Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
zuletzt aktualisiert am 6. Februar 2010

FAPI
-Nachrichten – Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. D – F

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Ruediger Dahlke: Die Notfallapotheke für die Seele – Heilende Wahrnehmungsübungen und Meditationen
"Was tun, wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät?" Der Autor bietet vielerlei Ratschläge an. Um Ängste zu bewältigen, beispielsweise: bewusst lächeln, der Angst aktiv begegnen, die Angst ergründen, der Angst eine feste Zeit geben, geführte Meditation, Essen für gute Stimmung u.v.m. Weiterhin angebotene Strategien zu psychischen Problemen: Körper- und Tiefenentspannung, Ritual-Vorschläge, Atemübungen, Notwehrmaßnahmen gegenüber beleidigten Menschen, Qi Gong, Durchstehübungen, Klopftechniken u.v.m. Alles tausend mal besser als synthetische Psychopharmaka oder sonstige Psychodrogen mit all ihren unerwünschten Risiken, Abhängigkeitsgefahren und absehbaren Langzeitschäden. Allerdings ist mehr erforderlich zur Problembewältigung oder momentanen Erleichterung, als sich mal eben eine Pille einzuwerfen. Gebunden, 124 Seiten, ISBN 978-3-485-01120-4. München: Nymphenburger Verlag, 3. Auflage 2008. € 14.90 / sFr 27.30
Peter Lehmann

Frank Dammasch / Hans-Geert Metzger / Martin Teising (Hg.): Männliche Identität – Psychoanalytische Erkundungen
Psychoanalytisch orientierte Beiträge über die Auswirkungen der weiblichen Dominanz bei gleichzeitigem Mangel an Väterlichkeit in Familie und Kultur, unter anderem den Optimierungsdruck der kapitalistischen Moderne auf die frühkindliche Bildung, die Jungen mit ihren typisch rivalisierenden aund aggressivierenden Verhaltensweisen zu bloßen Störern degradiert und Identitätsprobleme produziert: äußere soziale Gruppenformungsprozesse kommen nicht mehr in Einklang mit dem Selbstbild und mit Selbstgefühlen. Identitätskrisen äußern sich in Versuchen der Stabilisierung männlicher Identitätsstereotypen in triebaufgeladenen Peergroups, aggressiver Abgrenzung von Unmännlichem, von Homosexualität, von Fremden etc. Die Beiträge von Josef C. Aigner, Heribert Blaß, Frank Dammasch, Michael Diamond, Nils Döller, Ralph Greenson, Eike Hinze, Hans Hopf, Hans-Geert Metzger, Ilka Quindeau, Martin Teising und Mirjam Weisenburger, allesamt Therapeuten, Analytiker, Pädagogen, Ärzte und Psychiater nähern sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Männlichkeit und den Krisen der männlichen Identität in der Entwicklung vom kleinen Jungen bis zum alten Mann an. Ein Buch für psychoanalytisch interessierte Sozialwissenschaftler. Kartoniert, 202 Seiten, ISBN 978-3-86099-598-3. Frankfurt am Main: Verlag Brandes & Apsel 2009. € 19.90 / sFr 35.90
Peter Lehmann

Gloria M. Davenport: »Giftige« Alte – Schwierige alte Menschen verstehen und konstruktiv mit ihnen umgehen
Die Autorin, eine US-amerikanische Professorin für angewandte Psychologie, Persönlichkeitsbildung, berufliche Weiterbildung und -entwicklung, begann im Alter von 70 nach langjährigen Erfahrungen im Bereich der Sozialarbeit und Gerontologie und nach eigenen Erfahrungen als Tochter einer toxischen Mutter dieses Buch zu schreiben, das original 1999 in den USA und 2009 in deutscher Übersetzung erschien. Es ist ein Praxishandbuch vorwiegend für Altenpflegekräfte, um schwierige alte Menschen zu erkennen, zu verstehen und professionell korrekt mit ihnen umzugehen (anstatt sie mit Antidepressiva zu neutralisieren). Aber auch für alle anderen, die verhindern wollen, dass sie selbst zu "giftigen" Alten werden, die andere verbal und emotional missbrauchen. Ihr geht es weder um eine negative Stereotypisierung des Alterns noch um eine Altersverklärung, sondern um wirksame Maßnahmen gegen frustrierende emotionale Stressoren, die die wertvolle Zeit und die wertvollen Energien von Pflegenden wie auch von Angehörigen auffressen: die Toxizität. Im ersten Teil geht es um das grundsätzliche Verständnis der Toxizität alter Menschen, dann folgt die Beschreibung ihrer Auswirkungen und ihrer Entstehung. Der Darstellung von Interventionsoptionen und Schutzschildern folgt im fünften Teil das Kapitel Vorbeugung und Heilung vor dem Hintergrund der Vision der Autorin, "dass Altwerden eine Aufgabe und eine spirituelle Reise ist, in deren Verlauf wir zu ihrem wahren Selbst und zur Ganzheit finden." Abgeschlossen wird das klar strukturierte und schlüssige Buch mit einem Interview mit der Autorin anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung, in dem sie mit einem Abstand von zehn Jahren ausgesprochen sympathisch und frei von der üblichen akademischen "Experten"-Arroganz u.a. über die – durch den fortschreitenden Alterungsprozess in westlichen Gesellschaften – wachsende Bedeutung ihres Themas reflektiert. Kartoniert, 260 Seiten, ISBN 978-3-456-84706-1. Bern: Hans Huber Verlag 2009. € 29.95 / sFr 49.80
Peter Lehmann

Theresia Degener, Swantje Köbsell: »Hauptsache, es ist gesund«? Weibliche Selbstbestimmung unter humangenetischer Kontrolle
Die Autorinnen sind in der Frauen- und in der Behindertenbewegung aktiv. Aus dem Vorwort: »Der zunehmenden Akzeptanz der Selektionspolitik von Pränatalmedizin und Humangenetik etwas entgegenzusetzen, ist Zweck und Ziel dieses Buches. In einer ausführlichen Darstellung der Ziele und Praxis der Pränatalmedizin wird die eugenische Inpflichtnahme von Frauen, die Zwangssituationen, denen sie durch die neue Ínformationsverantwortung ausgesetzt sind, beleuchtet.« Empfehlenswertes, differenziertes Buch zu einem hochbrisanten Thema; ein paar Stichworte: Abtreibung und Euthanasie, Lebens(un)wert und Behinderung, Eugenik und Qualitätssicherung, Vorsorge und Kostendämpfung. Kartoniert,143 Seiten, Hamburg: Konkret Literatur Verlag 1992, 20,- DM.
Kerstin Kempker

Cornelia Dehner-Rau / Harald Rau: Raus aus der Angstfalle (Audio-CD) – Die Angst überwinden und eigene Stärken entdecken: Angeleitete Übungen
CD über Grundlagen von sog. Angsterkrankungen, Auslöser und Selbsthilfemaßnahmen, und mit Übungen, Angstvermeidungsverhalten zu vermeiden und dafür Ängste geplant, gezielt, schrittweise und protokolliert selbst abzubauen. Durchführbar alleine oder in Absprache mit dem Therapeuten und allemal gesünder, als Ängste mit psychiatrischen Psychopharmaka chemisch zu unterdrücken. Audio-CD, Laufzeit 75 Minuten, mit 1 Booklet (12 Seiten), ISBN 978-3-8304-3473-3. Stuttgart, MVS Medizinverlage 2009. € 14.95 / sFr 27.50
Peter Lehmann

Demenz Support Stuttgart (Hg.): »Ich spreche für mich selbst« – Menschen mit Demenz melden sich zu Wort
»Frühbetroffene« (aus Deutschland, Schottland und den USA, das heißt Menschen, bei denen vor kurzer Zeit spezielle Veränderungen auftraten oder die Diagnose »Demenz« gestellt wurde, kommen als aussagefähige und kompetente Personen zu Wort und benennen ihre Bedürfnisse selbst. Das empfehlenswerte Buch, das sich auf Interviews mit den Betroffenen stützt sowie Aussagen bei öffentlichen Veranstaltungen in Forschungsstudien stützt – Aussagen, die dankenswerter frei von Wertung und Interpretation durch die Herausgeber blieben –, ist herausgegeben von der gemeinnützigen Demenz Support Stuttgart (DeSS) gGmbH, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität und sozialen Teilhabe von Menschen mit Demenz zu leisten. Grundlage auch hier ist, dass den Menschen, auch wenn sie beeinträchtigt sind, zugestanden wird, für sich selbst zu sprechen. In diesem Buch ist dies vorbildlich gelungen. Lesenswert für alle, die in dem Bereich arbeiten, dement oder dement werdende Angehörige haben oder irgendwann selbst alt und dement werden könnten. Kartoniert, 162 Seiten, ISBN 978-3-940529-54-1. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2010. € 16.90 / sFr 30.90
Peter Lehmann

DGVT-Arbeitsgemeinschaft "Frauen in der psychosozialen Versorgung" (Hg.): Sexuelle Übergriffe in der Therapie – Kunstfehler oder Kavaliersdelikt?
Am 19. Januar 1991 setzten sich auf Einladung der AG "Frauen in der psychosozialen Versorgung" Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie erstmalig die Berufs- und Fachverbände der therapeutisch tätigen Berufe zusammen, stellten ihre Positionen zu diesem Thema öffentlich vor und diskutierten Präventions-, Sanktions- und Hilfsmöglichkeiten. Der vorliegende Band dokumentiert diese Stellungnahmen und den Diskussionsverlauf sowie die jeweils in das Thema einführenden Fachvorträge von Ursula Wirtz und Irmgard Vogt. Mit der Anhörung und dem daraus resultierten Band sollten betroffene Frauen unterstützt werden, die vor Gericht die Schuld des Therapeuten beweisen müssen, die Öffentlichkeit über das Problem informiert und die Diskussion in der Fachöffentlichkeit vorangetrieben werden. Liest man die engagierten Beiträge, dann wünscht man sich, dass auch andere "therapeutisch" genannte Übergriffe thematisiert und bekämpft werden. "Vorsicht bei Zwang: Vorsicht, wenn Sie direkten oder indirekten Zwang spüren! Sie haben ein Recht darauf, dass Ihre Grenzen respektiert werden. Verantwortungsvolle Therapeuten und Therapeutinnen achten Ihre persönlichen Grenzen ....." schreibt die DGVT im Informationsblatt "Psychotherapie und Beratung", das im Buch abgedruckt ist. Ob die DGVT und andere Therapeutenverbände je erkennen, dass jeglicher Zwang in Therapien, psychiatrische Behandlungen inklusive, zu Traumatisierungen führt und die Geschädigten Schutz, Unterstützung und Anspruch auf Schadenersatz sowie dieselbe Beweislastumkehr benötigen, die die Verbände so vehement für sexuell Missbrauchte forderten? Kartoniert, 135 Seiten, ISBN 3-87159-212-9. Tübingen: DGVT Verlag 1991. € 9.80 / sFr 18.90
Peter Lehmann

Richard DeGrandpre: Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben
Sorgfältige Aufarbeitung zahlreicher empirischer Studien und fundierte Kritik der Medikamentierung als individualisierter Lösung eines sich ausweitenden Problems – der oft kognitiven und emotionalen Überforderung der Kinder durch Dauerbombardement von Sinnesreizen; Plädoyer für bewusstes und strukturiertes Leben. Kartoniert, 253 Seiten, ISBN 10: 3-407-22165-7, ISBN 13: 978-3-407-22165-0. Weinheim & Basel: Beltz Verlag 2005. € 14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann

Colette Dowling: Befreite Gefühle. Neue Wege aus Depression, Angst und Abhängigkeit
Geschwätziges Plädoyer dafür, sich bei psychischen Problemen an Psychiater zu wenden, um sich – ja nicht ›unterdosiert‹ – die ›richtigen‹ Psychopharmaka, möglichst Antidepressiva, verschreiben zu lassen. Das Buch »... beschäftigt sich auf einfühlsame und offene Weise mit den kulturell vermittelten Ängsten vor biologisch fundierten Therapien emotionaler Störungen«, so Psychiater Donald Klein lobend auf der hinteren Umschlagseite, und passt damit prima in die moderne Strömung von Rassismus und Biologismus. Das Buch wurde mir für meinen Antipsychiatrieversand von einer Teilnehmerin des Sozialpsychiatriekongresses in Hamburg empfohlen. Welch übler Streich! Kart., 335 S., S. Fischer Verlag 1994. DM 32,- / sFr 33,- / öS 250,-
Peter Lehmann

Klaus-Peter Drechsel: Beurteilt – Vermessen – Ermordet. Die Praxis der Euthanasie bis zum Ende des deutschen Faschismus
Übersichtliche Broschüre über die Hintergründe des Massenmords an Nicht-Verwertbaren (›Kranken‹, Alten, Krüppeln, Andersdenkenden), über die Renaissance des Euthanasie-Gedankens, über sich evtl. wiederholende Regelmäßigkeiten bei der Tötung von Menschen aus Rentabilitätsgründen und über die moderne Übernahme von Werturteilen (u.a. ›psychisch krank‹) der Täter. Kart., 175 S., hrsg. vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung 1993. DM 16,80 / sFr 17,80 / öS 138,-
Peter Lehmann

Alfred Drees: Innovative Wege in der Psychiatrie. Sozialstrategien und poetische Kommunikation
Beschreibung der Anstalt als »Möglichkeitsraum für sinnlich getragene und phantasieorientierte therapeutische Neulanderprobungen«. Strategien gegen psychiatrische Menschenrechtsverletzungen kommen in dem Buch nicht vor, dafür aber viel Sozialpsychiatrie und Gemeindepsychiatrie: immer wieder Wege in der Psychiatrie, aber nicht aus ihr heraus. Kart., 228 S., Gießen: Psychosozial-Verlag 1997. DM 38,- / sFr 35,- / öS 277,-
Peter Lehmann

Erwin Drewermann, Arno Gruen, Verena Kast u.a.: Mit Krisen leben
Die Referate der Luzerner Psychotherapie-Tage 1995 über gesundheitliche, spirituelle, Partnerschafts- und Identitätskrisen. Aus dem Inhalt: Peter Schellenbaum: »Das Nein in der Liebe«, Christian Scharfetter: »Psychiatrie und spirituelle Krisen«, Walther Lechler: »Der Therapeut als Begleiter«, Verena Kast: »Das Klimakterium«, Eugen Drewermann: »Mit Krisen leben«, Arno Gruen: »Die Schwierigkeit, sich selber zu sein« u.v.m. Ein interessantes und vor allem sehr breites Spektrum sowie psychiatrischer als auch nichtpsychiatrischer Verständnisweisen aller Arten von von Krisen und Herangehensweisen an ihre Lösung. 121 S., Verlag Luzerner Psychotherapie Tage 1996. DM 27,- / sFr 25,- / öS 210,-
Peter Lehmann

Gernot Egger: Ausgrenzen – Erfassen – Vernichten. Arme und »Irre« in Vorarlberg
Über die Entwicklung der Psychiatrie im gesamten Österreich, von Siechen- und Arbeitshäusern bis zu den Massenmorden und deren späterer Verdrängung. Mit einem Namensregister zu den beteiligten Österreichern. Ein unverzichtbares Buch – das erste, das sich systematisch mit dem psychiatrischen Massenmord in Österreich auseinandersetzt. Kart., 298 S., 57 Abb., Bregenz: Vorarlberger Autorengesellschaft 1990. DM 36,- / sFr 26,- / öS 249,-
Peter Lehmann

Roswitha Eichinger / Merle Rothmann: Johanniskraut. Balsam für die Seele. Depressionen natürlich Überwinden mit Johanniskraut, Baldrian und Kava-Kava
Wie man heilende Kräuter selbst anpflanzen kann, ihre Kulturgeschichte, ihre Einsatzmöglichkeiten. Kart., 128 S., 18 Abb., Stuttgart: Trias Verlag 1998. DM 24,80 / sFr 23,80 / öS 181,-
Peter Lehmann

Michael Eink (Hg.): Gewalttätige Psychiatrie. Ein Streitbuch
(Selbst-) kritische Texte zur psychiatrischen Gewalt: der institutionellen, der handgreiflich direkten (Zwangseinweisung, -behandlung, Fixierung) und – besonders spannend – der unsichtbaren (u.a. »Der Zwang, ein anderer sein zu müssen«). Eine Bestandsaufnahme, geschrieben von psychiatrisch Tätigen als Täter, Beobachter oder Opfer und von einem Vertreter des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener. »Utopien und Perspektiven«, das Schlusskapitel, bleibt sehr mager, realistisch eben. Kart., 225 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1997. DM 34,- / sFr 31,50 / öS 248,-
Kerstin Kempker

Elke Endraß / Siegfried Kratzer: Wenn Glaube krank macht – Wege aus der Krise Vom richtenden Gott zum barmherzigen Vater, könnte der Untertitel dieses Buchs lauten, das sich glaubensimmanent mit einem Thema auseinandersetzt, das heute nicht mehr ernst genommen werde und als überholt gelte. Viele ausführliche Berichte und Beispiele religiös bedingter Neurosen zeigen, wie bedrückend und isolierend die frühkindliche Indoktrination eines strafenden, allwissenden und unberechenbaren Gottes lebenslang wirken kann. Mit manchmal zu vielen Worten und zu wenig Tiefgang wird u.a. die Frauenfeindlichkeit der Bibel, die ekklesiogene Neurose von George W. Bush, die Doppelmoral und die Problematik jungfräulicher Geburt und der Schöpfungsgeschichte abgehandelt. Gebunden mit Schutzumschlag, 128 Seiten, ISBN 3-7831-2528-6. Stuttgart: Kreuz Verlag 2005. € 16.95 / sFr 30.50
Kerstin Kempker

»Es ist normal, verschieden zu sein!« Verständnis von Behandlung und Psychosen
»Grundverständnis«, »Menschlicher Zugang«, »Umgang mit Psychosen«, so lauten die viel versprechenden Kapitelüberschriften. Im letzten Kapitel lese ich unter der Überschrift »Selbstschutzmaßnahmen«: »Lassen Sie sich nicht einreden, Ihre Krise sei nur körperlich bedingt, die Psychose nur eine Transmitterstörung.....« Was hier großspurig emanzipatorisch aufgetischt wird, ist verdummende biologische Psychiatrie in Reinform. Jeder Popelpsychiater betet diesen Spruch herunter, das Psychische, das Soziale, das kommt dann dazu, zum Körperlichen, als Auslösefaktor, multifaktoriell, blablabla. Es tut weh, die herrschende Doktrin der biologischen Psychiatrie ausgerechnet in einer Broschüre zu lesen, die auch der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener als Mitherausgeber verantwortet. Der Vorschlag, den Passus für die neue Auflage in dieser Weise zu verändern:

Neuroleptika können nicht nur – behauptete – Hirnstoffwechselveränderungen kompensieren helfen, sie können – Warnung! – mittel- und langfristig auch die Psychoseanfälligkeit erhöhen, Depressionen mit Suizidalität bewirken und Selbstheilungskräfte schwächen
wurde offenbar als nicht der Rede wert abgetan. Veränderungen im Hirnstoffwechsel seien nicht zwingend die Ursache von Psychosen – diese Betrachtung erlaube auch denen »Medikamente« zu nehmen, die auf ein umfassendes Verständnis ihrer Person und ihrer Krise Wert legen.... Vor allem erlaubt diese Betrachtung dem Alltagspsychiater, unter Einsatz von Gewalt Psychopharmaka zu verabreichen. Menschenrechte und Schutz vor Zwangsbehandlung kommen in der Broschüre leider nicht vor: ein weiteres trauriges Dokument des sozialpsychiatrischen Psychoseseminartrialogs. Bemerkenswert zum Schluss: Neben 26 empfohlenen Büchern des Psychaitrieverlags und 4 des Paranus Verlags sind in der Literaturliste auch 2 Bücher des Antipsychiatrieverlags erwähnt. Broschüre, 32 Seiten, Redaktion: Thomas Bock, Dorothea Buck, Klaus Dörner, Susanne Heim, Cornelia Schäfer, Eva Schmitt, Peter Stolz, Ursula Zingler, 2003. Schutzgebür 1 Euro
Peter Lehmann

Christopher G. Fairburn: Ess-Attacken stoppen – Ein Selbsthilfeprogramm
Auch wenn der selbstgewisse Ton des Autors, Psychiatrieprofessor in Oxford, manchmal stört und der erste Teil recht wissenschaftlich daherkommt, ist das Buch wegen des differenzierten und praxisnahen ausführlichen Selbsthilfeteils Betroffenen sehr zu empfehlen. Kartoniert, 249 Seiten, 19 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 3-456-84362-3. Bern: Hans Huber Verlag, 2. Auflage 2006. € 19.95 / sFr 32.-
Kerstin Kempker

Anita Fabig / Kathrin Otte (Hg.): Umwelt, Macht und Medizin. Zur Würdigung des Lebenswerks von Karl-Rainer Fabig
Buch mit fachlich teilweise recht anspruchsvollen Texten des 2005 verstorbenen Hamburger Umweltmediziners Karl-Rainer Fabig, der sich vehement in der medizinischen Erforschung chemischer Intoxikationen und deren rechtlichen Verfolgung engagiert hatte und politische Solidarität mit den durch die Ausbringung und Ausbreitung chemischer Stoffe Geschädigten geübt hatte. Thema ist die Kontamination von Menschen und Umwelt durch den zivilen und militärischen Einsatz vor allem von chemischen und radioaktiven Stoffen, Unfälle und normale Arbeitsplatzbelastungen in der chlorchemischen Industrie, die Folgen der Versprühung von Herbiziden im Vietnamkrieg, Innenraumbelastungen durch Holzschutzmittel und andere Chemikalien sowie Gesundheitsschäden bei besonderer physischer Chemikaliensensitivität. Mit im Buch sind viele Texte von Kolleginnen und Kollegen, die sich auf ihn bzw. auf Umweltgifte beziehen und ebenfalls gesellschaftskritische, rechtliche und wissenschaftsethische Aspekte einbeziehen. Da ein so eklatanter Mangel an verantwortungsbewussten Medizinern herrscht und das Thema Umweltgifte und ihre medizinischen Auswirkungen in der psychiatrischen Diskussion nach wie vor sträflich vernachlässigt wird, ist dem Jenior Verlag für dieses feine Dokument großen Dank auszusprechen. Kartoniert, 325 Seiten, ISBN 978-3-934377-24-0. Kassel: Winfried Jenior Verlag 2007. € 18.-
Peter Lehmann

Peter Falkai / Ekkehard Haen / Ludger Hargarter: Paliperidon ER (INVEGA®) - Der nächste Schritt zur optimalen Schiziphrenietherapie
Von einer erfolgreichen Therapie, so die Autoren, erwarte man heute auch eine Verbesserung der Lebenssitutation, ein höheres persönliches und soziales Funktionsniveau und eine Zunahme der Lebensqualität. Aha, hat es also bei den vor Invega auf den Markt gekommenen Neuroleptika nicht gegeben. Also jetzt Invega schlucken nach dem Motto "Mit dem neuesten Psychopharmakon wird alles besser"? Offenbar muss man auf die jeweils nächsten Marktprodukte warten, um relativierende Aussagen über ihre Vorgänger zu bekommen. Warten wir also die nächsten Publikationen ab, um zu hören, was an Invega alles auszusetzent ist. Evtl. die 67% (von den Betroffenen) unerwünschten "Nebenwirkungen", die leider nicht näher bezeichnet werden? Dafür erhält man Informationen über Akutstudien, unerwünschte Wirkungen bei besonders sensitiven Patientengruppen, Pharmakokinetik, Galenik, Metabolismus usw. Nebenbei: Interessant, wie Empowerment und Recovery bereits in die biologische Psychiatrie integriert sind. "'Recovery' ist ... ein Stadium (≥ 24 Monate), in dem der Patient in der Gesellschaft sozial und beruflich funktioniert und relativ frei von Symptomen (alle PANNS-Items ≤ 3) ist." (A. 8) "Der Patient muss bei der Bewältigung der Erkrankung und ihrer Folgen unterstützt werden (Empowerment), beispielsweise auch durch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen." (S. 18). Schaut man unter den Internetadressen, fehlt bezeichnenderweise der von Pharmasponsering unabhängige Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, dafür sind die üblichen pharmafirmengesponserten und -nahen Verdächtigen vertreten: kompetenz-netz schizophrenie, Bundesverband der Angehörigen, irrsinnig-menschlich, selbsthilfeschizophrenie (natürlich mit vielen Links zur Pharmaindustrie). Die Auflage besteht aus 300 Exemplaren, darüber hinaus wurden 10.000 Exemplare für die Herstellerfima des Paliperidon, eines Risperdal-Abkömmlings, produziert. Beleg siehe Scan der im Rezensionsexemplar eingeklebten Infoseite. Der dritte Autor arbeitet bei der Herstellerfirma. Ob dies für vertrauenswürdige Daten zu dem neuen 'atypischen' Neuroleptikum spricht? Kartoniert, VIII+80 S., 40 farb. Abb., 25 Tab., ISBN 978-3-13-134671-1. Stuttgart: Thieme Verlag 2007. € 4.95 / sFr 9.30
Peter Lehmann

Seth Farber: Madness, Heresy, and the Rumor of Angels: The Revolt Against the Mental Health System
About visions, that express disturbing views in a disturbing way, under the belief, that they have intimations of a spiritual reality. 7 true stories of individuals (between others David Oaks) insulted and injured by the psychiatric system – individuals who then fought back, broke free, and rebuilt their lifes. Preface by Thomas Szasz. Paperback, 284 pp., Chicago: Open Court Publishing Co.1993, $ 17,95.
Peter Lehmann

Heinz Faulstich: Von der Irrenfürsorge zur »Euthanasie«. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945
Detailreiches und von daher sehr informatives Buch über 100 Jahre psychiatrische ›Reformen‹ und Greueltaten, Schwerpunkt Baden, eingebettet in die überregionale Psychiatrieentwicklung. Angesprochen (und belegt mit konkreten Zahlen und Quellen) werden tödliche ›Therapien‹ und Anstaltsbedingungen während der beiden Weltkriege. Faulstich ist in psychiatrischen Denkstrukturen verfangen, als stellvertretender Leiter der Anstalt Reichenau konnte er allerdings in seiner 13jährigen Recherche viel verborgenes Material dem historischen Vergessen entreißen. Kart., 359 S., 41 Abb., Freiburg: Lambertus Verlag 1993. DM 39,- / sFr 40,20 / öS 304,-
Peter Lehmann

Jörg Fengler: Helfen macht müde. Zur Analyse und Bewältigung von Burnout und beruflicher Deformation
Jörg Fengler, Psychologe, Gruppendynamik-Trainer und Professor an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität Köln, betreibt – ausgehend von 20 Jahren Helfer-Vergangenheit und dem Satz »Klienten hinterlassen Spuren an ihren Helfern« – zunächst Spurensicherung (Kapitel 1–3: Helfen, Belastung, Berufliche Deformation), um dann nicht Jagd auf die TäterInnen zu machen, sondern praxiserprobte Vorschläge zur Verhinderung und Bewältigung von »Burnout« (Kapitel 4–5 Bewältigung, Selbstbegegnung). Angenehm ist, dass ihn nicht so sehr die vielbequengelte Hilflosigkeit der Helfer interessiert, sondern mehr deren Ideale, Motive, Wünsche und Praxis. »Berufliche Deformation soll alle Schädigungen, Verformungen, Fehlentwicklungen, Abnutzungen, Verschleißerscheinungen, Erstarrungen, Fehlorientierungen, Entfremdungen, Realitäts- und Wahrheitsverluste und Verkennungen im Erleben, Verhalten und Denken bezeichnen, die im Laufe der Berufstätigkeit und durch die Berufstätigkeit bedingt auftreten.« »Das Gegenbild der beruflichen Deformation mag man vorläufig mit Frische, Lebendigkeit, Präsenz, lebendigem gegenwärtigem Bezug zu Menschen, Themen und Vorgängen bezeichnen.« Im Abschnitt »Helferverhalten« gibt es neben »Einfühlung«, »Macht«, »Parteilichkeit« u.a. eine Überschrift »Helfen durch Lassen«, wo Fengler als Grundbedingung des hilfreichen Helfens nennt: »Die unbedingte Zuneigung des Helfers, also eine Zuneigung, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, und den Verzicht des Helfers darauf, ihn ändern zu wollen.« Solche Grundsätze könnten auch das antipsychiatrische Miteinander, als gegenseitiges Helfen, angenehmer machen. Bei der Beschreibung »›schwieriger‹ Klienten« wird's Fengler mulmig. Er will keine Schuld zuweisen, keine Kliententypologie erstellen, spricht aber dann unter »Seelisch schwer kranke Klienten« doch von »pathologisch verbogen«: »Dieses Krankhafte ist ansteckend.« Da hat mich dann die Leselust verlassen, auf Seite 71. »Helfen macht müde«, Lesen auch. Ich frage mich, ob das Lesen solcher Bücher die berufliche Deformation durch eine Anhäufung von Zu-Bedenkendem und den Verlust der Direktheit vorantreibt oder ob es sie durch das Deutlichwerden der Blinden Flecke stoppen kann. Kartoniert, 255 Seiten, München: J. Pfeiffer Verlag 1991. DM 28,-
Kerstin Kempker

Manfred M. Fichter: Magersucht und Bulimie – Mut für Betroffene, Angehörige und Freunde
Ein nicht ganz billiges Buch mit umfassenden Informationen über die drei Hauptformen von Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung (Heißhungerattacken) sowie frühe Warnsignale dieser von Manfred Fichter, dem langjährigen ärztlichen Direktor und Chefarzt der Medizinisch-psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, als Krankheiten begriffenen Störungen. Die Fallbeispiele, die die Dramatik dieser potenziell lebensbedrohlichen Probleme deutlich machen, machen auch den Wert des Buches deutlich. Außer lesenswerten Kapiteln zu Mythen und Fehlinformationen über Ernährung und Essstörungen sowie über Psychotherapien und Psychotherapeuten enthält es eine Fülle von konkreten Empfehlungen für Familien, Fragebogen zur Selbstdiagnose, den Body-Mass-Index, einen Überblick über psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten (unter Einschluss der Warnung vor Zwangsmaßnahmen), eine Vielzahl hilfreicher Adressen und Informationsmöglichkeiten sowie abschließende mahnende Worte an Eltern, Kinder nicht nach dem eigenen Ebenbild formen zu wollen. Kartoniert, IX + 105 Seiten, 8 Abbildungen 4 Tabellen, ISBN 978-3-8055-8208-7. Basel usw.: Karger Verlag 2008. € 24.50 / sFr 34.-
Peter Lehmann

Asmus Finzen: Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen
Rezension (pdf), erschienen in:Dr. med. Mabuse – Zeitschrift im Gesundheitswesen (Frankfurt am Main), 1994, Nr. 73, S. 57-58. Kartoniert, 297 Seiten. Bonn: Psychiatrrieverlag, , 8., neubearbeitete Auflage 1990. DM 19.80
Peter Lehmann

Asmus Finzen / Hans-Joachim Haug / Adrienne Beck / Daniela Lüthy: Hilfe wider Willen. Zwangsmedikation im psychiatrischen Alltag
Versuch der Abwieglung einer öffentlichen Debatte über psychiatrische Gewalt (»Hilfe«) durch die ›überzeugende‹ Behauptung, Zwangsmaßnahmen seien in der Psychiatrie »nicht charakteristisch«, nur 3,7% der »Kranken« seien von Zwangs-»Medikation« betroffen. Die Aussagen, auf die sich die Autoren stützen, stammen zum Teil von Psychiatrie-Betroffenen, die sich noch auf den Stationen von Finzens Psychiatrischer Unianstalt befinden und unter Psychopharmaka-Einfluss stehen, die (nicht nur durch die Psychiateraussagen in diesem Buch) wissen: die Ablehnung von Neuroleptika gilt als Krankheitssymptom und wird entsprechend »behandelt«. Wäre es nicht angebracht, auch nur einen Gedanken an die Qualität von Aussagen zuzulassen, die innerhalb des psychiatrischen Gewaltbereichs getroffen werden? Solche blinden Flecken gibt es noch einige, und der Rest ist ein Plädoyer für Überredungsstrategien, den sichtbaren äußeren Zwang überflüssig zu machen. Fazit des Buches: »Wenn die formalen und inhaltlichen Voraussetzungen erfüllt sind – wenn eine schwere psychische Krankheit vorliegt, (...) dann gibt es u.E. nicht nur das Recht der Gesellschaft, eine solche Behandlung zu erzwingen. Dann meinen wir, dass die psychisch Kranken selbst ein Recht darauf haben, dass sie diese Hilfe auch bekommen. Wenn wir sie ihnen vorenthalten, und sei es auch im Namen der Freiheit, ist das nicht nur ein Angriff auf die Würde der Kranken. Es ist schlichte Barbarei.« Finzen hat gesprochen. Kartoniert, 176 Seiten, Bonn: Psychiatrieverlag 1993, 29.80 DM.
Peter Lehmann

Gottfried Fischer: Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen
Als "Deutschlands Traumapapst" lobt Psychologie heute Herrn Fischer, lese ich auf dem Buchumschlag. Ich schlage das Buch auf, bin auf S. 105, schnuppere mal rein, und ich denke, mich tritt ein Pferd: "Werden soziale Einrichtungen mehrheitlich von seelisch kranken Personen bestimmt, dann kehren sich die Verhältnisse um. Diktatoren, Massenmörder und Folterer haben dann das Recht auf ihrer Seite." Ich bin bedient. Dass Menschen mit psychischen Problemen undifferenziert und überhaupt mit Massenmördern in eine Reihe gestellt werden, scheint für Psychologie heute kein Grund zum Verzicht auf eine Huldigung zu sein, für den Lektor des Walter Verlags stellt diese Entgleisung offenbar auch kein Problem dar. Wenn ein Buchautor ein derartig diffamierendes Bild von Menschen mit psychischen Problemen in sich trägt, sollte er in sich gehen und das Weite suchen. Wie will er als Traumatherapeut von Psychiatriebetroffenen ernst genommen werden? Original 2003. Englische Broschur, 160 Seiten, mit CD (78 Minuten), ISBN 3-530-40176-5. Düsseldorf & Zürich: Walter Verlag, 2. Auflage 2005. € 24.90 / sFr 43.70
Peter Lehmann

Christine Förster: Gewalt in der institutionellen Altenpflege
Die Autorin interviewte im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen, Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen drei Pflegekräfte, um Antworten auf die Fragen herauszufinden, welche biographischen und sozialen Konstellationen auf die Ausübung von Gewalt in der stationären Altenpflege fördern und welche Ressourcen Gewalt vermindern. Die Ergebnisse der Untersuchung des in aller Regel viel zu sehr vernachlässigten Themas der institutionellen Gewalt liefern Ansatzpunkte für soziale und personale Interventionsformen aller Beteiligter. Kartoniert, VIII + 156 Seiten, ISBN 978-3-940529-31-2. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2009. € 20.- / sFr 29.90
Peter Lehmann

Johannes M. Fox, Eckart Rüther (Hg.): Handbuch der Arzneimitteltherapie, Band 1: Psychopharmaka
Die Autoren stellen bereits in der Einleitung klar, dass ihr Buch nach der Entscheidung des Arztes ansetzt. Dass die Betroffenen in die Lage versetzt werden, eine eigene Abwägung zu treffen, ob sie Psychopharmaka einnehmen wollen, ist also nicht vorgesehen. Das Buch richtet sich an Ärzte und Psychiater. Das Thema Alternativen wird ausgeblendet. Kritik an Psychopharmaka, speziell Neuroleptika, wird zwar kurz erwähnt, aber als »Laienmeinung« abgetan, Argumente werden verschwiegen, dem Leser wird keinerlei kritische Literatur genannt – nicht gerade Zeichen eines gefestigten Standpunkts. Nur übersteigerte Erwartungen und falsche Anwendungen seien schuld, dass Psychopharmaka im Licht der Öffentlichkeit gelegentlich schlecht dastünden. Andererseits zeigt das Buch übersichtlich, unter welchen medizinischen und pharmakologischen Annahmen Psychiater ihre Psychopharmaka einsetzen, an welche positiven Auswirkungen (viele!) sie glauben und welche negativen Auswirkungen (nicht so viele!) sie sehen. Enthalten: Psychostimulantien, Abmagerungsmittel, Antidepressiva, Neuroleptika, Tranquilizer, Beruhigungsmittel, Entwöhnungsmittel, hirndurchblutungsfördernde Mittel (sogenannte antidementielle Arzneimittel, Nootropika). Wesentliche Gefahren aller psychiatrischen Psychopharmaka (z.B. die Prolaktinerhöhung, die mit der erhöhten Brustkrebsrate in Verbindung gebracht wird, Rezeptorenveränderungen, psychopharmakabedingte Persönlichkeitsveränderung, Abhängigkeitsentwicklung auch unter Antidepressiva und Neuroleptika) bleiben allerdings unerwähnt. Das darin begründete Fazit »nicht empfehlenswert« können auch die 117 Tabellen, die den großartigen Einsatz eines Computergrafikprogramms widerspiegeln, nicht übertünchen. Geb., 16 Abb., 378 S., Stuttgart / New York: Thieme Verlag 1998. DM 68,- / sFr 62,- / öS 496,-
Peter Lehmann

Luitgard Franke: Demenz in der Ehe – Über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Ehe- und Pflegebeziehung. Eine Studie zur psychosozialen Beratung für Ehepartner von Menschen mit Demenz
Wie verträgt sich das fragile Gebilde einer bürgerlichen Ehe mit der Demenz einer Ehehälfte? Was passiert in der Ehe, wenn ein Partner dement wird? Kann eine Ehe eine solche Verschiebung der Balance überhaupt verkraften? Wenn sich eine Ehe durch die Demenz der einen Ehehälfte in etwas anderes verwandelt, was ist dann dieses neue andere? Und was passiert mit der pflegenden Ehehälfte, was macht ihr die durch den Verlust der personenbezogenen Stabilität entstandene neue innere Heimatlosigkeit erträglich? Luitgard Franke ging in ihrer Dissertation an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld in beeindruckend umfassender Weise diesen überfälligen Fragen nach, zeigt Konsequenzen für die Pflegepraxis auf und eröffnet Perspektiven für die theoretische Weiterentwicklung der psychosozialen Angehörigenberatung. Kartoniert, 454 Seiten, 21 Abbildungen, ISBN 10: 3-938304-49-9, ISBN 13: 978-3-938304-49-5. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2006. € 39.90 / sFr 67.90
Peter Lehmann

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand
Sorgfältig gemachtes Buch über das Schicksal zweier in der Nazipsychiatrie Zwangssterilisierter und über ihre Anstrengungen nach der Befreiung vom Faschismus, die nachkommenden Generationen über die Verbrechen der Psychiatrie während des Hitlerfaschismus aufzuklären und um eine Entschädigung zu kämpfen. Das Buch, entstanden nach dem Tod von Paul Wulf 1999 mit der Intention, seinen Nachlass aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, spannt den Bogen von der NS-Ideologie "lebensunwerter" Existenz über die Psychiatriereform, die mit ihrem Psychopharmaka-Einsatz durchaus nicht nur positiv gesehen wird (wie dies bei vielen sich kritisch gebenden Büchern ansonsten leider allzuoft der Fall ist), bis hin zur aktuellen Renaissance der Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe. Kartoniert, 202 Seiten, 70 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-939045-05-2. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution 2007. € 14.90 / sFr 27.-
Peter Lehmann

Susanne Fricke / Iver Hand: Zwangsstörungen verstehen und bewältigen – Hilfe zur Selbsthilfe
Anleitung zur Selbsttherapie mit vielen Beispielen und praktischen Tips. Geeignet für Leute, die mit ihren Zwängen nicht mehr zurecht kommen, keine andere Möglichkeit der Abhilfe sehen und sich weder durch den etwas lehrerhaften Ton, angesiedelt zwischen Herablassung und Kumpelhaftigkeit, stören lassen noch durch die Tatsache, dass das aktuelle Forschungsprojekt der "Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen" (DGZ), dessen Gründungsvorsitzender Iver Hand ist und dessen Wissenschaftspreis 2003 Susanne Fricke erhielt, laut der im Buch angegebenen DGZ-Website aus stereotaktischer Tiefenhirnstimulation besteht, siehe Anmerkung am Ende des Rezensionstextes. Diese 2. Auflage begnügt sich mit dem Hinweis auf Selbsthilfegruppen (ausschließlich den eigenen Verband), Psychotherapie und natürlich synthetische Psychopharmaka, speziell die marktaktuellen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Diese werden trotz ihrem Risikoreichtum und der bekannten möglichen Schäden verharmlosend dargestellt ("meistens gehen die Nebenwirkungen nach ein bis zwei Wochen wieder weg"), paradoxe Reaktionen wie z.B. suizidale Wirkungen oder Rezeptorenveränderungen (Downregulation) und demzufolge körperliche Abhängigkeit, steigende Dosierungen zwecks Beibehaltung der Wirkung und Entzugsprobleme beim Absetzen werden gar nicht erwähnt – Pharmasponsering lässt grüßen. Wer sich über den Sinn und Zweck der Einnahme von Psychopharmaka informieren will, für den bzw. die wird der Hausarzt oder die Psychiaterin als einzig "richtiger Ansprechpartner" empfohlen. Die Geringschätzung des Erfahrungsschatzes von Betroffenen könnte kaum deutlicher zum Vorschein kommen. Anmerkung: Unter www.zwaenge.de/aktuelles/media/Tiefenhirnstimulation.pdf, quasi im Anhang des Buches, finden Interessierte Adressen von Ansprechpartnern der DGZ, wenn sie sich ihre Schädeldecke aufbohren und eine Stimulationselektrode in den rechten Nucleus accumbens, eine spezielle Hirnregion, einsetzen lassen wollen. Da der Neurochirurg nach der Operation den Impulsgenerator, der unterhalb des Schlüsselbeins in den Körper eingebaut wird, auf die geeignete Stimulationsintensität und -frequenz programmiert, um Zwangssymptome zu unterdrücken, wäre die Bedienung des Impulsgenerators durch den auf die Haut aufgelegten Programmierkopf ein weitergehender Schritt zur sozialpsychiatrischen Selbsthilfe. Die Betroffenen könnten auf diese (elektromagnetische) Weise die Fernsteuerung in ihrem Gehirn selbstbestimmt und gemeindenah ein- und ausschalten. Da es sich um ein aktuelles Forschungsprojekt der DGZ handelt, ist dieses Thema in der vorliegenden zweiten Auflage des Buches leider noch nicht ausgeführt, man darf also auf die nächste Auflage gespannt sein. Kartoniert, 125 Seiten, ISBN 3-88414-365-4. Bonn: Psychiatrieverlag, 2. Auflage 2005. € 12.90 / sFr 23.50
Peter Lehmann

Annette M. Fried, Joachim Ph. Keller: Identität und Humor. Eine Studie über den Clown
Fried und Keller betreiben Experimentelles Animations- und Clownstheater. Buchumfang, Gewicht, Theorieteil und Belesenheitsnachweis sind wie bei anderen Dissertationen auch. Der praktische Hintergrund, viele Szenenbeispiele und die thematisierte liebenswerte Unvernunft machen es gut lesbar. Besonders fesselte mich der erste Teil zu Ursprung, Bedeutung, Ausdruck und Abgrenzung des Clowns als des ›Gegenteilers‹. »Der Gegenteiler zur abendländischen Kultur versprüht mit dem ganz und gar nicht-rationalen Lachen einen Funkenregen ekstatischer Selbstentäußerung, dessen Intensität und Animation sich die sterile, sachliche Überlegenheit der herrschenden Vernunft nicht zu bemächtigen vermag. Nichts stellt herrschende Vernunft mehr in Frage als das, was ihrer Herrschaft sich entzieht.« Kartoniert, 637 Seiten, Frankfurt/Main: Haag & Herchen 1991, 68 DM
Kerstin Kempker