FAPI-Nachrichten Das Internet-Magazin für
antipsychiatrische Rezensionen. L-O
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Florian
Langegger: Doktor, Tod und Teufel Vom Wahnsinn und von
der Psychiatrie in einer vernünftigen Welt
Der Autor, Psychiater in Zürich, hat dieses Buch über die
Parallelen von Psychiatrie und Hölle, von Wahnsinn und Tod vor
zwanzig Jahren geschrieben und jetzt (2003) aktualisiert. Mit
Blick auf die "chronisch psychisch Kranken" entdeckt Langegger
in den überlieferten Bildern und Geschichten unterschiedlicher
Kulturen und Epochen eine "alte und tiefe Verwandtschaft von Psychiatrie
und Unterwelt". Es hat etwas Rührendes, wie einer seine Zunft
nicht kritisieren will und es dann doch und immer mehr tun muss.
Gut geschrieben, zeitlos, tiefgründig, nur gelegentlich antiquiert
(z. B. in Sachen Antipsychiatrie). Kartoniert, 333 Seiten, 19
schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 3-901409-53-X. Linz: Editon
pro mente, überarbeitete Neuauflage 2003. € 18.
/ sFr 31.60
Kerstin Kempker
Arnhild
Lauveng:
Morgen bin ich ein Löwe Wie ich die Schizophrenie besiegte
Buch einer "krankheitseinsichtigen", inzwischen als
Psychologin arbeitenden ehemaligen "Schizophrenen",
in der diese ihre Erfahrungen mit ihren verrückten Gedanken,
Bildern und Stimmen sowie die fast zehn Jahre währenden entwürdigenden
und diskriminierenden Behandlung in der Psychiatrie bis hin zu
ihrer völligen Wiederherstellung und Arbeitsfähigkeit
beschreibt, allerdings anders als etwas Dorothea Buck in
Auf
der Spur des Morgensterns oder Kerstin Kempker in Mitgift
Notizen vom Verschwinden der Versuchung erliegt,
verallgemeinernde Behandlungsratschläge zu erteilen, d.h.
über die Köpfe anderer Betroffener hinweg Aussagen über
deren Bedürfnisse zu treffen Gebunden mit Schutzumschlag,
221 Seiten, ISBN 978-3-442-75206-5. München: btb Verlag 2008.
€ 17.95 / sFr 31.90
Peter Lehmann
Peter
Lehmann: Der chemische Knebel Warum Psychiater Neuroleptika
verabreichen
Geloben Sie, niemals einen anderen Menschen verrückt zu nennen.
"Lesen Sie dieses Buch, werfen Sie Ihre Psychopharmaka weg, verlassen
Sie Ihren Psychiater und geloben Sie, niemals einen anderen Menschen
"verrückt" zu nennen außer in liebevollem Scherz", so Jeffrey
M. Masson, der ehemalige Direktor der Sigmund-Freud-Archivs (Washington)
über Peter Lehmanns "Chemischen Knebel". Nirgendwo sonst spürt
man so deutlich wie das Herrschaftswissen der Psychiatrie enteignet
und von einer neuen radikal antipsychiatrischen
Souveränität angeeignet wird. Dabei ist von besonderer Ironie,
dass nahezu sämtliche Aussagen des Buches auf (zum Teil unveröffentlichten)
Untersuchungen von Psychiatern und Psychopharmaka-Herstellern
beruhen. Peter Lehmanns Buch ist ein notwendiges, aber auch ein
trauriges Buch, ein Buch, das für Laien und Fachleute zur Pflichtlektüre
erklärt werden sollte. Im deutschen Sprachraum, ja sogar weltweit,
fehlte bis zum Erscheinen dieses Klassikers der Antipsychiatrie
ein Buch mit dieser Fülle von verständlich dargestellten Informationen
zur Wirkung von Neuroleptika und Elektroschocks. Zur Wirkungsweise
neuerer und im "Knebel" noch nicht beachteter Psychopharmaka hat
sich Peter Lehmann ausführlich in seinem zweibändigen Werk "Schöne
neue Psychiatrie" geäußert wer auf die Radikalität
des Perspektivwechsels nicht verzichten will, liegt mit dem "Knebel"
dennoch richtig. Kartoniert, XVIII + 428 Seiten, 180 Abbildungen,
ISBN 978-3-925931-31-4. Berlin / Eugene / Shrewsbury: Antipsychiatrieverlag,
6. Auflage 2010. € 22.90 / sFr 34.50
Benjamin Sage
Peter
Lehmann: Schöne neue Psychiatrie
- Kompendium des unerwünschten Wissens. Im neutralen Jargon
von Beipackzetteln und sogenannten "Krankengeschichten" lassen
sich die "Wirkungen" von Psychopharmaka wesentlich besser verpacken
und ertragen als im ungeschminkten Klartext oder am eigenen
Körper. "Bis zwölf Uhr fühlte ich keine subjektive Änderung,
dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben.
Es war sehr angsterregend und quälend. (...) Um dreizehn Uhr
fühlte ich mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen."
In diesen Sätzen dokumentierte die Psychiaterin Cornelia Quarti
am 9. November 1951 ihren ersten Selbstversuch mit Chlorpromazin jener Substanz, mit der die psychiatrische Praxis zu Beginn
der fünfziger Jahre revolutioniert worden ist. In der Folgezeit
wurde es mit wachsender Begeisterung der Psychiater als Mittel
gegen "Schizophrenien" eingesetzt. Peter Lehmann hat das bedeutende
Verdienst, dass er mit seinen Büchern den fachchinesischen Begriffsdschungel
im Umfeld der Psychopharmakabehandlungen für medizinische Laien also auch für Psychiatriebetroffene und ihre Angehörigen durchschaubarer macht. Das ausgebreitete Themenspektrum umfasst
unter anderem die Risiken der neu entwickelten Psychopharmaka,
die Wirkungsweise und schädlichen Wirkungen von Antidepressiva,
Psychostimulantien und Tranquilizern. Dargestellt wird die Wirkungsweise
der (modifizierten) Elektroschocks. Ein großes Kapitel behandelt
Entzugserscheinungen und die Möglichkeiten, diese Symptome zu
lindern und der Rückfallgefahr vorzubeugen. Ein komfortables
Register und eine Liste mit allen deutschen, österreichischen
und schweizerischen Markennamen machen dieses Handbuch als Nachschlagewerk
unentbehrlich.
Sophie Blau
- Was Industrie, Psychiater und Ärzte nicht
so gern dazusagen ein Handbuch. Unter den radikalen Psychopharmaka-Kritikern
ist Peter Lehmann als Nicht-Pharmakologe, Nicht-Chemiker, Nicht-Arzt
gewiss der kompetenteste. In jedem Fall ist er, auch im Vergleich
zu den Fachleuten, der belesenste: 1100 Verweise auf Fachliteratur
im ersten Band, 1677 im zweiten suchen ihresgleichen. Nirgendwo
sonst sind so viele Informationen über unerwünschte Wirkungen
von Psychopharmaka aller Art, insbesondere aber von Neuroleptika,
zusammengetragen. Dieses Buch ist notwendiges Gegengift zu der
weitestgehend stillschweigenden und kritiklosen Praxis der Vergabe
von Psychopharmakologischen Substanzen in unserer Gesellschaft.
Benjamin Sage
Kartoniert, 2 Bände, zusammen 944 Seiten und 89 Abbildungen,
ISBN 978-3-925931-11-6. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
1996
Peter
Lehmann: Psychopharmaka absetzen Erfolgreiches Absetzen
von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin
und Tranquilizern
- Ein kluges und hilfreiches Buch. Wer meint, Lehmann würde
zum Wegwerfen von Psychopharmaka aufrufen oder billige Patentrezepte
zum Absetzen veröffentlichen, sieht sich getäuscht. Patentrezepte
werden hier ausdrücklich zurückgewiesen. Auf individuell völlig
unterschiedliche Weise haben die 28 psychiatriebetroffenen AutorInnen
aus verschiedenen europäischen Ländern, aber auch Neuseeland
und den USA teils problemlos und teils mit Schwierigkeiten ihre
Psychopharmaka nach mitunter jahrzehntelanger Einnahme abgesetzt.
Professionelle Hilfe war dabei äußerst spärlich. Daran ändert
auch die Tatsache nichts, dass der Herausgeber im deutschsprachigen
Raum eine Handvoll Psychiater, Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter
und Heilpraktiker gefunden hat, die ergänzend berichten, wie
sie beim Absetzen helfen. Dieses Buch sollte auch als Aufruf
an die Professionellen der Psychiatrie verstanden werden, der
strukturellen "unterlassenen Hilfeleistung" ins Auge zu sehen.
Es bietet Betroffenen und Professionellen die Möglichkeit, ihr
Verständnis der Problematik zu vertiefen und vermag es, wichtige
Orientierungen für das Absetzen zu vermitteln.
Benjamin Sage
- Warnung vor Verharmlosungen. "Psychopharmaka Absetzen" legt
den Leser nicht auf die Perspektive einer Experten-Gruppe fest,
sondern stellt beispielsweise die Perspektive von Nutzern und
Psychiatrieopfern neben die kritischer Ärzte. Meinem Vorgänger
(Arx Michael) bei der Rezension von "Psychopharmaka Absetzen"
kann ich bezüglich der Qualitäten des Werkes nur zustimmen,
mit seiner Rezension bin ich dennoch nicht einverstanden. Denn
nebenbei verharmlost er das unter dem Namen "Temesta" vertriebene
Benzodiazepin Lorazepam als "nebenwirkungsfreie Alternative",
die lediglich "suchtgefährdend" sei. Die im "Arzeneimittelkompendium
der Schweiz", einem der deutschen Roten Liste vergleichbarem
Werk beschriebenen Nebenwirkungen rechtfertigen die Klassifizierung
als "nebenwirkungsfrei" keineswegs. Unter unerwünschten Wirkungen
werden hier u.a. Angst, Aggressivität, Wahnvorstellung, Manie,
Halluzinationen, Psychosen etc... aufgezählt. Verwirrtheit,
Depression und manifeste Depression gelten als häufige unerwünschte
Wirkungen, die in 1-10 % der Fälle auftreten können. Wer das
Suchtpotential des Präparates für eine zu vernachlässigende
Größe hält kann sich hier schnell eines besseren belehren lassen.
Zu den genannten Entzugssymptomen, die besonders bei abruptem
Absetzen auftreten können, gehören (um nur einige zu nennen):
Tremor, Verwirrtheit, Depression, Angst, Kopfschmerz, Realitätsverlust,
Taubheit der Extremitäten, Erbrechen, Halluzinationen, Panikattacken,
zerebrale Krampfanfälle u.v.m. (Vgl. http://www.kompendium.ch
unter dem Suchwort: Temesta). Eine umfassende Darstellung der
Wirkungen von Psychopharmaka, die die Hersteller im Allgemeinen
nicht so gerne anführen, hat übrigens Peter Lehmann in "Schöne
neue Psychiatrie" vorgelegt.
Sophie Blau
Kartoniert, 384 Seiten, ISBN 978-3-925931-27-7. Berlin: Peter
Lehmann Antipsychiatrieverlag, 3., aktualisierte und erweiterte
Auflage 2008. € 19.90 / sFr 29.90
Peter
Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2
Alternativen zur Psychiatrie in aller Welt ' ein mitreißender
Überblick. Der Irrglaube, verrückte Zustände ließen sich nicht
anders als in psychiatrischen Einrichtungen durchleben, wird hier
eindrucksvoll wiederlegt. Die engen Grenzen, die offizielle Rollenbilder
vom "psychisch Kranken", Hilfs- und Lebenskonzepten ziehen, erweisen
sich im Lichte dieses Buches als bloße Produkte menschenfeindlicher
Borniertheit. Der in seiner Vielschichtigkeit spannend zu lesende
Band gibt in vielen Artikeln einen detaillierten Überblick über
einen alternativen Umgang mit verrückten Zuständen aller Art.
In diesem äußerst vielstimmigen Projekt kommen Psychiatriebetroffene
genauso zu Wort wie professionelle Vertreter der Nichtpsychiatrie,
der humanistischen Antipsychiatrie und der durch systemsprengende
Inhalte geprägten Reformpsychiatrie, darunter Psychologen und
Psychiater und sogar Angehörigengruppen. Die Autoren sprechen
mit eigener Stimme über Konzepte und Erfahrungen alternativer
Hilfemöglichkeiten. Was die wirklich internationale Autorenschaft
dieses Bandes eint, ist ein Menschenbild, das sich auf das Selbstbestimmungsrecht
und die Menschenrechte beruft und an den Selbstheilungskräften
der Menschen orientiert. Damit durchbrechen sie den Automatismus
von Zwang und apathisierender Pharmako-"Therapie". Nicht zuletzt
stellen sie sich so gegen den "Mainstream" einer falsch verstandenen,
scheinobjektiven Wissenschaftlichkeit, deren Theoreme umso höhere
Geltung beanspruchen, desto gründlicher sie jeder menschlichen
Erfahrung beraubt wurden. Der vorliegende Band dagegen öffnet
den Horizont für einen wirklich menschlichen Umgang mit Menschen,
die in psychische Ausnahmezustände geraten. Das Spektrum der angesprochenen
Gebiete ist beeindruckend. Da sind zum einen die Beiträge zu wohldurchdachten
Hilfekonzepten, denen Zwangsbehandlung und "Pharmakotherapie"
nicht als Teil der Lösung, sondern als zusätzliches Problem gelten.
Noch wichtiger dürften aber die Berichte von Hilfeeinrichtungen
wie z.B. der Soteria, Windhorse, Weglaufhaus oder der Krisenherberge
in Ithaca sein, die es geschafft haben, sich als Institutionen
zu etablieren, die eine humanere Realität zu verwirklichen suchen.
Die guten Erfahrungen, welche in diesen Einrichtungen gemacht
werden, obwohl sie sich selbst als politisch umstrittene Pilotprojekt
mühsam behaupten mussten, straft die Rede von der Alternativlosigkeit
des etablierten Systems aus Zwang und Nötigung Lügen. Damit ist
das Spektrum dieses internationalen Überblicks jedoch längst nicht
abgesteckt. In dem sorgfältig gegliederten Band finden sich darüber
hinaus auch Beiträge, die sich etwa mit natürlichen Heilmethoden
oder dem Stellenwert von Vorausverfügungen zum Schutz vor Zwangsbehandlung
beschäftigen. Daneben stehen Essays, welche die Tragweite von
Begriffen wie Empowerment oder Recovery ausloten oder die Möglichkeiten
betroffenenkontrollierter Forschung untersuchen. Die Vielzahl
der hier zu Wort kommenden Autoren und Positionen prädestiniert
dieses Buch für die immer griffbereite Handbibliothek. Und wer
den spannenden Band gleich in einem Rutsch verschlingt, kann später
rasch darauf zurückgreifen, wenn es um die stets aktuellen Themen
geht: Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Wo finde ich
vertrauenswürdige Hilfe für eine Angehörige oder Freundin in Not?
Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? Was soll ich tun, wenn
ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten?
Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es, wie kann ich mich
an deren Aufbau beteiligen? Kartoniert, 448 Seiten, ISBN 978-3-925931-38-3.
Berlin / Eugene / Shrewsbury: Antipsychiatreiverlag 2007. €
24.90
Lucinda Bee
Gerhard
Leibold: Sanfte Hilfen für die Seele. Wege aus der Angst – Praktischer
Ratgeber für Betroffene
Überarbeitete Ausgabe des Buches von 1993 über Wirkstoffe,
die die Psyche beeinflussen, ohne dass mit größeren negativen
Wirkungen und Abhängigkeit gerechnet werden muss. Allerdings mit
der angesichts der bekannten Langzeitschäden von Neuroleptika,
Rezeptorenveränderungen incl. problematischen Aussage
am Rande, diese Substanzen würden kein Suchtpotential enthalten,
weshalb sie unter diesem Aspekt auch längere Zeit verwendet
werden könnten; was ist aber mit der nachgewiesenen abhängig
machenden Wirkung? Kartoniert, 173 Seiten, ISBN 978-3-0350-3028-0.
Zürich: Oesch Verlag 2007. € 14.95 / sFr 25.
Peter Lehmann
Felix Leps: Zange am Hirn. Geschichte einer
Zwangserkrankung
Geschichte eines Schweizers mit Zwangsstörungen, die während
einer Prüfungssituation und nach Beendigung einer Beziehung
aufbrechen und als endogen (von innen heraus entstanden) verstanden
werden. Jahrelange Psychotherapie und Psychopharmaka folgen Hand
in Hand, für ihn und die Psychiaterin Brigitte Woggon erfolgreich.
Schon zu Beginn der Behandlung hatte Felix Leps ein Psychopharmakon
"als Talisman" erhalten, wie er freimütig schreibt.
Wenig überraschend spielen Psychopharmaka eine wesentliche
Rolle in der Behandlung, das spätere Reduzieren des hochgelobten
Antidepressivums Citalopram scheiterte bislang, die ursprünglichen
Symptome traten beim Absetzen leider prompt wieder auf, inzwischen
nimmt der Autor zusätzlich Lithium. "Die Behandlung
von Felix Leps ist ein gutes Beispiel für eine maßgeschneiderte
integrative Behandlung!", schreibt Frau Woggon im Nachwort.
Ein Minimum an kritischer Auseinandersetzung mit Psychotherapie
unter dem Einfluss persönlichkeitsverändernder Substanzen,
mit möglichen Placeboeffekten, mit sich selbst erfüllenden
Prophezeiungen und mit abhängig machenden Psychopharmakawirkungen
würde ich mir schon wünschen, wenigstens vom Autor selbst,
ansonsten bliebe ein solches Buch eher ein Beispiel für einen
maßgeschneiderten Patienten. Paperback, 229 Seiten, ISBN
978-3-86739-018-7. Bonn: BALANCE Buch + Medien Verlag 2007. €
14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann
Marianne
Leuzinger-Bohleber / Yvonne Brandl / Gerald Hüther (Hg.): ADHS
Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung,
Kontroversen
In diesem anspruchsvollen Buch aus der Reihe "Schriften des
Sigmund-Freud-Institus" wird das "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom"
als verbreitete Diagnose für auffällige Kinder aller Art und als
Begründung für die drastisch steigende Vergabe von Ritalin
"psychopharmakologische Gewalt zum Zweck der Verhaltensbeeinflussung
unter dem Deckmantel einer medizinischen Diagnose" differenziert
betrachtet. Fallbeispiele und Therapieberichte illustrieren verschiedene
Modelle zur Entstehung, Diagnostik und Behandlung mit Schwerpunkt
auf dem psychonanalytischen Modell, das ADHS als Symptom einer
veränderten Kindheit sieht, nicht als Krankheit, und die ruhelosen
Kinder als Individuen mit eigener bigrafischer und kultureller
Geschichte. Kartoniert, 306 Seiten, 14 schwarz-weiße Abbildungen,
3 Tabellen, ISBN 3-525-45178-4. Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht 2006. € 34.90 / sFr 60.40
Kerstin Kempker
Danuta Lipinska: Menschen mit Demenz
personzentriert beraten Dem Selbst eine Bedeutung geben
US-amerikanisch angehauchtes und mainstreamorientiertes Buch
mit schwer nachvollziehbarer Struktur, in dem persönliche Anektoden
oft die Argumentation ersetzen und auf Personen und Literatur
aus dem angloamerikanischen Sprachraum verwiesen wird, die als
bekannt vorausgesetzt werden, ohne nähere Erläuterung
jedoch für Leser wie mich, die diese nicht kennen, von geringer
Aussagekraft sind. Die Autorin ist christlich orientiert und verweist
deshalb auch auf die Bibel als Quellenliteratur, predigt insofern
von Liebe und von Respekt, von aufrechter Haltung und von froher
Hoffnung geprägter Beratung. Dies ist sicher nicht das Schlechteste.
Als Orientierung in einem Bereich, der (auch) von Machtinteressen,
Missbrauch, Gewalt, massiver Psychopharmakavergabe und ideologischer
Beeinflussung seitens Pharmafirmen und der von ihr gesponserten
Gruppierungen geprägt ist, erscheint mir diese Haltung aber
zu unrealistisch, insbesondere wenn es darum gehen soll, die im
Zentrum einer potenziell gefährlichen Umgebung befindlichen
Person mit Demenz angemessen beraten zu können. Dazu passt,
dass im anhängenden Serviceteil empfohlen wird, sich interessegeleitetes
Informationsmaterial von der Pharmaindustrie zu Schulungszwecken
schicken zu lassen. Kartoniert, 144 Seiten, 10 Abbildungen, ISBN
978-3-456-84833-4. Bern: Hans Huber Verlag 2010. € 24.95
/ sFr 37.50
Peter Lehmann
Heinz-Rolf Lückert / Inge Lückert: Leben ohne
Angst und Panik. Ursachen und Symptome erkennen, Therapiemöglichkeiten
wählen
Die Autoren Lückert (er starb 1992) sind Psychologen mit Erfahrungen
in Lehre, Forschung, Therapie und Seminararbeit und Gründer des
'Institut(s) für Aktivationstherapie'. Ausführlicher Überblick
über Formen, Ursachen, Verlauf und Auswirkungen von Angst und
Depression. Zentral ist das Kapitel zur kognitiven Verhaltenstherapie.
Anspruchsvoll und nüchtern in Stil und Aufmachung, systematisch,
mit Grafiken, Übungen, Beispielen. Psychopharmaka 'nur in Notfällen
und zeitlich begrenzt', was allerdings nicht gilt bei endogener
Depression, Sucht und Psychose. Adressverzeichnis äußerst mager,
keine Hinweise auf Selbsthilfe- oder Betroffenengruppen. Kartoniert,
270 Seiten, 16 Abbildungen, ISBN 3-938187-16-6. Dortmund: Borgmann
Media 2006. € 19.50 / sFr 34.30
Kerstin Kempker
Christian Lüdke / Karin Clemens (Hg.): Vernetzte Opferhilfe.
Handbuch der Psychologischen Akutintervention
Pragmatisches Buch, das Betroffenen, Angehörigen und Profis
eine umfassende Orientierung gibt und Hilfe beim Versuch, wieder
ein normales Alltagsleben zu führen. Kleines Manko. Das Thema
"Hilfe für Opfer psychiatrischer Gewalt" wird nicht
wahrgenommen, und die Verwendung psychiatrischer Psychopharmaka
als therapeutische Intervention in zwei oberflächlichen Sätzen
abgehandelt. Vorwort von Jan Philipp Reemtsma, Geleitwort von
Andreas Maercker. Kartoniert, 524 Seiten, 25 schwarz-weiß Abbildungen,
ISBN 3-89797-028-7. Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie
2004. € 38. / sFr 66.
Peter Lehmann
Christian Lüdke / Karin Clemens: Kein Trauma muss für immer
sein. Überfälle, Unfälle, Schicksalsschläge und das tägliche Unglück.
Hilfreiche Informationen zum Verständnis und zur Bewältigung von
Krisen, extrem belastenden Erfahrungen und außergewöhnlichen Lebensereignissen
Laut eigenem Anspruch führen die beiden AutorInnen "Betroffene
und ihre Angehörigen ein in ein erfolgreiches Konzept, dessen
nachhaltige Wirksamkeit sich auch im täglichen Einsatz bei spektakulären
Überfällen, Geiselnahmen und Unfällen bewährt." Und das Buch
enthält viele unproblematische und unverfängliche Ratschläge.
Wer sich zudem Hilfe von Sinnsprüchen und Lebensweisheiten
auch esoterischer Natur erhofft, wird hier ausgiebig bedient.
Weshalb des Thema "Traumatisierung durch psychiatrische Zwangsbehandlung"
vollständig ausgeklammert ist, ist recht verwunderlich, landen
doch viele Traumaopfer aufgrund unverarbeiteter Traumaerlebnisse
in der Psychiatrie, wo bekannterweise zum Teil massive psychiatrische
Gewaltanwendung gegen Wehrlose und Hilfesuchende zur Potenzierung
von Traumatisierungsprozessen führt. Mit separatem Trauma-Erfolgstagebuch.
Vorwort von Andreas Maercker. Kartoniert, 192 Seiten, viele Abbildungen,
ISBN 3-89797-300-6. Köln: Verlag Edition Humanistische Psychologie
2003. € 17.90 / sFr 32.50
Peter Lehmann
Reinhard Lütjen: Psychosen verstehen. Modelle
der Subjektorientierung und ihre Bedeutung für die Praxis
Übersicht über theoretische Modelle der Subjektorientierung
(Laing, Ciompi, Mentzos, Wulff, Bock). "Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung
sind nicht nur seelisch krank die meisten gestalten aktiv
ihr Leben, mit eigenen Deutungsmustern für ihre individuellen
Erfahrungen. Eine Psychose kann so gesehen nicht nur zum Zusammenbruch
psychischer Funktionen führen, sondern gleichzeitig auch als subjektiver
Lösungs- oder Bewältigungsversuch betrachtet werden." Der
sozialpsychiatrisch orientierte Autor schreibt kundig über
psychiatrische Theoriemodelle, psychiatrische Menschen- und Psychosebilder
und daraus resultierende Praxisansätze; allerdings bleiben
von Betroffenen selbst entworfene Modelle wie z.B. das Dschungel-Modell
eines Maths Jesperson oder die in "Our Own Understanding
of Ourselves" gesammelte Selbstverständnisse, 1994 herausgegeben
vom Europäischen Netzwerk von Psychiatriebetroffenen, außen
vor, die typische Selbstbeschränkung auf sozialpsychiatrische
Mainstreamliteratur. Kartoniert, 227 Seiten, ISBN : 978-3-88414-433-6.
Bonn: Psychiatrie-Verlag 2007. € 19.90 / sFr 34.90
Peter Lehmann
Manfred Lütz: Irre – Wir behandeln die Falschen.
Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde
Am 3. Dezember 2009 war ich vom WDR eingeladen zu einer einstündigen
Rundfunkdiskussion mit dem katholischen Theologen und Psychiater
Manfred Lütz, Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Köln und
Bestsellerautor. Zuerst sollte ich allein mit ihm über sein neues
Buch "Irre" diskutieren, dann sollte noch Margret Osterfeld, psychiatriebetroffene
Psychiaterin, als Dritte dazukommen. Flug und Hotel waren längst
gebucht, dann erreichte mich zwei Tage vorher die Absage seitens
des Journalisten, der mich eingeladen hatte. Durch das 2:1-Verhältnis
könnte "eine Situation" entstehen, die dazu führen könnte, ",...
dass Räume geschlossen werden, wo eigentlich Räume eröffnet werden
sollen." Um welche Räume es ging, die dadurch geöffnet werden
sollten, indem man mir die Tür vor der Nase zuschlug, vergaß man
zu erwähnen. Sie werden allerdings deutlich, wenn man das Buch
von Lütz kritisch betrachtet.
Hier will Lütz auf 208 Seiten "die ganze Psychiatrie und Psychotherapie
allgemeinverständlich, humorvoll und auf dem heutigen Stand der
Wissenschaft" darstellen. Herausgekommen dabei ist die mal flapsige,
mal urteilsfreudige Beschreibung der althergebrachten Praxis eines
psychiatrischen Halbgottes in Weiß, der sich als Menschenfreund
inszeniert.
Eingangs macht sich Lütz eloquent über "die Normalen" her. Adolf
Hitler sei nicht etwa krank gewesen, sondern "normal, schrecklich
normal". Dieter Bohlen und Paris Hilton, andere Vertreter der
Normalität, könne man leider nicht behandeln, denn deren "ganz
normaler Blödsinn" sei bedauerlich völlig normal. "Normopathen"
nennt er diese Spezies und zeigt dabei, wie weit dieser von der
Irren-Offensive der frühen 80er Jahre in Berlin entwickelte Begriff
bereits vorgedrungen ist. Damit kann sich Lütz billig und schmerzlos
Sympathien erkaufen.
Lütz plädiert für eine menschenfreundliche Psychiatrie mit "Räumen
der Freiheit". Wichtig ist ihm die "Fähigkeit zum Perspektivwechsel",
die es dem Psychiater erlaube, die für den Patienten angemessenste
Therapiemethode zu wählen. Offenbar besitzt er praktischerweise
auch die Sicht der Betroffenen. Der Verzicht auf die Verabreichung
von Psychopharmaka sei allerdings unterlassene Hilfeleistung,
sagt er und lässt psychiatrische Gewalt elegant zwischen den Zeilen
verschwinden. Räume verminderter Freiheit, Isolierzellen, 6:1-Übermacht,
Fixiergurte und Zwangsspritzen würden auch nicht zu seinem jovialen
Ton passen.
Plaudernd erklärt er den begrenzten Wert von Diagnosen und die
Ideologieanfälligkeit der Psychiatrie, vergisst allerdings zu
erläutern, weshalb gerade er dagegen gefeit ist. Zwar solle die
biologische Sichtweise nicht die einzige sein, aber unter ihr
könne man alle psychischen Phänomene betrachten, deshalb sei sie
mehr oder weniger nützlich. Für ihn offenbar mehr, siehe sein
Beispiel Depression: Der Therapeut müsse mit aller Autorität erklären,
dass sie eine Stoffwechselerkrankung sei, die man mit großer Wahrscheinlichkeit
mit Medikamenten gänzlich heilen könne. Bei der Depression und
der Schizophrenie gebe es nämlich einen "bemerkenswerten Erbfaktor".
Mütterliches Verhalten in familiären Konflikten in ursächlichen
Zusammenhang mit der Schizophrenie zu bringen, gehöre dagegen
zum Schlimmsten an seelischer Grausamkeit, was er sich ausmalen
könne: "Die Schizophrenie ist im Wesentlichen eine ererbte Erkrankung.
... Mit aller Autorität, die mir als Chefarzt zu Gebote steht,
erkläre ich den Eltern, dass sie nichts, aber auch gar nichts
zur Entstehung der Erkrankung beigetragen haben." Genauso autoritär
gebärdet sich Lütz hinsichtlich Elektroschocks, deren Segnungen
Wissenschaftsjournalisten doch bitteschön unter die Leute bringen
sollten, und Psychopharmaka: Antidepressiva und Neuroleptika sind
(für ihn) nebenwirkungsarm, werden immer besser, machen nicht
abhängig, können höchstens falsch eingesetzt werden, Neuroleptika
können sogar völlige psychische Gesundheit bewirken! (Informationen
über chronische Rezeptorenveränderungen, Abhängigkeit, Toleranzbildung
oder die psychopharmakabedingt um durchschnittlich bis zu drei
Jahrzehnte herabgesetzte Lebenserwartung suche man besser bei
anderen Autoren.)
Makaber stellt sich die Kombination aus katholischem Theologen,
Kabarettist und Chefarzt auch bei der Beschreibung multipler Persönlichkeiten
dar. Wo Psychotherapeuten den Einfluss von schweren Traumata sehen,
die die normale Schutzmöglichkeiten des Menschen außer Kraft setzen
und zu psychischer Erstarrung oder Abspaltung von Wahrnehmungen
und gar Aufteilung der Persönlichkeit in unterschiedliche Identitäten
zwingen, lässt sich Lütz über diese "Dr. Jekyll und Mister Hydes"
aus und sieht in seinem "Ärger über das inszeniert Wirkende dieser
Störungen", der ihn offenbar gelegentlich überfällt, doch eher
"die Frage nach der Freiheit des Patienten seiner Symptomatik
gegenüber besonders dringlich" gestellt, wenn sie "dann bestimmte
Störungen in Szene setzen". Zugute halten sollte man Lütz allerdings
an dieser Stelle, dass er nicht auch noch die Erbsünde ins Spiel
bringt.
Zuletzt macht Lütz deutlich, wo seine Skepsis gegen "die Normalen"
herkommt: Sie nehmen mit ihren "alltäglichen Beschwernissen" den
"wirklichen Kranken" Therapieplätze weg, benutzen Diagnosen zur
Diskriminierung von Mitmenschen (statt Psychiatern die Verwendung
dieser Termini zu überlassen), verteufeln wirksame Behandlungsformen,
selbstverständlich "gedankenlos" und "ideologisch fehlgeleitet".
Die Pharmaindustrie, deren versteckte Lobbyarbeit offenbar auch
in meinem Fall prima funktioniert hat, darf sich über seine heitere
Anpreisung von Psychopharmaka freuen: Räume eröffnen sich, Menschen
mit psychischen Problemen auf der Suche nach Beistand betreten
sie vertrauensvoll. Was sie hinter der Tür erwartet, sollen sie
vorher besser so genau nicht wissen. Sonst könnten sie sich ja
möglicherweise gegen Psychopharmaka und statt dessen für Therapie
und Selbsthilfe entscheiden.
Gebunden, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4. Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus 2009. € 17.95
Peter Lehmann
Anne Lützenkirchen: Depression im Alter
Durch Unterwerfung unter die biologisch bzw. genetische Theorie
der Depression und durch Ausblendung behandlungsbedingter Ursachen
geprägtes Plädoyer für eine frühzeitige Zusammenarbeit
verschiedener Berufsgruppen (Sozialarbeit, Medizin, Psychotherapie
und Pflege). Kartoniert. 159 Seiten, ISBN 978-3-938304-80-8. Frankfurt
am Main: Mabuse-Verlag 2008. € 20.
Peter Lehmann
Hans Luger: KommRum Der andere Alltag mit Verrückten
Rezension
(pdf), erschienen in: Der
Eppendorfer Zeitschrift für die Psychiatrie (Brunsbüttel),
1989. Kartoniert, 264 Seiten. Bonn: Psychiatrrieverlag 1989. DM
24.80
Peter Lehmann
Rolf
Marschner: Rechtliche Grundlagen für die Arbeit in psychiatrischen
Einrichtungen
Der engagierte Münchner Rechtsanwalt Rolf Marschner informiert
leichtverständlich über die straf-, zivil- und verwaltungsrechtliche
Lage, in der sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychiatrischer
Einrichtungen (und somit auch die beteiligten Psychiatriebetroffenen)
befinden. Aber auch für Menschen, die in institutionellen
Alternativen zur Psychiatrie arbeiten, ist dieses Buch von Bedeutung,
da der Autor nicht nur die Rechtslage, sondern auch die zugrunde
liegenden Probleme anspricht. Behindertenbegriff, Gleichstellung,
Selbstbestimmungsrecht, Einwilligungsfähigkeit, Geschäfts-,
Testier-, Delikts- und Schuldfähigkeit werden ebenso durchgearbeitet
wie Schweigepflicht, Datenschutz, Akteneinsicht, Behandlungs-
und Betreuungsverträge incl. Patientenverfügung und
Behandlungsvereinbarung. Haftungsgrundlagen, Sorgfaltspflichten,
Betreuungsverfahren, Heimrecht, Maßregelvollzug, soziale
Sicherung, Rehabilitationsrecht oder Persönliches Budget
sind weitere wichtige Themen im Buch. Und auch die Möglichkeiten
(für die Betroffenen) und Probleme (für die Psychiatrie),
die sich aus der UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung
ergeben, sind in dem empfehlenswerten Buch thematisiert. Weshalb
sich weiterführende Hinweise auf die einschlägige Literatur und
Rechtsprechung ausschließliche als Verweis auf die Veröffentlichung
einer Entscheidung in der Zeitschrift Recht & Psychiatrie,
beschränken, weiß sicher alleine die PR-Abteilung des
Psychiatrie-Verlags. In diesem Verlag erscheint „Recht & Psychiatrie“.
So ist man jedesmal gezwungen, sich die Zeitschrift umständlich
in der Bibliothek zu besorgen, wenn man ein Urteil nachlesen will.
Kartoniert, 142 Seiten, ISBN 978-3-88414-468-8. Bonn: Psychiatrie-Verlag
2009. € 14.95 / sFr 26.50
Peter Lehmann
Martens, Peter H.: Bio-Polarität
Goldene Schlüssel zu einem optimalen Leben
Über den Ursprung der nach eigenen Worten vom Autor
1981 entdeckten "Biopolarität", einer ethischen
Lebenslehre von den im Leben enthaltenen Gegensätzlichkeiten
und dem freien Willen des Menschen, sich für die eine oder
andere Seite zu entscheiden, sowie der "Optimal-Methode",
der 1968 vom Autor entwickelten humanen Methode zur Verursachung
von effektiven und dauerhaften Erfolgen in allen Lebensbereichen.
Ein recht esoterisch angehauchtes Buch für alle Freunde von
Peter H. Martens, die an Universalratgeber glauben. Ich gehöre
leider nicht dazu und bin vermutlich verloren. Kartoniert, 188
Seiten, ISBN 978-3-921271-46-9. Kelkheim: Optimal Verlag 2009.
€ 16.80
Peter Lehmann
Jörg Martin (Hg.): PsychoManie. Des Deutschen Seelenlage
Sammlung teils bissiger, teils ironischer und spannend zu lesender
Artikel von Therapeuten, Journalisten und Wissenschaftler(inne)n
über den Boom einer vulgären Hobbypsychologie im Berufs-
und Alltagsleben, über die vielen Hobby-Freuds unter uns
und die Gefahr, selbst einer zu werden. Kart., 227 S., Leipzig:
Reclam Bibliothek (Nr. 1570) 1997. DM 20, / sFr 19,
/ öS 148,
Peter Lehmann
Jeffrey M. Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein
Plädoyer
Eine schonungslose Abrechnung mit machtbesessenen Therapeuten,
von Jung über Erickson, Ferenczi, Freud, Rogers, Rosen bis
hin zu modernen, sich alternativ gebenden Therapeut(inn)en. In
dem spannend geschriebenen und präzise recherchierten Buch
weist der frühere Psychoanalytiker Masson seiner ehemaligen
Kollegenschaft arrogante Bevormundung, psychischen Terror, physische
Gewalt, sexuellen Missbrauch sowie eine Fülle von Irrtümern
nach. Gebunden, 352 Seiten, München: C. Bertelsmann Verlag
1991. DM 42,
Peter Lehmann
Jeffrey M. Masson: Was hat man dir, du armes Kind getan?
Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte
Wie Freud sexuellen Missbrauch in Familien zum Wunschprodukt und
seine PatientInnen zu Phantasten erklärte, um als Psychoanalytiker
und Psychiater auf der Seite der Macht zu bleiben. Neu übersetzt,
302 S., Freiburg: Kore Verlag 1995. DM 39.80 / sFr 40.80 / öS
311.
Peter Lehmann
Andrew
Mathews / Michael G. Gelder / Derek Johnston: Platzangst
Ein Übungsprogramm für Betroffene und Angehörige
Ratgeber für Leute mit plötzlich auftretenden Beschwerden
wie Herzjagen, Schweißausbrüche, Atemnot, Schwächegefühl, Zittern
am ganzen Körper, Schwindelgefühl, Angst umzufallen und Angst
vor einemPanikzustand zur Überwindung der Ängste, der
es ermöglicht, die intensiven Übungen alleine, mit einem
Arzt oder Therapeuten durchzuführen bzw. die betroffenen
Angehörigen und Freundinnen (70-90% der Betroffenen sind
Frauen) zu unterstützen. Die Übungen sind präzise
beschrieben, so dass sie sorgfältig durchgeführt und
evtl. wiederholt werden können, bis die Ängste nachlassen
und hoffentlich bald verschwinden. Arbeits- und Protokollbögen
helfen hierzu. Der Empfehlung, Beruhigungsmittel evtl. vor Übungsbeginn
abzusetzen, folgt leider keine Warnung, dass oft genug Tranquilizern
dann einfach durch Antidepressiva und Neuroleptika ersetzt werden
mit der Falschausage, diese würden nicht abhängig machen.
Offene Augen sind also angebracht; ebenso wie gute Augen, denn
der Ratgeber ist in sehr kleiner Schrift verfasst. Kartoniert,
IX + 131 Seiten, ISBN 10: 3-8055-7682-X, ISBN 13: 978-3-8055-7682-6.
Basel usw.: Karger Verlag, 4., unveränderte Auflage 2004.
€ 23. / sFr 32.
Peter Lehmann
Joergen
Mattenklotz: Auf dass es nie vergessen werde! Die Psychiatrie
im Nationalsozialismus unter Berücksichtigung der Pflege am Beispiel
der Heilanstalt Eickelborn
Buch über Zwangssterilisationen in der psychiatrischen Anstalt
Eickelborn und die Beteiligung der Psychiater und Wärter
an den psychiatrischen Massenmordaktionen ("Euthanasie")
sowie den Widerstand dagegen, insbesondere geistlicher Ordensschwestern,
und deren Schicksale. Mit den Befragungsergebnissen eines überlebenden
Betroffenen und eines Wärters, der von der problemlosen Weiterbeschäftigung
an den Verbrechen beteiligter Psychiater nach 1945 berichtet.
Ob die damals in nachgeordneter Stellung Beteiligten den Zweck
der jeweils geplanten "Euthanasiemaßnahmen" erkennen
konnten, ist für den Autor, einen Psychiatriepfleger, fraglich,
insbesondere da die Schwestern und Pfleger damals nicht gewohnt
gewesen seien, ärztliche Anordnungen zu hinterfragen. Kartoniert,
81 Seiten, Abbildungen & Faksimiles, ISBN 978-3-89514-612-1.
Aachen: Karin Fischer Verlag 2006. € 11.50 / sFr 19.70
Peter Lehmann
Tom Matzek: Das Mordschloss Auf der Spur von NS-Verbrechen
in Schloss Hartheim
Rekonstruktion des Grauens in den traditionsträchtigen Räumen
des oberösterreichischen Renaissance-Schlosses Hartheim,
der größten Vergasungsanstalt der nationalsozialistischen
"Euthanasie"-Aktion einschließlich der Würdigung
des Widerstands gegen den psychiatrischen Massenmord. Gebunden
mit Schutzumschlag, 318 Seiten, 43 Schwarz-Weiß-Photos,
ISBN 3-218-00710-0. Wien: Kremayr & Scheriau / Orac 2002. €
22.90 / sFr 38.60
Peter Lehmann
Mariella Mehr: Daskind
Roman über ein Mädchen, das bei Pflegeeltern aufwächst,
missbraucht und misshandelt wird und lernt, sich zu wehren. »Die
Pflegemutter beachtet es kaum, der Pflegevater scheint es zu lieben,
denn er weint, wenn er es schlägt.« Geb., 224 S., Zürich/Frauenfeld:
Nagel & Kimche 1995. DM 36.80 / sFr 36.80 / öS 272,
Peter Lehmann
Mariella Mehr: Zeus oder der Zwillingston
Anspruchsvoller Roman. Vielschichtige und grell überzeichnete
Horrorgeschichten aus »Narrenwald«, womit die Schweizer
Anstalt Waldhaus in Chur gemeint ist. »Zeus« ist der
Schweizer Schriftsteller Tassaux, ein Freund der Autorin, der
sich 1983 in der Unianstalt Waldau/Bern von einem Mitinsassen
mit einem Stück Holz erschlagen ließ. Im Buch trifft
er auf Rosa Zwiebelbusch, die ihr Kind, das bei einer Vergewaltigung
gezeugt worden war, tötete, was sie in die Anstalt brachte.
Die Schicksale der beiden und ihre Beziehung zueinander bilden
zwei Ebenen des Romans. Die dritte birgt eine mythologische Schicksalstragödie,
in der sich der uralte Orakelspruch des Prometheus vom Sturz des
Göttervaters Zeus erfüllt. Dieser, der Patriarch des
griechischen Olymp, lässt sich von seinem fliegenden Ross
Pegasus im dritten Stock einer Psychiatrischen Anstalt absetzen,
weil er sich seiner Unsterblichkeit entledigen will. Geb., 271
S., Zürich: Ruth Mayer Edition 1994. DM/sFr 43. / öS
437.
Peter Lehmann
Theodor Meißel (Hg.): Zur Einbürgerung
des psychisch Kranken
Der Herausgeber Meißel, ein Pychiater, schafft es, 42 psychiatrisch
Tätige zum Thema Einbürgerung schreiben zu lassen und
dabei Psychiatriebetroffene als Co-Autoren systematisch auszuschließen.
Man muss dem Verlag, der dies akzeptiert, leider sagen, dass man
so etwas vom 19. Jahrhndert kennt, aber im 21. Jahrhundert nicht
mehr sehen mag. Mein Vorschlag: das Buch ignorieren und auf ein
Buch mit einem weniger ausgrenzenden Ansatz warten. Kartoniert,
423 Seiten, ISBN 978-3-901409-64-6. Linz: edition pro mente 2005.
€ 22.
Peter Lehmann
The Mental Health Foundation (Ed.): Knowing our own minds
A survey of how people in emotional distress take control
of their lives
The first report of a survey carried out at the Mental Health
Foundation during 1996, and led by a group of psychiatric users
and survivors. The aim of the research was to gain insight into
the activities, treatments or therapies that people with experience
of a range of different psychiatric problems find helpful. And
to learn about the different coping strategies people develop.
The research covered most of the treatment methods and therapies
experienced by people, including: psychiatric drugs, electroshock,
talking treatments (counselling or psychotherapy),
alternative and complementary therapies, hobbies and leisure activities,
and religious and spiritual beliefs. Booklet, 104 A4-pages, London
1997. How to order: Send a cheque about 7 £ to: The Mental Health
Foundation, 37 Mortimer Street, London W1N 8JU, England.
Peter Lehmann
Kate Millett: Der Klapsmühlentrip
Die bekannte Vertreterin der Frauenbewegung schildert u.a. ihre
jahrelange Odyssee durch die Psychiatrie. Zwangseinweisung wegen
»seelischer Missstimmung«. Selbstmordversuch. 13 Jahre
währendes Martyrium. Trotz Unverständnis seitens ihrer
Umgebung schafft sie endlich den Ausstieg aus der Psychiatrie.
Jeffrey Masson: »Kate Millett schreibt, sie denkt, sie ergründet
das Verrücktsein. Sie lässt einen an ihrem innersten
Denken auf eine Art und Weise teilnehmen, wie es keinem Psychiater
jemals gelungen ist. Und das, was man sieht, ist keine verrückte
Frau, sondern ein Mensch wie du und ich, nur ein bisschen talentierter
und geistig sehr gesund (aber verdammt verrückt).« Aus
dem Amerikanischen, broschiert, 395 Seiten, Köln: Kiepenheuer
& Witsch 1993. DM 39.80
Peter Lehmann
Georg
Milzner: Jenseits des Wahnsinns Psychose als Ausnahmezustand:
Perspektiven für eine andere Psychiatrie
Auf fundierter und umfangreicher Auseinandersetzung mit Psychosetheorien
aller Art und transpersonalem Verständnis außergewöhnlicher Bewusstseinszustände
basierendes Plädoyer für den "Dritten Weg": eine neurowissenschaftlich
angereicherte Psychiatrie und Psychotherapie, in der der Therapeut
durch Manipulation seines eigenen Zustands (z. B. durch Trance)
"dem fremden Zustand" näher kommt, um "Psychotiker" mit ihren
"neuronalen Sonderzuständen" dann adäquater verstehen und behandeln
zu können. Auf zur nächsten Psychosentheorie, dem Zeitgeist entsprechend
eine neurowissenschaftlich geprägte! Kartoniert, 212 Seiten, ISBN
978-3-8260-4215-7. Würzburg: Verlag Königshausen &
Neumann 2010. € 29.80 / sFr 44.90
Peter Lehmann
Hans-Jürgen Möller / Hans-Jürgen Staub (Hg.):
Langzeitbehandlung mit Psychopharmaka
9 Beiträge einer Expertenrunde vom »3. Salzburger
Symposium zur Lebensqualität chronisch Kranker«. Die
Interessen der beiden Herausgeber (der biologische Psychiater
Möller und Herr Staub von Smith Kline Beecham Pharma) lassen
ahnen, worum es geht: die möglichst lebenslängliche
Verabreichung von psychiatrischen Psychopharmaka aller Art zu
propagieren. Dankenswerterweise reflektieren einzelne Autoren
wenigstens im Ansatz (in ca. 5 Sätzen, versteckt auf 80 Seiten)
die Fragwürdigkeit der behaupteten Forschungsergebnisse.
So sind sogenannte Doppelblindstudien, die Voraussetzung normaler
wissenschaftlicher Forschung, kaum oder gar nicht vorhanden, also
Untersuchungen, in denen eine Gruppe von Menschen mit psychiatrischen
Problemen Psychopharmaka und eine Kontrollgruppe mit vergleichbaren
Problemen Placebos erhält, ohne dass die Behandler und Diagnostizierenden
wissen, wer was bekommen hat. Auch wird freimütig zugegeben,
dass man keine Ahnung hat, ob es sich bei »Rückfällen«,
die als Hauptargument für die Langzeitverabreichung herhalten
müssen, nicht doch um Absetz- oder Reboundphänomene
handelt. Aber dies ist noch lange kein Grund für die Artikelschreiber,
ihre Glaubenshaltungen in irgendeiner Weise in Zweifel zu ziehen.
Kart., 80 S., 33 Abb., 26 Tab., Stuttgart / New York: Thieme Verlag
1995. DM/sFr 30. / öS 234.
Peter Lehmann
Robert F. Morgan (Ed.): Electroshock The Case Against
Eine exzellente und aktualisierte Sammlung von 5 Artikeln, die
der US-amerikanische Psychologe und Bürgerrechtler Robert
Morgan neu herausgegeben hat. Die Artikel:
* Berton Roueché, »As Empty as Eve«
* Robert F. Morgan: »Shock Treatment I: Resistance in the
1960s«
* John M. Friedberg: »Shock Treatment II: Resistance in the
1970s«
* Peter R. Breggin: »Shock Treatment III: Resistance in the
1980s«
* Leonard R. Frank: »Shock Treatment IV: Resistance in the
1990s«
Mit diesen Männern sind fünf hervorragende Elektroschockkritiker
aus Übersee (ein Medizin-Journalist, ein Psychologe, ein
Neurologe, ein Psychiater und ein Psychiatrie-Überlebender)
in der sehr empfehlenswerten Broschüre versammelt. Sie kann
bestellt werden durch Zusendung eines Schecks oder einer US-Geldanweisung
in Höhe von 13.45 $ (10.95 $ plus 2.50 $ Versandkosten bzw.
1.50 $ für jedes weitere Exemplar) an Prof. Dr. Robert Morgan
(Psy), Eastern Montana College, 1500 North 30th Street, LA-Building,
Room 524, Billings, Montana 59101-0298, USA. 2. Auflage, ISBN
0-920702-82-1, kartoniert, 96 Seiten, Toronto/Ontario (Kanada):
IPI Publishing Ltd. 1991. US-$ 10.95
Peter Lehmann
Kurt Mosetter / Reiner Mosetter: Die neue ADHS-Therapie.
Den Körper entstressen Ein Übungsbuch
Die beiden Autoren, ein Arzt und ein Trainer für Myoreflextherapie,
plädieren dafür, Körper und Psyche über die
Bearbeitung neuromuskulärer Verhaltensmuster zu beeinflussen,
d.h. Myoreflextherapie, KiD-(=Kraftentfaltung-in-Dehnungsposition-)Übungen,
Augenübungen usw. anzuwenden. Diese Übungen werden detailliert
und mit Abbildungen erläutert und sind es sicher wert, ausprobiert
zu werden, auf alle Fälle weniger risikobehaftet als die
üblichen synthetischen Psychopharmaka. Das Buch versteht
sich weder als psychotherapeutisch noch als psychopharmakologisch
orientiert, sondern bemüht sich, beide Richtungen zu integrieren.
Scheinbar objektiv wird auf den ersten 30 Seiten, dem ersten Kapitel,
der Hintergrund der ADHS-Diskussion abgebildet, psychopharmakalogische
wie psychotherapeutische Lehr- und Behandlungsmethoden werden
vorgestellt. Da jeweils nur die (behaupteten) Vorteile, nicht
aber die Risiken genannt werden, bleibt ein schaler Eindruck.
Hätten die Autoren etwas Distanz zur biologisch-psychiatrischen
Sichtweise entwickelt und ausgewogener geschrieben, könnte
man das Buch problemlos weiterempfehlen. Kartoniert, 155 Seiten,
ISBN 3-530-40178-1. Düsseldorf: Walter Verlag 2005. €
14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann
Loren Mosher / Voyce Hendrix und die Beteiligten des Soteria-Projekts
mit Deborah Fort: Dabeisein. Das Manual zur Praxis in der Soteria
Lebendig geschriebener Schlussbericht über das inzwischen
längst abgewickelte Projekt einer institutionellen
Alternative zur Psychiatrie in San Francisco, mit einer
ehrlichen Darstellung sowohl seiner Erfolge als auch seiner Schwierigkeiten.
Angesichts der beschriebenen, allgemein auftretenden Störeinwirkungen
von außen ist die Broschüre eine Basislektüre
für alle, die ein alternatives Projekten aufziehen wollen.
A4-Format, 99 S., Bonn: Psychiatrieverlag 1994. DM 24.80 / sFr
25.80 / öS 194.
Peter Lehmann
Christian Müller: Die Gedanken werden handgreiflich.
Eine Sammlung psychopathologischer Texte
Der Schweizer Psychiater Müller hat sich das Buch seines
Kollegen Karl Birnbaum »Psychopathologische Dokumente«
von 1920 vorgenommen, die Dokumente fein säuberlich nach
den geltenden ICD-Klassifikationen sortiert (»Hier fühlte
ich mich verpflichtet, andere Wege zu gehen.«) und einige
Dokumente heute unbekannter Literaten durch zugkräftigere
Namen ersetzt. Fertig ist die Laube. »Dem Vorwurf der Ehrfurchtslosigkeit«,
den Birnbaum immerhin noch in Betracht gezogen hatte, »sehen
wir uns heute weniger ausgesetzt.« Also werden gnadenlos
psychiatrische Krankheitskonstrukte als nicht mehr hinterfragbare
Gegebenheiten gesetzt, und die Dichter liefern die Beweise.
Der »präpsychotische« Hölderlin muss herhalten
zur Erklärung der Vulnerabilität, obwohl
er sogar in dem Textbeispiel sagt, dass sein »Hospital, wohin
sich jeder auf meine Art verunglückte Poet mit Ehren flüchten
kann, die Philosophie« ist und nicht die Psychiatrie.
Aber das macht Müller nichts. Auf Teufel komm raus schlachtet
er die Literatur aus, erklärt die einen Literaten für
schizophren, die anderen für neurotisch und die wieder anderen
für zwar gesund, aber einfühlsam genug, um psychische
Krankheit zu schildern, auch wenn davon in den Texten gar nicht
die Rede ist. Robert Walser, »bei dem der Ausbruch der schizophrenen
Psychose zusammenfällt mit dem Stillstand, dem völligen
Versiegen seiner dichterischen Tätigkeit«, unterstellt
Müller, dies sei krankheitsbedingt, wobei sich Walser doch
wirklich klar dazu geäußert hat: »Es ist ein Unsinn
und eine Roheit, an mich den Anspruch zu stellen, auch in der
Anstalt zu schriftstellern. Der einzige Boden, auf dem ein Dichter
produzieren kann, ist die Freiheit.« Müllers Psychopathologiegedanken
werden handgreiflich, wenn man die Folgen bedenkt. Reicht in Zukunft
schon ein phantasievoller Deutschaufsatz, um in der Klapse zu
landen? Sollten SchriftstellerInnen ihre Werke rechtlich vor Unterstellungen
und sich vor psychiatrischen Nachstellungen schützen? Geb.,
168 S., 2., korr. Aufl., Heidelberg: Springer Verlag 1993. DM
48.
Kerstin Kempker
Claus P. Müller-Thurau: Die Seelenschnüffler
oder wie man Psycho-Experten und ihre Methoden durchschaut
Ein Unternehmensberater plaudert sein Insiderwissen aus, mit vielen
witzigen Anekdoten versehen. Unterhaltsam und schlagfertig putzt
der eher konservativ orientierte Diplompsychologe die einzelnen
Psychomethoden herunter, erklärt Validitäts- und Reliabilitätsprobleme:
Was testet ein Test wirklich, wie zuverlässig ist die Diagnose.
In einem eigenen Kapitel legt Müller-Thurau die Mitteilungen
bloß, die in Arbeitszeugnissen versteckt sind. Leider sind
Psychotests des sogenannten klinischen Bereichs in Müller-Thuraus
Buch ausgespart, basierend auf dem Glauben, diese Daten seien
»weitaus brauchbarer«, da die Tests angstfrei und ohne
ökonomische Interessen ablaufen würden. Geb., 190 S.,
Hamburg: Rasch & Röhring 1993. DM 36, / sFr 37.50
/ öS 281, Taschenbuchausgabe 1995: Econ TB 26158. DM
12.90 / sFr 13.90 / öS 100.
Peter Lehmann
Thomas
R. Müller/ Beate Mitzscherlich (Hg.): Psychiatrie in der DDR
Erzählungen von Zeitzeugen
28 zu Monologen umgeschriebene Erfahrungsberichte von Betroffenen
(19), Psychiatern und Pflegekräften geben Einblick in die DDR-Psychiatrie,
speziell Sachsen (Leipzig, Dösen, Rodewisch, Altscherbitz, Waldheim)
in den Siebzigern und Achtzigern. Es geht unter die Haut, wie
nüchtern, klar und selbstkritisch Menschen, die viele Jahre, oft
seit ihrer Kindheit, eingesperrt, elektrogeschockt, "kiloweise"
mit Psychopharmaka vollgestopft, gedemütigt und als kostenlose
Arbeitskräfte ausgenutzt wurden, ihre Erfahrungen schildern. Da
wird für Frank Leupolt die Anstalt Dösen und die Haftanstalt zum
"Kurhotel" im Vergleich zu Waldheim und das Waldheim der Siebziger
im 64-Mann-Saal ist fast erträglich gegen das der Achtziger, eine
Art Arbeitslager mit begleitender Folter. Wenn man die Beschreibungen
der Geschehnisse am gleichen Ort zur gleichen Zeit zueinander
in Beziehung setzt, entlarvt dies manche Schönfärberei der Mitarbeiter.
Z.B. fallen dem damaligen Leiter von Rodewisch, Tilo Degenhardt,
an Mängeln nur die Heizungsanlage und die fehlenden Einwegspritzen
ein: "Die Patienten haben darunter nicht gelitten." Sie haben,
wie Frau Ziehnert, wohl mehr darunter gelitten, dass sie dort
bei ihrem ersten Psychiatrieaufenthalt unaufgeklärt "anfangs 21
Tabletten unterschiedlicher Art nehmen musste" und gleich elektrogeschockt
wurde, während eine Krankenschwester abgemahnt wurde, weil sie
eine Frau nicht allein in der gefliesten Abstellkammer sterben
lassen wollte. Degenhardt bedauert es, dass heute Amtsrichter
Zwangseinweisungen verfügen, "zu viele fachfremde Leute". Kartoniert,
245 Seiten, 12 Zeichnungen, ISBN 3-938304-46-4. Frankfurt am Main:
Mabuse Verlag 2006. € 23.90 / sFr 45.30
Kerstin Kempker
Tilman Müller / Beate Paterok: Schlaf
erfolgreich trainieren Ein Selbsthilfebuch für Schlafgestörte
und schlechte Schläfer
Die Autoren, zwei Psychologen an der Universitätsklinik Münster,
erläutern die Ursachen von Schlafstörungen und schlagen
als Behandlungsmethode die sogenannte Schlafkompressionstherapie
vor, eine reduzierte Schlafperiode, die wie ein lang anhaltender
kontinuierlicher Schlafentzug wirken soll, wodurch die Ein- und
Durchschlafsfähigkeit und schließlich die Schlafeffizienz
gesteigert werde. Zudem befassen sie sich mit kulturellen und
wissenschaftlichen Aspekten des Schlafs, um die Leser zu Experten
in eigener Sache zu machen. Selbsthilfemaßnahmen, Schlaflabor
und psychopharmakologische Maßnahmen werden im letzten Kapitel
abgehandelt. Aufgrund u.a. depressiver oder euphorisierender Begleitwirkungen
empfehlen die Autoren ihre Maßnahme allerdings ausdrücklich
nicht für schlafgestörte Menschen mit der Diagnose Depression
oder Psychose. Stattdessen listen sie als mögliche Schlafmittel
u.a. Benzodiazepine und verwandte Beruhigungsmittel, Antidepressiva
und Neuroleptika auf, die insbesondere letztere
Bewusstsein und intellektuelle Fähigkeiten nicht wesentlich
beeinflussen würden. Man hat den Eindruck, hier haben sie
einfach aus psychiatrischen Lehrbüchern abgeschrieben. Sie
sollten diese Substanzen eine Zeitlang selbst einnehmen, dann
würden sie vermutlich ein realistischeres Bild von deren
Wirkung auf Geist und Psyche zeichnen. Die aufgelisteten "Vorteile"
von Neuroleptika (angeblich geringes Abhängigkeitsrisiko,
relativ geringe Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem) hinterlassen
ein weiteres bitteres Gefühl beim Lesen des Buches angesichts
des Wissens, dass die Lebenserwartung neuroleptikabehandelter
Menschen vermutlich im Wesentlichen aufgrund psychopharmakabedingter
Herz-Kreislauf-Störungen und Diabeteserkrankungen um durchschnittlich
bis zu drei Jahrzehnte herabgesetzt ist. Kartoniert, 160 Seiten,
ISBN 978-3-8017-2292-0. Göttingen: Hogrefe Verlag 2010. €
16.95 / sFr 28.30
Peter Lehmann
Sibylle Muthesius: Flucht in die Wolken
»Flucht in die Wolken« ist die fesselnde Geschichte
einer lebensfrohen, phantasievollen und beliebten Jugendlichen
in der DDR, die sich 1971 (nach Elektro- und Insulinschocks, Isolierkammer
und Neuroleptika) das Leben nahm; detailreich und (selbst-)kritisch
rekonstruiert von der Mutter anhand der Tagebuchaufzeichnungen,
Briefe, Fotos und gemalten Bilder der Tochter. Schrecklich und
folgerichtig setzt sich so aus vielen kleinen alltäglichen
Steinchen (Mangel an Zeit und Vertrauen, widrige Umstände
in Schulen, Anstalten, Ämtern, Betrieben, Unverständnis,
Ausgrenzung, Dummheit) die Mauer zusammen, die die Tochter von
dieser Welt trennte. Sibylle Muthesius hat sich viel mit Literatur,
Ethnologie, Psychoanalyse und Kunst beschäftigt, um im nachhinein
zu verstehen, was in ihrer Tochter vorging. Sie zitiert große
Dichter und schlaue Männer und beschwört
Parallelen herauf zu tragischen Figuren. Das finde ich zwar begreiflich,
aber auch störend. Die Antworten liegen doch in den Worten
und Bildern der Tochter. Kart., 533 S., viele Abb., 7. Aufl. 1992.
Berlin: Morgenbuch Verlag Volker Spiess. DM 29.80 / sFr 31.
/ öS 233.
Kerstin Kempker
Joachim
Mutter: Gesund statt chronisch krank! Der ganzheitliche Weg: Vorbeugung
und Heilung sind möglich
Umfangreiche und übersichtliche Darstellung krankmachender
Faktoren, insbesondere Stress, Amalgam, Umweltgifte, Nikotin,
Impfungen, Elektrosmog, Lärm sowie Unterversorgung mit lebenswichtigen
Mikro- und Makronährstoffen wie Vitaminen, Spurenelementen,
Vitaminioden und nativen Eiweißen. Das Buch enthält
zudem umfangreiche, an ausgesuchten Fallbeispielen dargestellte
und über Symptomunterdrückung hinausgehende Lösungen,
Therapiemöglichkeiten und Ausleitungsverfahren. Es ist geschrieben
für Menschen, die an nicht psychisch bedingten Störungen
aller Art auch Depressionen und Psychosen leiden
und für behandelnde Ärzte und Heilpraktiker. Mit Kontaktadressen
und Bezugsquellen. Gebunden, 456 Seiten, zahlreiche Abbildungen
und Diagramme, ISBN 978-3-89881-526-0. Weil der Stadt: Fit fürs
Leben Verlag in der NaturaViva Verlags GmbH 2009. € 29.90
/ sFr 44.90
Peter Lehmann
Joachim
Mutter: Amalgam Risiko für die Menschheit. Quecksilbervergiftungen
richtig ausleiten
Ein übersichtlicher, verständlich geschriebener und
existentiell wichtiger Ratgeber für Amalgambetroffene und
-bedrohte. Er soll sowohl Hilfesuchenden als auch behandelnden
Therapeuten wie Zahnärzten, Ärzten und Heilpraktikern das Problem
Amalgam in seiner gesamten Tragweite incl. die häufig
mit Alamgambelastung verbundene Psychiatrisierung verdeutlichen
und Wege aufzeigen, Geschädigten umfassend zu helfen. Kartoniert,
169 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 3-89881-522-6. Weil der
Stadt: Fit fürs Leben Verlag in der NaturaViva Verlags GmbH, 3.,
erweiterte und aktualisierte Auflage 2002. € 14.95 / sFr
26.
Peter Lehmann
Dieter Naber, Martin Lambert (Hg.): Schizophrenie
Das Buch informiert ausgesprochen übersichtlich darüber,
was in der biologischen Psychiatrie unter "Schizophrenie"
verstanden wird, insbesondere über die vielfältigen
Theorien der Entstehung, des Verlaufs und der Behandlung dieser
psychiatrischen "Krankheit". Spezielle die Kapitel "Was
hat sich in den letzten 5 Jahren verändert?", "Fazit
für die Praxis"und "Mögliche Fehler und Probleme"
geben einen prima Einblick in die Denkstrukturen des sich modern
verstehenden Psychiaters. Frappierend ist das Auseinanderklaffen
zwischen Wissenschaftsanspruch und dem Aneinanderreihen von Glaubenshaltungen,
Theoriebruchstücken und unbelegten Behauptungen, wobei anzuerkennen
ist, dass die Autoren im Rahmen ihrer Möglichkeiten
immer wieder auf Teile ihrer Unzulänglichkeiten hinweisen.
Dass sogenannte atypische Neuroleptika zeitgeistgemäß
als besonders wirksam angepriesen werden, überrascht wenig
nicht zu vergessen sind hier Zeitungsberichte von Ende
2003, wonach der Herausgeber Dieter Naber und mit Michael Krausz,
einer der im Buch vertretenen Autoren, eine sechsstellige Summe
von einer Pharmafirma kassiert haben sollen, deren Präparate später
in ihrer Anstalt verwendet wurden, weshalb die Hamburger Staatsanwaltschaft
wegen des Verdachts der Vorteilsannahme gegen die beiden ermittelt.
Viel ist im Buch die Lobesrede von Langzeitverabreichung dieser
Neuroleptika, speziell den neueren "atypischen". Atypische
Rezeptorenveränderungen, die als Ursache für mittel-
und langfristige Psychosenverstärkung gelten, sind den Autoren
allerdings offenbar ebenso Fremdworte wie zum Beispiel der Begriff
"Selbsthilfe". Pharmakogene Psychosenchronifizierung
sichert psychiatrische Arbeitsplätze und Krankheitsvorstellungen
und sind wenig geeignet, öffentlich kommentiert zu werden,
und Selbsthilfe bedeutet dem Psychiater vermutlich soviel wie
Weihwasser dem Teufel. Auffällig ist weiterhin die Ausgrenzung
all dessen an Bewältigung "schizophrener" Konflikte,
was außerhalb des beschränkten Sichtkreises des Anstaltspsychiaters
stattfindet, sei es das Netzwerk Stimmenhören, das einen
anderen Zu- und Umgang mit verstörenden Stimmen erarbeitet
hat, oder beispielsweise die Tendenz zum selbstverantwortlichen
und durchdachten Absetzen der verordneten Psychopharmaka. Angeregt
durch die in Hamburg von Thomas Bock entwickelten Psychoseseminare
haben die Psychiater jedoch mittlerweile, im Laufe vieler Jahre,
erkannt, dass sich Patienten individuell voneinander unterscheiden,
deshalb, so ihr Fazit, könnten Standarddosierungen notwendig
sein (S. 101). Mein Fazit: Wenn gerade dies das Resultat von Psychoseseminaren
ist, dann Gute Nacht. Gebunden, XIV + 203 Seiten, 17 Abbildungen,
52 Tabellen, ISBN 3-13-128251-7, Stuttgart & New York: Tieme
Verlag 2004. € 59.95 / sFr 97.
Peter Lehmann
Dieter Naber / Franz Müller-Spahn (Hg.): Clozapin. Pharmakologie
und Klinik eines atypischen Neuroleptikums. Eine kritische Bestandsaufnahme
siehe unter Sammelrezension
Stefan Nellen / Martin Schaffner / Martin
Stingelin (Hg.): Paranoia City Der Fall Ernst B. Selbstzeugnis
und Akten aus der Psychiatrie um 1900
Kern dieses Buches bilden handschriftlich erhaltene Selbstzeugnisse
von Ernst B., der wegen einer als "Paranoia" diagnostizierten
"Krankheit" einen grossen Teil seines Lebens in Irrenanstalten
verbringen musste. In einem Text, den Herr B. mit "Meine Erlebnisse"
überschreibt, schildert der 1856 geborene Mann Erfahrungen und
Fragmente aus seiner Lebensgeschichte, eine Kette verwirrender
Umstände und verstörender Ereignisse. Er glaubt sich durch mächtige
Herren verfolgt, die ihn mittels Hypnose manipulieren was
nicht ohne Realitätsbezug ist, war er doch die letzten 19 Jahre
seines Lebens in der Psychiatrie untergebracht. Die Herausgeber
haben diesen Text transkribiert, ebenso wie weitere Akten aus
dem Staatsarchiv Basel (Gerichtsprotokolle, Anstaltsakten), die
seine "Fall"-Geschichte nachvollziehbar machen. Es handelt
sich um ein ungewöhnliches persönliches Zeugnis, das über sich
hinausweist und ungewohnte Perspektiven auf eine turbulente Phase
der Stadtgeschichte Basels eröffnet. Sechs Essays kommentieren
diese Dokumente aus der Zeit um 1900 und rücken sie in ihre zeitgeschichtlichen
Kontexte. Gebunden. 226 Seiten, 16 Abbildungen, ISBN 978-3-7965-2275-8.
Basel: Schwabe Verlag 2007. € 29.50 / sFr 42.
Peter Lehmann
Peter Netz: Psychisch kranke alte Menschen und soziale Unterstützung.
Vom Bürger zum Heimbewohner oder warum psychisch kranke alte
Menschen in ein Heim übersiedeln
Dissertation, die sehr akademisch durch den Vergleich zweier 16köpfiger
Fallgruppen nachweist, dass psychisch kranke
alte Menschen nicht wegen ihrer psychischen Krankheit,
sondern wegen fehlender sozialer Unterstützung in Pflegeheimen
landen. Wen wundert's. Psychopharmakologisch bedingte Persönlichkeitsveränderungen
und Leistungseinbußen sind allerdings ohne Begründung
außer acht gelassen. Kart., 230 S., Frankfurt am Main: Mabuse
Verlag 1997. DM 38. / sFr 35. / öS 281.
Peter Lehmann
Meinolf Noeker: Subjektive Beschwerden und Belastungen bei
Asthma bronchiale im Kindes- und Jugendalter
Dissertation eines Psychologen über die häufigste chronische
Krankheit bei Kindern und Jugendlichen, wegen der Gewichtung der
Aussagen der Kinder für betroffene Eltern interessant. Viel
Statistik und Methodik, eine empirische Untersuchung eben, bei
der man sich brauchbare Ergebnisse herauspicken muss. Kartoniert,
227 Seiten, Frankfurt/M.: Peter Lang 1991, DM 69.
Kerstin Kempker
Ursula Nuber (Hg.): Bin ich denn verrückt? Was Psychotherapie
für Frauen leistet und was nicht
Die Psychologin Nuber ist Redakteurin bei »Psychologie heute«,
und auf diesem Niveau bewegen sich auch die Beiträge der
anderen Autorinnen, zumeist Psychologinnen. Es ist eines der wenigen
Bücher, die ich ohne Bleistift lese, weil ich zwar oft innerlich
nicke, aber meist die Achseln zucke: ja, und? Ich lese es, wie
ich eine alte Stulle mit Margarine esse oder einen Krimi nach
Schema F anschaue, nebenbei; es gibt keine Ideenwürze, nichts,
was im Kopf hängenbleibt, keine Anregung, kein Stachel. Für
jemanden, der oder die gar nichts anderes zu lesen hat und sich
zum ersten Mal mit der Frage »Therapie ja oder nein«
befasst, mag's hilfreich sein, sich die sehr verständlichen,
mit Beispielen verzierten und in großen Lettern gedruckten
Kapitel angefangen bei Eva: »Krankheitsursache: Weibliches
Geschlecht« über Therapieerfahrungen bis zu »Therapie:
die riskante Chance« reinzuziehen. Am Ende gibt es
ein kleines Bonbon, die unterhaltsame Schimpfrede auf »Therapie:
die größte Trickbetrügerei« von Fay Weldon,
der begnadeten Autorin von »Die Teufelin«, »Frau
im Speck« u.v.a. Kart., 186 S., 16 Abb., Stuttgart: Kreuz
Verlag 1994. DM/sFr 29.80 / öS 233.
Kerstin Kempker
Rita Nussbaumer / Theo Vogel: Düfte für Körper und Seele.
Grundlagen der Aromatherapie
Die 40 wichtigsten ätherischen Öle in einem Grundlagenwerk zur
Aromatherapie. Wer sich damit verwöhnen will, findet hier
die notwendigen Informationen in ausführlichen Steckbriefen mit
den therapeutischen Wirkungen, Anwendungsmöglichkeiten und Rezepturen.
Gebunden, 157 Seiten, 40 vierfarbige Aquarelle, ISBN 3-935407-03-3.
Weil der Stadt: Natura Viva Verlag 2005. € 19.90
Peter Lehmann
Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge
Der Autor reflektiert seine Bemühungen, mit der Persönlichkeitsveränderung
seiner älter werdenden Mutter, ihrer immer verzerrter werdenden
Wirklichkeitswahrnehmung, ihrer zunehmenden Vergesslich-, Zwanghaftig-
und Starrköpfigkeit und ihrer Neigung zu Alkohol klarzukommen,
und rechtfertigt seine offenbar alternativlosen Versuche, ihr
mit List, Lügen und Betrug einigermaßen humane Lebensbedingungen
zu sichern, so dass sie so lange in ihrer Wohnung bleiben kann,
bis dann doch die Verlegung ins Heim (unter der Vorspiegelung,
nur vorübergehend zu einer Untersuchung dableiben zu sollen)
nötig wird. Ein ehrlich geschriebenes Buch über die vertrackten
Probleme vieler Menschen mit ihren hinfällig werdenden Eltern
in modernen Lebensverhältnissen. Gebunden mit Schutzumschlag,
127 Seiten, ISBN 978-3-88897-485-4. München: Antje Kunstmann
Verlag 2007. € 14.90
Peter Lehmann
Ingrid Olbricht: Was Frauen krank macht. Der Einfluss der
Seele auf die Gesundheit der Frau
Die Chefärztin einer Psychosomatischen Abteilung schreibt
gut lesbar und eingehend über körperliche Besonderheiten
und Beschwerden von Frauen, eingeteilt nach Lebensphasen. Maßvoll
kritisch zu männlich-ärztlicher Diagnostik, Verschreibungs-
und OP-Praxis. Ganzheitlicher, psychotherapeutischer Ansatz. 288
S., München: Kösel Verlag 1993. DM 34. / sFr 34.80
/ öS 265.
Kerstin Kempker
Michel
Onfray: Anti Freud Die Psychoanalyse wird entzaubert
Nach Jeffrey Massons grundlegenden Buch "Was hat man dir, du armes
Kind getan" liegt mit "Anti-Freud" eine Folge-Abrechnung mit Sigmund
Freud vor, diesmal geschrieben von dem ehemals glühenden Freudianer
Michel Onfray. Weder habe Freud das Unbewusste alleine entdeckt,
noch stellten Fehlleistungen und Träume den Königsweg zum Unbewussten
her, noch sei die Psychoanalyse eine wissenschaftliche oder emanzipatorische
Disziplin, die Aussagen über Dritte jenseits ihres Erfinders zulasse,
noch ermögliche die Couch die Heilung von Psychopathologien, noch
führe das Bewusstmachen einer Verdrängung mechanisch zum Verschwinden
von Symptomen, noch gebe es einen universellen Ödipuskomplex,
noch seinen Klienten, die Widerstand gegen ihre Psychoanalyse
leisten, deshalb neurotisch. Freud habe gelogen, kaschiert, an
seiner eigenen Legende gearbeitet, lediglich aus den Defiziten
seiner eigenen Person das Brimborium Psychoanalyse als vermeintlich
wissenschaftliche Methode entwickelt. Auf über 500 gut lesbaren
Seiten und durch Quellen belegt zeigt Onfray den Freudismus als
schamanisches Vermächtnis eines reaktionären Frauenhassers und
postmodernen Hexenmeisters aus Wien. Gebunden mit Schutzumschlag,
540 Seiten, ISBN 978-3-8135-0408-8. München: Albrecht Knaus
Verlag 2011. € 24.99 / sFr 38.80
Peter Lehmann
Judith Orloff: Jenseits der Angst. Eine Ärztin findet
den Weg zu ihren außersinnlichen Fähigkeiten
Buch in der Tradition Grofs und anderer, die dafür plädieren,
nur echten Schizophrenen Psychopharmaka zu verabreichen
(Psychiaterin Orloff sinnbildlich: »Bestimmte Personen haben
ein grundsätzliches biochemisches Ungleichgewicht in ihrem
Gehirn, das dazu führt, dass einige Drähte in ihrem
Inneren sich überkreuzen.«), die eigene Lieblingsgruppe
von Patienten in diesem Fall psychiatrisierte
Menschen mit seherischen Fähigkeiten mit Zuwendung
und Verständnis zu bedenken. Geb., 463 S., München:
Heyne Verlag 1997. DM 36. / sFr 33. / öS 263.
Peter Lehmann
Linda Orth u.a.: »Pass op, sonst küss de bei de
Pelman« Das Irrenwesen im Rheinland des 19. Jahrhunderts
Das Buch versteht sich als Beitrag zur Sozialgeschichte speziell
des um die Bonner Landes-Klinik gelegenen Raums. 5
Profis, meist psychiatrisch Tätige, arbeiteten Archive durch
und präsentieren nun ihre Arbeit über die »Dame
Psychiatrie« gemäß einem liebevoll gemeinten
Ausspruch des ehemaligen Anstaltsleiters Carl Pelman. Es sei der
Versuch unternommen worden, die Psychiatriegeschichte aus der
Sicht der Beteiligten und Betroffenen darzustellen. Aus der Sicht
der Beteiligten: dies ist gelungen, wenn damit die psychiatrisch
Tätigen gemeint sind. Aus der Sicht der Betroffenen: da keine
am Buch mitgeschrieben haben, ist mir schleierhaft, wie die AutorInnen
diesen Anspruch eingelöst haben wollen. Das Buch bietet viel
Material, wie primitiv-brutal die Psychiatrie damals war, und
belegt diese Aussage mit vielen Fotos und sonstigen Originaldokumenten.
Ein klare Aussage, aus der so etwas wie Mitgefühl für
die Behandelten deutlich geworden die und über die sachliche
Darstellung der psychiatrischen Gewalt hinausgegangen wäre,
habe ich allerdings vermisst. Fast ausnahmslos sind es Weißkittel,
die (in Dokumenten und Zitaten) zu Wort kommen, dabei bin ich
überzeugt, dass in den Archiven der Anstalten auch viele
Beschwerdebriefe und Anklagen der Untergebrachten liegen, die
zu solch einer Veröffentlichung unbedingt dazugehörten.
Aber diese historischen Beschwerden über die traditionellen
primitiv-brutalen Psychiatriemaßnahmen hat man offenbar
ebensowenig ernst genommen, wie man dies heutzutage mit den Beschwerden
über die modernen psychopharmakologischen Maßnahmen
handhabt. Kart., 176 S., 92 Abb., darunter viele Faksimile, Bonn:
Verlag Grenzenlos e.V. 1996. DM 24.80
Peter Lehmann
Markus Preiter: Die Logik des Verrücktseins Einblicke
in die geheimen Räume unserer Psyche
Im Mittelpunkt des modernen Menschenbilds des Autors, den Psychiaters
Dr. med. Markus Preiter, steht das Gehirn, das als Illusionsprojektor
arbeitet und uns ein "Ich" vorspielt, die Welt um uns
herum, die es bei gesunder Funktionsweise realitätsnah erfindet,
ebenso und unsere eigene Existenz. Seinen Ansatz versteht er als
psycho-sozio-philosophische Grundlagenforschung, die notwendigerweise
dem gesellschaftlichen Mainstream voraus sei. Es sei wichtig,
psychopathologische Pänomene als Chiffren des Strukturaufbaus
der menschlichen Seele zu verstehen, wozu Kenntnisse über
den Strukturaufbau des Labyrinths der Seele notwendig sei. Diese
Kenntnisse möchte er liefern, indem er ähnlich
dm Periodensystem in der Chemie mit einem übergreifenden
Erklärungsmodell die verschiedenen Interpretationshorizonte
der Psychiatrie auf ein gemeinsames Verständnisfundament
stellen und damit in Bezug zueinander setzen und den Leser in
die Lage bringen will zu sehen, was jenseits des Einzelfalls hinter
den sogenannten psychopathologischen Phänomenen generell
steht. Gebunden mit Schutzumschlag, 351 Seiten, ISBN 978-3-466-30886-6.
München: Kösel Verlag 2010. € 19.95 / sFr 33.90
Peter Lehmann
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