Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
zuletzt aktualisiert am 4. April 2014

FAPI
-Nachrichten – Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. L-O

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Florian Langegger: Doktor, Tod und Teufel – Vom Wahnsinn und von der Psychiatrie in einer vernünftigen Welt
Der Autor, Psychiater in Zürich, hat dieses Buch über die Parallelen von Psychiatrie und Hölle, von Wahnsinn und Tod vor zwanzig Jahren geschrieben und jetzt (2003) aktualisiert. Mit Blick auf die "chronisch psychisch Kranken" entdeckt Langegger in den überlieferten Bildern und Geschichten unterschiedlicher Kulturen und Epochen eine "alte und tiefe Verwandtschaft von Psychiatrie und Unterwelt". Es hat etwas Rührendes, wie einer seine Zunft nicht kritisieren will und es dann doch und immer mehr tun muss. Gut geschrieben, zeitlos, tiefgründig, nur gelegentlich antiquiert (z. B. in Sachen Antipsychiatrie). Kartoniert, 333 Seiten, 19 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 3-901409-53-X. Linz: Edition pro mente, überarbeitete Neuauflage 2003. € 18.– / sFr 31.60
Kerstin Kempker

Arnhild Lauveng: Morgen bin ich ein Löwe – Wie ich die Schizophrenie besiegte
Buch einer "krankheitseinsichtigen", inzwischen als Psychologin arbeitenden ehemaligen "Schizophrenen", in der diese ihre Erfahrungen mit ihren verrückten Gedanken, Bildern und Stimmen sowie die fast zehn Jahre währenden entwürdigenden und diskriminierenden Behandlung in der Psychiatrie bis hin zu ihrer völligen Wiederherstellung und Arbeitsfähigkeit beschreibt, allerdings – anders als etwas Dorothea Buck in Auf der Spur des Morgensterns oder Kerstin Kempker in Mitgift – Notizen vom Verschwinden – der Versuchung erliegt, verallgemeinernde Behandlungsratschläge zu erteilen, d.h. über die Köpfe anderer Betroffener hinweg Aussagen über deren Bedürfnisse zu treffen Gebunden mit Schutzumschlag, 221 Seiten, ISBN 978-3-442-75206-5. München: btb Verlag 2008. € 17.95 / sFr 31.90
Peter Lehmann

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen
Geloben Sie, niemals einen anderen Menschen verrückt zu nennen. "Lesen Sie dieses Buch, werfen Sie Ihre Psychopharmaka weg, verlassen Sie Ihren Psychiater und geloben Sie, niemals einen anderen Menschen "verrückt" zu nennen außer in liebevollem Scherz", so Jeffrey M. Masson, der ehemalige Direktor der Sigmund-Freud-Archivs (Washington) über Peter Lehmanns "Chemischen Knebel". Nirgendwo sonst spürt man so deutlich wie das Herrschaftswissen der Psychiatrie enteignet und von einer neuen – radikal antipsychiatrischen – Souveränität angeeignet wird. Dabei ist von besonderer Ironie, dass nahezu sämtliche Aussagen des Buches auf (zum Teil unveröffentlichten) Untersuchungen von Psychiatern und Psychopharmaka-Herstellern beruhen. Peter Lehmanns Buch ist ein notwendiges, aber auch ein trauriges Buch, ein Buch, das für Laien und Fachleute zur Pflichtlektüre erklärt werden sollte. Im deutschen Sprachraum, ja sogar weltweit, fehlte bis zum Erscheinen dieses Klassikers der Antipsychiatrie ein Buch mit dieser Fülle von verständlich dargestellten Informationen zur Wirkung von Neuroleptika und Elektroschocks. Zur Wirkungsweise neuerer und im "Knebel" noch nicht beachteter Psychopharmaka hat sich Peter Lehmann ausführlich in seinem zweibändigen Werk "Schöne neue Psychiatrie" geäußert – wer auf die Radikalität des Perspektivenwechsels nicht verzichten will, liegt mit dem "Knebel" dennoch richtig. Kartoniert, XVIII + 428 Seiten, 180 Abbildungen, ISBN 978-3-925931-31-4. Berlin / Eugene / Shrewsbury: Antipsychiatrieverlag, 6. Auflage 2010. € 22.90 / sFr 34.50
Benjamin Sage

Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie

  • Kompendium des unerwünschten Wissens. Im neutralen Jargon von Beipackzetteln und sogenannten "Krankengeschichten" lassen sich die "Wirkungen" von Psychopharmaka wesentlich besser verpacken und ertragen als im ungeschminkten Klartext oder am eigenen Körper. "Bis zwölf Uhr fühlte ich keine subjektive Änderung, dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben. Es war sehr angsterregend und quälend. (...) Um dreizehn Uhr fühlte ich mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen." In diesen Sätzen dokumentierte die Psychiaterin Cornelia Quarti am 9. November 1951 ihren ersten Selbstversuch mit Chlorpromazin – jener Substanz, mit der die psychiatrische Praxis zu Beginn der fünfziger Jahre revolutioniert worden ist. In der Folgezeit wurde es mit wachsender Begeisterung der Psychiater als Mittel gegen "Schizophrenien" eingesetzt. Peter Lehmann hat das bedeutende Verdienst, dass er mit seinen Büchern den fachchinesischen Begriffsdschungel im Umfeld der Psychopharmakabehandlungen für medizinische Laien – also auch für Psychiatriebetroffene und ihre Angehörigen – durchschaubarer macht. Das ausgebreitete Themenspektrum umfasst unter anderem die Risiken der neu entwickelten Psychopharmaka, die Wirkungsweise und schädlichen Wirkungen von Antidepressiva, Psychostimulanzien und Tranquilizern. Dargestellt wird die Wirkungsweise der (modifizierten) Elektroschocks. Ein großes Kapitel behandelt Entzugserscheinungen und die Möglichkeiten, diese Symptome zu lindern und der Rückfallgefahr vorzubeugen. Ein komfortables Register und eine Liste mit allen deutschen, österreichischen und schweizerischen Markennamen machen dieses Handbuch als Nachschlagewerk unentbehrlich.
    Sophie Blau
  • Was Industrie, Psychiater und Ärzte nicht so gern dazusagen – ein Handbuch. Unter den radikalen Psychopharmaka-Kritikern ist Peter Lehmann als Nicht-Pharmakologe, Nicht-Chemiker, Nicht-Arzt gewiss der kompetenteste. In jedem Fall ist er, auch im Vergleich zu den Fachleuten, der belesenste: 1100 Verweise auf Fachliteratur im ersten Band, 1677 im zweiten suchen ihresgleichen. Nirgendwo sonst sind so viele Informationen über unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka aller Art, insbesondere aber von Neuroleptika, zusammengetragen. Dieses Buch ist notwendiges Gegengift zu der weitestgehend stillschweigenden und kritiklosen Praxis der Vergabe von psychopharmakologischen Substanzen in unserer Gesellschaft.
    Benjamin Sage

Kartoniert, 2 Bände, zusammen 944 Seiten und 89 Abbildungen, ISBN 978-3-925931-11-6. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1996

Peter Lehmann: Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern

  • Ein kluges und hilfreiches Buch. Wer meint, Lehmann würde zum Wegwerfen von Psychopharmaka aufrufen oder billige Patentrezepte zum Absetzen veröffentlichen, sieht sich getäuscht. Patentrezepte werden hier ausdrücklich zurückgewiesen. Auf individuell völlig unterschiedliche Weise haben die 28 psychiatriebetroffenen AutorInnen aus verschiedenen europäischen Ländern, aber auch Neuseeland und den USA teils problemlos und teils mit Schwierigkeiten ihre Psychopharmaka nach mitunter jahrzehntelanger Einnahme abgesetzt. Professionelle Hilfe war dabei äußerst spärlich. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Herausgeber im deutschsprachigen Raum eine Handvoll Psychiater, Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Heilpraktiker gefunden hat, die ergänzend berichten, wie sie beim Absetzen helfen. Dieses Buch sollte auch als Aufruf an die Professionellen der Psychiatrie verstanden werden, der strukturellen "unterlassenen Hilfeleistung" ins Auge zu sehen. Es bietet Betroffenen und Professionellen die Möglichkeit, ihr Verständnis der Problematik zu vertiefen und vermag es, wichtige Orientierungen für das Absetzen zu vermitteln.
    Benjamin Sage
  • Warnung vor Verharmlosungen. "Psychopharmaka Absetzen" legt den Leser nicht auf die Perspektive einer Experten-Gruppe fest, sondern stellt beispielsweise die Perspektive von Nutzern und Psychiatrieopfern neben die kritischer Ärzte. Meinem Vorgänger (Arx Michael) bei der Rezension von "Psychopharmaka Absetzen" kann ich bezüglich der Qualitäten des Werkes nur zustimmen, mit seiner Rezension bin ich dennoch nicht einverstanden. Denn nebenbei verharmlost er das unter dem Namen "Temesta" vertriebene Benzodiazepin Lorazepam als "nebenwirkungsfreie Alternative", die lediglich "suchtgefährdend" sei. Die im "Arzneimittelkompendium der Schweiz", einem der deutschen Roten Liste vergleichbarem Werk beschriebenen Nebenwirkungen rechtfertigen die Klassifizierung als "nebenwirkungsfrei" keineswegs. Unter unerwünschten Wirkungen werden hier u.a. Angst, Aggressivität, Wahnvorstellung, Manie, Halluzinationen, Psychosen etc... aufgezählt. Verwirrtheit, Depression und manifeste Depression gelten als häufige unerwünschte Wirkungen, die in 1-10 % der Fälle auftreten können. Wer das Suchtpotential des Präparates für eine zu vernachlässigende Größe hält kann sich hier schnell eines besseren belehren lassen. Zu den genannten Entzugssymptomen, die besonders bei abruptem Absetzen auftreten können, gehören (um nur einige zu nennen): Tremor, Verwirrtheit, Depression, Angst, Kopfschmerz, Realitätsverlust, Taubheit der Extremitäten, Erbrechen, Halluzinationen, Panikattacken, zerebrale Krampfanfälle u.v.m. (Vgl. http://www.kompendium.ch unter dem Suchwort: Temesta). Eine umfassende Darstellung der Wirkungen von Psychopharmaka, die die Hersteller im Allgemeinen nicht so gerne anführen, hat übrigens Peter Lehmann in "Schöne neue Psychiatrie" vorgelegt.
    Sophie Blau

Kartoniert, 384 Seiten, ISBN 978-3-925931-27-7. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008. € 19.90 / sFr 29.90

Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2
Alternativen zur Psychiatrie in aller Welt ' ein mitreißender Überblick. Der Irrglaube, verrückte Zustände ließen sich nicht anders als in psychiatrischen Einrichtungen durchleben, wird hier eindrucksvoll widerlegt. Die engen Grenzen, die offizielle Rollenbilder vom "psychisch Kranken", Hilfs- und Lebenskonzepten ziehen, erweisen sich im Lichte dieses Buches als bloße Produkte menschenfeindlicher Borniertheit. Der in seiner Vielschichtigkeit spannend zu lesende Band gibt in vielen Artikeln einen detaillierten Überblick über einen alternativen Umgang mit verrückten Zuständen aller Art. In diesem äußerst vielstimmigen Projekt kommen Psychiatriebetroffene genauso zu Wort wie professionelle Vertreter der Nichtpsychiatrie, der humanistischen Antipsychiatrie und der durch systemsprengende Inhalte geprägten Reformpsychiatrie, darunter Psychologen und Psychiater und sogar Angehörigengruppen. Die Autoren sprechen mit eigener Stimme über Konzepte und Erfahrungen alternativer Hilfemöglichkeiten. Was die wirklich internationale Autorenschaft dieses Bandes eint, ist ein Menschenbild, das sich auf das Selbstbestimmungsrecht und die Menschenrechte beruft und an den Selbstheilungskräften der Menschen orientiert. Damit durchbrechen sie den Automatismus von Zwang und apathisierender Pharmako-"Therapie". Nicht zuletzt stellen sie sich so gegen den "Mainstream" einer falsch verstandenen, scheinobjektiven Wissenschaftlichkeit, deren Theoreme um so höhere Geltung beanspruchen, desto gründlicher sie jeder menschlichen Erfahrung beraubt wurden. Der vorliegende Band dagegen öffnet den Horizont für einen wirklich menschlichen Umgang mit Menschen, die in psychische Ausnahmezustände geraten. Das Spektrum der angesprochenen Gebiete ist beeindruckend. Da sind zum einen die Beiträge zu wohldurchdachten Hilfekonzepten, denen Zwangsbehandlung und "Pharmakotherapie" nicht als Teil der Lösung, sondern als zusätzliches Problem gelten. Noch wichtiger dürften aber die Berichte von Hilfeeinrichtungen wie z.B. der Soteria, Windhorse, Weglaufhaus oder der Krisenherberge in Ithaca sein, die es geschafft haben, sich als Institutionen zu etablieren, die eine humanere Realität zu verwirklichen suchen. Die guten Erfahrungen, welche in diesen Einrichtungen gemacht werden, obwohl sie sich selbst als politisch umstrittene Pilotprojekt mühsam behaupten mussten, straft die Rede von der Alternativlosigkeit des etablierten Systems aus Zwang und Nötigung Lügen. Damit ist das Spektrum dieses internationalen Überblicks jedoch längst nicht abgesteckt. In dem sorgfältig gegliederten Band finden sich darüber hinaus auch Beiträge, die sich etwa mit natürlichen Heilmethoden oder dem Stellenwert von Vorausverfügungen zum Schutz vor Zwangsbehandlung beschäftigen. Daneben stehen Essays, welche die Tragweite von Begriffen wie Empowerment oder Recovery ausloten oder die Möglichkeiten betroffenenkontrollierter Forschung untersuchen. Die Vielzahl der hier zu Wort kommenden Autoren und Positionen prädestiniert dieses Buch für die immer griffbereite Handbibliothek. Und wer den spannenden Band gleich in einem Rutsch verschlingt, kann später rasch darauf zurückgreifen, wenn es um die stets aktuellen Themen geht: Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für eine Angehörige oder Freundin in Not? Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten? Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es, wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen? Kartoniert, 448 Seiten, ISBN 978-3-925931-38-3. Berlin / Eugene / Shrewsbury: Antipsychiatrieverlag 2007. € 24.90
Lucinda Bee

Gerhard Leibold: Sanfte Hilfen für die Seele. Wege aus der Angst – Praktischer Ratgeber für Betroffene
Überarbeitete Ausgabe des Buches von 1993 über Wirkstoffe, die die Psyche beeinflussen, ohne dass mit größeren negativen Wirkungen und Abhängigkeit gerechnet werden muss. Allerdings mit der – angesichts der bekannten Langzeitschäden von Neuroleptika, Rezeptorenveränderungen incl. – problematischen Aussage am Rande, diese Substanzen würden kein Suchtpotential enthalten, weshalb sie unter diesem Aspekt auch längere Zeit verwendet werden könnten; was ist aber mit der nachgewiesenen abhängig machenden Wirkung? Kartoniert, 173 Seiten, ISBN 978-3-0350-3028-0. Zürich: Oesch Verlag 2007. € 14.95 / sFr 25.–
Peter Lehmann

Felix Leps: Zange am Hirn. Geschichte einer Zwangserkrankung
Geschichte eines Schweizers mit Zwangsstörungen, die während einer Prüfungssituation und nach Beendigung einer Beziehung aufbrechen und als endogen (von innen heraus entstanden) verstanden werden. Jahrelange Psychotherapie und Psychopharmaka folgen Hand in Hand, für ihn und die Psychiaterin Brigitte Woggon erfolgreich. Schon zu Beginn der Behandlung hatte Felix Leps ein Psychopharmakon "als Talisman" erhalten, wie er freimütig schreibt. Wenig überraschend spielen Psychopharmaka eine wesentliche Rolle in der Behandlung, das spätere Reduzieren des hochgelobten Antidepressivums Citalopram scheiterte bislang, die ursprünglichen Symptome traten beim Absetzen leider prompt wieder auf, inzwischen nimmt der Autor zusätzlich Lithium. "Die Behandlung von Felix Leps ist ein gutes Beispiel für eine maßgeschneiderte integrative Behandlung!", schreibt Frau Woggon im Nachwort. Ein Minimum an kritischer Auseinandersetzung mit Psychotherapie unter dem Einfluss persönlichkeitsverändernder Substanzen, mit möglichen Placeboeffekten, mit sich selbst erfüllenden Prophezeiungen und mit abhängig machenden Psychopharmakawirkungen würde ich mir schon wünschen, wenigstens vom Autor selbst, ansonsten bliebe ein solches Buch eher ein Beispiel für einen maßgeschneiderten Patienten. Paperback, 229 Seiten, ISBN 978-3-86739-018-7. Bonn: BALANCE Buch + Medien Verlag 2007. € 14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann

Marianne Leuzinger-Bohleber / Yvonne Brandl / Gerald Hüther (Hg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen
In diesem anspruchsvollen Buch aus der Reihe "Schriften des Sigmund-Freud-Instituts" wird das "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom" als verbreitete Diagnose für auffällige Kinder aller Art und als Begründung für die drastisch steigende Vergabe von Ritalin – "psychopharmakologische Gewalt zum Zweck der Verhaltensbeeinflussung unter dem Deckmantel einer medizinischen Diagnose" – differenziert betrachtet. Fallbeispiele und Therapieberichte illustrieren verschiedene Modelle zur Entstehung, Diagnostik und Behandlung mit Schwerpunkt auf dem psychoanalytischen Modell, das ADHS als Symptom einer veränderten Kindheit sieht, nicht als Krankheit, und die ruhelosen Kinder als Individuen mit eigener biographischer und kultureller Geschichte. Kartoniert, 306 Seiten, 14 schwarz-weiße Abbildungen, 3 Tabellen, ISBN 3-525-45178-4. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006. € 34.90 / sFr 60.40
Kerstin Kempker

Danuta Lipinska: Menschen mit Demenz personzentriert beraten – Dem Selbst eine Bedeutung geben
US-amerikanisch angehauchtes und mainstreamorientiertes Buch mit schwer nachvollziehbarer Struktur, in dem persönliche Anektoden oft die Argumentation ersetzen und auf Personen und Literatur aus dem angloamerikanischen Sprachraum verwiesen wird, die als bekannt vorausgesetzt werden, ohne nähere Erläuterung jedoch für Leser wie mich, die diese nicht kennen, von geringer Aussagekraft sind. Die Autorin ist christlich orientiert und verweist deshalb auch auf die Bibel als Quellenliteratur, predigt insofern von Liebe und von Respekt, von aufrechter Haltung und von froher Hoffnung geprägter Beratung. Dies ist sicher nicht das Schlechteste. Als Orientierung in einem Bereich, der (auch) von Machtinteressen, Missbrauch, Gewalt, massiver Psychopharmakavergabe und ideologischer Beeinflussung seitens Pharmafirmen und der von ihr gesponserten Gruppierungen geprägt ist, erscheint mir diese Haltung aber zu unrealistisch, insbesondere wenn es darum gehen soll, die im Zentrum einer potenziell gefährlichen Umgebung befindlichen Person mit Demenz angemessen beraten zu können. Dazu passt, dass im anhängenden Serviceteil empfohlen wird, sich interessegeleitetes Informationsmaterial von der Pharmaindustrie zu Schulungszwecken schicken zu lassen. Kartoniert, 144 Seiten, 10 Abbildungen, ISBN 978-3-456-84833-4. Bern: Hans Huber Verlag 2010. € 24.95 / sFr 37.50
Peter Lehmann

Heinz-Rolf Lückert / Inge Lückert: Leben ohne Angst und Panik. Ursachen und Symptome erkennen, Therapiemöglichkeiten wählen
Die Autoren Lückert (er starb 1992) sind Psychologen mit Erfahrungen in Lehre, Forschung, Therapie und Seminararbeit und Gründer des 'Institut(s) für Aktivationstherapie'. Ausführlicher Überblick über Formen, Ursachen, Verlauf und Auswirkungen von Angst und Depression. Zentral ist das Kapitel zur kognitiven Verhaltenstherapie. Anspruchsvoll und nüchtern in Stil und Aufmachung, systematisch, mit Grafiken, Übungen, Beispielen. Psychopharmaka 'nur in Notfällen und zeitlich begrenzt', was allerdings nicht gilt bei endogener Depression, Sucht und Psychose. Adressverzeichnis äußerst mager, keine Hinweise auf Selbsthilfe- oder Betroffenengruppen. Kartoniert, 270 Seiten, 16 Abbildungen, ISBN 3-938187-16-6. Dortmund: Borgmann Media 2006. € 19.50 / sFr 34.30
Kerstin Kempker

Christian Lüdke / Karin Clemens (Hg.): Vernetzte Opferhilfe. Handbuch der Psychologischen Akutintervention
Pragmatisches Buch, das Betroffenen, Angehörigen und Profis eine umfassende Orientierung gibt und Hilfe beim Versuch, wieder ein normales Alltagsleben zu führen. Kleines Manko. Das Thema "Hilfe für Opfer psychiatrischer Gewalt" wird nicht wahrgenommen, und die Verwendung psychiatrischer Psychopharmaka als therapeutische Intervention in zwei oberflächlichen Sätzen abgehandelt. Vorwort von Jan Philipp Reemtsma, Geleitwort von Andreas Maercker. Kartoniert, 524 Seiten, 25 schwarz-weiß Abbildungen, ISBN 3-89797-028-7. Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie 2004. € 38.– / sFr 66.–
Peter Lehmann

Christian Lüdke / Karin Clemens: Kein Trauma muss für immer sein. Überfälle, Unfälle, Schicksalsschläge und das tägliche Unglück. Hilfreiche Informationen zum Verständnis und zur Bewältigung von Krisen, extrem belastenden Erfahrungen und außergewöhnlichen Lebensereignissen
Laut eigenem Anspruch führen die beiden AutorInnen "Betroffene und ihre Angehörigen ein in ein erfolgreiches Konzept, dessen nachhaltige Wirksamkeit sich auch im täglichen Einsatz bei spektakulären Überfällen, Geiselnahmen und Unfällen bewährt." Und das Buch enthält viele unproblematische und unverfängliche Ratschläge. Wer sich zudem Hilfe von Sinnsprüchen und Lebensweisheiten auch esoterischer Natur erhofft, wird hier ausgiebig bedient. Weshalb des Thema "Traumatisierung durch psychiatrische Zwangsbehandlung" vollständig ausgeklammert ist, ist recht verwunderlich, landen doch viele Traumaopfer aufgrund unverarbeiteter Traumaerlebnisse in der Psychiatrie, wo bekannterweise zum Teil massive psychiatrische Gewaltanwendung gegen Wehrlose und Hilfesuchende zur Potenzierung von Traumatisierungsprozessen führt. Mit separatem Trauma-Erfolgstagebuch. Vorwort von Andreas Maercker. Kartoniert, 192 Seiten, viele Abbildungen, ISBN 3-89797-300-6. Köln: Verlag Edition Humanistische Psychologie 2003. € 17.90 / sFr 32.50
Peter Lehmann

Reinhard Lütjen: Psychosen verstehen. Modelle der Subjektorientierung und ihre Bedeutung für die Praxis
Übersicht über theoretische Modelle der Subjektorientierung (Laing, Ciompi, Mentzos, Wulff, Bock). "Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung sind nicht nur seelisch krank – die meisten gestalten aktiv ihr Leben, mit eigenen Deutungsmustern für ihre individuellen Erfahrungen. Eine Psychose kann so gesehen nicht nur zum Zusammenbruch psychischer Funktionen führen, sondern gleichzeitig auch als subjektiver Lösungs- oder Bewältigungsversuch betrachtet werden." Der sozialpsychiatrisch orientierte Autor schreibt kundig über psychiatrische Theoriemodelle, psychiatrische Menschen- und Psychosebilder und daraus resultierende Praxisansätze; allerdings bleiben von Betroffenen selbst entworfene Modelle wie z.B. das Dschungel-Modell eines Maths Jesperson oder die in "Our Own Understanding of Ourselves" gesammelte Selbstverständnisse, 1994 herausgegeben vom Europäischen Netzwerk von Psychiatriebetroffenen, außen vor, die typische Selbstbeschränkung auf sozialpsychiatrische Mainstreamliteratur. Kartoniert, 227 Seiten, ISBN : 978-3-88414-433-6. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2007. € 19.90 / sFr 34.90
Peter Lehmann

Manfred Lütz: Irre – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde
Am 3. Dezember 2009 war ich vom WDR eingeladen zu einer einstündigen Rundfunkdiskussion mit dem katholischen Theologen und Psychiater Manfred Lütz, Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Köln und Bestsellerautor. Zuerst sollte ich allein mit ihm über sein neues Buch "Irre" diskutieren, dann sollte noch Margret Osterfeld, psychiatriebetroffene Psychiaterin, als Dritte dazukommen. Flug und Hotel waren längst gebucht, dann erreichte mich zwei Tage vorher die Absage seitens des Journalisten, der mich eingeladen hatte. Durch das 2:1-Verhältnis könnte "eine Situation" entstehen, die dazu führen könnte, ",... dass Räume geschlossen werden, wo eigentlich Räume eröffnet werden sollen." Um welche Räume es ging, die dadurch geöffnet werden sollten, indem man mir die Tür vor der Nase zuschlug, vergaß man zu erwähnen. Sie werden allerdings deutlich, wenn man das Buch von Lütz kritisch betrachtet.
Hier will Lütz auf 208 Seiten "die ganze Psychiatrie und Psychotherapie allgemeinverständlich, humorvoll und auf dem heutigen Stand der Wissenschaft" darstellen. Herausgekommen dabei ist die mal flapsige, mal urteilsfreudige Beschreibung der althergebrachten Praxis eines psychiatrischen Halbgottes in Weiß, der sich als Menschenfreund inszeniert.
Eingangs macht sich Lütz eloquent über "die Normalen" her. Adolf Hitler sei nicht etwa krank gewesen, sondern "normal, schrecklich normal". Dieter Bohlen und Paris Hilton, andere Vertreter der Normalität, könne man leider nicht behandeln, denn deren "ganz normaler Blödsinn" sei bedauerlich völlig normal. "Normopathen" nennt er diese Spezies und zeigt dabei, wie weit dieser von der Irren-Offensive der frühen 80er Jahre in Berlin entwickelte Begriff bereits vorgedrungen ist. Damit kann sich Lütz billig und schmerzlos Sympathien erkaufen.
Lütz plädiert für eine menschenfreundliche Psychiatrie mit "Räumen der Freiheit". Wichtig ist ihm die "Fähigkeit zum Perspektivenwechsel", die es dem Psychiater erlaube, die für den Patienten angemessenste Therapiemethode zu wählen. Offenbar besitzt er praktischerweise auch die Sicht der Betroffenen. Der Verzicht auf die Verabreichung von Psychopharmaka sei allerdings unterlassene Hilfeleistung, sagt er und lässt psychiatrische Gewalt elegant zwischen den Zeilen verschwinden. Räume verminderter Freiheit, Isolierzellen, 6:1-Übermacht, Fixiergurte und Zwangsspritzen würden auch nicht zu seinem jovialen Ton passen.
Plaudernd erklärt er den begrenzten Wert von Diagnosen und die Ideologieanfälligkeit der Psychiatrie, vergisst allerdings zu erläutern, weshalb gerade er dagegen gefeit ist. Zwar solle die biologische Sichtweise nicht die einzige sein, aber unter ihr könne man alle psychischen Phänomene betrachten, deshalb sei sie mehr oder weniger nützlich. Für ihn offenbar mehr, siehe sein Beispiel Depression: Der Therapeut müsse mit aller Autorität erklären, dass sie eine Stoffwechselerkrankung sei, die man mit großer Wahrscheinlichkeit mit Medikamenten gänzlich heilen könne. Bei der Depression und der Schizophrenie gebe es nämlich einen "bemerkenswerten Erbfaktor". Mütterliches Verhalten in familiären Konflikten in ursächlichen Zusammenhang mit der Schizophrenie zu bringen, gehöre dagegen zum Schlimmsten an seelischer Grausamkeit, was er sich ausmalen könne: "Die Schizophrenie ist im Wesentlichen eine ererbte Erkrankung. ... Mit aller Autorität, die mir als Chefarzt zu Gebote steht, erkläre ich den Eltern, dass sie nichts, aber auch gar nichts zur Entstehung der Erkrankung beigetragen haben." Genauso autoritär gebärdet sich Lütz hinsichtlich Elektroschocks, deren Segnungen Wissenschaftsjournalisten doch bitteschön unter die Leute bringen sollten, und Psychopharmaka: Antidepressiva und Neuroleptika sind (für ihn) nebenwirkungsarm, werden immer besser, machen nicht abhängig, können höchstens falsch eingesetzt werden, Neuroleptika können sogar völlige psychische Gesundheit bewirken! (Informationen über chronische Rezeptorenveränderungen, Abhängigkeit, Toleranzbildung oder die psychopharmakabedingt um durchschnittlich bis zu drei Jahrzehnte herabgesetzte Lebenserwartung suche man besser bei anderen Autoren.)
Makaber stellt sich die Kombination aus katholischem Theologen, Kabarettist und Chefarzt auch bei der Beschreibung multipler Persönlichkeiten dar. Wo Psychotherapeuten den Einfluss von schweren Traumata sehen, die die normale Schutzmöglichkeiten des Menschen außer Kraft setzen und zu psychischer Erstarrung oder Abspaltung von Wahrnehmungen und gar Aufteilung der Persönlichkeit in unterschiedliche Identitäten zwingen, lässt sich Lütz über diese "Dr. Jekyll und Mister Hydes" aus und sieht in seinem "Ärger über das inszeniert Wirkende dieser Störungen", der ihn offenbar gelegentlich überfällt, doch eher "die Frage nach der Freiheit des Patienten seiner Symptomatik gegenüber besonders dringlich" gestellt, wenn sie "dann bestimmte Störungen in Szene setzen". Zugute halten sollte man Lütz allerdings an dieser Stelle, dass er nicht auch noch die Erbsünde ins Spiel bringt.
Zuletzt macht Lütz deutlich, wo seine Skepsis gegen "die Normalen" herkommt: Sie nehmen mit ihren "alltäglichen Beschwernissen" den "wirklichen Kranken" Therapieplätze weg, benutzen Diagnosen zur Diskriminierung von Mitmenschen (statt Psychiatern die Verwendung dieser Termini zu überlassen), verteufeln wirksame Behandlungsformen, selbstverständlich "gedankenlos" und "ideologisch fehlgeleitet". Die Pharmaindustrie, deren versteckte Lobbyarbeit offenbar auch in meinem Fall prima funktioniert hat, darf sich über seine heitere Anpreisung von Psychopharmaka freuen: Räume eröffnen sich, Menschen mit psychischen Problemen auf der Suche nach Beistand betreten sie vertrauensvoll. Was sie hinter der Tür erwartet, sollen sie vorher besser so genau nicht wissen. Sonst könnten sie sich ja möglicherweise gegen Psychopharmaka und statt dessen für Therapie und Selbsthilfe entscheiden.
Gebunden, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2009. € 17.95
Peter Lehmann

Anne Lützenkirchen: Depression im Alter
Durch Unterwerfung unter die biologisch bzw. genetische Theorie der Depression und durch Ausblendung behandlungsbedingter Ursachen geprägtes Plädoyer für eine frühzeitige Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Sozialarbeit, Medizin, Psychotherapie und Pflege). Kartoniert. 159 Seiten, ISBN 978-3-938304-80-8. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. € 20.–
Peter Lehmann

Hans Luger: KommRum – Der andere Alltag mit Verrückten
Rezension (pdf), erschienen in: Der Eppendorfer – Zeitschrift für die Psychiatrie (Brunsbüttel), 1989. Kartoniert, 264 Seiten. Bonn: Psychiatrrieverlag 1989. DM 24.80
Peter Lehmann

Lieselotte Mahler / Ina Jarchov-Jádi / Christiane Montag / Jürgen Gallinat: Das Weddinger Modell – Resilienz- und Ressourcenorientierung im klinischen Kontext
In dem Buch geht es um das sogenannte Weddinger Modell, einer von den Autorinnen und dem Autor neu verstandenen Variante psychiatrischer Behandlung in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus, dessen theoretische und praktische Grundlagen, seine Einführung und Prinzipien. Orientierung an Widerstandsfähigkeit und Ressourcen, Individualisierung von Therapie und Genesung, Multiprofessionalität gehören zu den theoretischen Grundlagen. Recovery, Empowerment, Salutogenese (Gesundheitsentstehung), bedürfnisangepasste Therapie, Trialog und Soteria geistern ebenfalls als Bezugspunkte des Modells durch das Buch. Um Ergebnisse in Bezug auf Behandlungsqualität und -folgen darzustellen, muss aber erst die weitere Entwicklung abgewartet werden, zu neu ist die Implantierung des Modells. Es geht im Buch also meist um die Formulierung von Absichten und um Schritte, den neu formulierten Ansatz in die Praxis umzusetzen – vermutlich mit der Hoffnung, dass andere psychiatrische Einrichtungen nachziehen.
Gemäß dem zugrundeliegenden Konzept sollen die Betroffenen in ihrem bisherigen Lebenszusammenhang ernst genommen werden, auch wenn sie psychiatrisch untergebracht sind. Die Effizienz vorhandener Strukturen soll durch Transparenz und Partizipation gesteigert werden. Alle Interessen, Freundschaften und Lebenszusammenhänge der Betroffenen sollen ausdrücklich erhalten bleiben und sogar die Basis für die psychiatrische Behandlung sein. Patienten sollen Krankheitsverständnis und Bewältigungsstrategien entwickeln, in Therapieentscheidungen eingebunden werden, Transparenz und Partnerschaftlichkeit soll gegeben sein. Ambulant gehe vor stationär; Teil des stationären Reformangebots sei die partizipative Vorstellung des Patienten inklusive einem empathischen Verstehen und der Einnahme seiner Perspektive (wie auch immer das gehen mag). Wichtig sei es, Widersprüchlichkeit und Machtgefälle in der psychiatrischen Beziehung benennen.
Widersprüchlichkeiten sind allerdings zuhauf in dem Buch zu finden. Es stellt sich die Frage, weshalb sie vom Autor und den Autorinnen, drei Psychiatern und einer Pflegedienstleiterin, nicht benannt werden.
Sie schreiben, dass das Weddinger Modell Zwangsunterbringungen und sonstige Zwangsmaßnahmen in Häufigkeit und Dauer auf ein absolutes Minimum reduziere. Zwang solle immer nur die letztmögliche und unumgängliche Handlung sein. Aber was ist daran neu, wer unter Psychiatern hat je etwas anderes behauptet? Wichtig seien Behandlungsvereinbarungen und Krisenpläne, um Zwangsmaßnahmen und Zwangsunterbringungen präventiv entgegenzuwirken. Zwangsmaßnahmen sollen im Vorfeld geregelt werden ("Medikation" und Art des Zwangs). Dass eine solche Behandlungsvereinbarung nichts weiter als eine vorauseilende Zustimmung zu einer später möglichen Zwangsbehandlung ist und im Widerspruch zum proklamierten Ernstnehmen von Betroffenen und dem Wunsch nach Vermeidung von Zwang steht, ist kein Thema der Autoren. Glaubwürdiger wäre ihr Herangehen, wenn sie wenigstens eine Patientenverfügung nach § 1901a Absatz 1 BGB als Alternative benennen würden. Diese würde wirksam zumindest einer Zwangsbehandlung entgegenwirken, müsste aber in der Klinik akzeptiert werden.
Offenheit, Mitwirkung und Betroffenenbeteiligung sind Worte, die immer wieder im Buch vorkommen. "Das Recht auf Mitbestimmung muss nicht nur bei der eigenen Therapie, sondern in der Planung, Organisation und Evaluation psychiatrischer Versorgungsangebote insgesamt eingeräumt werden." Wieso aber soll das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit geteilt und Betroffenen nur noch ein Recht auf Mitbestimmung ihrer Behandlung zugestanden werden, das in der Medizin übliche Prinzip des informed consent (Zustimmung nach Information) auch im Weddinger Modell nicht gelten? Dass im Aufnahmegespräch der Patient über die Gestaltung der Therapieplanung informiert wird, klingt fortschrittlich, aber soll er denn nicht im Zentrum des Geschehen stehen und (mit-)bestimmen, welche Behandlung er erfährt? Offenheit sei ein prägendes Prinzip des Weddinger Modells; in wesentliche Bereichen fehlt es leider: Zweifel an der Wirksamkeit oder Sinnhaftigkeit von Psychopharmaka sollen bitteschön nicht in den Besprechungen mit den Patienten thematisiert werden. "Medikamente" könnten Hilfe zur Selbsthilfe sein und die Autonomie erhalten; dass Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika auch weniger hilfreich wirken können (Defizit-Syndrom, metabolisches Syndrom, tardive Dyskinesien, erhöhte Apoptose und erhöhte Sterblichkeit vor allem bei Verabreichung von Kombinationen) und die Autonomie alles andere als erhalten können, diese Risiken jedoch nicht gemeinsam erörtert werden sollen, ist kein optimales Zeichen von Offenheit. Die Wirksamkeit der Psychopharmaka werde gesteigert durch ein emotional günstiges Klima; da stört ein offenes Gespräch über die zugemuteten Risiken sicher.
"Transparenz, Teilhabe und Mitbestimmung innerhalb des Gestaltungs- und Umsetzungsprozesses dürften demnach maßgeblich dazu beigetragen haben, dass das Weddinger Modell lebt und weiterentwickelt wird", schreibt die Pflegeleiterin Ina Jarchow-Jádi. Leider finden sich im Buch keine Hinweise auf Teilhabe und Mitbestimmung innerhalb des Gestaltungs- und Umsetzungsprozesses. Beteiligt an der konzeptionellen Entwicklung des Weddinger Modells waren Psychiatriebetroffene nicht. Sie durften im vorbereitenden Symposium in Diskussionsbeiträgen Erlebnisse schildern. Ob damit Teilhabe und Mitbestimmung gemeint sind? Die erste Evaluation (sach- und fachgerechte Bewertung), die bereits stattfand, nämlich die des Symposiums und seiner Grundlagenseminare für die Implementierung des Weddinger Modells, durfte dann die Ärztekammer übernehmen, während die weitere Evaluation im Rahmen von Dissertationen beteiligter Doktoranden stattfindet. "Die angestrebte trialogische Grundhaltung sollte sich auch in der Evaluation von Qualität und Wirksamkeit des Weddinger Modells wiederspiegeln", postuliert die Oberärztin Christiane Montag. Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, ob irgend jemand von Verlagsseite das Buch auf widersprüchliche und das Modell konterkarikierende Aussagen vor dem Druck geprüft hat.
So bleibt nach dem Lesen ein zwiespältiger Eindruck. Schön klingen die Worte der Autoren durchaus. Hätte man seit Jahrzehnten nicht immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Psychiater alle für ihre Machtposition gefährlichen Reform- und Kritikansätze kooptieren, d. h. zurechtbiegen und ins eigene Konzept einbauen, um es zu erhalten, und dass all ihre Reformvorhaben und Maßnahmen schon immer "an nichts anderem als dem Wohl der Patienten orientiert" waren, wie auch in diesem Fall, so könnte man dem Weddinger Modell durchaus mehr abgewinnen und das Buch vielleicht auch gut finden. Zumindest wenn in einer Folgeausgabe die Widersprüchlichkeiten klar benannt, die Luftblasen entfernt und die geschilderten Praxiserfahrungen des Weddinger Modells bestätigt sind durch eine Evaluation, an deren Konzeptionierung, Durchführung, Auswertung und Veröffentlichung psychiatriebetroffene Wissenschaftler wirksam beteiligt waren.
Gebunden, 270 Seiten, 35 Abbildungen, ISBN 978-3-88414-555-5. Bonn: Psychiatrieverlag 2014. € 34.95 / sFr 43.70
Peter Lehmann

Rolf Marschner: Rechtliche Grundlagen für die Arbeit in psychiatrischen Einrichtungen
Der engagierte Münchner Rechtsanwalt Rolf Marschner informiert leichtverständlich über die straf-, zivil- und verwaltungsrechtliche Lage, in der sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen (und somit auch die beteiligten Psychiatriebetroffenen) befinden. Aber auch für Menschen, die in institutionellen Alternativen zur Psychiatrie arbeiten, ist dieses Buch von Bedeutung, da der Autor nicht nur die Rechtslage, sondern auch die zugrunde liegenden Probleme anspricht. Behindertenbegriff, Gleichstellung, Selbstbestimmungsrecht, Einwilligungsfähigkeit, Geschäfts-, Testier-, Delikts- und Schuldfähigkeit werden ebenso durchgearbeitet wie Schweigepflicht, Datenschutz, Akteneinsicht, Behandlungs- und Betreuungsverträge incl. Patientenverfügung und Behandlungsvereinbarung. Haftungsgrundlagen, Sorgfaltspflichten, Betreuungsverfahren, Heimrecht, Maßregelvollzug, soziale Sicherung, Rehabilitationsrecht oder Persönliches Budget sind weitere wichtige Themen im Buch. Und auch die Möglichkeiten (für die Betroffenen) und Probleme (für die Psychiatrie), die sich aus der UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderung ergeben, sind in dem empfehlenswerten Buch thematisiert. Weshalb sich weiterführende Hinweise auf die einschlägige Literatur und Rechtsprechung ausschließliche als Verweis auf die Veröffentlichung einer Entscheidung in der Zeitschrift Recht & Psychiatrie, beschränken, weiß sicher alleine die PR-Abteilung des Psychiatrie-Verlags. In diesem Verlag erscheint „Recht & Psychiatrie“. So ist man jedesmal gezwungen, sich die Zeitschrift umständlich in der Bibliothek zu besorgen, wenn man ein Urteil nachlesen will. Kartoniert, 142 Seiten, ISBN 978-3-88414-468-8. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2009. € 14.95 / sFr 26.50
Peter Lehmann

Martens, Peter H.: Bio-Polarität – Goldene Schlüssel zu einem optimalen Leben
Über den Ursprung der – nach eigenen Worten vom Autor 1981 entdeckten – "Biopolarität", einer ethischen Lebenslehre von den im Leben enthaltenen Gegensätzlichkeiten und dem freien Willen des Menschen, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden, sowie der "Optimal-Methode", der 1968 vom Autor entwickelten humanen Methode zur Verursachung von effektiven und dauerhaften Erfolgen in allen Lebensbereichen. Ein recht esoterisch angehauchtes Buch für alle Freunde von Peter H. Martens, die an Universalratgeber glauben. Ich gehöre leider nicht dazu und bin vermutlich verloren. Kartoniert, 188 Seiten, ISBN 978-3-921271-46-9. Kelkheim: Optimal Verlag 2009. € 16.80
Peter Lehmann

Jörg Martin (Hg.): PsychoManie. Des Deutschen Seelenlage
Sammlung teils bissiger, teils ironischer und spannend zu lesender Artikel von Therapeuten, Journalisten und Wissenschaftler(inne)n über den Boom einer vulgären Hobbypsychologie im Berufs- und Alltagsleben, über die vielen Hobby-Freuds unter uns und die Gefahr, selbst einer zu werden. Kart., 227 S., Leipzig: Reclam Bibliothek (Nr. 1570) 1997. DM 20,– / sFr 19,– / öS 148,–
Peter Lehmann

Jeffrey M. Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer
Eine schonungslose Abrechnung mit machtbesessenen Therapeuten, von Jung über Erickson, Ferenczi, Freud, Rogers, Rosen bis hin zu modernen, sich alternativ gebenden Therapeut(inn)en. In dem spannend geschriebenen und präzise recherchierten Buch weist der frühere Psychoanalytiker Masson seiner ehemaligen Kollegenschaft arrogante Bevormundung, psychischen Terror, physische Gewalt, sexuellen Missbrauch sowie eine Fülle von Irrtümern nach. Gebunden, 352 Seiten, München: C. Bertelsmann Verlag 1991. DM 42,–
Peter Lehmann

Jeffrey M. Masson: Was hat man dir, du armes Kind getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte
Wie Freud sexuellen Missbrauch in Familien zum Wunschprodukt und seine PatientInnen zu Phantasten erklärte, um als Psychoanalytiker und Psychiater auf der Seite der Macht zu bleiben. Neu übersetzt, 302 S., Freiburg: Kore Verlag 1995. DM 39.80 / sFr 40.80 / öS 311.–
Peter Lehmann

Andrew Mathews / Michael G. Gelder / Derek Johnston: Platzangst – Ein Übungsprogramm für Betroffene und Angehörige
Ratgeber für Leute mit plötzlich auftretenden Beschwerden wie Herzjagen, Schweißausbrüche, Atemnot, Schwächegefühl, Zittern am ganzen Körper, Schwindelgefühl, Angst umzufallen und Angst vor einem Panikzustand zur Überwindung der Ängste, der es ermöglicht, die intensiven Übungen alleine, mit einem Arzt oder Therapeuten durchzuführen bzw. die betroffenen Angehörigen und Freundinnen (70-90% der Betroffenen sind Frauen) zu unterstützen. Die Übungen sind präzise beschrieben, so dass sie sorgfältig durchgeführt und evtl. wiederholt werden können, bis die Ängste nachlassen und hoffentlich bald verschwinden. Arbeits- und Protokollbögen helfen hierzu. Der Empfehlung, Beruhigungsmittel evtl. vor Übungsbeginn abzusetzen, folgt leider keine Warnung, dass oft genug Tranquilizern dann einfach durch Antidepressiva und Neuroleptika ersetzt werden mit der Falschaussage, diese würden nicht abhängig machen. Offene Augen sind also angebracht; ebenso wie gute Augen, denn der Ratgeber ist in sehr kleiner Schrift erfaßt. Kartoniert, IX + 131 Seiten, ISBN 10: 3-8055-7682-X, ISBN 13: 978-3-8055-7682-6. Basel usw.: Karger Verlag, 4., unveränderte Auflage 2004. € 23.– / sFr 32.–
Peter Lehmann

Joergen Mattenklotz: Auf dass es nie vergessen werde! Die Psychiatrie im Nationalsozialismus unter Berücksichtigung der Pflege am Beispiel der Heilanstalt Eickelborn
Buch über Zwangssterilisationen in der psychiatrischen Anstalt Eickelborn und die Beteiligung der Psychiater und Wärter an den psychiatrischen Massenmordaktionen ("Euthanasie") sowie den Widerstand dagegen, insbesondere geistlicher Ordensschwestern, und deren Schicksale. Mit den Befragungsergebnissen eines überlebenden Betroffenen und eines Wärters, der von der problemlosen Weiterbeschäftigung an den Verbrechen beteiligter Psychiater nach 1945 berichtet. Ob die damals in nachgeordneter Stellung Beteiligten den Zweck der jeweils geplanten "Euthanasiemaßnahmen" erkennen konnten, ist für den Autor, einen Psychiatriepfleger, fraglich, insbesondere da die Schwestern und Pfleger damals nicht gewohnt gewesen seien, ärztliche Anordnungen zu hinterfragen. Kartoniert, 81 Seiten, Abbildungen & Faksimiles, ISBN 978-3-89514-612-1. Aachen: Karin Fischer Verlag 2006. € 11.50 / sFr 19.70
Peter Lehmann

Tom Matzek: Das Mordschloss – Auf der Spur von NS-Verbrechen in Schloss Hartheim
Rekonstruktion des Grauens in den traditionsträchtigen Räumen des oberösterreichischen Renaissance-Schlosses Hartheim, der größten Vergasungsanstalt der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Aktion einschließlich der Würdigung des Widerstands gegen den psychiatrischen Massenmord. Gebunden mit Schutzumschlag, 318 Seiten, 43 Schwarz-Weiß-Photos, ISBN 3-218-00710-0. Wien: Kremayr & Scheriau / Orac 2002. € 22.90 / sFr 38.60
Peter Lehmann

Mariella Mehr: Daskind
Roman über ein Mädchen, das bei Pflegeeltern aufwächst, missbraucht und misshandelt wird und lernt, sich zu wehren. »Die Pflegemutter beachtet es kaum, der Pflegevater scheint es zu lieben, denn er weint, wenn er es schlägt.« Geb., 224 S., Zürich/Frauenfeld: Nagel & Kimche 1995. DM 36.80 / sFr 36.80 / öS 272,–
Peter Lehmann

Mariella Mehr: Zeus oder der Zwillingston
Anspruchsvoller Roman. Vielschichtige und grell überzeichnete Horrorgeschichten aus »Narrenwald«, womit die Schweizer Anstalt Waldhaus in Chur gemeint ist. »Zeus« ist der Schweizer Schriftsteller Tassaux, ein Freund der Autorin, der sich 1983 in der Unianstalt Waldau/Bern von einem Mitinsassen mit einem Stück Holz erschlagen ließ. Im Buch trifft er auf Rosa Zwiebelbusch, die ihr Kind, das bei einer Vergewaltigung gezeugt worden war, tötete, was sie in die Anstalt brachte. Die Schicksale der beiden und ihre Beziehung zueinander bilden zwei Ebenen des Romans. Die dritte birgt eine mythologische Schicksalstragödie, in der sich der uralte Orakelspruch des Prometheus vom Sturz des Göttervaters Zeus erfüllt. Dieser, der Patriarch des griechischen Olymp, lässt sich von seinem fliegenden Ross Pegasus im dritten Stock einer Psychiatrischen Anstalt absetzen, weil er sich seiner Unsterblichkeit entledigen will. Geb., 271 S., Zürich: Ruth Mayer Edition 1994. DM/sFr 43.– / öS 437.–
Peter Lehmann

Theodor Meißel (Hg.): Zur Einbürgerung des psychisch Kranken
Der Herausgeber Meißel, ein Psychiater, schafft es, 42 psychiatrisch Tätige zum Thema Einbürgerung schreiben zu lassen und dabei Psychiatriebetroffene als Co-Autoren systematisch auszuschließen. Man muss dem Verlag, der dies akzeptiert, leider sagen, dass man so etwas vom 19. Jahrhundert kennt, aber im 21. Jahrhundert nicht mehr sehen mag. Mein Vorschlag: das Buch ignorieren und auf ein Buch mit einem weniger ausgrenzenden Ansatz warten. Kartoniert, 423 Seiten, ISBN 978-3-901409-64-6. Linz: edition pro mente 2005. € 22.–
Peter Lehmann

The Mental Health Foundation (Ed.): Knowing our own minds – A survey of how people in emotional distress take control of their lives
The first report of a survey carried out at the Mental Health Foundation during 1996, and led by a group of psychiatric users and survivors. The aim of the research was to gain insight into the activities, treatments or therapies that people with experience of a range of different psychiatric problems find helpful. And to learn about the different coping strategies people develop. The research covered most of the treatment methods and therapies experienced by people, including: psychiatric drugs, electroshock, ›talking treatments‹ (counselling or psychotherapy), alternative and complementary therapies, hobbies and leisure activities, and religious and spiritual beliefs. Booklet, 104 A4-pages, London 1997. How to order: Send a cheque about 7 £ to: The Mental Health Foundation, 37 Mortimer Street, London W1N 8JU, England.
Peter Lehmann

Kate Millett: Der Klapsmühlentrip
Die bekannte Vertreterin der Frauenbewegung schildert u.a. ihre jahrelange Odyssee durch die Psychiatrie. Zwangseinweisung wegen »seelischer Missstimmung«. Selbstmordversuch. 13 Jahre währendes Martyrium. Trotz Unverständnis seitens ihrer Umgebung schafft sie endlich den Ausstieg aus der Psychiatrie. Jeffrey Masson: »Kate Millett schreibt, sie denkt, sie ergründet das Verrücktsein. Sie lässt einen an ihrem innersten Denken auf eine Art und Weise teilnehmen, wie es keinem Psychiater jemals gelungen ist. Und das, was man sieht, ist keine verrückte Frau, sondern ein Mensch wie du und ich, nur ein bisschen talentierter und geistig sehr gesund (aber verdammt verrückt).« Aus dem Amerikanischen, broschiert, 395 Seiten, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1993. DM 39.80
Peter Lehmann

Georg Milzner: Jenseits des Wahnsinns – Psychose als Ausnahmezustand: Perspektiven für eine andere Psychiatrie
Auf fundierter und umfangreicher Auseinandersetzung mit Psychosetheorien aller Art und transpersonalem Verständnis außergewöhnlicher Bewusstseinszustände basierendes Plädoyer für den "Dritten Weg": eine neurowissenschaftlich angereicherte Psychiatrie und Psychotherapie, in der der Therapeut durch Manipulation seines eigenen Zustands (z. B. durch Trance) "dem fremden Zustand" näher kommt, um "Psychotiker" mit ihren "neuronalen Sonderzuständen" dann adäquater verstehen und behandeln zu können. Auf zur nächsten Psychosentheorie, dem Zeitgeist entsprechend eine neurowissenschaftlich geprägte! Kartoniert, 212 Seiten, ISBN 978-3-8260-4215-7. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2010. € 29.80 / sFr 44.90
Peter Lehmann

Hans-Jürgen Möller / Hans-Jürgen Staub (Hg.): Langzeitbehandlung mit Psychopharmaka
9 Beiträge einer ›Expertenrunde‹ vom »3. Salzburger Symposium zur Lebensqualität chronisch Kranker«. Die Interessen der beiden Herausgeber (der biologische Psychiater Möller und Herr Staub von Smith Kline Beecham Pharma) lassen ahnen, worum es geht: die möglichst lebenslängliche Verabreichung von psychiatrischen Psychopharmaka aller Art zu propagieren. Dankenswerterweise reflektieren einzelne Autoren wenigstens im Ansatz (in ca. 5 Sätzen, versteckt auf 80 Seiten) die Fragwürdigkeit der behaupteten Forschungsergebnisse. So sind sogenannte Doppelblindstudien, die Voraussetzung normaler wissenschaftlicher Forschung, kaum oder gar nicht vorhanden, also Untersuchungen, in denen eine Gruppe von Menschen mit psychiatrischen Problemen Psychopharmaka und eine Kontrollgruppe mit vergleichbaren Problemen Placebos erhält, ohne dass die Behandler und Diagnostizierenden wissen, wer was bekommen hat. Auch wird freimütig zugegeben, dass man keine Ahnung hat, ob es sich bei »Rückfällen«, die als Hauptargument für die Langzeitverabreichung herhalten müssen, nicht doch um Absetz- oder Reboundphänomene handelt. Aber dies ist noch lange kein Grund für die Artikelschreiber, ihre Glaubenshaltungen in irgendeiner Weise in Zweifel zu ziehen. Kart., 80 S., 33 Abb., 26 Tab., Stuttgart / New York: Thieme Verlag 1995. DM/sFr 30.– / öS 234.–
Peter Lehmann

Robert F. Morgan (Ed.): Electroshock – The Case Against
Eine exzellente und aktualisierte Sammlung von 5 Artikeln, die der US-amerikanische Psychologe und Bürgerrechtler Robert Morgan neu herausgegeben hat. Die Artikel:
* Berton Roueché, »As Empty as Eve«
* Robert F. Morgan: »Shock Treatment I: Resistance in the 1960s«
* John M. Friedberg: »Shock Treatment II: Resistance in the 1970s«
* Peter R. Breggin: »Shock Treatment III: Resistance in the 1980s«
* Leonard R. Frank: »Shock Treatment IV: Resistance in the 1990s«
Mit diesen Männern sind fünf hervorragende Elektroschockkritiker aus Übersee (ein Medizin-Journalist, ein Psychologe, ein Neurologe, ein Psychiater und ein Psychiatrie-Überlebender) in der sehr empfehlenswerten Broschüre versammelt. Sie kann bestellt werden durch Zusendung eines Schecks oder einer US-Geldanweisung in Höhe von 13.45 $ (10.95 $ plus 2.50 $ Versandkosten bzw. 1.50 $ für jedes weitere Exemplar) an Prof. Dr. Robert Morgan (Psy), Eastern Montana College, 1500 North 30th Street, LA-Building, Room 524, Billings, Montana 59101-0298, USA. 2. Auflage, ISBN 0-920702-82-1, kartoniert, 96 Seiten, Toronto/Ontario (Kanada): IPI Publishing Ltd. 1991. US-$ 10.95
Peter Lehmann

Kurt Mosetter / Reiner Mosetter: Die neue ADHS-Therapie. Den Körper entstressen – Ein Übungsbuch
Die beiden Autoren, ein Arzt und ein Trainer für Myoreflextherapie, plädieren dafür, Körper und Psyche über die Bearbeitung neuromuskulärer Verhaltensmuster zu beeinflussen, d.h. Myoreflextherapie, KiD-(=Kraftentfaltung-in-Dehnungsposition-)Übungen, Augenübungen usw. anzuwenden. Diese Übungen werden detailliert und mit Abbildungen erläutert und sind es sicher wert, ausprobiert zu werden, auf alle Fälle weniger risikobehaftet als die üblichen synthetischen Psychopharmaka. Das Buch versteht sich weder als psychotherapeutisch noch als psychopharmakologisch orientiert, sondern bemüht sich, beide Richtungen zu integrieren. Scheinbar objektiv wird auf den ersten 30 Seiten, dem ersten Kapitel, der Hintergrund der ADHS-Diskussion abgebildet, psychopharmakalogische wie psychotherapeutische Lehr- und Behandlungsmethoden werden vorgestellt. Da jeweils nur die (behaupteten) Vorteile, nicht aber die Risiken genannt werden, bleibt ein schaler Eindruck. Hätten die Autoren etwas Distanz zur biologisch-psychiatrischen Sichtweise entwickelt und ausgewogener geschrieben, könnte man das Buch problemlos weiterempfehlen. Kartoniert, 155 Seiten, ISBN 3-530-40178-1. Düsseldorf: Walter Verlag 2005. € 14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann

Loren Mosher / Voyce Hendrix und die Beteiligten des Soteria-Projekts mit Deborah Fort: Dabeisein. Das Manual zur Praxis in der Soteria
Lebendig geschriebener Schlussbericht über das – inzwischen längst abgewickelte – Projekt einer institutionellen Alternative zur Psychiatrie in San Francisco, mit einer ehrlichen Darstellung sowohl seiner Erfolge als auch seiner Schwierigkeiten. Angesichts der beschriebenen, allgemein auftretenden Störeinwirkungen von außen ist die Broschüre eine Basislektüre für alle, die ein alternatives Projekten aufziehen wollen. A4-Format, 99 S., Bonn: Psychiatrieverlag 1994. DM 24.80 / sFr 25.80 / öS 194.–
Peter Lehmann

Christian Müller: Die Gedanken werden handgreiflich. Eine Sammlung psychopathologischer Texte
Der Schweizer Psychiater Müller hat sich das Buch seines Kollegen Karl Birnbaum »Psychopathologische Dokumente« von 1920 vorgenommen, die Dokumente fein säuberlich nach den geltenden ICD-Klassifikationen sortiert (»Hier fühlte ich mich verpflichtet, andere Wege zu gehen.«) und einige Dokumente heute unbekannter Literaten durch zugkräftigere Namen ersetzt. Fertig ist die Laube. »Dem Vorwurf der Ehrfurchtslosigkeit«, den Birnbaum immerhin noch in Betracht gezogen hatte, »sehen wir uns heute weniger ausgesetzt.« Also werden gnadenlos psychiatrische Krankheitskonstrukte als nicht mehr hinterfragbare Gegebenheiten gesetzt, und die Dichter liefern die ›Beweise‹. Der »präpsychotische« Hölderlin muss herhalten zur Erklärung der ›Vulnerabilität‹, obwohl er sogar in dem Textbeispiel sagt, dass sein »Hospital, wohin sich jeder auf meine Art verunglückte Poet mit Ehren flüchten kann, – die Philosophie« ist und nicht die Psychiatrie. Aber das macht Müller nichts. Auf Teufel komm raus schlachtet er die Literatur aus, erklärt die einen Literaten für schizophren, die anderen für neurotisch und die wieder anderen für zwar gesund, aber einfühlsam genug, um psychische Krankheit zu schildern, auch wenn davon in den Texten gar nicht die Rede ist. Robert Walser, »bei dem der Ausbruch der schizophrenen Psychose zusammenfällt mit dem Stillstand, dem völligen Versiegen seiner dichterischen Tätigkeit«, unterstellt Müller, dies sei krankheitsbedingt, wobei sich Walser doch wirklich klar dazu geäußert hat: »Es ist ein Unsinn und eine Roheit, an mich den Anspruch zu stellen, auch in der Anstalt zu schriftstellern. Der einzige Boden, auf dem ein Dichter produzieren kann, ist die Freiheit.« Müllers Psychopathologiegedanken werden handgreiflich, wenn man die Folgen bedenkt. Reicht in Zukunft schon ein phantasievoller Deutschaufsatz, um in der Klapse zu landen? Sollten SchriftstellerInnen ihre Werke rechtlich vor Unterstellungen und sich vor psychiatrischen Nachstellungen schützen? Geb., 168 S., 2., korr. Aufl., Heidelberg: Springer Verlag 1993. DM 48.–
Kerstin Kempker

Claus P. Müller-Thurau: Die Seelenschnüffler – oder wie man Psycho-Experten und ihre Methoden durchschaut
Ein Unternehmensberater plaudert sein Insiderwissen aus, mit vielen witzigen Anekdoten versehen. Unterhaltsam und schlagfertig putzt der eher konservativ orientierte Diplompsychologe die einzelnen Psychomethoden herunter, erklärt Validitäts- und Reliabilitätsprobleme: Was testet ein Test wirklich, wie zuverlässig ist die Diagnose. In einem eigenen Kapitel legt Müller-Thurau die Mitteilungen bloß, die in Arbeitszeugnissen versteckt sind. Leider sind Psychotests des sogenannten klinischen Bereichs in Müller-Thuraus Buch ausgespart, basierend auf dem Glauben, diese Daten seien »weitaus brauchbarer«, da die Tests angstfrei und ohne ökonomische Interessen ablaufen würden. Geb., 190 S., Hamburg: Rasch & Röhring 1993. DM 36,– / sFr 37.50 / öS 281,– Taschenbuchausgabe 1995: Econ TB 26158. DM 12.90 / sFr 13.90 / öS 100.–
Peter Lehmann

Thomas R. Müller/ Beate Mitzscherlich (Hg.): Psychiatrie in der DDR – Erzählungen von Zeitzeugen
28 zu Monologen umgeschriebene Erfahrungsberichte von Betroffenen (19), Psychiatern und Pflegekräften geben Einblick in die DDR-Psychiatrie, speziell Sachsen (Leipzig, Dösen, Rodewisch, Altscherbitz, Waldheim) in den Siebzigern und Achtzigern. Es geht unter die Haut, wie nüchtern, klar und selbstkritisch Menschen, die viele Jahre, oft seit ihrer Kindheit, eingesperrt, elektrogeschockt, "kiloweise" mit Psychopharmaka vollgestopft, gedemütigt und als kostenlose Arbeitskräfte ausgenutzt wurden, ihre Erfahrungen schildern. Da wird für Frank Leupolt die Anstalt Dösen und die Haftanstalt zum "Kurhotel" im Vergleich zu Waldheim und das Waldheim der Siebziger im 64-Mann-Saal ist fast erträglich gegen das der Achtziger, eine Art Arbeitslager mit begleitender Folter. Wenn man die Beschreibungen der Geschehnisse am gleichen Ort zur gleichen Zeit zueinander in Beziehung setzt, entlarvt dies manche Schönfärberei der Mitarbeiter. Z.B. fallen dem damaligen Leiter von Rodewisch, Tilo Degenhardt, an Mängeln nur die Heizungsanlage und die fehlenden Einwegspritzen ein: "Die Patienten haben darunter nicht gelitten." Sie haben, wie Frau Ziehnert, wohl mehr darunter gelitten, dass sie dort bei ihrem ersten Psychiatrieaufenthalt unaufgeklärt "anfangs 21 Tabletten unterschiedlicher Art nehmen musste" und gleich elektrogeschockt wurde, während eine Krankenschwester abgemahnt wurde, weil sie eine Frau nicht allein in der gefliesten Abstellkammer sterben lassen wollte. Degenhardt bedauert es, dass heute Amtsrichter Zwangseinweisungen verfügen, "zu viele fachfremde Leute". Kartoniert, 245 Seiten, 12 Zeichnungen, ISBN 3-938304-46-4. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2006. € 23.90 / sFr 45.30
Kerstin Kempker

Tilman Müller / Beate Paterok: Schlaf erfolgreich trainieren – Ein Selbsthilfebuch für Schlafgestörte und schlechte Schläfer
Die Autoren, zwei Psychologen an der Universitätsklinik Münster, erläutern die Ursachen von Schlafstörungen und schlagen als Behandlungsmethode die sogenannte Schlafkompressionstherapie vor, eine reduzierte Schlafperiode, die wie ein lang anhaltender kontinuierlicher Schlafentzug wirken soll, wodurch die Ein- und Durchschlafsfähigkeit und schließlich die Schlafeffizienz gesteigert werde. Zudem befassen sie sich mit kulturellen und wissenschaftlichen Aspekten des Schlafs, um die Leser zu Experten in eigener Sache zu machen. Selbsthilfemaßnahmen, Schlaflabor und psychopharmakologische Maßnahmen werden im letzten Kapitel abgehandelt. Aufgrund u.a. depressiver oder euphorisierender Begleitwirkungen empfehlen die Autoren ihre Maßnahme allerdings ausdrücklich nicht für schlafgestörte Menschen mit der Diagnose Depression oder Psychose. Statt dessen listen sie als mögliche Schlafmittel u.a. Benzodiazepine und verwandte Beruhigungsmittel, Antidepressiva und Neuroleptika auf, die – insbesondere letztere – Bewusstsein und intellektuelle Fähigkeiten nicht wesentlich beeinflussen würden. Man hat den Eindruck, hier haben sie einfach aus psychiatrischen Lehrbüchern abgeschrieben. Sie sollten diese Substanzen eine Zeitlang selbst einnehmen, dann würden sie vermutlich ein realistischeres Bild von deren Wirkung auf Geist und Psyche zeichnen. Die aufgelisteten "Vorteile" von Neuroleptika (angeblich geringes Abhängigkeitsrisiko, relativ geringe Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem) hinterlassen ein weiteres bitteres Gefühl beim Lesen des Buches angesichts des Wissens, dass die Lebenserwartung neuroleptikabehandelter Menschen vermutlich im Wesentlichen aufgrund psychopharmakabedingter Herz-Kreislauf-Störungen und Diabeteserkrankungen um durchschnittlich bis zu drei Jahrzehnte herabgesetzt ist. Kartoniert, 160 Seiten, ISBN 978-3-8017-2292-0. Göttingen: Hogrefe Verlag 2010. € 16.95 / sFr 28.30
Peter Lehmann

Sibylle Muthesius: Flucht in die Wolken
»Flucht in die Wolken« ist die fesselnde Geschichte einer lebensfrohen, phantasievollen und beliebten Jugendlichen in der DDR, die sich 1971 (nach Elektro- und Insulinschocks, Isolierkammer und Neuroleptika) das Leben nahm; detailreich und (selbst-)kritisch rekonstruiert von der Mutter anhand der Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Fotos und gemalten Bilder der Tochter. Schrecklich und folgerichtig setzt sich so aus vielen kleinen alltäglichen Steinchen (Mangel an Zeit und Vertrauen, widrige Umstände in Schulen, Anstalten, Ämtern, Betrieben, Unverständnis, Ausgrenzung, Dummheit) die Mauer zusammen, die die Tochter von dieser Welt trennte. Sibylle Muthesius hat sich viel mit Literatur, Ethnologie, Psychoanalyse und Kunst beschäftigt, um im nachhinein zu verstehen, was in ihrer Tochter vorging. Sie zitiert große Dichter und ›schlaue Männer‹ und beschwört Parallelen herauf zu tragischen Figuren. Das finde ich zwar begreiflich, aber auch störend. Die Antworten liegen doch in den Worten und Bildern der Tochter. Kart., 533 S., viele Abb., 7. Aufl. 1992. Berlin: Morgenbuch Verlag Volker Spiess. DM 29.80 / sFr 31.– / öS 233.–
Kerstin Kempker

Joachim Mutter: Gesund statt chronisch krank! Der ganzheitliche Weg: Vorbeugung und Heilung sind möglich
Umfangreiche und übersichtliche Darstellung krankmachender Faktoren, insbesondere Stress, Amalgam, Umweltgifte, Nikotin, Impfungen, Elektrosmog, Lärm sowie Unterversorgung mit lebenswichtigen Mikro- und Makronährstoffen wie Vitaminen, Spurenelementen, Vitaminioden und nativen Eiweißen. Das Buch enthält zudem umfangreiche, an ausgesuchten Fallbeispielen dargestellte und über Symptomunterdrückung hinausgehende Lösungen, Therapiemöglichkeiten und Ausleitungsverfahren. Es ist geschrieben für Menschen, die an nicht psychisch bedingten Störungen aller Art – auch Depressionen und Psychosen – leiden und für behandelnde Ärzte und Heilpraktiker. Mit Kontaktadressen und Bezugsquellen. Gebunden, 456 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Diagramme, ISBN 978-3-89881-526-0. Weil der Stadt: Fit fürs Leben Verlag in der NaturaViva Verlags GmbH 2009. € 29.90 / sFr 44.90
Peter Lehmann

Joachim Mutter: Amalgam – Risiko für die Menschheit. Quecksilbervergiftungen richtig ausleiten
Ein übersichtlicher, verständlich geschriebener und existentiell wichtiger Ratgeber für Amalgambetroffene und -bedrohte. Er soll sowohl Hilfesuchenden als auch behandelnden Therapeuten wie Zahnärzten, Ärzten und Heilpraktikern das Problem Amalgam in seiner gesamten Tragweite – incl. die häufig mit Amalgambelastung verbundene Psychiatrisierung – verdeutlichen und Wege aufzeigen, Geschädigten umfassend zu helfen. Kartoniert, 169 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 3-89881-522-6. Weil der Stadt: Fit fürs Leben Verlag in der NaturaViva Verlags GmbH, 3., erweiterte und aktualisierte Auflage 2002. € 14.95 / sFr 26.–
Peter Lehmann

Dieter Naber, Martin Lambert (Hg.): Schizophrenie
Das Buch informiert ausgesprochen übersichtlich darüber, was in der biologischen Psychiatrie unter "Schizophrenie" verstanden wird, insbesondere über die vielfältigen Theorien der Entstehung, des Verlaufs und der Behandlung dieser psychiatrischen "Krankheit". Spezielle die Kapitel "Was hat sich in den letzten 5 Jahren verändert?", "Fazit für die Praxis"und "Mögliche Fehler und Probleme" geben einen prima Einblick in die Denkstrukturen des sich modern verstehenden Psychiaters. Frappierend ist das Auseinanderklaffen zwischen Wissenschaftsanspruch und dem Aneinanderreihen von Glaubenshaltungen, Theoriebruchstücken und unbelegten Behauptungen, wobei anzuerkennen ist, dass die Autoren – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – immer wieder auf Teile ihrer Unzulänglichkeiten hinweisen. Dass sogenannte atypische Neuroleptika zeitgeistgemäß als besonders wirksam angepriesen werden, überrascht wenig – nicht zu vergessen sind hier Zeitungsberichte von Ende 2003, wonach der Herausgeber Dieter Naber und mit Michael Krausz, einer der im Buch vertretenen Autoren, eine sechsstellige Summe von einer Pharmafirma kassiert haben sollen, deren Präparate später in ihrer Anstalt verwendet wurden, weshalb die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Vorteilsannahme gegen die beiden ermittelt. Viel ist im Buch die Lobesrede von Langzeitverabreichung dieser Neuroleptika, speziell den neueren "atypischen". Atypische Rezeptorenveränderungen, die als Ursache für mittel- und langfristige Psychosenverstärkung gelten, sind den Autoren allerdings offenbar ebenso Fremdworte wie zum Beispiel der Begriff "Selbsthilfe". Pharmakogene Psychosenchronifizierung sichert psychiatrische Arbeitsplätze und Krankheitsvorstellungen und sind wenig geeignet, öffentlich kommentiert zu werden, und Selbsthilfe bedeutet dem Psychiater vermutlich soviel wie Weihwasser dem Teufel. Auffällig ist weiterhin die Ausgrenzung all dessen an Bewältigung "schizophrener" Konflikte, was außerhalb des beschränkten Sichtkreises des Anstaltspsychiaters stattfindet, sei es das Netzwerk Stimmenhören, das einen anderen Zu- und Umgang mit verstörenden Stimmen erarbeitet hat, oder beispielsweise die Tendenz zum selbstverantwortlichen und durchdachten Absetzen der verordneten Psychopharmaka. Angeregt durch die in Hamburg von Thomas Bock entwickelten Psychoseseminare haben die Psychiater jedoch mittlerweile, im Laufe vieler Jahre, erkannt, dass sich Patienten individuell voneinander unterscheiden, deshalb, so ihr Fazit, könnten Standarddosierungen notwendig sein (S. 101). Mein Fazit: Wenn gerade dies das Resultat von Psychoseseminaren ist, dann Gute Nacht. Gebunden, XIV + 203 Seiten, 17 Abbildungen, 52 Tabellen, ISBN 3-13-128251-7, Stuttgart & New York: Tieme Verlag 2004. € 59.95 / sFr 97.–
Peter Lehmann

Dieter Naber / Franz Müller-Spahn (Hg.): Clozapin. Pharmakologie und Klinik eines atypischen Neuroleptikums. Eine kritische Bestandsaufnahme siehe unter Sammelrezension

Stefan Nellen / Martin Schaffner / Martin Stingelin (Hg.): Paranoia City – Der Fall Ernst B. Selbstzeugnis und Akten aus der Psychiatrie um 1900
Kern dieses Buches bilden handschriftlich erhaltene Selbstzeugnisse von Ernst B., der wegen einer als "Paranoia" diagnostizierten "Krankheit" einen großen Teil seines Lebens in Irrenanstalten verbringen musste. In einem Text, den Herr B. mit "Meine Erlebnisse" überschreibt, schildert der 1856 geborene Mann Erfahrungen und Fragmente aus seiner Lebensgeschichte, eine Kette verwirrender Umstände und verstörender Ereignisse. Er glaubt sich durch mächtige Herren verfolgt, die ihn mittels Hypnose manipulieren – was nicht ohne Realitätsbezug ist, war er doch die letzten 19 Jahre seines Lebens in der Psychiatrie untergebracht. Die Herausgeber haben diesen Text transkribiert, ebenso wie weitere Akten aus dem Staatsarchiv Basel (Gerichtsprotokolle, Anstaltsakten), die seine "Fall"-Geschichte nachvollziehbar machen. Es handelt sich um ein ungewöhnliches persönliches Zeugnis, das über sich hinausweist und ungewohnte Perspektiven auf eine turbulente Phase der Stadtgeschichte Basels eröffnet. Sechs Essays kommentieren diese Dokumente aus der Zeit um 1900 und rücken sie in ihre zeitgeschichtlichen Kontexte. Gebunden. 226 Seiten, 16 Abbildungen, ISBN 978-3-7965-2275-8. Basel: Schwabe Verlag 2007. € 29.50 / sFr 42.–
Peter Lehmann

Peter Netz: Psychisch kranke alte Menschen und soziale Unterstützung. Vom Bürger zum Heimbewohner oder warum psychisch kranke alte Menschen in ein Heim übersiedeln
Dissertation, die sehr akademisch durch den Vergleich zweier 16köpfiger ›Fallgruppen‹ nachweist, dass ›psychisch kranke‹ alte Menschen nicht wegen ihrer ›psychischen Krankheit‹, sondern wegen fehlender sozialer Unterstützung in Pflegeheimen landen. Wen wundert's. Psychopharmakologisch bedingte Persönlichkeitsveränderungen und Leistungseinbußen sind allerdings ohne Begründung außer acht gelassen. Kart., 230 S., Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 1997. DM 38.– / sFr 35.– / öS 281.–
Peter Lehmann

Meinolf Noeker: Subjektive Beschwerden und Belastungen bei Asthma bronchiale im Kindes- und Jugendalter
Dissertation eines Psychologen über die häufigste chronische Krankheit bei Kindern und Jugendlichen, wegen der Gewichtung der Aussagen der Kinder für betroffene Eltern interessant. Viel Statistik und Methodik, eine empirische Untersuchung eben, bei der man sich brauchbare Ergebnisse herauspicken muss. Kartoniert, 227 Seiten, Frankfurt/M.: Peter Lang 1991, DM 69.–
Kerstin Kempker

Ursula Nuber (Hg.): Bin ich denn verrückt? Was Psychotherapie für Frauen leistet und was nicht
Die Psychologin Nuber ist Redakteurin bei »Psychologie heute«, und auf diesem Niveau bewegen sich auch die Beiträge der anderen Autorinnen, zumeist Psychologinnen. Es ist eines der wenigen Bücher, die ich ohne Bleistift lese, weil ich zwar oft innerlich nicke, aber meist die Achseln zucke: ja, und? Ich lese es, wie ich eine alte Stulle mit Margarine esse oder einen Krimi nach Schema F anschaue, nebenbei; es gibt keine Ideenwürze, nichts, was im Kopf hängenbleibt, keine Anregung, kein Stachel. Für jemanden, der oder die gar nichts anderes zu lesen hat und sich zum ersten Mal mit der Frage »Therapie – ja oder nein« befasst, mag's hilfreich sein, sich die sehr verständlichen, mit Beispielen verzierten und in großen Lettern gedruckten Kapitel – angefangen bei Eva: »Krankheitsursache: Weibliches Geschlecht« über Therapieerfahrungen bis zu »Therapie: die riskante Chance« – reinzuziehen. Am Ende gibt es ein kleines Bonbon, die unterhaltsame Schimpfrede auf »Therapie: die größte Trickbetrügerei« von Fay Weldon, der begnadeten Autorin von »Die Teufelin«, »Frau im Speck« u.v.a. Kart., 186 S., 16 Abb., Stuttgart: Kreuz Verlag 1994. DM/sFr 29.80 / öS 233.–
Kerstin Kempker

Rita Nussbaumer / Theo Vogel: Düfte für Körper und Seele. Grundlagen der Aromatherapie
Die 40 wichtigsten ätherischen Öle in einem Grundlagenwerk zur Aromatherapie. Wer sich damit verwöhnen will, findet hier die notwendigen Informationen in ausführlichen Steckbriefen mit den therapeutischen Wirkungen, Anwendungsmöglichkeiten und Rezepturen. Gebunden, 157 Seiten, 40 vierfarbige Aquarelle, ISBN 3-935407-03-3. Weil der Stadt: Natura Viva Verlag 2005. € 19.90
Peter Lehmann

Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge
Der Autor reflektiert seine Bemühungen, mit der Persönlichkeitsveränderung seiner älter werdenden Mutter, ihrer immer verzerrter werdenden Wirklichkeitswahrnehmung, ihrer zunehmenden Vergesslich-, Zwanghaftig- und Starrköpfigkeit und ihrer Neigung zu Alkohol klarzukommen, und rechtfertigt seine offenbar alternativlosen Versuche, ihr mit List, Lügen und Betrug einigermaßen humane Lebensbedingungen zu sichern, so dass sie so lange in ihrer Wohnung bleiben kann, bis dann doch die Verlegung ins Heim (unter der Vorspiegelung, nur vorübergehend zu einer Untersuchung dableiben zu sollen) nötig wird. Ein ehrlich geschriebenes Buch über die vertrackten Probleme vieler Menschen mit ihren hinfällig werdenden Eltern in modernen Lebensverhältnissen. Gebunden mit Schutzumschlag, 127 Seiten, ISBN 978-3-88897-485-4. München: Antje Kunstmann Verlag 2007. € 14.90
Peter Lehmann

Ingrid Olbricht: Was Frauen krank macht. Der Einfluss der Seele auf die Gesundheit der Frau
Die Chefärztin einer Psychosomatischen Abteilung schreibt gut lesbar und eingehend über körperliche Besonderheiten und Beschwerden von Frauen, eingeteilt nach Lebensphasen. Maßvoll kritisch zu männlich-ärztlicher Diagnostik, Verschreibungs- und OP-Praxis. Ganzheitlicher, psychotherapeutischer Ansatz. 288 S., München: Kösel Verlag 1993. DM 34.– / sFr 34.80 / öS 265.–
Kerstin Kempker

Michel Onfray: Anti Freud – Die Psychoanalyse wird entzaubert
Nach Jeffrey Massons grundlegenden Buch "Was hat man dir, du armes Kind getan" liegt mit "Anti-Freud" eine Folge-Abrechnung mit Sigmund Freud vor, diesmal geschrieben von dem ehemals glühenden Freudianer Michel Onfray. Weder habe Freud das Unbewusste alleine entdeckt, noch stellten Fehlleistungen und Träume den Königsweg zum Unbewussten her, noch sei die Psychoanalyse eine wissenschaftliche oder emanzipatorische Disziplin, die Aussagen über Dritte jenseits ihres Erfinders zulasse, noch ermögliche die Couch die Heilung von Psychopathologien, noch führe das Bewusstmachen einer Verdrängung mechanisch zum Verschwinden von Symptomen, noch gebe es einen universellen Ödipuskomplex, noch seinen Klienten, die Widerstand gegen ihre Psychoanalyse leisten, deshalb neurotisch. Freud habe gelogen, kaschiert, an seiner eigenen Legende gearbeitet, lediglich aus den Defiziten seiner eigenen Person das Brimborium Psychoanalyse als vermeintlich wissenschaftliche Methode entwickelt. Auf über 500 gut lesbaren Seiten und durch Quellen belegt zeigt Onfray den Freudismus als schamanisches Vermächtnis eines reaktionären Frauenhassers und postmodernen Hexenmeisters aus Wien. Gebunden mit Schutzumschlag, 540 Seiten, ISBN 978-3-8135-0408-8. München: Albrecht Knaus Verlag 2011. € 24.99 / sFr 38.80
Peter Lehmann

Judith Orloff: Jenseits der Angst. Eine Ärztin findet den Weg zu ihren außersinnlichen Fähigkeiten
Buch in der Tradition Grofs und anderer, die dafür plädieren, nur echten ›Schizophrenen‹ Psychopharmaka zu verabreichen (Psychiaterin Orloff sinnbildlich: »Bestimmte Personen haben ein grundsätzliches biochemisches Ungleichgewicht in ihrem Gehirn, das dazu führt, dass einige Drähte in ihrem Inneren sich überkreuzen.«), die eigene Lieblingsgruppe von ›Patienten‹ – in diesem Fall psychiatrisierte Menschen mit seherischen Fähigkeiten – mit Zuwendung und Verständnis zu bedenken. Geb., 463 S., München: Heyne Verlag 1997. DM 36.– / sFr 33.– / öS 263.–
Peter Lehmann

Linda Orth u.a.: »Pass op, sonst küss de bei de Pelman« – Das Irrenwesen im Rheinland des 19. Jahrhunderts
Das Buch versteht sich als Beitrag zur Sozialgeschichte speziell des um die Bonner Landes-›Klinik‹ gelegenen Raums. 5 Profis, meist psychiatrisch Tätige, arbeiteten Archive durch und präsentieren nun ihre Arbeit über die »Dame Psychiatrie« – gemäß einem liebevoll gemeinten Ausspruch des ehemaligen Anstaltsleiters Carl Pelman. Es sei der Versuch unternommen worden, die Psychiatriegeschichte aus der Sicht der Beteiligten und Betroffenen darzustellen. Aus der Sicht der Beteiligten: dies ist gelungen, wenn damit die psychiatrisch Tätigen gemeint sind. Aus der Sicht der Betroffenen: da keine am Buch mitgeschrieben haben, ist mir schleierhaft, wie die AutorInnen diesen Anspruch eingelöst haben wollen. Das Buch bietet viel Material, wie primitiv-brutal die Psychiatrie damals war, und belegt diese Aussage mit vielen Fotos und sonstigen Originaldokumenten. Ein klare Aussage, aus der so etwas wie Mitgefühl für die Behandelten deutlich geworden die und über die sachliche Darstellung der psychiatrischen Gewalt hinausgegangen wäre, habe ich allerdings vermisst. Fast ausnahmslos sind es Weißkittel, die (in Dokumenten und Zitaten) zu Wort kommen, dabei bin ich überzeugt, dass in den Archiven der Anstalten auch viele Beschwerdebriefe und Anklagen der Untergebrachten liegen, die zu solch einer Veröffentlichung unbedingt dazugehörten. Aber diese historischen Beschwerden über die traditionellen primitiv-brutalen Psychiatriemaßnahmen hat man offenbar ebensowenig ernst genommen, wie man dies heutzutage mit den Beschwerden über die modernen psychopharmakologischen Maßnahmen handhabt. Kart., 176 S., 92 Abb., darunter viele Faksimile, Bonn: Verlag Grenzenlos e.V. 1996. DM 24.80
Peter Lehmann