Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
zuletzt aktualisiert am 1. September 2014

FAPI
-Nachrichten –Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. U – Z

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Michael Uhlmann / Petra Uhlmann: Was bleibt ... Menschen mit Demenz. Porträts und Geschichten von Betroffenen
Mit kurzen Porträts und Geschichten versehener Bildband von Menschen mit Demenz, der hilft, sie trotz ihrer Einbußen an kognitiven Fähigkeiten als Menschen mit ihren Wünschen nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Trost und Einbezogensein, nach sinnvoller Betätigung und Liebe wahrzunehmen und ihre Würde zu sichern. Das Buch erschien mit finanzieller Unterstützung von: Weleda AG, Janssen-Cilag GmbH, BHF-Bank-Stiftung und Hannoversche Kassen. Trotzdem ein schönes Buch. Gebunden, 103 Seiten, über 100 großformatige Schwarz-Weiß- und Farbfotographien, ISBN 978-3-938304-62-4. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag, 2., erweiterte Auflage 2007. € 24.90
Peter Lehmann

Jörg Utschakowski / Gyöngyvér Sielaff / Thomas Bock (Hg.): Vom Erfahrenen zum Experten – Wie Peers die Psychiatrie verändern
Buch über das Ex-In-(Experienced-Involvement-)Projekt, das heißt die Ausbildung von Psychiatriebetroffenen zur Peer-Arbeit ("Arbeit von Gleichen für Gleiche") innerhalb psychiatrischer Einrichtungen. Drei Profis haben dieses Buch herausgegeben, das sich mit der Ausbildung von Psychiatriebetroffenen für die Peer-Arbeit (Gleiche helfen Gleichen) beschäftigt: Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff und Thomas Bock. Jörg Utschakowski ist Sozialarbeiter, er sei in verschiedenen europäischen Netzwerken tätig, steht im Buch. Das Europäische Netzwerk von Psychiatriebetroffenen (www.enusp.org), der größte unabhängige Verband in Europa, der schon seit Jahren betroffenenkontrollierte Peer-Ausbildung fordert, taucht allerdings nirgendwo im Buch auf. Gyöngyvér Sielaff ist Diplom-Pädagogin und Mitgründerin von Irre Menschlich Hamburg e.V. Zu den Sponsoren dieses Vereins zählen u.a. die Pharmamultis Eli Lily und AstraZeneca GmbH. Der Psychologe Thomas Bock ist ebenso Mitgründer von Irre Menschlich, daneben mitverantwortlich für das Internetportal www.psychose.de; AstraZeneca ist auch hier der Sponsor. Diese Rahmenbedingungen, die nicht ohne Einfluss auf die Ex-In-Ausbildung und die Haltung zur biologisch-psychopharmakologischen Psychiatrie sein dürften, werden im Buch nicht erwähnt, deshalb sollen sie dieser Rezension vorangestellt sein. – Nun zum Buch. Psychiatriebetroffenheit ist keine Qualifikation, die einen zum Experten an sich macht, ansonsten wäre der Psychiater derjenige, der mit seiner der Psychiatrisierung vorhergehenden Diagnose Experten kreiert. Das Thema Schulung von Psychiatriebetroffenen ist überfällig, denn viele Psychiatriebetroffenen maßen sich an, alleine auf Grund einer vorangegangenen Psychiatrisierung als Experte anerkannt zu werden, der für alle möglichen, über die eigene Person hinausgehenden Aufgaben in der Arbeit mit Betroffenen oder für diese qualifiziert ist. Oder trialogbegeisterte psychiatrisch Tätige benutzen ihnen genehme Betroffene als "Experten", wenn sie in einem Gremien Betroffenenbeteiligung mimen wollen. Was macht Betroffene zu Experten? Wer bildet aus? Wer erarbeitet den Lehrplan? Werden Konfliktpunkte und Interessenseinflüsse deutlich? Sind die für Psychiatriebetroffenen wesentlichen Inhalte ausgewogen enthalten? Wer bildet die Ausbilder aus? Wie wird verhindert, dass Peer-Arbeit nicht zum bloßen Erfüllungsgehilfentum psychiatrische Macht Ausübender verkommt? Können bei einem Träger psychiatrischer Einrichtungen angestellte Peer-Arbeiter unabhängig arbeiten? Bekommen sie überhaupt eine Arbeit, und werden sie dafür auch bezahlt? Und wenn ja, gibt es mehr als die übl(ich)e Aufwandsentschädigung? Wie sieht die Arbeit konkret aus? Definieren die Peer-Arbeiter ihre Arbeit als hilfreich? Obwohl im Psychiatrieverlag erschienen, schließt das Buch auch antipsychiatrische Erfahrungen wie das Weglaufhaus Berlin ein, ebenso viele internationale Erfahrungen. Besonders wertvoll erscheint mir der Artikel "Der Wert der Erfahrung" von Harrie van Haaster vom Amsterdamer Instituut voor Gebruikersparticipatie en Beleid (IGPB – www.igpb.nl), in dem er sich mit der Qualifikation von "Experten durch Erfahrung" befasst und den Fragen, welche Kriterien für "Sachkenntnis durch Erfahrung" formuliert werden können, um einen Schutz vor Missbrauch und unangemessenen Ratschlägen zu gewährleisten, und wie ein erfahrungsbasierter Forschungsansatz zwecks Nachweis für die Wirksamkeit entwickelt werden kann. Angesichts der projektierten Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in die sogenannte integrierte psychosoziale Versorgung (z.B. in Form von Mitarbeit in Krisenpensionen) ein wichtiges Buch, um die Diskussion über die Antworten auf die dargestellten Fragen zu beginnen. Wenn die internationale Betroffenenbewegung incl. dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. in Antidiskriminierungsprogrammen wie dem Harassmentprojekt (siehe www.peter-lehmann-publishing.com/articles/enusp/empfehlungen.pdf) die Unterstützung von Initiativen im Peer-coaching fordern, die wirksame Teilnahme geschulter Psychiatriebetroffener in allen möglichen Bereichen und Trainingsangebote für Psychiatriebetroffene, und sich selber gegen Diskriminierung zu schützen, um als Betroffene in allen Bereichen angestellt zu werden und um in Programmen zur Bekämpfung von Diskriminierung und Schikane selber Trainerin oder Trainer zu werden und um in Kriseneinrichtungen, Beratungsstellen und Forschungsprojekten mitzuarbeiten, ist es höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie die eigenen Forderungen umgesetzt werden können und wie man sich konstruktiv kritisch mit vorhandenen konkreten Erfahrungen auseinandersetzen kann. Das Buch ist ein guter Ansatzpunkt, in die Diskussion einzusteigen. Rezension im BPE-Rundbrief. Kartoniert, 240 Seiten, 1 Abbildung, 2 schwarz-weiße Fotos, ISBN 978-3-88414-470-1. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2009. € 24.95
Peter Lehmann

H. van Andel, W. Pittrich (Hg.): Kunst und Psychiatrie
Kongress in Münster 1.-5. Oktober 1990. Tagungsbericht. Über den Einsatz von Kunsttherapie in Anstalten, die Ausweitung der »diagnostischen Nutzung der Ergebnisse« und so wichtige Fragen wie, »ob man die Therapie mit kreativen Mitteln eher als ›Kreativtherapie‹ oder eher mit dem üblicheren Begriff als ›Kunsttherapie‹ bezeichnen soll. Die Diskussion blieb unentschieden, obwohl sich eine leichte Vorliebe für die Bezeichnung ›Kreativtherapie‹ abzeichnete. Die Art der Debatte machte deutlich, dass man in diesem Fall für deutsche Begriffe von einem wahren Erdrutsch sprechen konnte.« Solche Erkenntnisse haben ihren Preis. Kartoniert, 348 Seiten, Münster: Lit 1991.
Kerstin Kempker

Willem van der Does: Licht am Ende des Tunnels. Gib der Depression keine Chance – wie wir aus der Melancholiefalle herausfinden
Buch über Depressionen, wie sie nach Meinung des Psychiaters van der Does entstehen ("unverkennbar eine genetische Komponente"), wie man sie gut behandelt (vor allem mit Antidepressiva aller Art, Elektroschocks, kognitive Verhaltenstherapie). Und einer Auseinandersetzung über eine mögliche suizidfördernde Wirkung von Antidepressiva mit der primitiven Abqualifizierung der Argumente des kritischen US-amerikanischen Psychiaters Peter Breggin, er sei "umstritten", als sei dies ein inhaltliches Argument und gelte nicht für alle Vertreter dieser Berufsgruppe. Das Buch endet mit "nützlichen" Adressen, unter anderem dem Kompetenznetz Depression, von dem man sich dann auch Elektroschocks und Antidepressiva empfehlen lassen kann. Selbsthilfegruppen bleiben außen vor. Und zu guter Letzt dann noch eine persönliche Erklärung des Autors, er habe in den letzten zehn Jahren von pharmazeutischen Industrien kein Sponsoring erhalten; was die Zeit davor betrifft, spricht er nicht an, ebensowenig all die meinungsbildenden Publikationen, die im Auftrag und mit dem Geld von Pharmafirmen produziert und deren Inhalte weitergegeben werden, als wären sie wertfreie Wahrheit. Gebunden, 159 Seiten, mit vielen netten Illustrationen von Peter van Straaten, ISBN 978-3-0350-0053-5. Zürich: Oesch Verlag 2009. € 14.90
Peter Lehmann

Roland Vauth / Rolf-Dieter Stieglitz: Chronisches Stimmenhören und persistierender Wahn
Die Autoren, Psychiater und Psychotherapeuten der Universität Basel, konzentrieren sich nach einer knappen Abhandlung der Diagnostik und Störungstheorien auf die kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung chronisch "schizophrener Störungen". Ausführlich und mit vielen Beispielen aus Literatur und Praxis beschreiben sie Techniken und Übungen, die den Betroffenen helfen, sich von ihren Wahninhalten zu distanzieren. Grundlagen sind: Vertrauen und Sicherheit in der therapeutischen Beziehung (verbindlich, geregelt, transparent), gemeinsames Problemverständnis, Normalisieren statt Stigmatisieren, Trennung von Erleben und Tatsachen, Zusammenhang zwischen Wahn und Biografie. Das leuchtet ein, ist aber nicht zu verwechseln mit tatsächlicher persönlicher Anteilnahme: "Intensivierung von Vertrauen durch Vermittlung von Interesse an der Person des Patienten (z.B. auf Hobbys des Patienten eingehen und ggf. auch zunächst gemeinsame Aktivitäten planen, bis die Beziehung steht)." Kartoniert, VI + 110 Seiten, mit 2 Einsteckkarten, ISBN 978-3-8017-1861-9. Göttingen: Hogrefe Verlag 2007. € 19.95
Kerstin Kempker

John Virapen: Nebenwirkung Tod – Korruption in der Pharma-Industrie. Ein Ex-Manager packt aus
Ein Ex-Pharmamanager, der mit skrupellosen Bestechungen von Ärzten, Gutachtern und Regierungsvertretern rasant Karriere machte, noch rasanter gefeuert wurde und den just in dem Moment, wo er gefeuert ist, Reue und Empörung erfassten, schreibt über Korruption und Verschleierungspraktiken in der Pharmaindustrie, über den Pharmakonzern Eli Lilly und dessen Strategien zur Vermarktung von Prozac (Fluctin) und Zyprexa sowie über die eigene Verstrickung in diese Geschäfte. "Nebenwirkung Tod" ist bereits das zweite Buch des Autors; das erste war das notdürftig als Fiktion verpackte "Rubio spuckt's aus", das der Autor unter dem Namen John Rengen publiziert hatte und aus unerfindlichen Gründen in diesem neuen, trotz des beibehaltenen etwas marktschreierischen amerikanischen Erzählstils lesenswerten Buch nicht erwähnt. Wann erfährt man schon etwas aus dem Inneren der pharmakologischen Giftküchen, die das zubereiten, was dann in der Psychiatrie und vielen Bereichen der Medizin als "segensreiche Medikamente" verabreicht wird? Kartoniert, 267 Seiten, 3 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-86695-920-0. Leipzig: Neuer Europa Verlag 2008. € 16.90
Peter Lehmann

Rubina Vock / Manfred Zaumseil / Ralf B. Zimmermann / Sebastian Manderla: Mit der Diagnose "chronisch psychisch krank" ins Pflegeheim? Eine Untersuchung der Situation in Berlin
Auseinandersetzung mit der Abschiebung von "psychisch Kranken" in Heime aus der Sicht von Professionellen. Die Autoren zeigen anhand einer großen Studie, an der bis zu ihrem Tod auch Hannelore Klafki mitgearbeitet hatte, wie die gegenwärtige Vermehrung von Heimplätzen für sogenannte psychisch Kranke einen Belegungssog erzeugt, der die typischen Entscheidungen begünstigt: über die Köpfe der Betroffenen hinweg und abhängig von Umständen, die eher mit Problemen des "Versorgungs"-Systems als mit den Betroffenen selber zu tun haben. Kartoniert, 469 Seiten, ISBN 978-3-938304-73-0. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2007. € 39.–
Peter Lehmann

Werner Vogd: Das Bild der Psychiatrie in unseren Köpfen. Eine soziologische Analyse im Spannungsfeld von Professionellen, Angehörigen, Betroffenen und Laien
»Wie stellt sich die Psychiatrie heute dar, was kann sie leisten und was könnte sie leisten? Wodurch sind diese Bilder motiviert? Gründen sich diese auf persönliche Erfahrungen, Erzählungen, diffuse Ängste oder Vorurteile?« Diesen Fragen widmet sich der Autor in dem recht teuren Buch, das aus einem Forschungsseminar an der Universität Ulm und anschließend am Institut für Soziale Medizin an der FU Berlin hervorging. Unter den vielen Befragten ist immerhin eine Psychiatriebetroffene. Und einer der Teilnehmern an den Forschungspraktika war Karl-Heinz Esser vom Gesamtvorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener, so war gewährleistet, dass nicht völlig an dieser Personengruppe, eigentlich dem Subjekt der Psychiatrie, vorbeigeforscht wurde. Die geringe Zahl mitwirkender Betroffener spiegelt deren Rolle in der Gesellschaft wider; das gleiche (Miss-)Verhältnis findet sich bei der Abhandlung des Kapitels Antipsychiatrie, das zudem alle neueren Publikationen außer acht lässt. Aber man wird bescheiden und freut sich, wenn immerhin das 1983 publizierte und weit vorausblickende Buch von Tina Stöckle, »Die Irren-Offensive«, erwähnt wird und eine positive Würdigung findet. Das Buch stammt aus der soziologischen Diskussion, dennoch ist es gut lesbar – wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Es beleuchtet die wesentlichen Fragen (Gewalt, Psychopharmaka/Elektroschocks/Therapie ja oder nein?) breit und unaufgeregt, und es enthält sich dankenswerterweise der ätzenden Wertungen, die man von anderen sozialpsychiatrisch ausgerichteten Publikationen zur Genüge kennt. Das Schlussplädoyer, wonach die Psychiatrie den Hilfesuchenden als medizinisch-therapeutische Institution erscheinen solle, andererseits ihre Zwangsbehandlung als »medizinische Intensivbehandlung«, sofern therapeutisch begründet, »in einigen akuten Krisenzuständen indiziert« sei, zeigt das Dilemma der Psychiatrie und einen der wesentlichen Gründe für ihr schlechtes öffentliches Ansehen: Ohne Eintreten für einen wirksamen Schutz vor psychiatrischer Zwangsbehandlung sind alle Versuche zwecklos, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verschönern. Leider leiden unter diesem von Gewalt geprägten Bild – und eben nicht nur unter dem Bild! – auch die Betroffenen. Kartoniert, 214 Seiten, Berlin: Verlag für Wissenschaft und Forschung 2001. € 34.–
Peter Lehmann

Irmgard Vogt / Eva Arnold: Sexuelle Übergriffe in der Therapie – Anleitungen zur Selbsterfahrung und zum Selbstmanagement
Wie soll ich mich als Therapeut verhalten, wenn ich merke, dass ich mich in meine Klientin verliebe? Wo finde ich ethische Standards, an denen ich mich orientieren kann? Ein sinnvolles Manual, das Therapeuten und Beratende mit dem Thema der eigenen sexuellen Befriedigung innerhalb therapeutischer Beziehungen konfrontiert und ihnen Hilfe zur Prävention an die Hand gibt. Das Buch enthält 5 Kapitel: Erörterung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen; Erörterung der Anforderungen an die Professionalität der Beratenden und Therapierenden incl. ethischer Richtlinien und straf- und zivilrechtlicher Bedingungen (Stand von 1993); Daten und Fakten aus epidemiologischen Forschungen incl. Übungsaufgaben; Folgen sexueller Übergriffe für die Betroffenen und Probleme der Nachfolgebehandlung incl. Übungsaufgaben; Ergebnisse zur Täterforschung. Mit einem Literaturverzeichnis im Anhang, der Berufsordnung des Berufsverbands Deutscher Psychologen e.V. sowie den Ethischen Richtlinien und dem Verhaltenskodex für PsychologInnen der American Psychological Association in deutscher Übersetzung. Übersichtlich und klar geschrieben. Kartoniert, IV + 103 Seiten, ISBN 10: 3-87159-401-6, ISBN 13:978-3-87159-401-4. Tübingen: DGVT Verlag 1993. € 16.–
Peter Lehmann

Katrin von Consbruch / Ulrich Stangier: Ratgeber Soziale Phobie – Informationen für Betroffene und Angehörige
Etwas dröger Ratgeber mit Hinweisen, wie Menschen mit sozialen Ängsten selbstbewusstes Verhalten in sozialen Situationen erlernen können. Er verzichtet auf eine kritische Beleuchtung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Entwicklung der Diagnose "Soziale Phobie" durch die WHO und die mit ihr verquickte Pharmaindustrie, die für die im Buch erwähnten Antidepressiva einen expandierenden Absatzmarkt möchte. Dankenswerterweise weisen die Autorin und der Autor dezent auf die nicht nachgewiesene Wirksamkeit dieser Substanzen (auch) bei Menschen mit sozialen Ängsten hin. Nichtssagend und stereotyp sind allgemeine Verweise auf mögliche genetische Vorbelastungen ebenso wie auf Gehirnaktivitäten; die beobachtete stärkere Aktivierung bestimmter Gehirnregionen unter Stresseinfluss werden flugs umgedeutet in die Vermutung einer Kausalität, als wären soziale Ängste Folgen von Gehirnveränderungen. Wer diese unsinnigen Passagen im Buch übersteht, findet schließlich vernünftige, an der kognitiven Verhaltenstherapie orientierte Anregungen zur Selbsthilfe, verbunden mit Fallbeispielen, Übungen und Arbeitsblättern. Kartoniert, 83 Seiten, ISBN 978-3-8017-2092-6. Göttingen: Hogrefe Verlag 2010. € 9.95
Peter Lehmann

Dörte von Drigalski: Blumen auf Granit. Eine Irr- und Lehrfahrt durch die deutsche Psychoanalyse
Psychoanalyse und Kritik – Psychoanalyse-Kritik. Die Psychoanalyse ist bis heute dadurch ausgezeichnet, dass ihre Erfolgsquote sich schwerlich objektivieren lässt, folglich ist darüber trefflich streiten. Sie tritt aber auch durch ihren kritischen Duktus, ihre Intellektualität, die philosophische Tiefe ihrer Konzepte und Diskussionen hervor. Die Psychoanalyse erfreut sich des Rufes kritisch zu sein, ja sie gilt als radikal gesellschaftskritisch. Dass sie genuin auf eine ganz reale Praxis zielt und daran zu messen wäre, mag da so manchem schon als zu vernachlässigende Größe erscheinen. Wie unangenehm wird von solch hoher Warte aber ein handfeste, verstehende Kritik an ihrem Vorgehen wirken, die sich nicht mit dem Hinweis auf die Untauglichkeit des Therapierten, der Tiefe seiner Konflikte und Ähnlichem abspeisen lässt? "Blumen auf Granit" von Dörte von Drigalski ist insofern eine Ausnahme geblieben. Sie hat das Wagnis auf sich genommen, diese Kritik nicht wiederum zu objektivieren: Soll heißen, sich und die ihr widerfahrene Beleidigung und Traumatisierung durch eine psychoanalytische Lehranalyse hinter einer begrifflich aufgeladenen Fachdiskussion dieses oder jenes Theorems zu verstecken. Statt dessen liefert sie in "Blumen auf Granit" zugleich mit fachlich informierten, psychoanalytischen Reflexionen den Bericht ihrer eigenen Lehrtherapie. Ihre Verfahrensweise macht sie verletzlich, muss die durch die Analyse verursachte Demütigung genauso thematisieren wie ihre eigene Geschichte, den Inhalt der Analyse. Als von Drigalski sich als junge Ärztin auf den Weg der Psychoanalyse begab, wollte sie den objektivierenden Automatismen des normalen deutschen Krankenhausbetriebes – in den sie eingebunden war – durch die Hinwendung zu einer die seelische Dimension des Menschen würdigende Wissenschaft etwas entgegensetzen. Über die ihr auf diesem seelischen Feld zugefügten Verletzungen zu berichten, denke ich mir als Kraftakt und intellektuelles Wagnis sondergleichen. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass von Drigalski selbst gezögert hat, den von der Psychoanalyse gepflegten Idealismus bezüglich der Weisheit des Analytikers, seinen uneigennützigen Zielen etc ... abzulegen und ihren Bericht und andere Berichte von ähnlich katastrophalen Analysen eher als typisch denn als seltene Ausnahmen zu begreifen. Dieses Buch bleibt ein unverzichtbares Korrektiv. Ich wünschte, ich vermöchte es jedem intellektuellen oder praktischen Psychoanalyse-Freund unters Kopfkissen zu hexen. Taschenbuch, 352 Seiten, ISBN 978-3-925931-37-6. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, aktualisierte Neuausgabe 2003. € 16.90
Benjamin Sage

Vormundschaftsgerichtstag e.V. (Hg.): 4. Vormundschaftsgerichtstag vom 12. bis 15. Oktober 1994 in Friedrichsroda. Materialien und Ergebnisse
Alle Grundsatzreferate, Protokolle der Arbeitsgruppen und verabschiedeten Ergebnisse der Tagung »Betreuungsrecht in der Praxis – Traum oder Alptraum« der reformorientierten VormundschaftsrichterInnen, BetreuerInnen und übrigen an der Durchführung des Betreuungsrechts Beteiligten. Kart., 200 S., Köln: Bundesanzeiger Verlags GmbH 1995. DM 68.–
Peter Lehmann

Therese Walther: Die ›Insulin-Koma-Behandlung‹ – Erfindung und Einführung des ersten modernen psychiatrischen Schockverfahrens
Eine paradigmatische Fallgeschichte medizinisch-psychiatrischer Forschung. Zu den wenigen Vorurteilen, auf die wir äußerst ungern verzichten, gehört der Glaube, dass medizinische Anwendungen, seien es medikamentöse oder andere Therapien auf geprüften theoretischen Voraussetzungen beruhen. Therese Walthers Untersuchung der Insulin-Koma-Behandlung kann jedoch paradigmatisch zeigen, dass dies ausgerechnet in dem sensiblen Bereich des medizinischen Umgangs mit seelischen Problemen mitnichten der Fall ist. Obwohl den Medizinern, die die Insulin-Koma-Behandlung praktiziert haben, das enorme Risiko dieser "Therapie" anhand der lebensbedrohlichen Zustände ihrer Patienten unmittelbar vor Augen stehen musste, glaubten sie nicht auf eine Methode verzichten zu können, der von Anfang an jeder brauchbare theoretische Unterbau fehlte. Die zunächst in Fachkreisen wegen dieses Makels verrissene Therapie erfreute sich anschließend in der gesamten westlichen Welt größter Beliebtheit und gehörte noch bis in die sechziger Jahre zu den bevorzugten Arten der Behandlung sogenannter Schizophrenien. Andererseits handelt es sich hier auch nicht um eine Anwendung, deren Theorie zwar ungesichert ist, deren Praxis aber um so erfolgreicher verläuft: Die vollmundig gepriesenen Heilerfolge waren – wie Therese Walther dokumentiert – so unsicher, dass da, wo die Behandlung zur Anwendung kam, oft mit abweichenden Verfahren oder der gleichzeitigen Verabreichung anders wirkenden Substanzen gearbeitet wurde. Was diese Methode schließlich verdrängt haben dürfte, sind weder ihre fraglichen Erfolge, noch ihre von den meisten "Behandelten" als grausamste Folter empfundenen "Nebenwirkungen" sondern die Aufwändigkeit ihrer Durchführung: Die nun einsetzende "Pharmakologische Revolution" konnte eine weitgehende Kontrolle der Behandelten bei sehr viel geringeren (Personal-) Kosten garantieren. Therese Walther gelingen in ihrer gut recherchierten Studie tiefe Einblicke in das psychiatrisch-medizinische Forschungsverständnis. So führt sie beispielsweise einen Fachartikel aus dem Jahre 1994 an, der die Insulinbehandlung u. a. mit Hinweis auf die "offenkundigen therapeutischen Chancen" der durch die Behandlung "erzwungene Regression auf elementare Stufen menschlicher Bedürfnisbefriedigung" empfiehlt. Dieser Hinweis dürfte auf die körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen dieser "Wunderwaffe" zielen, welche von den Behandelten einhellig als grausame Misshandlung beschrieben worden sind (Vgl. Weitz: My Insulin Shock Torture und Kempker: Mitgift). Aber, wird man sich vielleicht fragen, ist diese Methode nicht heute schon weitgehend obsolet? Ja, sie ist aus den genannten Gründen aus der Mode gekommen, aber keineswegs widerlegt. Und das ist auch prinzipiell nicht möglich, da sie nie auf theoretisch gesicherten Hypothesen beruhte, die eindeutig widerlegt oder validiert werden könnten. Die nicht enden wollende Diskussion über die Wirkungsweise von Psychopharmaka verrät, dass es sich bei ihren Nachfolgern grundsätzlich nicht viel anders verhält. ... Wer etwas über die Realitäten medizinischer Forschung erfahren will, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Kartoniert, 240 Seiten, 10 Abbildungen, ISBN 978-3-925931-34-5. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe 2004
Sophie Blau

Peter N. Watkins: Recovery – wieder genesen können. Ein Handbuch für Psychiatrie-Praktiker
Plädoyer eines britischen Psychologen und Psychiatriepflegefachmanns nach vier Jahrzehnten Berufspraxis, unter Verzicht auf vorgegebene Lösungswege und unter der befreienden Annahme des Nicht-Wissens der Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, ihren Problemen eine Bedeutung zuzuordnen und Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben letztendlich erträglicher machen. Orientiert an der kritischen Psychiatriebewegung der zurückliegenden Jahre (Laing, Foucault, Breggin, Thomas, Romme, Mosher, Bracken usw.) fordert Watkins seine Kollegen auf, Betroffene in humanistischer Weise zu unterstützen und Betroffene, die ihre Probleme und die Psychiatrie überwunden haben (allen voran die – in diesem Buch anglo-amerikanischen – Vertreter der Betroffenenbewegung Ahern, Fisher, Chamberlin, Coleman, Deegan, Wallcraft), als Experten für sich selbst in aktiver Rolle wertzuschätzen, von ihren Erfahrungen zu lernen und die – weit über die bloße Betonung der Hoffnung auf Symptomlinderung und Genesung hinausgehende – familiäre, spirituelle und kreative Dimension des Recovery-Prozesses in die eigene Praxis zu integrieren. Kartoniert, 250 Seiten, ISBN 978-3-456-84723-8. Bern usw.: Hans Huber Verlag 2009. € 29.95
Peter Lehmann

Uta Wehde, Das Weglaufhaus – Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene

  • Einfach abhauen. Dieses Buch bringt einen zum Nachdenken darüber, wie eine echte Alternative zur Psychiatrie aussehen müsste. Denn die wenigen mutigen Menschen, die es schaffen, sich aus dem immer feiner gesponnenen Netz psychiatrischer Kontrolle zu befreien, haben oft keinen Ort, an dem sie Schutz und Aufnahme finden. Uta Wehdes Plädoyer für einen psychopharmakafreien und nutzerkontrollierten Hilfs- und Schutzraum ist wegweisend.
    Benjamin Sage
  • Weglaufen und ein alternatives Leben finden. "In der DDR kam der erste Hoffnungsschimmer der Freiheit, als ein paar mutige Menschen tatsächlich wegliefen. Uta Wehde zeigt uns, dass dies auch im Bereich der Psychiatrie möglich ist und dass die Mauern dieser maroden Institution ebenfalls eingerissen werden können", schreibt Jeffrey M. Masson – der ehemalige Leiter des Sigmund Freud Archivs – in seinem Geleitwort zu dieser kritischen Recherche. Obwohl die Reform der Anstaltspsychiatrie in Deutschland gern in Sonntagsreden gelobt wird, fehlt es bis heute weitgehend an Institutionen, die eine echte Alternative zur Psychiatrie und ihren Zwangsmethoden darstellen könnten. Uta Wehde hat die bekannten Alternativen kritisch unter die Lupe genommen und die Befunde für die Konzeption des Berliner Weglaufhauses nutzbar gemacht. Das sind namentlich die kalifornische (!) Soteria von Loren Mosher, das Diabasis-Projekt von John Perry und die niederländischen Weglaufhäuser. Dabei stehen Letztere im Zentrum ihrer Untersuchung. Die mit wissenschaftlicher Genauigkeit geführte Analyse der Praxis in den Niederlanden fällt ziemlich bedenklich aus. Der oft kritiklose Umgang mit Psychopharmaka hat Uta Wehde besonders gestört. Ihre Vor-Ort-Recherche in Holland zeigt, dass Psychopharmaka die Lebensqualität der vormals psychiatrisierten Menschen oft entscheidend vermindert. Sie sind nicht selten dafür verantwortlich, wenn die Weggelaufenen nicht in ein Leben außerhalb sozialer Hilfssysteme zurückfinden. Die liberale Institution wird so schnell zur Scheinalternative. Im Berliner Weglaufhaus – an dessen politischer Durchsetzung die Autorin wesentlich beteiligt war – herrscht in der Konsequenz eine äußerst kritische Einstellung zu diesen Präparaten vor. Am Schluss gibt Uta Wehde nicht nur eine Übersicht über die Konzeption des Berliner Weglaufhauses, sondern dokumentiert auch die Geschichte seiner politischen Durchsetzung. Dieses Buch ist sicherlich keine leichte Gutenachtlektüre. Eine große Empfehlung jedoch für alle, die sich ernsthaft Gedanken über Alternativen zu den Zwangsmechanismen der herrschenden psychiatrischen Praxis machen wollen.
    Sophie Blau

Kartoniert, 192 Seiten, ISBN 978-3-925931-05-5. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1991. € 5.90

Stefan Weinmann: Erfolgsmythos Psychopharmaka – Warum wir Medikamente in der Psychiatrie neu bewerten müssen
Sozialpsychiatrisch orientierte (d.h. Publikationen kritischer Psychiatriebetroffener ignorierende) Auseinandersetzung mit den Folgen des Bekanntwerdens der Psychopharmakaschäden, insbesondere der von Volkmar Aderhold publizierten neuroleptikabedingten hohen Sterblichkeitsraten und Plädoyer für Alternativen à la Soteria und Offener Dialog, für Wahlfreiheit, Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in Praxis und Forschung und eine von Pharmaunternehmen unabhängigere Forschungs-, Entstigmatisierungs- und Informationspolitik. Wenn ein Psychiater "wir" sagt, meint er das durchaus und ausschließlich wörtlich: die Definitionsmacht der Probleme möchte er nicht teilen, und wenn es darum geht, Forderungen aufzustellen, will er auch hier bestimmen; sich mit den Forderungskatalogen der Organisationen von Psychiatriebetroffenen und ihre Unterstützern auseinanderzusetzen, diese auch nur zu benennen, ist nicht die Sache eines Sozialpsychiaters. Nichtsdestotrotz ist das Buch lohnenswert zu lesen; es zeigt, dass die Revocerydiskussion und die Forderung nach einem Paradigmenwechsel bzw. nach Paradigmenabschaffung (siehe Pat Bracken) bei Psychiatern angekommen ist. Kartoniert, 264 Seiten, ISBN 978-3-88414-455-8. Bonn: Psychiatrieverlag 2008. € 29.95
Peter Lehmann

Stefan Weinmann / Thomas Becker: Qualitätsindikatoren für die Integrierte Versorgung von Menschen mit Schizophrenie. Handbuch
Wenn man im Anhang dieses Buches nachschaut, auf welche Literatur sich die entwickelten Qualitätsindikatoren für die sogenannte integrierte Versorgung von Menschen mit der Diagnose "Schizophrenie" stützt, überkommt einen schnell ein leichtes Grausen – angesichts der ausnahmslos biologisch orientierten Weltsicht der zitierten Psychiater, die sich durch die Recherchestrategie folgerichtig ergab. Diese baute auf den sogenannten Cochrane-Reviews und, inhaltlich gleich gelagert, der "Leitlinie Schizophrenie" der DGPPN auf. Die beiden Autoren haben viel Arbeit investiert, um aus diesem biologischen Psychiatriebrei auf "breitem fachlichen Konsens" beruhende Qualitätsindikatoren zu entwickeln, damit psychiatrische Einrichtungen untereinander vergleichbar werden. Der Konsens wurde laut Angabe der Autoren durch Abstimmung bei einem Workshop am 31.7.2008 erzielt, bei dem 13 "unabhängige Experten" abstimmten über ein Ranking der Indikatoren. Neben mehrheitlich Psychiatern vertrat Ruth Fricke den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, gleichberechtigt mit dem pharmafirmengesponserten Angehörigenverband. Das Buch behandelt das psychiatrische Verständnis sogenannter Schizophrenie: das übliche biologische Krankheitskonzept, verbunden mit Psychopharmakavergabe, natürlich Langzeitverabreichung. Eine betroffenenorientierte Sichtweise sucht man vergebens. Es folgen Betrachtungen zum Qualitätsmanagement und zur Messung von Qualität in der Behandlungen. Als behandlungsbezogene Variablen findet man den Anteil an Personen, denen man typische oder sogenannte atypische Neuroleptika bzw. Depotneuroleptika verabreicht; nichtpsychiatrische Hilfen, wie beispielsweise im Artikel Ergebnis der Umfrage unter den Mitgliedern des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener zur Qualität der psychiatrischen Versorgung 1995 genannt und als wesentliches nutzerorientiertes Qualitätsmerkmal definiert wurden, sucht man selbstredend ebenfalls vergeblich. Qualität in diesem Verständnis ist Qualität à la biologische Psychiatrie, Alternativen dürfen nicht gedacht werden, sie kommen demzufolge in diesem Buch nicht vor. Insofern wurden die Ziele erreicht, "die Erarbeitung einer konzeptionellen Grundlage für die Identifikation und Beschreibung von Qualitätsindikatoren bei der Behandlung der Schizophrenie", die "Beschreibung der Evidenzbasis für die relevanten identifizierbaren Qualitätsindikatoren" etc. Die "integrierte Versorgung" kann fortschreiten, Gemeindepsychiatrie und Langzeitverabreichung wie gehabt, jetzt noch besser messbar, und wie diese Messung vonstatten geht, zeigt sich prima an diesem technisch-psychiatrischen Buch. Psychiatriebetroffene bleiben Objekte der Behandlung, ihre formale Einbindung in solche Projekte, wie die Erarbeitung psychiatrischer Qualitätsindikatoren, entspricht dem Zeitgeist, sie macht sich gut – als Feigenblatt. Kartoniert, 188 Seiten, ISBN 978-3-88414-488-6. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2009. € 39.95
Peter Lehmann

Thomas Wiefelhaus: Betheljugend – Mehrbett- oder Einzelzimmer?
Buch aus dem Blickwinkel des ehemals unmündigen, 14-jährigen Patienten über seinen aus nichtigem Anlass erzwungenen Aufenthalt in der Männerpsychiatrie 1971 in Bethel, die verweigerte psychosoziale Hilfe, die Überwindung der Psychopharmakawirkungen durch regelmäßiges Erbrechen u..v.m. Der Untertitel könnte auch lauten "Bettensaal oder Iso-Zelle?", möglich wäre aber auch "Gebrochen werden durch die Behandlung oder die eigene Identität erhalten auch unter allerschwierigsten Bedingungen". Dem damals 14-Jährigen, der sich nicht unterbringen ließ, gebührt derselbe Respekt wie dem heute 52-Jährigen, der sich auch durch die mittlerweile vergangenen Jahre nicht davon abbringen ließ, sein Schicksal in der Psychiatrie zu dokumentieren. Das Buch passt so sehr gut zur aktuellen Diskussion um die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in den Kinderheimen in den drei Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs – aber auch zur überfälligen Diskussion um die um Situation in der Kinderpsychiatrie heute, die sich vermutlich nur äußerlich und durch andere Psychopharmakanamen von der Psychiatrie unterscheidet, wie sie der Autor erlebt hat und so plastisch wie lesenswert beschreibt. Rezension im BPE-Rundbrief. Taschenbuch, 136 Seiten, ISBN 978-3-8370-6351-6, Norderstedt: Books on Demand 2008. € 9.95
Peter Lehmann

Christina M. Wiesemann: Schlafstörungen – 3-Schritte-Programm gegen Einschlaf- und Durchschlafstörungen
Die Doppel-CD informiert leichtverständlich über das Phänomen des Schlafes und die Verschiedenartigkeit von Schlafstörungen. Mit einem Programm in mehreren Teilen, das auf verhaltenstherapeutischen und auf Hypnose basierenden Methoden aufgebaut ist, lernt man, eigene Schlafrituale zu entwickeln und schlafhinderliche Grübeleien zu stoppen. Eine Fantasiereise mit speziellen Suggestionen zum Einschlafen, Musik und Naturgeräusche zum Träumen runden die Doppel-CD ab. Allen, die Schlafprobleme haben, ist diese CD empfohlen, 1000 mal besser, als Psychopillen einzuwerfen. Der Versuch lohnt sicher. Hörbuch, 2 CDs mit 16-seitigem Begleitheft (in Jewelcase), Gesamtspieldauer 154:15 Minuten, ISBN 978-3-939306-07-8. München: Arps-Verlag, 2. Auflage 2009. € 24.80
Peter Lehmann

Christina M. Wiesemann: Angst- & Panik-Attacken – Den plötzlichen Alarm im Körper verstehen, bewältigen und auflösen
Bei diesem Hörbuch handelt es sich um eine Doppel-CD mit intensivem verhaltenstherapeutischen Trainingsprogramm. Man kann lernen, die Angst- und Paniksymptome zu verstehen, sich den Attacken schrittweise zu stellen und so den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen, auch Rückfälle zu überwinden. Aber wie gesagt, es handelt sich um ein intensives Trainingsprogramm, das über einige Wochen hinweg durchzuführen ist. Aber man kann es alleine machen, die Übungen werden erklärt, ein Beiheft gibt zusätzliche Anleitungen, und wer diese Übungen macht, ist nach ein paar Wochen vermutlich an einem anderen Entwicklungspunkt als derjenige, der in dieser Zeit lediglich Antidepressiva oder Tranquilizer schluckt. Hörbuch, 2 CDs mit 24-seitigem Begleitheft (in Jewelcase), Gesamtspieldauer 155:55 Minuten, ISBN 978-3-939306-05-4. München: Arps-Verlag, 3. Auflage 2009. € 24.80
Peter Lehmann

Markus Wiesenauer / Annette Kerckhoff: Homöopathie für die Seele
Über Wege der Einflussnahme auf psychische und psychosomatische Probleme, u.a. Ängste, Essstörungen, Nervosität, Reizbarkeit, depressive Verstimmung, Stimmungsschwankungen, Trauer, Unruhe, Wutanfälle, Appetitlosigkeit, Erschöpfung und Burnout, Konzentrations- und Schlafstörungen. Obwohl eingangs im Buch geraten wird, bei "schweren seelischen Erkrankungen unbedingt professionelle Beratung, medikamentöse und bisweilen stationäre Behandlung" vornehmen zu lassen und ärztlich verordnete Psychopharmaka bloß nicht abzusetzen, ist es doch gedacht als Wegweiser für Selbsthilfemaßnahmen bei leichten Beschwerden und für professionelle Helfer bei schweren psychischen 'Erkrankungen'. Der Mediziner und Pharmazeut Wiesenauer und die Heilpraktikerin Kerckhoff starten mit einer kleinen Einführung über die homöopathischen Grundlagen und einem Fragebogen zur Mittelfindung, beschreiben dann ausführlich die besonders wichtigen Homöopathika und kommen schließlich zu speziellen psychischen Problemen und Vorschlägen, welche Mittel jeweils geeignet sein könnten, teilweise auch mit Angaben zur Anwendung und Dosierung. "Homöopathie für die Seele" erschien original 2003; bei einer Neuauflage würde ich auch Informationen über mögliche unerwünschte Wirkungen bei therapeutischer oder zu hoher Dosierung wünschen für diejenigen, die Probleme mit der Anwendung haben und Orientierung benötigen. Softcover mit runder Ecke, 128 Seiten, 55 Farbfotos, ISBN 978-3-8338-0214-0. München: Gräfe & Unzer Verlag, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe 2008. € 12.90
Peter Lehmann

Peter Wißmann / Reimer Gronemeyer: Demenz und Zivilgesellschaft – eine Streitschrift
Bemerkenswertes und facettenreiches Plädoyer for ein demenzfreundliches Gemeinwesen, in dem Menschen mit Demenz nicht als aus dem Gemeinwesen ausgeschlossene, dahinvegetierende und nur noch als Lebenshülle gesehene Zielgruppe für Mediziner und Pflegekräfte im Mittelpunkt stehen, sondern als BürgerInnen. Mit einem Vorwort von Peter J. Whitehouse und einem Interview mit Thomas Klie. Kartoniert, 207 Seiten, ISBN 978-3-940529-16-9. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. € 21.90
Peter Lehmann

Brigitte Woggon: Behandlung mit Psychopharmaka – Aktuell und maßgeschneidert
Übersichtliche Darstellung von Theorie und Praxis der Verabreichung psychiatrischer Psychopharmaka, incl. Fragen der Prüfung von Psychopharmaka, Indikationsstellung, Wirksamkeitstests, Wirkprofile, Interaktionen, Absetzfragen, unerwünschte Wirkungen. Da die Autorin, vormals Psychiaterin in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, vollkommen in ihrem psychopharmakologischen Gedankensystem gefangen ist, geht es in aller Regel nur um pharmakologische Alternativen; Hilfen zur Senkung des Risikos beim Absetzen sind nur wenig vorhanden, bei Neuroleptika komplett Fehlanzeige. Ihre Erfahrungen als Psychiaterin würden in die Beurteilung und Gewichtung der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse einfließen, schreibt sie im Vorwort. Dass sie in den Advisory Boards verschiedener Unternehmen wie zum Beispiel des Schweizer Fluoxetin-Herstellers Eli Lilly sitzt und sich regelmäßig ihre Reisen an internationale Kongresse und Symposien von den Pharmamultis bezahlen lässt (nachzulesen bei der Züricher Journalistin Barbara Lukesch), lässt sie dezent unter den Tisch fallen. "Behandlung mit Psychopharmaka, Psychopharmaka und bloß nichts anderes als Psychopharmaka" wäre ein passenderer Titel für das Buch. Kartoniert, 290 Seiten, ISBN 978-3-456-84694-1. Bern: Hans Huber Verlag, 3., aktualisierte Auflage 2009. € 19.95
Peter Lehmann

Wolf Wolfensberger: Der neue Genozid an den Benachteiligten, Alten und Behinderten
Der US-Amerikaner, laut Verlag »der große alte Mann des Kampfes um die Rechte der Menschen mit Behinderung«, beschreibt die vielfältigen direkten und indirekten Methoden des »Totmachens« (Mordens). Diese, zu denen Wolfensberger auch psychiatrische Psychopharmaka zählt, seien nicht nur subtiler und teilweise heimlicher, sondern auch wesentlich perfekter und umfassender als die der Nationalsozialisten. Weshalb Wolfensberger ausgerechnet Dörner, Elektroschock-Lehrer und Verabreicher der genannten Psychopharmaka, das Vorwort schreiben ließ, ist mir schleierhaft. Dörner dankt hier Wolfensberger für sein »Erschrecken« darüber, in welchem Ausmaß auch er und seine Mitarbeiter an den jüngst bekanntgewordenen Morden in seiner (Dörners) Anstalt durch das im Buch beschriebene Tabuisieren und Nicht-wahrhaben-wollen mitwirkten. Schöne Worte, die allerdings nur abwiegeln und langfristig einen Gewöhnungseffekt ausüben werden. Denn mir ist nicht bekannt, dass die genannte Mitwirkung am Totmachen wehrloser Anstaltsinsass(inn)en Geldstrafe oder Rücktritt zur Folge hatte. Dieses Missverhältnis zur allerkonkretesten Praxis ist ein Schwachpunkt in dem ansonsten relativ empfehlenswerten Buch. Relativ, weil sich Wolfensberger auch vehement gegen jedwede Abtreibung wendet und auch bei Schwangerschaften durch Vergewaltigung keine Ausnahme gelten lassen will. Dass andererseits das von ihm gewünschte Abtreibungsverbot abtreibungswillige Frauen wieder in die Hände von »Engelmacher(innen)« zwingen und dies eine weidlich bekannte Form des Totmachens wiederaufleben ließe, ignoriert Wolfensberger was ihm als Nichtgebärendem möglicherweise (zu) leicht fällt. Kartoniert, 135 Seiten, Gütersloh: Verlag Jakob van Hoddis 1991. DM 18.–
Peter Lehmann

Manfred Wolfersdorf / Elmar Etzersdorfer: Suizid und Suizidprävention
Die beiden sich enorm einfühlsam gebenden Autoren haben ein Buch zum Thema "Suizid und Suizidprävention" und es geschafft, das Thema behandlungsbedingte Suizidfaktoren, insbesondere Neuroleptika und Antidepressiva, nahezu unerwähnt zu lassen; nur in einem Satz werden möglicherweise suizidfördernde Wirkungen von Antidepressiva bzw. Depressivität, akinetisches Syndrom, Parkinsonsyndrom, Akathisie und Dysphorie bei Neuroleptika als beteiligte Faktoren der Suizidalität genannt. Konsequenzen wie Warnungen vor diesen Substanzen oder der Vorschlag für Studien zur genaueren Erforschung des Zusammenhangs zwischen Psychopharmakawirkungen und Suizidalität bleiben die Autoren schuldig, Literatur zu diesem Thema lassen sie unerwähnt. Das Interesse an diesem Thema ist gleich Null - kein Wunder, die Finanziers von Suizidpräventionskampagnen sind häufig Pharmamultis, deren Vertreter kritische Stimmen innerhalb von Studien oder Kongressen von vornherein eliminieren. Leider kommt dieses Thema in dem Buch ebenso nicht vor. So muss man konstatieren, dass es zwar die heutigen Mainstreamvorstellungen zum Suizid und zur Suizidprävention der biologischen Psychiatrie zusammenfasst und pharmafirmenkonforme Konzeptionen zum Suizid, umfassend Kriseninterventions- und Präventionsansätze vorstellt, aber durch die unkritische Haltung gegenüber psychiatrischen Psychopharmaka den Eindruck hinterlässt, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen, und mit seinen Psychopharmaka-Empfehlungen eher zur Verschärfung der Suizidgefahr beiträgt. Ärztliche Verantwortung sieht anders aus. Fazit: nicht empfehlenswert. Gebunden, 261 Seiten, 16 Abb., 121 Tab., ISBN 978-3-17-020408-9. Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2011. € 39.90
Peter Lehmann

Martin Wollschläger (Hg.): Hirn – Herz – Seele – Schmerz. Psychotherapie zwischen Neurowissenschaften und Geisteswissenschaften
Der Sammelband enthält 19 teilweise recht anspruchsvolle Beiträge eines Symposiums beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie 2006 in Berlin, das von Martin Wollschläger, einem an der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh arbeitenden Psychologen und Psychotherapeuten, durchgeführt wurde. 17 Männer und zwei Frauen aus den Fachgebieten Psychologie, Philosophie und Medizin sowie ein Schriftsteller diskutierten über die wechselwirkenden Dimensionen: Leib, Seele, Gruppe und Kultur am Beispiel der Psychotherapie im Spannungsfeld zwischen Neuro- und Geisteswissenschaften. Das Buch enthält die ausgearbeiteten Referate. Obwohl der Buchtitel laut Wollschläger auf das Buch "Irren ist menschlich" von Dörner und Plog zurückgehe – ein Buch, das u.a. mit seiner Rechtfertigung von Elektroschocks nicht gerade als kritisch gilt –, stellen die Beiträge in "Hirn – Herz – Seele – Schmerz" dennoch den reduktionistischen Ansatz der herrschenden Psychiatrie und Psychotherapie in Frage, den lebendigen, fühlenden, handelnden und denkenden Menschen biophysikalisch beschreiben, vermessen und verstehen zu können. Von den 19 Beiträgen am besten gefallen hat mir der Artikel des Psychoanalytikers und Psychiaters Wolfgang Leuschner: "Neurowissenschaften und ihre Allmachtsphantasien" über das Kartell aus Medizin, Biologie, Ingenieurswissenschaften, Robotik, militärischer Forschung, medizinischer Geräte- und Informationsindustrie, Neuro-Marketing, Bildproduktions- und Nanotechnologie und chemischer Industrie – mit der Neurowissenschaft als Herzstück des Versuchs, einen neuen, über künstliche zerebrale Mikroprozesse manipulierten und nicht mehr vom Verfall und Tod, von Krankheit und körperlicher Unvollkommenheit bedrohten Menschen zu schaffen. Platz für eine eigenständige Psyche wäre bei einem solchen Produkt der neuen Halbgötter nicht mehr vorhanden. Schade, dass Wollschläger wohl recht haben wird mit seiner Prognose eingangs des Buches, dass das Buch ein Diskussionsforum wohl nur eine Minderheit darstellt, dabei wäre es angesichts der Tatsache, dass wir immer mehr in das Zeitalter der Neurowissenschaften hineinschlittern und kaum ein psychologischer Zusammenhang mehr öffentlich erklärt wird, ohne zur Untermauerung der eigenen Aussagen gleichzeitig mittels bildgebender Verfahren Hirnareale in bunten Farben aufblinken zu lassen, so wichtig, dass sich derzeitige und angehende Meinungsführer mit allen zur Verfügung stehenden Kräften gegen eine Entwicklung richten, die früher oder später auf alle zurückfallen wird. Wenn die Schweizer Psychiaterin Brigitte Woggon 2000 öffentlich erklären konnte: »Alles, was wir fühlen, ist eben Chemie: seelenvoll in den Sonnenuntergang blicken, Liebe, Anziehung, was auch immer – alles sind biochemische Vorgänge, wir haben ein Labor im Kopf«), ohne dass ein allgemeines Gelächter ausbrach, wird die grundlegende verächtliche Haltung gegenüber dem Geschöpf Menschen deutlich. Möge der Sammelband Wollschlägers dazu betragen, dass sich möglichst viele gegen eine solch primitive Weltsicht wenden. Rezension im BPE-Rundbrief. Kartoniert, 301 Seiten, 4 Abbildungen, Tabellen, ISBN 978-3-87159-073-3. Tübingen: DGVT-Verlag 2008. € 24.–
Peter Lehmann

Elisabeth Wurtzel: Verdammte schöne Welt. Mein Leben mit der Psycho-Pille
Auf das Buch aufmerksam wurde ich durch eine positive Rezension im Berliner Tagesspiegel. Es zeige das Wahnsystem rückhaltlosen Pillenkonsums, einer mörderisch tickenden Zeitbombe im Herzen einer um jeden Preis gut gelaunten Gesellschaft; die Zeitbombe entspringe in der Regel dort, wo die Gesellschaft aufhöre, sich für die Probleme des einzelnen zu interessieren und statt dessen vorgefertige Glücksvorstellungen als Lebensinhalte propagiere. Die autobiographische Geschichte der Literaturwissenschaftlerin Wurtzel sei eine düstere Anklageschrift gegen eine bedrohlich heraufdämmernde Krankenentsorgung. Angeprangert werde eine hilflose und stereotyp agierende Psychologie, die aus der Unfähigkeit, Sinntoten Lebensinhalte zu offerieren, ein fadenscheiniges Pillenglück offeriere. Dieser Interpretation kann ich nicht folgen. Wurtzel gehört zur »Generation X«: kaputtes Elternhaus, Sinnkrise, Beeinflussung durch psychopharmakologische Chemikalien aller Art und immer wieder der Versuch, das eigene Leben an der Scheinwelt des Films und der Rock-Musik auszurichten, was notwendigerweise fehlschlägt. Konsequenz: Therapien aller Art (ohne dass sie ernsthaft dargestellt werden), Tranquilizer, Antidepressiva, Lithium, Schlafmittel, Neuroleptika, schließlich Prozac (hierzulande »Fluctin«), der Marktführer unter den Antidepressiva. Jetzt ist sie auch nicht glücklich, spürt aber ihre Depression nicht mehr. Allerdings stört sie, dass in ihrer Heimat USA inzwischen Millionen die »Glückspille« nehmen, dass dadurch der Grund für die Verschreibung, ihre Depression, möglicherweise trivialisiert wird, ist sie doch so stolz darauf, eine richtig schwere, exklusive Krankheit zu haben. An dieser Stelle kommen ein paar kritische Gedanken über die »Prozac-Nation« USA, ich vermute, dies ist Anlass gewesen, in das Buch eine Absage an die Glückspillen-Psychiatrie hineinzuinterpretieren. »Die klinische Depression ist eine Krankheit, die man mit Medikamenten behandeln kann, und wahrscheinlich gibt es keine bessere Alternative« – lautet eine von Wurtzels Weisheiten, eine andere: »Es war (in ihrer Lebensgeschichte, P.L.) so viel Schaden entstanden, dass sehr viel mehr notwendig war als eine Person oder ein Therapeut, ein Medikament oder eine Elektroschockbehandlung – von allem war eine Menge nötig, damit die Splitter meines Lebens wieder zusammengefügt werden konnten.« Die Suche nach Lösungen ende immer bei Prozac, so Wurtzel, auch hier Sprachrohr ihrer geliebten Psychiater(innen), und wenn das meistgebrauchte Adjektiv auf den letzten Buchseiten »wunderbar« ist, denke ich an ein ganz anderes. 353 S., Berlin: Byblos Verlag 1994. DM/sFr 38.–
Peter Lehmann

Richard Yates: Ruhestörung. Roman
John Wilder, der Protagonist des Romans, ist Anzeigenverkäufer beim American Scientist, betrügt seine Frau, trinkt, wird stockbesoffen in die Psychiatrie gebracht, muss dort ein paar Tage bleiben, geht hinterher halbherzig zu den Anonymen Alkoholikern, führt sein Leben aber im Prinzip weiter wie zuvor, trinkend und sich selbst etwas vormachend. Er geht den vorgezeichneten Weg – zugrunde an Alkoholismus und fehlender Bereitschaft, sich kritisch mit dem eigenen Leben und damit auseinanderzusetzen, wie es anders gelebt werden könnte, um mehr innere Befriedigung zu erlangen. Davon handelt das Buch. Es ist original 1975 erschienen, stammt aus dem Amerikanischen, die Handlung ist auf Anfang der 1960er Jahre datiert, laut Klappentext liefert es einen eindringlichen und unvergesslichen Blick in die dunkelsten Winkel der Psyche. Ich fand den Handlungsstrang zwar nachvollziehbar, aber recht langweilig und auch oberflächlich. Vielleicht liegt darin ja gerade die Qualität des Werkes verborgen, das (Roman-)Leben in der Form zu beschreiben, wie es ist. Allerdings ist mir das Eindringliche und Unvergessliche irgendwie entgangen und stellte sich auch nicht ein, nachdem ich mich endlich bis zum Ende durchgequält hatte. Gebunden, 316 Seiten, ISBN 978-3-421-04393-1. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2. Auflage 2010. € 19.95
Peter Lehmann

Josef Zehentbauer: Melancholie – Die traurige Leichtigkeit des Seins
Endlich ist sie da – eine gründlich überarbeitete Neuauflage des 2001 im Kreuz-Verlag erschienenen Buches von Josef Zehentbauer, Arzt und Psychotherapeut, Autor u.a. von »Abenteuer Seele«, »Das Liebe-Prinzip« und »Chemie für die Seele«. Um mit seinen Worten zu sprechen, ist es Ziel dieses Buches, »… Melancholikern zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und die ausgesprochen positiven Aspekte der Melancholie – neu – zu entdecken.« Denn Melancholie ist für ihn »eine wunderbare Charaktereigenschaft, voller Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft« und im Sinne der Romantiker »Zugang zum Geheimnis menschlichen Seins«. Um das Phänomen der Melancholie zu ergründen, nimmt uns Zehentbauer mit auf eine kulturgeschichtliche Reise. Auf anschauliche Weise mit Zitaten und Gedichten illustriert, stellt er uns große Melancholiker vor – Philosophen, Maler, Musiker, Schriftsteller. Hierzu ergänzte er die Neuauflage um das Kapitel »Wahnsinn und Genie«. Was wäre wohl aus all den berühmten Persönlichkeiten geworden, hätte man sie als Kranke abgestempelt und mit Psychopharmaka oder gar Elektroschocks behandelt? Mit der Melancholie steht zwangsläufig auch das Thema »Depression« zur Diskussion. Im Kapitel »Bin ich depressiv?« zeigt Zehentbauer Eigenschaften, Grundformen und Ursachen der Depression sowie Wege aus der Depression auf. Allein schon die andere Sehweise, der andere Blick auf Melancholie und Depression stellt eine nicht zu unterschätzende Hilfe dar für melancholische Menschen, aber auch für Betroffene mit der Diagnose »Depression« und deren Angehörige. Abgerundet wird das Buch durch 28 hilfreiche »Übungen zum traurigen Glück« im Anhang – »eine kleine Gebrauchsanweisung dafür, wie man zum Pionier und Forscher der eigenen Seele werden kann.« Alles in allem ein erstaunliches Buch. Für mich ein Selbsthilfe-Buch der besonderen Art – und das zu einem recht erfreulichen Preis. Rezension im BPE-Rundbrief. Taschenbuch, 216 Seiten, ISBN 978-3-925931-45-1. Berlin / Eugene / Shrewsbury: Peter Lehmann Publishing, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2011. € 9.95
Constance Dollwet

Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele – Psychopharmaka und alternative Heilmethoden
Licht in der pharmakologischen Geisterbahn. Der Arzt und Psychotherapeut Joseph Zehentbauer stellt in "Chemie für die Seele" die Wirkung von psychopharmakologischen Therapien und alternativen Heilmethoden umfassend dar. Seine Darstellung zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: Ohne unzulässig zu vereinfachen, bedient er sich einer auch für medizinische Laien gut verständlichen Sprache. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen der Behandlungsmöglichkeiten psychischer Probleme mit Hilfe von Medikamenten geht der Autor ausführlich auf die Gefahren durch unerwünschte Wirkungen dieser Mittel ein. Seine Kritik wird durch Kapitel über die gesellschaftliche Relation von Normal und Verrückt, die Seele des Menschen und die Vorgehensweise der Pharmaindustrie abgerundet. Besonders eingehend erläutert er die Wirkungsweise pflanzlicher, homöopathischer und anderer nichtsynthetischer psychisch wirksamer Arzneien. Auch Exkurse zu legalen und illegalen Glücksdrogen fehlen nicht. Dieses Buch leistet damit, was eigentlich bei jeder ärztlichen Verschreibung von Psychopharmaka selbstverständlich sein sollte: Es klärt umfassend über Möglichkeiten, Gefahren und Alternativen zur verordneten Therapie auf. Der sachliche und einfühlsam reflektive Duktus macht dieses Buch zu einer ebenso angenehmen wie aufklärenden Lektüre. Große Empfehlung. Kartoniert, VIII + 420 Seiten, 11., teilweise aktualisierte Auflage mit einer Ergänzung zu den neuesten Antidepressiva und atypischen Neuroleptika, ISBN 978-3-925931-28-4. Berlin · Eugene, OR (USA) · Shrewsbury (UK): Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, 11., teilweise aktualisierte Auflage 2010. € 21.90
Lucinda Bee

Christian Zimmermann / Peter Wißmann: Auf dem Weg mit Alzheimer – Wie sich mit einer Demenz leben lässt
Mutmachbuch für Betroffene und Angehörige mit der Botschaft: Es gibt ein Leben nach der Diagnose. Das Buch ist ausgesprochen angenehm geschrieben; auch der Ansatz, dass sich der Autor Zimmermann als Experte aus eigener Erfahrung und Betroffenen versteht, jedoch nicht den Anspruch hat, allgemeingültige Ratschläge für andere Menschen formulieren zu können, sollte vielen zu denken geben, die in unreflektierter Weise ihre subjektiven Erfahrungen verallgemeinern. Mit Hilfe seines Schreibassistenten Peter Wißmann, dem Geschäftsführer der Demenz Support Stuttgart gGmbH, klärt der Autor über die Gehirnalterung auf, die man Alzheimer nennt, warnt vor falschen Hoffnungen, die die Pharmaindustrie mit ihrem Profitstreben macht, beschreibt den Umgang mit den mit Alzheimer verbundenen Problemen und gibt Tipps und Anregungen für alle, die mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz leben müssen. Das Buch nimmt irrationale Ängste und ist allen, die (nicht) damit rechnen, früher oder später von Gehirnalterung, Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses und anderen Symptomen betroffen zu sein, ans Herz gelegt. Kartoniert, 150 Seiten, ISBN 978-3-940529-90-9. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2011. € 16.90
Peter Lehmann