FAPI-Nachrichten
Das Internet-Magazin für antipsychiatrische Rezensionen. A
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Patch Adams / Maureen Mylander: Gesundheit! Bringt auf einzigartige
Weise frischen Wind in die Segel Ihrer Gesundheit, ins Gesundheitswesen
und unser ganzes Gesellschaftssystem
Wer sich für den US-amerikanischen "Spaßdoktor"
interessiert, findet hier alles Wissenswerte. Kartoniert, 256
Seiten, 10 Abbildungen, Oberursel: 12 & 12 Verlag 1997. €
15.29
Peter Lehmann
Götz
Aly: Die Belasteten ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
Der Autor, Vater einer behinderten Tochter, bringt mit seinem
neuesten Buch eine Arbeit zuende, die er 1981 begann, seinerzeit
jedoch nicht beendete, da sein Antrag auf ein Habilitationsstipendium
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft abgelehnt worden war.
Bestärkt von vielen Briefen Angehöriger, die mittlerweile nach
ihren ermordeten Familienmitgliedern fragen, beschreibt Götz Aly
mit großer Präzision, wie die »Euthanasie«-Morde von
Verrückten, Behinderten, Arbeitsunfähigen und -unwilligen, Hilfsbedürftigen
und anderen Menschen mit störender und unbequemer Lebens- und
Sinnesweise während der Zeit des deutschen Faschismus organisiert
wurden und wie sie konkret vor sich gingen, sowohl in Deutschland
als auch in den überfallenen Gebieten. Thema ist auch die flächendeckende
Einführung von Elektroschockapparaten, um Menschen rasch »symptomfrei«
machen und nach ihrer Sterilisierung an ihren Arbeitsplatz zurückschicken
zu können. Der Autor verwendet dabei viele Dokumente, die von
»Euthanasie«-Betroffenen, Überlebenden und Familienangehörigen
verfasst wurden. Dabei macht er deutlich, wie wesentlich die Haltung
der Familien war: ob sie den Kontakt zu ihren untergebrachten
Angehörigen hielten, sich für ihre Belange einsetzten, sie wieder
zu sich holen wollten und gegen die befürchtete Ermordung protestierten
(was durchaus zur Freilassung der Betroffenen führen konnte),
oder ob sie froh waren, von einem als Belastung empfundenen Menschen
befreit zu werden. Dankenswerterweise macht Götz Aly Schluss mit
der verbreiteten Praxis, die Betroffenen durch die Verwendung
von Initialen unkenntlich und zu anonymen Unpersonen zu machen.
Folgerichtig plädiert er, in Gedenkstätten die Ermordeten namentlich
zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen
Datenbank zu nennen. Durch die Tatsache, dass der Autor die Betroffenen
und nicht mehr die Täter in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt,
hebt sich sein Buch deutlich von aller vorangegangenen Literatur
zum Thema ab und zeugt von einer neuen, betroffenenzentrierten
Qualität. Kein Buch für zarte Gemüter, aber (neben den Büchern
von Ernst Klee) die Grundlagenliteratur zum Verständnis der medizinisch-psychiatrischen
Massenmorde während des Faschismus und insbesondere der Leiden
der psychiatrisch Gequälten und Ermordeten. Gebunden mit Schutzeinschlag,
348 Seiten, ISBN 978-3-10-000429-1. Frankfurt am Main: S. Fischer
Verlag 2013. € 22.99
Peter Lehmann
Ingvar Ambjörnsen: Blutsbrüder
Der Autor, Sozialarbeiter, beschreibt literarisch aus seiner (professionellen)
Sicht den Versuch zweier Psychiatriebetroffener, wieder im bürgerlichen
Leben Fuß zu fassen. Wem »Ich hab dir nie einen Rosengarten
versprochen« gefiel, wird auch Freude an den »Blutsbrüdern«
finden. Nachdem den beiden Männern in der Anstalt (Roman!)
offenbar geholfen wurde, haben sie mit ihrem Sozialarbeiter einen
hilfsbereiten, unaufdringlichen und allen Problemen gegenüber
aufgeschlossenen Helfer, der sie beim Bestehen der sympathisch
und leicht ironisch geschilderten Anforderungen des bürgerlichen
Lebens unterstützt. Roman. Geb., 256 S., München: Fretz
& Wasmuth Verlag 1997. DM 36,90 / sFr 36,90 / öS 269,-
Peter Lehmann
Michaela
Amering / Margit Schmolke: Recovery Das Ende der Unheilbarkeit
Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen Bereich,
den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische Kreise
breit einsetzen. "Recovery" kann man übersetzen mit Bergung, Besserung,
Erholung, Genesung, Gesundung, Rettung oder Wiederfindung. Die
positive Konnotation der Hoffnung ist allen Verwendungstypen gemeinsam,
kann aber in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche
meinen mit Recovery die Erholung von einer psychischen Krankheit,
das Nachlassen der Symptome oder die Gesundung. Andere denken
dabei an die Erholung von unerwünschten Wirkungen der verabreichten
Psychopharmaka nach dem Absetzen, die Wiedergewinnung der Freiheit
nach Verlassen des psychiatrischen Systems oder die "Rettung aus
dem psychiatrischen Sumpf". Im vorliegenden Buch geht es um Recovery
durch psychiatrische Behandlung, rasante Entwicklungen hätten
hierzu beitragen. Damit meinen die Autorinnen offenbar atypische
Neuroleptika à la Zyprexa, bekannt geworden durch seine Diabetes-auslösende
Potenz. Die Autorinnen informieren über viele psychiatrische Recovery-Programme
im In- und Ausland, von denen man sonst nie etwas hören würde
(leider ohne auf die Frage der Praxisrelevanz einzugehen). Manche
Leser werden sich freuen, dass eine Reihe von Publikationen Psychiatriebetroffener
aufgelistet werden, dass Forschung und Fortbildung aus der Perspektive
Psychiatriebetroffener thematisiert wird und ein Paradigmenwechsel
des psychiatrischen Glaubens an die sogenannte Unheilbarkeit von
Geisteskrankheiten gefordert wird. Mir allerdings gibt die Ausblendung
psychiatriekritischer (antipsychiatrischer) Erfahrungen von Leuten
zu denken, die sich wieder erholt haben, indem sie der Psychiatrie
den Rücken kehrten. Pat Bracken vom Internationalen Netzwerk für
Alternativen und Recovery (INTAR www.intar.org)
schreibt in dem Buch "Statt
Psychiatrie 2" : "Die radikalste Folgerung der Recovery-Bewegung
(...) besteht in der Feststellung, dass es die Betroffenen sind,
die das größte Wissen und die meisten Informationen über Werte,
Bedeutungen und Beziehungen besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung
sind sie die wahren Experten." Man mag es eigentlich nicht mehr
lesen, wenn psychiatrisch Tätige sich selbst für die einzig wahren
Experten halten. Dass in diesem Weltbild noch nicht einmal INTAR
einen Platz hat, ein internationaler Zusammenschluss aller wesentlichen
Alternativansätze wie Soteria oder Windhorse, ist traurig. Kartoniert,
302 Seiten, ISBN 978-3-88414-421-3. Bonn: Psychiatrieverlag 2007.
€ 24.90 / sFr 43.70
Peter Lehmann
Linda Andre: Doctors of deceptionWhat they don't want
you to know about shock treatment
in
Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy
, Vol. 9 (2009), No. 4, pp. 231-232 and in Advocacy
Update – The latest in activism and community news from ENUSP
, Vol. 1 (2010), No. 1, pp. 24-25; Greek translation
in Advocacy
Update (Greek edition)
, Vol. 1 (2010), No. 1, pp. 19-20
Peter Lehmann
Christophe André:
Alles über Angst Wie Ängste entstehen und wie man sie überwinden
kann
Der Autor, ein Pariser Psychotherapeut und Psychiater, plädiert
darauf, die Ursachen von Ängsten aufzudecken, gleichzeitig
jedoch sich täglich darum zu bemühen, die Angstsymptome
unabhängig von den Ursachen zu beherrschen. Sorgfältig
bearbeitet er in einzelnen Kapiteln die Fragen, was normale Ängste
von sogenannten pathologischen Ängsten unterscheidet, woher
Ängste und Phobien kommen, wie ihr Mechanismus abläuft,
wie man am besten beginnt, der Angst entgegenzutreten. Es folgen
Vorzüge der kognitiven Verhaltenstherapie, mit der sich indirekt,
aber dennoch wirksam auf das den Gedanken und Gefühlen zugrunde
liegende Nervensystem einwirken und so eine emotionale Aktivierung
und der Einsatz neuer synaptischer Verknüpfungen hervorrufen
lasse. In einem weiteren Kapitel werden alle möglichen speziellen
Ängste vorgestellt: Ängste vor Tieren, Flugangst, Schüchternheit,
Lampenfieber, die Angst rot zu werden. Es folgt ein Kapitel über
Angstattacken, Panikanfälle und Agoraphobie incl. Erste-Hilfe-Maßnahmen,
um sich nicht selbst verrückt zu machen, und zuletzt folgt
ein Kapitel zu Ängsten, die der Autor eher als selten betrachtet,
beispielsweise Angst vor Inkontinenz, Angst vor sexuellen Beziehungen
und sexuellem Versagen, Angst vor dem Tod. Das Buch ist geeignet
für alle, die sich einen Überblick über die Vielfalt
von Ängsten und psychotherapeutisches Herangehen verschaffen
wollen und die daran Gefallen haben, dass der Autor, ein Psychiater,
seine mit dem Zeitgeist der Neurobiopsychologie kompatiblen Ausführungen
mit einer Vielzahl von Beispielen aus der Geschichte und Belletristik
sowie "Fall"-Geschichten illustriert, ohne dass letztere
je als Subjekte selbst zu Wort kommen. Gebunden mit Schutzumschlag,
299 Seiten, ISBN 978-3-7831-3262-5. Stuttgart: Kreuz Verlag 2009.
€ 19.95 / sFr 35.80
Peter Lehmann
Marcia
Angell: Der Pharma-Bluff Wie innovativ die Pillenindustrie
wirklich ist
Kritisches und lesenswertes Buch zu problemlos auf den
deutschsprachigen Raum übertragbaren üblichen
und üblen Marketingstrategien für Medikamente und psychiatrische
Psychopharmaka. Über Arzneimittelprüfungen an Freiwilligen,
das Missverhältnis zwischen Ausgaben für Forschung und
Werbung sowie gefälschte Zahlen, Scheininnovationen, Abzocke
der Steuerzahler, Einseitigkeit bei Publikationen oder Unterdrückung
unangenehmer Erkenntnisse, Bestechung, direkte Verbraucherwerbung,
als Fortbildung, Forschung und Aufklärung getarntes Marketing,
Fachtagungen als Werbemaßnahmen, Dichtung und Wahrheit bei
klinischen Prüfungen. Ein Glossar hilft beim Verständnis
der amerikanischen Begriffe, Verbände und Verordnungen. Das
Buch handelt auch von psychiatrischen Psychopharmaka (u.a. dem
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paxil [Wirkstoff Paroxetin, hierzulande
im Handel als Allenopar, Aroxetin, Deroxat, Ennos, Euplix, Oxet,
ParoLich, Paroxat, paroxedura, Paroxetin, Seroxat, Tagonis], und
Prozac [Wirkstoff Fluoxetin, hierzulande im Handel als Felicium,
Flox-ex, Fluctin, Fluctine, Fluneurin, Fluocim, Fluox, fluox-basan,
FluoxeLich, Fluoxemerck, Fluoxe-Q, Fluoxetin, Fluoxgamma, Fluoxibene,
Fluoxifar, FluoxiStad, Fluoxityrol, Flusol, Flux, Fluxet, Fluxil,
FluxoMed, Fysionorm, Mutan, Mutin, Positivum, Prozac], sowie dem
auch aus psychiatrischen Überlegungen heraus verwendeten
Antiepileptikum Neurontin [Wirkstoff Gabapentin). Der Verlag schreibt
zwar, die deutschen Markennamen würden nichts zum besseren
Verständnis der geschilderten Sachverhalte beitragen, aber
wenn schon einzelne amerikanische Markennnamen genannt werden,
möchte man doch gerne wissen, wovon die Autorin konkret spricht.
Aus diesem Grund habe ich die aktuellen (Stand: Juli 2005) Markennamen
im deutschsprachigen Raum hier aufgelistet. Übersetzung aus
dem Amerikanischen, Originalausgabe 2004. Gebunden, 288 Seiten,
ISBN 3-9806621-9-5. Bonn / Bad Homburg: KomPart VerlagsGmbH 2005.
€ 24.80 / sFr 45.70
Peter Lehmann
Rainer Appell (Hg.): Homöopathie, Psychotherapie und
Psychiatrie. Hahnemanns weiterwirkender Impuls
Sammlung von kritischen (und z.T. homöopathische Grundkenntnisse
voraussetzenden) Referaten der internationalen Hainsteintagung
von 1992. Wer sich für eine humane und verstehende Psychotherapie
interessiert, findet bei Samuel Hahnemann, dem Begründer
der Homöopathie, die Vorwegnahme ihrer wesentlichen Elemente
(Ganzheit, Gewaltlosigkeit, Verstehen). Hahnemanns Erfahrungen,
so im Buch nachzulesen, seien heute von unverminderter Aktualität,
da sie helfen könnten, dem in der modernen Psychiatrie oft
zum Schweigen verurteilten Menschen seine Sprache wiederzugeben
und ihm Gehör zu verschaffen. Das klingt gut, wird auch durch
Fallbeispiele beschrieben, die zeigen, wie homöopathische
Mittel Veränderungsprozesse bei Menschen einleiten, die
durch welche Umstände auch immer in Sackgassen ihrer
Entwicklung gelangt sind. Man darf gespannt sein, wie sich diese
Menschen zu den Berichten äußern, wenn sie die Gelegenheit
haben, schriftlich Stellung zu nehmen, denn letztlich können
es nur die homöopathisch Behandelten selbst sein, die optimistische
Behandlungsberichte anderer bewerten. Geb., 231 S., 31 Abb., Heidelberg:
K.F. Haug Verlag 1993. DM 68,- / sFr 68,- / öS 530,-
Peter Lehmann
Kurt Marc Bachmann / Wolfgang Böker (Hg.): Sexueller
Missbrauch in Psychotherapie und Psychiatrie
Ergebnis einer Tagung vom November 1991 in Bern, herausgegeben
von zwei Psychiatern. 5 PsychiaterInnen, 6 PsychologInnen, eine
Sozialwissenschaftlerin und eine Juristin geben Definitionen,
Literatur und aktuelle Zahlen wieder, stellen den Täterprofilen
und -argumenten die erheblichen Folgeschäden der betroffenen
(meist) Frauen gegenüber und äußern sich zu Prophylaxe
und Sanktionen auf der einen und zu Anlaufstellen und Folgetherapien
auf der anderen Seite. Besonders aufschlussreich fand ich den
Artikel über sexuellen Missbrauch in der Psychiatrie. Nach
einer anonymen Befragung an zwei Schweizer Anstalten gaben vom
Pflegepersonal 16,8% der Männer und 10,5% der
Frauen (!) sexuelle Kontakte zu InsassInnen an. Ein nüchternes,
klares, informatives Buch, wissenschaftlich, aber gut zu lesen.
Kart., 168 S., Bern: Huber Verlag 1994. DM 39,80 / sFr 38,- /
öS 311,-
Kerstin Kempker
Meinolf Bachmann / Andrada El-Akhras: Lust auf Abstinenz
Ein Therapiemanual bei Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit
Das Arbeitsheft beinhaltet Aufgabenmaterialien und Informationen
rund um die Psychotherapie substanzgebundener Abhängigkeitserkrankungen
für die Begleitung beim Entzug mit den Schwerpunkten Beziehungen
und soziale Kompetenzen, Gefühle, Geld, Rückfallverhütung und
Alternativen zum Suchtverhalten. Das übersichtlich gegliederte
Manual beinhaltet auch Material für die Patientenmaterial und
behandelt Themen wie Wege aus der Sucht, Aufbau von Krankheitseinsicht,
besserer Umgang mit Gefühlen, Verminderung des Rückfallrisikos
speziell in der ersten Zeit nach der Therapie oder optimale Gestaltung
von Selbsthilfegruppen. Leider beziehen Bachmann und El-Akhras
in ihrem Arbeitsheft nur Menschen ein, die süchtig nach Alkohol,
Schlafmittel und Benzodiazepinen bzw. von ihnen abhängig sind;
Abhängigkeit von Antidepressiva und Neuroleptika scheint es für
sie nicht zu geben. Insofern eignet sich das Buch nur bedingt
für Psychiatriebetroffene, die Hilfe wollen beim Absetzen von
Antidepressiva und Neuroleptika. Reflexion von Gefühlen und sozialen
Beziehungen, Rückfallverhütung und nichtpsychopharmakologische
Wege, ansonsten zur Wiedereinnahme psychiatrischer Psychopharmaka
führende Konflikte zu lösen, kann man aber durchaus aus diesem
Handbuch ebenso übernehmen wie alle anderen vernünftigen Vorschläge,
Lust auf ein Leben ohne persönlichkeitsverändernde Substanzen
zu entwickeln. Kartoniert, VIII + 179 Seiten, ISBN 978-3-540-89225-0.
Berlin: Springer Verlag 2009. € 39.95 / sFr 54.–
Peter Lehmann
Kurt Bader / Christian
Elster / Birte Ludewig u.a.: Zu Hause sein im Fragen Ein
ungewöhnlicher Forschungsbericht
Ein sehr lebendiger, offener und mit schönen farbigen Abbildungen
der Beteiligten und diverser Tätigkeiten illustrierter Bericht
von einem gemeinsam getragenen Forschungsprojekt zur Verbesserung
der Lebensqualität. Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen, mit ambulanten
und stationären Angeboten und Praktiken der Psychiatrie. Interessant
für alle, die sich mit dem aktuellen Thema der nutzerkontrollierten
Forschung bzw. Forschung unter aktiver Einbeziehung von Betroffenen
beschäftigen. Herausgegeben vom Forschungsprojekt Lebenswelten.
Kartoniert, 202 Seiten, farbige Abbildungen, ISBN 3-926200-68-5.
Neumünster: Paranus Verlag Die Brücke 2006. € 19.-
/ sFr 33.60
Peter Lehmann
Claudine Badey-Rodriguez / Rietje Vonk: Wenn alte Eltern schwierig
werden Für einen entspannten Umgang miteinander
Lockerer, leicht und schnell lesbarer Ratgeber, geeignet
für Leute, die sich noch nicht Gedanken gemacht haben und
sich plötzlich verändert verhaltenden Eltern gegenüberstehen.
Eigentlich eher ein Psycho-Ratgeber im Umgang oder zur Abgrenzung,
mangelt es dem Buch an einer reflektierten Position hinsichtlich
körperlichen Veränderungen bei den Eltern, die ja in
der Regel mit psychischen beim Älterwerden einhergehen. Speziell
wenn es dann um Depressionen geht, die körperlich bedingt
sein können, z.B. als psychische Komponente der Parkinsonerkrankung
oder als Folge eines Schlaganfalls, ist der Verweis, mit dem Arzt
zu reden, etwas dürftig, und angesichts dessen Hang zu synthetischen
Psychopharmaka (oder gar Elektroschocks, wenn es zur Anstaltseinweisung
kommt und die Depressionen zunehmen und sich verstärken),
etwas fahrlässig. Kartoniert, 127 Seiten, ISBN 978-3-491-40103-7.
Düsseldorf: Patmos Verlag 2007. € 14.90 / sFr 26.80
Peter Lehmann
Lee Baer: Der Kobold im
Kopf. Die Zähmung der Zwangsgedanken
Lee Baer, Psychologe am Behandlungszentrum für Menschen mit
Zwangsstörungen am General Hospital von Boston und mittlerweile
am McLean Hospital Leiter einer Gesprächsgruppe für
Menschen, die unter negativen Gedanken leiden, beschreibt und
kategorisert anhand von Fallbeispielen Zwangsgedanken, die als
Mordgedanken, Fantasien von Missbrauch und Vergewaltigung sowie
blasphemische Sätze auftauchen können, um dann die Ursachen
ihres Auftretens zu untersuchen und wirksame kognitiv-psychotherapeutische
Wege zu beschreiben. Zuletzt kommt er auf die Grenzen psychotherapeutischer
Interventionen und Selbsthilfe zu sprechen und empfiehlt vor allem
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, ohne aber vor Abhängigkeitsproblemen
und vor allem der Gefahr suizidaler und homozidaler Risiken zu
warnen, was dem Buch einen negativen Beigeschmack verleiht. Kartoniert,
183 Seiten, 978-3-456-84949-2. Bern: Verlag Hans Huber. 3., unveränderte
Neuauflage 2011. € 19.95 / sFr 29.90
Peter Lehmann
Tim Bärsch / Marian
Rohde: Kommunikative Deeskalation. Praxisleitfaden zum Umgang
mit aggressiven Personen im privaten und beruflichen Bereich
Buch mit vielen Vorschlägen zum Umgang mit aggressiven Personen
von Marian Rohde, Kommunikationstrainer und Leiter einer geschlossenen
psychiatrischen Station, und Tim Bärsch, Deeskalationslehrtrainer
für die Gewalt-Akademie Villgst. Die beiden Autoren empfehlen
beispielsweise aktives Zuhören, den Gegenüber ausreden lassen,
Gesprächspausen ertragen, nachfragen, Blickkontakt halten. Ihre
Ratschläge gelten auch für Patientinnen und Patienten, die von
psychiatrischer Gewalt bedroht sind, sowie für sie unterstützende
Angehörige und Freunde oder für Mitglieder von Besuchskommissionen.
Wer wissen will, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um sich
von psychiatrisch Tätigen nicht provozieren zu lassen ( zum
Beispiel, wenn man vermeiden will, dass wehrlose Zwangsuntergebrachte
hinterher den Schlamassel ausbaden müssen), dem sei dieses
Buch empfohlen. Natürlich gilt die Empfehlung auch für
Menschen, die aus anderen Anlässen mit aggressiven Personen
zu tun haben, zum Beispiel innerhalb normaler Familien, im Selbsthilfebereich,
in alternativen Einrichtungen, in Vereinen........ Kartoniert,
144 Seiten, ISBN 978-3-8423-4164-7. Norderstedt: Books on Demand
GmbH, 4. Auflage 2013. € 9.99
Peter Lehmann
Martin Baierl: Herausforderung
Alltag Praxishandbuch für die pädagogische Arbeit mit psychisch
gestörten Jugendlichen
Dieses Buch richtet sich in erster Linie an alle mit Erziehungsaufgaben
betrauten professionellen Helferinnen und Helfer, unabhängig von
deren Ausbildung oder Arbeitsauftrag, und vermittelt ihnen ungebrochen
das psychiatrische Mainstream-Wissen. Die Leser werden vertraut
gemacht mit der (schubladenhaften) Diagnostik verschiedener psychischer
Probleme und vor allen Dingen mit psychiatrischen Interventionsmöglichkeiten.
Es ist nicht erkennbar, dass die Risiken und unerwünschten Wirkungen
psychiatrischer Psychopharmaka für den Autor eine Rolle spielen;
Entscheidungen über deren Einsatz sowie die davor liegende Diagnosenstellung
sollen grundsätzlich dem "erfahrenen" Kinder- und Jugendpsychiater
überlassen bleiben. Positiv gesehen, kann das Buch als Nachschlagewerk
für Personen dienen, die wissen sollen, welchen Ideologien und
Unterwerfungsmustern systemkonforme Menschen folgen, die mit Jugendlichen
arbeiten, die als psychisch gestört gelten. Und für Personen,
die nachlesen wollen, wie einfach es gemacht werden soll, die
Verantwortung für wesentliche Entscheidungen im pädagogischen
Bereich an Psychiater zu delegieren. Gebunden, 448 Seiten, 54
Tabellen, ISBN 978-3-525-49134-8, Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht, 2. Auflage 2010. € 39.90 / sFr 56.90
Peter Lehmann
Franco Basaglia: Die Entscheidung des Psychiaters Bilanz
eines Lebenswerks
Als Direktor einer Psychiatrischen Anstalt habe Basaglia gespürt,
wie ein »symbolischer Scheißgeruch in der Luft lag.
Ich war mir sicher, mich in einer völlig absurden Institution
zu befinden, die nur dazu diente, daß der Psychiater am
Monatsende sein Gehalt bekam.« Allein dieser Satz Basaglias,
den Klaus Hartung in seinem einleitenden Beitrag zitiert, macht
deutlich, weshalb die deutsche Psychiatrie so wenig Existenzielles
von der demokratischen Psychiatrie Italiens übernehmen wollte
zu wohl fühlten und fühlen sich deutsche Psychiater
in ihren Einrichtungen jedweder Coleur. Die Ablehnung psychiatrischer
Krankheitsbegriffe als Grundlage der Etikettierung und Behandlung,
statt dessen die Zurückverwandlung des psychiatrischen »Patienten«
in ein Subjekt mit eigenen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten....
dies war Basaglias Entscheidung als Psychiater. »Der Psychiater
weiß nichts, kompensiert diesen Mangel durch seine Macht.«
Sein Anspruch an sich und seine Kollegenschaft, von der psychiatrischen
Macht abzugeben und Menschen bei der Bewältigung ihrer psychischen
Probleme sozialer Natur zu unterstützen und ihnen zu erträglichen
(Über-)Lebensbedingungen zu verhelfen, bleibt sein Vermächtnis.
Und dieses Vermächtnis mit erstmals publizierten Texten (über
Psychiatrie mit ihrem Doppelcharakter als Befreiung oder Unterdrückung,
über Psychiatrie und ihr Verhältnis zur Politik usw.)
aus den Siebziger Jahren als Ansporn für die Kritik an der
heutigen psychiatrischen Praxis vor dem Vergessen bewahrt zu haben,
ist das Verdienst dieses Buches. Kartoniert, 256 Seiten, ISBN
3-88414-259-3. Bonn: Psychiatrieverlag 2002. sFr 41,80 / €
22,90
Peter Lehmann
Lucinda Bassett: Angstfrei
leben Das erfolgreiche Programm gegen Stress und Panik
Durch Umdenken Angst und Panikattacken überwinden, so lautet
die Botschaft dieses sehr amerikanischen (und einfältigen)
Buches. Die Autorin, eine ehemalige Betroffene, appelliert unentwegt
an den Leser umzudenken und daran zu glauben, wovon sie selbst
überzeugt ist. Je nach Bedarf schüttelt sie Erlebnisse
mit Einzelpersonen, die ihre Aussagen stützen sollen, aus
dem Ärmel ("Ein Mann kam eines Tages in unsere Gruppe
und erzählte.....", "Viele Menschen haben mir folgendes
gesagt.....", "Eines Tages kam eine erfolgreiche Geschäftsfrau
zu uns ins Midwest Center und erzählte uns....."). Schließlich
empfiehlt sie den Lesern, Ärzte entscheiden zu lassen, ob
sie für Antidepressiva und Beruhigungsmittel "geeignet"
seien, und zuallerletzt wird noch der liebe Gott zur Problemlösung
bemüht. "Denk daran für ein glückliches
Leben braucht es nicht viel", lässt die Autorin Marc
Aurel am Ende ihres Buches sagen. Ob es zum glücklichen Leben
ihres Buches bedarf? Kartoniert, 259 Seiten, ISBN 978-3-407-22819-2.
Weinheim & Basel: Beltz Verlag, 9. Auflage 2009. € 15.95
/ sFr 27.90
Peter Lehmann
Ronald Bassmann: A fight to bePsychologist's experience
from both sides of the locked door
in
Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy
, Vol. 7 (2007), No. 4, p. 264
Peter Lehmann
Ruth Baumann u.a.: Arbeitsfähig oder unbrauchbar? Die
Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie seit 1933 am Beispiel
Hamburgs
»Ruth Baumann hat Gutachten der furchtbaren Jugendpsychiater
vor und nach 1945 untersucht und verglichen. Während die
Diagnosen vor 1945 viele Kinder ins Abseits oder in den Tod führten,
machten die Psychiater nach 1945 Karriere und prägten auch
dann noch die Kinder- und Jugendpsychiatrie.« (Ernst Klee)
Kart., 213 S., Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag 1994. DM 42,- / sFr
43,30 / öS 328,-
Peter Lehmann
Josef Bechter: Neue Wege zu Gesundheit durch erfolgreiche
Medizin
Laut dem Autor Bechter, einem ehemaligen Polizeibeamten, werden
im Buch die Ursachen der Krankheitsflut erörtert und naturheilkundliche,
effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethoden zu
den häufigsten Zivilisationskrankheiten verständlich gemacht.
Ebenfalls wird die Problematik der Alleinherrschaft der Schulmedizin,
die wirtschaftlichen Interessen und Verflechtungen zwischen Pharmazie
Ärzteschaft Gesundheitsbehörden Politik
angerissen. Ein Buch für alle, die den Glauben an die moderne
Medizin (Notfallmedizin ausgenommen) völlig aufgegeben haben
(und vice versa) und es statt dessen mit orthomolekularer Medizin,
Kohlehydraten, Ölen und Fetten versuchen möchten. In
Sachen Psychiatrie bietet der Autor außer Nährstofftherapie
leider nichts. Chemische Medikamente könnten im Einzelfall
dauerhaft erforderlich sein, bei einer ergänzenden Naturheiltherapie
könne die Dosis aber oft wesentlich (und zum Teil sogar auf
Null) reduziert werden. Wie sich naturheilkundliche Mittel und
psychiatrische Psychopharmaka vertragen sollen, vergisst der Autor
allerdings zu begründen. "Die Inanspruchnahme der richtigen
Therapien" sei zur Gesundung nötig, dazu eine harmonische
Umgebung für die Patienten und deren gute psychologische
Betreuung. Mit richtiger Behandlung meint der Autor die bereits
erwähnte Nährstofftherapie, die die seiner Meinung nach
offenbar ausschließlich organisch und/oder genetisch bedingten
psychischen Störungen ausgleicht. Psychiatriebetroffene als
Subjekte, die sich mit Therapie oder in Selbsthilfe zur Aufarbeitung
und Überwindung ihrer psychischen Probleme sozialer Natur
machen, kommen in diesem biologisch geprägten Weltbild leider
nicht vor,was das Buch für Psychiatriebetroffene wenig interessant
macht und was die Aussagen auch nicht neu machen. . Wer sich mit
orthomolekularer und Nährstofftherapie näher beschäftigen
möchte, dem bzw. der sind Burgersteins
Handbuch Nährstoffe oder das "Handbuch der Orthomolekularen
Medizin" (Dietl / Ohlenschläger) ans Herz gelegt. Gebunden,
424 Seiten, 3-932576-70-5. Kernen: Sensei Verlag 2005. €
22.90
Peter Lehmann
Marty Becker: Heilende Haustiere. Wie Hund, Katze und Maus
Sie seelisch und körperlich gesund halten
Haustiere bei Herzleiden, Hunde zur Traumabewältigung und
Krebsfrüherkennung, große Hunde für hyperaktive
Kinder, ehrenamtliche Arbeit im Tierheim oder persönliche
Beziehungen zu Wellensittichen gegen Depressionen, Gesundheitschecklisten
für die gesunde Mensch-Tier-Beziehung ein aus dem
Amerikanischen stammendes, in seiner Struktur etwas unübersichtliches
Buch, aufbauend auf einem ziemlich veralteten biologischen Medizin-
und vor allem Psychiatrieverständnis und durchsetzt mit Massen
von Anekdoten. Insofern wäre ein Register extrem hilfreich
gewesen. Wer das Buch aber wie ein Roman liest, kommt sicher auf
seine Kosten, insbesondere wenn er oder sie nach Beispielen sucht,
weshalb Tiere allemal besser sind als beispielsweise synthetische
Psychopharmaka und andere Chemikalien. Rezension
im BPE-Rundbrief. Gebunden mit Schutzeinschlag, 361 Seiten,
12 x 21,5 cm, ISBN 978-3-936994-24-7. München: riva Verlag
2007. € 22.- / sFr 37.-
Peter Lehmann
Monika
Becker-Fischer / Gottfried Fischer: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie
und Psychiatrie Orientierungshilfen für Therapeut und Klientin
Das Buch ist eine Orientierungshilfe für alle Psychotherapiepatientinnen
und -patienten, die auf der Suche nach einem integren Psychotherapeuten
sind, sowie für alle interessierten Helfer. Täterprofile,
Vorbeugung, juristische Gesichtspunkte, Hilfen das sind
einige der Stichworte, um die es in acht logisch gegliederten
Kapiteln geht: "Sexuelle Übergriffe als Problem der psychotherapeutischen
Profession", "Epidemiologie sexueller Übergriffe in
Psychotherapie und Psychiatrie", "Das Professionale
Missbrauchstrauma: Vertrauensbruch und Machtmissbrauch der Tätertherapeuten",
"Ergebnisse der Online-Nachfolgeuntersuchung 2006",
"Was hilft beim Professionalen Missbrauchstrauma?",
"Juristisches Vorgehen gegen Tätertherapeuten nach sexuellen
Übergriffen", "Aufklärung der psychotherapeutischen
Berufsgruppen und Folgerungen für die Ausbildung" und "Herstellung
von Öffentlichkeit: Informationen und Hinweise für Betroffene
und Angehörige". Welcher Teufel die Autoren allerdings geritten
hat, als Anlaufstelle für Betroffene ausgerechnet eine holländische
und keine deutschsprachige Website zu nennen, bleibt mir schleierhaft.
Abgesehen von diesem Lapsus und dem Glauben der Autoren, die Lösung
des Problems liege in einem Paradigmenwechsel, der durch die landläufige
Forderung nach mehr Wissenschaftlichkeit und leider nicht nach
prinzipieller Ausrichtung an den Erfahrungen der Betroffenen als
der zentralen Kategorie), charakterisiert ist, lässt
sich das Buch dennoch als zeitgemäßes Standardwerk
zum Thema Sexueller Missbrauch in Psychotherapie und Psychiatrie
für Betroffenen und Profis empfehlen. Kartoniert, 222 Seiten,
ISBN 978-3-89334-460-4. Heidelberg: Asanger Verlag, 3., völlig
neu bearbeitete Auflage 2008. € 25.50 / sFr 44.30
Peter Lehmann
Bernd Behrendt: Meine
persönlichen Warnsignale: Ein psychoedukatives Therapieprogramm
zur Krankheitsbewältigung für Menschen mit Psychoseerfahrung.
Arbeitsbuch für Gruppenteilnehmer
Wer im Original nachlesen möchte, wie Psychiatriebetroffene in
der Psychoedukation für dumm verkauft werden, für den dürfte
dieses Arbeitsbuch interessant sein aber nur zu diesem
einzigen Zweck. Ansonsten ist das Buch hundsmiserabel. Ideologisch
einseitig werden die Betroffenen auf die Einnahme von Psychopharmaka,
speziell Neuroleptika getrimmt. Darüber hinaus wird das primitive
Modell der genetisch mitbestimmten Stoffwechselentgleisung als
Ursache sogenannter Psychosen propagiert. Die Risiken von Neuroleptika
werden im plumpester Weise verharmlost, die Abhängigkeitsgefahr,
schon seit den 60er Jahren durch viele psychiatrische Publikationen
bekannt, schlichtweg abgestritten, und wenn man auf S. 40 liest,
dass bei sog. atypischen Neuroleptika wie Risperdal Muskel- und
Bewegungsstörungen "so gut wie nie" auftreten, beschleicht einen
das Gefühl, der promovierte Diplom-Psychologe, der in der Uni-Psychiatrie
in Homburg arbeitet, könnte sein Wissen einzig aus den Waschzetteln
der Pharmamultis haben. Da aber selbst dort Beispiel der
Vermerk über Risperdal in der Roten Liste: "gelegentl.: EPS (Tremor,
Rigidität, Hypersalivation, Bradykinesie, Akathisie, akute Dystonie).
B. Pat. m. akuter Manie traten in klin. Stud. sehr häufig EPS
auf" vor Muskel- und Bewegungsstörungen gewarnt werden,
kann man über die Motive des Autors nur spekulieren. Eines scheidet
nach meiner Meinung grundsätzlich aus: Verantwortungsbewusstsein.
Fazit: Ein übles und in seiner Gefährlichkeit für das Wohlergehen
von Psychiatriebetroffenen nicht zu unterschätzendes Machwerk.
Leider wirft eine solche Publikation nicht gerade ein gutes Licht
auf den Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie
DGVT), in dem es erschienen ist. Mit CD-ROM. Materialie 51. Kartoniert,
136 Seiten, ISBN 978-3-87159-311-6. Tübingen: DGVT, 2. überarbeitete
und erweiterte Auflage 2009. € 18.80
Peter Lehmann
Bernd Behrendt: "Meine
persönlichen Warnsignale". Ein psychoedukatives Therapieprogramm
zur Krankheitsbewältigung für Menschen mit Psychoseerfahrung.
Arbeitsbuch für Gruppenleiter
Bernd Behrendt beschreibt das Konzept der Psychoedukation. Gehirnwäsche
wäre ein angemessener Begriff. Den Betroffenen wird das reaktionäre
biomedizinische Krankheitskonzept eingetrichtert. Der an sich
vernünftige Ansatz, bewusst zu leben, Warnsignale aufziehender
Krisen wahrzunehmen und sich entsprechend zu schützen, wird von
Behrendt jedoch umgemünzt in das Herstellen von Compliance, d.h.
die Unterordnung unter das psychiatrische Behandlungsregime, und
das brave, vorbeugende und langfristige Schlucken von Psychopharmaka.
Studien (Soteria, Diabasis, Offener Dialog usw. usf.), die belegen,
dass die Konfliktverarbeitung ohne Psychopharmaka langfristig
zur Stärkung der Betroffenen und zur Senkung der Psychiatrisierungsrate
führt, werden schlichtweg ignoriert, das von der Pharmaindustrie
und von ihr gesponserten Psychiatern geschaffene heile Weltbild
der psychopharmakologischen Psychiatrie soll keine Sprünge bekommen.
Deshalb vermeidet es der Autor, die Existenz abweichender Meinungen
auch nur zu erwähnen. Das Ergebnis der Psychoedukation zeigt sich
dann in der bis zu durchschnittlich drei Jahrzehnte verminderten
Lebenserwartung der Behandelten. Für Behrendt natürlich
kein Thema, darüber muss man sich an anderer, seriöser
Stelle informieren. Wem Gesundheit und Leben lieb sind, sollte
auf den Kauf, das Lesen und das Sich-Unterziehen der Gehirnwäsche
à la Behrendt besser verzichten. Materialie 50. Kartoniert, 200
Seiten, ISBN 978-3-87159-310-9. Tübingen: DGVT , 2. überarbeitete
und erweiterte Auflage 2009. € 16.80
Peter Lehmann
Miguel
Benasayag / Gérard Schmit: Die verweigerte Zukunft
Nicht die Kinder sind krank, sondern die Gesellschaft, die sie
in Therapie schickt
Mental erfrischend, fundiert, lebendig und auch leidenschaftlich
plädieren hier zwei erfahrene Analytiker von Kindern, Familien
und Gesellschaft für einen neuen Blick. Wo Zukunft Angst macht,
Wirtschaftlichkeit oberstes Gebot ist, Freiheit aus Macht und
Bindungslosigkeit erwächst und Kinder gewappnet werden müssen,
ist eine ganze Gesellschaft in der Krise. Psychologen u.ä. müssen
sich entscheiden, ob sie diesem System zuarbeiten und junge Menschen
symptomfrei funktionieren machen wollen, oder ob sie sich ohne
diagnostische Etikettierung einlassen auf ihr eigenes Nichtwissen
und eine gemeinsame Suche. "Es gibt Leiden existenzieller Art,
die auf die Intoleranz der Gesellschaft zurückzuführen sind. Ist
der Therapeut damit konfrontiert, dann ist er auch als Bürger
gefragt, und es steht ihm nicht zu, zu 'psychologisieren' und
zu 'pathologisieren'." Weil sie die ihnen Anvertrauten ernst nehmen
und nicht allein lassen, geht es ihnen darum, "zu entdecken, dass
man das Leben nicht 'heilen', sondern ganz einfach 'leben' muss
..." Ein Buch gegen Enge und Zaudern, das ermutigt und Raum schafft,
Spielraum. Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-88897-492-2.
München: Verlag Antje Kunstmann 2007. € 16.90 / sFr
29.
Kerstin Kempker
Heike Bernhardt: Anstaltspsychiatrie und »Euthanasie«
in Pommern 1933 bis 1945. Die Krankenmorde an Kindern und Erwachsenen
am Beispiel der Landesheilanstalt Ueckermünde
Etwas seelenlose Fleißarbeit und Dissertation einer Kinder-
und Jugendpsychiaterin in Berlin-Lichtenberg. Sie behandelt die
Massenmorde an Psychiatrisierten, die in Pommern ihren Ausgangspunkt
hatten und in diesem abgelegenen Winkel an der Grenze zu Polen
von SS-Mördern im Auftrag von Psychiatern besonders brutal
durchgeführt wurden. Kritisch anzumerken an dem Buch ist
seine unhistorische Herangehensweise: die Entstehung der braunen
Pfeiler der todbringenden Sozialpsychiatrie bleibt außen
vor. Unkritisch wird von »psychisch Kranken«, »chronischen
und abgelaufenen Fällen«, »Schizophrenen«
usw. geredet, wobei der soziale und politische Hintergrund dieser
diffamierenden Diagnosen ständig im Raum steht. Brav trennt
die Autorin zwischen schlechter Spezialbehandlung (Mord) und guter
psychiatrischer Behandlung wie z.B. Insulinschock: eine unglaublich
brutale Folter, schlimmer als Elektroschock, wie dieser auch im
Faschismus entwickelt und heute immer noch praktiziert. So ist
es kein Zufall, dass einmal mehr der Elektroschocklehrer Dörner
ein Dutzendvorwort schrieb, in dem er sich lautstark von den Morden
seiner psychiatrischen Vorgänger distanziert, jedoch
wie auch die Autorin noch lauter schweigt zu den strukturellen
Menschenrechtsverletzungen in der heutigen »sauberen«
Psychiatrie. Ein bitterer Geschmack bleibt so zurück. Wie
kann eine Autorin ein Buch schreiben gegen Verbrechen der Psychiatrie
während der Nazizeit und gleichzeitig einen Mann ein Vorwort
schreiben lassen, der in seinen eigenen Büchern nach wie
vor für die vielen praktischen und theoretischen Erfahrungen
vom Menschen in Dankbarkeit schwelgt gegenüber seinem
Lehrer: dem früheren SA-Mann Bürger-Prinz, der im Faschismus
ein wahres Schreckensregiment gegen alle Kriegsneurotiker
(mittels Elektro- und Insulinschocks) und Verschärfung der
psychiatrischen Foltermaßnahmen praktizierte und Tausenden
von Betroffenen ein zur Verzweiflung treibendes unendliches Leid
zugefügt hat; einem Psychiater, der von Anfang an in die
Psychiatriemorde eingeweiht war, von ihnen zu profitieren suchte
und in der Nachkriegszeit einen der Hauptakteure, den in Kiel
tätigen Heyde (alias Sawade), wissentlich deckte. So jedenfalls
Aussagen von Karl Heinz Roth und Götz Aly Buchautoren,
die auch von Heike Bernhardt zitiert werden, deren Aussagen als
bekannt vorauszusetzen sind. Kart., 168 S., viele Tabellen, Frankfurt/Main:
Mabuse-Verlag 1994. DM 31,- / sFr 32,20 / öS 242,-
Peter Lehmann
Roland Bettschart / Gerd Glaeske / Kurt Langbein u.a.: Bittere
Naturmedizin. Wirkung und Bewertung der alternativen Behandlungsmethoden,
Diagnoseverfahren und Arzneimittel
Zuerst als »Bittere Pillen der Naturmedizin« angekündigt,
soll das Buch auf der kommerziellen Erfolgswelle von »Bittere
Pillen« schwimmen. Wer die dort durchweg ziemlich kritiklose
Betrachtung nahezu aller Neuroleptika als »therapeutisch
zweckmäßig« noch im Ohr hat, tut gut daran, die
»Bittere Naturmedizin« mit Vorsicht in die Hand zu nehmen.
Zudem wird hier den meisten Alternativverfahren lediglich der
Stellenwert einer Komplimentärmedizin eingeräumt, also
einer Ergänzung der Schulmedizin. Maßstab der Bewertung
bleibt deren Ausrichtung an der Symptomunterdrückung. Andererseits
gibt es längst eine Vielzahl, für die AnwenderInnen
oft äußerst lukrativer und für die BenutzerInnen
kaum überschaubarer alternativer medizinischer Verfahren,
oft recht zweifelhafter Art, so dass das Handbuch kritisch denkenden
LeserInnen einen zusätzlichen Anhaltspunkt liefert, sich
eine eigene Meinung zu bilden. Kart., 925 S., Köln: Kiepenheuer
& Witsch 1995. DM 49,80 / sFr 48,80 / öS 369,-
Peter Lehmann
Ulrich Biechele / Philipp
Hammelstein / Thomas Heinrich (Hg.): anders ver-rückt?! Lesben
und Schwule in der Psychiatrie. Jahrbuch Lesben Schwule
Psychologie 2006
anders ver-rückt? Diese Dokumentation eines Kongresses vom November
2003 in Mannheim ist das erste Buch zum Thema im deutschsprachigen
Raum. Die 12 männlichen und 9 weiblichen Autoren Psychologen,
Therapeuten, Psychiater widmen sich neben etwas Geschichte
(Homosexualität wurde erst 1980 entpathologisiert und 1989 [DDR]
bzw. 1994 [BRD] entkriminalisiert) und Theorie den praktischen
Besonderheiten von Therapie und Beratung für Lesben und Schwule,
speziell auch Jugendliche. Neue Projekte wie RISPE (Rehabilitation
und Integration für Schwule mit Psychiatrie-Erfahrung) Rhein-Neckar
und psychART (Selbsthilfegruppe für Lesben und Schwule mit psychischer
Erkrankung) in Köln werden vorgestellt, und es verwundert schon,
wie unkritisch psychiatrische Diagnosen übernommen und Psychopharmaka,
wenn überhaupt Thema, empfohlen werden. Wenig Psychiatrie also
und hier kaum Kritisches. Wer aber mehr erfahren will über Ignoranz
und Diskriminierung, auch in der Szene, über die spezifischen
Fehler, die schwule und lesbische Therapeuten und Therapeutinnen
machen, wer einen englischen Artikel über Homophobie und eine
hübsche Parodie lesen möchte, in der die Problematik der Heterosexualität
psychologisch beleuchtet wird, für den lohnt sich das Buch allemal.
Kartoniert, 153 Seiten, ISBN 3-89967-305-0. Lengerich: Pabst Science
Publishers 2006. € 15.-
Kerstin Kempker
Stefan
Bienenstein / Mathias Rother: Fehler in der Psychotherapie
Theorie, Beispiele und Lösungsansätze für die Praxis
Ziel des von Psychotherapeuten für Psychotherapeuten verfassten
Buches ist es, dass Fehlergeschehen reflektierend in die Therapie
integriert und dadurch zu nutzbringenden Faktoren werden. Es geht
allerdings nicht um sexuellen Missbrauch, der ein Fall für die
Justiz ist, sondern um Alltagsfehler: Elemente der therapeutischen
Arbeit, die in der ersten Reaktion des Therapeuten von diesem
als unerwünscht wahrgenommen werden. Die erste Hälfte des Buches
besteht aus einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff
des Fehlers in der Naturwissenschaft, der Pädagogik und der Betriebswirtschaft,
Strategien im Umgang mit Fehlern und deren Entstehung. Im zweiten
Teil folgen Fehler in der praktischen Arbeit, dargestellt an inhaltlich
geordneten Fallbeispielen, die sich aus Interviews mit Kollegen
aus den unterschiedlichsten therapeutischen Richtungen ergaben,
deren Interpretation und die Klärung der Frage, wie die Fehler
jeweils den weiteren Therapieverlauf beeinflusste. Resümee der
Autoren: Es ist sinnvoll, gegenüber den Klienten Fehler zuzugeben;
dies fördere gleichzeitig die Offenheit auf Seiten der Klienten
und trage zur Entmystifizierung der Therapeutenschaft bei. Dem
kann man nur zustimmen. Gebunden, XVIII + 197 Seiten, 1 Abbildung,
22 Tabellen, ISBN 978-3-211-75602-7. Wien: Springer Verlag 2009.
€ 34.95
Peter Lehmann
Erika Blitz: Wenn die Seele
aus dem Takt gerät. Depressionen im höheren Lebensalter bewältigen
Hände weg von diesem Buch! Es empfiehlt neben verschiedenen
psycho- und anderen therapeutischen Maßnahmen Antidepressiva,
Neuroleptika und Elektroschocks, und das ohne ernstzunehmende
Warnung vor unerwünschten Wirkungen dieser Behandlungsmaßnahmen.
Insbesondere die abhängig machende sowie depressionsverstärkende
Eigenwirkung von Neuroleptika wird den Behandlungskandidaten und
ihren Angehörigen verschwiegen. Gebunden, 132 S., zahlr.
farb. Abb., ISBN 978-3-87159-502-8. Tübingen: dgvt-Verlag
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie 2008.
€ 24.80
Peter Lehmann
Thomas Bock: Lichtjahre Psychosen ohne Psychiatrie.
Krankheitsverständnis und Lebensentwürfe von Menschen
mit unbehandelten Psychosen
Informatives Buch über die Vielfalt psychologischer Psychosetheorien.
Auch Betroffene kommen zu Wort, als Lieferanten von O-Tönen
zur Illustration der unterschiedlichen Krankheitskonzepte. Selbst
wenn sie sich massiv gegen psychiatrische Deutungen ihrer Lebensgeschichte
wehren, wie der Autor freimütig bekennt, sind sie seinem
Interpretationsdrang schutzlos ausgeliefert. Es wird Zeit, dass
Psychiatriebetroffene eine Ethik entwerfen, die Anforderungen
an ihre nichtverletzende und nichtausbeutende Einbeziehung in
Publikationen formuliert. Kart., 375 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag
1997. DM 39,80
Peter Lehmann
Thomas Bock / J. E. Deranders / I. Esterer: Stimmenreich.
Mitteilungen über den Wahnsinn
Ergebnis eines sogenannten Psychose-Seminars der Hamburger Uni-Anstalt
1989 mit Betroffenen (Diagnose musste nicht nachgewiesen werden!),
sprich »Psychose-Erfahrenen«, Angehörigen und Tätigen.
Der Psychiatrie-Verlag wirbt auf der Klappe: »Die drei beteiligten
Gruppen suchen nach einer gemeinsamen Sprache.« Das liest
sich dann in der Einleitung der Herausgeber so: »Als sichere
Erkenntnis kann gelten, dass Psychosen nicht unmittelbar vererbt
werden, dass sie sich nicht zwangsläufig verschlechtern und
dass es von den Umständen des Lebens und der Versorgung abhängt,
ob auch bei langfristigem Verlauf ein eigenständiges Leben
möglich ist.« In dem Kapitelchen »Erleben und Verarbeiten«
dürfen die Betroffenen von ihren »Psychose-Erfahrungen«
sprechen, um dann im Kapitel »Wissen und Erklären«
auf haarsträubende Weise interpretiert zu werden: »Mit
einer gewissen Berechtigung empfinden sie die psychotischen Symptome
als Teil ihrer selbst«, na immerhin! Ergebnis des Seminars?
Ein »Mensch in einer Psychose« will: »Hilfe ohne
Abstempelung: Wenn schon Diagnosen, dann mit Erklärung. Nicht
sofort eingeordnet werden. ... Nicht nur unter dem Vorzeichen
krank gesehen werden. Nicht nur zur Ware Patient
werden.« Zum Schluss wird die Gründung des Bundesverbands
der Psychiatrie-Erfahrenen vorweggenommen von Dorothea Buck, die
für den zweiten Gründungstag vorsieht, dass »den
Teilnehmern der Tagung die vorher zugeschickte Satzung erläutert,
(dass sie, Kerstin Kempker) abgestimmt und beschlossen
« wird. (Etwas anders kam´s dann doch, es wurde auch diskutiert
und verändert.) Sind wir am Ziel, »wenn auch die Öffentlichkeit
erkannt hat, dass wir entgegen der Prognose gar
nicht so unfähig zur Kommunikation und Solidarität sind,
wie schizophrene Menschen von Psychiatern gerne dargestellt werden.«?
Ich finde dies Buch, das so offen und selbstkritisch, hübsch,
lesbar und preiswert daherkommt, besonders gefährlich, weil
es einzelne Erfahrungen und Erwartungen absolut setzt und damit
mich als auch Psychiatrie-Betroffene gleichzeitig einverleibt
und abwertet. Kartoniert, 231 Seiten, Bonn: Psychiatrie-Verlag
1992, 19,80 DM.
Kerstin Kempker
Ingo Bonde / Moritz Gerhardt
u.a. (Hg.): Medizin und Gewissen Im Streit zwischen Markt
und Solidarität. Dokumentation des internationalen IPPNW-Kongresses,
20.-22. Oktober 2006 in Nürnberg
Wo steht die Medizin 60 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess?
Wo müssen sich Ärztinnen und Ärzte wehren gegen die Vereinnahmung
durch Politik und gesellschaftlichen "Mainstream"? Im Mittelpunkt
des größten medizinethischen und gesundheitspolitischen Kongresses
stand die Frage nach der wachsenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung
des Gesundheitswesens und der Gefahr der moralischen Korrumpierbarkeit
der Beschäftigten. In den Hauptkapiteln "60 Jahre nach dem
Nürnberger Ärzteprozess", "Aktuelle Bestimmung
zum Gesundheitssystem", "Ethische Erwägungen zur
Ressourcenverteilung", "Ökonomisierung in Krankenhaus
und Arztpraxis", "Patientenautonomie und Bürgerpartizipation"
und "Internationale Erosion öffentlicher Gesundheitsfürsorge"
versammelt der Band die wichtigsten Kongressbeiträge u.a. von
Hans-Ulrich Deppe, Gerd Glaeske und Thomas Gebauer. Der in meinen
Augen beste Artikel steht gleich am Anfang: "Der Mord an
psychisch kranken und behinderten Menschen" von Hans-Walther
Schmuhl. Der Autor erklärt überzeugend, dass die "Euthanasie"-Morde
den Holocaust vermutlich entscheidend bedingten, sozusagen Katalysator-Wirkung
hatten. Wie kann die Medizin in der gegenwärtigen Gesellschaft
ihre Verantwortung für Gesundheit und Leben gegen korrumpierende
Einflüsse beherzigen?, frage Horst-Eberhard Richter in seinem
Geleitwort. Die Frage ist angebracht, und angesichts der enormen
neuroleptikabedingten Mortalitätsraten in der Psychiatrie,
angesichts ihrer fast totalen Abhängigkeit von den Pharmakonzernen,
und speziell angesichts der flächendeckenden Ignoranz der
daraus folgenden Probleme ist die Bedeutung der Fragen nach dem
Gewissen von Medizinern, speziell Psychiatern, höchstaktuell.
Ich schreibe diese Zeilen kurz nach dem Kongress des World Psychiatric
Association in Prag vom 20. bis 25. September 2008, wo ich einen
Büchertisch betrieb und auch das hier besprochene Buch feilbot.
Obwohl deutschsprachige Teilnehmer sich zur Genüge am Stand
blicken ließen, war dieses Buch das einzige, das nicht von
einem einzigen Büchertischbesucher angefasst wurde. Gebunden,
587 Seiten, Geleitworte von Margarete Mitscherlich-Nielsen und
Horst-Eberhard Richter, ISBN 978-3-938304-63-1. Frankfurt am Main:
Mabuse Verlag 2008. € 48. / sFr 84.90
Peter Lehmann
Helmut
Bonney: ADHS na und? Vom heilsamen Umgang mit handlungsbereiten
und wahrnehmungsstarken Kindern
Illustriert an vielen Fallbeispielen zeigt der Kinder- und Jugendpsychiater
Bonney vielfältige pädagogische und therapeutische Lösungsansätze,
wie in Kooperation zwischen Elternhaus, Schule und Therapeuten
handlungsbereiten und wahrnehmungsstarken Kindern (Kindern mit
sogenannter Aumerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)
wirksam geholfen werden kann. Ein übersichtliches und praxisorientiertes
Plädoyer, Kindern achtsam zu begegnen, anstelle sie mit schädlichen
Psychopharmaka künstlich ruhigzustellen und auf diese Weise
an wenig kindgerechte Lebensbedingungen anzupassen. Kartoniert,
140 Seiten, ISBN 978-3-89670-834-2. Heidelberg: Carl Auer Verlag
2012. € 16.95 / sFr 20.35
Peter Lehmann
Helmut
Bonney (Hg.): ADHS Kritische Wissenschaft und therapeutische
Kunst
Über die ADHS-Forschung aus medizinisch-pharmakologischer
Sicht, aber auch aus der Perspektive von Neurobiologie, Genetik
und Epigenetik, Pädagogik und Psychotherapie unter Einschluss
neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, z. B. zur Hirnplastizität
und den Konsequenzen für eine wirksame Hilfe. Das Buch liefert
eine fundierte Basis, über den Tellerrand der (behaupteten)
neurobiologischen Erkenntnisse von einem angeborenen Neurotransmittermangel
als Ursache von ADHS hinauszublicken und somit die tatsächlichen
Probleme der betroffenen Kinder zu erkennen und hilfreiche therapeutische
Ansätze zu entwickeln. Mit Beiträgen von H. Brandau · K.
Gebauer · G. Glaeske · T. Grund · H. H. Hopf · G. Hüther · H.
von Lüpke · J. Rosenkranz · H. Rühling · A. Schäfers · G. Teuchert-Noodt
· E. Würdemann. Kartoniert, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, ISBN 978-3-89670-630-0.
Heidelberg: Carl Auer Verlag 2008. € 24.95 / sFr 44.90
Peter Lehmann
Anne Boos: Traumatische
Ereignisse bewältigen Hilfen für Verhaltenstherapeuten
und ihre Patienten
Das Buch richtet sich nicht an Personen, die wegen einer psychotischen
Erkrankung in psychiatrischer Behandlung waren oder sind so
die Autorin eingangs ihres Buches. Diesem Personenkreis rät
sie generell, bei Problemen ihr Buch nicht anzurühren, sondern
sich statt dessen in psychiatrische Behandlung oder in Therapie
zu begeben und evtl. diverse Antidepressiva zu nehmen, auch wenn
diese für die Indikation Posttraumatische Belastungsstörung
noch nicht zugelassen sind. Schnelles Fazit somit einer Rezension,
die sich maßgeblich an Personen wendet, die schon einmal
als psychotisch diagnostiziert wurden: dieses Buch ignorieren.
Und ein Rat an die Autorin: sich mit traumatischen Erfahrungen
durch psychiatrische Behandlung und suizidalen Wirkungen diverser
Psychopharmaka auseinandersetzen, möglichst vor dem Verfassen
des nächsten Buches. Kartoniert, 172 Seiten, ISBN 978-3-8017-2066-7.
Göttingen: Hogrefe Verlag 2007. € 16.95 / sFr 28.40
Peter Lehmann
Antoinette Borri: Schritte
aus der Depression. Anleitung zur Selbsthilfe
Der Verlag kündigt das Buch der Schweizer Psychiaterin Borri
mit diesen Worten an: "Ein lebensnahes Lern- und Übungsbuch,
das Betroffenen Hoffnung macht und Zutrauen in die eigenen Heilungskräfte
schenkt." Lebensnah fängt die Autorin das Buch auch
an, wenn sie gleich im ersten Satz schreibt, was voll aus dem
(Gedanken-)Leben eines typischen Psychiaters entnommen sein dürfte:
"Der Psychiater hat Antworten auf Ihre Fragen." An dieser
Stelle möchte ich das Buch schon in die Ecke werfen, wieso
soll ich mich mit den Ausführungen einer sich allwissend
vorkommenden Psychiaterin abgeben, die alle Antworten weiß,
bevor man eine Frage gestellt hat? Zum Glück wird Frau Borri
dann wieder etwas vernünftiger, beschreibt, woran man Depressionen
erkennt, welche Formen sie annehmen können, nennt Mut machende
Übungen, zum Beispiel Affirmationen, und empfiehlt, sich
vor Überforderung zu bewahren. Man sollte der Autorin sagen,
auch sie selbst sollte sich vor Überforderung und vor allem
vor Selbstüberschätzung bewahren. Taschenbuch, 156 Seiten,
ISBN 978-3-451-05586-7. Freiburg / Basel / Wien: Herder Verlag,
4. Auflage 2009. € 8.95
Peter Lehmann
Karin Bothe / Alexa Köhler-Offierski / Ernst-Ulrich Vorbach
(Hg.): Alternative Therapieansätze in der Psychiatrie. Über
gewohnte und ungewohnte psychiatrische Behandlungsformen
Psychiater, Therapeuten, Heilpraktiker und andere Profis berichten
aus ihrer Sicht und ohne es nötig zu haben, Betroffene
zu Wort kommen zu lassen über den Einsatz von mehr
oder weniger exotischen Therapieformen wie Klangschalenmassage,
Lichttherapie, Bach-Blüten, Musiktherapie, Johanniskraut,
Kava-Kava, Homöopathie usw. Ein leider wenig interessantes
Buch. 194 Seiten, Frankfurt/Main: Mabuse Verlag 2000. DM 34,80
/ sFr 33,80 / öS 254,-
Peter Lehmann
Christoph Braendle / Theodor
Cahn / Bruno Gasser: Buntes Haus. Ein Kunstprojekt mit Menschen
in der Psychiatrie
Im Kanton Basel-Land steht 2002 in der Psychiatrie ein großes
altes Anstaltsgebäude ein Jahr lang leer und wird genutzt für
ein Projekt, das offen ist für alle Patienten und alle Ideen.
Platz ist reichlich, alles kann bemalt und gestaltet werden, Decken,
Türen, Fenster, Schränke, Wannen. Beeindruckende Bilder von Unterwasser-
und Blumenwelten, Wald und Traum, Schwarzem und Weißem Raum, Kitsch
und Chaos zeigen neben tagebuchartigen Skizzen, was in begrenzter
Zeit alles möglich wird, wenn der Raum zum Treiben und Übertreiben
nur weit genug ist. (Die begleitenden Texte und Befragungen verblassen
daneben.) Gebunden, 228 Seiten, 4 schwarz-weiße und 175 farbige
Abbildungen, ISBN 3-7965-2094-4. Basel: Schwabe Verlag 2004. €
24,50 / sFr 35,-
Kerstin Kempker
Peter Bräunig / Stephanie
Krüger / Yvette Rosbander: Kinder bipolar erkrankter Eltern
Wie sich die bipolare Erkrankung eines Elternteils auf die Kinder
auswirkt
Die Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen
e.V. "Kinder bipolar erkrankter Eltern" hat mich sehr
bestürzt, denn dieses Buch, das sich an die Eltern und das Helfersystem
aus der nicht medizinisch gebildeten Richtung wendet (z.B. SozialpädagogInnen
und FamilienhelferInnen, JugendamtsmitarbeiterInnen und Pflegeeltern,
evtl. auch an die Großeltern usw.) vermittelt in meinen Augen
auch eine sehr gefährliche Botschaft. Dieses zur Zeit seines Erscheinens
Ende 2005 massiv beworbene Buch rät dazu, in jeder Unpässlichkeit
der betreffenden Kinder ein mögliches Krankheitssymptom der bipolaren
Erkrankung zu vermuten, obendrein werden schon Vorschläge für
die medikamentöse Behandlung, z.B. mit Lithium, gemacht und der
deutschen Ärzteschaft viel Unwissenheit vorgeworfen. Vor dem Hintergrundwissen,
dass z.B. in einer öffentlichen Sitzung im Münchner Stadtrat 2006
darüber gestritten wurde, wie mit den vorhandenen Geldern die
Kinder von substituierten Müttern davor geschützt werden können,
dass sie im schlimmsten Fall von ihren überforderten Müttern mit
Substitutionsmitteln ruhig gestellt werden, dass auch immer öfter
Doppeldiagnosen vorliegen und psychisch kranke Mütter oft in ähnlichen
Schwierigkeiten stecken wie drogenabhängige Mütter, sehe ich die
Gefahr einer unkontrollierten Medikamentengabe an die Kinder,
die sich dann sogar noch auf diese Publikation stützen könnte.
Im nur etwas weniger schlimmen Fall werden KinderärztInnen oder
die ÄrztInnen von den Eltern gedrängt oder fühlen sich berufen,
zum Rezeptblock zu greifen. Wirklich qualifizierte Kinder- und
JugendpsychiaterInnen und TherapeutInnen sind rar, ganze Regionen
sind nicht versorgt. Ob der Autor und die Autorinnen in dieser
Hinsicht ausreichend qualifiziert und erfahren sind, weiß ich
nicht. Kartoniert, 172 Seiten, ISBN 978-3-8334-2584-4. Hamburg:
Books on Demand. € 17,50
Elisabeth Haap
Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie. Band 1: Was Sie über
Psychopharmaka, Elektroschock, Genetik und Biologie bei »Schizophrenie«,
»Depression« und »manisch-depressiver Erkrankung«
wissen sollten!
Übersetzung des Buches »Toxic Psychiatry« des Psychiaters
Peter Breggin aus dem Amerikanischen. Umfangreiche, an der US-amerikanischen
Psychiatrie orientierte, aber dennoch sehr ausführliche und
kompetente Darstellung der Wirkungsweise, Risiken und Schäden
von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium und Elektroschocks.
Ein Rundumschlag gegen die Selbsttäuschungen, Halbwahrheiten
und Lügen der Psychiatrie. Kt., 345 S., Heidelberg: C. Auer
Verlag 1996. DM/sFr 39,80 / öS 295,-
Peter Lehmann
Peter R. Breggin: Psychiatric Drug Withdrawal. A guidebook
for prescribers, therapists, patients, and their families
Review
in: Journal of Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy
(U.K.), Vol. 13 (2013), No. 2, pp. 132-134. Soft cover, 310
pages, ISBN 978-0-8261-0843-2, New York: Springer Publishing Co.
2012. GPD 42.50
Peter Lehmann
Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie. Band 1: Was Sie über
Psychopharmaka, Elektroschock, Genetik und Biologie bei »Schizophrenie«,
»Depression« und »manisch-depressiver Erkrankung«
wissen sollten!
Übersetzung des Buches »Toxic Psychiatry« des Psychiaters
Peter Breggin aus dem Amerikanischen. Umfangreiche, an der US-amerikanischen
Psychiatrie orientierte, aber dennoch sehr ausführliche und
kompetente Darstellung der Wirkungsweise, Risiken und Schäden
von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium und Elektroschocks.
Ein Rundumschlag gegen die Selbsttäuschungen, Halbwahrheiten
und Lügen der Psychiatrie. Kt., 345 S., Heidelberg: C. Auer
Verlag 1996. DM/sFr 39,80 / öS 295,-
Peter Lehmann
Fritz Bremer / Hartwig Hansen / Jürgen Blume: Wie geht's
uns denn heute! Sozialpsychiatrie zwischen alten Idealen und neuen
Herausforderungen
Der Paranus Verlag hat (mehr oder weniger) engagierte Menschen
gebeten, deren Name mit der Idee der Psychiatriereform verbunden
ist, ihre Sicht der historischen und aktuellen Entwicklungen aufzuschreiben.
Die zumeist sozialpsychiatrischen Autoren berichten aus ihrer
sozialpsychiatrischen Sicht ohne diese kritisch zu reflektieren.
Kartoniert, 241 Seiten, Neumünster: Paranus Verlag 2001.
DM 36,- / sFr 36,- / öS 263,-
Ulrike Burgstaller
Dunja Breur: Ich lebe, weil du dich erinnerst. Frauen und
Kinder in Ravensbrück
Die holländische Künstlerin und Widerstandskämpferin
Aat Breur-Hibma dokumentierte ihre Zeit im Frauen-KZ Ravensbrück
in zahlreichen einzigartigen Zeichnungen, die sie im Lager heimlich
auf der Rückseite von Karteikarten machte und die ihre Tochter
Dunja erst Jahre nach der Zerschlagung des Faschismus entdeckte.
Heute werden die Originale im Amsterdamer Reichsmuseum aufbewahrt.
Die Erlebnisse der Mutter, die wie durch ein Wunder überlebte,
sind durch Dunja Breur bekannt geworden, die auf der Suche nach
ihrer eigenen Identität das Schicksal ihrer Mutter und das
vieler Gefangener dem Vergessen entriss. Emotional bewegende Probleme
und Thematiken anzugehen hatte die Autorin beim Clientenbond gelernt,
der niederländischen Vereinigung von Psychiatriebetroffenen.
Die sorgfältig reproduzierten Kohlezeichnungen, die authentischen
Berichte über verrückt gewordene und über ermordete
Frauen sowie die späteren Interviews mit Überlebenden
sind eindrucksvolle Zeugnisse einer Welt des Terrors und der Gewalt,
aber auch über den Widerstand, durch den es einigen mutigen
Frauen gelang, andere vor dem Untergang zu retten und ihre Würde
zu bewahren. Ein mitreißendes Buch. Geb., 256 S., 51 Abb.,
4 Photos, Berlin: Nicolai Verlag 1997. DM 48,- / sFr 44,50 / öS
350,-
Kerstin Kempker
Karl-Ernst Brill: Psychisch Kranke im Recht Ein Wegweiser
Leider ein undifferenziertes und unbrauchbares Buch. Beispiel
Thema »Vorausverfügungen« (S. 23): entgegen der
Angabe des Autors braucht es im Prinzip keines Prüfvermerks
eines Notars oder Anwalts, denn die Erklärung ist grundsätzlich
vom Psychiater zu beachten. Beispiel »Behandlungsvereinbarungen«
(S. 23): der Hinweis auf die fehlende Rechtsverbindlichkeit fehlt.
Beispiel Thema »Weitergabe von Daten« (S. 26): jeder
Hinweis auf die grundsätzliche Schweigepflicht fehlt. Thema
»Akteneinsicht, Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts«:
komplette Fehlanzeige. Ein Wegweiser? Höchstens auf die juristische
Schleuderbahn. Kart., 156 S., Bonn: Psychiatrie-Verlag 1998. DM
19,80 / sFr 19,- / öS 145,-
Peter Lehmann
Thomas Bronisch (Hg.): Psychotherapie der Suizidalität.
Krankheitsmodelle und Therapiepraxis erklärungsspezifisch
und schulenübergreifend
Der Herausgeber ist Oberarzt der geschlossenen Station an der
Anstalt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München.
Alle seine AutorInnen sind Kollegen aus psychiatrischen Anstalten,
entsprechend bevorzugen alle mehr oder weniger deutlich eine parallele
Psychopharmakaverabreichung aus "Therapie". Der Sinn
einer Psychotherapie unter persönlichkeitsveränderndem
Psychopharmaka-Einfluss wird dabei ebensowenig diskutiert wie
die mögliche und häufige suizidale Wirkung sedierender
Neuroleptika. Kart., XI + 133 156 S., ISBN 3-13-130021-3. Stuttgart:
Thieme 2002. Euro 39,95 / sFr 69,20
Peter Lehmann
Brückenschlag
25: Wahn Sinn Wirklichkeit
Ein neuer Brückenschlag Zeitschrift für Sozialpsychiatrie
ist erschienen. Wie der Zeitschriftentitel sagt: Es ist ein Heft
für die Sozialpsychiatrie, insofern sind die meisten Beiträge,
insbesondere diejenigen der Profis, ausnahmslos sozialpsychiatrisch
geprägt, d.h. sie schließen eine kritische Betrachtungsweise der
eigenen Weltsicht von vornherein aus, da sie Sozialpsychiatrie
an sich für kritisch genug halten. Dennoch sind in dem Heft einige
Beiträge enthalten jenseits dieser ideologischen Grenzen: u.a.
Dorothea Bucks Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer
der "Euthanasie" und Zwangssterilisation während des Nationalsozialismus
vom 8. September 2008 in Berlin; Brigitte Richters "Meine Psychose
gehört mir", in dem sie auf 33 Jahre Erfahrung als Psychiatriebetroffene,
dann psychosozial Tätige und Ehrenamtliche zurückblickt und sich
vehement gegen die in dem Band ansonsten gerne verwendete
Schublade "des Psychotikers" wendet; Christine Wiedemanns
Bericht von ihrer Ex-In-Ausbildung, die ihr zur Reflexion, Stärkung
des Selbstwertgefühls, Stelle auf 400-€-Basis und Lehrauftrag
verhilft; Karsten Kirschkes mit sehenswerten Zeichnungen bebilderte
kurze und prägnante Beschreibung, wie er mit künstlerischen Zeichnungen
seine Paranoia fixiert und gleichfalls entzaubert; Marina Gerdes'
"Wirklich wahnsinnig" ein Artikel, in dem sie auf ihre
katastrophale Kindheit mit Missbrauch und religiöser Indoktrination,
nachfolgender Psychose und deren Überwindung eingeht, indem sie
....... Aber lesen Sie doch besser selbst. Kartoniert, 238 Seiten,
viele farbige Abbildungen, ISBN 978-3-940636-03-4. Neumünster:
Paranus Verlag Die Brücke, Band 25/ 2009. € 15.- sFr 26.90
Peter Lehmann
Brückenschlag
21: Stimmen Welten
Schon immer hörten die Weisen und die Heiligen Stimmen. Dann
verstummten die Götter, und das Unhörbare verschwand
in der Psychiatrie. Fallbeispiele, Erfahrungsberichte, Gedichte,
viel Himmel und Hölle, wenig Witz und Selbstironie. Stimmenhörer
sind nicht verrückt, "man kann mit ihnen reden".
Aha. Kartoniert, 218 Seiten, 20 farbige und 1 schwarz-weiße
Abbildungen, ISBN 3-926200-63-4. Neumünster: Paranus Verlag
2005. € 15.- / sFr 26.90
Peter Lehmann
Brückenschlag 9: Natur, Zerstörung, Seele
Von Umwelten und Innenwelten
Wie die Herausgeber mitteilen, spielt die innere Haltung zwischen
Empfinden, Verdrängen und Hilflosigkeit angesichts der wachsenden
globalen Bedrohung eine wichtige Rolle in diesem Brückenschlag.
Fragen werden gestellt wie: Ist das Ozonloch das Loch in uns?
Wieviel Verdrängung braucht der Mensch, um angesichts der
täglich wachsenden Bedrohung morgens noch das Bett verlassen
zu können? Wie halten wir das aus? Dazu haben die beiden
Herausgeber, Fritz Bremer und Michael Kruhl, Meinungen, Ängste,
Vorschläge, Befürchtungen, Hoffnungen, Zweifel und Ideen
zusammengetragen, Texte, Prosa wie Lyrik, und Bilder von Psychiatriebetroffenen
und anderen Verrückten, von Psychiatern, Literaten und Literatinnen,
in der Summe weder pro- noch antipsychiatrisch, ein wildes Gemisch,
ich zähle 71 Urheber und Urheberinnen. Ein Pendent zum tendenziell
sehr intellektuellen »Wahnwelten im Zusammenstoß
Die Psychose als Spiegel der Zeit«, herausgegeben von Rudolf
Heinz, Dietmar Kamper und Ulrich Sonnemann (Berlin 1993). Obwohl
sozialpsychiatrische Zeitschrift, haben die Herausgeber doch auf
jegliche Kommentierung der Texte verzichtet, dankenswerterweise.
So wirken zwei Texte des unsäglichen Psychiaters Navratil,
der nichts anderes kann als verrückte und psychiatrisierte
Literaten auszuschlachten und zu pathologisieren, als Fremdkörper
im Band. Wie gesagt, Ausnahme, und so bietet sich der Brückenschlag
für all die noch unbekannten Autorinnen und Autoren, die
vergeblich Publikationsmöglichkeiten für kurze Texte
suchen, möglicherweise als Veröffentlichungsorgan an,
jedenfalls solange, wie es noch keine Zeitschrift für Antipsychiatrie,
Literatur und Kunst gibt. Andererseits wird es höchste Zeit,
dass solch eine Zeitschrift entsteht, denn all das liebe sozialpsychiatrische
Miteinander dient auch dazu, Grenzen zu verwischen, sozialpsychiatrische
Gewalttäter und deren Opfer, Menschen mit Neuroleptika-bedingten
tardiven Dyskinesien oder Elektrogeschockte, als scheinbar Gleiche
in ein Boot zu setzen, und dabei ist von vornherein klar, wer
wen bei nächster Gelegenheit über Bord gehen lässt.
Kart., 260 S., 28 Abb. Neumünster: Paranus Verlag 1993. DM
19,50
Peter Lehmann
Burkhart Brückner:
Geschichte der Psychiatrie
Als erstes fällt mir beim Lesen auf, dass der Autor Versuchung
widersteht, der so viele zeitgemäße Autoren erliegen:
es allen recht machen zu wollen, auch die Perspektive von Betroffenen
einzubeziehen. Sein Buch versteht er als Ressource für die
professionelle Identitätsbildung und Selbstreflexion im kollegialen
Gespräch, es geht ihm einzig um die Perspektive
von psychiatrisch Tätigen. Störende und unbequeme Lebens-
und Sinnesweisen inkl. Verrücktheit und Krisen mitsamt ihrem
Veränderungspotenzial sind für ihn "schweres psychisches
Leid", Psychiatriebetroffene, also auch solche, denen beispielsweise
ohne Zustimmung Elektro- und Insulinschocks verabreicht oder die
mit neurotoxischen Psychodrogen zwangsgespritzt werden, nennt
er "Nutzer psychiatrischer Einrichtungen". Diese realitätsfremde,
unter Psychiatern und ihren Freunden allerdings verbreitete Sichtweise
überrascht. Manch kritischer Psychiatriebetroffene wird das
Buch deshalb schon bei der Einleitung wieder zurück ins Verkaufsregal
stellen. Liest man über die einleitende Vorbemerkung hinaus,
findet man komprimierte Erläuterungen zum frühen Umgang
mit Verrücktheit im Altertum (Ägypter, Griechen, Römer),
im Mittelalter (es geht u.a. um die mystischen Erfahrungen der
Margery Kempe und die Kräutermedizin der Hildegard von Bingen),
das belgische Geel, das sich verändernde Menschenbild in
der Renaissance, barocke Tollhäuser und die aufkommende Hirnforschung,
die immer mehr Mediziner störende und unbequeme Lebens- und
Sinnesweisen kurzschlüssig als Störungen des Nervensystems
verstehen lässt. Hier bietet das Buch intelligente übersichtliche
Einheiten. Der Autor kommt dann im 18. Jahrhundert und seinen
Zucht-, Arbeits- und Tollhäusern an, in die "psychisch
beeinträchtigte Personen" abgeschoben werden, und dann
der Anstaltspsychiatrie des beginnenden 19. Jahrhundert sowie
Psychiatern, die menschenunwürdige Wegsperren kritisieren,
psychologisch aufbauende Behandlungsverfahren einführen,
dennoch nicht auf auch brutale Zwangsmaßnahmen verzichten
mögen, wenn sie diese für nötig halten. Allerdings,
und das liest man gerne, gab es schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts
Stimmen unter Psychiatern, die nahezu generell Zwangsmaßnahmen
ablehnten und Behandlungserfolge mit humanen Methoden nachwiesen,
ohne dass dies allerdings ihre Kollegenschaft groß interessiert
hätte. Schließlich landen wir bei der biopsychosozialen
Psychiatrie des beginnenden 20. Jahrhunderts und Emil Kraepelin,
dem der Autor auch seine reaktionäre psychiatriepolitische
Haltung vorhält, leider verzichtet er darauf, ihn, Kraepelins
verheerende Rolle in der deutschen Psychiatriegeschichte herauszustreichen,
ist dieser Psychiater doch immer noch auch nach den Erfahrungen
mit dem Hitlerfaschismus hochgeschätzt, obwohl er
schon Ende des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts für
einen rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen
eingreifenden Herrscher plädierte, um eine Abnahme des "Irreseins"
zu erreichen. Über Bleuler, Jaspers und die Psychiatrie der
Weimarer Republik stößt der Autor zum Cardiazol- und
Elektroschock vor; letzterer werde heute noch durchgeführt,
allerdings in modifizierter Weise und strenger Indikation. Die
Begründung, weshalb ein mit einem "modifizierten"
Stromschlag ausgelöster epileptischer Anfall unter "strenger"
Indikation im konkreten Fall weniger Hirnschäden verursachen
soll als derselbe epileptische Anfall, der mit einem unmodizifierten
Stromschlag und nicht "strenger" Indikation ausgelöst
wird, fehlt allerdings. Das folgende Kapitel befasst sich mit
den psychiatrischen Massenmorden während der Nazizeit, und
zuletzt folgt das Kapitel der psychiatrischen Psychopharmaka und
ihren Risiken und Schäden, bei Neuroleptika im "Einzellfall"
irreversible chronische Muskelstörungen. Betrachtungen zur
Sozial- und Gemeindepsychiatrie schließen das Buch ab, wobei
hier Protagonisten aller Couleur von Basaglia über
Dorothea Buch bis hin zu Dörner, Foucault und selbst
Vertreter der humanistischen Antipsychiatrie eingemeindet sind;
unterschiedliche Folgen aus deren teilweise entgegengesetzten
Denk- und Handlungsstrategien sind nicht mehr zu erkennen. Was
hat beispielsweise die Gemeindepsychiatrie (als Weiterentwicklung
der Psychiatrie) mit ihrer Überwachung der Langzeitverabreichung
psychiatrischer Psychopharmaka und die in deren Folge zu verzeichnende
um durchschnittlich zwei bis drei Jahrzehnte reduzierte Lebenserwartung
auf Seiten der Behandelten (vom Autor leider nicht erwähnt)
in gleichen Kapitel zu suchen wie die Organisierung der Betroffenen,
die in der bundesdeutschen (Gemeinde-)Psychiatriereform systematisch
ausgeschlossen waren und verzweifelt Alternativen zur Gemeindepsychiatrie
fordern? Am Schluss stellt der Autor offene Fragen u.a. zur Versorgung
von Wohnungslosen, Alten, Heimbewohnern, zum Einfluss der Pharmaindustrie,
zur Zunahme psychiatrischer Diagnosen , zur psychotherapeutischen
Unterversorgung und schreibt, das geschichtliche Wissen helfe,
für eine sozial gerechte Kultur des psychiatrischen Helfens
die Fragen "richtig" zu stellen. An seiner Stelle würde
ich mir eine Reflexion der notwendigen Grenzen einer einseitigen
Betrachtungsweise (aus der Sicht eines Professionellen wünschen)
und die Frage, wie Psychiatriebetroffene bzw. deren Verbände
wirksam in Reformstrategien miteinbezogen werden können,
wenn es um die Stellung der "richtigen Fragen" zur Psychiatrieentwicklung
geht. Ansonsten besteht die Gefahr, dass aus einer wohlmeinenden,
auch kritische Momente einschließenden Darstellung der Psychiatriegeschichte
von Professionellen für Professionelle doch wieder die ewig
gleiche wohlmeinende Bevormundung folgt und das Motto "Nothing
about us without us!" ("Nichts über uns ohne uns!")
weiterhin bloße Worte bleiben. Kartoniert, 159 Seiten, 16
schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-88414-494-7. Bonn:
Psychiatrie-Verlag 2010. € 16.95 / sFr 25.50
Peter Lehmann
Claudia
Brügge: Wohin mit dem Wahnsinn? Ausgewählte Aspekte
der Kontroverse um Anstaltspsychiatrie und mögliche Alternativen
Kritischer Überblick über psychiatrische, antipsychiatrische
und feministische Positionen am Beispiel der Konzeptionen
von Soteria (Bern), vom Weglaufhausprojekt Berlin und vom Therapieansatz
Polina Hilsenbecks (München)
Jenseits von Scheinalternativen und politischer Utopie? "...Niemals
hatte ich mit jemandem über das sprechen können, was für mich
ein so wesentliches und sinnvolles Erleben war, auch wenn ich
es nicht verstehen konnte. Es galt als geisteskrank und wurde
nur mit Schocks bekämpft; es zu verstehen oder auch nur danach
zu fragen, schien keinem Psychiater der Mühe wert...." Dreißig
Jahre nach ihrem Anstaltsaufenthalt hat Dorothea Sophie Buck-Zerchin
(Auf
der Spur des Morgensterns) mit diesen Worten den bis heute
unerhörten Anspruch derjenigen auf den Punkt gebracht, die von
der Gesellschaft, ihren Mitmenschen, Freunden und Zufallsbegegnungen,
Fremden und Bekannten als verrückt angesehen werden. Während im
Zentrum der gesellschaftlichen Reaktion auf verrückte Äußerungen heute wie gestern die psychiatrische Anstalt und ihre Zwangsmittel
stehen, verklingt der Anspruch einer humanen Umgangsweise, der
Anspruch auf Verständnis und gleichberechtigter Verständigung
weitgehend ungehört. In "Wohin mit dem Wahnsinn" liefert Claudia
Brügge eine dezidiert wissenschaftlich argumentierende Untersuchung
des Umgangs der Anstaltspsychiatrie mit "psychotischen" Verhaltensweisen
und alternativer Vorgehensweisen jenseits des etablierten psychiatrischen
Versorgungssystems. Dabei lässt sie keinen Zweifel daran, was
ihre Forschungen motiviert hat, wenn sie betont, dass "ein entscheidender
Motor" ihrer Arbeit "Wut und Entsetzen über Gewaltmaßnahmen der
Psychiatrie, psychische Folgewirkungen und gesellschaftliche Ausgrenzung
von Psychiatriebetroffenen" war. Im Zentrum ihres Interesses steht
dabei der Umgang mit dem Wahn, also dem Verhalten, das im psychiatrischen
Jargon als "psychotisch" bezeichnet wird. Ihre Untersuchung versteht
sich konsequent als Plädoyer, "sich mit dem subjektiven Erleben
von "Wahnsinn" zu beschäftigen, sich verstärkt seinen Inhalten
zuzuwenden." Die Frage, ob es alternative Umgangsweisen mit sogenanntem
psychotischem Verhalten gibt, oder die Anstaltspsychiatrie und
ihre extremen Zwangsmechanismen weiterhin als ultima ratio angesehen
werden müssen, wird von der Autorin keineswegs rein theoretisch
oder gar mit philosophischen Mitteln untersucht (dafür wäre die
Lektüre von Denkern, wie Robert D. Laing, Foucault oder Deleuze
ohnehin besser geeignet). So räumt sie der Darstellung ganz konkreter
psychiatriekritischer und antipsychiatrischer Institutionen in
ihrer Arbeit viel Platz ein: Können diese Einrichtungen der Subjektivität
der Betroffenen wirklich besser gerecht werden; bringen sie es
fertig einen qualitativen Unterschied ihrer Strukturen zu etablieren?
Wie wirkt sich das andere/neue Verständnis wahnhaften Verhaltens
in der Praxis aus? Nicht zuletzt wurde Claudia Brügge dabei von
der Frage geleitet, ob sie selbst eine dieser Einrichtungen einem
Betroffenen, einem nach landläufigem Verständnis "Behandlungsbedürftigen",
weiterempfehlen würde. Der erste Teil des Buches ist einer allgemeinen
Diskussion von psychiatrischen und "antipsychiatrischen" Positionen
zur Anstalt und ihren Zwangsmitteln gewidmet, während sich der
zweite Teil mit den in der "Soteria Bern", dem "Frauentherapiezentrum
München" und dem "Weglaufhaus Berlin" etablierten Alternativen
zu herkömmlichen Institutionen befasst. In einem Anhang gibt es
ausführliche Interviews mit Vertretern dieser Einrichtungen. In
einem extra Kapitel hat Claudia Brügge (die selbst für Wildwasser
Bielefeld einer Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen, die
in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben gearbeitet hat)
sich mit der feministischen Psychiatriekritik beschäftigt. Ein
Blickwinkel, der für die ganze Studie prägend geblieben ist. Um
noch einmal die Autorin selbst zur Sprache kommen zu lassen: "Ausgehend
von der Tatsache, dass hier und heute keinesfalls strukturelle
Umwälzungen dieses Gesellschaftssystems (zum Besseren hin) zu
erwarten sind", bietet Claudia Brügge eine lesenswerte Einführung
in aktuelle alternative Konzepte zur etablierten Psychiatrie,
die von der Theorie in die Praxis gefunden haben. Allerdings scheint
zumindest das Interview mit Vertretern des Berliner Weglaufhauses
erneuerungsbedürftig, da es vor dessen Eröffnung geführt worden
ist (zur Praxis im Weglaufhaus: Kerstin
Kempker (Hrsg.) Flucht in die Wirklichkeit). Lesenswert
ist dieses Buch für alle, deren Interesse an Alternativen zur
Psychiatrie nicht bei der bloßen Theorie halt macht. Für Leute
also, die der fundierte wissenschaftliche Hintergrund dieses Buches
nicht abschreckt, die aber außerdem wissen wollen, wie die Wirklichkeit
hinter den Konzepten aussieht. Kartoniert, 275 Seiten, 6 Abbildungen,
ISBN 978-3-925931-29-1. Berlin: Antipsychiatrieverlag, korrigierte
Neuausgabe 2004. € 29.90 / sFr 44.90
Lucinda Bee
Rolf Brüggemann: Pharmawerbung. Bilderbuch einer Drogenideologie
Klappentext des Mabuse-Verlags: »Pharmawerbung befasst sich
mit der Arzneimittelwerbung speziell in den Printmedien. Eine
umfangreiche Dokumentation und kritische Analyse macht die Zusammenhänge
zwischen Pharmaindustrie, Marketing und pervertiertem Gesundheitsbetrieb
deutlich.« Gut lesbares, mit viel einschlägiger Anzeigenwerbung
angereichertes Buch, geeignet zum ersten Einstieg in die Thematik,
enthält das Heilmittelwerbegesetz. Da der Autor als Psychologe
in der Anstalt arbeitet, beschränkt sich seine Psychiatriekritik
auf die Forderung: Personal statt Pharmaka. Kartoniert, 180 Seiten,
Frankfurt/M.: Mabuseverlag 1990, 29,80 DM.
Kerstin Kempker
Rolf Brüggemann / Gisela Schmid-Krebs: Verortungen der
Seele Locating the Soul / Psychiatrie-Museen in Europa
Museums of Psychiatry in Europe
Zweisprachige Übersicht über 100 europäische Psychiatriemuseen,
Ausstellungen, Gedenkstätten und verwandte Einrichtungen, die
"das schwierige Thema der Psychiatrie" beleuchten sollen, so die
beiden AutorInnen. Sie sprechen von "Zeugnissen einer therapeutischen
Kultur", die die Museen mitsamt der Weiterentwicklung ihrer Intentionen
präsentieren will. Dass Fixiergurte, Zwangsjacken und Elektroschockgeräte
in im ersten Kapitel aufgelisteten Museen gezeigt
werden und so der Eindruck entsteht, es handele sich um aus dem
Gebrauch gekommene psychiatrischen Mittel zur Freiheitsberaubung
und Körperverletzung, stört die Autoren eher nicht, sicher auch
nicht die Sponsoren, zu denen u.a. die Pharmamultis Janssen-Cilag,
Pfizer Pharma und Wyeth Pharma gehören. Zweites Kapitel im Buch:
Gedenkstätten des psychiatrischen Massenmords, von den Autoren
etwas irritierend als Euthanasie (aus dem Griechischen, deutsch:
"sehr schöner Tod") bezeichnet; irritierend, da sie durchaus deutlich
die Mordtaten während der NS-Zeit benennen, die in den Gedenkstätten
dokumentiert sind. Anschließend folgen exemplarische Kunstinitiativen
zu "künstlerischen Werken psychisch kranker Menschen". Eine "Kunst
der Psychiatrie" (damit meinen die Autoren Kunst von Menschen
mit psychiatrischen Diagnosen) gebe es zwar kaum, wie es
Verweis auf Jean Dubuffet auch keine Kunst der Kniekranken
gebe, nichtsdestotrotz werden sie dargestellt. Zu aller Letzt
("Nach der Pflicht folgt die Kür") kommen noch eine Handvoll Orte,
die auch irgendwie mit der Seele zu tun haben, das Berliner Erotik-Museum
des Beate-Uhse-Konzerns beispielsweise oder der katholische Wallfahrtsort
Lourdes. Kartoniert, 205 Seiten, viele farbige und schwarz-weiße
Illustrationen, ISBN 978-3-938304-48-8. Frankfurt am Main: Mabuse
Verlag 2007. € 29.90
Peter Lehmann
Georg Bruns: Ordnungsmacht Psychiatrie? Psychiatrische Zwangseinweisung
als soziale Kontrolle
Obwohl auch Psychiater, bringt Bruns, Soziologe, eine Vielzahl
präziser Daten zur Psychiatrie-Entwicklung im gesamten Deutschland.
Bruns im Vorwort: »In den 70er und 80er Jahren war ich engagierter
Mitarbeiter der Reformpsychiatrie und an der Planung und Verwirklichung
mancher sozialpsychiatrischer Konzepte in der als liberal und
sozial geltenden Freien Hansestadt Bremen beteiligt. Im Jahre
1984 begann ich erstmals, Zahlen über die Entwicklung der
Zwangseinweisungen in Bremen zusammenzustellen, damals in der
festen Überzeugung, ihren Rückgang im Gefolge einer
Öffnung der Psychiatrie und der Einrichtung sozialpsychiatrischer
Dienste in der Stadt belegen zu können. Desto größer
war meine Erstaunen, dass die Entwicklung genau gegenläufig
war. Dieses Ergebnis verlangte nach Aufklärung. Die systematische
empirische Untersuchung von Zwangseinweisungen, z.T. auch in Regionen
und Kliniken außerhalb Bremens, zeigte, dass Bremen mit
dieser Entwicklung nicht alleine stand.« Ohne Vorwort von
Dörner. Kart., 263 S., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1993.
DM 48,- / sFr 45,- / öS 355,-
Peter Lehmann
Huub Buijssen: Depression.
Helfen und sich nicht verlieren. Ein Ratgeber für Freunde und
Familie
Laut Klappentext will der Autor, ein Psychologe aus den Niederlanden,
Angehörigen zeigen, wie man depressiven Menschen helfen kann,
ohne sich selbst zu verlieren. Neben Pflege der Partnerbeziehung,
Psychotherapie, Bewegung u.v.m. empfiehlt Bujssen auch Antidepressiva
und Elektroschock, der "kaum Nebenwirkungen" habe und
eine Effektivität habe, die "verblüffend hoch"
sei. Einleitend will der Autor Haftungsansprüche im Falle
von Personen-, Sach- und Vermögensschäden für den
Fall ausschließen, dass jemand infolge seiner Ratschläge
zu Schaden kommt, da seine Ratschläge "mit größter
Sorgfalt" geprüft worden seien. Auch der Verlag könne
keine Garantie übernehmen. Eine Garantie zu verlangen für
irgendwelche Ratschläge wäre sicher absurd. Aber wer
die Risiken von Elektroschocks derart bagatellisiert und all die
Publikationen von Experten (John Friedberg, Peter Breggin, Marc
Rufer, Leonard Frank u.v.m.) verschweigt und damit Betroffene
und ihre Familien möglicherlicherweise dazu verleitet, die
Zustimmung zu dieser Methode zu geben, die aus der Auslösung
eines epileptischen Anfalls besteht und zu irreversiblen Hirnzellschäden
führen kann, sollte früher oder später mit Haftungsansprüchen
rechnen. Gebunden, 187 Seiten, ISBN 978-3-407-85919-8. Weinheim
und Basel: Beltz Verlag 2011. € 17.95 / sFr 27.90
Peter Lehmann
Carola Burkhardt-Neumann: Wegweiser Psychopharmaka. Wirkstoffe
für die Seele
Hat die Psychiaterin Burkhardt-Neumann ihr Buch siehe die
Links auf den empfohlenen Websites für die pharmafirmengesponserten
Psychiatrieverbände, z.B. Lichtblick oder BApK, geschrieben?
Insbesondere die neueren Psychopharmaka, speziell die "atypischen"
Neuroleptika, behandelt sie nicht gerade kritisch, sondern versteht
sie in ihrer speziellen, subjektiv vermeintlich verträglicheren
Wirkung als positives Ergebnis antipsychiatrischer Proteste
welch schlimmes Verständnis von Antipsychiatrie. Zu Risperdal
schreibt sie beispielsweise, es habe sich bei vielen Patienten
bewährt. Heute, am 17.3.2006, wo ich diese Rezension schreibe,
las ich in der Mailingliste des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
(BPE) die Botschaft von "Martin": "Hallo liebe Liste,
mein Freund Uwe ist in der Nacht zu gestern verstorben. Er war
PE, bekam Risperdal und starb an plötzlichem Herztod. Ich bin
sehr traurig." Vermutlich würden solche Warnungen und
Hinweise die Leser irritieren, so unterbleiben sie besser, obwohl
fürwahr nicht neu. Wenig überraschend, dass die Autorin
auf der von ihr betreuten Internetseite www.wegweiser-psychopharmaka.de,
die sie im Buch nennt, den von einer Reihe von Psychiatriebetroffenen
ganz und gar nicht als übermäßig kritisch eingeschätzten,
allerdings von Pharmageldern unabhängigen BPE als
"sehr psychiatriekritisch" herausstreicht. Einen entsprechenden
Hinweis zu den gleichfalls gelisteten Verbänden, die von
Pharmafirmen gesponsert werden (z.B. "sehr psychiatrieunkritisch")
sucht man vergeblich. Konsequenterweise ordnet die Autorin selbst
ihr Buch in den Formenkreis der herrschenden biologischen Psychiatrieliteratur
ein; ob sie das Allerweltsmotto "So viel wie nötig,
so wenig wie möglich" an sich eine Selbstverständlichkeit
in der Medizin als kritische Losung versteht? Pharmakogene
Suizidalität z.B. kommt in ihrem Wegweiser nicht vor, Abhängigkeit
wird nur bei Benzodiazepinen eingestanden, Literaturhinweise zum
Thema, wie die empfohlenen Psychopharmaka wieder abgesetzt werden
können, sind ebenso Mangelware. Wohin der gewiesene Weg führt,
kann man sich so an allen 10 Fingern abzählen. Schade, dabei
hätte Carola Burkhardt-Neumann, Autorin des Artikels "Neuroleptika
absetzen Eine Nebenwirkung klassisch-homöopathischer
Behandlung" in dem Buch "Psychopharmaka
absetzen", durchaus auch andere Wege zur Disposition
stellen können. Paperback, 269 Seiten, ISBN 3-928316-23-0.
München: Zenit Verlag 2005. € 18.-
Peter Lehmann
Antje Bultmann / Friedmann Schmithals (Hg.): Käufliche
Wissenschaft. Experten im Dienst von Industrie und Politik
Vorwort von Carl Amery. U.a. über die Rolle von Gutachtern
vor Gericht. Und mit einem 34seitigen Beitrag Marc Rufers über
einen verhängnisvollen psychiatrischen Kunstfehler:
Dieser hatte Carl W. eine 23 Jahre währende Psychiatrisierung
eingebracht und der Psychiatrie schließlich eine Klage auf
Schmerzensgeld in Höhe von 130000 sFr wegen jahrelanger auch
formal ungerechtfertigter Unterbringung sowie wegen Behandlungsschäden
(tardive Dyskinesie). Am 22.1.1994 gewann Carl W. die Klage in
letzter Instanz und erhält nun mit Zins und Zinseszins 190000
sFr. Kart., 413 S., München 1994: Knaur Taschenbuch Nr. 77115.
DM 16,90 / sFr 17,90 / öS 132,-
Peter Lehmann
Jens Burmester (Hg.): Schlucken und ducken. Medikamentenmissbrauch
bei Frauen und Kindern
Beiträge von Ingrid Füller, Gerd Glaeske, Reinhard Voss
u.a., vor allem über Psychopharmaka und Schmerzmittel. Kurz,
übersichtlich, sachlich, mit Tabellen und Zahlen. Kart.,
72 S. Geesthacht: Neuland Verlags GmbH 1994. DM 15,80 / sFr 16,80
/ öS 123,50
Peter Lehmann
Bonnie Burstow: Radical Feminist Therapy: Working in the
Context of Violence
The first feministic book about psychotherapy with clear antipsychiatric
direction. By an antipsychiatric activist, psychotherapist and
former Assistance Professor for Social Work. With clear, practical
suggestions on what to do and how to do it when working with women
on different problems. Paperback, 320 pp., Newbury Park: Sage
Publications 1992, $ 17,95.
Peter Lehmann
Willi
Butollo: Die Angst ist eine Kraft Über die konstruktive
Bewältigung von Alltagsängsten
Die zentrale These von Butollos besagt, dass Angst ein wichtiges,
lebenserhaltendes Gefühl sei, das den Menschen zur Bewältigung
von realen Bedrohungen antreibe. Deshalb komme es darauf an, die
in den Ängsten noch ungerichtete Angst so einzusetzen, dass
sie der Bewältigung des Problems diene. Es gelte, zur Auseinandersetzung
mit Ängsten Energie zur Persönlichkeitsreifung und zur
Reflexion problematischer gesellschaftlicher Verhältnisse
freizusetzen. Beispiele von Menschen, die sich in ihrem Leben
mit verschiedenen Formen von Ängsten auseinandersetzen mussten,
zeigen die Vielfalt an Lösungsmöglichkeiten in diesem
aufschlussreichen, wissenschaftlich fundierten und dennoch ausgesprochen
verständlichen Buch auf. Kartoniert, 201 Seiten, ISBN 978-3-407-22077-6.
Weinheim & Basel: Beltz Verlag 2000. € 11.– / sFr 16.50
Peter Lehmann
Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology
Informatives Buch über die Gefahren, die von Scientology-Organisationen
ausgehen: Über das Ködern und Beeinflussen von Menschen und den
Umgang mit Kritikern, mit innerhalb der Organisation verrückt
werdenden Menschen, mit Kindern und Frauen. Allerdings will die
Autorin die Psychiatriekritik von Scientology mit dem naiven Argument
abtun, bei den verabreichten Psychopharmaka handele es sich doch
um zugelassene Medikamente, Kritik sei also von vornherein nicht
angebracht. Sie ignoriert dabei die allgemein bekannte Verabreichung
ohne informierte Zustimmung und teilweise unter körperlichen Zwang.
So drängt sich der Eindruck auf, dass solcherart Bücher, die aus
der Sicht der Obrigkeit Frau Caberta ist beim Hamburger
Innensenat angesiedelt geschrieben sind, sich nur sehr
eingeschränkt eignen, den Scientologen das Wasser abzugraben.
"Wer auf die Gefahren, die von der Scientology-Organisation ausgehen,
hinweist oder sich gar von ihr löst, gerät unweigerlich in das
Visier dieser Organisation. Kritiker werden diffamiert, öffentlich
bloßgestellt ...", so der CSU-Mann Günther Beckstein in seinem
Vorwort. Dass es Psychiatriekritikern andersrum ebenso geht
ein Blick in die von Caberta als (nicht gerade als seriös zu bezeichnende)
genannte Internetquelle des Ingo Heinemann genügt -, lässt einen
leicht bitteren Geschmack aufkommen: Mit den Scientologen und
ihren Jägern haben sich zwei Instanzen gefunden, die alles Mögliche
bieten, nur eines nicht: Hilfe und Orientierung für Menschen,
die an der Psychiatrie leiden. Englisch Broschur, 207 Seiten,
ISBN 978-3-579-06974-6. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2007.
€ 17.95 / sFr 31.90
Peter Lehmann
Filip Caby / Andrea Caby:
Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste Tipps und Tricks
für kleine und große Probleme vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter
Für Professionelle und Betroffene interessante und systemisch
orientierte Tipps und Tricks für die Gesprächsführung, spezielle
Fragetechniken sowie ungewöhnliche Lösungen für alltägliche und
weniger alltägliche psychische Probleme und/oder Verhaltensauffälligkeiten,
getragen von Respekt und Wertschätzung für Fähigkeiten und die
bisherigen Lösungsversuche der Beteiligten. Spiralbindung, 169
S., ISBN 978-3-938187-47-0. Dortmund: verlag modernes lernen Borgmann
2009. € 19.95 / sFr 32.30
Peter Lehmann
Heide-Marie Cammans: Betroffen durch Sekten? Ein Ratgeber
Allgemeine Aussagen über Techniken der Anwerbung, der Beeinflussung,
des Umgangs mit Betroffenen und des Ausstiegs, wenig Informationen
über spezielle Sekten (mit Ausnahme von Scientology, auf
die die Autorin etwas näher eingeht). Kart., 189 S., Düsseldorf:
Patmos Verlag 1997. DM 29,80
Peter Lehmann
Garuth
Chalfont: Naturgestützte Therapie Tier- und pflanzengestützte
Therapien für Menschen mit einer Demenz planen, gestalten und
ausführen
Fundiertes Buch eines Pflegeassistenten und Forschers an der Schule
für Architektur an der Universität von Sheffield, der von einem
Menschenrecht vom Zugang zur Natur ausgeht; die Abkopplung von
ihr bedeute auch die Abkopplung vom ursprünglichsten und wesenhaftesten
Zug unseres Menschseins. Sein Buch ist geprägt von der Hoffnung,
sein Konzept der naturgestützten Therapie möge sich ausgehend
von zarten Anfängen nach und nach in Pflegeheimen etablieren und
irgendwann einmal völlig normal sein. Das Buch ist übersichtlich
gegliedert: Teil 1 enthält die Kapitel "Mit der Natur leben",
"Aktivitäten, die Natur einbeziehen" und "Ethische Probleme der
Einbeziehung der Natur im Innenbereich". Speziell das letztgenannte
Kapitel besticht durch seine Praxisorientierung; in Blumenkübel
urinierende Menschen mit Demenz werden ebenso angesprochen wie
sture Heimordnungen, die nicht die Person in den Mittelpunkt der
Betrachtung stellen, sondern die Pflegeleichtigkeit der Heimroutine.
Dabei, das zeigen die immer wieder eingestreuten pflegewissenschaftlichen
Ergebnisse, bringt die Einbeziehung "der Natur" (gemeint: ihr
wohltuender und anregender Anteil) tendenziell erhebliche Vorteile
für die Betroffenen. In Teil 2 geht es um "Die natürliche Umwelt",
"Aktivitäten im Freien" und wieder ein Kapitel, das sich mit offenen
ethischen Fragen befasst sowie Vorschlägen, nach welchen Prinzipien
diese beantwortet werden können. Die stete Reflexion des Machbaren
und Wünschenswerten und der Versuch des Ausgleichs eines Interessenskonflikts
aller Beteiligter ergibt sich aus der Tatsache, dass der Autor
betroffener Familiengehöriger, professionelle Pflegekraft und
humanistisch orientierter Wissenschaftler in einer Person ist.
Eine weitere Stärke des eigentlich aus dem angloamerikanischen
Sprachraum stammenden Buches ist die ausgezeichnete Übersetzung,
die die Erläuterung von Fachbegriffen ebenso einschließt wie die
Zurverfügungstellung von Informationen, die sich auf die Übertragung
der Vorschläge und Erkenntnisse Chalfonts auf den deutschen Sprachraum
beziehen. Kartoniert, 245 Seiten, Abbildungen, Tabellen, ISBN
978-3-456-84748-1. Bern: Hans Huber Verlag 2010. € 29.95
/ sFr 44.95
Peter Lehmann
Fritz Christoph / Horst Illiger (Hg.): Notwehr. Gegen die
neue Euthanasie
Hochaktuelle Auseinandersetzung mit der modernen sachwertorientierten
Ethik in der Medizin. Mit historischen Rückblicken und Einschätzungen
der heutigen »Euthanasie«-Bedrohung von AutorInnen (u.a.
Fritz Niemand, Klara Nowak, Dorothea Buck), die im Rahmen vorbeugender
Sozialpsychiatrie während des Faschismus zwangssterilisiert
wurden. Ein Buch, das die Augen öffnet auch denen,
die sich noch nie mit diesen Themen auseinandersetzen mussten.
Kart., 301 S., Neumünster: Paranus Verlag 1993. DM 24,50
Peter Lehmann
Burkhard Ciupka: Zwänge Hilfe für ein
oft verheimlichtes Leiden
In Burkhard Ciupkas Buch fehlen wesentliche Zwangserkrankungen
wie z.B. Putzzwang usw. Dieses Buch erweckt den Eindruck, als
seien dem Autor Vorgaben für die psychopharmakaorientierte
Sichtweise gegeben worden. Für Betroffene, Angehörige,
Profis und Laien ist dieses Buch völlig unbrauchbar, weil
Ciupka seine persönliche Sicht unreflektiert verallgemeinert.
Kartoniert,152 Seiten, Zürich: Walter Verlag 2001. DM 29,80
/ sFr 26,50 / öS 218,-
Ulrike Burgstaller
Anouk Claes: Angst
Beschützer rund um die Uhr. Wie Sie Ihren Ängsten wirkungsvoll
begegnen
Die sich als Medium verstehende Belgierin erklärt neu, dass Angst
durchaus einen Sinn in unserem Leben haben kann, indem uns Angst
vor Gefahren schützt. Man redet mit der Angst, begegnet ihr liebevoll,
freundet sich mit ihr an, versteht sie. Und mit den geeigneten
übersinnlichen Maßnahmen (Einfluss auf das Energiefeld, Geistiges
Reisen) werde man dauerhaft frei von den Folgen unerwünschter
Ängste. Ein Buch ausschließlich für Freunde der Esoterik. Kartoniert,
90 Seiten, ISBN 978-3-905836-03-5. St. Gallen: Allinti Verlag
2008. € 11.90 / sFr 21.90
Peter Lehmann
Günther
Cloerkes / Jörg Michael Kastl (Hg.): Leben und Arbeiten unter
erschwerten Bedingungen Menschen mit Behinderungen im Netz
der Institutionen
Ein Buch, das sich mit einer Vielfalt von Problemen der institutionalisierten
Behindertenhilfe auseinandersetzt, sowohl bei Menschen mit körperlichen
Behinderungen als bei Menschen, die als psychisch oder geistig
behindert gelten. Dabei wird der Spagat zwischen Teilhabe und
Selbstbestimmung auf der einen Seite und Handlungszwängen und
Etikettierungen auf der anderen reflektiert. Die Hilfen erleichtern
und schaffen zugleich "erschwerte Bedingungen" des Lebens und
Arbeitens von Menschen mit Behinderungen. Ein Artikel bezieht
sich direkt auf sogenannte psychisch Behinderte: "Deinstitutionalisierung
durch Persönliche Budgets? Am Beispiel der Situation von Menschen
mit psychischen Behinderungen" von Jörg Michael Kastl und
Thomas Meyer. Sie referieren Fallbeispiele aus dem 2005 in Baden-Württemberg
abgeschlossenen Modellprojekt und erörtern das Problem notwendiger
und nicht notwendiger Reinstitutionalisierungen sowie institutioneller
Verankerungen dieses eigentlich auf Deinstitutionalisierung angelegten
Instruments der Behindertenhilfe. Artikel zur Geschichte der Behindertenhilfe
seit dem Mittelalter, zum Leben mit Behinderung in einer alternden
Gesellschaft, zu spezifischen Arbeitsproblemen behinderter Frauen
sowie zum Recht auf Teilhabe im europarechtlichen Rahmen runden
die Textsammlung ab. Originalausgabe. Kartoniert, 250 Seiten,
5 Tabellen, ISBN 978-3-8253-8335-0. Heidelberg: Carl Winter Verlag
2007. € 24.- / sFr 43.40
Peter Lehmann
Clozaril Patient Monitoring Newsletter, Nr. 5 siehe unter
Sammelrezension
Alison Cobb: Older Women & ECT
Eine Studie, die einmal mehr sorgfältig nachweist, dass es
Frauen und vor allem Ältere sind, die man elektroschockt,
selbstverständlich ohne rechtswirksame Aufklärung. Geheftetes
Manuskript, 23 S., London 1995. Ca. 2 £. Bestelladresse: MIND
Policy Department, 15 19 Broadway, London E 15 4BH, England
Peter Lehmann
Katharina Coblenz: Katharina Katharina. Ein Fragment
Unter dem Leitmotiv, der Besteigung des Katharinenbergs im Sinai
(wobei sie sich in einen Beduinen verliebt), erinnert sich Katharina
Lenz, die Protagonistin des Buches, ihrer eigenen Geschichte,
die durch die Überwachung durch die Stasi in der DDR charakterisiert
ist. Widerständige Pastorin auf Rügen und im Umfeld
Friedrich Schorlemmers, hat sie den Verdacht, dass es nicht Entfremdungsprozesse
von ihrem Ehemann waren, die sie in die Psychiatrie brachten,
sondern üble Tricks der Stasi. Die dritte Ebene wird durch
Reflexionen über die namensgleiche Katharina von Alexandrien
gebildet, eine heilig gesprochene Märtyrerin des Mittelalters,
die ihre Widerspenstigkeit mit dem Foltertod bezahlte. Drei unterschiedliche
Schrifttypen ermöglichen es, die unterschiedlichen Erzählebenen
auseinanderzuhalten. Geb., 158 S., Stuttgart: Radius Verlag 1997.
DM 36,- / SFr 36,- / öS 263,-
Peter Lehmann
David Cohen (Ed.): Challenging the Therapeutic State. Part
2: Further Dysquisitions on the Mental Health System
With the articles »Environmental failure oppression
is the only cause of psychopathology« by David H. Jacobs,
»Limitations of the ciritique of the medical model«
by Ken Barney, »Something is happening: the contemporary
consumer and psychiatric survivor movement in historical context«
by Barbara Averett, »The myth of the reliability of DSM«
by Stuart A. Kirk and Herb Kutchins, »Caseness and narrative:
contrasting approaches to people who are psychiatrically labeled«
by Michael A. Susko, »Blaming the victims»: silencing
women sexually exploited by psychotherapists« by Catherine
D. Nugent, »Neuroleptic drug treatment of schizophrenia:
the state of the confusion« by David Cohen, »Determining
the competency of the neediest« by Jonathan Rabinowitz and
»ECT: sham statistics, the myth of convulsive therapy, and
the case for consumer misinformation« by Douglas G. Cameron.
Allone by reading the titles of these articles it is (not) easy
to understand, why the journal is not be available by the most
university libraries. At the same time it is together with
the English Changes (International Journal of Psychology
and Psychotherapy) resp. the issue psychotherapy/psychiatry
the most critical and progressive scientific journal world-wide.
198 p., Journal of Mind and Behavior, Vol. 15 (1994), No. 1/2.
Order-adress: Journal of Mind and Behavior, P.O.Box 522, Village
Station, New York, NY 10014, USA
Peter Lehmann
Clemens
Cording / Wolfgang Weig (Hg.): Zwischen Zwang und Fürsorge. Die
Psychiatriegesetze der deutschen Länder
Die kompletten Texte der Unterbringungsgesetze aller 16 Bundesländer
das älteste von 1952 (Hessen), das jüngste von 2001 (Bremen)
ihre Charakteristika und angedeutet ihr Konfliktpotential,
dargestellt von Psychiatern und einem Anwalt, gefördert von der
Firma Astra Zenica (Hersteller z.B. von Seroquel). Aber
besonders zum Aufspüren der Unterschiede zwischen den Ländergesetzen
unentbehrlich für alle, die sich mit dieser Art der 'Gefahrenabwehr'
befassen. Kartoniert, 396 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Tabellen,
ISBN 3-935176-25-2. Baden-Baden: Deutscher Wissenschaftsverlag
(DWV) 2003. € 38.90 / sFr 62.-
Kerstin Kempker
Johan Cullberg: Therapie der Psychosen
Ein interdisziplinärer Ansatz
Johan Cullberg, ein Psychiater aus Schweden, im Vorwort zum
Buch schreibt, er wolle ein umfassendes Bild psychotischer Menschen
als menschliche Wesen aus der Perspektive eines einzigen Klinikers
entwerfen, spricht er vermutlich unbewusst eine Vielzahl von
Problemen an, die ihm und seinem Buch zum Verhängnis wurden. Er
entwirft ein Bild, ein Konstrukt sein Bild, mit dem er die Masse
der als psychotisch geltenden Menschen ohne Einschränkung abgebildet
und katalogisiert haben möchte. Auf dem Papier kann er diesen
Anspruch erheben. Papier ist geduldig, es begehrt nicht auf, wenn
er das Erfahrungswissen Psychiatriebetroffener, deren eigenen
Deutungen und deren Anspruch, sogenannte Psychosen individuell
zu definieren, ignoriert. Es wird auch nicht zu Asche, wenn Menschen
mit der psychiatrischen Diagnose "Psychose" erst zu menschlichen
Wesen gemacht werden müssen; offenbar sind sie für Cullberg ohne
seine definitorischen Fähigkeiten nichtmenschliche Wesen. Das
tut weh angesichts der Erwartungen, die mit seinem lobenswerten
Ansatz verbunden sind, die Erstvergabe von Neuroleptika bei psychotischen
Diagnosen zu reduzieren oder gar vermeiden. Von diesem positiven
Ansatz abgesehen ist es schwer herauszufinden, wodurch sich Cullberg
von normalen Psychiatern unterscheidet. Menschen mit der Diagnose
"Schizophrenie" gelten für ihn als Behinderte mit genetischer
Prädisposition, denen oft Neuroleptika zur Rückfallverhütung zu
verordnen sei. Er sieht sich einig mit den Forscherinnen und Forschern,
"dass viele Gene, etwa 15 bis 20 oder auch mehr, in verschiedenen
Kombinationen interagieren und so in komplexer Weise die Anfälligkeit
für psychotische Erkrankungen mitbedingen." (S. 70) Vielleicht
dürfen es ja auch ein bisschen mehr sein, 100 oder 1000 oder 5000,
die "mitbedingen"? Gene hat ja unzweifelhaft jeder Mensch, auch
psychiatrisch Diagnostizierte, wer will also dieser Beliebigkeit
etwas entgegensetzen? Von dieser durchsetzt ist das gesamte Buch.
Cullberg sammelt alle möglichen theoretischen Behauptungen,
lässt sie alle mehr oder weniger oder überhaupt gelten oder auch
nicht. Seine Art der Darstellung ist alles andere als klar, und
so werden die einen in ihm ähnlich Klaus Dörner einen neuen
psychiatrischen Messias sehen; die anderen werden sein Buch gelangweilt
in die Ecke legen, denn (wie bei Klaus Dörner) ist der Elektroschock
akzeptabel, noch nicht einmal kritische Positionen zur Zwangsbehandlung
finden sich; wo soll also ein Ansatz begründet sein für eine psychosoziale
Versorgung, die die Menschenrechte beachtet und den Betroffenen
vor behandlungsbedingten Schäden schützt? "Ist der Patient nicht
fähig zu kooperieren und droht eine gefährliche Situation, dann
müssen die Medikamente zwangsweise verabreicht werden. Diese sollte
'sanft, aber bestimmt' erfolgen und von einer Erklärung begleitet
sein, warum die Zwangsmedikation notwendig ist." (S. 264) Auch
im Buch enthalten sind kleinere Absätze über die "bedürfnisangepasste
Behandlung der Psychose", allerdings in der Interpretation von
Cullberg, über Soteria (beides lässt sich anderswo besser nachlesen)
oder das schwedische Fallschirmprojekt. Projekte Psychiatriebetroffener
lässt Cullberg unter den Tisch fallen, Psychiatriebetroffene gibt
es für ihn nur als Fallbeispiele psychischer "Erkrankungen"; deren
Erfahrungen, Literatur und Programme ignoriert er mit allergrößter
Selbstverständlichkeit. Abgeschlossen wird das Buch mit dem knapp
sechsseitigen Kapitel "Chancen für eine integrative Psychosentherapie
in Deutschland" von Nils Greve und Volkmar Aderhold, das den Stand
der außerordentlich bescheidenen und den grundsätzlichen Bedürfnissen
der Betroffenen kaum gerecht werdenden Reformbemühungen hierzulande
wiedergibt in Richtung sozialpsychiatrischer bedürfnisangepasster
Behandlung und Home-Treatment, Krisendienste, Soteria- und Krisenstationen
sowie Rückzugsräume. Gebunden 317 Seiten, 32 schwarz-weiße
Abbildungen, 9 Tabellen, ISBN 978-3-88414-435-0. Bonn: Psychiatrieverlag
2008. € 49.95
Peter Lehmann
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