Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
zuletzt aktualisiert am 11. August 2014

FAPI
-Nachrichten – Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. A – C

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Patch Adams / Maureen Mylander: Gesundheit! Bringt auf einzigartige Weise frischen Wind in die Segel Ihrer Gesundheit, ins Gesundheitswesen und unser ganzes Gesellschaftssystem
Wer sich für den US-amerikanischen "Spaßdoktor" interessiert, findet hier alles Wissenswerte. Kartoniert, 256 Seiten, 10 Abbildungen, Oberursel: 12 & 12 Verlag 1997. € 15.29
Peter Lehmann

Valentin Aichele / Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.): Das Menschenrecht auf gleiche Anerkennung vor dem Recht – Artikel 12 der UN-Behindertenrechtskonvention
Herausgegeben ist das Buch von Valentin Aichele vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Dieses wurde 2009 damit betraut, die Funktionen einer unabhängigen Monitoring-Stelle gemäß der UN-Menschenrechtskonvention wahrzunehmen und zu kontrollieren, inwieweit Deutschland der Umsetzung seiner menschenrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Die Autorinnen und Autoren des Buches schauen also auf diejenigen menschenrechtlich sensiblen Bereiche, in denen die deutsche Rechtsordnung Menschen mit Behinderungen anders behandelt als nichtbehinderte. Im ersten Kapitel über grundlegende Perspektiven setzen sich Valentin Aichele und Theresia Degener mit der Auslegung des Artikels 12 aus völkerrechtlicher Sicht auseinander. Klaus Lachwitz befasst sich mit der Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung und prüft, inwieweit dieser Personenkreis rechtlich handlungsfähig ist und wie die Unterstützungsverschaffenspflicht im Detail ausgestaltet ist, wobei er positive Beispiele aus dem Ausland aufzeigt. Wie sich die UN-Konvention auf die rechtliche Handlungsfähigkeit von Kindern mit ihren sich entwickelnden Fähigkeiten auswirkt, zeigt Lothar Krappmann auf. Im Kapitel 2 geht es um die rechtliche Handlungsfähigkeit von Behinderten in Verwaltungs- und Gerichtsverfahren, unter anderem auch in Arbeitsgerichts- und Strafverfahren. Für Psychiatriebetroffene am interessantesten ist sicher Kapitel 3 mit den Beiträgen "Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft nach Artikel 19 UN-BRK als Ausdruck rechtlicher Handlungsfähigkeit" von Minou Banafsche und insbesondere "Menschen in Krisen: Unterbringung und Zwangsbehandlung in der Psychiatrie" von Ralf Marschner, von Beruf Jurist und Diplom-Sozialpädagoge. Verständlich erläutert er die Auswirkungen von Artikel 12 der UN-Behindertenkonvention auf Unterbringung und Zwangsbehandlung und stellt auch den Zusammenhang mit den jüngsten höchstrichterlichen Entscheidungen her, die erstmals die UN-Behindertenkonvention berücksichtigen und das psychiatrische Recht auf gewaltsame Verabreichung von Psychopharmaka stark einschränken. Trotzdem plädiert er dafür, Psychiatern das Recht auf Zwangsbehandlung zu belassen, da ansonsten nach Polizeirecht mit Menschen in emotionalen Krisen verfahren werde. Gleichzeitig schließt er ein psychiatrisches Recht auf Zwangsbehandlung aus für den Fall, dass die Behandlung nicht mit einem vernachlässigbaren Restrisiko irreversibler Gesundheitsschäden verbunden ist. Dieser Widerspruch in der Argumentation und auch die Tatsache, dass der Autor den Tatbestand traumatisierender Gewalterfahrungen vollkommen außer Acht lässt, zeigt, wie wichtig es ist, trotz einer wohlmeinenden Haltung auch erfahrungswissenschaftlich orientierten Vertretern von Betroffenenorganisationen die Möglichkeit zur Artikulation zu geben. Die Gefahr, dass sich die jahrhundertealte Bevormundung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen im Gewand moderner Fürsprache fortsetzt, bedarf ständiger Reflexion darüber, ob die erfahrungswissenschaftlich orientierte Argumentation der weltweit gegen das psychiatrische Recht auf gewaltsame Verabreichung von Psychopharmaka und Elektroschocks vereinten repräsentativen Betroffenenverbände, die maßgeblich an der Entstehung der UN-Behindertenrechtskonvention beteiligt waren, in angemessener Weise aufgegriffen wurden. Weitere Beiträge innerhalb von Kapitel 3 betreffen fremdnützige Forschung und die Einwilligung Betreuender in die Sterilisation geistig Behinderter als Verstoß gegen die UN-Menschenrechtskonvention. Im letzten Kapitel versammeln sich Beiträge, die die Frage angehen, ob das deutsche Betreuungsrecht konventionskonform ist und dem Problem, dass Betreuer noch immer das von ihnen definierte "Wohl der betreuten Person" über deren Wünsche stellen und somit gegen die Wunschbindungsverpflichtung stellen können. Im abschließenden Kapitel 4 stellt Robert Northoff ein Erwachsenenhilfegesetz vor, das wegführt von Betreuung und Psychiatrisierung und hin zu einem System von Rechtsansprüchen auf Förderung von Hilfe und unter anderem eine verstärkte Werbung für Vorsorgevollmachten und - im Endeffekt Geld einsparende - verstärkte soziale Arbeit und Betreuung durch die Kommunen beinhaltet. Fazit: Man merkt den Beiträgen an, dass sich die Autorinnen und Autoren seit langem eingehend mit der Materie auseinandergesetzt haben. Auch wenn man ihre Sichtweise und Argumentation im Einzelnen nicht uneingeschränkt teilen muss, bietet der Sammelband eine fundierte Basis für alle, die sich tiefgreifend mit dem aktuellen Stand der Umsetzung der UN-Behindertenkonvention beschäftigen und versuchen wollen, auch die Stimme von Betroffenen zu Gehör zu bringen, um mitzuhelfen, dem Monolog der Experten ein Ende zu setzen und gemeinsam mit den bereits ernsthaft Engagierten das Undenkbare durchzusetzen: das Menschenrecht auf gleiche Anerkennung vor dem Recht ohne Wenn und Aber. Rezension im BPE-Rundbrief. Kartoniert, 398 Seiten, ISBN 978-3-8329-7153-3. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013. € 86.- / sFr 107.50
Peter Lehmann

Götz Aly: Die Belasteten – ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
Der Autor, Vater einer behinderten Tochter, bringt mit seinem neuesten Buch eine Arbeit zuende, die er 1981 begann, seinerzeit jedoch nicht beendete, da sein Antrag auf ein Habilitationsstipendium von der Deutschen Forschungsgemeinschaft abgelehnt worden war. Bestärkt von vielen Briefen Angehöriger, die mittlerweile nach ihren ermordeten Familienmitgliedern fragen, beschreibt Götz Aly mit großer Präzision, wie die »Euthanasie«-Morde von Verrückten, Behinderten, Arbeitsunfähigen und -unwilligen, Hilfsbedürftigen und anderen Menschen mit störender und unbequemer Lebens- und Sinnesweise während der Zeit des deutschen Faschismus organisiert wurden und wie sie konkret vor sich gingen, sowohl in Deutschland als auch in den überfallenen Gebieten. Thema ist auch die flächendeckende Einführung von Elektroschockapparaten, um Menschen rasch »symptomfrei« machen und nach ihrer Sterilisierung an ihren Arbeitsplatz zurückschicken zu können. Der Autor verwendet dabei viele Dokumente, die von »Euthanasie«-Betroffenen, Überlebenden und Familienangehörigen verfasst wurden. Dabei macht er deutlich, wie wesentlich die Haltung der Familien war: ob sie den Kontakt zu ihren untergebrachten Angehörigen hielten, sich für ihre Belange einsetzten, sie wieder zu sich holen wollten und gegen die befürchtete Ermordung protestierten (was durchaus zur Freilassung der Betroffenen führen konnte), oder ob sie froh waren, von einem als Belastung empfundenen Menschen befreit zu werden. Dankenswerterweise macht Götz Aly Schluss mit der verbreiteten Praxis, die Betroffenen durch die Verwendung von Initialen unkenntlich und zu anonymen Unpersonen zu machen. Folgerichtig plädiert er, in Gedenkstätten die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen. Durch die Tatsache, dass der Autor die Betroffenen und nicht mehr die Täter in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, hebt sich sein Buch deutlich von aller vorangegangenen Literatur zum Thema ab und zeugt von einer neuen, betroffenenzentrierten Qualität. Kein Buch für zarte Gemüter, aber (neben den Büchern von Ernst Klee) die Grundlagenliteratur zum Verständnis der medizinisch-psychiatrischen Massenmorde während des Faschismus und insbesondere der Leiden der psychiatrisch Gequälten und Ermordeten. Rezension im BPE-Rundbrief. Gebunden mit Schutzeinschlag, 348 Seiten, ISBN 978-3-10-000429-1. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2013. € 22.99
Peter Lehmann

Ingvar Ambjörnsen: Blutsbrüder
Der Autor, Sozialarbeiter, beschreibt literarisch aus seiner (professionellen) Sicht den Versuch zweier Psychiatriebetroffener, wieder im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Wem »Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen« gefiel, wird auch Freude an den »Blutsbrüdern« finden. Nachdem den beiden Männern in der Anstalt (Roman!) offenbar geholfen wurde, haben sie mit ihrem Sozialarbeiter einen hilfsbereiten, unaufdringlichen und allen Problemen gegenüber aufgeschlossenen Helfer, der sie beim Bestehen der sympathisch und leicht ironisch geschilderten Anforderungen des bürgerlichen Lebens unterstützt. Roman. Geb., 256 S., München: Fretz & Wasmuth Verlag 1997. DM 36,90 / sFr 36,90 / öS 269,-
Peter Lehmann

Michaela Amering / Margit Schmolke: Recovery – Das Ende der Unheilbarkeit
Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen Bereich, den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische Kreise breit einsetzen. "Recovery" kann man übersetzen mit Bergung, Besserung, Erholung, Genesung, Gesundung, Rettung oder Wiederfindung. Die positive Konnotation der Hoffnung ist allen Verwendungstypen gemeinsam, kann aber in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche meinen mit Recovery die Erholung von einer psychischen Krankheit, das Nachlassen der Symptome oder die Gesundung. Andere denken dabei an die Erholung von unerwünschten Wirkungen der verabreichten Psychopharmaka nach dem Absetzen, die Wiedergewinnung der Freiheit nach Verlassen des psychiatrischen Systems oder die "Rettung aus dem psychiatrischen Sumpf". Im vorliegenden Buch geht es um Recovery durch psychiatrische Behandlung, rasante Entwicklungen hätten hierzu beitragen. Damit meinen die Autorinnen offenbar atypische Neuroleptika à la Zyprexa, bekannt geworden durch seine Diabetes-auslösende Potenz. Die Autorinnen informieren über viele psychiatrische Recovery-Programme im In- und Ausland, von denen man sonst nie etwas hören würde (leider ohne auf die Frage der Praxisrelevanz einzugehen). Manche Leser werden sich freuen, dass eine Reihe von Publikationen Psychiatriebetroffener aufgelistet werden, dass Forschung und Fortbildung aus der Perspektive Psychiatriebetroffener thematisiert wird und ein Paradigmenwechsel des psychiatrischen Glaubens an die sogenannte Unheilbarkeit von Geisteskrankheiten gefordert wird. Mir allerdings gibt die Ausblendung psychiatriekritischer (antipsychiatrischer) Erfahrungen von Leuten zu denken, die sich wieder erholt haben, indem sie der Psychiatrie den Rücken kehrten. Pat Bracken vom Internationalen Netzwerk für Alternativen und Recovery (INTAR – www.intar.org) schreibt in dem Buch "Statt Psychiatrie 2" : "Die radikalste Folgerung der Recovery-Bewegung (...) besteht in der Feststellung, dass es die Betroffenen sind, die das größte Wissen und die meisten Informationen über Werte, Bedeutungen und Beziehungen besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung sind sie die wahren Experten." Man mag es eigentlich nicht mehr lesen, wenn psychiatrisch Tätige sich selbst für die einzig wahren Experten halten. Dass in diesem Weltbild noch nicht einmal INTAR einen Platz hat, ein internationaler Zusammenschluss aller wesentlichen Alternativansätze wie Soteria oder Windhorse, ist traurig. Kartoniert, 302 Seiten, ISBN 978-3-88414-421-3. Bonn: Psychiatrieverlag 2007. € 24.90 / sFr 43.70
Peter Lehmann

Linda Andre: Doctors of deception—What they don't want you to know about shock treatment
in Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy , Vol. 9 (2009), No. 4, pp. 231-232 and in Advocacy Update – The latest in activism and community news from ENUSP , Vol. 1 (2010), No. 1, pp. 24-25; Greek translation in Advocacy Update (Greek edition) , Vol. 1 (2010), No. 1, pp. 19-20
Peter Lehmann

Christophe André: Alles über Angst – Wie Ängste entstehen und wie man sie überwinden kann
Der Autor, ein Pariser Psychotherapeut und Psychiater, plädiert darauf, die Ursachen von Ängsten aufzudecken, gleichzeitig jedoch sich täglich darum zu bemühen, die Angstsymptome unabhängig von den Ursachen zu beherrschen. Sorgfältig bearbeitet er in einzelnen Kapiteln die Fragen, was normale Ängste von sogenannten pathologischen Ängsten unterscheidet, woher Ängste und Phobien kommen, wie ihr Mechanismus abläuft, wie man am besten beginnt, der Angst entgegenzutreten. Es folgen Vorzüge der kognitiven Verhaltenstherapie, mit der sich indirekt, aber dennoch wirksam auf das den Gedanken und Gefühlen zugrunde liegende Nervensystem einwirken und so eine emotionale Aktivierung und der Einsatz neuer synaptischer Verknüpfungen hervorrufen lasse. In einem weiteren Kapitel werden alle möglichen speziellen Ängste vorgestellt: Ängste vor Tieren, Flugangst, Schüchternheit, Lampenfieber, die Angst rot zu werden. Es folgt ein Kapitel über Angstattacken, Panikanfälle und Agoraphobie incl. Erste-Hilfe-Maßnahmen, um sich nicht selbst verrückt zu machen, und zuletzt folgt ein Kapitel zu Ängsten, die der Autor eher als selten betrachtet, beispielsweise Angst vor Inkontinenz, Angst vor sexuellen Beziehungen und sexuellem Versagen, Angst vor dem Tod. Das Buch ist geeignet für alle, die sich einen Überblick über die Vielfalt von Ängsten und psychotherapeutisches Herangehen verschaffen wollen und die daran Gefallen haben, dass der Autor, ein Psychiater, seine mit dem Zeitgeist der Neurobiopsychologie kompatiblen Ausführungen mit einer Vielzahl von Beispielen aus der Geschichte und Belletristik sowie "Fall"-Geschichten illustriert, ohne dass letztere je als Subjekte selbst zu Wort kommen. Gebunden mit Schutzumschlag, 299 Seiten, ISBN 978-3-7831-3262-5. Stuttgart: Kreuz Verlag 2009. € 19.95 / sFr 35.80
Peter Lehmann

Marcia Angell: Der Pharma-Bluff – Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist
Kritisches und lesenswertes Buch zu – problemlos auf den deutschsprachigen Raum übertragbaren – üblichen und üblen Marketingstrategien für Medikamente und psychiatrische Psychopharmaka. Über Arzneimittelprüfungen an Freiwilligen, das Missverhältnis zwischen Ausgaben für Forschung und Werbung sowie gefälschte Zahlen, Scheininnovationen, Abzocke der Steuerzahler, Einseitigkeit bei Publikationen oder Unterdrückung unangenehmer Erkenntnisse, Bestechung, direkte Verbraucherwerbung, als Fortbildung, Forschung und Aufklärung getarntes Marketing, Fachtagungen als Werbemaßnahmen, Dichtung und Wahrheit bei klinischen Prüfungen. Ein Glossar hilft beim Verständnis der amerikanischen Begriffe, Verbände und Verordnungen. Das Buch handelt auch von psychiatrischen Psychopharmaka (u.a. dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paxil [Wirkstoff Paroxetin, hierzulande im Handel als Allenopar, Aroxetin, Deroxat, Ennos, Euplix, Oxet, ParoLich, Paroxat, paroxedura, Paroxetin, Seroxat, Tagonis], und Prozac [Wirkstoff Fluoxetin, hierzulande im Handel als Felicium, Flox-ex, Fluctin, Fluctine, Fluneurin, Fluocim, Fluox, fluox-basan, FluoxeLich, Fluoxemerck, Fluoxe-Q, Fluoxetin, Fluoxgamma, Fluoxibene, Fluoxifar, FluoxiStad, Fluoxityrol, Flusol, Flux, Fluxet, Fluxil, FluxoMed, Fysionorm, Mutan, Mutin, Positivum, Prozac], sowie dem auch aus psychiatrischen Überlegungen heraus verwendeten Antiepileptikum Neurontin [Wirkstoff Gabapentin). Der Verlag schreibt zwar, die deutschen Markennamen würden nichts zum besseren Verständnis der geschilderten Sachverhalte beitragen, aber wenn schon einzelne amerikanische Markennnamen genannt werden, möchte man doch gerne wissen, wovon die Autorin konkret spricht. Aus diesem Grund habe ich die aktuellen (Stand: Juli 2005) Markennamen im deutschsprachigen Raum hier aufgelistet. Übersetzung aus dem Amerikanischen, Originalausgabe 2004. Gebunden, 288 Seiten, ISBN 3-9806621-9-5. Bonn / Bad Homburg: KomPart VerlagsGmbH 2005. € 24.80 / sFr 45.70
Peter Lehmann

Rainer Appell (Hg.): Homöopathie, Psychotherapie und Psychiatrie. Hahnemanns weiterwirkender Impuls
Sammlung von kritischen (und z.T. homöopathische Grundkenntnisse voraussetzenden) Referaten der internationalen Hainsteintagung von 1992. Wer sich für eine humane und verstehende Psychotherapie interessiert, findet bei Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, die Vorwegnahme ihrer wesentlichen Elemente (Ganzheit, Gewaltlosigkeit, Verstehen). Hahnemanns Erfahrungen, so im Buch nachzulesen, seien heute von unverminderter Aktualität, da sie helfen könnten, dem in der modernen Psychiatrie oft zum Schweigen verurteilten Menschen seine Sprache wiederzugeben und ihm Gehör zu verschaffen. Das klingt gut, wird auch durch Fallbeispiele beschrieben, die zeigen, wie homöopathische Mittel Veränderungsprozesse bei Menschen einleiten, die – durch welche Umstände auch immer – in Sackgassen ihrer Entwicklung gelangt sind. Man darf gespannt sein, wie sich diese Menschen zu den Berichten äußern, wenn sie die Gelegenheit haben, schriftlich Stellung zu nehmen, denn letztlich können es nur die homöopathisch Behandelten selbst sein, die optimistische Behandlungsberichte anderer bewerten. Geb., 231 S., 31 Abb., Heidelberg: K.F. Haug Verlag 1993. DM 68,- / sFr 68,- / öS 530,-
Peter Lehmann

Kurt Marc Bachmann / Wolfgang Böker (Hg.): Sexueller Missbrauch in Psychotherapie und Psychiatrie
Ergebnis einer Tagung vom November 1991 in Bern, herausgegeben von zwei Psychiatern. 5 PsychiaterInnen, 6 PsychologInnen, eine Sozialwissenschaftlerin und eine Juristin geben Definitionen, Literatur und aktuelle Zahlen wieder, stellen den Täterprofilen und -argumenten die erheblichen Folgeschäden der betroffenen (meist) Frauen gegenüber und äußern sich zu Prophylaxe und Sanktionen auf der einen und zu Anlaufstellen und Folgetherapien auf der anderen Seite. Besonders aufschlussreich fand ich den Artikel über sexuellen Missbrauch in der Psychiatrie. Nach einer anonymen Befragung an zwei Schweizer Anstalten gaben vom ›Pflegepersonal‹ 16,8% der Männer und 10,5% der Frauen (!) sexuelle Kontakte zu InsassInnen an. Ein nüchternes, klares, informatives Buch, wissenschaftlich, aber gut zu lesen. Kart., 168 S., Bern: Huber Verlag 1994. DM 39,80 / sFr 38,- / öS 311,-
Kerstin Kempker

Meinolf Bachmann / Andrada El-Akhras: Lust auf Abstinenz – Ein Therapiemanual bei Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit
Das Arbeitsheft beinhaltet Aufgabenmaterialien und Informationen rund um die Psychotherapie substanzgebundener Abhängigkeitserkrankungen für die Begleitung beim Entzug mit den Schwerpunkten Beziehungen und soziale Kompetenzen, Gefühle, Geld, Rückfallverhütung und Alternativen zum Suchtverhalten. Das übersichtlich gegliederte Manual beinhaltet auch Material für die Patientenmaterial und behandelt Themen wie Wege aus der Sucht, Aufbau von Krankheitseinsicht, besserer Umgang mit Gefühlen, Verminderung des Rückfallrisikos speziell in der ersten Zeit nach der Therapie oder optimale Gestaltung von Selbsthilfegruppen. Leider beziehen Bachmann und El-Akhras in ihrem Arbeitsheft nur Menschen ein, die süchtig nach Alkohol, Schlafmittel und Benzodiazepinen bzw. von ihnen abhängig sind; Abhängigkeit von Antidepressiva und Neuroleptika scheint es für sie nicht zu geben. Insofern eignet sich das Buch nur bedingt für Psychiatriebetroffene, die Hilfe wollen beim Absetzen von Antidepressiva und Neuroleptika. Reflexion von Gefühlen und sozialen Beziehungen, Rückfallverhütung und nichtpsychopharmakologische Wege, ansonsten zur Wiedereinnahme psychiatrischer Psychopharmaka führende Konflikte zu lösen, kann man aber durchaus aus diesem Handbuch ebenso übernehmen wie alle anderen vernünftigen Vorschläge, Lust auf ein Leben ohne persönlichkeitsverändernde Substanzen zu entwickeln. Kartoniert, VIII + 179 Seiten, ISBN 978-3-540-89225-0. Berlin: Springer Verlag 2009. € 39.95 / sFr 54.–
Peter Lehmann

Kurt Bader / Christian Elster / Birte Ludewig u.a.: Zu Hause sein im Fragen – Ein ungewöhnlicher Forschungsbericht
Ein sehr lebendiger, offener und mit schönen farbigen Abbildungen der Beteiligten und diverser Tätigkeiten illustrierter Bericht von einem gemeinsam getragenen Forschungsprojekt zur Verbesserung der Lebensqualität. Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen, mit ambulanten und stationären Angeboten und Praktiken der Psychiatrie. Interessant für alle, die sich mit dem aktuellen Thema der nutzerkontrollierten Forschung bzw. Forschung unter aktiver Einbeziehung von Betroffenen beschäftigen. Herausgegeben vom Forschungsprojekt Lebenswelten. Kartoniert, 202 Seiten, farbige Abbildungen, ISBN 3-926200-68-5. Neumünster: Paranus Verlag Die Brücke 2006. € 19.- / sFr 33.60
Peter Lehmann

Claudine Badey-Rodriguez / Rietje Vonk: Wenn alte Eltern schwierig werden – Für einen entspannten Umgang miteinander
Lockerer, leicht und schnell lesbarer Ratgeber, geeignet für Leute, die sich noch nicht Gedanken gemacht haben und sich plötzlich verändert verhaltenden Eltern gegenüberstehen. Eigentlich eher ein Psycho-Ratgeber im Umgang oder zur Abgrenzung, mangelt es dem Buch an einer reflektierten Position hinsichtlich körperlichen Veränderungen bei den Eltern, die ja in der Regel mit psychischen beim Älterwerden einhergehen. Speziell wenn es dann um Depressionen geht, die körperlich bedingt sein können, z.B. als psychische Komponente der Parkinsonerkrankung oder als Folge eines Schlaganfalls, ist der Verweis, mit dem Arzt zu reden, etwas dürftig, und angesichts dessen Hang zu synthetischen Psychopharmaka (oder gar Elektroschocks, wenn es zur Anstaltseinweisung kommt und die Depressionen zunehmen und sich verstärken), etwas fahrlässig. Kartoniert, 127 Seiten, ISBN 978-3-491-40103-7. Düsseldorf: Patmos Verlag 2007. € 14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann

Lee Baer: Der Kobold im Kopf. Die Zähmung der Zwangsgedanken
Lee Baer, Psychologe am Behandlungszentrum für Menschen mit Zwangsstörungen am General Hospital von Boston und mittlerweile am McLean Hospital Leiter einer Gesprächsgruppe für Menschen, die unter negativen Gedanken leiden, beschreibt und kategorisert anhand von Fallbeispielen Zwangsgedanken, die als Mordgedanken, Fantasien von Missbrauch und Vergewaltigung sowie blasphemische Sätze auftauchen können, um dann die Ursachen ihres Auftretens zu untersuchen und wirksame kognitiv-psychotherapeutische Wege zu beschreiben. Zuletzt kommt er auf die Grenzen psychotherapeutischer Interventionen und Selbsthilfe zu sprechen und empfiehlt vor allem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, ohne aber vor Abhängigkeitsproblemen und vor allem der Gefahr suizidaler und homozidaler Risiken zu warnen, was dem Buch einen negativen Beigeschmack verleiht. Kartoniert, 183 Seiten, 978-3-456-84949-2. Bern: Verlag Hans Huber. 3., unveränderte Neuauflage 2011. € 19.95 / sFr 29.90
Peter Lehmann

Tim Bärsch / Marian Rohde: Kommunikative Deeskalation. Praxisleitfaden zum Umgang mit aggressiven Personen im privaten und beruflichen Bereich
Buch mit vielen Vorschlägen zum Umgang mit aggressiven Personen von Marian Rohde, Kommunikationstrainer und Leiter einer geschlossenen psychiatrischen Station, und Tim Bärsch, Deeskalationslehrtrainer für die Gewalt-Akademie Villgst. Die beiden Autoren empfehlen beispielsweise aktives Zuhören, den Gegenüber ausreden lassen, Gesprächspausen ertragen, nachfragen, Blickkontakt halten. Ihre Ratschläge gelten auch für Patientinnen und Patienten, die von psychiatrischer Gewalt bedroht sind, sowie für sie unterstützende Angehörige und Freunde oder für Mitglieder von Besuchskommissionen. Wer wissen will, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um sich von psychiatrisch Tätigen nicht provozieren zu lassen ( zum Beispiel, wenn man vermeiden will, dass wehrlose Zwangsuntergebrachte hinterher den Schlamassel ausbaden müssen), dem sei dieses Buch empfohlen. Natürlich gilt die Empfehlung auch für Menschen, die aus anderen Anlässen mit aggressiven Personen zu tun haben, zum Beispiel innerhalb normaler Familien, im Selbsthilfebereich, in alternativen Einrichtungen, in Vereinen........ Kartoniert, 144 Seiten, ISBN 978-3-8423-4164-7. Norderstedt: Books on Demand GmbH, 4. Auflage 2013. € 9.99
Peter Lehmann

Martin Baierl: Herausforderung Alltag – Praxishandbuch für die pädagogische Arbeit mit psychisch gestörten Jugendlichen
Dieses Buch richtet sich in erster Linie an alle mit Erziehungsaufgaben betrauten professionellen Helferinnen und Helfer, unabhängig von deren Ausbildung oder Arbeitsauftrag, und vermittelt ihnen ungebrochen das psychiatrische Mainstream-Wissen. Die Leser werden vertraut gemacht mit der (schubladenhaften) Diagnostik verschiedener psychischer Probleme und vor allen Dingen mit psychiatrischen Interventionsmöglichkeiten. Es ist nicht erkennbar, dass die Risiken und unerwünschten Wirkungen psychiatrischer Psychopharmaka für den Autor eine Rolle spielen; Entscheidungen über deren Einsatz sowie die davor liegende Diagnosenstellung sollen grundsätzlich dem "erfahrenen" Kinder- und Jugendpsychiater überlassen bleiben. Positiv gesehen, kann das Buch als Nachschlagewerk für Personen dienen, die wissen sollen, welchen Ideologien und Unterwerfungsmustern systemkonforme Menschen folgen, die mit Jugendlichen arbeiten, die als psychisch gestört gelten. Und für Personen, die nachlesen wollen, wie einfach es gemacht werden soll, die Verantwortung für wesentliche Entscheidungen im pädagogischen Bereich an Psychiater zu delegieren. Gebunden, 448 Seiten, 54 Tabellen, ISBN 978-3-525-49134-8, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 2010. € 39.90 / sFr 56.90
Peter Lehmann

Franco Basaglia: Die Entscheidung des Psychiaters – Bilanz eines Lebenswerks
Als Direktor einer Psychiatrischen Anstalt habe Basaglia gespürt, wie ein »symbolischer Scheißgeruch in der Luft lag. Ich war mir sicher, mich in einer völlig absurden Institution zu befinden, die nur dazu diente, daß der Psychiater am Monatsende sein Gehalt bekam.« Allein dieser Satz Basaglias, den Klaus Hartung in seinem einleitenden Beitrag zitiert, macht deutlich, weshalb die deutsche Psychiatrie so wenig Existenzielles von der demokratischen Psychiatrie Italiens übernehmen wollte – zu wohl fühlten und fühlen sich deutsche Psychiater in ihren Einrichtungen jedweder Coleur. Die Ablehnung psychiatrischer Krankheitsbegriffe als Grundlage der Etikettierung und Behandlung, statt dessen die Zurückverwandlung des psychiatrischen »Patienten« in ein Subjekt mit eigenen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten.... dies war Basaglias Entscheidung als Psychiater. »Der Psychiater weiß nichts, kompensiert diesen Mangel durch seine Macht.« Sein Anspruch an sich und seine Kollegenschaft, von der psychiatrischen Macht abzugeben und Menschen bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme sozialer Natur zu unterstützen und ihnen zu erträglichen (Über-)Lebensbedingungen zu verhelfen, bleibt sein Vermächtnis. Und dieses Vermächtnis mit erstmals publizierten Texten (über Psychiatrie mit ihrem Doppelcharakter als Befreiung oder Unterdrückung, über Psychiatrie und ihr Verhältnis zur Politik usw.) aus den Siebziger Jahren als Ansporn für die Kritik an der heutigen psychiatrischen Praxis vor dem Vergessen bewahrt zu haben, ist das Verdienst dieses Buches. Kartoniert, 256 Seiten, ISBN 3-88414-259-3. Bonn: Psychiatrieverlag 2002. sFr 41,80 / € 22,90
Peter Lehmann

Lucinda Bassett: Angstfrei leben – Das erfolgreiche Programm gegen Stress und Panik
Durch Umdenken Angst und Panikattacken überwinden, so lautet die Botschaft dieses sehr amerikanischen (und einfältigen) Buches. Die Autorin, eine ehemalige Betroffene, appelliert unentwegt an den Leser umzudenken und daran zu glauben, wovon sie selbst überzeugt ist. Je nach Bedarf schüttelt sie Erlebnisse mit Einzelpersonen, die ihre Aussagen stützen sollen, aus dem Ärmel ("Ein Mann kam eines Tages in unsere Gruppe und erzählte.....", "Viele Menschen haben mir folgendes gesagt.....", "Eines Tages kam eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu uns ins Midwest Center und erzählte uns....."). Schließlich empfiehlt sie den Lesern, Ärzte entscheiden zu lassen, ob sie für Antidepressiva und Beruhigungsmittel "geeignet" seien, und zuallerletzt wird noch der liebe Gott zur Problemlösung bemüht. "Denk daran – für ein glückliches Leben braucht es nicht viel", lässt die Autorin Marc Aurel am Ende ihres Buches sagen. Ob es zum glücklichen Leben ihres Buches bedarf? Kartoniert, 259 Seiten, ISBN 978-3-407-22819-2. Weinheim & Basel: Beltz Verlag, 9. Auflage 2009. € 15.95 / sFr 27.90
Peter Lehmann

Ronald Bassman: A fight to be—Psychologist's experience from both sides of the locked door
in Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy , Vol. 7 (2007), No. 4, p. 264
Peter Lehmann

Ruth Baumann u.a.: Arbeitsfähig oder unbrauchbar? Die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie seit 1933 am Beispiel Hamburgs
»Ruth Baumann hat Gutachten der ›furchtbaren‹ Jugendpsychiater vor und nach 1945 untersucht und verglichen. Während die Diagnosen vor 1945 viele Kinder ins Abseits oder in den Tod führten, machten die Psychiater nach 1945 Karriere und prägten auch dann noch die Kinder- und Jugendpsychiatrie.« (Ernst Klee) Kart., 213 S., Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag 1994. DM 42,- / sFr 43,30 / öS 328,-
Peter Lehmann

Josef Bechter: Neue Wege zu Gesundheit durch erfolgreiche Medizin
Laut dem Autor Bechter, einem ehemaligen Polizeibeamten, werden im Buch die Ursachen der Krankheitsflut erörtert und naturheilkundliche, effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethoden zu den häufigsten Zivilisationskrankheiten verständlich gemacht. Ebenfalls wird die Problematik der Alleinherrschaft der Schulmedizin, die wirtschaftlichen Interessen und Verflechtungen zwischen Pharmazie – Ärzteschaft – Gesundheitsbehörden – Politik angerissen. Ein Buch für alle, die den Glauben an die moderne Medizin (Notfallmedizin ausgenommen) völlig aufgegeben haben (und vice versa) und es statt dessen mit orthomolekularer Medizin, Kohlehydraten, Ölen und Fetten versuchen möchten. In Sachen Psychiatrie bietet der Autor außer Nährstofftherapie leider nichts. Chemische Medikamente könnten im Einzelfall dauerhaft erforderlich sein, bei einer ergänzenden Naturheiltherapie könne die Dosis aber oft wesentlich (und zum Teil sogar auf Null) reduziert werden. Wie sich naturheilkundliche Mittel und psychiatrische Psychopharmaka vertragen sollen, vergisst der Autor allerdings zu begründen. "Die Inanspruchnahme der richtigen Therapien" sei zur Gesundung nötig, dazu eine harmonische Umgebung für die Patienten und deren gute psychologische Betreuung. Mit richtiger Behandlung meint der Autor die bereits erwähnte Nährstofftherapie, die die seiner Meinung nach offenbar ausschließlich organisch und/oder genetisch bedingten psychischen Störungen ausgleicht. Psychiatriebetroffene als Subjekte, die sich mit Therapie oder in Selbsthilfe zur Aufarbeitung und Überwindung ihrer psychischen Probleme sozialer Natur machen, kommen in diesem biologisch geprägten Weltbild leider nicht vor,was das Buch für Psychiatriebetroffene wenig interessant macht und was die Aussagen auch nicht neu machen. . Wer sich mit orthomolekularer und Nährstofftherapie näher beschäftigen möchte, dem bzw. der sind Burgersteins Handbuch Nährstoffe oder das "Handbuch der Orthomolekularen Medizin" (Dietl / Ohlenschläger) ans Herz gelegt. Gebunden, 424 Seiten, 3-932576-70-5. Kernen: Sensei Verlag 2005. € 22.90
Peter Lehmann

Marty Becker: Heilende Haustiere. Wie Hund, Katze und Maus Sie seelisch und körperlich gesund halten
Haustiere bei Herzleiden, Hunde zur Traumabewältigung und Krebsfrüherkennung, große Hunde für hyperaktive Kinder, ehrenamtliche Arbeit im Tierheim oder persönliche Beziehungen zu Wellensittichen gegen Depressionen, Gesundheitschecklisten für die gesunde Mensch-Tier-Beziehung – ein aus dem Amerikanischen stammendes, in seiner Struktur etwas unübersichtliches Buch, aufbauend auf einem ziemlich veralteten biologischen Medizin- und vor allem Psychiatrieverständnis und durchsetzt mit Massen von Anekdoten. Insofern wäre ein Register extrem hilfreich gewesen. Wer das Buch aber wie ein Roman liest, kommt sicher auf seine Kosten, insbesondere wenn er oder sie nach Beispielen sucht, weshalb Tiere allemal besser sind als beispielsweise synthetische Psychopharmaka und andere Chemikalien. Rezension im BPE-Rundbrief. Gebunden mit Schutzeinschlag, 361 Seiten, 12 x 21,5 cm, ISBN 978-3-936994-24-7. München: riva Verlag 2007. € 22.- / sFr 37.-
Peter Lehmann

Monika Becker-Fischer / Gottfried Fischer: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie – Orientierungshilfen für Therapeut und Klientin
Das Buch ist eine Orientierungshilfe für alle Psychotherapiepatientinnen und -patienten, die auf der Suche nach einem integren Psychotherapeuten sind, sowie für alle interessierten Helfer. Täterprofile, Vorbeugung, juristische Gesichtspunkte, Hilfen – das sind einige der Stichworte, um die es in acht logisch gegliederten Kapiteln geht: "Sexuelle Übergriffe als Problem der psychotherapeutischen Profession", "Epidemiologie sexueller Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie", "Das Professionale Missbrauchstrauma: Vertrauensbruch und Machtmissbrauch der Tätertherapeuten", "Ergebnisse der Online-Nachfolgeuntersuchung 2006", "Was hilft beim Professionalen Missbrauchstrauma?", "Juristisches Vorgehen gegen Tätertherapeuten nach sexuellen Übergriffen", "Aufklärung der psychotherapeutischen Berufsgruppen und Folgerungen für die Ausbildung" und "Herstellung von Öffentlichkeit: Informationen und Hinweise für Betroffene und Angehörige". Welcher Teufel die Autoren allerdings geritten hat, als Anlaufstelle für Betroffene ausgerechnet eine holländische und keine deutschsprachige Website zu nennen, bleibt mir schleierhaft. Abgesehen von diesem Lapsus und dem Glauben der Autoren, die Lösung des Problems liege in einem Paradigmenwechsel, der durch die landläufige Forderung nach mehr Wissenschaftlichkeit und leider nicht nach prinzipieller Ausrichtung an den Erfahrungen der Betroffenen als der zentralen Kategorie), charakterisiert ist, lässt sich das Buch dennoch als zeitgemäßes Standardwerk zum Thema Sexueller Missbrauch in Psychotherapie und Psychiatrie für Betroffenen und Profis empfehlen. Kartoniert, 222 Seiten, ISBN 978-3-89334-460-4. Heidelberg: Asanger Verlag, 3., völlig neu bearbeitete Auflage 2008. € 25.50 / sFr 44.30
Peter Lehmann

Bernd Behrendt: Meine persönlichen Warnsignale: Ein psychoedukatives Therapieprogramm zur Krankheitsbewältigung für Menschen mit Psychoseerfahrung. Arbeitsbuch für Gruppenteilnehmer
Wer im Original nachlesen möchte, wie Psychiatriebetroffene in der Psychoedukation für dumm verkauft werden, für den dürfte dieses Arbeitsbuch interessant sein – aber nur zu diesem einzigen Zweck. Ansonsten ist das Buch hundsmiserabel. Ideologisch einseitig werden die Betroffenen auf die Einnahme von Psychopharmaka, speziell Neuroleptika getrimmt. Darüber hinaus wird das primitive Modell der genetisch mitbestimmten Stoffwechselentgleisung als Ursache sogenannter Psychosen propagiert. Die Risiken von Neuroleptika werden im plumpester Weise verharmlost, die Abhängigkeitsgefahr, schon seit den 60er Jahren durch viele psychiatrische Publikationen bekannt, schlichtweg abgestritten, und wenn man auf S. 40 liest, dass bei sog. atypischen Neuroleptika wie Risperdal Muskel- und Bewegungsstörungen "so gut wie nie" auftreten, beschleicht einen das Gefühl, der promovierte Diplom-Psychologe, der in der Uni-Psychiatrie in Homburg arbeitet, könnte sein Wissen einzig aus den Waschzetteln der Pharmamultis haben. Da aber selbst dort – Beispiel der Vermerk über Risperdal in der Roten Liste: "gelegentl.: EPS (Tremor, Rigidität, Hypersalivation, Bradykinesie, Akathisie, akute Dystonie). B. Pat. m. akuter Manie traten in klin. Stud. sehr häufig EPS auf" – vor Muskel- und Bewegungsstörungen gewarnt werden, kann man über die Motive des Autors nur spekulieren. Eines scheidet nach meiner Meinung grundsätzlich aus: Verantwortungsbewusstsein. Fazit: Ein übles und in seiner Gefährlichkeit für das Wohlergehen von Psychiatriebetroffenen nicht zu unterschätzendes Machwerk. Leider wirft eine solche Publikation nicht gerade ein gutes Licht auf den Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie – DGVT), in dem es erschienen ist. Mit CD-ROM. Materialie 51. Kartoniert, 136 Seiten, ISBN 978-3-87159-311-6. Tübingen: DGVT, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2009. € 18.80
Peter Lehmann

Bernd Behrendt: "Meine persönlichen Warnsignale". Ein psychoedukatives Therapieprogramm zur Krankheitsbewältigung für Menschen mit Psychoseerfahrung. Arbeitsbuch für Gruppenleiter
Bernd Behrendt beschreibt das Konzept der Psychoedukation. Gehirnwäsche wäre ein angemessener Begriff. Den Betroffenen wird das reaktionäre biomedizinische Krankheitskonzept eingetrichtert. Der an sich vernünftige Ansatz, bewusst zu leben, Warnsignale aufziehender Krisen wahrzunehmen und sich entsprechend zu schützen, wird von Behrendt jedoch umgemünzt in das Herstellen von Compliance, d.h. die Unterordnung unter das psychiatrische Behandlungsregime, und das brave, vorbeugende und langfristige Schlucken von Psychopharmaka. Studien (Soteria, Diabasis, Offener Dialog usw. usf.), die belegen, dass die Konfliktverarbeitung ohne Psychopharmaka langfristig zur Stärkung der Betroffenen und zur Senkung der Psychiatrisierungsrate führt, werden schlichtweg ignoriert, das von der Pharmaindustrie und von ihr gesponserten Psychiatern geschaffene heile Weltbild der psychopharmakologischen Psychiatrie soll keine Sprünge bekommen. Deshalb vermeidet es der Autor, die Existenz abweichender Meinungen auch nur zu erwähnen. Das Ergebnis der Psychoedukation zeigt sich dann in der bis zu durchschnittlich drei Jahrzehnte verminderten Lebenserwartung der Behandelten. Für Behrendt natürlich kein Thema, darüber muss man sich an anderer, seriöser Stelle informieren. Wem Gesundheit und Leben lieb sind, sollte auf den Kauf, das Lesen und das Sich-Unterziehen der Gehirnwäsche à la Behrendt besser verzichten. Materialie 50. Kartoniert, 200 Seiten, ISBN 978-3-87159-310-9. Tübingen: DGVT , 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2009. € 16.80
Peter Lehmann

Miguel Benasayag / Gérard Schmit: Die verweigerte Zukunft – Nicht die Kinder sind krank, sondern die Gesellschaft, die sie in Therapie schickt
Mental erfrischend, fundiert, lebendig und auch leidenschaftlich plädieren hier zwei erfahrene Analytiker von Kindern, Familien und Gesellschaft für einen neuen Blick. Wo Zukunft Angst macht, Wirtschaftlichkeit oberstes Gebot ist, Freiheit aus Macht und Bindungslosigkeit erwächst und Kinder gewappnet werden müssen, ist eine ganze Gesellschaft in der Krise. Psychologen u.ä. müssen sich entscheiden, ob sie diesem System zuarbeiten und junge Menschen symptomfrei funktionieren machen wollen, oder ob sie sich ohne diagnostische Etikettierung einlassen auf ihr eigenes Nichtwissen und eine gemeinsame Suche. "Es gibt Leiden existenzieller Art, die auf die Intoleranz der Gesellschaft zurückzuführen sind. Ist der Therapeut damit konfrontiert, dann ist er auch als Bürger gefragt, und es steht ihm nicht zu, zu 'psychologisieren' und zu 'pathologisieren'." Weil sie die ihnen Anvertrauten ernst nehmen und nicht allein lassen, geht es ihnen darum, "zu entdecken, dass man das Leben nicht 'heilen', sondern ganz einfach 'leben' muss ..." Ein Buch gegen Enge und Zaudern, das ermutigt und Raum schafft, Spielraum. Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-88897-492-2. München: Verlag Antje Kunstmann 2007. € 16.90 / sFr 29.–
Kerstin Kempker

Heike Bernhardt: Anstaltspsychiatrie und »Euthanasie« in Pommern 1933 bis 1945. Die Krankenmorde an Kindern und Erwachsenen am Beispiel der Landesheilanstalt Ueckermünde
Etwas seelenlose Fleißarbeit und Dissertation einer Kinder- und Jugendpsychiaterin in Berlin-Lichtenberg. Sie behandelt die Massenmorde an Psychiatrisierten, die in Pommern ihren Ausgangspunkt hatten und in diesem abgelegenen Winkel an der Grenze zu Polen von SS-Mördern im Auftrag von Psychiatern besonders brutal durchgeführt wurden. Kritisch anzumerken an dem Buch ist seine unhistorische Herangehensweise: die Entstehung der braunen Pfeiler der todbringenden Sozialpsychiatrie bleibt außen vor. Unkritisch wird von »psychisch Kranken«, »chronischen und abgelaufenen Fällen«, »Schizophrenen« usw. geredet, wobei der soziale und politische Hintergrund dieser diffamierenden Diagnosen ständig im Raum steht. Brav trennt die Autorin zwischen schlechter Spezialbehandlung (Mord) und guter psychiatrischer Behandlung wie z.B. Insulinschock: eine unglaublich brutale Folter, schlimmer als Elektroschock, wie dieser auch im Faschismus entwickelt und heute immer noch praktiziert. So ist es kein Zufall, dass einmal mehr der Elektroschocklehrer Dörner ein Dutzendvorwort schrieb, in dem er sich lautstark von den Morden seiner psychiatrischen Vorgänger distanziert, jedoch – wie auch die Autorin – noch lauter schweigt zu den strukturellen Menschenrechtsverletzungen in der heutigen »sauberen« Psychiatrie. Ein bitterer Geschmack bleibt so zurück. Wie kann eine Autorin ein Buch schreiben gegen Verbrechen der Psychiatrie während der Nazizeit und gleichzeitig einen Mann ein Vorwort schreiben lassen, der in seinen eigenen Büchern nach wie vor für die ›vielen praktischen und theoretischen Erfahrungen vom Menschen‹ in Dankbarkeit schwelgt gegenüber seinem Lehrer: dem früheren SA-Mann Bürger-Prinz, der im Faschismus ein wahres Schreckensregiment gegen alle ›Kriegsneurotiker‹ (mittels Elektro- und Insulinschocks) und Verschärfung der psychiatrischen Foltermaßnahmen praktizierte und Tausenden von Betroffenen ein zur Verzweiflung treibendes unendliches Leid zugefügt hat; einem Psychiater, der von Anfang an in die Psychiatriemorde eingeweiht war, von ihnen zu profitieren suchte und in der Nachkriegszeit einen der Hauptakteure, den in Kiel tätigen Heyde (alias Sawade), wissentlich deckte. So jedenfalls Aussagen von Karl Heinz Roth und Götz Aly – Buchautoren, die auch von Heike Bernhardt zitiert werden, deren Aussagen als bekannt vorauszusetzen sind. Kart., 168 S., viele Tabellen, Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag 1994. DM 31,- / sFr 32,20 / öS 242,-
Peter Lehmann

Roland Bettschart / Gerd Glaeske / Kurt Langbein u.a.: Bittere Naturmedizin. Wirkung und Bewertung der alternativen Behandlungsmethoden, Diagnoseverfahren und Arzneimittel
Zuerst als »Bittere Pillen der Naturmedizin« angekündigt, soll das Buch auf der kommerziellen Erfolgswelle von »Bittere Pillen« schwimmen. Wer die dort durchweg ziemlich kritiklose Betrachtung nahezu aller Neuroleptika als »therapeutisch zweckmäßig« noch im Ohr hat, tut gut daran, die »Bittere Naturmedizin« mit Vorsicht in die Hand zu nehmen. Zudem wird hier den meisten Alternativverfahren lediglich der Stellenwert einer Komplimentärmedizin eingeräumt, also einer Ergänzung der Schulmedizin. Maßstab der Bewertung bleibt deren Ausrichtung an der Symptomunterdrückung. Andererseits gibt es längst eine Vielzahl, für die AnwenderInnen oft äußerst lukrativer und für die BenutzerInnen kaum überschaubarer alternativer medizinischer Verfahren, oft recht zweifelhafter Art, so dass das Handbuch kritisch denkenden LeserInnen einen zusätzlichen Anhaltspunkt liefert, sich eine eigene Meinung zu bilden. Kart., 925 S., Köln: Kiepenheuer & Witsch 1995. DM 49,80 / sFr 48,80 / öS 369,-
Peter Lehmann

Ulrich Biechele / Philipp Hammelstein / Thomas Heinrich (Hg.): anders ver-rückt?! Lesben und Schwule in der Psychiatrie. Jahrbuch Lesben – Schwule – Psychologie 2006
anders ver-rückt? Diese Dokumentation eines Kongresses vom November 2003 in Mannheim ist das erste Buch zum Thema im deutschsprachigen Raum. Die 12 männlichen und 9 weiblichen Autoren – Psychologen, Therapeuten, Psychiater – widmen sich neben etwas Geschichte (Homosexualität wurde erst 1980 entpathologisiert und 1989 [DDR] bzw. 1994 [BRD] entkriminalisiert) und Theorie den praktischen Besonderheiten von Therapie und Beratung für Lesben und Schwule, speziell auch Jugendliche. Neue Projekte wie RISPE (Rehabilitation und Integration für Schwule mit Psychiatrie-Erfahrung) Rhein-Neckar und psychART (Selbsthilfegruppe für Lesben und Schwule mit psychischer Erkrankung) in Köln werden vorgestellt, und es verwundert schon, wie unkritisch psychiatrische Diagnosen übernommen und Psychopharmaka, wenn überhaupt Thema, empfohlen werden. Wenig Psychiatrie also und hier kaum Kritisches. Wer aber mehr erfahren will über Ignoranz und Diskriminierung, auch in der Szene, über die spezifischen Fehler, die schwule und lesbische Therapeuten und Therapeutinnen machen, wer einen englischen Artikel über Homophobie und eine hübsche Parodie lesen möchte, in der die Problematik der Heterosexualität psychologisch beleuchtet wird, für den lohnt sich das Buch allemal. Kartoniert, 153 Seiten, ISBN 3-89967-305-0. Lengerich: Pabst Science Publishers 2006. € 15.-
Kerstin Kempker

Stefan Bienenstein / Mathias Rother: Fehler in der Psychotherapie – Theorie, Beispiele und Lösungsansätze für die Praxis
Ziel des von Psychotherapeuten für Psychotherapeuten verfassten Buches ist es, dass Fehlergeschehen reflektierend in die Therapie integriert und dadurch zu nutzbringenden Faktoren werden. Es geht allerdings nicht um sexuellen Missbrauch, der ein Fall für die Justiz ist, sondern um Alltagsfehler: Elemente der therapeutischen Arbeit, die in der ersten Reaktion des Therapeuten von diesem als unerwünscht wahrgenommen werden. Die erste Hälfte des Buches besteht aus einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff des Fehlers in der Naturwissenschaft, der Pädagogik und der Betriebswirtschaft, Strategien im Umgang mit Fehlern und deren Entstehung. Im zweiten Teil folgen Fehler in der praktischen Arbeit, dargestellt an inhaltlich geordneten Fallbeispielen, die sich aus Interviews mit Kollegen aus den unterschiedlichsten therapeutischen Richtungen ergaben, deren Interpretation und die Klärung der Frage, wie die Fehler jeweils den weiteren Therapieverlauf beeinflusste. Resümee der Autoren: Es ist sinnvoll, gegenüber den Klienten Fehler zuzugeben; dies fördere gleichzeitig die Offenheit auf Seiten der Klienten und trage zur Entmystifizierung der Therapeutenschaft bei. Dem kann man nur zustimmen. Gebunden, XVIII + 197 Seiten, 1 Abbildung, 22 Tabellen, ISBN 978-3-211-75602-7. Wien: Springer Verlag 2009. € 34.95
Peter Lehmann

Jörg Blech: Die Psychofalle – Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht
Jörg Blech, Redakteur im Wissenschaftsressort des Spiegel, schreibt über die ständig fortschreitende Psychiatrisierung des Alltags, die Verflechtung vieler Psychiater, Psychologen und Neurologen mit der Pharmaindustrie, die zunehmende Psychiatrisierung von Kindern und Alten, die Erfindung immer neuer Diagnosen, die Medizinalisierung sozialer Probleme und über Auswege aus der Psychofalle. Das Buch ist feuilletonistisch geschrieben, ähnlich wie eine Zusammenstellung diverser Spiegel-Artikel, wobei sich der Autor auf teils umstrittene Leute wie Klaus Dörner, Thomas Bock oder gar den Elektroschockbefürworter Manfred Lütz als Kronzeugen seiner Einschätzungen bezieht. Thema des gut lesbaren und unterschiedlichste Themenbereiche umfassenden Buches sind unter anderem Gustl Mollath; satirisch wie auch ernsthaft gemeinte Diagnosen (zum Beispiel Prämenstruelle dysphorische Störung, Posttraumatische Verbitterungsstörung, Sissi-Syndrom, Testosteronmangelsyndrom [bei älter werdenden Männern], Leichte neurokognitive Störung [bei normaler Altersvergesslichkeit], Demenz vom Typ präklinische Alzheimer-Erkrankung; das abgeschwächte Psychosesyndrom als Vorstufe richtiger Psychosen); der Boom leichter Befindlichkeitsstörungen; Psychiater wie Peter Falkai, die Gelder von der Pharmaindustrie nehmen; von pharmagesponserten Psychiatern entwickelte Behandlungsleitlinien; Ausbreitung von ADHS und Risikofaktoren für die Ritalin-Verschreibung (Geburtsmonat, Geschlecht, Entfernung zur nächsten Kinderpsychiatrie); Hirnschwund bei Menschen und Affen nach Neuroleptika-Konsum; die zunehmende Diagnostik bipolarer Störungen schon bei Kleinkindern; die Medikalisierung sozialer Ängste und Schüchternheit; die Utopie der Selbstoptimierung mit Pillen; u.v.m. Unter Verzicht auf eine Fundamentalkritik an der biologischen Psychiatrie plädiert Blech für saubere psychiatrische Diagnosen, ohne allerdings zu erklären, wie psychische Probleme maßgeblich sozialer Natur mit einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Herangehensweise "sauber" diagnostizieren werden sollen. Gebunden, 288 Seiten, ISBN 978-3-10-004419-8. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2014. € 19.99 / sFr 25.–
Peter Lehmann

Erika Blitz: Wenn die Seele aus dem Takt gerät. Depressionen im höheren Lebensalter bewältigen
Hände weg von diesem Buch! Es empfiehlt neben verschiedenen psycho- und anderen therapeutischen Maßnahmen Antidepressiva, Neuroleptika und Elektroschocks, und das ohne ernstzunehmende Warnung vor unerwünschten Wirkungen dieser Behandlungsmaßnahmen. Insbesondere die abhängig machende sowie depressionsverstärkende Eigenwirkung von Neuroleptika wird den Behandlungskandidaten und ihren Angehörigen verschwiegen. Gebunden, 132 S., zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-87159-502-8. Tübingen: dgvt-Verlag – Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie 2008. € 24.80
Peter Lehmann

Thomas Bock: Lichtjahre – Psychosen ohne Psychiatrie. Krankheitsverständnis und Lebensentwürfe von Menschen mit unbehandelten Psychosen
Informatives Buch über die Vielfalt psychologischer Psychosetheorien. Auch Betroffene kommen zu Wort, als Lieferanten von O-Tönen zur Illustration der unterschiedlichen Krankheitskonzepte. Selbst wenn sie sich massiv gegen psychiatrische Deutungen ihrer Lebensgeschichte wehren, wie der Autor freimütig bekennt, sind sie seinem Interpretationsdrang schutzlos ausgeliefert. Es wird Zeit, dass Psychiatriebetroffene eine Ethik entwerfen, die Anforderungen an ihre nichtverletzende und nichtausbeutende Einbeziehung in Publikationen formuliert. Kart., 375 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1997. DM 39,80
Peter Lehmann

Thomas Bock / J. E. Deranders / I. Esterer: Stimmenreich. Mitteilungen über den Wahnsinn
Ergebnis eines sogenannten Psychose-Seminars der Hamburger Uni-Anstalt 1989 mit Betroffenen (Diagnose musste nicht nachgewiesen werden!), sprich »Psychose-Erfahrenen«, Angehörigen und Tätigen. Der Psychiatrie-Verlag wirbt auf der Klappe: »Die drei beteiligten Gruppen suchen nach einer gemeinsamen Sprache.« Das liest sich dann in der Einleitung der Herausgeber so: »Als sichere Erkenntnis kann gelten, dass Psychosen nicht unmittelbar vererbt werden, dass sie sich nicht zwangsläufig verschlechtern und dass es von den Umständen des Lebens und der Versorgung abhängt, ob auch bei langfristigem Verlauf ein eigenständiges Leben möglich ist.« In dem Kapitelchen »Erleben und Verarbeiten« dürfen die Betroffenen von ihren »Psychose-Erfahrungen« sprechen, um dann im Kapitel »Wissen und Erklären« auf haarsträubende Weise interpretiert zu werden: »Mit einer gewissen Berechtigung empfinden sie die psychotischen Symptome als Teil ihrer selbst«, na immerhin! Ergebnis des Seminars? Ein »Mensch in einer Psychose« will: »Hilfe ohne Abstempelung: Wenn schon Diagnosen, dann mit Erklärung. Nicht sofort eingeordnet werden. ... Nicht nur unter dem Vorzeichen ›krank‹ gesehen werden. Nicht nur zur Ware ›Patient‹ werden.« Zum Schluss wird die Gründung des Bundesverbands der Psychiatrie-Erfahrenen vorweggenommen von Dorothea Buck, die für den zweiten Gründungstag vorsieht, dass »den Teilnehmern der Tagung die vorher zugeschickte Satzung erläutert, (dass sie, Kerstin Kempker) abgestimmt und beschlossen « wird. (Etwas anders kam´s dann doch, es wurde auch diskutiert und verändert.) Sind wir am Ziel, »wenn auch die Öffentlichkeit erkannt hat, dass wir – entgegen der Prognose – gar nicht so unfähig zur Kommunikation und Solidarität sind, wie schizophrene Menschen von Psychiatern gerne dargestellt werden.«? Ich finde dies Buch, das so offen und selbstkritisch, hübsch, lesbar und preiswert daherkommt, besonders gefährlich, weil es einzelne Erfahrungen und Erwartungen absolut setzt und damit mich als auch Psychiatrie-Betroffene gleichzeitig einverleibt und abwertet. Kartoniert, 231 Seiten, Bonn: Psychiatrie-Verlag 1992, 19,80 DM.
Kerstin Kempker

Ingo Bonde / Moritz Gerhardt u.a. (Hg.): Medizin und Gewissen – Im Streit zwischen Markt und Solidarität. Dokumentation des internationalen IPPNW-Kongresses, 20.-22. Oktober 2006 in Nürnberg
Wo steht die Medizin 60 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess? Wo müssen sich Ärztinnen und Ärzte wehren gegen die Vereinnahmung durch Politik und gesellschaftlichen "Mainstream"? Im Mittelpunkt des größten medizinethischen und gesundheitspolitischen Kongresses stand die Frage nach der wachsenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens und der Gefahr der moralischen Korrumpierbarkeit der Beschäftigten. In den Hauptkapiteln "60 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess", "Aktuelle Bestimmung zum Gesundheitssystem", "Ethische Erwägungen zur Ressourcenverteilung", "Ökonomisierung in Krankenhaus und Arztpraxis", "Patientenautonomie und Bürgerpartizipation" und "Internationale Erosion öffentlicher Gesundheitsfürsorge" versammelt der Band die wichtigsten Kongressbeiträge u.a. von Hans-Ulrich Deppe, Gerd Glaeske und Thomas Gebauer. Der in meinen Augen beste Artikel steht gleich am Anfang: "Der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen" von Hans-Walther Schmuhl. Der Autor erklärt überzeugend, dass die "Euthanasie"-Morde den Holocaust vermutlich entscheidend bedingten, sozusagen Katalysator-Wirkung hatten. Wie kann die Medizin in der gegenwärtigen Gesellschaft ihre Verantwortung für Gesundheit und Leben gegen korrumpierende Einflüsse beherzigen?, frage Horst-Eberhard Richter in seinem Geleitwort. Die Frage ist angebracht, und angesichts der enormen neuroleptikabedingten Mortalitätsraten in der Psychiatrie, angesichts ihrer fast totalen Abhängigkeit von den Pharmakonzernen, und speziell angesichts der flächendeckenden Ignoranz der daraus folgenden Probleme ist die Bedeutung der Fragen nach dem Gewissen von Medizinern, speziell Psychiatern, höchstaktuell. Ich schreibe diese Zeilen kurz nach dem Kongress des World Psychiatric Association in Prag vom 20. bis 25. September 2008, wo ich einen Büchertisch betrieb und auch das hier besprochene Buch feilbot. Obwohl deutschsprachige Teilnehmer sich zur Genüge am Stand blicken ließen, war dieses Buch das einzige, das nicht von einem einzigen Büchertischbesucher angefasst wurde. Gebunden, 587 Seiten, Geleitworte von Margarete Mitscherlich-Nielsen und Horst-Eberhard Richter, ISBN 978-3-938304-63-1. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2008. € 48.– / sFr 84.90
Peter Lehmann

Helmut Bonney: ADHS – na und? Vom heilsamen Umgang mit handlungsbereiten und wahrnehmungsstarken Kindern
Illustriert an vielen Fallbeispielen zeigt der Kinder- und Jugendpsychiater Bonney vielfältige pädagogische und therapeutische Lösungsansätze, wie in Kooperation zwischen Elternhaus, Schule und Therapeuten handlungsbereiten und wahrnehmungsstarken Kindern (Kindern mit sogenannter Aumerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) wirksam geholfen werden kann. Ein übersichtliches und praxisorientiertes Plädoyer, Kindern achtsam zu begegnen, anstelle sie mit schädlichen Psychopharmaka künstlich ruhigzustellen und auf diese Weise an wenig kindgerechte Lebensbedingungen anzupassen. Kartoniert, 140 Seiten, ISBN 978-3-89670-834-2. Heidelberg: Carl Auer Verlag 2012. € 16.95 / sFr 20.35
Peter Lehmann

Helmut Bonney (Hg.): ADHS – Kritische Wissenschaft und therapeutische Kunst
Über die ADHS-Forschung aus medizinisch-pharmakologischer Sicht, aber auch aus der Perspektive von Neurobiologie, Genetik und Epigenetik, Pädagogik und Psychotherapie unter Einschluss neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, z. B. zur Hirnplastizität und den Konsequenzen für eine wirksame Hilfe. Das Buch liefert eine fundierte Basis, über den Tellerrand der (behaupteten) neurobiologischen Erkenntnisse von einem angeborenen Neurotransmittermangel als Ursache von ADHS hinauszublicken und somit die tatsächlichen Probleme der betroffenen Kinder zu erkennen und hilfreiche therapeutische Ansätze zu entwickeln. Mit Beiträgen von H. Brandau · K. Gebauer · G. Glaeske · T. Grund · H. H. Hopf · G. Hüther · H. von Lüpke · J. Rosenkranz · H. Rühling · A. Schäfers · G. Teuchert-Noodt · E. Würdemann. Kartoniert, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, ISBN 978-3-89670-630-0. Heidelberg: Carl Auer Verlag 2008. € 24.95 / sFr 44.90
Peter Lehmann

Anne Boos: Traumatische Ereignisse bewältigen – Hilfen für Verhaltenstherapeuten und ihre Patienten
Das Buch richtet sich nicht an Personen, die wegen einer psychotischen Erkrankung in psychiatrischer Behandlung waren oder sind – so die Autorin eingangs ihres Buches. Diesem Personenkreis rät sie generell, bei Problemen ihr Buch nicht anzurühren, sondern sich statt dessen in psychiatrische Behandlung oder in Therapie zu begeben und evtl. diverse Antidepressiva zu nehmen, auch wenn diese für die Indikation Posttraumatische Belastungsstörung noch nicht zugelassen sind. Schnelles Fazit somit einer Rezension, die sich maßgeblich an Personen wendet, die schon einmal als psychotisch diagnostiziert wurden: dieses Buch ignorieren. Und ein Rat an die Autorin: sich mit traumatischen Erfahrungen durch psychiatrische Behandlung und suizidalen Wirkungen diverser Psychopharmaka auseinandersetzen, möglichst vor dem Verfassen des nächsten Buches. Kartoniert, 172 Seiten, ISBN 978-3-8017-2066-7. Göttingen: Hogrefe Verlag 2007. € 16.95 / sFr 28.40
Peter Lehmann

Antoinette Borri: Schritte aus der Depression. Anleitung zur Selbsthilfe
Der Verlag kündigt das Buch der Schweizer Psychiaterin Borri mit diesen Worten an: "Ein lebensnahes Lern- und Übungsbuch, das Betroffenen Hoffnung macht und Zutrauen in die eigenen Heilungskräfte schenkt." Lebensnah fängt die Autorin das Buch auch an, wenn sie gleich im ersten Satz schreibt, was voll aus dem (Gedanken-)Leben eines typischen Psychiaters entnommen sein dürfte: "Der Psychiater hat Antworten auf Ihre Fragen." An dieser Stelle möchte ich das Buch schon in die Ecke werfen, wieso soll ich mich mit den Ausführungen einer sich allwissend vorkommenden Psychiaterin abgeben, die alle Antworten weiß, bevor man eine Frage gestellt hat? Zum Glück wird Frau Borri dann wieder etwas vernünftiger, beschreibt, woran man Depressionen erkennt, welche Formen sie annehmen können, nennt Mut machende Übungen, zum Beispiel Affirmationen, und empfiehlt, sich vor Überforderung zu bewahren. Man sollte der Autorin sagen, auch sie selbst sollte sich vor Überforderung und vor allem vor Selbstüberschätzung bewahren. Taschenbuch, 156 Seiten, ISBN 978-3-451-05586-7. Freiburg / Basel / Wien: Herder Verlag, 4. Auflage 2009. € 8.95
Peter Lehmann

Karin Bothe / Alexa Köhler-Offierski / Ernst-Ulrich Vorbach (Hg.): Alternative Therapieansätze in der Psychiatrie. Über gewohnte und ungewohnte psychiatrische Behandlungsformen
Psychiater, Therapeuten, Heilpraktiker und andere Profis berichten aus ihrer Sicht – und ohne es nötig zu haben, Betroffene zu Wort kommen zu lassen – über den Einsatz von mehr oder weniger exotischen Therapieformen wie Klangschalenmassage, Lichttherapie, Bach-Blüten, Musiktherapie, Johanniskraut, Kava-Kava, Homöopathie usw. Ein leider wenig interessantes Buch. 194 Seiten, Frankfurt/Main: Mabuse Verlag 2000. DM 34,80 / sFr 33,80 / öS 254,-
Peter Lehmann

Christoph Braendle / Theodor Cahn / Bruno Gasser: Buntes Haus. Ein Kunstprojekt mit Menschen in der Psychiatrie
Im Kanton Basel-Land steht 2002 in der Psychiatrie ein großes altes Anstaltsgebäude ein Jahr lang leer und wird genutzt für ein Projekt, das offen ist für alle Patienten und alle Ideen. Platz ist reichlich, alles kann bemalt und gestaltet werden, Decken, Türen, Fenster, Schränke, Wannen. Beeindruckende Bilder von Unterwasser- und Blumenwelten, Wald und Traum, Schwarzem und Weißem Raum, Kitsch und Chaos zeigen neben tagebuchartigen Skizzen, was in begrenzter Zeit alles möglich wird, wenn der Raum zum Treiben und Übertreiben nur weit genug ist. (Die begleitenden Texte und Befragungen verblassen daneben.) Gebunden, 228 Seiten, 4 schwarz-weiße und 175 farbige Abbildungen, ISBN 3-7965-2094-4. Basel: Schwabe Verlag 2004. € 24,50 / sFr 35,-
Kerstin Kempker

Peter Bräunig / Stephanie Krüger / Yvette Rosbander: Kinder bipolar erkrankter Eltern – Wie sich die bipolare Erkrankung eines Elternteils auf die Kinder auswirkt
Die Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen e.V. "Kinder bipolar erkrankter Eltern" hat mich sehr bestürzt, denn dieses Buch, das sich an die Eltern und das Helfersystem aus der nicht medizinisch gebildeten Richtung wendet (z.B. SozialpädagogInnen und FamilienhelferInnen, JugendamtsmitarbeiterInnen und Pflegeeltern, evtl. auch an die Großeltern usw.) vermittelt in meinen Augen auch eine sehr gefährliche Botschaft. Dieses zur Zeit seines Erscheinens Ende 2005 massiv beworbene Buch rät dazu, in jeder Unpässlichkeit der betreffenden Kinder ein mögliches Krankheitssymptom der bipolaren Erkrankung zu vermuten, obendrein werden schon Vorschläge für die medikamentöse Behandlung, z.B. mit Lithium, gemacht und der deutschen Ärzteschaft viel Unwissenheit vorgeworfen. Vor dem Hintergrundwissen, dass z.B. in einer öffentlichen Sitzung im Münchner Stadtrat 2006 darüber gestritten wurde, wie mit den vorhandenen Geldern die Kinder von substituierten Müttern davor geschützt werden können, dass sie im schlimmsten Fall von ihren überforderten Müttern mit Substitutionsmitteln ruhig gestellt werden, dass auch immer öfter Doppeldiagnosen vorliegen und psychisch kranke Mütter oft in ähnlichen Schwierigkeiten stecken wie drogenabhängige Mütter, sehe ich die Gefahr einer unkontrollierten Medikamentengabe an die Kinder, die sich dann sogar noch auf diese Publikation stützen könnte. Im nur etwas weniger schlimmen Fall werden KinderärztInnen oder die ÄrztInnen von den Eltern gedrängt oder fühlen sich berufen, zum Rezeptblock zu greifen. Wirklich qualifizierte Kinder- und JugendpsychiaterInnen und TherapeutInnen sind rar, ganze Regionen sind nicht versorgt. Ob der Autor und die Autorinnen in dieser Hinsicht ausreichend qualifiziert und erfahren sind, weiß ich nicht. Kartoniert, 172 Seiten, ISBN 978-3-8334-2584-4. Hamburg: Books on Demand. € 17,50
Elisabeth Haap

Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie. Band 1: Was Sie über Psychopharmaka, Elektroschock, Genetik und Biologie bei »Schizophrenie«, »Depression« und »manisch-depressiver Erkrankung« wissen sollten!
Übersetzung des Buches »Toxic Psychiatry« des Psychiaters Peter Breggin aus dem Amerikanischen. Umfangreiche, an der US-amerikanischen Psychiatrie orientierte, aber dennoch sehr ausführliche und kompetente Darstellung der Wirkungsweise, Risiken und Schäden von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium und Elektroschocks. Ein Rundumschlag gegen die Selbsttäuschungen, Halbwahrheiten und Lügen der Psychiatrie. Kt., 345 S., Heidelberg: C. Auer Verlag 1996. DM/sFr 39,80 / öS 295,-
Peter Lehmann

Peter R. Breggin: Psychiatric Drug Withdrawal. A guidebook for prescribers, therapists, patients, and their families
Review in: Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy (U.K.), Vol. 13 (2013), No. 2, pp. 132-134. Soft cover, 310 pages, ISBN 978-0-8261-0843-2, New York: Springer Publishing Co. 2012. GPD 42.50
Peter Lehmann

Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie. Band 1: Was Sie über Psychopharmaka, Elektroschock, Genetik und Biologie bei »Schizophrenie«, »Depression« und »manisch-depressiver Erkrankung« wissen sollten!
Übersetzung des Buches »Toxic Psychiatry« des Psychiaters Peter Breggin aus dem Amerikanischen. Umfangreiche, an der US-amerikanischen Psychiatrie orientierte, aber dennoch sehr ausführliche und kompetente Darstellung der Wirkungsweise, Risiken und Schäden von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium und Elektroschocks. Ein Rundumschlag gegen die Selbsttäuschungen, Halbwahrheiten und Lügen der Psychiatrie. Kt., 345 S., Heidelberg: C. Auer Verlag 1996. DM/sFr 39,80 / öS 295,-
Peter Lehmann

Fritz Bremer / Hartwig Hansen / Jürgen Blume: Wie geht's uns denn heute! Sozialpsychiatrie zwischen alten Idealen und neuen Herausforderungen
Der Paranus Verlag hat (mehr oder weniger) engagierte Menschen gebeten, deren Name mit der Idee der Psychiatriereform verbunden ist, ihre Sicht der historischen und aktuellen Entwicklungen aufzuschreiben. Die zumeist sozialpsychiatrischen Autoren berichten aus ihrer sozialpsychiatrischen Sicht – ohne diese kritisch zu reflektieren. Kartoniert, 241 Seiten, Neumünster: Paranus Verlag 2001. DM 36,- / sFr 36,- / öS 263,-
Ulrike Burgstaller

Dunja Breur: Ich lebe, weil du dich erinnerst. Frauen und Kinder in Ravensbrück
Die holländische Künstlerin und Widerstandskämpferin Aat Breur-Hibma dokumentierte ihre Zeit im Frauen-KZ Ravensbrück in zahlreichen einzigartigen Zeichnungen, die sie im Lager heimlich auf der Rückseite von Karteikarten machte und die ihre Tochter Dunja erst Jahre nach der Zerschlagung des Faschismus entdeckte. Heute werden die Originale im Amsterdamer Reichsmuseum aufbewahrt. Die Erlebnisse der Mutter, die wie durch ein Wunder überlebte, sind durch Dunja Breur bekannt geworden, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität das Schicksal ihrer Mutter und das vieler Gefangener dem Vergessen entriss. Emotional bewegende Probleme und Thematiken anzugehen hatte die Autorin beim Clientenbond gelernt, der niederländischen Vereinigung von Psychiatriebetroffenen. Die sorgfältig reproduzierten Kohlezeichnungen, die authentischen Berichte über verrückt gewordene und über ermordete Frauen sowie die späteren Interviews mit Überlebenden sind eindrucksvolle Zeugnisse einer Welt des Terrors und der Gewalt, aber auch über den Widerstand, durch den es einigen mutigen Frauen gelang, andere vor dem Untergang zu retten und ihre Würde zu bewahren. Ein mitreißendes Buch. Geb., 256 S., 51 Abb., 4 Photos, Berlin: Nicolai Verlag 1997. DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-
Kerstin Kempker

Karl-Ernst Brill: Psychisch Kranke im Recht – Ein Wegweiser
Leider ein undifferenziertes und unbrauchbares Buch. Beispiel Thema »Vorausverfügungen« (S. 23): entgegen der Angabe des Autors braucht es im Prinzip keines Prüfvermerks eines Notars oder Anwalts, denn die Erklärung ist grundsätzlich vom Psychiater zu beachten. Beispiel »Behandlungsvereinbarungen« (S. 23): der Hinweis auf die fehlende Rechtsverbindlichkeit fehlt. Beispiel Thema »Weitergabe von Daten« (S. 26): jeder Hinweis auf die grundsätzliche Schweigepflicht fehlt. Thema »Akteneinsicht, Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts«: komplette Fehlanzeige. Ein Wegweiser? Höchstens auf die juristische Schleuderbahn. Kart., 156 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1998. DM 19,80 / sFr 19,- / öS 145,-
Peter Lehmann

Thomas Bronisch (Hg.): Psychotherapie der Suizidalität. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – erklärungsspezifisch und schulenübergreifend
Der Herausgeber ist Oberarzt der geschlossenen Station an der Anstalt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Alle seine AutorInnen sind Kollegen aus psychiatrischen Anstalten, entsprechend bevorzugen alle mehr oder weniger deutlich eine parallele Psychopharmakaverabreichung aus "Therapie". Der Sinn einer Psychotherapie unter persönlichkeitsveränderndem Psychopharmaka-Einfluss wird dabei ebensowenig diskutiert wie die mögliche und häufige suizidale Wirkung sedierender Neuroleptika. Kart., XI + 133 156 S., ISBN 3-13-130021-3. Stuttgart: Thieme 2002. Euro 39,95 / sFr 69,20
Peter Lehmann

Brückenschlag 25: Wahn – Sinn – Wirklichkeit
Ein neuer Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatrie ist erschienen. Wie der Zeitschriftentitel sagt: Es ist ein Heft für die Sozialpsychiatrie, insofern sind die meisten Beiträge, insbesondere diejenigen der Profis, ausnahmslos sozialpsychiatrisch geprägt, d.h. sie schließen eine kritische Betrachtungsweise der eigenen Weltsicht von vornherein aus, da sie Sozialpsychiatrie an sich für kritisch genug halten. Dennoch sind in dem Heft einige Beiträge enthalten jenseits dieser ideologischen Grenzen: u.a. Dorothea Bucks Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer der "Euthanasie" und Zwangssterilisation während des Nationalsozialismus vom 8. September 2008 in Berlin; Brigitte Richters "Meine Psychose gehört mir", in dem sie auf 33 Jahre Erfahrung als Psychiatriebetroffene, dann psychosozial Tätige und Ehrenamtliche zurückblickt und sich vehement gegen die – in dem Band ansonsten gerne verwendete – Schublade "des Psychotikers" wendet; Christine Wiedemanns Bericht von ihrer Ex-In-Ausbildung, die ihr zur Reflexion, Stärkung des Selbstwertgefühls, Stelle auf 400-€-Basis und Lehrauftrag verhilft; Karsten Kirschkes mit sehenswerten Zeichnungen bebilderte kurze und prägnante Beschreibung, wie er mit künstlerischen Zeichnungen seine Paranoia fixiert und gleichfalls entzaubert; Marina Gerdes' "Wirklich wahnsinnig" – ein Artikel, in dem sie auf ihre katastrophale Kindheit mit Missbrauch und religiöser Indoktrination, nachfolgender Psychose und deren Überwindung eingeht, indem sie ....... Aber lesen Sie doch besser selbst. Kartoniert, 238 Seiten, viele farbige Abbildungen, ISBN 978-3-940636-03-4. Neumünster: Paranus Verlag Die Brücke, Band 25/ 2009. € 15.- sFr 26.90
Peter Lehmann

Brückenschlag 21: Stimmen Welten
Schon immer hörten die Weisen und die Heiligen Stimmen. Dann verstummten die Götter, und das Unhörbare verschwand in der Psychiatrie. Fallbeispiele, Erfahrungsberichte, Gedichte, viel Himmel und Hölle, wenig Witz und Selbstironie. Stimmenhörer sind nicht verrückt, "man kann mit ihnen reden". Aha. Kartoniert, 218 Seiten, 20 farbige und 1 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 3-926200-63-4. Neumünster: Paranus Verlag 2005. € 15.- / sFr 26.90
Peter Lehmann

Brückenschlag 9: Natur, Zerstörung, Seele – Von Umwelten und Innenwelten
Wie die Herausgeber mitteilen, spielt die innere Haltung zwischen Empfinden, Verdrängen und Hilflosigkeit angesichts der wachsenden globalen Bedrohung eine wichtige Rolle in diesem Brückenschlag. Fragen werden gestellt wie: Ist das Ozonloch das Loch in uns? Wieviel Verdrängung braucht der Mensch, um angesichts der täglich wachsenden Bedrohung morgens noch das Bett verlassen zu können? Wie halten wir das aus? Dazu haben die beiden Herausgeber, Fritz Bremer und Michael Kruhl, Meinungen, Ängste, Vorschläge, Befürchtungen, Hoffnungen, Zweifel und Ideen zusammengetragen, Texte, Prosa wie Lyrik, und Bilder von Psychiatriebetroffenen und anderen Verrückten, von Psychiatern, Literaten und Literatinnen, in der Summe weder pro- noch antipsychiatrisch, ein wildes Gemisch, ich zähle 71 Urheber und Urheberinnen. Ein Pendent zum tendenziell sehr intellektuellen »Wahnwelten im Zusammenstoß – Die Psychose als Spiegel der Zeit«, herausgegeben von Rudolf Heinz, Dietmar Kamper und Ulrich Sonnemann (Berlin 1993). Obwohl sozialpsychiatrische Zeitschrift, haben die Herausgeber doch auf jegliche Kommentierung der Texte verzichtet, dankenswerterweise. So wirken zwei Texte des unsäglichen Psychiaters Navratil, der nichts anderes kann als verrückte und psychiatrisierte Literaten auszuschlachten und zu pathologisieren, als Fremdkörper im Band. Wie gesagt, Ausnahme, und so bietet sich der Brückenschlag für all die noch unbekannten Autorinnen und Autoren, die vergeblich Publikationsmöglichkeiten für kurze Texte suchen, möglicherweise als Veröffentlichungsorgan an, jedenfalls solange, wie es noch keine Zeitschrift für Antipsychiatrie, Literatur und Kunst gibt. Andererseits wird es höchste Zeit, dass solch eine Zeitschrift entsteht, denn all das liebe sozialpsychiatrische Miteinander dient auch dazu, Grenzen zu verwischen, sozialpsychiatrische Gewalttäter und deren Opfer, Menschen mit Neuroleptika-bedingten tardiven Dyskinesien oder Elektrogeschockte, als scheinbar Gleiche in ein Boot zu setzen, und dabei ist von vornherein klar, wer wen bei nächster Gelegenheit über Bord gehen lässt. Kart., 260 S., 28 Abb. Neumünster: Paranus Verlag 1993. DM 19,50
Peter Lehmann

Burkhart Brückner: Geschichte der Psychiatrie
Als erstes fällt mir beim Lesen auf, dass der Autor Versuchung widersteht, der so viele zeitgemäße Autoren erliegen: es allen recht machen zu wollen, auch die Perspektive von Betroffenen einzubeziehen. Sein Buch versteht er als Ressource für die professionelle Identitätsbildung und Selbstreflexion im kollegialen Gespräch, es geht ihm – einzig – um die Perspektive von psychiatrisch Tätigen. Störende und unbequeme Lebens- und Sinnesweisen inkl. Verrücktheit und Krisen mitsamt ihrem Veränderungspotenzial sind für ihn "schweres psychisches Leid", Psychiatriebetroffene, also auch solche, denen beispielsweise ohne Zustimmung Elektro- und Insulinschocks verabreicht oder die mit neurotoxischen Psychodrogen zwangsgespritzt werden, nennt er "Nutzer psychiatrischer Einrichtungen". Diese realitätsfremde, unter Psychiatern und ihren Freunden allerdings verbreitete Sichtweise überrascht. Manch kritischer Psychiatriebetroffene wird das Buch deshalb schon bei der Einleitung wieder zurück ins Verkaufsregal stellen. Liest man über die einleitende Vorbemerkung hinaus, findet man komprimierte Erläuterungen zum frühen Umgang mit Verrücktheit im Altertum (Ägypter, Griechen, Römer), im Mittelalter (es geht u.a. um die mystischen Erfahrungen der Margery Kempe und die Kräutermedizin der Hildegard von Bingen), das belgische Geel, das sich verändernde Menschenbild in der Renaissance, barocke Tollhäuser und die aufkommende Hirnforschung, die immer mehr Mediziner störende und unbequeme Lebens- und Sinnesweisen kurzschlüssig als Störungen des Nervensystems verstehen lässt. Hier bietet das Buch intelligente übersichtliche Einheiten. Der Autor kommt dann im 18. Jahrhundert und seinen Zucht-, Arbeits- und Tollhäusern an, in die "psychisch beeinträchtigte Personen" abgeschoben werden, und dann der Anstaltspsychiatrie des beginnenden 19. Jahrhundert sowie Psychiatern, die menschenunwürdige Wegsperren kritisieren, psychologisch aufbauende Behandlungsverfahren einführen, dennoch nicht auf auch brutale Zwangsmaßnahmen verzichten mögen, wenn sie diese für nötig halten. Allerdings, und das liest man gerne, gab es schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts Stimmen unter Psychiatern, die nahezu generell Zwangsmaßnahmen ablehnten und Behandlungserfolge mit humanen Methoden nachwiesen, ohne dass dies allerdings ihre Kollegenschaft groß interessiert hätte. Schließlich landen wir bei der biopsychosozialen Psychiatrie des beginnenden 20. Jahrhunderts und Emil Kraepelin, dem der Autor auch seine reaktionäre psychiatriepolitische Haltung vorhält, leider verzichtet er darauf, ihn, Kraepelins verheerende Rolle in der deutschen Psychiatriegeschichte herauszustreichen, ist dieser Psychiater doch immer noch – auch nach den Erfahrungen mit dem Hitlerfaschismus – hochgeschätzt, obwohl er schon Ende des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts für einen rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen eingreifenden Herrscher plädierte, um eine Abnahme des "Irreseins" zu erreichen. Über Bleuler, Jaspers und die Psychiatrie der Weimarer Republik stößt der Autor zum Cardiazol- und Elektroschock vor; letzterer werde heute noch durchgeführt, allerdings in modifizierter Weise und strenger Indikation. Die Begründung, weshalb ein mit einem "modifizierten" Stromschlag ausgelöster epileptischer Anfall unter "strenger" Indikation im konkreten Fall weniger Hirnschäden verursachen soll als derselbe epileptische Anfall, der mit einem unmodizifierten Stromschlag und nicht "strenger" Indikation ausgelöst wird, fehlt allerdings. Das folgende Kapitel befasst sich mit den psychiatrischen Massenmorden während der Nazizeit, und zuletzt folgt das Kapitel der psychiatrischen Psychopharmaka und ihren Risiken und Schäden, bei Neuroleptika im "Einzellfall" irreversible chronische Muskelstörungen. Betrachtungen zur Sozial- und Gemeindepsychiatrie schließen das Buch ab, wobei hier Protagonisten aller Couleur – von Basaglia über Dorothea Buch bis hin zu Dörner, Foucault – und selbst Vertreter der humanistischen Antipsychiatrie eingemeindet sind; unterschiedliche Folgen aus deren teilweise entgegengesetzten Denk- und Handlungsstrategien sind nicht mehr zu erkennen. Was hat beispielsweise die Gemeindepsychiatrie (als Weiterentwicklung der Psychiatrie) mit ihrer Überwachung der Langzeitverabreichung psychiatrischer Psychopharmaka und die in deren Folge zu verzeichnende um durchschnittlich zwei bis drei Jahrzehnte reduzierte Lebenserwartung auf Seiten der Behandelten (vom Autor leider nicht erwähnt) in gleichen Kapitel zu suchen wie die Organisierung der Betroffenen, die in der bundesdeutschen (Gemeinde-)Psychiatriereform systematisch ausgeschlossen waren und verzweifelt Alternativen zur Gemeindepsychiatrie fordern? Am Schluss stellt der Autor offene Fragen u.a. zur Versorgung von Wohnungslosen, Alten, Heimbewohnern, zum Einfluss der Pharmaindustrie, zur Zunahme psychiatrischer Diagnosen , zur psychotherapeutischen Unterversorgung und schreibt, das geschichtliche Wissen helfe, für eine sozial gerechte Kultur des psychiatrischen Helfens die Fragen "richtig" zu stellen. An seiner Stelle würde ich mir eine Reflexion der notwendigen Grenzen einer einseitigen Betrachtungsweise (aus der Sicht eines Professionellen wünschen) und die Frage, wie Psychiatriebetroffene bzw. deren Verbände wirksam in Reformstrategien miteinbezogen werden können, wenn es um die Stellung der "richtigen Fragen" zur Psychiatrieentwicklung geht. Ansonsten besteht die Gefahr, dass aus einer wohlmeinenden, auch kritische Momente einschließenden Darstellung der Psychiatriegeschichte von Professionellen für Professionelle doch wieder die ewig gleiche wohlmeinende Bevormundung folgt und das Motto "Nothing about us without us!" ("Nichts über uns ohne uns!") weiterhin bloße Worte bleiben. Kartoniert, 159 Seiten, 16 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-88414-494-7. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2010. € 16.95 / sFr 25.50
Peter Lehmann

Claudia Brügge: Wohin mit dem Wahnsinn? Ausgewählte Aspekte der Kontroverse um Anstaltspsychiatrie und mögliche Alternativen – Kritischer Überblick über psychiatrische, antipsychiatrische und feministische Positionen – am Beispiel der Konzeptionen von Soteria (Bern), vom Weglaufhausprojekt Berlin und vom Therapieansatz Polina Hilsenbecks (München)
Jenseits von Scheinalternativen und politischer Utopie? "...Niemals hatte ich mit jemandem über das sprechen können, was für mich ein so wesentliches und sinnvolles Erleben war, auch wenn ich es nicht verstehen konnte. Es galt als geisteskrank und wurde nur mit Schocks bekämpft; es zu verstehen oder auch nur danach zu fragen, schien keinem Psychiater der Mühe wert...." Dreißig Jahre nach ihrem Anstaltsaufenthalt hat Dorothea Sophie Buck-Zerchin (Auf der Spur des Morgensterns) mit diesen Worten den bis heute unerhörten Anspruch derjenigen auf den Punkt gebracht, die von der Gesellschaft, ihren Mitmenschen, Freunden und Zufallsbegegnungen, Fremden und Bekannten als verrückt angesehen werden. Während im Zentrum der gesellschaftlichen Reaktion auf verrückte Äußerungen – heute wie gestern – die psychiatrische Anstalt und ihre Zwangsmittel stehen, verklingt der Anspruch einer humanen Umgangsweise, der Anspruch auf Verständnis und gleichberechtigter Verständigung weitgehend ungehört. In "Wohin mit dem Wahnsinn" liefert Claudia Brügge eine dezidiert wissenschaftlich argumentierende Untersuchung des Umgangs der Anstaltspsychiatrie mit "psychotischen" Verhaltensweisen und alternativer Vorgehensweisen jenseits des etablierten psychiatrischen Versorgungssystems. Dabei lässt sie keinen Zweifel daran, was ihre Forschungen motiviert hat, wenn sie betont, dass "ein entscheidender Motor" ihrer Arbeit "Wut und Entsetzen über Gewaltmaßnahmen der Psychiatrie, psychische Folgewirkungen und gesellschaftliche Ausgrenzung von Psychiatriebetroffenen" war. Im Zentrum ihres Interesses steht dabei der Umgang mit dem Wahn, also dem Verhalten, das im psychiatrischen Jargon als "psychotisch" bezeichnet wird. Ihre Untersuchung versteht sich konsequent als Plädoyer, "sich mit dem subjektiven Erleben von "Wahnsinn" zu beschäftigen, sich verstärkt seinen Inhalten zuzuwenden." Die Frage, ob es alternative Umgangsweisen mit sogenanntem psychotischem Verhalten gibt, oder die Anstaltspsychiatrie und ihre extremen Zwangsmechanismen weiterhin als ultima ratio angesehen werden müssen, wird von der Autorin keineswegs rein theoretisch oder gar mit philosophischen Mitteln untersucht (dafür wäre die Lektüre von Denkern, wie Robert D. Laing, Foucault oder Deleuze ohnehin besser geeignet). So räumt sie der Darstellung ganz konkreter psychiatriekritischer und antipsychiatrischer Institutionen in ihrer Arbeit viel Platz ein: Können diese Einrichtungen der Subjektivität der Betroffenen wirklich besser gerecht werden; bringen sie es fertig einen qualitativen Unterschied ihrer Strukturen zu etablieren? Wie wirkt sich das andere/neue Verständnis wahnhaften Verhaltens in der Praxis aus? Nicht zuletzt wurde Claudia Brügge dabei von der Frage geleitet, ob sie selbst eine dieser Einrichtungen einem Betroffenen, einem nach landläufigem Verständnis "Behandlungsbedürftigen", weiterempfehlen würde. Der erste Teil des Buches ist einer allgemeinen Diskussion von psychiatrischen und "antipsychiatrischen" Positionen zur Anstalt und ihren Zwangsmitteln gewidmet, während sich der zweite Teil mit den in der "Soteria Bern", dem "Frauentherapiezentrum München" und dem "Weglaufhaus Berlin" etablierten Alternativen zu herkömmlichen Institutionen befasst. In einem Anhang gibt es ausführliche Interviews mit Vertretern dieser Einrichtungen. In einem extra Kapitel hat Claudia Brügge (die selbst für Wildwasser Bielefeld – einer Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben – gearbeitet hat) sich mit der feministischen Psychiatriekritik beschäftigt. Ein Blickwinkel, der für die ganze Studie prägend geblieben ist. Um noch einmal die Autorin selbst zur Sprache kommen zu lassen: "Ausgehend von der Tatsache, dass hier und heute keinesfalls strukturelle Umwälzungen dieses Gesellschaftssystems (zum Besseren hin) zu erwarten sind", bietet Claudia Brügge eine lesenswerte Einführung in aktuelle alternative Konzepte zur etablierten Psychiatrie, die von der Theorie in die Praxis gefunden haben. Allerdings scheint zumindest das Interview mit Vertretern des Berliner Weglaufhauses erneuerungsbedürftig, da es vor dessen Eröffnung geführt worden ist (zur Praxis im Weglaufhaus: Kerstin Kempker (Hrsg.) – Flucht in die Wirklichkeit). Lesenswert ist dieses Buch für alle, deren Interesse an Alternativen zur Psychiatrie nicht bei der bloßen Theorie halt macht. Für Leute also, die der fundierte wissenschaftliche Hintergrund dieses Buches nicht abschreckt, die aber außerdem wissen wollen, wie die Wirklichkeit hinter den Konzepten aussieht. Kartoniert, 275 Seiten, 6 Abbildungen, ISBN 978-3-925931-29-1. Berlin: Antipsychiatrieverlag, korrigierte Neuausgabe 2004. € 29.90 / sFr 44.90
Lucinda Bee

Rolf Brüggemann: Pharmawerbung. Bilderbuch einer Drogenideologie
Klappentext des Mabuse-Verlags: »Pharmawerbung befasst sich mit der Arzneimittelwerbung speziell in den Printmedien. Eine umfangreiche Dokumentation und kritische Analyse macht die Zusammenhänge zwischen Pharmaindustrie, Marketing und pervertiertem Gesundheitsbetrieb deutlich.« Gut lesbares, mit viel einschlägiger Anzeigenwerbung angereichertes Buch, geeignet zum ersten Einstieg in die Thematik, enthält das Heilmittelwerbegesetz. Da der Autor als Psychologe in der Anstalt arbeitet, beschränkt sich seine Psychiatriekritik auf die Forderung: Personal statt Pharmaka. Kartoniert, 180 Seiten, Frankfurt/M.: Mabuseverlag 1990, 29,80 DM.
Kerstin Kempker

Rolf Brüggemann / Gisela Schmid-Krebs: Verortungen der Seele – Locating the Soul / Psychiatrie-Museen in Europa – Museums of Psychiatry in Europe
Zweisprachige Übersicht über 100 europäische Psychiatriemuseen, Ausstellungen, Gedenkstätten und verwandte Einrichtungen, die "das schwierige Thema der Psychiatrie" beleuchten sollen, so die beiden AutorInnen. Sie sprechen von "Zeugnissen einer therapeutischen Kultur", die die Museen mitsamt der Weiterentwicklung ihrer Intentionen präsentieren will. Dass Fixiergurte, Zwangsjacken und Elektroschockgeräte in – im ersten Kapitel aufgelisteten – Museen gezeigt werden und so der Eindruck entsteht, es handele sich um aus dem Gebrauch gekommene psychiatrischen Mittel zur Freiheitsberaubung und Körperverletzung, stört die Autoren eher nicht, sicher auch nicht die Sponsoren, zu denen u.a. die Pharmamultis Janssen-Cilag, Pfizer Pharma und Wyeth Pharma gehören. Zweites Kapitel im Buch: Gedenkstätten des psychiatrischen Massenmords, von den Autoren etwas irritierend als Euthanasie (aus dem Griechischen, deutsch: "sehr schöner Tod") bezeichnet; irritierend, da sie durchaus deutlich die Mordtaten während der NS-Zeit benennen, die in den Gedenkstätten dokumentiert sind. Anschließend folgen exemplarische Kunstinitiativen zu "künstlerischen Werken psychisch kranker Menschen". Eine "Kunst der Psychiatrie" (damit meinen die Autoren Kunst von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen) gebe es zwar kaum, wie es – Verweis auf Jean Dubuffet – auch keine Kunst der Kniekranken gebe, nichtsdestotrotz werden sie dargestellt. Zu aller Letzt ("Nach der Pflicht folgt die Kür") kommen noch eine Handvoll Orte, die auch irgendwie mit der Seele zu tun haben, das Berliner Erotik-Museum des Beate-Uhse-Konzerns beispielsweise oder der katholische Wallfahrtsort Lourdes. Kartoniert, 205 Seiten, viele farbige und schwarz-weiße Illustrationen, ISBN 978-3-938304-48-8. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2007. € 29.90
Peter Lehmann

Georg Bruns: Ordnungsmacht Psychiatrie? Psychiatrische Zwangseinweisung als soziale Kontrolle
Obwohl auch Psychiater, bringt Bruns, Soziologe, eine Vielzahl präziser Daten zur Psychiatrie-Entwicklung im gesamten Deutschland. Bruns im Vorwort: »In den 70er und 80er Jahren war ich engagierter Mitarbeiter der Reformpsychiatrie und an der Planung und Verwirklichung mancher sozialpsychiatrischer Konzepte in der als liberal und sozial geltenden Freien Hansestadt Bremen beteiligt. Im Jahre 1984 begann ich erstmals, Zahlen über die Entwicklung der Zwangseinweisungen in Bremen zusammenzustellen, damals in der festen Überzeugung, ihren Rückgang im Gefolge einer Öffnung der Psychiatrie und der Einrichtung sozialpsychiatrischer Dienste in der Stadt belegen zu können. Desto größer war meine Erstaunen, dass die Entwicklung genau gegenläufig war. Dieses Ergebnis verlangte nach Aufklärung. Die systematische empirische Untersuchung von Zwangseinweisungen, z.T. auch in Regionen und Kliniken außerhalb Bremens, zeigte, dass Bremen mit dieser Entwicklung nicht alleine stand.« Ohne Vorwort von Dörner. Kart., 263 S., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1993. DM 48,- / sFr 45,- / öS 355,-
Peter Lehmann

Huub Buijssen: Depression. Helfen und sich nicht verlieren. Ein Ratgeber für Freunde und Familie
Laut Klappentext will der Autor, ein Psychologe aus den Niederlanden, Angehörigen zeigen, wie man depressiven Menschen helfen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Neben Pflege der Partnerbeziehung, Psychotherapie, Bewegung u.v.m. empfiehlt Bujssen auch Antidepressiva und Elektroschock, der "kaum Nebenwirkungen" habe und eine Effektivität habe, die "verblüffend hoch" sei. Einleitend will der Autor Haftungsansprüche im Falle von Personen-, Sach- und Vermögensschäden für den Fall ausschließen, dass jemand infolge seiner Ratschläge zu Schaden kommt, da seine Ratschläge "mit größter Sorgfalt" geprüft worden seien. Auch der Verlag könne keine Garantie übernehmen. Eine Garantie zu verlangen für irgendwelche Ratschläge wäre sicher absurd. Aber wer die Risiken von Elektroschocks derart bagatellisiert und all die Publikationen von Experten (John Friedberg, Peter Breggin, Marc Rufer, Leonard Frank u.v.m.) verschweigt und damit Betroffene und ihre Familien möglicherlicherweise dazu verleitet, die Zustimmung zu dieser Methode zu geben, die aus der Auslösung eines epileptischen Anfalls besteht und zu irreversiblen Hirnzellschäden führen kann, sollte früher oder später mit Haftungsansprüchen rechnen. Gebunden, 187 Seiten, ISBN 978-3-407-85919-8. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2011. € 17.95 / sFr 27.90
Peter Lehmann

Carola Burkhardt-Neumann: Wegweiser Psychopharmaka. Wirkstoffe für die Seele
Hat die Psychiaterin Burkhardt-Neumann ihr Buch – siehe die Links auf den empfohlenen Websites – für die pharmafirmengesponserten Psychiatrieverbände, z.B. Lichtblick oder BApK, geschrieben? Insbesondere die neueren Psychopharmaka, speziell die "atypischen" Neuroleptika, behandelt sie nicht gerade kritisch, sondern versteht sie in ihrer speziellen, subjektiv vermeintlich verträglicheren Wirkung als positives Ergebnis antipsychiatrischer Proteste – welch schlimmes Verständnis von Antipsychiatrie. Zu Risperdal schreibt sie beispielsweise, es habe sich bei vielen Patienten bewährt. Heute, am 17.3.2006, wo ich diese Rezension schreibe, las ich in der Mailingliste des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) die Botschaft von "Martin": "Hallo liebe Liste, mein Freund Uwe ist in der Nacht zu gestern verstorben. Er war PE, bekam Risperdal und starb an plötzlichem Herztod. Ich bin sehr traurig." Vermutlich würden solche Warnungen und Hinweise die Leser irritieren, so unterbleiben sie besser, obwohl fürwahr nicht neu. Wenig überraschend, dass die Autorin auf der von ihr betreuten Internetseite www.wegweiser-psychopharmaka.de, die sie im Buch nennt, den – von einer Reihe von Psychiatriebetroffenen ganz und gar nicht als übermäßig kritisch eingeschätzten, allerdings von Pharmageldern unabhängigen – BPE als "sehr psychiatriekritisch" herausstreicht. Einen entsprechenden Hinweis zu den gleichfalls gelisteten Verbänden, die von Pharmafirmen gesponsert werden (z.B. "sehr psychiatrieunkritisch") sucht man vergeblich. Konsequenterweise ordnet die Autorin selbst ihr Buch in den Formenkreis der herrschenden biologischen Psychiatrieliteratur ein; ob sie das Allerweltsmotto "So viel wie nötig, so wenig wie möglich" – an sich eine Selbstverständlichkeit in der Medizin – als kritische Losung versteht? Pharmakogene Suizidalität z.B. kommt in ihrem Wegweiser nicht vor, Abhängigkeit wird nur bei Benzodiazepinen eingestanden, Literaturhinweise zum Thema, wie die empfohlenen Psychopharmaka wieder abgesetzt werden können, sind ebenso Mangelware. Wohin der gewiesene Weg führt, kann man sich so an allen 10 Fingern abzählen. Schade, dabei hätte Carola Burkhardt-Neumann, Autorin des Artikels "Neuroleptika absetzen – Eine ›Nebenwirkung‹ klassisch-homöopathischer Behandlung" in dem Buch "Psychopharmaka absetzen", durchaus auch andere Wege zur Disposition stellen können. Paperback, 269 Seiten, ISBN 3-928316-23-0. München: Zenit Verlag 2005. € 18.-
Peter Lehmann

Antje Bultmann / Friedmann Schmithals (Hg.): Käufliche Wissenschaft. Experten im Dienst von Industrie und Politik
Vorwort von Carl Amery. U.a. über die Rolle von Gutachtern vor Gericht. Und mit einem 34seitigen Beitrag Marc Rufers über einen verhängnisvollen psychiatrischen ›Kunstfehler‹: Dieser hatte Carl W. eine 23 Jahre währende Psychiatrisierung eingebracht und der Psychiatrie schließlich eine Klage auf Schmerzensgeld in Höhe von 130000 sFr wegen jahrelanger auch formal ungerechtfertigter Unterbringung sowie wegen Behandlungsschäden (tardive Dyskinesie). Am 22.1.1994 gewann Carl W. die Klage in letzter Instanz und erhält nun mit Zins und Zinseszins 190000 sFr. Kart., 413 S., München 1994: Knaur Taschenbuch Nr. 77115. DM 16,90 / sFr 17,90 / öS 132,-
Peter Lehmann

Jens Burmester (Hg.): Schlucken und ducken. Medikamentenmissbrauch bei Frauen und Kindern
Beiträge von Ingrid Füller, Gerd Glaeske, Reinhard Voss u.a., vor allem über Psychopharmaka und Schmerzmittel. Kurz, übersichtlich, sachlich, mit Tabellen und Zahlen. Kart., 72 S. Geesthacht: Neuland Verlags GmbH 1994. DM 15,80 / sFr 16,80 / öS 123,50
Peter Lehmann

Bonnie Burstow: Radical Feminist Therapy: Working in the Context of Violence
The first feministic book about psychotherapy with clear antipsychiatric direction. By an antipsychiatric activist, psychotherapist and former Assistance Professor for Social Work. With clear, practical suggestions on what to do and how to do it when working with women on different problems. Paperback, 320 pp., Newbury Park: Sage Publications 1992, $ 17,95.
Peter Lehmann

Willi Butollo: Die Angst ist eine Kraft – Über die konstruktive Bewältigung von Alltagsängsten
Die zentrale These von Butollos besagt, dass Angst ein wichtiges, lebenserhaltendes Gefühl sei, das den Menschen zur Bewältigung von realen Bedrohungen antreibe. Deshalb komme es darauf an, die in den Ängsten noch ungerichtete Angst so einzusetzen, dass sie der Bewältigung des Problems diene. Es gelte, zur Auseinandersetzung mit Ängsten Energie zur Persönlichkeitsreifung und zur Reflexion problematischer gesellschaftlicher Verhältnisse freizusetzen. Beispiele von Menschen, die sich in ihrem Leben mit verschiedenen Formen von Ängsten auseinandersetzen mussten, zeigen die Vielfalt an Lösungsmöglichkeiten in diesem aufschlussreichen, wissenschaftlich fundierten und dennoch ausgesprochen verständlichen Buch auf. Kartoniert, 201 Seiten, ISBN 978-3-407-22077-6. Weinheim & Basel: Beltz Verlag 2000. € 11.– / sFr 16.50
Peter Lehmann

Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology
Informatives Buch über die Gefahren, die von Scientology-Organisationen ausgehen: Über das Ködern und Beeinflussen von Menschen und den Umgang mit Kritikern, mit innerhalb der Organisation verrückt werdenden Menschen, mit Kindern und Frauen. Allerdings will die Autorin die Psychiatriekritik von Scientology mit dem naiven Argument abtun, bei den verabreichten Psychopharmaka handele es sich doch um zugelassene Medikamente, Kritik sei also von vornherein nicht angebracht. Sie ignoriert dabei die allgemein bekannte Verabreichung ohne informierte Zustimmung und teilweise unter körperlichen Zwang. So drängt sich der Eindruck auf, dass solcherart Bücher, die aus der Sicht der Obrigkeit – Frau Caberta ist beim Hamburger Innensenat angesiedelt – geschrieben sind, sich nur sehr eingeschränkt eignen, den Scientologen das Wasser abzugraben. "Wer auf die Gefahren, die von der Scientology-Organisation ausgehen, hinweist oder sich gar von ihr löst, gerät unweigerlich in das Visier dieser Organisation. Kritiker werden diffamiert, öffentlich bloßgestellt ...", so der CSU-Mann Günther Beckstein in seinem Vorwort. Dass es Psychiatriekritikern andersrum ebenso geht – ein Blick in die von Caberta als (nicht gerade als seriös zu bezeichnende) genannte Internetquelle des Ingo Heinemann genügt -, lässt einen leicht bitteren Geschmack aufkommen: Mit den Scientologen und ihren Jägern haben sich zwei Instanzen gefunden, die alles Mögliche bieten, nur eines nicht: Hilfe und Orientierung für Menschen, die an der Psychiatrie leiden. Englisch Broschur, 207 Seiten, ISBN 978-3-579-06974-6. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2007. € 17.95 / sFr 31.90
Peter Lehmann

Filip Caby / Andrea Caby: Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste – Tipps und Tricks für kleine und große Probleme vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter
Für Professionelle und Betroffene interessante und systemisch orientierte Tipps und Tricks für die Gesprächsführung, spezielle Fragetechniken sowie ungewöhnliche Lösungen für alltägliche und weniger alltägliche psychische Probleme und/oder Verhaltensauffälligkeiten, getragen von Respekt und Wertschätzung für Fähigkeiten und die bisherigen Lösungsversuche der Beteiligten. Spiralbindung, 169 S., ISBN 978-3-938187-47-0. Dortmund: verlag modernes lernen Borgmann 2009. € 19.95 / sFr 32.30
Peter Lehmann

Heide-Marie Cammans: Betroffen durch Sekten? Ein Ratgeber
Allgemeine Aussagen über Techniken der Anwerbung, der Beeinflussung, des Umgangs mit Betroffenen und des Ausstiegs, wenig Informationen über spezielle Sekten (mit Ausnahme von Scientology, auf die die Autorin etwas näher eingeht). Kart., 189 S., Düsseldorf: Patmos Verlag 1997. DM 29,80
Peter Lehmann

Garuth Chalfont: Naturgestützte Therapie – Tier- und pflanzengestützte Therapien für Menschen mit einer Demenz planen, gestalten und ausführen
Fundiertes Buch eines Pflegeassistenten und Forschers an der Schule für Architektur an der Universität von Sheffield, der von einem Menschenrecht vom Zugang zur Natur ausgeht; die Abkopplung von ihr bedeute auch die Abkopplung vom ursprünglichsten und wesenhaftesten Zug unseres Menschseins. Sein Buch ist geprägt von der Hoffnung, sein Konzept der naturgestützten Therapie möge sich ausgehend von zarten Anfängen nach und nach in Pflegeheimen etablieren und irgendwann einmal völlig normal sein. Das Buch ist übersichtlich gegliedert: Teil 1 enthält die Kapitel "Mit der Natur leben", "Aktivitäten, die Natur einbeziehen" und "Ethische Probleme der Einbeziehung der Natur im Innenbereich". Speziell das letztgenannte Kapitel besticht durch seine Praxisorientierung; in Blumenkübel urinierende Menschen mit Demenz werden ebenso angesprochen wie sture Heimordnungen, die nicht die Person in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, sondern die Pflegeleichtigkeit der Heimroutine. Dabei, das zeigen die immer wieder eingestreuten pflegewissenschaftlichen Ergebnisse, bringt die Einbeziehung "der Natur" (gemeint: ihr wohltuender und anregender Anteil) tendenziell erhebliche Vorteile für die Betroffenen. In Teil 2 geht es um "Die natürliche Umwelt", "Aktivitäten im Freien" und wieder ein Kapitel, das sich mit offenen ethischen Fragen befasst sowie Vorschlägen, nach welchen Prinzipien diese beantwortet werden können. Die stete Reflexion des Machbaren und Wünschenswerten und der Versuch des Ausgleichs eines Interessenskonflikts aller Beteiligter ergibt sich aus der Tatsache, dass der Autor betroffener Familiengehöriger, professionelle Pflegekraft und humanistisch orientierter Wissenschaftler in einer Person ist. Eine weitere Stärke des eigentlich aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammenden Buches ist die ausgezeichnete Übersetzung, die die Erläuterung von Fachbegriffen ebenso einschließt wie die Zurverfügungstellung von Informationen, die sich auf die Übertragung der Vorschläge und Erkenntnisse Chalfonts auf den deutschen Sprachraum beziehen. Kartoniert, 245 Seiten, Abbildungen, Tabellen, ISBN 978-3-456-84748-1. Bern: Hans Huber Verlag 2010. € 29.95 / sFr 44.95
Peter Lehmann

Fritz Christoph / Horst Illiger (Hg.): Notwehr. Gegen die neue Euthanasie
Hochaktuelle Auseinandersetzung mit der modernen sachwertorientierten Ethik in der Medizin. Mit historischen Rückblicken und Einschätzungen der heutigen »Euthanasie«-Bedrohung von AutorInnen (u.a. Fritz Niemand, Klara Nowak, Dorothea Buck), die im Rahmen vorbeugender Sozialpsychiatrie während des Faschismus zwangssterilisiert wurden. Ein Buch, das die Augen öffnet – auch denen, die sich noch nie mit diesen Themen auseinandersetzen mussten. Kart., 301 S., Neumünster: Paranus Verlag 1993. DM 24,50
Peter Lehmann

Burkhard Ciupka: Zwänge –  Hilfe für ein oft verheimlichtes Leiden
In Burkhard Ciupkas Buch fehlen wesentliche Zwangserkrankungen wie z.B. Putzzwang usw. Dieses Buch erweckt den Eindruck, als seien dem Autor Vorgaben für die psychopharmakaorientierte Sichtweise gegeben worden. Für Betroffene, Angehörige, Profis und Laien ist dieses Buch völlig unbrauchbar, weil Ciupka seine persönliche Sicht unreflektiert verallgemeinert. Kartoniert,152 Seiten, Zürich: Walter Verlag 2001. DM 29,80 / sFr 26,50 / öS 218,-
Ulrike Burgstaller

Anouk Claes: Angst – Beschützer rund um die Uhr. Wie Sie Ihren Ängsten wirkungsvoll begegnen
Die sich als Medium verstehende Belgierin erklärt neu, dass Angst durchaus einen Sinn in unserem Leben haben kann, indem uns Angst vor Gefahren schützt. Man redet mit der Angst, begegnet ihr liebevoll, freundet sich mit ihr an, versteht sie. Und mit den geeigneten übersinnlichen Maßnahmen (Einfluss auf das Energiefeld, Geistiges Reisen) werde man dauerhaft frei von den Folgen unerwünschter Ängste. Ein Buch ausschließlich für Freunde der Esoterik. Kartoniert, 90 Seiten, ISBN 978-3-905836-03-5. St. Gallen: Allinti Verlag 2008. € 11.90 / sFr 21.90
Peter Lehmann

Günther Cloerkes / Jörg Michael Kastl (Hg.): Leben und Arbeiten unter erschwerten Bedingungen – Menschen mit Behinderungen im Netz der Institutionen
Ein Buch, das sich mit einer Vielfalt von Problemen der institutionalisierten Behindertenhilfe auseinandersetzt, sowohl bei Menschen mit körperlichen Behinderungen als bei Menschen, die als psychisch oder geistig behindert gelten. Dabei wird der Spagat zwischen Teilhabe und Selbstbestimmung auf der einen Seite und Handlungszwängen und Etikettierungen auf der anderen reflektiert. Die Hilfen erleichtern und schaffen zugleich "erschwerte Bedingungen" des Lebens und Arbeitens von Menschen mit Behinderungen. Ein Artikel bezieht sich direkt auf sogenannte psychisch Behinderte: "Deinstitutionalisierung durch Persönliche Budgets? Am Beispiel der Situation von Menschen mit psychischen Behinderungen" von Jörg Michael Kastl und Thomas Meyer. Sie referieren Fallbeispiele aus dem 2005 in Baden-Württemberg abgeschlossenen Modellprojekt und erörtern das Problem notwendiger und nicht notwendiger Reinstitutionalisierungen sowie institutioneller Verankerungen dieses eigentlich auf Deinstitutionalisierung angelegten Instruments der Behindertenhilfe. Artikel zur Geschichte der Behindertenhilfe seit dem Mittelalter, zum Leben mit Behinderung in einer alternden Gesellschaft, zu spezifischen Arbeitsproblemen behinderter Frauen sowie zum Recht auf Teilhabe im europarechtlichen Rahmen runden die Textsammlung ab. Originalausgabe. Kartoniert, 250 Seiten, 5 Tabellen, ISBN 978-3-8253-8335-0. Heidelberg: Carl Winter Verlag 2007. € 24.- / sFr 43.40
Peter Lehmann

Clozaril Patient Monitoring Newsletter, Nr. 5 siehe unter Sammelrezension

Alison Cobb: Older Women & ECT
Eine Studie, die einmal mehr sorgfältig nachweist, dass es Frauen und vor allem Ältere sind, die man elektroschockt, selbstverständlich ohne rechtswirksame Aufklärung. Geheftetes Manuskript, 23 S., London 1995. Ca. 2 £. Bestelladresse: MIND Policy Department, 15 – 19 Broadway, London E 15 4BH, England
Peter Lehmann

Katharina Coblenz: Katharina Katharina. Ein Fragment
Unter dem Leitmotiv, der Besteigung des Katharinenbergs im Sinai (wobei sie sich in einen Beduinen verliebt), erinnert sich Katharina Lenz, die Protagonistin des Buches, ihrer eigenen Geschichte, die durch die Überwachung durch die Stasi in der DDR charakterisiert ist. Widerständige Pastorin auf Rügen und im Umfeld Friedrich Schorlemmers, hat sie den Verdacht, dass es nicht Entfremdungsprozesse von ihrem Ehemann waren, die sie in die Psychiatrie brachten, sondern üble Tricks der Stasi. Die dritte Ebene wird durch Reflexionen über die namensgleiche Katharina von Alexandrien gebildet, eine heilig gesprochene Märtyrerin des Mittelalters, die ihre Widerspenstigkeit mit dem Foltertod bezahlte. Drei unterschiedliche Schrifttypen ermöglichen es, die unterschiedlichen Erzählebenen auseinanderzuhalten. Geb., 158 S., Stuttgart: Radius Verlag 1997. DM 36,- / SFr 36,- / öS 263,-
Peter Lehmann

David Cohen (Ed.): Challenging the Therapeutic State. Part 2: Further Dysquisitions on the Mental Health System
With the articles »Environmental failure – oppression is the only cause of psychopathology« by David H. Jacobs, »Limitations of the ciritique of the medical model« by Ken Barney, »Something is happening: the contemporary consumer and psychiatric survivor movement in historical context« by Barbara Averett, »The myth of the reliability of DSM« by Stuart A. Kirk and Herb Kutchins, »Caseness and narrative: contrasting approaches to people who are psychiatrically labeled« by Michael A. Susko, »Blaming the victims»: silencing women sexually exploited by psychotherapists« by Catherine D. Nugent, »Neuroleptic drug treatment of schizophrenia: the state of the confusion« by David Cohen, »Determining the competency of the neediest« by Jonathan Rabinowitz and »ECT: sham statistics, the myth of convulsive therapy, and the case for consumer misinformation« by Douglas G. Cameron. Allone by reading the titles of these articles it is (not) easy to understand, why the journal is not be available by the most university libraries. At the same time it is – together with the English Changes (International Journal of Psychology and Psychotherapy) – resp. the issue psychotherapy/psychiatry the most critical and progressive scientific journal world-wide. 198 p., Journal of Mind and Behavior, Vol. 15 (1994), No. 1/2. Order-adress: Journal of Mind and Behavior, P.O.Box 522, Village Station, New York, NY 10014, USA
Peter Lehmann

Clemens Cording / Wolfgang Weig (Hg.): Zwischen Zwang und Fürsorge. Die Psychiatriegesetze der deutschen Länder
Die kompletten Texte der Unterbringungsgesetze aller 16 Bundesländer – das älteste von 1952 (Hessen), das jüngste von 2001 (Bremen) – ihre Charakteristika und angedeutet ihr Konfliktpotential, dargestellt von Psychiatern und einem Anwalt, gefördert von der Firma Astra Zenica (Hersteller z.B. von Seroquel). Aber – besonders zum Aufspüren der Unterschiede zwischen den Ländergesetzen – unentbehrlich für alle, die sich mit dieser Art der 'Gefahrenabwehr' befassen. Kartoniert, 396 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Tabellen, ISBN 3-935176-25-2. Baden-Baden: Deutscher Wissenschaftsverlag (DWV) 2003. € 38.90 / sFr 62.-
Kerstin Kempker

Johan Cullberg: Therapie der Psychosen – Ein interdisziplinärer Ansatz
Johan Cullberg, ein Psychiater aus Schweden, im Vorwort zum Buch schreibt, er wolle ein umfassendes Bild psychotischer Menschen als menschliche Wesen aus der Perspektive eines einzigen Klinikers entwerfen, spricht er – vermutlich unbewusst – eine Vielzahl von Problemen an, die ihm und seinem Buch zum Verhängnis wurden. Er entwirft ein Bild, ein Konstrukt – sein Bild, mit dem er die Masse der als psychotisch geltenden Menschen ohne Einschränkung abgebildet und katalogisiert haben möchte. Auf dem Papier kann er diesen Anspruch erheben. Papier ist geduldig, es begehrt nicht auf, wenn er das Erfahrungswissen Psychiatriebetroffener, deren eigenen Deutungen und deren Anspruch, sogenannte Psychosen individuell zu definieren, ignoriert. Es wird auch nicht zu Asche, wenn Menschen mit der psychiatrischen Diagnose "Psychose" erst zu menschlichen Wesen gemacht werden müssen; offenbar sind sie für Cullberg ohne seine definitorischen Fähigkeiten nichtmenschliche Wesen. Das tut weh angesichts der Erwartungen, die mit seinem lobenswerten Ansatz verbunden sind, die Erstvergabe von Neuroleptika bei psychotischen Diagnosen zu reduzieren oder gar vermeiden. Von diesem positiven Ansatz abgesehen ist es schwer herauszufinden, wodurch sich Cullberg von normalen Psychiatern unterscheidet. Menschen mit der Diagnose "Schizophrenie" gelten für ihn als Behinderte mit genetischer Prädisposition, denen oft Neuroleptika zur Rückfallverhütung zu verordnen sei. Er sieht sich einig mit den Forscherinnen und Forschern, "dass viele Gene, etwa 15 bis 20 oder auch mehr, in verschiedenen Kombinationen interagieren und so in komplexer Weise die Anfälligkeit für psychotische Erkrankungen mitbedingen." (S. 70) Vielleicht dürfen es ja auch ein bisschen mehr sein, 100 oder 1000 oder 5000, die "mitbedingen"? Gene hat ja unzweifelhaft jeder Mensch, auch psychiatrisch Diagnostizierte, wer will also dieser Beliebigkeit etwas entgegensetzen? Von dieser durchsetzt ist das gesamte Buch. Cullberg sammelt alle möglichen theoretischen Behauptungen, lässt sie alle mehr oder weniger oder überhaupt gelten oder auch nicht. Seine Art der Darstellung ist alles andere als klar, und so werden die einen in ihm – ähnlich Klaus Dörner – einen neuen psychiatrischen Messias sehen; die anderen werden sein Buch gelangweilt in die Ecke legen, denn (wie bei Klaus Dörner) ist der Elektroschock akzeptabel, noch nicht einmal kritische Positionen zur Zwangsbehandlung finden sich; wo soll also ein Ansatz begründet sein für eine psychosoziale Versorgung, die die Menschenrechte beachtet und den Betroffenen vor behandlungsbedingten Schäden schützt? "Ist der Patient nicht fähig zu kooperieren und droht eine gefährliche Situation, dann müssen die Medikamente zwangsweise verabreicht werden. Diese sollte 'sanft, aber bestimmt' erfolgen und von einer Erklärung begleitet sein, warum die Zwangsmedikation notwendig ist." (S. 264) Auch im Buch enthalten sind kleinere Absätze über die "bedürfnisangepasste Behandlung der Psychose", allerdings in der Interpretation von Cullberg, über Soteria (beides lässt sich anderswo besser nachlesen) oder das schwedische Fallschirmprojekt. Projekte Psychiatriebetroffener lässt Cullberg unter den Tisch fallen, Psychiatriebetroffene gibt es für ihn nur als Fallbeispiele psychischer "Erkrankungen"; deren Erfahrungen, Literatur und Programme ignoriert er mit allergrößter Selbstverständlichkeit. Abgeschlossen wird das Buch mit dem knapp sechsseitigen Kapitel "Chancen für eine integrative Psychosentherapie in Deutschland" von Nils Greve und Volkmar Aderhold, das den Stand der außerordentlich bescheidenen und den grundsätzlichen Bedürfnissen der Betroffenen kaum gerecht werdenden Reformbemühungen hierzulande wiedergibt in Richtung sozialpsychiatrischer bedürfnisangepasster Behandlung und Home-Treatment, Krisendienste, Soteria- und Krisenstationen sowie Rückzugsräume. Gebunden 317 Seiten, 32 schwarz-weiße Abbildungen, 9 Tabellen, ISBN 978-3-88414-435-0. Bonn: Psychiatrieverlag 2008. € 49.95
Peter Lehmann