrzehnten nach Ende des Zweiten
Weltkriegs aber auch zur überfälligen Diskussion um die
um Situation in der Kinderpsychiatrie heute, die sich vermutlich
nur äußerlich und durch andere Psychopharmakanamen
von der Psychiatrie unterscheidet, wie sie der Autor erlebt hat
und so plastisch wie lesenswert beschreibt. Rezension
im BPE-Rundbrief. Taschenbuch, 136 Seiten, ISBN 978-3-8370-6351-6,
Norderstedt: Books on Demand 2008. € 9.95 / sFr 18.90
Peter Lehmann
Christina M. Wiesemann: Schlafstörungen 3-Schritte-Programm
gegen Einschlaf- und Durchschlafstörungen
Die Doppel-CD informiert leichtverständlich über das Phänomen
des Schlafes und die Verschiedenartigkeit von Schlafstörungen.
Mit einem Programm in mehreren Teilen, das auf verhaltenstherapeutischen
und auf Hypnose basierenden Methoden aufgebaut ist, lernt man,
eigene Schlafrituale zu entwickeln und schlafhinderliche Grübeleien
zu stoppen. Eine Fantasiereise mit speziellen Suggestionen zum
Einschlafen, Musik und Naturgeräusche zum Träumen runden die Doppel-CD
ab. Allen, die Schlafprobleme haben, ist diese CD empfohlen, 1000
mal besser, als Psychopillen einzuwerfen. Der Versuch lohnt sicher.
Hörbuch, 2 CDs mit 16-seitigem Begleitheft (in Jewelcase),
Gesamtspieldauer 154:15 Minuten, ISBN 978-3-939306-07-8. München:
Arps-Verlag, 2. Auflage 2009. € 24.80 / sFr 44.90
Peter Lehmann
Christina M. Wiesemann: Angst- & Panik-Attacken Den
plötzlichen Alarm im Körper verstehen, bewältigen und auflösen
Bei diesem Hörbuch handelt es sich um eine Doppel-CD mit intensivem
verhaltenstherapeutischen Trainingsprogramm. Man kann lernen,
die Angst- und Paniksymptome zu verstehen, sich den Attacken schrittweise
zu stellen und so den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen,
auch Rückfälle zu überwinden. Aber wie gesagt, es handelt sich
um ein intensives Trainingsprogramm, das über einige Wochen hinweg
durchzuführen ist. Aber man kann es alleine machen, die Übungen
werden erklärt, ein Beiheft gibt zusätzliche Anleitungen, und
wer diese Übungen macht, ist nach ein paar Wochen vermutlich an
einem anderen Entwicklungspunkt als derjenige, der in dieser Zeit
lediglich Antidepressiva oder Tranquilizer schluckt. Hörbuch,
2 CDs mit 24-seitigem Begleitheft (in Jewelcase), Gesamtspieldauer
155:55 Minuten, ISBN 978-3-939306-05-4. München: Arps-Verlag,
3. Auflage 2009. € 24.80 / sFr 44.90.
Peter Lehmann
Markus
Wiesenauer / Annette Kerckhoff: Homöopathie für die Seele
Über Wege der Einflussnahme auf psychische und psychosomatische
Probleme, u.a. Ängste, Essstörungen, Nervosität,
Reizbarkeit, depressive Verstimmung, Stimmungsschwankungen, Trauer,
Unruhe, Wutanfälle, Appetitlosigkeit, Erschöpfung und
Burnout, Konzentrations- und Schlafstörungen. Obwohl eingangs
im Buch geraten wird, bei "schweren seelischen Erkrankungen
unbedingt professionelle Beratung, medikamentöse und bisweilen
stationäre Behandlung" vornehmen zu lassen und ärztlich
verordnete Psychopharmaka bloß nicht abzusetzen, ist es
doch gedacht als Wegweiser für Selbsthilfemaßnahmen
bei leichten Beschwerden und für professionelle Helfer bei
schweren psychischen 'Erkrankungen'. Der Mediziner und Pharmazeut
Wiesenauer und die Heilpraktikerin Kerckhoff starten mit einer
kleinen Einführung über die homöopathischen Grundlagen
und einem Fragebogen zur Mittelfindung, beschreiben dann ausführlich
die besonders wichtigen Homöopathika und kommen schließlich
zu speziellen psychischen Problemen und Vorschlägen, welche
Mittel jeweils geeignet sein könnten, teilweise auch mit
Angaben zur Anwendung und Dosierung. "Homöopathie für
die Seele" erschien original 2003; bei einer Neuauflage würde
ich auch Informationen über mögliche unerwünschte
Wirkungen bei therapeutischer oder zu hoher Dosierung wünschen
für diejenigen, die Probleme mit der Anwendung haben und
Orientierung benötigen. Softcover mit runder Ecke, 128 Seiten,
55 Farbfotos, ISBN 978-3-8338-0214-0. München: Gräfe &
Unzer Verlag, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe 2008. €
12.90 / sFr 23.90
Peter Lehmann
Peter Wißmann / Reimer
Gronemeyer: Demenz und Zivilgesellschaft eine Streitschrift
Bemerkenswertes und facettenreiches Plädoyer for ein
demenzfreundliches Gemeinwesen, in dem Menschen mit Demenz nicht
als aus dem Gemeinwesen ausgeschlossene, dahinvegetierende und
nur noch als Lebenshülle gesehene Zielgruppe für Mediziner
und Pflegekräfte im Mittelpunkt stehen, sondern als BürgerInnen.
Mit einem Vorwort von Peter J. Whitehouse und einem Interview
mit Thomas Klie. Kartoniert, 207 Seiten, ISBN 978-3-940529-16-9.
Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. € 21.90 / sFr 38.90
Peter Lehmann
Brigitte Woggon: Behandlung
mit Psychopharmaka Aktuell und maßgeschneidert
Übersichtliche Darstellung von Theorie und Praxis der Verabreichung
psychiatrischer Psychopharmaka, incl. Fragen der Prüfung von Psychopharmaka,
Indikationsstellung, Wirksamkeitstests, Wirkprofile, Interaktionen,
Absetzfragen, unerwünschte Wirkungen. Da die Autorin, vormals
Psychiaterin in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich,
vollkommen in ihrem psychopharmakologischen Gedankensystem gefangen
ist, geht es in aller Regel nur um pharmakologische Alternativen;
Hilfen zur Senkung des Risikos beim Absetzen sind nur wenig vorhanden,
bei Neuroleptika komplett Fehlanzeige. Ihre Erfahrungen als Psychiaterin
würden in die Beurteilung und Gewichtung der Darstellung wissenschaftlicher
Ergebnisse einfließen, schreibt sie im Vorwort. Dass sie in den
Advisory Boards verschiedener Unternehmen wie zum Beispiel des
Schweizer Fluoxetin-Herstellers Eli Lilly sitzt und sich regelmäßig
ihre Reisen an internationale Kongresse und Symposien von den
Pharmamultis bezahlen lässt (nachzulesen
bei der Züricher Journalistin Barbara Lukesch), lässt sie
dezent unter den Tisch fallen. "Behandlung mit Psychopharmaka,
Psychopharmaka und bloß nichts anderes als Psychopharmaka"
wäre ein passenderer Titel für das Buch. Kartoniert,
290 Seiten, ISBN 978-3-456-84694-1. Bern: Hans Huber Verlag, 3.,
aktualisierte Auflage 2009. € 19.95 / sFr 33.90
Peter Lehmann
Wolf Wolfensberger: Der neue Genozid an den Benachteiligten,
Alten und Behinderten
Der US-Amerikaner, laut Verlag »der große alte Mann
des Kampfes um die Rechte der Menschen mit Behinderung«,
beschreibt die vielfältigen direkten und indirekten Methoden
des »Totmachens« (Mordens). Diese, zu denen Wolfensberger
auch psychiatrische Psychopharmaka zählt, seien nicht nur
subtiler und teilweise heimlicher, sondern auch wesentlich perfekter
und umfassender als die der Nationalsozialisten. Weshalb Wolfensberger
ausgerechnet Dörner, Elektroschock-Lehrer und Verabreicher
der genannten Psychopharmaka, das Vorwort schreiben ließ,
ist mir schleierhaft. Dörner dankt hier Wolfensberger für
sein »Erschrecken« darüber, in welchem Ausmaß
auch er und seine Mitarbeiter an den jüngst bekanntgewordenen
Morden in seiner (Dörners) Anstalt durch das im Buch beschriebene
Tabuisieren und Nicht-wahrhaben-wollen mitwirkten. Schöne
Worte, die allerdings nur abwiegeln und langfristig einen Gewöhnungseffekt
ausüben werden. Denn mir ist nicht bekannt, dass die genannte
Mitwirkung am Totmachen wehrloser Anstaltsinsass(inn)en Geldstrafe
oder Rücktritt zur Folge hatte. Dieses Missverhältnis
zur allerkonkretesten Praxis ist ein Schwachpunkt in dem ansonsten
relativ empfehlenswerten Buch. Relativ, weil sich Wolfensberger
auch vehement gegen jedwede Abtreibung wendet und auch bei Schwangerschaften
durch Vergewaltigung keine Ausnahme gelten lassen will. Dass andererseits
das von ihm gewünschte Abtreibungsverbot abtreibungswillige
Frauen wieder in die Hände von »Engelmacher(innen)«
zwingen und dies eine weidlich bekannte Form des Totmachens wiederaufleben
ließe, ignoriert Wolfensberger was ihm als
Nichtgebärendem möglicherweise (zu) leicht fällt.
Kartoniert, 135 Seiten, Gütersloh: Verlag Jakob van Hoddis
1991. DM 18,-
Peter Lehmann
Manfred Wolfersdorf
/ Elmar Etzersdorfer: Suizid und Suizidprävention
Die beiden sich enorm einfühlsam gebenden Autoren haben ein
Buch zum Thema "Suizid und Suizidprävention" und es
geschafft, das Thema behandlungsbedingte Suizidfaktoren, insbesondere
Neuroleptika und Antidepressiva, nahezu unerwähnt zu lassen;
nur in einem Satz werden möglicherweise suizidfördernde
Wirkungen von Antidepressiva bzw. Depressivität, akinetisches
Syndrom, Parkinsonsyndrom, Akathisie und Dysphorie bei Neuroleptika
als beteiligte Faktoren der Suizidalität genannt. Konsequenzen
wie Warnungen vor diesen Substanzen oder der Vorschlag für
Studien zur genaueren Erforschung des Zusammenhangs zwischen Psychopharmakawirkungen
und Suizidalität bleiben die Autoren schuldig, Literatur
zu diesem Thema lassen sie unerwähnt. Das Interesse an diesem
Thema ist gleich Null - kein Wunder, die Finanziers von Suizidpräventionskampagnen
sind häufig Pharmamultis, deren Vertreter kritische Stimmen
innerhalb von Studien oder Kongressen von vornherein eliminieren.
Leider kommt dieses Thema in dem Buch ebenso nicht vor. So muss
man konstatieren, dass es zwar die heutigen Mainstreamvorstellungen
zum Suizid und zur Suizidprävention der biologischen Psychiatrie
zusammenfasst und pharmafirmenkonforme Konzeptionen zum Suizid,
umfassend Kriseninterventions- und Präventionsansätze vorstellt,
aber durch die unkritische Haltung gegenüber psychiatrischen
Psychopharmaka den Eindruck hinterlässt, den Teufel mit dem
Beelzebub austreiben zu wollen, und mit seinen Psychopharmaka-Empfehlungen
eher zur Verschärfung der Suizidgefahr beiträgt. Ärztliche
Verantwortung sieht anders aus. Fazit: nicht empfehlenswert. Gebunden,
261 Seiten, 16 Abb., 121 Tab., ISBN 978-3-17-020408-9. Stuttgart:
Kohlhammer Verlag 2011. € 39.90 / sFr 47.90
Peter Lehmann
Martin Wollschläger (Hg.): Hirn Herz Seele
Schmerz. Psychotherapie zwischen Neurowissenschaften und
Geisteswissenschaften
Der Sammelband enthält 19 teilweise recht anspruchsvolle
Beiträge eines Symposiums beim Kongress der Deutschen Gesellschaft
für Verhaltenstherapie 2006 in Berlin, das von Martin Wollschläger,
einem an der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie,
Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh arbeitenden Psychologen
und Psychotherapeuten, durchgeführt wurde. 17 Männer
und zwei Frauen aus den Fachgebieten Psychologie, Philosophie
und Medizin sowie ein Schriftsteller diskutierten über die wechselwirkenden
Dimensionen: Leib, Seele, Gruppe und Kultur am Beispiel der Psychotherapie
im Spannungsfeld zwischen Neuro- und Geisteswissenschaften. Das
Buch enthält die ausgearbeiteten Referate. Obwohl der Buchtitel
laut Wollschläger auf das Buch "Irren ist menschlich"
von Dörner und Plog zurückgehe ein Buch, das
u.a. mit seiner Rechtfertigung von Elektroschocks nicht gerade
als kritisch gilt , stellen die Beiträge in "Hirn
Herz Seele Schmerz" dennoch den reduktionistischen
Ansatz der herrschenden Psychiatrie und Psychotherapie in Frage,
den lebendigen, fühlenden, handelnden und denkenden Menschen
biophysikalisch beschreiben, vermessen und verstehen zu können.
Von den 19 Beiträgen am besten gefallen hat mir der Artikel
des Psychoanalytikers und Psychiaters Wolfgang Leuschner: "Neurowissenschaften
und ihre Allmachtsphantasien" über das Kartell aus Medizin,
Biologie, Ingenieurswissenschaften, Robotik, militärischer
Forschung, medizinischer Geräte- und Informationsindustrie,
Neuro-Marketing, Bildproduktions- und Nanotechnologie und chemischer
Industrie mit der Neurowissenschaft als Herzstück
des Versuchs, einen neuen, über künstliche zerebrale
Mikroprozesse manipulierten und nicht mehr vom Verfall und Tod,
von Krankheit und körperlicher Unvollkommenheit bedrohten
Menschen zu schaffen. Platz für eine eigenständige Psyche
wäre bei einem solchen Produkt der neuen Halbgötter
nicht mehr vorhanden. Schade, dass Wollschläger wohl recht
haben wird mit seiner Prognose eingangs des Buches, dass das Buch
ein Diskussionsforum wohl nur eine Minderheit darstellt, dabei
wäre es angesichts der Tatsache, dass wir immer mehr in das
Zeitalter der Neurowissenschaften hineinschlittern und kaum ein
psychologischer Zusammenhang mehr öffentlich erklärt
wird, ohne zur Untermauerung der eigenen Aussagen gleichzeitig
mittels bildgebender Verfahren Hirnareale in bunten Farben aufblinken
zu lassen, so wichtig, dass sich derzeitige und angehende Meinungsführer
mit allen zur Verfügung stehenden Kräften gegen eine
Entwicklung richten, die früher oder später auf alle
zurückfallen wird. Wenn die Schweizer Psychiaterin Brigitte
Woggon 2000 öffentlich erklären konnte: »Alles, was wir fühlen,
ist eben Chemie: seelenvoll in den Sonnenuntergang blicken, Liebe,
Anziehung, was auch immer – alles sind biochemische Vorgänge,
wir haben ein Labor im Kopf«), ohne dass ein allgemeines Gelächter
ausbrach, wird die grundlegende verächtliche Haltung gegenüber
dem Geschöpf Menschen deutlich. Möge der Sammelband
Wollschlägers dazu betragen, dass sich möglichst viele
gegen eine solch primitive Weltsicht wenden. Rezension
im BPE-Rundbrief. Kartoniert, 301 Seiten, 4 Abbildungen, Tabellen,
ISBN 978-3-87159-073-3. Tübingen: DGVT-Verlag 2008. €
24. / sFr 42.90
Peter Lehmann
Elisabeth Wurtzel: Verdammte schöne Welt. Mein Leben
mit der Psycho-Pille
Auf das Buch aufmerksam wurde ich durch eine positive Rezension
im Berliner Tagesspiegel. Es zeige das Wahnsystem rückhaltlosen
Pillenkonsums, einer mörderisch tickenden Zeitbombe im Herzen
einer um jeden Preis gut gelaunten Gesellschaft; die Zeitbombe
entspringe in der Regel dort, wo die Gesellschaft aufhöre,
sich für die Probleme des einzelnen zu interessieren und
statt dessen vorgefertige Glücksvorstellungen als Lebensinhalte
propagiere. Die autobiographische Geschichte der Literaturwissenschaftlerin
Wurtzel sei eine düstere Anklageschrift gegen eine bedrohlich
heraufdämmernde Krankenentsorgung. Angeprangert werde eine
hilflose und stereotyp agierende Psychologie, die aus der Unfähigkeit,
Sinntoten Lebensinhalte zu offerieren, ein fadenscheiniges Pillenglück
offeriere. Dieser Interpretation kann ich nicht folgen. Wurtzel
gehört zur »Generation X«: kaputtes Elternhaus,
Sinnkrise, Beeinflussung durch psychopharmakologische Chemikalien
aller Art und immer wieder der Versuch, das eigene Leben an der
Scheinwelt des Films und der Rock-Musik auszurichten, was notwendigerweise
fehlschlägt. Konsequenz: Therapien aller Art (ohne dass sie
ernsthaft dargestellt werden), Tranquilizer, Antidepressiva, Lithium,
Schlafmittel, Neuroleptika, schließlich Prozac (hierzulande
»Fluctin«), der Marktführer unter den Antidepressiva.
Jetzt ist sie auch nicht glücklich, spürt aber ihre
Depression nicht mehr. Allerdings stört sie, dass in ihrer
Heimat USA inzwischen Millionen die »Glückspille«
nehmen, dass dadurch der Grund für die Verschreibung, ihre
Depression, möglicherweise trivialisiert wird, ist sie doch
so stolz darauf, eine richtig schwere, exklusive Krankheit zu
haben. An dieser Stelle kommen ein paar kritische Gedanken über
die »Prozac-Nation« USA, ich vermute, dies ist Anlass
gewesen, in das Buch eine Absage an die Glückspillen-Psychiatrie
hineinzuinterpretieren. »Die klinische Depression ist eine
Krankheit, die man mit Medikamenten behandeln kann, und wahrscheinlich
gibt es keine bessere Alternative« lautet eine von
Wurtzels Weisheiten, eine andere: »Es war (in ihrer Lebensgeschichte,
P.L.) so viel Schaden entstanden, dass sehr viel mehr notwendig
war als eine Person oder ein Therapeut, ein
Medikament oder eine Elektroschockbehandlung von
allem war eine Menge nötig, damit die Splitter meines Lebens
wieder zusammengefügt werden konnten.« Die Suche nach
Lösungen ende immer bei Prozac, so Wurtzel, auch hier Sprachrohr
ihrer geliebten Psychiater(innen), und wenn das meistgebrauchte
Adjektiv auf den letzten Buchseiten »wunderbar« ist,
denke ich an ein ganz anderes. 353 S., Berlin: Byblos Verlag 1994.
DM/sFr 38,- / öS 297,-
Peter Lehmann
Richard Yates: Ruhestörung.
Roman
John Wilder, der Protagonist des Romans, ist Anzeigenverkäufer
beim American Scientist, betrügt seine Frau, trinkt, wird
stockbesoffen in die Psychiatrie gebracht, muss dort ein paar
Tage bleiben, geht hinterher halbherzig zu den Anonymen Alkoholikern,
führt sein Leben aber im Prinzip weiter wie zuvor, trinkend und
sich selbst etwas vormachend. Er geht den vorgezeichneten Weg
zugrunde an Alkoholismus und fehlender Bereitschaft, sich
kritisch mit dem eigenen Leben und damit auseinanderzusetzen,
wie es anders gelebt werden könnte, um mehr innere Befriedigung
zu erlangen. Davon handelt das Buch. Es ist original 1975 erschienen,
stammt aus dem Amerikanischen, die Handlung ist auf Anfang der
1960er Jahre datiert, laut Klappentext liefert es einen eindringlichen
und unvergesslichen Blick in die dunkelsten Winkel der Psyche.
Ich fand den Handlungsstrang zwar nachvollziehbar, aber recht
langweilig und auch oberflächlich. Vielleicht liegt darin ja gerade
die Qualität des Werkes verborgen, das (Roman-)Leben in der Form
zu beschreiben, wie es ist. Allerdings ist mir das Eindringliche
und Unvergessliche irgendwie entgangen und stellte sich auch nicht
ein, nachdem ich mich endlich bis zum Ende durchgequält hatte.
Gebunden, 316 Seiten, ISBN 978-3-421-04393-1. München: Deutsche
Verlags-Anstalt, 2. Auflage 2010. € 19.95 / sFr 29.95
Peter Lehmann
Josef
Zehentbauer: Melancholie Die traurige Leichtigkeit des
Seins
Endlich ist sie da eine gründlich überarbeitete
Neuauflage des 2001 im Kreuz-Verlag erschienenen Buches von Josef
Zehentbauer, Arzt und Psychotherapeut, Autor u.a. von »Abenteuer
Seele«, »Das Liebe-Prinzip« und »Chemie für
die Seele«. Um mit seinen Worten zu sprechen, ist es Ziel
dieses Buches, »… Melancholikern zu mehr Selbstbewusstsein
zu verhelfen und die ausgesprochen positiven Aspekte der Melancholie
neu zu entdecken.« Denn Melancholie ist für
ihn »eine wunderbare Charaktereigenschaft, voller Tiefgang,
Kreativität und Leidenschaft« und im Sinne der Romantiker
»Zugang zum Geheimnis menschlichen Seins«. Um das Phänomen
der Melancholie zu ergründen, nimmt uns Zehentbauer mit auf
eine kulturgeschichtliche Reise. Auf anschauliche Weise mit Zitaten
und Gedichten illustriert, stellt er uns große Melancholiker vor
Philosophen, Maler, Musiker, Schriftsteller. Hierzu ergänzte
er die Neuauflage um das Kapitel »Wahnsinn und Genie«.
Was wäre wohl aus all den berühmten Persönlichkeiten
geworden, hätte man sie als Kranke abgestempelt und mit Psychopharmaka
oder gar Elektroschocks behandelt? Mit der Melancholie steht zwangsläufig
auch das Thema »Depression« zur Diskussion. Im Kapitel
»Bin ich depressiv?« zeigt Zehentbauer Eigenschaften,
Grundformen und Ursachen der Depression sowie Wege aus der Depression
auf. Allein schon die andere Sehweise, der andere Blick auf Melancholie
und Depression stellt eine nicht zu unterschätzende Hilfe
dar für melancholische Menschen, aber auch für Betroffene
mit der Diagnose »Depression« und deren Angehörige.
Abgerundet wird das Buch durch 28 hilfreiche Ȇbungen
zum traurigen Glück« im Anhang »eine kleine
Gebrauchsanweisung dafür, wie man zum Pionier und Forscher
der eigenen Seele werden kann.« Alles in allem ein erstaunliches
Buch. Für mich ein Selbsthilfe-Buch der besonderen Art
und das zu einem recht erfreulichen Preis. Rezension
im BPE-Rundbrief. Taschenbuch, 216 Seiten, ISBN 978-3-925931-45-1.
Berlin / Eugene / Shrewsbury: Peter Lehmann Publishing, 3., aktualisierte
und erweiterte Auflage 2011. € 9.95 / sFr 11.95
Constance Dollwet
Josef
Zehentbauer: Chemie für die Seele Psychopharmaka und alternative
Heilmethoden
Licht in der pharmakologischen Geisterbahn. Der Arzt und Psychotherapeut
Joseph Zehentbauer stellt in "Chemie für die Seele" die Wirkung
von psychopharmakologischen Therapien und alternativen Heilmethoden
umfassend dar. Seine Darstellung zeichnet sich durch zwei Besonderheiten
aus: Ohne unzulässig zu vereinfachen, bedient er sich einer auch
für medizinische Laien gut verständlichen Sprache. Im Gegensatz
zu anderen Darstellungen der Behandlungsmöglichkeiten psychischer
Probleme mit Hilfe von Medikamenten geht der Autor ausführlich
auf die Gefahren durch unerwünschte Wirkungen dieser Mittel ein.
Seine Kritik wird durch Kapitel über die gesellschaftliche Relation
von Normal und Verrückt, die Seele des Menschen und die Vorgehensweise
der Pharmaindustrie abgerundet. Besonders eingehend erläutert
er die Wirkungsweise pflanzlicher, homöopathischer und anderer
nichtsynthetischer psychisch wirksamer Arzneien. Auch Exkurse
zu legalen und illegalen Glücksdrogen fehlen nicht. Dieses Buch
leistet damit, was eigentlich bei jeder ärztlichen Verschreibung
von Psychopharmaka selbstverständlich sein sollte: Es klärt umfassend
über Möglichkeiten, Gefahren und Alternativen zur verordneten
Therapie auf. Der sachliche und einfühlsam reflektive Duktus macht
dieses Buch zu einer ebenso angenehmen wie aufklärenden Lektüre.
Große Empfehlung. Kartoniert, VIII + 420 Seiten, 11., teilweise
aktualisierte Auflage mit einer Ergänzung zu den neuesten Antidepressiva
und atypischen Neuroleptika, ISBN 978-3-925931-28-4. Berlin ·
Eugene, OR (USA) · Shrewsbury (UK): Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag,
11., teilweise aktualisierte Auflage 2010. € 21.90 / sFr
31.
Lucinda Bee
Christian
Zimmermann / Peter Wißmann: Auf dem Weg mit Alzheimer
Wie sich mit einer Demenz leben lässt
Mutmachbuch für Betroffene und Angehörige mit der Botschaft:
Es gibt ein Leben nach der Diagnose. Das Buch ist ausgesprochen
angenehm geschrieben; auch der Ansatz, dass sich der Autor Zimmermann
als Experte aus eigener Erfahrung und Betroffenen versteht, jedoch
nicht den Anspruch hat, allgemeingültige Ratschläge
für andere Menschen formulieren zu können, sollte vielen
zu denken geben, die in unreflektierter Weise ihre subjektiven
Erfahrungen verallgemeinern. Mit Hilfe seines Schreibassistenten
Peter Wißmann, dem Geschäftsführer der Demenz
Support Stuttgart gGmbH, klärt der Autor über die Gehirnalterung
auf, die man Alzheimer nennt, warnt vor falschen Hoffnungen, die
die Pharmaindustrie mit ihrem Profitstreben macht, beschreibt
den Umgang mit den mit Alzheimer verbundenen Problemen und gibt
Tipps und Anregungen für alle, die mit Alzheimer oder einer
anderen Form von Demenz leben müssen. Das Buch nimmt irrationale
Ängste und ist allen, die (nicht) damit rechnen, früher
oder später von Gehirnalterung, Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses
und anderen Symptomen betroffen zu sein, ans Herz gelegt. Kartoniert,
150 Seiten, ISBN 978-3-940529-90-9. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag
2011. € 16.90 / sFr 20.30
Peter Lehmann
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