FAPI-Nachrichten
Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. P
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Oskar Panizza: Mama Venus. Texte zu Religion,
Sexus und Wahn
Erzählungen, Gedichte, Tagebucheintragungen und Briefe. Panizza,
1853 1921, Arzt und Literat, wegen »gotteslästerlicher
Schriften« im Gefängnis, 1905 auf Drängen der Mutter
entmündigt, Anstaltsinsasse bis an sein Lebensende. Mutter:
»2 Naturen sind in ihm: ein Engel und ein Teufel. Wenn GOtt
der HErr dem letzteren auszufahren gebietet wird Oskar ein
frommer Mann sein.« Oskar: »Ich selbst bin grinsender
Zuschauer und betrachte meinen seelischen Zustand wie eine Eiterbeule,
die mir ruhig fließen soll. Die Welt braucht gelegentlich
auch Eiter. Sie soll ihn haben.« Kartoniert, 253 Seiten, Hamburg:
Luchterhand 1992, 19,80 DM
Kerstin Kempker
Georg Parlow: Zart besaitet Selbstverständnis,
Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen
Buch über alle Arten von hoher Sensibilität, außersinnlicher
Wahrnehmung, Intuition u.v.m. für alle, die wegen einer starken
Sensibilität mit der normalen Welt schlecht zurecht kommen. Woran
ist das Phänomen der Hochsensibilität zu erkennen, welche Auswirkungen
hat sie, weshalb reagiert man so und nicht anders, wie kann man
sich als Hochsensibler in der normalen Welt wohlfühlen, sich ihr
bewusst anzupassen oder andere, geeignetere Wege gehen, ohne sich
schlecht zu fühlen? Kartoniert, 247 Seiten, 4 Abbildungen, ISBN
978-3-9501765-0-6. Linz: Festland Verlag, 2., überarbeitete
Auflage 2006. € 21.50 / sFr 32.90
Peter Lehmann
Bernd Pelzer: Angstfrei glücklich leben
Lebens(hilfe)-Ratgeber für Angstbetroffene
Der Autor wirbt mit nachvollziehbaren Argumenten für Ausdauertraining
und Körperübungen; Psychopharmaka würden höchstens
die Probleme vorübergehend unterdrücken, allerdings auf
Kosten von sog. Nebenwirkungen. Nach dem Absetzen kämen sie
um so stärker wieder zurück. Und oft genug wären
es, was stoffliche Auslöser betrifft, spezielle Ernährungssubstanzen
und unter medizinischen Medikamenten gerade Psychopharmaka, die
Angst- und Panikattacken auslösen. Die Erkenntnisse des Autors
resultieren aus seiner Erfahrung als klinischer Psychologe, die
er mit Angstbetroffenen in seiner psychotherapeutischen Praxis in
Luxemburg gemacht hat. Er beschreibt die vielen Facetten von Angst
und Panik, deren mögliche Ursachen, erläutert körperliche
Funktionen, die von Angstanfällen betroffen sein können,
um fundiert mit ihnen umgehen zu können, ebenso einfache Übungen
für ein Anfreunden mit dem Körper. Neue Denkmuster, sportliche
Betätigung, Gelassenheit, Traumaaufarbeitung, virtuelle Konfrontation,
positive Affirmation, Entspannungsübungen u.v.m. werden ebenso
leichtverständlich dargestellt wie die Probleme, die mit allen
Arten von Psychopharmaka verbunden sein können, weshalb der
Autor diese Substanzen allenfalls zur notfallmäßigen
Therapie akzeptiert. An stofflichen Beeinflussungsmaßnahmen
seien der Gruppe der synthetischen Tranquilizer, Antidepressiva,
Stimmungsstabilisatoren und Neuroleptika naturheilkundliche Substanzen
wie beispielsweise Johanniskraut (in der richtigen Dosierung) vorzuziehen,
ebenso die Änderung von Nahrungsgewohnheiten, um auf diese
natürliche Weise den Serotoninwert zu erhöhen und so daas
Bemühen um eine verbesserte Gefühlswelt zu unterstützen.
Gebunden, 223 Seiten, ISBN 978-3-0350-0055-9. Zürich: Oesch
Verlag 2009. € 14.95 / sFr 24.90
Peter Lehmann
Franz Petermann
/ Sandra Winkel: Selbstverletzendes Verhalten Die Neubearbeitung des Buches
bietet einen Überblick über die Entstehung, Aufrechterhaltung, Diagnostik und
Behandlungsmöglichkeiten selbstverletztenden Verhaltens aus Mainstreamsicht, unter
Betonung der "besonders bedeutsamen Rolle" der Neurobiologie. Erfahrungen
von Betroffenen wie z.B. der international bekannten Louise Pembroke aus Großbritannien
sind wie selbstverständlich ausgeblendet. Die völlig unkritisch wiedergegebene
Überlegung, sich selbst verletztenden Jugendlichen sog. atypische Neuroleptika
wegen deren angeblich geringeren unerwünschten Wirkungen zu verabreichen
und neuroleptikabedingte Fettleibigkeit bei jungen Frauen nicht etwa aus Gründen
damit verbundener Herz-Kreislauf-Gefährdungen, sondern wegen evtl. mangelnder
Compliance einzuschränken, führt wie auch das Ignorieren von neuroleptikabedingten
Defizit-Syndromen, Hypercholesterinämien (erhöhter Cholesteringehalt im Blut),
für tardive Psychosen und Dyskinesien verantwortliche irreversiblen Rezeptorenveränderungen
und erhöhter Apoptose (Sichabstoßen von Zellen aus dem Gewebe, d. h. Zelltod)
zum Ergebnis, das Buch als äußerst problematisch einzuschätzen.
Liest man gar von der Empfehlung, Neuroleptika mit SSRI zu kombinieren und ruft
sich die erhöhte Sterblichkeit vor allem bei Verabreichung von Neuroleptika in
Kombination mit anderen Medikamenten in Erinnerung, überkommt einen gar das
glatte Grausen. Kartoniert, 250 Seiten, ISBN 978-3-8017-2201-2. Göttingen usw.:
Hogrefe Verlag, 2., überarb. u. erw. Aufl. 2009. € 26.95 / sFr 44.90
Peter Lehmann Detlef Petry: Die Wanderung. Eine trialogische
Biografie Der Autor hat sich vermutlich angestrengt, etwas Neues, Gutes,
Reformorientiertes zu schreiben, seinen Patienten als Mitmensch zu sehen. Als
antipsychiatrischer Verleger, der ich im Rahmen meiner Arbeit Psychiatriebetroffenen
als Autoren gegenüberstehe, die sich selbst über die eigene Person äußern,
und angesichts des katastrophal unkritisch dargestellten Endes der Petryschen
trialogischen Beziehung tue ich mich (gelinde gesagt) schwer mit dem Ansatz einer
trialogischen Biografie. Petrys Ansatz bedeutet: Psychiatriebetroffene brauchen
nicht mehr selbst zu schreiben, im Rahmen des Trialogs erledigen ihre behandelnden
Psychiater dies nun für sie. Psychiater Petry, der seit einem Vierteljahrhundert
im niederländischen Maastricht lebt und sich im Buch fortwährend als
Bewunderer Klaus Dörners outet, erzählt nicht nur die Lebensgeschichte seines
stimmenhörenden Patienten Bert Boers und dessen Großfamilie, sondern bezieht
sich mit seiner eigenen Lebensgeschichte incl. Stammbaum und Hochzeitsfoto mit
ein. Ein Beispiel von S. 183, wie es sich liest, wenn zwei persönliche Lebensgeschichten
nebeneinander auf gleiche Augenhöhe gestellt werden: "Bert hat schwer
gelitten in der Psychiatrie und ich habe schwer gelitten an der Psychiatrie. Dadurch
hat sich zwischen uns ein starkes Band der Solidarität gebildet." Ein
kleiner Unterschied besteht jedoch, auch wenn der Autor ihn nicht problematisiert:
Detlef Petry verabreicht Neuroleptika, Bert Boers erhält sie. Boers stirbt
im Alter von nur 46 Jahren. Hierzu bringt sich Petry wieder mit ein: "Am
23. Januar des Jahres 1996 passierte etwas Schreckliches früh am Morgen
gegen 6 Uhr wurde ich zu Hause angerufen, und man teilte mir mit, dass Bert vor
zwei Stunden tot in seinem Zimmer gefunden worden sei. Man hatte den Lärm
gehört, als er auf den Boden stürzte. Als vorläufige Todesursache
wurde Herzinfarkt genannt. Ich dachte gleich an die vielen Medikamente, die Bert
über die Jahre hatte einnehmen müssen." (S. 175) Wer nun meint,
Petry werde von diesem nicht ganz unwesentlichen Gedanken noch einmal heimgesucht,
hat sich leider getäuscht, sein Interesse an der definitiven Todesursache
ist nach Verfassen der zitierten fünfzehn Worten erloschen, von der Reflektion
einer eigenen Verantwortung ganz zu schweigen. Dies ist ganz die Dörnersche
Schule bedeutungsschwanger klingende Worte, nichts dahinter, wenn es um
Psychopharmakaverabreichung und in diesem Fall gar tödliche Folgen geht.
"Detlef Petry ist Psychiater und ein mutiger Mensch", schreibt
der Paranus-Verlag auf dem Buchumschlag, der Patient werde Mit-Mensch, der Psychiater
demaskiert, steige vom hohen Ross des Spezialisten herab, spreche die Familie
von Schuld frei und werde zum Freund des Patienten, gar zum Lebensassistenten.
"Trialog geglückt Patient tot", kann man da nur sagen. Die
einen mögen Petry bewundern angesichts des totbehandelten Patienten
löst bei mir die neue Maske, die des Gutmenschen, nur noch Grausen aus. Kartoniert,
192 Seiten, zahlreiche Fotos, ISBN 3-926200-55-3. Paranus Verlag Neumünster 2003,
€ 18. Peter Lehmann Reneau
Z. Peurifoy: Frei von Angst ein Leben lang. Hilfe zur Selbsthilfe "Laufe
vor einem Gespenst fort, und es wird dich verfolgen. Gehe auf es zu, und es wird
verschwinden." Diese irische Sprichwort steht als Motto des therapeutischen Ansatzes
von Reneau Peurifoy. Er plädiert dafür, die häufig sozialisationsbedingten
Botschaften hinter der Angst zu erkennen und sich nicht mit einfacher Symptomkontrolle
zufrieden zu geben, da ansonsten keine langfristige Genesung möglich ist
und somit der Verbleib im "Zeittunnel" programmiert ist: Mal verhält
sich bei Konflikten in der Gegenwart so, wie man sich in der Vergangenheit und
mit ihren traumatischen Misshandlungssituationen verhielt. Um die grundsätzliche
Bewältigung dieser jetzt nicht mehr angemessenen Konfliktmuster und der darin
begründeten Angst- und Panikattacken geht es also schwerpunktmäßig
in diesem Buch. Es versteht sich als Arbeitsbuch mit praktischen Übungen,
durchzuführen alleine, mit privaten MitstreiterInnen, in der Selbsthilfegruppe
oder mit PsychotherapeutInnen. Also geht es um Gespräche, Entspannungsübungen,
positive innere Dialoge, Grenzen-setzen in Beziehungen und vieles Vernünftige
mehr (was in der psychiatrischen Praxis und der dort vorherrschenden stoffwechselfixierten
Ideologie naturgemäß keinen Platz findet). Ein Buch frei von modischem
neurobiologischen Blabla. Kartoniert, 232 Seiten, 10 schwarz-weiße Abbildungen,
ISBN 978-3-456-84408-4. Bern: Huber Verlag 2007. € 19.95 / sFr 32.
Peter Lehmann Gudrun Piechotta
(Hg.): Das Vergessen erleben Lebensgeschichten von Menschen mit einer demenziellen
Erkrankung Ob wir, die (Mit-)Menschen lernen können, mit unserer
eigenen Angst vor einer Demenz konstruktiv umzugehen, und durch Antizipation Verständnis
für die Demenzbetroffenen zu entwickeln, fragt Gudrun Piechotta, Professorin
für Pflegewissenschaft im Studiengang Gesundheits- und Pflegemanagement der Alice-Salomon-Fachhochschule
in Berlin. Versuchen kann man es ja: Zehn (leicht) kommentierte Lebensgeschichten
helfen zu verstehen, wie sich Demenz ankündigt, wie sie verläuft und
was auf uns selbst und die uns Nahestehenden zukommen kann. Alt wollen die meisten
werden, damit kommt auch das Problem der nachlassenden Hirnleistung auf uns zu.
Unsere Eltern, sofern im entsprechenden Alter, entwickeln evtl. gerade eine Demenz
und nerven uns mit ihrer Vergesslichkeit und ihrer Aggressivität. Das Buch
mit den Geschichten von Menschen, die bei der Demenz angekommen sind, hilft, das
Problem zu verstehen und Schmerzen und Wut zu lindern. Mit hilfreichen (auf Deutschland
begrenzten) Adressen von Beratungsstellen für Menschen mit Gedächtnisstörungen
sowie mit Adressen von Gedächtnisambulanzen in Deutschland, Österreich
und der Schweiz. Kartoniert, 242 Seiten, ISBN 978-3-938304-70-9. Frankfurt am
Main: Mabuse-Verlag 2008. € 19.80 / sFr 35.90 Peter Lehmann
Robert Pirsig: Lila
17 Jahre nach seinem brillanten halbautobiographischen Roman »Zen
oder die Kunst ein Motorrad zu warten«, in dem es um die Wiederherstellung
der persönlichen Identität der Hauptfigur ging, die durch
Elektroschocks nahezu vollständig ausgelöscht worden war,
ist jetzt das zweite Buch Pirsigs erschienen. Im Mittelpunkt von
»Lila« steht laut Verlagsankündigung wiederum Phaidros,
das Alter ego Pirsigs in »Zen«. Im Urlaub werde ich die
Muße haben, mich in das neue Buch zu vertiefen. Wem Pirsig
unbekannt ist, empfehle ich als Einstieg sein erstes Buch, längst
als preiswerte Taschenbuchausgabe im Handel. Ist nach dessen Lektüre
Lust auf mehr Pirsig gekommen: Vielleicht ist bis dann eine bezahlbare
Ausgabe auch von »Lila« erschienen. Gebunden, 449 Seiten,
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. DM 39,80
Peter Lehmann
Gabriele Pitschel-Walz: Lebensfreude zurückgewinnen. Ratgeber
für Menschen mit Depressionen und deren Angehörige
Was kann man von einem Ratgeber zu Thema Depression und Hilfe zu
deren Überwindung erwarten, wenn er ein Geleitwort von des
Elektroschockers Joseph Bäuml enthält? Richtig leider:
man bekommt die Befürwortung von Elektroschocks und die Verharmlosung
deren Folgeschäden, ebenso eine Anpreisung von Psychopharmaka
an allererster Stelle (Antidepressiva, Neuroleptika, Tranquilizer
usw.), wobei Risiken in wenig verantwortungsvoller Weise mit wenigen
Worten abgetan und Langzeitschäden insbesondere Rezeptorenveränderungen
überhaupt nicht erwähnt werden. Als Mittel gegen "Nebenwirkungen"
wie Mundtrockenheit (Begeitsymptom beispielsweise des neuroleptikabedingten
Parkinsonoids) empfiehlt die Autorin Bonbonlutschen. Psychopharmakabedingte
Chronifizierungen von Depressionen werden nicht thematisiert. Abhängigkeit
von Antidepressiva und Neuroleptika werden trotz international bekannt
gewordener Entzugsprobleme abgestritten. Abhängigkeit von Sedativa
und Tranquilizern trete nur bei längerer Einnahme auf. Von
gleicher "Güte" sind das Wiederkäuen altbekannter
Gentheorien über die Ursachen von Depressionen, das vollständige
Ausklammern psychopharmakabedingter Depressionen und gesellschaftlicher
sowie geschlechtsrollenbedingter Faktoren. Die Auflistung verschiedener
psychotherapeutischer und sonstiger Verfahren und Tipps zur Alltagsbewältigung
können die genannten gravierenden Mängen nicht im Ansatz
wettmachen. Selbsthilfegruppen tauchen nur als Wort auf, Internetadressen
sind teilweise veraltet. Fazit: kein empfehlenswertes Buch. Wer
in Institutionen dieses Buch ausliegen sieht oder empfohlen bekommt,
dürfte wissen, woran er oder sie ist. Kartoniert, XII + 132
Seiten, 12 Tabellen, ISBN 3-437-56440-4. München: / Jena: Urban
& Fischer 2003. € 19.95 / sFr 32.
Peter Lehmann
Nicole Plinz: Yoga bei Erschöpfung, Burnout und Depression
Die in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Asklepios
Klinik in Hamburg-Harburg arbeitende Yogalehrerin Plinz hat dort
Yoga in die Behandlung von Depressionen eingeführt, als Maßnahme,
die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung ergänzt.
Wenn jemand unter Depression leidet, sei eine ärztliche oder
psychotherapeutische Behandlung nötig, schreibt sie eingangs
in ihrem Buch. Doch man muss sich daran nicht halten, wenn man depressiv
ist und Yoga machen will, um seine Stimmungslage zu verbessern.
Man kann das Buch auch lesen, wenn man nicht zum Psychiater gehen
mag, und diverse Yogaübungen trotzdem machen. Im ersten Teil
des Buches erläutert die Autorin ihr Verständnis von Depressionen
als klassifizierbare Krankheit, Stresskrisen und Erschöpfungszuständen
und die Auswirkung von Yoga auf diese Probleme im allgemeinen und
beschreibt anschließend einzelne Übungen gegen psychische
Problemfelder. Im zweiten Teil stellt sie eine Vielzahl unterschiedlicher
Übungen dar, illustriert mit farbigen Abbildungen. Achtung:
Yoga sei kein Trick, sondern werde als Weg verstanden, Körper,
Geist und Psyche achtsam wieder in Balance zu bringen. Emotionen
und Gedanken werden bei Yogaübungen wahrgenommen und ermöglichen
so eine Auseinandersetzung mit ihnen. Schade, dass die Autorin trotz
neuropsychologischer Beratung beim Verfassen des Buches nicht auf
die Frage eingegangen ist, wie sich die Beeinträchtigung des
Nervensystems durch synthetische neurotoxische Substanzen mit den
Energieströmen verträgt, die Yoga freisetzen soll oder
die bei Yogaübungen auf Körper, Geist und Psyche einwirken.
Eine Überlegung wäre dieses Zusammentreffen entgegengesetzter
Energien sicher wert, auch wenn sie nur für diejenigen interessant
sein dürfte, die psychiatrische Psychopharmaka zu sich nehmen.
Kartoniert, 189 Seiten, 208 farbige Abbildungen, ISBN 978-3-86739-048-4.
Bonn: BALANCE Buch + Medien Verlag 2009. € 17.95 / sFr 31.40
Peter Lehmann
Edward M. Podvoll: Verlockung des Wahnsinns. Therapeutische
Wege aus entrückten Welten
Podvoll ist ein amerikanischer Psychiater, der von drei sehr genauen
Selbstbeschreibungen ausgehend eine Psychosetheorie entwickelt (dem
Adligen John Thomas Perceval aus dem 19. Jh., verrückt, Zwangsjacke,
Aufdeckung in 2 Büchern, antipsychiatrisch aktiv; John Custance,
geb. 1900, Banker, Geheimdienst, »manisch-depressiv«,
Anstalten, Schocks, Bücher, Kämpfer für Patientenschutz;
Donald Crowhurst, 1932-1969, Ingenieur, der als Ein-Mann-Segler
die Welt umrunden wollte, dabei größenwahnsinnig wurde
und starb, minutiös Logbuch schrieb). Psychose ist für
ihn »die natürliche Folge der besonderen Lebensumstände
eines Menschen«, die bestimmte Stadien durchläuft (»Teufelskreis
des Verrückt-Werdens«, »Spirale des Größenwahns«)
und einer »natürlichen Heilung« zugänglich ist:
»Letzten Endes hängt die Heilung eines Psychotikers davon
ab, welche Bereitschaft und Fähigkeit er besitzt, sich auf
die detaillierte Erkundung seines eigenen Geisteszustandes einzulassen,
und zwar aus eigenem Antrieb und ganz auf sich allein gestellt.«
Es geht Podvoll aber nicht um die aus esoterischen Kreisen bekannte
Trennung der »spirituellen Krisen« von den psychiatrischen,
sondern er ruft auf zur Selbsthilfe. Ob man seinen Theorien und
Ratschlägen nun folgt oder nicht, Grundlage und Herzstück
des Buches sind die Selbstbeobachtungen (s.o.) und die praktischen
Konsequenzen im zweiten Teil: das Windhorse-Projekt (intensiv betreute
WGs mit einer/m vorher Psychiatrisierten. Die WGs beruhten auf Respekt,
Alltagshilfen, Psychopharmakareduzierung) und in der Folge das »Haus
der Freundschaft« (fünf LangzeitinsassInnen, zwei HausgenossInnen,
dreißig zum Großteil ehrenamtliche HelferInnen). Schlüsselwort
für beide Projekte ist die »Basisbetreuung«: Für
drei Stunden täglich steht den einzelnen »Betreuten«
jemand zur Verfügung, um genau das zu tun, was diese gerade
brauchen. Das kann alles sein, ein Spaziergang, zusammen aufräumen,
ins Kino gehen, reden, schweigen. Es klingt so einfach, erfordert
aber, wie Podvoll ausführlich beschreibt: »Präsent
sein«, »den andern einlassen«, »gewähren
lassen«, »mitnehmen«, »wahrnehmen«, die
»Entdeckung der Freundschaft«. Die Beschreibungen der
sechs Jahre Windhorse und des einen Jahres »Haus der Freundschaft«
haben mir besonders gefallen und mich auch großzügig
gemacht gegenüber dem üblichen Vokabular, das Podvoll
sorglos benutzt. Er spricht von Geisteskranken, die der Pflege bedürfen,
er lobt Eugen Bleuler und zitiert stolz dessen Sohn Manfred. Aber
er schreibt auch: »Jeder kann endgültig den Verstand verlieren,
wenn er nicht sehr gut für ihn sorgt.« Ein nutzbares Buch,
respektvoll, bodenständig und buddhistisch angehaucht. Geb.,
429 S., München: Hugendubel Verlag 1994. DM 48, / sFr 46,50
/ öS 375,
Kerstin Kempker
Helmut
Pollähne: Lockerungen im Maßregelvollzug Rechtswissenschaftlicher
Bericht über erleichternde Auswirkungen einer reformierten § 63 StGb-Praxis
(am Beispiel der Anwendung des nordrhein-westfälischen Maßregelvollzuggesetzes
im Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt/Eickelborn), mit vielen
Literaturhinweisen und empirischen Daten. Pollähne ist zwar insgesamt wenig
psychiatriekritisch, aber er liefert handfeste Daten für Betroffene des §
63, z.B. über die fehlende Fundiertheit psychiatrischer Prognostik. Kart.,
366 S., Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1994. Unverbindliche Preisempfehlung
DM 89, / sFr 81, Peter Lehmann Roy Porter: Wahnsinn. Eine
kleine Kulturgeschichte "Wer wurde als wahnsinnig bezeichnet? Was wurde
als Ursache ihres Zustandes verstanden? Und was wurde getan, um sie zu heilen
oder unter Kontrolle zu halten?" Diesen Fragen geht der englische Medizinhistoriker
in seiner 2002 im Original erschienenen Kulturgeschichte des Wahnsinns nach und
durchstreift dabei leichtfüßig, angenehm sachlich und mit offenem Blick zweieinhalb
Jahrtausende. Es wird deutlich, wie im Laufe der Zeit der Blick auf den Wahnsinn
immer enger wurde, von übernatürlicher Besessenheit zum Gendefekt, vom Exorzismus
zur Pille, Milliardenumsätzen der Pharmaindustrie, dem "Schwanz, der mit dem Hund
wedelt". Ein intelligentes, gut lesbares und erhellendes Buch, illustriert mit
Stichen, Zeichnungen und Fotografien. Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten,
28 Abbildungen, ISBN 3-908777-06-2. Zürich: Dörlemann Verlag 2005. €
18.90 / sFr 32. Kerstin Kempker Alfred
Pritz / Elisabeth Vykoukal / Katharina Reboly / Nassim Agdari-Moghadam (Hg.):
Das Messie-Syndrom Phänomen, Diagnostik, Therapie und Kulturgeschichte
des pathologischen Sammelns Das Buch zeigt die verschiedenen Ansätze
zum Messie-Syndrom auf und fasst sie zu einem Ganzen zusammen. Wir finden Berichte
über psychotherapeutische Hilfen und Selbsthilfeansätze für Menschen,
die unter einem Sammel-"Wahn" (Namensvorschlag im Buch: "Organisations-Defizit-Störung
[ODS]") leiden und sich nicht von ihrem Müll trennen mögen. Und
es enthält Selbstzeugnisse, Fragebögen, Kontaktadressen und den Messie-House-Index
(Vermessung der Wohnung inkl. Gerümpel). Der Versuch einer eigenen Diagnostik
wird entwickelt, ebenso finden sich allerlei therapeutische, vor allem psychoanalytische
Überlegungen, schließlich ist Alfred Pritz Leiter der Forschungsgruppe
"Messie-Syndrom" und Rektor der Sigmund-Freud-Privatuniversität
Wien. Dargestellt wird die Messie-Bewegung in Österreich und in der Schweiz;
aus Deutschland gibt es im Anhang immerhin eine Adresse. Zudem werden kulturgesellschaftliche
Überlegungen angestellt, beispielsweise fragt man sich, ob das Messie-Syndrom
mit der modernen Wegwerfgesellschaft zu tun haben könnte. Ziel des Buches ist
es, dem Messie-Phänomen näher zu kommen, um es besser zu verstehen und Konsequenzen
für die effiziente psychotherapeutische Arbeit ableiten zu können. Für alle,
die sich weiter mit dem Thema weiter ob therapeutisch, selbsthilfemäßig
oder theoretisch beschäftigen wollen, liefert das Buch eine Vielzahl
von Anregungen. Kartoniert, X + 324 Seiten, 4 schwarz-weiße und 16 farbige
Abbildungen, Tabellen, ISBN 978-3-211-76519-7. Wien: Springer Verlag 2008. €
39.95 / sFr 62. Peter Lehmann Psychotherapie
im Dialog. Schwerpunktheft: Angststörungen Alles über alle Arten
von Angststörungen und deren Therapien aus der Sicht von Professionellen.
Auf Erfahrungen und Beiträge von Betroffenen wurde leider offenbar keinen
Wert gelegt. Aber wer sich ausschließlich für die Sicht mainstreamorientierter
Profis interessiert, kann sich hier über den aktuellen Stand deren Wissens
informieren. Auch enthalten: Besprechungen von Selbsthilfe-Ratgeberbüchern;
wobei auch bei den Buchbesprechungen Bücher von Betroffenen wie selbstverständlich
ausgegrenzt sind. Einen eingeschränkten Überblick bietet der Artikel
zu Selbsthilferatgebern dennoch. Ebenfalls enthalten als Artikel ist ein großer
Überblick über alle möglichen themenspezifischen Websites; schade,
dass die Autorin dieses Beitrags keine Angaben darüber macht, hinter welchen
Websites kommerzielle Interessen und gar Pharmafirmen stehen. Zeitschrift im Thieme
Verlag Stuttgart. Heft 4/2005. 120 Seiten, ISSN 1438-7026. € 29.90 Peter
Lehmann Monica Ramirez Basco:
Manie und Depression Selbsthilfe bei bipolaren Störungen Psychiatriekonformes
Arbeitsbuch mit Strategien zur Kontrolle von Symptomen, zur Verhinderung von Rückfällen
und zur Problemlösung basierend auf der Überzeugung, dass Psychopharmaka
unbedingt notwendig sind, auf einem durchgängig biomedizinischem Krankheitsverständnis
und mit Anleitungen zu Interventionen und Aktionen durch die Betroffenen selbst
("Selbsthilfe"). Aus dem Englischen. Paperback, 355 Seiten, ISBN 978-3-86739-019-4.
Bonn: BALANCE Buch + Medien Verlag 2007. € 17.90 / sFr 32.30 Peter
Lehmann
Luise Reddemann / Arne Hofmann / Ursula Gast (Hg.): Psychotherapie
der dissoziativen Störungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis
störungsspezifisch und schulenübergreifend
Informative, allerdings kritische Publikationen (wie z.B. Wildwasser
Bielefeld e.V. [Hg.]: Der aufgestörte Blick. Multiple Persönlichkeiten,
Frauenbewegung und Gewalt) aus dem Blickfeld ausblendende Zusammenfassung
des aktuellen Wissens über Krankheitsmodelle, Diagnostik, psychotherapeutische
Behandlung und Verlauf dissoziativer Störungen zur psychotherapeutischen
Fort- und Weiterbildung. Mit einer Liste von Beratungsstellen und
Therapeuten. Kartoniert, XII + 219 Seiten, 4 Abbildungen, 9 Tabellen,
ISBN 3-13-130511-8. Stuttgart & New York: Thieme Verlag 2004.
€ 39.95 / sFr 67.
Peter Lehmann
Susanne Regener: Visuelle
Gewalt Menschenbilder aus der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts
Das Buch enthält eine akademische Auseinandersetzung mit psychiatrischen
Fotografien als normierende Körperpolitik: Psychiater wollen Fremdes
definieren, pathologisieren und katalogisieren. Die Autorin, Professorin
für Kultur- und Medienwissenschaftlerin an der Universität Siegen,
analysiert dieses psychiatrische Ordnungsverfahren, das im Namen
von wissenschaftlicher Vernunft auf Körper und Seelen zielt, Menschen
aber lediglich typisiert und ausgrenzt. Die 135 Abbildungen, beginnend
mit der Anfangszeit der Photographie, ergänzt um gezeichnete Abbildungen
aus der Zeit davor, hinterlassen einen schönen Eindruck von der
Perversion des diagnostischen Blicks, der mit Diagnosen und entsprechenden
Fotographien Augenblickszustände der psychischen Befindlichkeit
aus dem historischen Zusammenhang herauslösen und zum objektiven
biologischen Krankheitssymptom umdeuten will. Schade, dass die Autorin
von einem kurzen Absatz über moderne bildgebende Verfahren
mit demselben Anspruch auf Sichtbarmachung und Erklärung außerordentlicher
seelischer Zustände und Erfahrungen beim psychiatrischen
Zeitalter der Lobotomie Anfang der 50er Jahre Halt gemacht hat und
in psychiatrischer Fachliteratur publizierte Fotografien aus dem
Zeitalter der Psychopharmakologie ebenso ausblendet wie Fotografien
Elektrogeschockter. Auf Literaturquellen Psychiatriebetroffener
verzichtet die Autorin ebenfalls, diese Spezies belässt sie in ihrem
Objektstatus. Nichtsdestotrotz, wer sich kritisch mit der Geschichte
und Funktion psychiatrischer Fotografien beschäftigen will, findet
in Susanne Regeners Buch ausreichend Material für einen guten Einstieg
ins Thema. Kartoniert, 253 Seiten, 135 Abbildungen, ISBN 978-3-89942-420-1.
Bielefeld: transcript Verlag 2010. € 27.80 / sFr 41.95
Peter Lehmann
John Rengen / Olaf Nollmeyer: Rubio spuckt's aus. A Story from
a Pharma-Insider
"Rubio spuckt's aus" ist, als Fiktion notdürftig verpackt, die Geschichte
von Rubio, einem schwedischen Pharmamanager, der mit skrupellosen
Bestechungen von Ärzten, Gutachtern und Regierungsvertretern rasant
Karriere machte und noch rasanter gefeuert wurde. Wer an Details
der globalen, schmutzigen und effektiven Pharmageschäfte interessiert
ist (und über die vielen Druck- und Rechtschreibfehler hinwegliest),
wird glaubwürdig und flott lesbar bedient, angereichert mit aktuellen
Presseberichten und Websites. Dass Rubio, dessen Geschichte nahezu
identisch mit der des Autors scheint, just in dem Moment, wo er
gefeuert ist, Reue und Empörung erfassen, hinterlässt einen kleinen
Nachgeschmack. Rezension
im BPE-Rundbrief. Paperback, 125 Seiten, ISBN 978-3-89626-605-7.
Berlin: trafo verlag 2006. € 12.80
Kerstin Kempker
Peter Riedesser
/ Axel Verderber: »Maschinengewehre hinter der Front« Zur Geschichte
der deutschen Militärpsychiatrie Umfassende und kritische Auseinandersetzung
mit der Rolle der deutschen Militärpsychiatrie von der Kaiserzeit über
die Weimarer Republik und den Faschismus bis zur heutigen Bundeswehr. Unter der
Annahme, Militärpsychiatrie könne keine neutrale Wissenschaft sein,
setzen sich die Autoren mit dem "Missbrauch" der Psychiatrie auseinander.
Nie sei es um Heilung gegangen, immer nur um Disziplinierung, und die Folgen seien
gewalttätige und schmerzhafte »Therapie«verfahren gewesen. Weshalb
die Autoren auf die Frage verzichten, wo der prinzipielle Unterschied der Militärpsychiatrie
zur "neutralen" Psychiatrie liegt mit ihren ebenfalls konfliktunterdrückenden
Verabreichungen kaum weniger schmerzhafter Anwendungen (Neuroleptika, Elektroschocks,
Insulinschocks) oft unter Gewaltanwendung oder -androhung, bleibt ihr Geheimnis.
Wegen seiner Faktenfülle ist das Buch dennoch wichtig und lesenswert. Mit
einem Kapitel zur Militärpsychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg und in der
Bundeswehr und einem Vorwort der Autoren zur Neuauflage 2004. Kartoniert, 248
Seiten, 3 Abbildungen, ISBN 3-935964-52-8. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag, 2.
Auflage 2004. € 24. / sFr 44.20 Peter Lehmann Eckhard
Roediger: Wege aus der Angst. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige
"Wie Ängste entstehen", lautet das erste Kapitel des übersichtlichen und
verständlichen Buches. Eckhard Roediger beginnt mit dem Abschnitt "Körperliche
Grundlagen des Angsterlebens". Roediger ist Neurologe, organische Dispositionen
sind für ihn wichtig. Als tiefenpsychologisch orientierter Therapeut, der
am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin arbeitet, schlägt er
mehr oder weniger undogmatische Bögen zwischen Neurologie, Antroposophie,
Verhaltenstherapie und Psychiatrie. Allerlei durchaus sinnvollen Ratschlägen,
Angst- und Panikanfälle zu verstehen und vernünftig mit ihnen umzugehen, sowie
Selbsthilfe-Übungen und psychotherapeutischen Techniken steht allerdings
der psychiatrische Vorschlag entgegen, Psychopharmaka einzusetzen, insbesondere
die marktaktuellen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), denen der Neurologe
die Förderung der Aussprossung von Hirnzellen im Hippocampus nachsagt, was zu
verbesserten Lerneffekten führe. Neuere Forschungen, die Roediger allerdings nicht
benennt, würden darauf hinweisen. Doch dies ist eine sehr schwer (oder niemals)
zu beweisende und recht abenteuerliche Hypothese. Das würde auf ein so genanntes
Hirndoping hinauslaufen, was im Grunde auch das bewusste Lernen von "Gesunden"
verbesserte. Werden lernschwache Schulkinder vielleicht bald schon SSRI bekommen?
Um auf die Frage des Einsatzes dieser Antidepressiva bei unter Ängsten leidenden
Menschen zurückzukommen: Wäre es nicht sinnvoll, erst mal die therapeutische
Wirkung der SSRI nachzuweisen? Kartoniert, 175 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen,
ISBN 3-7725-5019-3. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2005. € 14.50
/ sFr 26.20 Peter Lehmann Heinz-Peter Röhr: Vom Glück, sich
selbst zu lieben. Wege aus Angst und Depression Flüssig geschriebener
und leicht verständlicher Ratgeber für Menschen, die sich darauf einlassen
können, dass der Autor immer wieder Grimms Märchen "Der Teufel
mit den drei goldenen Haaren" heranzieht, um seinen differenzierten Vorschlägen
zur Überwindung des eigenen inneren negativen Selbstbildes zu folgen. Laut
Heinz-Peter Röhr tragen Menschen mit traumatischen Erfahrungen, denen Schlimmes
angetan wurde, zwar in keiner Weise die Schuld dafür (diese liegt einzig
bei den Tätern), allerdings die Verantwortung dafür, dass sie all ihre Energie
darauf verwenden, aus der Opferidentität herauszutreten und trotz allem Vorgefallenen
möglichst glückliche Menschen zu werden. Damit liegt er auf ähnlicher Linie
wie Tina Stöckle, die ihr Buch "Die Irren-Offensive Erfahrungen
einer Selbsthilfeorganisation von Psychiatrie-Opfern" in der Neuauflage in
"Die
Irren-Offensive Erfahrungen einer Selbsthilfeorganisation von Psychiatrie-Überlebenden"
umbenannt haben wollte. Original 2001 im Penda Verlag erschienen. Kartoniert,
185 Seiten, ISBN 3-530-40182-X. Düsseldorf & Zürich: Walter Verlag
2005. € 14.90 / sFr 26.80 Peter Lehmann Thomas
Röske / Bettina Brand-Claussen / Gerhard Dammann (Hg.): Wahnsinn sammeln
Outsider Art aus der Sammlung Dammann / Collecting madness Outsider Art
from the Dammann Collections Deutsch-englischer Ausstellungskatalog mit
vielen farbprächtigen großformatigen Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen, Figuren,
Objekten, Schnitzereien ... beeindruckend durch Kraft und Eigensinn. Wahnsinn
einmal nicht als Feld der Psychiatrie, sondern als Feld, dem radikale Kunst und
ihr Sammeln entwachsen. "Verrückte" Sammler und Galeristen werden intensiv befragt
und analysiert ist es Sucht, ist es Leidenschaft, was ist es? Aquarelle
und Zeichnungen von Adelheid Duvanel und Unica Zürn, die als Autorinnen bekannt
wurden, zähnebleckende Madonnen-Objekte von Hans Schärer, schreiende Torsi an
einem geschnitzten Bett, das um 1880 in einer französischen Anstalt entstand,
eine "erstaunliche Parallelwelt neben der offiziellen Institution Kunst". Beiträge
von Maria A. Azzola, Bettina Brand-Claussen, Peter Gorsen, Monika Jagfeld, Floria
Reese, Barbara Safarova, Michael Schroeder und Wolfgang Ullrich. Gebunden, 224
Seiten, 100 farbige Abbildungen, 20 x 28 cm, ISBN 3-88423-265-7. Heidelberg: Verlag
Das Wunderhorn 2006. € 29.90 / sFr 52.20 Kerstin Kempker Gisela
Roggendorf / Katja Rief: Schizophrenie ein Denkausbruch mit Folgen. Eine Positivtheorie
Hier geht es um eine neue "Theorie der Schizophrenie-Entstehung", die
als Ursache keinen Defekt und keine genetische Schwäche postuliert, sondern eine
atypische Häufung von guten und starken Charaktereigenschaften sowie eine Anpassungsunfähigkeit.
So bricht die Balance zusammen, das Denken gerät in Unordnung, ein Gefühls- und
vor allem ein Denkausbruch findet statt und bei den Betroffenen treten schließlich
Erschöpfungszustände ein, die sie in Tabuzonen geraten lassen, bis eine Verständigung
mit ihnen nicht mehr möglich scheint. Ein nachvollziehbarer Ansatz, wäre da nicht
der absolute Anspruch der Autorinnen einer Psychiaterin und einer Politikwissenschaftstudentin
-, ihre Theorie erkläre schlüssig jedes Detail, das im Zusammenhang mit 'Schizophrenie'
auftritt: "Die vorliegende Theorie ist eine vollständige und nicht widerlegbare
Darlegung der Entstehung schizophrener Symptome." "Schizophrenie ist und bleibt
eine Krankheit", schreiben sie weiter und halten es für erstrebenswert, wenn Befürworter
und Gegner des Krankheitsbegriffs eine Einigung fänden. Leider machen sie hierzu
keinen Vorschlag, was angesichts ihres Überzeugtheitsgrads nicht verwundert. Dass
'Schizophrenie' als Krankheit zu definieren sei, begründen sie unter anderem mit
dem Argument, sie würde mit Medikamenten und in Krankenhäusern behandelt. Ähnliches
könnte auch Kritikern der Psychiatrisierung sowjetischer Dissidenten entgegnet
werden: Ist die Neigung zu demokratischen Verhältnissen deshalb eine Krankheit,
weil die Missliebigen in Anstalten gesteckt werden und Psychopharmaka gespritzt
bekommen? Würden die Autorinnen psychiatrisch diagnostizierte Menschen nicht in
altbekannte diagnostische Schubladen sperren ("die Schizophrenen", "die Genialen"),
die Verwendung von Psychopharmaka nicht per se gutheißen und den existentiellen
Unterschied zwischen einem Modell und der Realität nicht ausblenden, könnte man
diesem Denkausbruchsversuch aus der herrschenden Ideologie weit positiver gegenüberstehen.
Wer allerdings noch im biopsychiatrischen Krankheitsdenken verfangen ist, findet
in diesem Buch sicher Denkfreiräume. Man muss den Autorinnen ja nicht auf den
Leim gehen und glauben, jenseits ihrer Einsichten und Vorstellungen sei die Welt
zu Ende. Gebunden mit Schutzeinschlag, 204 Seiten, ISBN 978-3-9803103-9-0. Bielefeld:
Gisela Roggendorf Verlag 2006. € 19.50 / sFr 34.30 Peter Lehmann
Anke Rohde / Christof Schaefer: Psychopharmakotherapie in Schwangerschaft
und Stillzeit. Möglichkeiten und Grenzen Aus der Sicht der herrschenden
Medizin geschriebenes, dennoch nicht unreflektives im Verhältnis zum
Umfang leider teures Buch, aus dem die Unsicherheit und Risikobehaftetheit
von psychiatrischen Psychopharmaka aller Art für Fötus und Neugeborenes
deutlich wird: im negativen Fall Einzelfallberichte über Schäden oder
nachweislich erhöhte Risiken, im positiven Fall eine unzureichende Datenlage.
Die Risikoabschätzung bleibt den Betroffenen nicht erspart, wollen sie sich
nicht blind auf das Urteil von Ärzten verlassen. Auch für NichtmedizinerInnen
recht verständlich geschrieben. Kartoniert, VIII + 71 Seiten, 3 Abbildungen,
ISBN 3-13-134331-1. Stuttgart / New York: Thieme Verlag 2006. € 19.95 /
sFr 24.90 Peter Lehmann Marius
Romme, Sandra Escher: Stimmenhören verstehen Der Leitfaden zur Arbeit
mit Stimmenhörern Nach "Stimmenhören akzeptieren" geht
es jetzt um das Verstehen von Stimmen: um alternative Erklärungs- und Therapieansätze
sowie therapeutische Interventionen wie Stimmeninterviews, Berichte und Konstrukte
als methodische Hilfsmittel, damit Therapeuten und über sie auch Betroffene
die Beziehung zwischen Stimmen und individueller Lebensgeschichte analysieren
und der Bedeutung der Stimmen auf die Spur kommen können. Romme und Escher
empfehlen, die in dem Buch erläuterten Methoden nur in Verbindung mit der
Teilnahme an speziellen Fortbildungskursen und möglichst gemeinsam von Profi
und Stimmenhörer anzuwenden. Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Teil
I erklärt die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes, die Auswirkung von Forschung
auf die Diagnostik und den Zusammenhang von Stimmen und Lebensgeschichte. Teil
II führt den Fragebogen ein als Mittel, diese Beziehung zu analysieren und
zu einem Konstrukt (welch scheußlicher Begriff) weiterzuentwickeln, das
die zugrunde liegenden Probleme definiert. Teil III befasst sich mit den Interventionen
und mit Erklärungen, die Stimmenhörer für ihre Stimmen haben. Leider
fehlt in der erwähnten Literatur, über die man sich mit Erfahrungen
von Stimmenhörern vertraut machen soll, ausgerechnet das Buch "Meine
Stimmen Quälgeister und Schutzengel. Texte einer engagierten Stimmenhörerin"
von Hannelore Klafki, der 2005 gestorbenen Gründerin des deutschen Netzwerks
Stimmenhören. Im Maastrichter Fragebogen, der dem Buch beiliegt, werden u.a.
traumatische Erfahrungen insbesondere in der Kindheit abgefragt. Ausgespart werden
allerdings ausgerechnet Fragen nach traumatischen Psychiatrieerfahrungen, dabei
ist der Zusammenhang zwischen Missbrauch in der Kindheit, Wiederholung traumatischer
Erfahrungen in der Psychiatrie (erzwungenes Entkleiden, erzwungener Bettaufenthalt,
gewaltsame Manipulationen am Körper) und Stimmenhören wie auch anderen
Formen verrückter Lebens- und Sinnesweise hinreichend bekannt. Kartoniert,
240 Seiten, mit der 16seitigen Beilage "Maastrichter Fragebogen", ISBN 978-3-88414-442-8.
Bonn: Psychiatrie-Verlag 2008. € 24.90 / sFr 43.70 Peter Lehmann Marius
Romme, Sandra Escher: Stimmen hören akzeptieren Über einen neuen
Zugang zum Stimmenhören, über psychiatrische und nicht-psychiatrische
Perspektiven. Kart., 264 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1997. DM 34, / sFr 31,50
/ öS 248, Peter Lehmann
Rudzinski, Hans G.: Delirius
Roman eines Selbstzerstörung, geschrieben aus einer völlig
unklaren Erzählperspektive. Zwar ist der Roman in Ichform verfasst,
aber die Handlung bereits diagnostisch beschrieben. So haut der
Protagonist beispielsweise nicht etwa in panischer Angst seinen
Schädel an die Wand, sondern "es setzen Selbstverletzungsattacken
ein"; statt dass er beispielsweise schreiend durch den Wald
rennt und ein Wolfsrudel abzuhängen versucht, das hinter ihm
her ist und ihn aufzufressen versucht, "steckt er noch mitten
drin in der Psychose". Lebendige und direkte Sprache, die das
Erleben Verrückter glaubhaft und ungebrochen darstellt, sieht
anders aus. Kartoniert, 141 Seiten, ISBN 978-3-938157-95-4. Jena
usw.: Verlag Neue Literatur 2009. € 10.90
Peter Lehmann
Marc Rufer: Irrsinn Psychiatrie Psychisches Leiden ist
keine Krankheit. Die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens
ein Irrweg
Rezension
1 (pdf), erschienen mit der schulmeisterhaften Überschrift
"Verborgene Diffamierung der Psychiatrie" in: Der
Eppendorfer Zeitschrift für die Psychiatrie (Brunsbüttel),
4. Jg. (1989), Nr. 2. Rezension
2 (pdf), erschienen in: Psychologie & Gesellschaftskritik,
13. Jg. (1989), Heft 4, S. 117-118. Kartoniert, 232 Seiten. Bern
& Bonn: Zytglogge Verlag 1988. DM 30.
Peter Lehmann
Klaus-Dietrich
Runow: Wenn Gifte auf die Nerven gehen Wie wir Gehirn und Nerven durch
Entgiftung schützen können
Umweltmedizinisches Fachbuch, das für ein ganzheitliches
Gesundheitskonzept plädiert und Antworten gibt auf Fragen wie:
Können Umweltgifte, Pollenallergien oder Nährstoffdefizite
für körperliche, psychische und neurologische Beschwerden
verantwortlich sein? Können Nahrungsmittel Hyperaktivität
bei Kindern oder sogenannte Psychosen verursachen? Kann eine Entgiftungsbehandlung
zur Linderung von Nerven- und Gehirnstörungen beitragen? Welche
körpereigenen Substanzen bzw. Vitalstoffe können neurologische
Beschwerden lindern? Gebunden mit Schutzeinschlag, 173 Seiten, 10
schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-517-08387-2. München:
Südwest-Verlag 2008. € 12.95 / sFr 23.90
Peter Lehmann Ingo
Runte: Begleitung höchst persönlich Innovative milieutherapeutische
Projekte für akut psychotische Menschen Lesenswerte Arbeit über
die wichtigsten internationalen Alternativprojekte. Im Mittelpunkt dieses Buches
stehen vier erfolgreiche sogenannte milieutherapeutische Projekte, die "akut
psychotischen" Menschen eine wirksame Alternative zur Überwindung ihrer
Krise bieten können: Die Soteria Kalifornien als Pionier-Einrichtung der
Soteria-Häuser, das Burch House in der Tradition von Laing, die Soteria Bern
und das in Deutschland noch wenig bekannte Windhorse-Programm. Kart., 264 S.,
ISBN 3-88414-275-5. Bonn: Psychiatrieverlag 2001. € 36. / sFr 63.
Peter Lehmann Franz Ruppert: Verwirrte Seelen – Der verborgene
Sinn von Psychosen. Grundzüge einer systemischen Psychotraumatologie Versuch
des Hellinger-Schülers Ruppert, aus dessen Aufstellungs-Erfahrungen eine Theorie
psychischer "Störungen" und ihrer "Heilung" zu machen. Gebunden mit
Schutzumschlag, 477 S., ISBN 3-466-30600-0. München: Kösel Verlag 2002. €
29,95 / sFr 51, Peter Lehmann Ulrike
S. / Hans Reinecker: ABC für Zwangserkrankte. Tipps einer ehemals Betroffenen
Ein typischer Ratgeber, Plädoyer für Verhaltenstherapie, locker geschrieben
und alphabetisch gegliedert von A wie "Aberglaube" über H wie "Hölle" und M wie
"Medikamente" bis Z wie "Zuversicht". Ich lese Seite 68, "Medikamente", und erfahre,
man solle den Beipackzettel nicht zu ernst nehmen. Weil: Ohne Psychopharmaka hätte
die Autorin nicht gesund werden können, so ihre Worte. Weshalb andere sich deshalb
nicht um Risiken und sog. Nebenwirkungen kümmern und alles ärztlich Verordnete
brav schlucken sollen, verrät sie nicht. Dafür ihre Grundhaltung: "Wenn Sie
keine Medikamente brauchen, was durchaus der Fall sein kann, dann sollte diese
Erkenntnis vom Therapeuten kommen und nicht von der Freundin oder der Gemüsefrau
um die Ecke." Somit erübrigt sich unter V die Rubrik "Verachtung eigenständigen
Denkens". Kartoniert, 107 Seiten, ISBN 3-525-46263-8. Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht 2006. € 14.90 Peter Lehmann Ischtar Sabbathon:
VorLaut. Wie ein Friedensengel lernte, Tacheles zu reden Als ich das
Buch »VorLaut« geschenkt bekam, begann ich es neugierig zu lesen. Und
während des Lesens kam mir immer wieder die Frage: »Warum heißt
dieses Buch VorLaut« ? Bis zu diesem Zeitpunkt war »vorlaut«
für mich eine unangenehme Eigenschaft, die mir, als ich Kind war, mit Nachdruck
ausgetrieben wurde: Man drängt sich nicht in den Vordergrund; Kinder sprechen
nur, wenn sie gefragt werden. Während des Lesens spürte ich aber, dass
»VorLaut« hier auch etwas ganz anderes meinte. Ich begann zu begreifen,
dass Kinder schon ganz früh Sprache verstehen lernen und damit ein Gespür
entwickeln, Lebenszusammenhänge zu erfassen. Und weil sie noch nicht fähig
sind, aktiv zu sprechen, bleibt ihnen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt
und dass ihnen etwas verborgen gehalten wird, mit dem sie sich oft viele Jahre
im Leben, manche sogar lebenslang, herumplagen. Ischtar Sabbathon (der Autorenname
ist ein Pseudonym), 1945 in Deutschland geboren, wuchs in einer zusammengewürfelten
Familie auf, in der es seit Generationen Tradition war, Themen von Missbrauch
und Gewalt in einer intimen Tabukiste verschwinden zu lassen. Ischtar hat in den
Jahren des Heranwachsens in dieser Familie ein Fremdheitsgefühl. Sie spürt,
dass ihr etwas fehlt. Ein ganz merkwürdiges Gefühl spricht zu ihr, dass
sie in dieser Familie aufwächst, sich aber als nicht dazugehörig empfindet.
Sie ahnt, dass ihr die Lebensumstände ihrer eigenen Herkunft und Geburt bislang
verschwiegen wurden: Faktoren, die zu ihr gehören und ihre eigene Identität
ausmachen. Sie geht dieser noch nicht in Sprache zu fassenden Ahnung nach und
findet auf ihrer biographischen Spurensuche in dem Geflecht von Unstimmigkeiten
und schicksalhaften Verstrickungen schließlich im Rahmen einer hypnotherapeutischen
Ausbildung zu ihren Wurzeln. Dass diese nun auch noch in der deutsch-jüdischen
Vergangenheit liegen, macht das vorliegende Buch zusätzlich zu einem sehr
feinfühligen Dokument der nationalsozialistischen Zeitgeschichte, obwohl
die Autorin nicht die Absicht hatte, ein weiteres Buch über den Holocaust
zu schreiben, sondern einzig und allein Spurensuche betrieb auf dem Weg zu sich
selbst. Diese Spurensuche, das Erkennen von Zusammenhängen, das Einfügen
der gefundenen Bausteine in ihr Lebensmosaik, beschreibt die Autorin ohne Sentimentalität
und wissenschaftliche überfrachtung. Statt dessen wird der Leser zunehmend
fasziniert und in die tiefgreifende Erfahrung der Autorin mit hineingezogen, nicht
zuletzt durch ihre sehr sensible, klare und deshalb so packende Sprache. 318 Seiten,
Schafft Verlag 2000. DM 34,50 / sFr 32, / öS 252, Astrid Stecker
SAMMELREZENSION - Dieter
Naber, Franz Müller-Spahn (Hg.): Clozapin. Pharmakologie und Klinik eines
atypischen Neuroleptikums. Eine kritische Bestandsaufnahme
- Clozaril
Patient Monitoring Newsletter, Nr. 5
- Jolien Kok-van Esterik: Clozapine:
Benefits and Risks of a Controversial Drug
Wie bei
allen anderen psychiatrischen Psychopharmaka entstehen bei Clozapin (Leponex,
Clozaril) nur öfter durch die spezielle Knochenmark-schädigende
Wirkung Entzündungen aller Art. Laut psychiatrischen Veröffentlichungen
überleben in ca. 40% aller Fälle die Betroffenen eine Agranulozytose
(Absterben der weißen Blutkörperchen mit lebensgefährlichen Folgen)
nicht. Im speziellen Fall der Leponex-bedingten Agranulozytose beträgt die
offizielle Sterblichkeitsrate 50%. Da öffentlich bekannt wurde, dass bei
Leponex die Rate der tödlich verlaufenden Agranulozytosen höher ist
als bei anderen Neuroleptika, sind Psychiater oder Herstellerfirmen inzwischen
bei der Anwendung dieses Neuroleptikums offiziell zu gewissen formellen Auflagen
(z.B. regelmäßigen Blutbildkontrollen) verpflichtet. Auch eine Aufklärung
über das spezielle Risiko einer Agranulozytose sollte selbstverständlich
sein. In der Regel scheinen sich Psychiater nicht an die Auflagen zu halten;
sie klären weder die Betroffenen selbst noch deren Angehörige über
den Charakter einer möglichen Agranulozytose auf, geschweige denn über
ihre möglichen Vorboten. Auch die starke abhängigmachende vegetative
Wirkung des Neuroleptikums wird in aller Regel nie erwähnt. Wie die 10% Fälle,
bei denen die Leponex-Behandlung nach Ablauf der ersten 18 Wochen eine Agranulozytose
hervorruft, wirksam geschützt werden sollen, wurde bisher in der psychiatrischen
Literatur nicht erwähnt. Die im Ausnahmefall Leponex vorgeschriebenen, ansonsten
gelegentlich von Psychiatern interessehalber freiwillig oder zur Überprüfung
der Neuroleptika-Einnahme durchgeführten Blutbildkontrollen sind kein sicherer
Schutz vor Agranulozytosen. Der Wert regelmäßiger Blutkontrollen wird
von Psychiatern wie der Schweizerin Brigitte Woggon gering geschätzt, weil
es sich im Prinzip um Plazebokontrollen handelt; Hans Joachim Kähler zur
Wirksamkeit dieser Prophylaxe (Vorbeugung): »Da der Beginn der Agranulozytose
oft fulminant (explosiv) ist, kommt solchen Blutbildkontrollen natürlich
nur ein relativer prophylaktischer Wert zu.« Agranulozytosen treten gelegentlich
mit Vorboten auf. Dies können Krankheiten aller Art sein, vorwiegend Entzündungen.
Die Gefährdeten und ihre Angehörigen werden in aller Regel nicht über
den Charakter dieser Vorboten informiert, sie können die drohende Gefahr
nicht erkennen. Nach internen Mitteilungen von Psychiatern können folgende
Symptome den Beginn einer möglicherweise tödlich verlaufenden Agranulozytose
ankündigen: Entzündungen im Mund- und Rachenraum, Fieberanstieg, Schüttelfrost,
Schwitzen, Schwächegefühl, Hinfälligkeit, Hautausschlag, Gelenkschmerzen,
Gelbsucht, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Durchfall. Auch andere
Infektionen können Anzeichen einer beginnenden Agranulozytose sein, so z.B.
Otitis (Ohrenentzündung), Pharyngitis (Rachenkatarrh; Schlundkopfentzündung),
Halsentzündung, Glossitis (Zungenentzündung), Stomatitis (Entzündung
der Mundschleimhaut), Gingivitis (Entzündung des Zahnfleischsaums), Angina,
Lymphknotenschwellungen oder Leberzellschäden. Wird die Neuroleptika-bedingte
Zerstörung der weißen Blutkörperchen nicht rechtzeitig festgestellt,
die Verabreichung von Neuroleptika nicht sofort beendet, kann es aufgrund der
körperlichen Abwehrschwäche leicht zu tödlichen Folgeinfektionen
kommen. Wie Ross Baldessarini und Frances Frankenburg von der Harvard Medical
School in Boston im New England Journal of Medicine mitteilten, kann es unter
Leponex offenbar zu einer Reihe vielfältigster Störungen des Zentralnervensystems
und des Vegetativums kommen: z.B. zu epileptischen Anfällen (weshalb manche
Psychiater gleichzeitig auch noch Antiepileptika verabreichen), Erhöhung
des Prolaktinspiegels (die erhöhte Ausschüttung dieses Hormons wird
als krebsfördernder Faktor verdächtigt), Blutdruckabfall (verbunden
mit Übelkeit und Erbrechen), exzessivem Speichelfluss (speziell während
des Schlafs), Tachykardie (Herzjagen), Verwirrtheit und Delir, und bei mindestens
einem Drittel der Behandelten nehme das Gewicht merklich zu. Da in den USA die
jährlichen Kosten für Leponex einschließlich der notwendigen Blutbildkontrollen
immerhin ca. 9000 $ pro »Patient« betragen sollten, weigerten sich einige
Bundesstaaten lange Zeit, die Verabreichung von Leponex im Rahmen öffentlicher
Hilfsprogramme zu finanzieren: »Obwohl Clozapin einen einzigartigen antipsychotischen
Wirkstoff ohne die meisten der charakteristischen neurologischen Begleitwirkungen
der neuroleptischen Standardwirkstoffe darstellt, ist es mit seinen hohen Kosten,
dem notwendigen Aufwand und dem Risiko von Anfällen und Agranulozytose weit
entfernt von einer idealen Behandlung von Patienten mit stark behindernden ernsthaften
psychischen Krankheiten. Sein Wiedererscheinen 30 Jahre nach seiner Patentierung
unterstreicht den wesentlichen Mangel an Fortschritt bei der Entwicklung wirksamerer
und sicherer antipsychotischer Medikamente.« Das Vorhandensein dieser
kritischen Erkenntnisse mache ich zum Prüfstein der Qualität der drei
Publikationen. Wünschenswert wäre auch eine Diskussion des Problems,
dass (nichtorganische) »chronische Psychosen« und »Behandlungsresistenz«
in aller Regel Ergebnis Neuroleptika-bedingter bleibender Rezeptorenveränderungen
oder aber verzweifelte Versuche sind, die eigene Identität zu bewahren, und
von daher die Clozapin-(Leponex-)Frage an sich unter dem Aspekt zu diskutieren
sind, warum es überhaupt noch zur Anbehandlung mit typischen Neuroleptika
kommt. Dieses grundlegende Problem ist in keinem der drei Publikationen auch nur
ansatzweise angedeutet. In dem Naber/Müller-Spahn-Buch plädieren
Vertreter von Pharmafirmen und Universitätsanstalten unisono für eine
massive Ausweitung der Clozapin-Verabreichung: bei Depressionen, Manien, organischen
Psychosen, Schlafstörungen sollen auch bisher zurückhaltende Ärzte
Clozapin verschreiben, und auch Kinder sollen mehr als bisher der Absatzsteigerung
dienen. Gründe: In den USA würde ein Clozapin-(Leponex-)Boom stattfinden,
wieso nicht auch bei uns? Übliche Neuroleptika würden schwere Schäden
anrichten, z.B. tardive Dyskinesien, und die Zahl der »Therapie«-Verweigerer
bei normalen Neuroleptika sei enorm. Allerdings hegten hierzulande Herstellerfirmen
noch Bedenken gegen eine zu weite Indikation; diese Ausweitung, so fürchten
sie, könnte spätere Schadenersatzklagen wegen Behandlungsschäden
begünstigen sehr realistisch. An »Nebenwirkungen« wird erwähnt:
Krampfrisiko, Akathisie (Sitzunruhe), Hypersalivation (übermäßiger
Speichelfluss), Müdigkeit, Kreislaufstörungen, Leberwertveränderungen,
EEG-Veränderungen, Neuroleptisches Malignes Syndrom, Agranulozytose, Gewichtszunahme,
plötzlicher Tod unter Kombinationsverabreichung von Tranquilizern. Eine Auflistung
bisher bekanntgewordener Vorzeichen Clozapin-bedinger Agranulozytosen und die
Beantwortung der Frage, wieso die Betroffenen und ihre Angehörigen diese
Listen nicht erhalten: kein Thema in dem Buch. Prolaktin-Erhöhung: kein Thema.
Nichts über den eingeschränkten Wert wöchentlicher Blutbildkontrollen.
Die Frage, wie von Clozapin wieder wegkommen: kein Thema. Was an der »Bestandsaufnahme«
kritisch sein soll, weiß wahrscheinlich bloß der PR-Manager des Verlags.
Im Newsletter lässt sich u.a. ein Dr. Mike Launer über das Thema
»Clozaril An opportunity for creative psychiatry« (»Leponex
Gelegenheit für kreative Psychiatrie«) aus und weist Angehörigen
als Erfüllungsgehilfen gemeindenaher Psychiater ihren im Absatzsystem wichtigen
Platz zu kein Wunder, dass in vielen Ländern Angehörigengruppen
von Pharmafirmen gesponsert werden. Clozapin würde den Prolaktin-Spiegel
nicht erhöhen, erfahren wir. Studien, die das Gegenteil besagen, wie die
von Ross Baldessarini und Frances Frankenburg von der Harvard Medical School in
Boston im New England Journal of Medicine (Vol. 324 [1991], Nr. 11, S. 746
754), werden nicht erwähnt. Dafür wird hier wenigstens vor einer Clozapin-Einnahme
während der Schwangerschaft und Stillzeit gewarnt, immerhin. Eine Auflistung
bisher bekanntgewordener Vorzeichen Clozapin-bedinger Agranulozytosen und die
Beantwortung der Frage, wieso die Betroffenen und ihre Angehörigen diese
Listen nicht erhalten: Fehlanzeige. Ebenso die Frage der Abhängigkeit. Nichts
über den eingeschränkten Wert wöchentlicher Blutbildkontrollen.
Wenig empfehlenswert. Das Utrecht-Papier geht von derselben Ideologie aus
wie die beiden zuvor erwähnten Publikationen: Clozapin habe »eine gute
Wirkung auf behandlungsresistente Schizophrene«, abgesehen von den oben erwähnten
»Nebenwirkungen«. Clozapin sei Chlorpromazin gar »überlegen«.
All die Folgerungen des Papiers sind diesem psychiatrischem Gedankengut unterworfen.
(Übersetztes) Schlusswort des Autoren, eines Studenten der Pharmazeutik:
»Nach meiner Meinung kann Clozapin unter der Bedingung, dass ihr Blutbild
wöchentlich überwacht wird, eine gute Alternative für schwer schizophrene
Patienten sein, die auf typische Antipsychotika nicht reagieren oder die an tardiver
Dyskinesie leiden. In anderen Situationen (bei schizophrenen und Parkinson-Patienten
im allgemeinen) muss man den Nutzen von Clozapin abwägen gegen die hohen
Kosten, die Unannehmlichkeiten wöchentlicher Blutkontrolle und die Meinung
des Patienten.« Prima, dass ihn der Autor nicht völlig vergessen hat,
den »Patienten«, dessen Meinung als Faktor unter vielen der Psychiater
abzuwägen habe. Peinlich aber, dass das Papier, so in der Einleitung nachzulesen,
auf Wunsch des Europäischen Netzwerks von Nutzern und Ex-Nutzern der Psychiatrie
erstellt worden ist, und bei diesem Netzwerk sollen die Nutzer, Opfer und Überlebende
der Psychiatrie doch die selbst entscheidenden Subjekte sein. Blicken ich auf
die Liste der Literatur, woraus der Student sein Wissen schöpft, so sind
es nahezu ausnahmslos von Pharmafirmen gesponserte »wissenschaftliche«
Zeitschriften. Kritische Literatur, z.B. Peter Breggins »Toxic Psychiatry«
oder Zeitschriften von Psychiatrie-Betroffenen, ist nicht vertreten, entsprechend
einseitig das Produkt. Die Gruppe aus (deutschen, schweizerischen, österreichischen
und belgischen) Aktiven, die an sich vom Plenum des Netzwerks mit Informationsbeschaffung
zu Risiken psychiatrischer Psychopharmaka beauftragt wurde, erfuhr von dem Utrecht-Papier
nichts. Dadurch sind die für die Betroffenen so wichtigen Fragen der Entzugsproblematik,
des eingeschränkten Werts wöchentlicher Blutbildkontrollen und der frühzeitigen
Vorzeichen möglicherweise tödlich verlaufender Auswirkungen völlig
unter den Tisch gefallen, und dabei ist bei vielen »Nutzern« und »Nutzerinnen«
der Psychiatrie das Bedürfnis so stark, die Rolle eines »Users«
mit der eines selbstbestimmten und chemiefreien Menschen zu vertauschen.
Nachtrag: Nach massiver Kritik von VertreterInnen des Europäischen Netzwerks
wurden die Verfasser des Papiers gebeten, wenigstens eine moderat-kritische Stellungnahme
des Netzwerks beizulegen. Nicht einmal dazu waren sie in der Lage.
- Kart., 188 S., 24 Abb., 53 Tab., Stuttgart / New York: Schattauer Verlag
1992. DM 48,
- 12 A4-Seiten, Frühjahr 1993, Bestelladresse: Sandoz
Pharmaceuticals, Frimley Business Park, Frimley, Camberley, Surrey GU16 5SG, England.
Vermutlich kostenfrei.
- Kart., 24 A4-Seiten, Utrecht: Universität
Mai 1994. Bestelladresse: Universiteit, Faculteit Farmacie, Wetenschapswinkel
Geneesmiddelen, Sorbonnelaan 16, kamer N 811, Postbus 80082, 3508 TB Utrecht,
Niederlande. Ohne Preisangabe.
Peter Lehmann
Peter Sauer / Peter Wißmann: Niedrigschwellige
Hilfen für Familien mit Demenz
Die Herausgeber des Sammelbandes wollen zur Diskussion über
die Novellierung des Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetzes (§§45 a-c
SGB XI) beitragen, um die Versorgungssituation von demenzkranken
Mitbürgern zu verbessern. Sie fragen: Welche Veränderungen haben
sich seit dem Jahre 2002 für Menschen mit gerontopsychiatrischen
Veränderungen durch dieses Gesetz ergeben? Haben die zusätzlichen
finanziellen Hilfen im Umfang von € 460. pro Kalenderjahr
zur Stärkung und Förderung der häuslichen Pflege von Pflegebedürftigen
mit erheblichem Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung
beigetragen? Gab es durch die Förderung niedrigschwelliger Betreuungsangebote
und durch die Förderung von Modellvorhaben eine Entwicklung neuer
Versorgungskonzepte und Versorgungsstrukturen für diese Zielgruppe?
Die AutorInnen dieses Bandes zeigen Beispiele und Perspektiven auf,
wie Familien mit Demenz entlastet und unterstützt werden können.
Sie untersuchen neue Handlungsfelder für ambulante Pflegedienste,
ambulant betreute Wohngruppen, freiberufliche Anbieter und bürgerschaftlich
Engagierte. Und sie machen Vorschläge, wie auf struktureller Ebene
eine Verbesserung der niederschwelligen Versorgungssituation erreicht
werden kann. Angesichts des Ausmaßes der noch ungelösten
Probleme und unzureichenden Hilfeangeboten und -möglichkeiten
und angesichts seiner kompetenten Aussagen ein wichtiges Buch. Kartoniert,
220 Seiten, ISBN 978-3-938304-92-1. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag
2007. € 23.90 / sFr 43.50
Peter Lehmann
Ulf Sauerbrey: ADHS durch Umweltgifte?
Schadstoffe in der Kinderumwelt
Ulf Sauerbrey, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für
Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik am Institut
für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena,
hat ein kompaktes und gut verständliches Buch geschrieben für alle,
die sich für die Einflüsse von Umweltbelastungen auf Kinder interessieren.
So zeigen sich gesundheitliche Schädigungen aller Art und schlagen
sich oft in der Diagnose ADHS und dem Einsatz psychiatrischer Psychopharmaka
nieder. Sauerbrey beschreibt den Kenntnisstand zu Symptomen und
möglichen Ursachen von ADHS und erläutert die Bedeutung von Umweltgiften,
Umwelterkrankungen und neurotoxischen Schäden, u.a. von Blei, chemischen
Weichmachern, Pestiziden, Nahrungsmittelzusatzstoffen, Quecksilber
(das in Amalgam enthalten ist) und weiteren Umweltgiften, die im
kindlichen Alltag vorkommen. Informationen zu Präventionsmaßnahmen
und Beratungsstellen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis
schließen das Buch ab. Wer sich einen Überblick über den neuesten
Kenntnisstand zu Umweltschäden und ADHS verschaffen will - ob Mediziner,
Eltern oder Pädagogen -, dem sei dieses kompetent und sachlich geschriebene
Buch nachdrücklich ans Herz gelegt. Kartoniert, 109 Seiten, ISBN
978-3-941854-14-7.Jena: IKS Garamond Verlag 2010. € 12.90
/ sFr 19.90
Peter Lehmann
Schädle-Deininger, Hilde: Fachpflege Psychiatrie
Umfassendes Fachbuch von einer Psychiatriepflegerin für die
Weiterbildung in der psychiatrischen Pflege, das sich leider ausschließlich
auf psychiatrische Literatur stützt und alle antipsychiatrischen
Entwicklungen nach 1969 ignoriert. Insofern überrascht es wenig,
wenn beispielsweise der Elektroschock, die künstliche Auslösung
eines epileptischen Anfalls, der mit der Zerstörung von Hirnzellen
verbunden ist, völlig unkritisch dargestellt wird. Ebenso veraltet
ist die Darstellung der Risiken der modernen, in der Psychiatrie
umfangreich verordneten sogenannten atypischen Neuroleptika: "Bisher
sind gravierende unerwünschte Nebenwirkungen nicht bekannt"
(S. 262). Dabei weiß man schon seit 10 Jahren und länger
von Bauchspeicheldrüsenerkrankungen und chronischem Diabetes,
Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, tardiven Dyskinesien
und tardiven Psychosen. Auch bei anderen kritischen Themen stößt
unangenehm auf, dass sich die Autorin zwar ungemein engagiert zeigt,
jedoch grundsätzlich einseitig in der Auswahl von Stellungnahmen
und Literatur agiert, wenn es darum geht, einen Konflikt verständlich
zu machen. Beispiel Zwangsbehandlung. Fast zwei Drittel der angegebenen
Literatur aus diesem Kapitel stammt aus dem Psychiatrieverlag. Die
neuere Rechtslage, die sich aus der UN-Konvention der Rechte von
Menschen mit Behinderung ergibt, ist nicht berücksichtigt.
Wenn man stichpunktartig für Betroffene existenzielle Themen
nachschlägt und sich derart fehlinformiert wiederfinden, muss
zu der Einschätzung kommen, dass das Buch bei aller Ausführlichkeit
veraltetes Material beinhaltet, das schon bei der Erstveröffentlichung
2006 im Urban & Fischer nicht up to date war. Kartoniert, X
+452 Seiten, 85 Abbildungen, 10 Comics, ISBN 978-3-940529-56-5.
Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2010. € 39.90
Peter Lehmann
Klaus Schlagmann: Ödipus komplex
betrachtet. Männliche Unterdrückung und ihre Vergeltung durch weibliche
Intrige als zentraler Menschheitskonflikt. Nebst Ausführungen zu
den Problemen des schönen und selbstbewussten Jünglings Narziss.
Der Beitrag alter Mythen zur Überwindung eines modernen Irrglaubens
Mittels einer umfassend begründeten und belegten Neuinterpretation
der Dramen des Sophokles zum Leben von König Ödipus weist
der Autor die Freudsche Ödipustheorie als Erfindung und als
Verdrehung der Tatsachen zurück; durch die Umsetzung der Ödipustheorie
in der Freudschen Psychoanalyse würden die KlientInnen, ehemals
gedemütigte Kinder, folgenschwer zu Tätern erklärt
und somit fortwährend fehlinterpretiert. Das Buch ist sehr
komplex und wohl nur in kleineren Häppchen zu lesen. Es empfiehlt
sich, sich zunächst einmal von der Geschichte Ödipus' faszinieren
zu lassen (S. 35-68), da die in dieser Geschichte so überdeutlich
zu Tage tretende Handlungsdynamik immer wieder übersehen wird, anschließend
in Schlagmanns Ausführungen über die mythologischen Hintergründe
abzutauchen (S. 141-176), in denen sich nach seiner Meinung die
Grundlagen eines alten Menschheitskonflikts spiegeln. Hervorzuheben
sind auch die Kapitel über Josef Breuer (S. 419-442), das Kapitel
über Freuds Theorie-Entwicklung (S. 443-540) und schließlich die
Auseinandersetzung mit dem Mythos von Narkissos. Ein Buch für Leute,
die offen sind für eine massive Kritik an Freud. Kartoniert, 720
Seiten, 21 Abbildungen, ISBN 978-3-9805272-3-1. Saarbrücken:
Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige 2005. € 24.90
Peter Lehmann
Martin
Schmela: Vom Zappeln und vom Philipp ADHS: Integration von familien-, hypno-
und verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen Vorsicht: Mogelpackung!
Während der Verlag ankündigt, der Autor würde auf Konzepte und
Techniken aus der Familien-, der Hypno- und der Verhaltenstherapie zurückgreifen,
plädiert er in Wirklichkeit für die Integration von Ritalin in alle
Arten von psychotherapeutischen Ansätzen, ohne der für einen seriösen
Psychologen an sich wesentlichen Frage nachzugehen, was eine aufdeckende Psychotherapie
unter psychopharmakologischer Dämpfung bewirken kann. Dafür preist er
Psychostimulanzien (Aufputschmittel), die bei Kindern paradox, also dämpfend
wirken, als gut verträglich an und erklärt die Ängste der Eltern
vor schädlichen Langzeitwirkungen schlicht für unbegründet.Wir
erleben hier leider die x-te Variante von (vermeintlichen) Psychofachleuten, sich
dem Diktat der biologischen Psychiatrie unterzuordnen. Ach ja, Schmela, Mitarbeiter
einer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz, hat auch Vorschläge parat
für den Fall, dass Kinder auf Psychostimulanzien nicht ansprechen: Blutdruckmittel
und Antidepressiva. Vermutlich lässt sich mit dieser Einstellung viel Geld
verdienen. Kartoniert, 233 Seiten, 80 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 3-89670-452-4.
Carl Auer Verlag 2004. € 22.95 / sFr 40. Peter Lehmann Sigrun
Schmidt-Traub: Panikstörung und Agoraphobie Ein Therapiemanual Großformatiger
Therapieleitfaden mit Beschreibung der verhaltenstherapeutischen Behandlung von
Patienten und Patientinnen mit Panikattacken und/oder Agoraphobie. Mit einer Beschreibung
von Angststörungen und der Darstellung angsttheoretischer Grundlagen, aktueller
Mainstream-Erkenntnisse der internationalen Panikforschung sowie einem verhaltensmedizinisch
orientierten Entwicklungsmodell der Angst unter Einbeziehung aktueller neuropsychologischer
Forschungsergebnisse. Neben kognitiven und konfrontativen Vorgehensweisen beschreibt
die Autorin auch Techniken zur Beeinflussung der physiologischen und motorischen
Ebene der Angst. Diese praxisorientierten Übungseinheiten sollen helfen, den Patienten
und Patientinnen Wahlfreiheit zu lassen und sie anleiten, in Selbstorganisation
ihre Ängste zu bearbeiten und Angst verfestigende Sicherheitsverhaltensvarianten
zu vermeiden (wozu die Autorin tendenziell auch Psychopharmaka zählt). Ergänzt
wird das Manual durch zahlreiche Arbeitsmaterialien und Informationen für Patienten
und Patientinnen, die von der beiliegenden CD-ROM ausgedruckt werden können.
Kartoniert, 166 Seiten, mit 1 CD-ROM: Arbeitsmaterialien (PDF-Dateien), ISBN 978-3-8017-2156-5.
Göttingen: Hogrefe Verlag, 3., vollständig überarbeitete Auflage 2008.
€ 34.95 / sFr 59. Peter Lehmann Schmidt-Traub,
Sigrun: Generalisierte Angststörung Ein Ratgeber für übermäßig besorgte
und ängstliche Menschen Mit diesen Worten kündigt der Verlag das
Buch an: "Menschen mit generalisierter Angststörung erleben große Teile der
Welt als bedrohlich und risikobehaftet. Im Alltag sehen sie häufig das Schlimmste
auf sich zukommen. Sie machen sich unverhältnismäßig viele Sorgen und geraten
dabei in ängstliche Erregung. Aufgrund der mit der Angst einhergehenden körperlichen
Beschwerden, wie z.B. Ruhelosigkeit, Schwindel und Schlafstörungen, glauben viele,
sie wären körperlich krank." Ratschlag der Autorin im Buch: Solcherart Betroffene
sollten unbedingt einen Psychiater aufsuchen, sie würden besonders gut auf
sogenannte SSNRI (Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) wie z.B.
Venlafaxin ansprechen. Auch SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), u.a.
Fluoxetin, ebenso trizyklische Antidepressiva kämen in Betracht. Sinnvoll
sei eine kombinierte Behandlung: Antidepressiva und kognitive Verhaltenstherapie.
Nach drei Wochen regelmäßiger Antidepressiva würde sich die Stimmung
aufhellen, jetzt sei eine Verhaltenstherapie möglich. Dann könne in
Absprache mit dem Psychiater das Antidepressivum schrittweise abgesetzt werden.
Was aber, wenn der Psychiater nicht absetzen will (was häufiger vorkommen
soll)? Was, wenn die körperlichen Wirkungen der Antidepressiva sich als Krankheiten
zeigen und so die vorbestehenden Ängste zementieren? Was, wenn die Betroffenen
sich bereits mit Selbsttötungsgedanken tragen und durch solche Behandlungsstrategien
und die speziellen psychopharmakologischen Auswirkungen auf die Psyche in den
Suizid getrieben werden? Anlässlich in zunehmender Zahl publizierter Studien
zu möglichen suizidalen Wirkungen von Antidepressiva hinterlässt das
Ausbleiben jeglicher Reflexion in diese Richtung seitens der ansonsten äußerst
kompetenten Therapeutin einige Verwunderung. Kartoniert, 146 Seiten, ISBN 978-3-8017-2116-9.
Göttingen usw.: Hogrefe Verlag 2008. € 15.95 / sFr 26.80 Peter
Lehmann
Doris Schneider, Gabriele Tergeist (Hg.): Spinnt die Frau? Ein
Lesebuch. Zur Geschlechterfrage in der Psychiatrie
34 Frauen (und 1 Mann), von denen zwei Drittel in der Psychiatrie
arbeiten, ein Drittel außerhalb therapeutisch/beratend und
ganze drei in der Anstalt saßen, schreiben über den Zusammenhang
von Frausein und Psychiatrie. Eine, Ilse Eichenbrenner, schreibt
angenehm offen und lebensnah unprofessionell, »Warum ich nichts
zum Thema Frauen und Psychiatrie schreiben will«.
Das Buch ist ein durchaus interessanter Gemischtwarenladen mit breiter
Palette, die von Erika Schiebuhrs Kampfruf: »Macht euch auf,
euer Leben selbst in die Hand zu nehmen... Von der Gesellschaft
der Gesunden haben wir gegenwärtig nichts zu erwarten!«
über Dorothea Bucks »Hoffnung auf eine einfühlende
und einsichtige Psychiatrie« bis zu Karriereratschlägen
für psychiatrisch tätige Frauen reicht. »Der Boden,
auf dem Frauen in der Psychiatrie als Klientinnen und als Helferinnen
stehen, ist noch sehr unwirtlich«, sagt die Psychiaterin Andrea
Hüttner und übersieht dabei wohl, dass sie von zwei völlig
verschiedenen Ebenen spricht. Auf solche und ähnliche Zumutungen
stößt die betroffene Leserin, die nicht gegen Bezahlung,
sondern gegen ihren Willen in der Anstalt war oder ist, immer wieder.
Trotzdem möchte ich das Buch wegen seiner Themenvielfalt und
Konkurrenzlosigkeit (»Frauen in der Psychiatrie« von 1991
zieht auch schon wegen seiner lieblosen Machart und losen Blättern
den kürzeren) empfehlen, zumindest solange das antipsychiatrische
Standardwerk aus weiblicher Betroffenenperspektive noch nicht geschrieben
ist. Beeilt Euch damit! Geb., 333 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1993.
DM 39,80
Kerstin Kempker
Kerstin Schneider: Maries Akte Das
Geheimnis einer Familie
Die Autorin beschäftigt die Arithmetik ihrer Familie. Marie,
die Hauptperson im Buch, ist 1900 geboren, ihre Großtante
Magdalena 65 Jahre zuvor, die Autorin 65 Jahre danach. Die in der
sächsischen Oberlausitz nahe der tschechischen Grenze geborene
Marie ist die Schwester des Großvaters der Autorin. Sie ist
auf Spurensuche nach der Frau, die noch in ihrer Familiengeschichte
"herumspukt", und bereist Aktenarchive wie auch die Stätten
von Magdalenas und Maries Familie. Marie hatte ein schweres Leben,
litt unter Hungersnot im 1. Weltkrieg und miserablen Arbeitsbedingungen
danach. Der Mann, von dem sie ein Kind erwartet, verstößt
sie und nimmt sich eine andere. Marie gehört einer christlichen,
asketischen Sekte an, es geht bergab mit ihr. Die Autorin stellt
sich mit viel Phantasie das Leben der unglücklichen Marie in
allen Einzelheiten vor. Vielleicht war es so, schreibt sie gelegentlich,
und äußert ihre eigene Vorstellung davon, wie es hätte
gewesen sein können. Schließlich dreht Marie durch, hält
sich für Jesus, wird in der Arnsdorfer psychiatrischen Anstalt
untergebracht, wehrt sich gegen die zwangsweise Entkleidung, verweigert
aus Protest die Nahrung, wird zwangsernährt, zwangssterilisiert,
insulingeschockt, "hat eine gestörte Hirnchemie",
"leidet unter Schizophrenie", "das Insulin zeigt
keine Wirkung", wie die Autorin weiß. Während des
Faschismus wird Marie in der Psychiatrie ermordet. Magdalena dagegen
hatte Glück. 1835 in Böhmen geboren, ist sie seit ihrem
19. Lebensjahr oft krank, hat einen von offenen Wunden übersäten
Körper, gilt als hysterisch, bis sie nach eigenen Angaben
eine Marienerscheinung hat und die Wunden plötzlich
verheilen. Jahrzehnte danach wird diese von der Katholischen Kirche
als eine der wenigen offiziellen Marienerscheinungen anerkannt.
"Eigentlich müsste der Fall aus psychiatrischer Sicht
begutachtet werden", zitiert die Autorin den tschechischen
Psychiater Kuzelka. Aber die katholische Kirche lasse sich ihre
Mythen wohl nicht kaputt machen, grummelt sie. Wie gut, dass sie
den Psychiater Hubert Heilemann, heute Ärztlicher Leiter in
Arnsdorf, an ihrer Seite hat. Er erklärt ihr das psychiatrische
Weltbild mit der aus dem Gleichgewicht geratenen Hirnchemie. Zur
erblichen Veranlagung komme die seelische Belastung hinzu. Da die
Autorin die besonders gefährliche Zeit zwischen dem 20. und
30. Lebensjahr längst unbeschadet hinter sich hat, kann sie
jetzt dem "Geheimnis ihrer Familie" gelassen ins Auge
schauen, psychiatrischer Belehrung sei Dank. Gebunden mit Schutzumschlag,
290 Seiten, 26 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-940888-02-0.
Frankfurt am Main: Weißbooks 2008. € 19.80 / sFr 35.90
Peter Lehmann
Peter K. Schneider:
Ich bin wir. Die multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte, Theorie und Therapie
eines verkannten Leidens Peter K. Schneider, Jahrgang 1937, hat Philosophie,
Psychologie und Soziologie studiert und ist seit zehn Jahren als »Psychosentherapeut«
tätig. Er hat mit »Ich bin wir. Die multiple Persönlichkeit«
ein gut lesbares und für Betroffene wie Beteiligte informatives Buch geschrieben,
das einerseits den derzeitigen Stand der Multiplenforschung wiedergibt, andererseits
Erfahrungen des Autors als Therapeut. Die multiple Selbstaufspaltung sieht Schneider
nicht als »pathologische Beeinträchtigung, sondern als alltagsweltliche
Bereicherung«, als »radikalste Form ohnmächtiger Selbstverteidigung«.
»Aktiv sein, behüten und mitfühlen«, das ist vielleicht die
einzig mögliche Therapie, immer auch an der Grenze. Leider bezeugt der Autor
nicht nur den Multiplen tiefen Respekt, sondern auch den Psychiatern, die er nur
milde kritisiert, um ihnen dann doch die alleinige Kompetenz in Sachen Psychopharmaka
zuzusprechen, denn »irgendetwas wird er geben müssen, schon wegen der
Usancen des Hauses.« Irgendetwas wird sie schlucken müssen, schon wegen
des faulen Friedens? Franz. Broschur, 158 S., Neuried: Verlag Ars Una 1994 (Edition
Humanistische Psychiatrie; 3). DM/sFr 28, / öS 200, Kerstin Kempker
Silvia Schneider / Susanne Borer: Nur keine Panik! Was Kids
über Angst wissen sollten
Nett gemachte Broschüre, die man mit Kindern lesen und besprechen
kann, wenn diese unter Ängsten leiden und nicht mit ihnen klar kommen.
Sinnvolle, rettende Ängste, ebenso überflüssige, hemmende Ängste.
Spinnen, dunkle Keller, Missbrauch, Einbrecher, Verlust der Eltern,
Hunde, Spritze beim Doktor vieles ist genannt oder als Bild
präsent. Über Monate anhaltende Ängste sind Angstkrankheiten, lernen
wir. Was ist mit Ängsten vor Autoritäten, die die Kinder nicht loswerden
können, zum Beispiel Ängste vor Eltern, die zur Gewalt neigen? Sind
diese ausgespart, da jene sowieso nie ihren Kindern solche Broschüren
vorlegen würden? Ist es sinnvoll, unter den helfenden Stellen auch
Kinderpsychiater zu nennen ohne jede Einschränkung, wo man
doch weiß, wie leichtfertig viele von diesen Psychopharmaka für
Kinder verschreiben? Wieso nennen die Autorinnen nur Schweizer Internetseiten,
wo die Broschüre doch auch in Deutschland und Österreich verkauft
werden soll? Es gibt noch Optimierungsmöglichkeiten für die nächste
Auflage. Broschüre, 28 Seiten, mit farbigen Illustrationen,
ISBN 978-3-8055-8209-4. Basel usw.: Karger Verlag, 2., aktualisierte
Auflage 2007. € 5.50 / sFr 8.
Peter Lehmann
Schöne-Seifert, Bettina
/ Davinia Talbot (Hg.): Enhancement Die ethische Debatte
Antworten aller Coleur auf Fragen nach den individuellen und gesellschaftlichen
Folgen von Enhancement-Praktiken (biomedizinische Techniken zur
"Verbesserung" als gesund geltender Menschen). Welche
moralischen Probleme können sich angesichts realistisch gewordener
Enhancement-Möglichkeiten ergeben? Wie problematisch ist die
biomedizinische Manipulation von Körpergröße oder
Hautfarbe zwecks Überwindung von Stigmatisierung und Diskriminierung?
Kann das Dopingverbot im Sport als Schutz vor einem normativen Zugzwang
aller Sportler auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen
werden, zum Beispiel das Gehirndoping in der Schule? Wie unmoralisch
müssen kosmetische Schönheitsoperationen begründet
sein, damit die beteiligten Ärzte als Erfüllungsgehilfen
abzulehnender Ideologien zu bezichtigen sind? Verhindert das Ausbleiben
durch stimmungsaufhellende Psychopharmaka unterdrückter Entfremdungsgefühle
sowie negative emotionale Reaktionen nicht die behauptete Förderung
von Persönlichkeitsentwicklung und Authentizität? Oder
wird man durch Psychopharmaka authentischer? Führt die Medikalisierung
von Erziehungsaufgaben nicht zu einer Verarmung der Kindheit, zum
Verlust richtigen Lernens, zur Homogenisierung der menschlichen
Temperamente und zur weiteren Steigerung der Leistungsanforderungen?
Besteht der Preis des Anti-Aging-Enhancement nicht in verminderter
Lebensqualität? Der sorgfältig gestaltete Sammelband enthält
grundlegende klassische teils feuilletonistisch, teis wissenschaftlich
verfasste Texte der Enhancement-Debatte aus den letzten zehn
Jahren, vorwiegend aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, insofern
spielen sich die Diskussionen ausschließlich in den westlichen
Kulturen ab. Eine Ausnahme stellt der deutsche Philosoph Jürgen
Habermas dar, der in seinem Aufsatz "Das Gewachsene und das
Gemachte" auf den prinzipiellen Unterschied zwischen erzieherischen
Maßnahmen und gentechnischen Manipulationen verweist: Von
den ersten können sich die Betroffenen später noch distanzieren,
letztere bieten diese Option nicht mehr. Eine normative Bewertung
(und Gutheißung) schließe sich aus, solange man die
Perspektive der betroffenen Person nicht einnehmen kann. Für
Einsteiger in die Enhancement-Diskussion ist das Buch eine wahre
Fundgrube. Dabei verhindert die Vielfalt der dargestellten Positionen,
dass man sich allzu leicht von logisch klingenden Begründungen
vereinnahmen lässt. Kartoniert, 411 Seiten, ISBN 978-3-89785-604-2.
Paderborn: mentis Verlag 2009. € 38. / sFr 62.70
Peter Lehmann
Bettina Schöne-Seifert
/ Davinia Talbot / Uwe Opolka / Johann S. Ach (Hg.): Neuro-Enhancement
Ethik vor neuen Herausforderungen
Aus der Sicht eines Psychiatriebetroffenen, dem Psychiater nur
mit brutaler Gewalt ihre Psychopharmaka verabreichen konnten, ist
die vorliegende Problemlage auf den ersten Blick absurd: Andere
nehmen psychiatrische Psychopharmaka von sich aus ein, als Lifestylemedikament,
zur Verbesserung der Laune oder der geistigen Leistungsfähigkeit.
Um Neuroleptika geht es allerdings nicht, die geben höchstens
Dressurreiter ihren Pferden als "Dopingmittel", damit
diese die antrainierten Bewegungsabläufe wiederholen, ohne
von der natürlichen Bewegungslust abgelenkt zu werden. Vielmehr
geht es um Antidepressiva wie den Serotoninwiederaufnahmehemmer
Fluoxetin, das aus welchen Gründen auch immer
in der Szene als nicht abhängig machende Glückspille gilt,
um Methylphenidat (Ritalin), das bei Erwachsenen eine den den Amphetaminen
vergleichbare aufputschende Wirkung hat, oder das Stimulanzmittel
Modafinil (Vigil, Provigil), das Mediziner zur Behandlung von Narkolepsie
(exzessiver Tagesmüdigkeit) verschreiben. Dem Beispiel von
Medizinern, alle möglichen Medikamente "off label",
also nach Gusto und jenseits der zugelassenen Indikationen einzusetzen,
folgen inzwischen Normalbürger, die als gesund gelten, jedoch
glauben, dass sie Psychopharmaka zwecks Hirndoping einnehmen können.
Da sie dies in zunehmendem Umfang tun und sich nicht mehr auf äußere
chirurgische Eingriffe wie Brustvergrößerung, Penisverlängerung,
Fettabsaugen am Popo, Gesichtsliften, Schamlippen- oder Nasenkorrektur
beschränken, um sich besser zu präsentieren, drängt
sich die Diskussion über das sogenannte Neuro-Enhancement auf:
die vermeintliche Steigerung ("Enhancement")
des Lebensniveaus bei Normalen durch das Schlucken zentralnervös
wirksamer Substanzen. Was beispielsweise rechtfertigt bei der Manipulation
des Hirnstoffwechsels die prinzipiell andere Beurteilung medizinisch-synthetischer
Substanzen als natürliche Mittel? "Zeigt sich nicht schon
jetzt", fragt die Mitherausgeberin Bettina Schöne-Seifert,
"dass die bloße Verfügbarkeit selbst dubioser Aufputscher
in unseren Ellbogen-Gesellschaften ein gewaltiges Zwangspotenzial
zum Mitmachen-Müssen birgt?" Der Sammelband beleuchtet
ethische und soziale Aspekte, die sich aus der Anwendung von Neuro-Enhancement
ergeben: neben den grundsätzlichen Möglichkeiten für Neuro-Enhancement
Fragen der Authentizität und Verantwortlichkeit des Individuums,
soziale Folgen mit Blick auf Gerechtigkeit und Wettbewerbsdruck,
zugrunde liegendes ärztliches Aufgaben- und Rollenverständnis. Das
Buch ist ein transdisziplinärer Diskurs mit Stimmen aus Philosophie,
Medizin, Rechts-, Neuro- und Politikwissenschaften. Kartoniert,
367 Seiten, ISBN 978-3-89785-602-8. Paderborn: mentis Verlag 2009.
€ 39.80 / sFr 63.90
Peter Lehmann
Bruno Schrep: Jenseits
der Norm Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter In
17 kurzen, eindringlichen und angenehm sachlichen Porträts beschreibt der Journalist
Bruno Schrep das Fremdsein in Deutschland. Gestrandete Seeleute, unkorrekte Lehrerinnen,
stehlende Kinder, gemobbte Homosexuelle, arbeitslose Manager und Prostituierte,
die sich auf die Wünsche Behinderter spezialisieren. So bizarr die Schicksale
anmuten, so vertraut sind sie. Vorwort von Hans Leyendecker. Kartoniert, 191 Seiten,
17 schwarz-weiß Fotos, ISBN 3-7776-1320-7. Stuttgart: Hirzel Verlag 2004. €
18. / sFr 28.80 Kerstin Kempker Sonja Schröter: Psychiatrie
in Waldheim/Sachsen (1716 1946), Ein Beitrag zur Geschichte der forensischen
Psychiatrie in Deutschland Ich fand das Buch recht langweilig. Die Autorin,
eine Psychiaterin aus der ehemaligen DDR, lässt jede kritische Distanz zum
Thema Psychiatrie vermissen. Die Fakten psychiatrischer Greueltaten zählt
sie brav auf, trennt fein zwischen (kritikwürdigem) Psychiatriemissbrauch
und (tiptop) Psychiatriegebrauch und kommt folgerichtig zum Schluss, der psychiatrische
Massenmord während der Nazizeit sei eher ein Betriebsunfall der deutschen
Psychiatrie als eine logische Konsequenz des von den Nazis gewährten und
den Altvorderen der Psychiatrie herbeigesehnten rechtsfreien Raums zur uneingeschränkten
therapeutischen Betätigung. Kart., 250 S., 13 Abb., Frankfurt/Main:
Mabuse-Verlag 1994. DM 44, / sFr 45,30 / öS 343, Peter Lehmann
Wolfgang Schulz: Die
Auffassung der Emotionen im Huang Di Nei Jing und ihre Brechung
in der Affektlogik Luc Ciompis
Martin Wollschläger
Brigitte Schwaiger: Fallen lassen
"Mit ihrem Roman "Wie kommt das Salz ins Meer" war die
Autorin vor 30 Jahren in aller Munde. Ebenso lange ist sie in psychiatrischer
Behandlung. Präzise und schonungslos gegen sich und alle beschreibt
sie das Leben in der Psychiatrie (Wien, Baumgartner Höhe, bis 2005)
und in der Krankheit (sie nennt es Borderline, Stimmenhören, Depression).
Wer "den Suizid intus" hat, hat nichts zu verlieren und keinen Grund
mehr zu Rücksicht oder Vorsicht. Wer erfahren will, wie schwer es
sich lebt zwischen "Ich bin eine öffentliche Person" und "Ich verdiene
es nicht zu atmen", entweder psychiatrisch gedemütigt und zusammengepfercht
mit anderen, Feinsinnigen und Grobianen, missglückten Suiziden und
Gewalttätigen, oder aber allein mit der Angst und Erinnerung in
der eigenen Wohnung, sollte dies Buch lesen. Ein verzweifelter und
gleichzeitig hellwacher Text." Rezension
im BPE-Rundbrief. Gebunden mit Schutzumschlag, 115 Seiten, ISBN
978-3-7076-0082-7. Wien: Czernin Verlag 2006. € 19.80 / sFr
34.80
Kerstin Kempker
Rolf Schwendter:
Einführung in die Soziale Therapie Der Verlagswerbetext beschreibt
das Buch Schwendters: »In seinem Buch wird Soziale Therapie aufgefasst als
Reflexion auf die Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher und psychischer Ursachen
bestehender Leidenserfahrungen und mit einem Ensemble möglicher Interventionen
zur Behebung oder doch Minderung derselben verbunden.« Bei genauem Lesen
stellt sich die »Reflexion« als eine etwas orientierungslose Verhackstückung
aller möglichen sozialen Themen dar. Sehr unangenehm angetan war ich von
der schubladenmentalitätartigen Verarbeitung der Erfahrungsberichte in "Statt
Psychiatrie": Schwendter zählt schlicht ab, wie häufig die gerade
mal 17 Autorinnen und Autoren eines speziellen Kapitels bestimmte Handlungsweisen
in Krisen erwähnen ob man so der Kernaussage der Autorinnen und Autoren
gerecht wird, die sich gegen jede Verallgemeinerung und Kategorisierung ihrer
individuellen Lebenserfahrungen und Konfliktverarbeitung wenden? Kartoniert, 303
Seiten, Tübingen: DGVT-Verlag 2000. DM 39, / sFr 37, / öS 285, /
€ 19,80 Peter Lehmann Eva Schwenk:
Fehldiagnose Rechtsstaat. Die ungezählten Psychiatrieopfer Das Buch dokumentiert
psychiatrische Vergehen und Behördenwillkür gegen psychiatrisch Behandelte
im Umfeld der engagierten Autorin. Sie wirft der Psychiatrie vor, unwissenschaftlich
zu diagnostizieren und folgerichtig schlecht oder falsch zu behandeln. "Die
richtige Diagnose ist die Voraussetzung dafür, dass die Patienten wieder
Vertrauen fassen. Erst dann werden sie imstande sein, sich ihrem Mitmenschen wieder
mitzuteilen." Durch die 'in der Regel nicht einmal indizierte' Dauermedikamentierung
würden Patienten quasi bei lebendigem Leib begraben. Psychopharmaka würden,
da falsch indiziert, erhebliche Schäden bei den einzelnen Menschen anrichten.
Schade, ein kritisches Lektorat, das es bei Book on Demand, einem Selbstverlag
von Autoren, natururgemäß nicht geben kann, hätte die Autorin,
eine Diplompsychologin, vermutlich auf den Irrweg hingewiesen, auf den sie in
ihrem lobenswerten Engagement die Leser mit ihrem Hohelied auf die 'richtige psychiatrische
Diagnose' und das 'richtig indizierte Psychopharmakon' schicken kann. Als würden
die Schäden der Psychopharmaka abhängig sein von den Diagnosen, unter
denen sie verabreicht werden. Eine Auseinandersetzung mit dem psychiatrischen
Diagnosesystem, das in aller Regel den Blick auf die wirklichen Probleme des einzelnen
Menschen verstellt, hätte die Qualität des Buches gestärkt. Kartoniert,
221 Seiten, ISBN 3-8334-1526-6. Norderstedt: Book on Demand. € 13.40
Peter Lehmann Lisa Schulze Steinmann / Joachim Heimler / Hans
Cordshagen / Josef Claassen (Hg.): Die Zukunft sozialpsychiatrischer Heime
"Augen zu vor allen nichtpsychiatrischen Alternativen",
scheint das Motto dieses braven, engagierten Buches zu sein, dem man zugute halten
muss, dass es in der Trennung der "Hilfen" vom Wohnbereich einen wesentlichen
Beitrag zum Einleiten überfälliger Reformen im Heinbereich sieht. "Augen
zu" heißt es zum Beispiel, wenn es um die Ursachen geht, weshalb Menschen
nach der Psychiatrie in Heime verschubt werden, weshalb sie in psychiatrischen
Anstalten keine Hilfe zur Lösung der Probleme bekommen, die zur Psychiatrisierung
geführt haben. Brav im vorgegebenen gemeindepsychiatrischen Rahmen verhaftet,
schließen die AutorInnen geschlossen die Augen vor der strukturell ausbleibenden
Hilfe in psychiatrisch-medizinischen Einrichtungen. Engagiert sind die AutorInnen
innerhalb ihrer Verhältnisse, und doch, anstelle die "Kundenzufriedenheit"
zum Ausgangspunkt ihres Handels zu machen, speisen sie sich selbst mit dem Spruch
des Gutmenschen Dörner "Niemand geht freiwillig ins Heim" ab, sprechen
mit diesem aus seinem psychiatrischen Mund zynisch klingenden Spruch den Betroffenen
einen Subjektstandpunkt mit der Berechtigung zur Formulierung eigener "Verbraucher"-Interessen
ab und belassen so die Betroffenen als Patienten-Objekte sozialpsychiatrischen
Handelns. Daran ändert auch der letzte Artikel des Buches nichts, geschrieben
von Klaus Laupichler, dem einzigen psychiatriebetroffenen Autoren, der sich bedankt
für die Hilfe, die er während seiner Heim-"Karriere" erhielt
und weshalb er nun mit weniger Psychopharmaka ("immer in Absprache mit dem
Arzt!") extramural lebt. Menschen, die mal einen Schritt ohne Psychiater
oder gegen ihn unternehmen, kommen in der Welt der Sozialpsychiatrie nicht vor,
dafür viele viele HeimbewohnerInnen, denen geholfen werden muss sozialpsychiatrisch.
Dass das Buch dennoch das einzige Buch ist, in dem Vorschläge zur Verbesserung
der aktuellen Situation von HeimbewohnerInnen genannt werden, ist die traurige
Krönung eines besonders traurigen psychiatrischen Kapitels. Kartoniert, 254
Seiten, ISBN 3-88414-339-5. Bonn: Psychiatrieverlag 2003. € 19.90 / sFr
34.60 Peter Lehmann Dietmar Sedlaczek / Thomas Lutz / Ulrike
Puvogel / Ingrid Tomkowiak (Hg.): "minderwertig" und "asozial" Stationen
der Verfolgung gesellschaftlicher Aussenseiter Informatives und gut recheriertes
Buch über die Verfolgung als asozial etikettierter Bettler, Arbeitsloser,
Obdachloser, Prostitutierter, Homosexueller, Sinti und Roma und sozial unangepasster
Jugendlicher während der Nazizeit. Die Beiträge beinhalten eine kulturhistorische
Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Begriffs der "deutschen Arbeit"
und der Eugenik und Rassenhygiene als Wegbereiter der Verfolgung. Eigene Kapitel
sind der Haft von Jugendlichen im Jugend-KZ Moringen (Haftgrund "Gemeinschaftsfremder"),
der (auf gemeinsame sozialpsychiatrisch-nazistische Theorien basierende) Verfolgung
der Jenischen in der Schweiz durch das "Hilfswerk für die Kinder der
Landstraße" von 1926 bis 1973 sowie dem nicht minder traurig stimmenden
Kapitel der "Wiedergutmachung" in Deutschland gewidmet. Wer sich für
das Schicksal von Betroffenen aus deren eigenen Sicht interessiert, sollte evtl.
die Bücher der Jenischen Mariella Mehr (u.a. "Steinzeit",
"Kinder
der Landstrasse") lesen, die allerdings im vorliegenden Buch nicht erwähnt
werden evtl. weil keine Betroffenen unter den Autoren sind? Gebunden, 197 Seiten,
ISBN 3-0340-0716-7. Zürich: Chronos Verlag 2005. € 24.80 / sFr 38.
Peter Lehmann Ute Karen Seggelke: Wir haben
viel erlebt! Jahrhundertfrauen erzählen aus ihrem Leben Ein sehr schön
gestalteter Bild- und Textband, in dem zwanzig Frauen über achtzig aus ihrem Leben
erzählen. Beeindruckend ist, welche Kraft und Schönheit diese Frauen ob Schauspielerin,
Äbtissin, Gärtnerin, Zirkusartistin oder Psychoanalytikerin ausstrahlen. Sei
es die Summe aus Wachheit, Schalk und Herzlichkeit bei Dorothea Buck, Lucia Westerguard,
die mit über neunzig Jahren hofft, bald ein bisschen kräftiger zu sein, um wieder
auf der Straße Saxophon zu spielen, oder Swetlana Geier, Übersetzerin, in ihrer
Küche, die sagt, wenn sie nicht mehr da ist, tut ihr das Haus leid, "denn es ist
ja so viel mehr als nur ein Gehäuse". Eine spannende Vergegenwärtigung des letzten
Jahrhunderts in Lebensgeschichten und Bildern. Auffällig häufig haben diese Frauen
schon früh Städte und Länder gewechselt, sind kreativ tätig, betonen die Bedeutung
von Familie und von Natur und würden alles in allem es noch einmal so machen.
Man kriegt Lust, alt zu werden. Gebunden mit Schutzumschlag, 183 Seiten, über
200 Abbildungen in Farbe und Duotone, ISBN 978-3-901409-23-3. München: Elisabeth
Sandmann Verlag 2007. € 24.80 / sFr 43.95
Kerstin Kempker
Laura Seidel: Gewalt an alten Menschen Entstehungsfaktoren
für Gewalt an pflegebedürftigen alten Menschen und Lösungsansätze. Handeln statt
Misshandeln (HSM) Informatives Buch über die diversen Formen der
Gewalt an alten Menschen (direkte Gewalt, körperliche Gewalt, psychische
Gewalt, finanzielle Ausbeutung, Einschränkung des freien Willens, Vernachlässigung,
Gewalt am Pflegepersonal, Gewalt am pflegenden Angehörigen, strukturelle
Gewalt, kulturelle Gewalt), rechtliche Grundlagen der stationären Altenpflege,
Ausbildung des Personals sowie Wege aus der Gewalt. Kartoniert, 116 Seiten, ISBN
978-3-938304-94-5. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. € 12. / sFr 22.90
Peter Lehmann
Charles A. Shamoian (Hg.): Psychopharmacological Treatment Complications
in the Elderly
Aussagekräftige Artikel von Mitgliedern der institutionellen
Psychiatrie über die besondere Gefährdung älterer
Menschen durch Antidepressiva, Neuroleptika, Tranquilizer und Cholinergika.
Beispiel: »Neuroleptic malignant syndrome in the elderly«
von Gerard Addonizio, einem Psychiater des Cornell University Medical
College in New York City. Angesichts der bekanntgewordenen Todeszahlen
infolge des Malignen Neuroleptischen Syndroms (laut David Hill bis
1992 weltweit mindestens 190000) ist für alle, die an der Neuroleptika-Verabreichung
an alte Menschen beteiligt sind und sie eventuell stoppen können,
die Kenntnis dieser tückischen Neben-Wirkung von
besonderer Bedeutung. Denn oft genug sind deren Symptome kaum von
normalen altersbedingten Beschwerden zu unterscheiden. Die anderen
Artikel: »Adverse cognitive effects of tricyclic antidepressants
in the treatment of geriatric depression: fact or fiction?«
»Cardiac risks of antidepressants in the elderly«. »Neurological
side effects of psychotropic medications in the elderly«. »Problems
associated with long-term benzodiazepine use in the elderly«.
»Efficacy and side effects of cholinergic drugs used in the
treatment of Alzheimer's disease«. Clinical Practice Nr. 23,
geb., 140 S., Washington: American Psychiatric Press 1992. Bestelladresse:
Eurospan-Group, Am. Psych. Press, 3 Henrietta Street, Covent Garden,
London WC2E 8LU, England. £ 20,50
Peter Lehmann
Stanley Siegel / Ed Lowe: Der Patient, der seinen Therapeuten
heilte. Einblicke in die Psychotherapie
12 novellenartig vom Journalisten Lowe aufbereitete Fallgeschichten
aus der Praxis des Familientherapeuten Siegel, der so seine
Worte in seiner Privatpraxis in New York versucht, Achtung
des Patienten und Gleichberechtigung zu praktizieren. Siegel, der
sich gezielt von psychiatrischen Krankheitsmodellen absetzt: »Werfe
ich nachträglich einen Blick auf meine Interventionen, so muss
ich feststellen, dass ich die Neigung habe, ein gegebenes Muster
zu zerstören, um eine gewissen Verwirrung zu erzeugen, wodurch
dann die Akteure aufgefordert sind, noch mehr Phantasie aufzubringen
als bisher.« Er sieht sich als Priester, Magier oder Schamane
und ist sich sicher, dass er seinen KlientInnen helfen konnte. Hoffen
wir, dass sie tatsächlich aus der von Siegel geschaffenen Verwirrung
wieder herausgefunden haben. Aus dem Amerikanischen, geb., 195 S.,
München: Buchreihe Irisiana beim Hugendubel Verlag 1995. DM/sFr
28, / öS 219,
Peter Lehmann
Wolfgang
Siegel: Tut mein Therapeut mir gut? Das Begleitbuch für die Psychotherapie
Das Buch soll helfen, Psychotherapie optimal zu nutzen, heiß es in der Ankündigung.
Ohne jedoch irgendwann eine klare Haltung zu beziehen, wägt der Autor die
Pros und Contras aller möglicher Faktoren von Psychotherapie ab. Dabei bleibt
er allerdings derart schwammig, dass eine eigene Orientierung kaum möglich
wird, im Gegenteil, alle Fragen bleiben offen, immer soll der orientierungslose
Leser dann "seinen" Therapeuten nach dessen Meinung und Urteil fragen. Mit einem
kritischen Blick auf Psychotherapie ist durchaus denkbar, dass diese Verunsicherung
beabsichtigt ist. Das Urteil des (vermeintlichen) Fachmannes, dann im eigenen
Kopf, führt zwar zu einer klaren Haltung. Aber es ist die des Profis, das
Ergebnis bloßer Beeinflussung des Menschen in abhängiger therapeutischer
Position. Im Anhang nennt der Autor Anlaufstellen, allerdings keine Beschwerdestellen
für Psychotherapieschäden, wie sie derzeit überall im Aufbau sind,
sondern Ärztekammern sowie das sogenannte "Kompetenznetz Depression".
Dieses schreibt auf der von Siegel empfohlenen Website: "Bei Patienten mit
schweren Depressionen, bei denen zahlreiche medikamentöse und psychotherapeutische
Behandlungsversuche fehlgeschlagen sind, ist die Elektrokrampftherapie (EKT) das
erfolgreichste Verfahren. Ein kurzer elektrischer Stromstoß löst eine künstlichen
epileptischen Krampfanfall aus. Die Behandlung wird unter Kurznarkose durchgeführt,
so dass sie den Patienten in der Regel nicht belastet. Zudem werden muskelentspannende
Medikamente gegeben, um stärkere Muskelkrämpfe während des epileptischen Anfalls
zu vermeiden. Den eigentlichen elektrischen Stimulationsvorgang und den Krampfanfall,
der 20 bis 30 Sekunden dauert, bemerkt der Patient nicht. Der Patient erhält,
verteilt über etwa drei Wochen, neun bis zwölf Anwendungen. Bei der Mehrzahl der
therapieresistenten Patienten kann die EKT depressive Phasen durchbrechen, die
zum Teil schon seit Monaten oder Jahren andauern. Viele von ihnen erleben das
Abklingen ihrer Depression nach der EKT wie das Erwachen aus einem langen Alptraum..."
Entweder hat Siegel schlecht recherchiert, wenn er solcherart vorsätzliche
und fortgesetzte Körperverletzung übersieht, oder er steht hinter dieser
Empfehlung. Da der Autor in der Psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses
arbeitet, ist allerdings letzteres anzunehmen. Doch egal ob fahrlässig oder vorsätzlich,
beidesmal kann die Lektüre des Buches dazu führen, dass dem Alptraum einer psychiatrisch
gewollten Hirnschädigung mittels Stromschlägen geholfen wird, Wirklichkeit zu
werden. Geb., 238 S., Stuttgart & Zürich: Kreuz Verlag 2003, €
19.90 / sFr 35.90 Peter Lehmann
Fritz Simon: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbstorganisation
der Verrücktheit
Der Autor ist Psychiater, Psychoanalytiker und einer der Gründer
des Heidelberger Instituts für systemische Forschung, Therapie
und Beratung. Mit einer psychiatriekritischen Haltung bringt er,
so der Klappentext des Buches, »... eine erste umfassende Ordnung
in das sich stürmisch entwickelnde Feld der systemischen Theorie
und Therapie.« Kapitelüberschriften, die für sich
selbst sprechen: Das Modell der Selbstorganisation; Die Rolle des
Beobachters; Menschliche Kommunikation; Verrücktes Denken;
Unterschiede, die Unterschiede machen; Verrückte Kommunikation;
Die Funktion der Gefühle; Verrücktes Fühlen; Der
Prozess der Individuation; Familiäre Wirklichkeiten; Chaos
und Ordnung Ein formales Modell der Entwicklung von Normalität
und Verrücktheit; Wenn das Weltbild nicht zur Welt passt
Erkenntnistheoretische Irrtümer und Fallen. Kart., 295 S.,
31 Abb., 4., korr. Aufl., Heidelberg: Carl Auer Verlag 1993. DM/sFr
39,80 / öS 311,
Peter Lehmann
Andrew Solomon: Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression
Meine bevorzugte Methode, ein Buch zum Thema Depression einzuschätzen,
ist der Blick darauf, was der Autor zum Elektroschock sagt. O-Tonm
Solomon: "... die Elektrokrampftherapie schient jedoch in fünfundsiebzig
bis neunzig Prozent der Fälle Maßgebliches zu bewirkne.
Etwas di eHälfte derer, bei denen sie eine Besserung herbeiführt,
fühlen sich auch noch ein Jahr später gut, während
andere die Behandlung wiederholt uoder sogar regelmäßig
benötigen. Der Eingriff wirkt rasch. Vielen Patienten geht
es schon nach wenigen Tagen deutlich besser: ein großer Vorteil
gegenüber dem langwierigen Verfahren der Medikation. Besonders
gut eingen sich Elektrokrampftherapien für aktut selbstmordgefährdeete
Patienten die sich häufg selbst verletzen, als dringend schneller
Hilfe bedürfen..." Wenn sich für Solomon dafür
entscheidet, dass es besser sei, depressiven Menschen Stromschläge
durchs Gehirn zu jagen, vorsätzliche epileptische Anfälle
auszulösen und unspezifische Hirnverletzungen herbeizuführen,
dann sinkt bei mir die Lust, auch nur einen Satz weiterzulesen,
dafür entscheide ich mich, das Buch dahin zu befördern,
wohin es gehört: in die Ramschkiste. Geb., 576 S., ISBN 3-10-070402-9.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2001. Euro 24,90
Peter Lehmann
Sozialhilfe SGB XII / Grundsicherung für Arbeitssuchende SGB
II. Textausgabe mit Inhaltsverzeichnis
Mit dem Gesetz zur Einordnung des Sozialhilferechts in das Sozialgesetzbuch,
das zum 1. Januar 2005 in Kraft treten wird, wird das Sozialhilferecht
reformiert und zugleich in das Sozialgesetzbuch als dessen Zwölftes
Buch eingeordnet. Parallel zum neuen SGB XII wird das künftige SGB
II in Kraft treten. Dieses wird die Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe
für erwerbsfähige Hilfeempfänger zum so genannten Arbeitslosengeld
II zusammenführen. Wie eine Sprecherin des Bundesministeriums für
Wirtschaft und Arbeit am 12. April .2004 in Berlin bestätigte, werden
am 1. Januar 2005 einen rund 500.000 der knapp 2,2 Millionen BezieherInnen
von Arbeitslosenhilfe am jegliche Arbeitslosenunterstützung verlieren.
Die Zahl entspreche den Berechnungen der Arbeitsgruppe "Arbeitslosenhilfe/Sozialhilfe"
der Kommission zur Reform der Gemeindefinanzen, erläuterte die Sprecherin.
Die Kommission hatte die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
vorbereitet. Danach werde bei etwa 23% der Betroffenen das Haushaltseinkommen
wegen des Einkommens weiterer Familienangehöriger über der Sozialhilfegrenze
liegen. Damit entfalle der Anspruch auf das Arbeitslosengeld II.
Nach einem dem Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
entfällt in Ostdeutschland sogar für 31% der Langzeitarbeitslosen
der Anspruch auf das Arbeitslosengeld II. Durch die Zusammenlegung
von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird mit Beginn 2005 an Langzeitarbeitslose
das Arbeitslosengeld II ausgezahlt. Dieses liegt auf Höhe der Sozialhilfe.
Die Textausgabe mit Inhaltsverzeichnis nach Paragraphen- und Seitenangaben
enthält die aktuellen Vorschriftentexte des SGB XII und des SGB
II (Stand 1. Januar 2004) als schnelle Orientierung für Sozialämter,
Jugendämter, Job-Center in Gemeinden, Städten und Landkreisen. Übersichtlich,
nicht ganz preiswert, aber nötig für alle, die sich vorab
informieren wollen, was im Einzelnen auf sie zukommt. Kartoniert,
88 Seiten, ISBN 3-415-03305-8. Stuttgart: Boorberg Verlag, 1. Auflage
2004. € 8. / sFr 14.30
Peter Lehmann
Brigitte Speck: Zappelphilipp Hyperaktive
Kinder richtig ernähren Ein schön aufgemachtes Kochbuch mit Fotos, die
Appetit machen, und Vollwert-Gerichten, die nicht nur Kindern schmecken: Brotaufstriche,
Vegetarisches, Hauptgerichte mit Fleisch oder Fisch, Desserts und Gebäck. In einer
kurzen Einführung wird eine Umstellung der Ernährung Verzicht auf Zucker,
Milch etc., Einführung von Dinkel, Nüssen etc. erläutert, knapp, übersichtlich
und undogmatisch. Ein 2-Wochen-Menüplan lädt dazu ein, mit dem praktischen Teil
zu beginnen. Gebunden, 96 Seiten, 84 farbige Fotos, ISBN 3-935407-13-0. Weil der
Stadt: NaturaViva Verlags GmbH 2003. € 17.90 / sFr 31.70 Kerstin
Kempker Elisabeth Stechl / Elisabeth Steinhagen-Thiessen
/ Catarina Knüvener: Demenz mit dem Vergessen leben. Ein Ratgeber für Betroffene
Vielseitiger Ratgeber für Menschen mit Demenz im Frühstadium
und für Angehörige mit hilfreichen Informationen über
Demenz, die Probleme der Betroffenen und Angehörigen, illustriert
an einer Vielzahl von Selbstaussagen. Mit hilfreichen, allerdings
auf Deutschland begrenzten Adressen von Beratungsstellen für
Menschen mit Gedächtnisstörungen sowie von Gedächtnisambulanzen.
Störend ist einzig die einseitige Information über Psychopharmaka,
wonach viele Menschen mit Unruhe und Depressionen die Einnahme psychiatrischer
Medikamente "als Erleichterung erleben". Kein Wort zur
katastrophal um sich greifenden psychopharmakologischen Ruhigstellung
in Alteneinrichtungen, zu gefährlichen Arzneimittelreaktionen bei
alten Menschen, zum psychopharmakologisch erhöhten Risiko von Altersverwirrtheit
bei mangelnder Flüssigkeitszufuhr, zu altersbedingt veränderter
Aufnahme und Verarbeitung psychopharmakologischer Substanzen im
Körper, zu herabgesetzter Magen-Darm-Beweglichkeit, vermindertem
Blutfluss, verminderter Magensäureproduktion, verminderter Rezeptordichte
und herabgesetztem Dopamingehalt im Gehirn mit massiven Auswirkungen
hinsichtlich einer drastisch erhöhten psychopharmakogenen Sterblichkeit.
Es ist zu hoffen, dass der Mabuse-Verlag darauf dringt, dass diese
eklatante Schwachstelle in einer nachfolgenden Auflage behoben wird.
Kartoniert, 133 Seiten, ISBN 978-3-938304-98-3. Frankfurt am Main:
Mabuse-Verlag 2008. € 15.90 / sFr 28.90
Peter Lehmann
Vera Stein: Diagnose "unzurechnungsfähig"
Rezension
im BPE-Rundbrief . Rezension
in Soziale Psychiatrie, 30. Jg. (2006), Nr. 3, S. 56-57
Vera Stein: Abwesenheitswelten. Meine Wege durch die Psychiatrie
Vera Stein (Pseudonym) ver-lebte 4 Jahre ihrer Jugend auf Geschlossenen
Abteilungen. Trotz verheerender Neuroleptika-Auswirkungen (u.a.
Sprachverlust) und ständigem Kampf zwischen Flucht, Zwang und
Verzweiflung beobachtet sie ihre Umgebung ungeheuer scharf und oft
liebevoll. Spannender, detailreicher und erschreckender Bericht
aus dem Innern der Psychiatrie der 70er Jahre. 194 Seiten, 8 Abbildungen,
Tübingen: Attempto 1993. DM 29,80. Sehr empfehlenswert!
Kerstin Kempker
Holger Steinberg: Kraepelin in Leipzig. Die Begegnung von Psychiatrie
und Psychologie
Weshalb man den in der Verlagsvorschau angekündigten Untertitel
»Beginn einer Sternstunde der Psychiatrie und Psychologie«
verwarf, wird nicht erwähnt. Schade, hatte doch Emil Kraepelin,
der laut Steinberg »zu den bedeutendsten historischen Persönlichkeiten
auf dem Gebiet der Psychiatrie« zählt, 1918 in seinem
richtungsweisenden Aufsatz »100 Jahre Psychiatrie« den
Gipfel der Psychiatrie förmlich herbeigeschrieben: »Ein
unumschränkter Herrscher, der geleitet von unserem heutigen
Wissen, rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen
einzugreifen vermöchte, würde im Laufe weniger Jahrzehnte
bestimmt eine entsprechende Abnahme des Irreseins erreichen können.«
Sein Wunsch nach rücksichtslosem Vorgehen und »Abnahme
des Irreseins« ging schon 15 Jahre später in Erfüllung.
Das zu erleben war dem Psychiater nicht mehr vergönnt. Er starb
1926, also kann sich der Autor so meint er wohl um
die Konsequenzen der Kraepelianischen Visionen herummogeln. Laut
Steinberg wird Kraepelin »allgemein als Begründer der
modernen klinischen Psychiatrie betrachtet«. Steinberg zeichnet
nach, wie dieser ein von seinen Kollegen freudig nachgeahmtes System
diagnostischer Schubladen entwickelte. Um diese Schreibtischarbeit
ungestört vollziehen zu können, verabreichte Kraepelin
»seinen Patienten« vorzugsweise Schlafmittel und steckte
sie ins Bett (»Alle frisch Erkrankten gehören zunächst
und unter Umständen für längere Zeit ins Bett«)
oder in abgedeckte Badewannen, durchaus über mehrere Tage.
Hierzu hätte der Rezensent gerne wenigstens die Spur einer
kritischen Bemerkung gelesen. Doch dass Kraepelin die Behandelten
unendlich gequält haben könnte, kommt dem Autor offenbar
nicht in den Sinn handelt es sich bei den Behandelten doch
lediglich um »Fälle«, so die Begrifflichkeit des
Psychiatrieverlagsbuches. Menschen kommen in dem Buch aber auch
vor: Kraepelins Lehrer, Kollegen, Schüler. Viel erfährt
man über Kraepelins Drang, als Psychiater Karriere zu machen,
und darüber, welche Briefe er diesem und jenem Kollegen geschrieben
hat. Der Archivar Steinberg hat sie aus Archiven ausgegraben und
zitiert daraus. Darin, dass dies interessant sein soll, kann ich
dem Autoren leider nicht folgen. Wo laut neuem Untertitel »die
Psychologie« denn nun »der Psychiatrie« begegnet
ist, hat Steinberg vergessen zu erwähnen. Oder meint er die
»Genialität« des Emil Kraepelin, welcher das Unbegreifliche
die Psyche verrückter, andersartiger Menschen
mit einem Verzeichnis von Fachbegriffen bewältigt habe? Ein
Autor, der dies als Leistung anpreist, hat nicht begriffen, welches
Leiden auf Seiten von Psychiatriebetroffenen geschaffen und verstärkt
wird, wenn sie in Krisen diagnostiziert und ruhiggestellt werden
statt Verständnis oder zumindest Beistand zu erhalten. So kann
das Urteil des Rezensenten zu Steinbergs seelenlosem und inhaltlich
seichten Buch nur lauten: mangelhaft. Gebunden, ISBN 3-88414-300-X,
381 S., Bonn: Psychiatrieverlag 2001. DM 49,80 [Die Rezension erschien
auch im Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
(BRD), 2001, Heft 4, S. 4 31]
Peter Lehmann
Inge Stephan: Die Gründerinnen
der Psychoanalyse. Eine Entmythologisierung Sigmund Freuds in zwölf Frauenportraits
Die Autorin, Professorin am Literaturwissenschaftlichen Institut der Uni Hamburg,
gruppiert zwölf Opfer oder Gefolgsfrauen um Meister Freud: Martha
Bernays, Bertha Pappenheim, Emma Beckstein, Sabina Spielrein, Hermine Hug-Hellmuth,
Lou Andreas-Salomé, Marie Bonaparte, Hilda Doolittle, Helene Deutsch, Karen Horney,
Melanie Klein, Anna Freud. Ob der Anspruch der Entmythologisierung damit eingelöst
ist? Geb., 334 S., 60 Abb., Stuttgart: Kreuz Verlag 1992. DM 39,80 / sFr 41, / öS 311,
Peter Lehmann
Philomena Strasser: Kinder
legen Zeugnis ab. Gewalt gegen Frauen als Trauma für Kinder Die österreichische
Psychologin und Therapeutin Philomena Strasser widmet sich in ihrem Buch »Kinder
legen Zeugnis ab Gewalt gegen Frauen als Trauma für Kinder« einem
ebenso wichtigen wie vernachlässigten Thema. Wie erleben und verarbeiten
Kinder die Gewalt ihrer Väter gegen ihre Mütter? Die Autorin, die zehn
Jahre im Frauenhaus gearbeitet hat, befragte Kinder, Jugendliche und ihre Mütter,
die in österreichischen autonomen Frauenhäusern Zuflucht gefunden hatten.
Eingebettet in eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen familiärer
Gewalt untersucht sie die vielschichtige Bedeutung der ZeugInnenschaft von Gewalt
für die Kinder. Philomena Strasser ist es gelungen, eine äußerst
fundierte feministische Forschungsarbeit in einer Sprache zu verfassen, die durch
Klarheit und Wärme beeindruckt. Sie gibt den Kindern, ihren Aussagen und
Bildern den Raum, den sie in ihrem Leben wie in der Literatur nie hatten. Kartoniert,
310 Seiten, 11 farbige und 31 Schwarz-Weiß-Zeichnungen, ISBN 3-7065-1453-2.
Innsbruck / Wien / München: Studien-Verlag 2001. € 29,90 / sFr 52,
Kerstin Kempker
Susan Swedo, Henrietta Leonard: Alles nur psychisch? Die körperlichen
Ursachen falsch diagnostizierter Beschwerden
Ein auf den ersten Blick interessantes Buch: Die Autorinnen, zwei
US-Psychiaterinnen, beschreiben ausführlich psychische und
zentralnervöse Veränderungen, die Folgen aller möglicher
organischer Erkrankungen sein und leicht mit »psychischen Krankheiten«
verwechselt werden können. Letztlich bleibt dies aber eher
ein diagnostisches Problem für die Psychiater; für die
Betroffenen gibt es häufig wie gehabt Psychopharmaka
aller Art, nicht etwa naturheilpraktische Mittel, sondern Tranquilizer,
Lithium, Neuroleptika und Antidepressiva, entsprechend dem Zeitgeist
vorzugsweise Fluoxetin, bekannt unter den Handelsnamen Prozac und
Fluctin. Auch Medikamente und Psychopharmaka als Verursacher von
psychischen Problemen sind benannt; entsprechend der psychiatrischen
Ideologie, wonach Antidepressiva und Neuroleptika vor allem heilen,
klafft hier jedoch ein großes Loch der Desinformation. Depressionen
beispielsweise als Auswirkungen von Neuroleptika sie treten
selbst nach psychiatrischen Aussagen immerhin in 2/3 aller Behandlungsfälle
auf werden ebenso unterschlagen wie paradoxe Wirkungen von
Tranquilizern und Antidepressiva. Ein Buch, das zu folgenreichen
Fehleinschätzungen konkreter Probleme führen kann. Geb.,
344 S., Frankfurt/Main: Campus Verlag 1998. DM 48, / sFr 46, /
öS 350,
Peter Lehmann
Thomas S. Szasz: Grausames Mitleid. Über die Aussonderung
unerwünschter Menschen
Rezension siehe 
Kerstin Kempker
Szondi-Institut (Hg.): Sexualität, Macht, Geld. Ethische
Fragen in der Psychotherapie
Das Szondi-Institut, »Lehr- und Forschungsinstitut für
Schicksalspsychologie und Allgemeine Tiefenpsychologie« in
Zürich, hat im November 1994 eine Tagung zum Missbrauch in
Psychotherapien durchgeführt, die Referate finden sich in diesem
Sammelband. Sie kreisen um die Themen: Ethische Verantwortung, Verführung,
sexueller, finanzieller und Machtmissbrauch, Standesregeln und rechtliche
Konsequenzen. Angenehm fand ich beim Lesen, dass die AutorInnen
nicht nur Schicksals- und andere AnalytikerInnen sind, sondern auch
Juristin, Seelsorger, Ärztin, Mitglied der Ethik-Standeskommission,
Verhaltenstherapeuten, Mitarbeiterin des Nottelefons. Die KlientInnensicht
fehlt allerdings wieder mal. Immerhin, es wird offen gesprochen,
nicht nur über sexuellen Missbrauch, sondern auch über
den sicher viel häufigeren Missbrauch der Macht. Regina Kesztler
berät bei der Ärztegesellschaft Frauen nach ärztlichen
Übergriffen. Sie beschreibt den ganz gewöhnlichen Missbrauch,
so den narzisstischen: »Ein selbstunsicherer Therapeut wird
nach Möglichkeit eine bestimmte Auswahl von Klienten treffen.
Er wird fügsame, eher Ich-schwache Patienten vorziehen, welche
ihm das Gefühl von Stärke und Überlegenheit vermitteln.«
Oder: »Wohin gehört beispielsweise der Psychoanalytiker,
welcher die Deutungen wie eine Waffe benutzt? Und wo wäre jene
Körpertherapeutin zuzuordnen, welche eine junge Frau mit einer
schweren Inzestproblematik mit dem Satz nötigte, weiterhin
in die Therapie zu kommen: Das kennst du doch, wenn es schwierig
wird, läufst du davon.« Es ist auch vom Geld die
Rede, vom Rahmenvertrag, von der auf ihre Art missbrauchenden Analytikerin,
von der Notwendigkeit einheitlicher Standesregeln und von rechtlichen
Konsequenzen. Bezugsrahmen ist bei allem die Schweiz. Als bunter
Einstieg in ein brisantes Thema eine lohnende Lektüre. Kart.,
117 S., Schriftenreihe aus dem Szondi-Institut, 1995, Heft 3. DM/sFr
20, / öS 156,
Kerstin Kempker
Frauke Teegen: Wenn die Seele vereist
Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden
Die Autorin zeigt anschaulich und kompetent, was Menschen Schreckliches
widerfährt, wie sie durch Unfälle, Katastrophen, Geiselnahme oder
Vergewaltigung um Leib und Leben fürchten müssen, wie ihre
Seele schwere Verletzungen ein Trauma erleidet. Albträume,
Erinnerungsattacken, Konzentrationsstörungen, Depressionen sind
häufig die Folgen. Wie entstehen traumatische Erfahrungen, wie erkennt
man sie, was meint man für körperliche und neurobiologische
Änderungen erkennen zu können, welche Wege können
zur Linderung und Heilung führen? Anhand von eindrucksvollen Fallbeispielen
auch Prominenter wie Monika Seles oder Viktor Frankl
zeigt die Autorin, die an der Universität Hamburg Psychologie
lehrt, wie selbst schwere Schicksalsschläge gut bewältigt werden
können. Weshalb sie traumatische Erfahrungen durch psychiatrische
Gewalt systematisch ausklammert, wo doch psychiatrische Maßnahmen,
Antidepressiva incl., durchaus Thema ihres Buches sind, und bekanntermaßen
insbesondere viele psychiatrisierte Frauen in der Psychiatrie traumatisierende
Gewalt erfahren, die sie auf vergleichbare Weise (gewaltsames Entkleiden,
gewaltsames Niederwerfen ins Bett, gewaltsame Manipulationen am
Körper) in ihrer Kindheit und Jugend bei Missbrauchserfahrungen
kennen lernen mussten, sagt die Autorin leider nicht. Vielleicht
muss man darauf warten, dass ein Promi nachhaltig in die Mühlen
der Zwangspsychiatrie gerät und ähnlich drastisch wie
weiland Klaus Kinski berichtet. Neben vielen sinnvollen Maßnahmen
empfiehlt die Autorin Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als unterstützend
für die psychologische Traumatherapie: sie seien dafür
zugelassen, wirksam und würden nur bei Jugendlichen das Suizidrisiko
erhöhen. Dass diesen Substanzen aufgrund ihrer gelegentlichen
paradoxen Wirkung auch bei Erwachsenen ein erhöhtes
Suizidrisikos in sich tragen, ist leider ebenso wenig Thema im Buch
wie das Risiko der Entwicklung einer Abhängigkeit von diesen
synthetischen Antidepressiva. Mit drei Seiten Internet-Ressourcen.
Gebunden, 318 Seiten, 5 Abbildungen, ISBN 978-3-7831-3041-6. Stuttgart:
Kreuz Verlag 2008. € 19.95 / sFr 35.50
Peter Lehmann
Margaret Thaler Singer, Janja Lalich: Sekten Wie Menschen
ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können
Informationen über politische, spirituelle, okkultische, psychotherapeutische
und sonstige Sekten leider hauptsächlich nur US-amerikanische.
Differenzierte Aussagen über Techniken der Anwerbung, der Beeinflussung
und Persönlichkeitsveränderung, den Umgang mit Betroffenen
und den Ausstiegn sowie mögliche Entzugserscheinungen und therapeutische
Hilfsmöglichkeiten. Mit vielen Adressen deutschsprachiger Sektenberatungsstellen.
Kart., 407 S., Heidelberg: Carl Auer Verlag 1997. DM 58, / sFr
53, / öS 423,
Peter Lehmann
Konrad Thome: Nährstoffe zum Über-Leben und ihre
Bedeutung für Körper, Seele und Geist. Gesunde Ernährung für jeden
Das Bauchhirn als 2. Intelligenz Orthomolekulare Medizin
für psychisch Kranke und bei ADHS
"Nährstoffe sind sicherlich nicht alles, aber ein wichtiger
Baustein im Überleben." Wer diesen Satz aus dem Vorwort
des Heilpraktikers Konrad Thome beherzigt (und sein soziales Umfeld
nicht außen vor lässt), für den ist das ausgesprochen
informative Buch eine Fundgrube hinsichtlich verschiedenster Möglichkeiten,
sein Leben auch über den Weg einer veränderten Ernährungsweise
zu verändern, unter anderem mittels der sogenannten orthomolekularen
Medizin, womit Mikronährstoffe wie Vitamine, Spurenelemente,
Enzyme und dergleichen gemeint sind. Thome führt ein in die
Fragen des Ernährungstyps, der beispielsweise bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten
eine wichtige Rolle spielt, um anschließend die Grundprinzipien
einer gesunden Ernährung und einzelne besonders gesunde Nahrungsmittel
sowie die Wirkungsweise des "Bauchhirns" zu erläutern.
Dies ist ein Nervengeflecht im Darm, das nicht nur für das
Immunsystem, sondern auch die Psyche von Bedeutung ist. Im zweiten
Teil des Buches geht Thome auf die Anwendung der orthomolekularen
Medizin bei als psychisch krank oder aufmerksamkeitsgestört
geltenden Menschen ein. Entsprechend der Tradition der orthomolekularen
Medizin verwendet Thome den Krankheitsbegriff, er beruft sich auf
das biochemische Psychosenverständnis Carl Pfeiffers, der die
orthomolekulare Medizin wesentlich geprägt hat. Allerdings
und das macht Thomes Buch besonders wertvoll entwickelt
er seine alternativen Behandlungsvorschläge mit klarem Blick
auf die Gefahren und Risiken psychiatrischer Psychopharmaka mit
ihren speziellen Be- und Überlastungen der Entgiftungsorgane.
Pflanzenheilkunde, Homöopathie, biochemische Maßnahmen
nach Dr. Schüßler, Bachblütentherapie und natürlich
orthomolekulare Medizin sind konsequenterweise Thomes Alternativen
zu neurotoxischen psychiatrischen Psychopharmaka. Erfahrungsberichte
und Adressen, wo man die empfohlenen Substanzen beziehen kann, schließen
das Buch ab. Und nicht vergessen: Eingangs steht Thomes Anschrift
incl. Festnetztelefonnummer für den Fall, dass man weitere
Fragen an ihn hat. Kartoniert, 150 Seiten, 4 Abbildungen, 23 Tabellen,
ISBN 978-3-921271-44-5. Kelkheim: Optimal-Verlag 2006. € 14.80
/ sFr 27.40
Peter Lehmann
Katharina Tillmann: Geht es dir zu gut?
Bipolare Störungen und meine persönliche Lösungsstrategie
Die unter einem Pseudonym schreibende Autorin will mit ihrem Buch
Vorurteile gegen "Psychisch Kranke" abbauen. Sie beschreibt
ihre Vorstellungen von ihrer Krankheit, wie sie diese erlebt hat,
welche unangenehmen Wirkungen Psychopharmaka bei ihr hatten, dass
sie aber doch die Kooperation mit ihren behandelnden Ärzten
gewählt hat, dass sie ein Phasenprophylaktikum zur Vorbeugung
nimmt, dass es ihr wichtig ist, Frühwarnzeichen zu erkennen,
um dann für ausreichenden Schlaf, Entspannung und Abstand von
stressenden Situationen zu sorgen. So weit so gut, könnte man
sagen. Dass sie aber ungebrochen von sich auf andere schließt,
denen sie ebenfalls zur Einnahme von Psychopharmaka rät, und
dass sie zuallerletzt auch noch Familienaufstellungen anpreist,
in denen unabhängig von ihren möglichen Verfehlungen
die Vorfahren auch noch geehrt werden müssen (was sehr
nach Hellingerscher "Gehirnwäsche")
klingt), ist allerdings weniger schön. "Es ist Zeit, einen
Schritt weiter zu gehen. Mich einzulassen auf das Leben, mich zu
öffnen", schreibt die Autorin am Ende. Dafür ist
ihr alles Gute zu wünschen. Kartoniert, 48 Seiten, ISBN 978-3-902458-03-2.
Selbstverlag 2008. Bestelladresse: katharina.tillmann[at]gmx.net
€ 6.50
Peter Lehmann
Achim Tischer: Brauchen wir ein Mahnmal? Zur Erinnerung an die
Psychiatrie im Nationalsozialismus in Bremen.
Beiträge von Dorothea Buck, Marie Luise Büssenschütt,
Gerda Engelbracht, Hans Haack, Rainer Habel, Helmut Hafner, Helmut
Haselbeck, Marikke Heinz-Hoek, Annelie Keil, Peter Kruckenberg,
Via Lewandowsky, Raoul Marek, Frieder Schnock, Renata Stih, Yuji
Taeoka, Timm Ulrichs, Katerina Vatsella und Christine Wischer. Das
Buch dokumentiert eine seit über zehn Jahren in Bremen
und weit über die Stadtgrenzen hinaus reichende öffentlich
geführte Diskussion. Die Beiträge reflektieren aus der
Perspektive von Betroffenen, von Kultur- und Gesundheitswissenschaft,
Politik, Bildender Kunst sowie Psychiatrie den heutigen Umgang mit
dem Massenmord der Psychiater unter den Freiräumen des Nationalsozialismus
und die Frage nach den ehtischen Grenzen in der Medizin damals
wie heute. Mit dem Artikel »Die Tragödie der Euthanasie«
von Dorothea Buck. Gebunden, 41 teilweise farbige Abbildungen, 141
Seiten, Bremen / Rostock: Edition Temmen 2000. DM 19,90 / sFr 19,90
/ öS 145,
Peter Lehmann
Igor Tominschek / Günter Schiepek: Zwangsstörungen
Ein systemisch-integratives Behandlungskonzept
Buch über Therapiekonzepte zur Behandlung von Zwangsstörungen,
welches verhaltenstherapeutische Interventionen mit systemischen
Modellen und Techniken verbindet und psychologische und neurobiologische
Erklärungsansätze zu verbinden versucht. Anhand von Fall-Beispielen
wird der Stellenwert sozialer Beziehungen und der individuellen
Biografie der Betroffenen für die Entwicklung und Aufrechterhaltung
von Zwangsstörungen beleuchtet. Das Buch stellt zudem das Windacher
Behandlungsmodell vor. Verhaltenstherapeutische und systemische
Interventionen ermöglichen in diesem Modell sowohl eine Symptomreduktion
als auch die Bearbeitung der Hintergründe der Problematik bei Patient
und Angehörigen. Zahlreiche klinische Beispiele zeigen in den Augen
der Autoren, wie systemische Techniken, z.B. bildliche Darstellung
der Familiengeschichte mit jeweilgen Problemen der einzelnen Familienmitglieder
("Genogramme"), idiographische Systemmodellierung, Skulpturen,
zusammen mit verhaltenstherapeutischen Techniken zu Synergieeffekten
führen können. "Abschließend wird ein Ausblick auf die Möglichkeiten
des computerbasierten Real-Time Monitorings von Therapieverläufen
und dessen Stellenwert im Rahmen eines synergetischen Prozessmanagements
gegeben." Dieser Schluss lässt einen leicht schaudern,
ebenso wie der hier und da empfohlene Einsatz von Antidepressiva
und Neuroleptika, möchte man doch eigentlich in der Psychotherapie
eher mit Menschen zu tun haben als mit technologischen Herangehensweisen,
Chemie und Computern. Kartoniert, VIII+164 Seiten, ISBN 978-3-8017-1888-6.
Göttingen: Hogrefe Verlag. € 24.95 / sFr 39.90
Peter Lehmann
Werner Tschan: Missbrauchtes
Vertrauen Sexuelle Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen. Ursachen
und Folgen Übersichtlich, nüchtern und knapp, aber keineswegs
oberflächlich oder unparteiisch, führt der Autor Schweizer Psychiater und
Psychotherapeut durch historische, juristische, psychologische und traumatologische
Aspekte von "PSM", sexuellem Missbrauch in professionellen Abhängigkeitsverhältnissen.
Ob im Krankenhaus, der Kirche, dem Militär, in der Therapie, dem Kinderheim oder
dem Sportverein, im weiten Feld zwischen Belästigung und Vergewaltigung, wo die
Grenzen gerne verwischt werden, helfen Klarheit und Differenzierung. Aus der Perspektive
der Opfer schreibt der Autor und widmet sich dabei ebenso eingehend den Tätern,
denn "Täterbehandlung ist Opferschutz". Kartoniert, XXII + 336 Seiten, 19 Abbildungen,
ISBN 3-8055-7804-0. Basel usw.: Karger Verlag, 2., neu bearbeitete und erweiterte
Auflage 2005. € 58.50 / sFr 82. Kerstin Kempker Christioph
Türcke: Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft
Christoph Türcke zeigt als ein hervorragender Kenner des Nietzscheanischen
Gesamtwerkes dessen Zwiespalt von Vernunft und Wahnsinn zugleich als sein identisches
Streben. Das kann nach Nietzsche nur ein gewaltiger Kraftakt des Denkens gegen
seine notwendige Krankheit, gegen seine sinnliche Herkunft sein. Die Vernunft
müßte über ihren eigenen Schatten springen, um ihre Wahrheit im
Wahnsinn zu erlangen, würde sie wirklich vollzogen. So aber bedeutet sie
ihm die Beschränkung des Vermögens, als Mensch wahr zu sein, und zugleich
die Unmöglichkeit des Menschen, vernünftig zu sein. Indem der Mensch
"Gott abgeschafft" hat, hat er zugleich seine unendliche Widersinnigkeit bloßgelegt,
die nur der Tolle, der Irre auf dem Marktplatz zu formulieren vermag, der dort
am hellichten Tag mit einer Laterne umherläuft und ausruft: "Ich suche Gott!
Ich suche Gott!". Die Gottessuche am Schauplatz des Alltags verschreckt das nüchterne
Treiben in der Ernüchterung seines plakativen Atheismus: "Was taten wir,
als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?" Nietzsches Traum vom Übermenschen,
der ewig geträumt sein muss wie ein Zwang zum Überleben des Menschlichen,
ist die versuchte Menschwerdung Gottes in der Vernunft, die zugleich nur darin
bestehen kann, dass viele Schwache die Stärke des Übermenschlichen nähren,
wie sie auch seine Bedrohung darstellen. Denn nur das Schwache hat die Kenntnis
der Lebenskräfte, die das Starke, einer Drohne gleich, in sich aufsaugt und
für das Geistige und Schöne vertut. Das Nietzscheanische Dilemma ist
das des bürgerlichen Individuums, das von seinen Besitztümern seine
Enteignung zu fürchten hat. Der Wille zur Macht, zu dem es sich entschließt,
ist zugleich seine Ohnmacht, seine morbide Antinomie, die Widersinnigkeit seiner
Ästhetik, welche die Dichter und Denker von rechts bis links so fasziniert
hat (z.B. Levi Strauss, Horkheimer, Foucault, Thomas Mann). Die solchermaßen
verbliebene Radikalität des Bürgerlichen, welche sich auch im Zusammenbruch
der bürgerlichen Werte äußert, verharrt jedoch nicht im Menschen
als Schicksal Faschisten finden in ihrem Staat allemal die Mittel, dem
Willen zur Macht zu seiner vernichtenden Wirklichkeit zu verhelfen. So ist denn
Nietzsche in der Tat der letzte Philosoph des Bürgertums, jener, der seine
Identität auch wirklich und letztendlich zu formulieren versuchte und dem
Fürchterlichsten diente, dem er zu widersprechen suchte: Dem "menschlich
allzu Menschlichen" im Heilsversprechen des Vernichtungswillens, der dem Übermenschen
inne wohnt. Kartoniert, 176 Seiten, Lüneburg: Zu Klampen Verlag, 3. Auflage
2003. € 14, Wolfram Pfreundschuh |