in: Kerstin Kempker / Peter Lehmann (Hg.): Statt Psychiatrie, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1993, S. 432-442

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Frauen gegen Gewalt in Gesellschaft und Psychiatrie

Eine feministische Analyse Psychiatrie-betroffener Frauen (1)

Vorwort I

In der Bewegung von Psychiatrie-Betroffenen verzweifelten im Laufe der Jahre viele Frauen angesichts des mangelnden Interesses, das feministische Therapeutinnen und deren Organisationen für unsere Anliegen zeigen. Es scheint üblich zu sein, dass sie Frauen in zwei Klassen aufteilen: Frauen, die sie im Grunde als ihresgleiche betrachten, und alle anderen (Psychiatrie-Betroffene, Frauen aus gesellschaftlichen Minderheiten, Arme, körperbehinderte Frauen usw.). Um diese Aufteilung ging es in unserem Artikel. Die feministische Therapiebewegung konzentriert offenbar ihre Energie in erster Linie auf Mittelschichtsfrauen, deren Probleme so beschaffen sind, dass die Therapeutinnen sich darauf einlassen können. Andere Frauen werden von ihnen ignoriert oder – noch schlechter – in die Psychiatrie zurück geschickt.

Judi Chamberlin, USA, Oktober 1992

Vorwort II

Lese ich jetzt, nach zehn Jahren, erneut diesen Artikel, habe ich einige Vorbehalte, ihn kommentarlos erneut veröffentlich zu sehen. Im ersten Augenblick wollte ich nicht einmal mehr meinen Namen mit dem Artikel in Zusammenhang gebracht sehen, jedenfalls nicht, solange ich nichts zu meiner gegenwärtigen Überzeugung sagen kann.

Grundsätzlich hat sie sich nur wenig geändert, allerdings habe ich die Beobachtung gemacht, dass in den letzten Jahren eine Reihe von TherapeutInnen, insbesondere feministische Therapeutinnen, eine sehr hilfreiche und wertvolle Rolle im Leben vieler Frauen zu spielen scheinen, die ich persönlich oder aus der Literatur kenne. Aber diese Gedanken stehen in keinem wesentlichen Widerspruch zu den meisten Aussagen im Artikel, wenn ich sie heute auch etwas moderater ausdrücken würde.

Jeanne Dumont, USA, November 1992


Dieses Positionspapier ist das Ergebnis eines Arbeitskreises, der anläßlich der 10. Internationalen Jahreskonferenz über Menschenrechte und psychiatrische Unterdrückung in Toronto/Kanada vom 14. bis 18. Mai 1982 stattfand. Angesichts unserer feministischen Ausrichtung, unserer überwiegend mittelständischen Herkunft, unserer Hautfarbe (weiße Nordamerikanerinnen) und unseres Alters (24 bis 37) behaupten wir nicht, alle ehemaligen Insassinnen zu repräsentieren.

Der Arbeitskreis kam zusammen, um Alternativen zum System der psychosozialen Versorgung zu diskutieren, speziell unter dem Gesichtspunkt Gewalt gegen Frauen. Aus unserer Perspektive als ehemalige Insassinnen konzentrierten wir uns auf Vergewaltigung, Misshandlung und die Äußerung von Wut. Als feministische Überlebende von Psychiatrie und Gewalt erstellten wir eine Analyse, wie sie bisher weder die Frauen- noch die Antipsychiatrie-Bewegung leistete.

Der Zusammenhang von Psychiatrie und Gewalt gegen Frauen

  1. Wir werden beschimpft, misshandelt, vergewaltigt. Man redet uns ein, wir hätten darum gebeten. Endlos analysiert man unsere Kindheit, um Gründe für unseren 'Masochismus' zu finden. Indem man den Opfern die Schuld gibt, soll die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen auf ewig festgeschrieben werden.

  2. Wenn wir wütend werden und uns darüber aufregen, dass wir vergewaltigt, geschlagen und herumgestoßen werden, so 'behandelt' man uns und verfrachtet uns in psychiatrische Einrichtungen. Dort finden die sexuellen Schikanen dann ihre Fortsetzung.

  3. Wenn wir vom System Hilfe wollen, machen wir unsere spezifischen Erfahrungen: Männer definieren und beurteilen unsere Erlebnisse in Kategorien von Qualität und Quantität. Sie unterscheiden Vergewaltigung durch einen Fremden auf der Straße von Vergewaltigung durch einen Bekannten oder Liebhaber. Sie wägen Vergewaltigung gegen Inzest und Misshandlung ab. Frauen gelten entsprechend ihrem gesellschaftlichen Status als unterschiedlich verwundbar: Sozialhilfeempfängerinnen oder Frauen, die als Prostituierte arbeiten, werden weniger ernst genommen als z.B. weiße, verheiratete Mittelstandsfrauen mit zwei Kindern. So wird die Gesamtheit der Frauen gespalten, die Tatsache, dass unsere Kultur und unser aller Leben von Gewalt durchdrungen ist, bleibt verborgen. Die Ähnlichkeiten unserer Erfahrungen mit Gewalt sind viel wichtiger als die speziellen Einzelheiten oder Umstände der Misshandlungen.

  4. Man zweifelt unsere Glaubwürdigkeit an, weil wir Frauen sind; unsere Worte gelten weniger, egal was wir sagen. Wenn wir unser Leiden zum Ausdruck bringen, z.B. durch Schreien oder Wutausbrüche, stempelt man uns als hysterisch ab. Bleiben wir bei Gewaltanwendung ruhig, gelten wir als unglaubwürdig, man nimmt uns nicht ernst. In zugespitzter Form besteht dieses Dilemma für ehemalige Anstaltsinsassinnen oder andere Frauen, die mit dem Etikett der 'psychischen Krankheit' belastet sind. Unser Status als 'Verrückte' wird gegen uns eingesetzt: Wir lügen, wir halluzinieren, oder es kommt gar nicht darauf an.

  5. Unsere Schwestern, die feministischen Therapeutinnen, lassen uns ebenfalls im Stich. Sie stempeln uns ab, weisen uns zurück oder erkennen – im Gegensatz zu uns – einfach nicht die Zusammenhänge.

  6. Wir schließen uns zwar der Bewegung der Psychiatrie-Betroffenen an und erwarten auch hier Sexismus; aber wir akzeptieren nicht deren Unfähigkeit, diesen Sexismus zu erkennen und zu verantworten.

  7. Schließlich ist uns klar, dass wir in einer relativ priviligierten Lage sind. Wir sind dem psychiatrischen System entkommen. Wir können uns artikulieren, und durch die gegenseitige Unterstützung sind wir stark genug zu reden. Unsere Leidenschaft und unser Drängen basieren auf dem Wissen um all die real machtlosen Frauen. Unsere Schwestern sind eingesperrt oder in sogenannter Nachbetreuung, isoliert, unter Psychopharmaka gesetzt, mit Elektroschocks traktiert, misshandelt und vergewaltigt, und wir sind verpflichtet, dagegen zu protestieren.

An wen wenden wir uns nach Misshandlung und Vergewaltigung?

Ob vergewaltigt oder misshandelt, wir leiden unter überwältigenden Gefühlen der Wut, Scham, Erniedrigung, Machtlosigkeit, Selbstzweifel und Schuld. Wohin können wir gehen? Im Idealfall wenden wir uns an unsere Freundinnen und Freunde, an die Familie und die Gemeinschaft, um unsere Wut und Trauer gefahrlos zum Ausdruck zu bringen und unsere Kraftreserven für den Kampf um Veränderung zu mobilisieren. Manchmal ist das bis zu einem gewissen Grad möglich. Leider sind diese Quellen der Unterstützung gewöhnlich nicht für uns verfügbar, aus unterschiedlichen Gründen.

Hindernisse sind zum einen die männlich dominierten Vorurteile der Gesellschaft. Wenn wir uns an die Menschen wenden, die wir lieben, müssen wir erkennen, dass es ihnen immer noch unmöglich ist, uns als Opfer von Vergewaltigung oder Misshandlung anzuerkennen. Man verurteilt uns, schimpft mit uns oder ignoriert uns höflich. Außerdem gilt es als unschicklich, das Bedürfnis oder den Wunsch nach Unterstützung offen zuzugeben.

Weitere Einschränkungen ergeben sich aus der Hautfarbe, dem sozialen Status und der Wohngegend der Frauen. Einige von uns haben Zugang zu Zufluchtsmöglichkeiten, die wir mehr oder weniger kontrollieren können. Z.B. können weiße Feministinnen aus der Mittelschicht bei bestimmten Frauengruppen Unterstützung finden, wenn sie misshandelt oder vergewaltigt wurden. Einige von uns können es sich leisten, zu verreisen oder gefährliche oder demütigende Wohnverhältnisse zu verlassen. Eine wohlhabende Frau, die sich gegen Misshandlung zur Wehr setzt, hat bessere Chancen, sich wohlwollenden, kompetenten Rechtsbeistand zu kaufen. Eine Frau, die zu einem Privatarzt oder zu ambulanten Einrichtungen unter privater Trägerschaft gehen kann, ist in einer viel günstigeren Lage als eine Frau, die sich an die Ambulanz in der Klinik wenden muss. Es gibt viele Möglichkeiten, sozial schwachen Frauen, alleinstehenden Frauen, lesbischen Frauen, als Prostituierte arbeitenden Frauen und farbigen Frauen Hilfe zu verweigern.

Wenn wir nicht verschweigen, dass wir vergewaltigt oder misshandelt wurden, dass uns dies verletzt hat und dass wir Hilfe brauchen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir mit dem psychiatrischen System in Kontakt kommen. Manche von uns gehen zu Beratungsstellen oder in die Therapie, weil uns gesagt wurde, dass das die richtigen Anlaufstellen sind, wenn wir emotional aufgewühlt und verzweifelt sind. Einige von uns wissen, dass wir mit anderen Frauen reden müssen und dass der einzige Ort, wo wir uns finden können, in einer Unterstützungsgruppe eines Krisenzentrums oder in einer klinischen Einrichtung innerhalb des psychiatrischen Systems ist. Andere von uns werden in die Psychiatrie eingewiesen, weil sie protestieren oder ihren Schmerz zeigen. Eine misshandelte Frau, die beim Nachbarn an die Tür klopft, um Hilfe schreit oder die Polizei ruft, läuft ernsthaft Gefahr, in der Psychiatrie untergebracht zu werden. Besonders gefährdet sind Frauen, denen man in der Gesellschaft wenig Wert beimisst, wie z.B. farbige Frauen oder Frauen mit geringem Einkommen. Immer öfter stellt sich heraus, dass Basisinitiativen oder alternative feministische Hilfsorganisationen infiltriert werden, mit dem psychiatrischen Apparat kooperieren oder bereits vollständig von ihm geschluckt sind.

Wie das psychiatrische System gegen unsere Interessen handelt

  1. Zunächst einmal liegt das Problem darin, dass man die Psychiatrie überhaupt hinzuzieht. Gewalt gegen Frauen ist keine persönliche oder individuelle Angelegenheit unpolitischer Natur, sondern eine politische Realität. Die Vorstellung von 'psychischer Gesundheit' impliziert auf der anderen Seite eine entsprechende Krankheit. Aber Frauen, die Opfer von Gewalttaten wurden, sind nicht krank. Die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Person zu richten, ist aus zwei Gründen fatal. Zum einen führt die Konzentration auf die spezielle Frau dazu, dem Opfer die Schuld zu geben, entweder ganz offen oder durch eine Therapie, die nach versteckter Motivation sucht. Zum anderen führt diese Blickrichtung zu einer Einschätzung des Vergewaltigers als einer Person, die unter einer individuellen Krankheit leidet. Er wird somit der persönlichen Verantwortung für seine Taten enthoben, und die gesellschaftlichen und kulturellen Wertmaßstäbe, die zu Gewalt gegen Frauen ermutigen, werden verschleiert. Wir wissen, dass Vergewaltiger keine abartigen Ausnahmen sind. Die Erfahrungen von Frauen bestätigen diese Erkenntnis. Allen Frauen ist bewusst, dass Männer die Verfügbarkeit unserer Körper und den Zugriff auf sie als selbstverständlich voraussetzen. Diese Tatsache zeigt sich in jedem Bereich unseres Lebens; in der Werbung, in Belästigungen auf der Straße, in den Medien und in unseren privaten Beziehungen. Selbst nach Einschätzung psychiatrisch Tätiger sind Vergewaltiger normale Männer.

  2. Immer häufiger werden unsere Gewalterfahrungen wie Krankheitssyndrome beschrieben. In Literaturverweisen tauchen z.B. Begriffe auf wie das »Vergewaltigungstrauma-Syndrom«, das »Inzestopfer-Syndrom« oder das »Misshandlungs-Syndrom«. Diese Art von Anerkennung ihrer bis vor kurzem noch undiskutierten Probleme wurde von Frauen unkritisch begrüßt. Als feministische Ex-Insassinnen betrachten wir die Einmischung von 'Experten' des psychosozialen Systems jedoch als schädlich. Für die Bestätigung unserer eigenen Erfahrungen brauchen wir keine Psychologinnen und Psychologen. Hier sind einige der negativen Auswirkungen ihres Eingreifens:

    1. Entsprechend den Umständen des Überfalls entsteht eine Hierarchie. Eine Frau, die von mehreren Männern oder von einem Fremden auf der Straße vergewaltigt wurde, musste eine 'bessere' (echtere, ernsthaftere, gültigere) Vergewaltigung über sich ergehen lassen als eine Frau, die von einem Bekannten vergewaltigt wurde. Eine Frau jedoch, die von ihrem Ehemann oder von ihrem Intimpartner vergewaltigt wurde, gilt als krank, weil sie überhaupt in so einer Beziehung geblieben ist. Frauen, die von Männern 'niederer' Herkunft vergewaltigt wurden, werden als 'mehr' (echter, ernsthafter, gültiger) vergewaltigt anerkannt, weshalb sie als glaubhafter gelten.

    2. Wenn wir unsere Erfahrungen verschiedenen Syndromen (Gruppen von Krankheitssymptomen) zuordnen, wirken diese künstlichen Unterscheidungen als Schranken und verhindern, dass wir unsere gemeinsame Erfahrung erkennen, uns gegenseitig unterstützen und zusammen für Veränderungen eintreten können.

    3. Diese Klassifikationen sind ein Diebstahl unserer Rechte und unserer Verantwortung, unsere Unterdrückung selbst zu beschreiben.

    4. Die Definition von Symptomen und Reaktionen führt zu einer professionellen Gegenreaktion, die uns weiterhin kontrollieren soll.

Die Einbeziehung des psychiatrischen Systems, wo es um Gewalt gegen Frauen geht, soll uns ruhigstellen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Im schlimmsten Fall werden einige von uns in Anstalten untergebracht und werden Opfer der krassesten Form psychiatrischer Unterdrückung: Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka, Elektroschocks, Isolation und Fixierung. Selbst im besten Fall, d.h. in relativ unterstützenden, mitfühlenden und zwangsfreien Situationen, redet man uns unsere Wut aus oder hilft, sie in 'angemessenere' Kanäle zu lenken.

In heimtückischer Weise übernimmt das psychosoziale System den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen. Angesichts versiegender Finanzquellen bemühen sich psychiatrische Einrichtungen um neue 'Patientinnen' und 'Patienten' und um die Förderung populärer Projekte. In den USA wandelt man Frauenzentren um; sie werden professionalisiert und nehmen Gelder aus den Fonds des psychosozialen Systems an. Ein weiteres Beispiel ist der Kampf um Entschädigung für Opfer von Gewaltverbrechen. Wo überhaupt, wie z.B. in Kanada, Entschädigung gezahlt wird, verlangt man ein Gutachten über unsere Schmerzen und Leiden sowie eine Bescheinigung über die Kosten der Behandlung. Wir lehnen die Vorstellung ab, dass wir ein psychiatrisches Gutachten brauchen, um zu beweisen, dass uns ein Überfall aus der Fassung bringt.

Warum uns die feministische Therapie im Stich gelassen hat

In patriarchischen Kulturen sind Frauen täglich mit Gewaltandrohungen und Unterdrückung konfrontiert. Der Feminismus ist eine starke Basis, auf der sie zusammenkommen und an gemeinsamen Strategien arbeiten können. Frauen, die mit riesigen Erwartungen und dem Bedürfnis nach Unterstützung zur Bewegung stoßen, wenden sich nach Enttäuschungen oft an feministische Therapeutinnen, um diese Leere zu füllen. Diese (und andere) Funktionen feministischer Therapie sind für uns Feministinnen ausgesprochen problematisch, denn als ehemalige Insassinnen Psychiatrischer Anstalten sehen wir Therapie als das an, was sie ist: ein Mechanismus sozialer Kontrolle.

Gefühle von Frauen als Krankheiten zu behandeln, trägt nicht zur Wiederherstellung von 'Gesundheit' bei. Im Gegenteil, diese Pervertierung von Fürsorge widerspricht zentralen feministischen Anliegen, dass alles Private politisch ist. Die Geschichte der Professionalisierung des Gesundheitswesens sollte uns als Feministinnen einige Aufschlüsse über dessen hierarchische, frauenfeindliche Strukturen geben. Männer bekamen Angst vor Frauen, die in der Heilkunst bewandert waren, diffamierten sie als Hexen, beschimpften sie als Lesben und betrieben ihre Vernichtung.

Durch das Individualisieren, Personalisieren oder Therapieren der ganz realen soziokulturellen, psychischen und körperlichen Unterdrückung im Leben der Frauen sind diese sich selbst fremd, voneinander isoliert und unfähig zu gemeinsamen Aktionen. So ist es uns unmöglich, über unsere Gefühle zu reden oder mit ihnen 'umzugehen'. Denn sobald die Gefühle einer Frau zu intensiv werden, werden sie aufgeteilt, zerlegt und in dem professionellen Reich der Therapie isoliert. Therapie ist so mächtig, dass sie nicht nur das Opfer heilen kann, sondern auch den Gewalttäter. Wäre es nicht heilsamer, die Krankheit zu bekämpfen?

Solange die feministische Therapie existiert mit ihrer Unterscheidung zwischen Therapeutin und Patientin, zwischen der Frau, der es gut genug geht, um von feministischer Therapie Hilfe zu bekommen, und derjenigen, der es 'zu schlecht' geht und die die Unterbringung in eine Anstalt braucht, so lange wird auch der psychiatrische Apparat als Maßnahme der sozialen Kontrolle aller Frauen weiterbestehen. Wie alle Therapeutinnen und Therapeuten verfügen auch feministische Therapeutinnen über das berufliche Privileg, Frauen gegen ihren Willen »in ihrem wohlverstandenen Interesse« einweisen zu lassen. Das Machtgefälle wird nicht überwunden. Noch trauriger stimmt die Tatsache, dass immer mehr Frauen Therapeutinnen werden und damit die Vorstellung unterstützen, dass extreme Gefühle Krankheiten sind, die die hierarchische und professionelle Intervention nötig machen.

Patientinnen, wie sie feministische Therapeutinnen sich wünschen und anziehen, unterscheiden sich nicht von dem Typ weiblicher Patientinnen, an denen (laut Schofield/Balian 1960) männliche Therapeuten die Therapie am wirksamsten und erfolgreichsten erleben. Diese Patientinnen sind 20 bis 40 Jahre alt und ohne höhere Ausbildung. Ihre Erscheinung ist als das »YAVIS-Syndrom« beschrieben worden: young, attractive, verbal, intelligent and successful (jung, attraktiv, sprachgewandt, intelligent und erfolgreich), mit anderen Worten: 'normal'. Wer damit fortfährt, normale Probleme zu behandeln, als wären sie krankhaft, untergräbt nicht nur das Unterstützungsbedürfnis der Frauen durch ein ausbeuterisches Verhältnis, sondern macht sie von der Unterstützung abhängig und pervertiert die Hilfe. Das trägt nicht bei zur Überwindung unserer Selbsteinschätzung als 'Kranke', die eine 'sachorientierte' und 'professionelle' Behandlung brauchen. Im Gegenteil, die Selbstzweifel über den eigenen psychischen Zustand werden noch verstärkt. Wenn wir behandelt werden, als wären wir gestört, dann werden wir uns auch krank fühlen und von anderen erwarten, uns ebenso zu sehen.

Wie können feministische Therapeutinnen ernsthaft von uns Psychiatrieopfern erwarten zu glauben, dass diese oder irgendeine sonstige 'radikale Therapie' anders ist und wirkliche Veränderung bringt, wenn sie noch nicht einmal beschreiben können, was feministische Therapie genau ist, und wenn sie ebensowenig den Unterschied zwischen feministischer Therapie und anderen Formen psychiatrischer Unterdrückung kritisch benennen können. Eine etwas zurückliegende, aber noch immer wesentliche Studie von Inge K. Broverman u.a. (1970) zeigt, dass sowohl männliches als auch weibliches Anstaltspersonal männliche Definitionen zur Beschreibung 'psychisch gesunden' Verhaltens verwendet. Es überrascht keineswegs, dass Merkmale, die mit 'psychischer Krankheit' assoziiert werden (z.B. Passivität, Abhängigkeit, Manipulierbarkeit und Unentschlossenheit), dem gesellschaftlich geprägten Bild der Frau in unserer Kultur entsprechen. Die feministische Therapiebewegung hat uns zu verstehen gegeben, dass die Konsumentinnen ihrer Dienstleistungen lernen müssen, bessere Konsumentinnen zu werden, indem sie lernen, wie sie eine Therapeutin auswählen. Dieses »Wie kaufe ich einen Kühlschrank?«-Argument entlässt nicht nur die Therapeutinnen aus der Verantwortung, es ignoriert auch die Frauen, denen – direkt durch die Rechtslage oder indirekt durch die Abhängigkeit im therapeutischen Prozess – alle Wahlmöglichkeiten genommen wurden. Hier wird auf subtile und hinterhältige Weise die Theorie, dass die Schuld beim Opfer liegt, genutzt – eine Theorie, mit der praktisch jede Form von Unterdrückung entschuldigt werden kann. Zusätzlich ignoriert dieses Argument die Existenz sozialer Unterschiede. Nur wenige weiße Frauen können sich einen Kühlschrank oder eine Stunde Gesprächstherapie leisten, solange sie nur 59 Cent im Verhältnis zu den 100 Cent verdienen, die ein weißer Mann in Nordamerika bekommt. Man weiß, dass farbige Frauen noch weniger erhalten. Wie kann eine Stunde Gespräch die Tatsache ändern, dass Schikane, Misshandlung, Inzest und Vergewaltigung kulturell bedingt sind? Alle Therapien abstrahieren von der Wirklichkeit, lassen die Frauen reden und halten sie vom Handeln ab. Wer unsere Erfahrungen als Vergewaltigungs- oder Inzest-Syndrom bezeichnet oder das passende psychiatrische Etikett für misshandelte Frauen findet, ändert die Erfahrungen nicht. Wie in allen anderen Therapien auch, verlassen sich feministische Therapeutinnen statt auf die Betroffenen selbst auf klinische Beurteilungen. Sie fragen uns nicht, sie beschwichtigen. Dafür, dass sie unsere Wut und unseren Schmerz als Krankheit behandeln, bekommen sie von den Krankenversicherungen Geld; wir jedoch fühlen uns noch 'verrückter'. Auch zu anderen kritischen Punkten bezogen feministische Therapeutinnen keine Stellung: zur zivilrechtlichen Unterbringung, zur Zwangsunterbringung, zu Elektroschocks oder Zwangsbehandlung mit psychiatrischen Psychopharmaka. Wie sollen wir ihnen da trauen? Und schließlich ist feministische Therapie ein Widerspruch in sich. Feminismus existiert aus der Bewusstwerdung. Wesentlich für Frauen ist zusammenkommen, das gemeinsame Anliegen zu definieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir sind uns der schädlichen Konsequenzen bewusst, wenn 'Profis' unsere Anliegen definieren und behandeln! Feministische Therapie ist Teil des psychiatrischen Systems, also eine Methode sozialer Kontrolle und ein Spiegel der Gesellschaft.

Platz für die Wut!

Unsere Wut ist real. Sie ist begründet und heftig. Sie ist kein Symptom, das mit Psychopharmaka oder Therapie wegbehandelt werden muss. Sie ist statt dessen die Quelle unserer Macht, Treibstoff für unsere Entrüstung und unsere Aktivität. Wir werden es nicht zulassen, dass irgend jemand – ob Psychiater oder feministische Therapeutin – uns einredet, wir seien krank, weil wir wütend sind, weil wir uns nicht beruhigen und keiner 'Realität' anpassen wollen, die uns als minderwertig definiert. Wir lehnen die Vorstellung ab, dass es einen unangemessenen Grad an Wut gibt oder dass sie unangemessen lange währt. Wir erfreuen uns unserer Identität als verrückte Frauen, als stolze und starke Furien.

Zusammenfassung unserer Analyse

Die Macht, die hinter den systematischen Übergriffen auf Menschen steht und die sie als 'geisteskrank' bezeichnet, ist die gleiche, die zu Hass auf Frauen und fortgesetzter Gewalt gegen sie führt. Diese Macht ist ein Teil unserer Wirtschaftsordnung innerhalb des Systems männlicher Herrschaft. Für uns Feministinnen und ehemalige Psychiatrie-Insassinnen ist dies der Schnittpunkt von Gewalt gegen Frauen und psychiatrischer Bedrohung.

Tatsächlich ist das psychiatrische System ein Mikrokosmos des gesellschaftlichen Systems. Beide spielen eine wichtige Rolle bei der Definition, wie Gesellschaft funktioniert. In westlichen kapitalistischen Gesellschaften sind Männer verantwortlich für den Arbeitsprozess, während man von Frauen in erster Linie erwartet, dass sie sich um Kinder kümmern und zur Reproduktion von Arbeitskraft beitragen. Diese Geschlechterrollen sind als normal anerkannt. Psychiatrisch Tätige unterlegen aber dieses Rollenverständnis mit Krankheitsbegriffen. Die männliche Rolle wird allgemein als 'psychisch gesund' bezeichnet, die weibliche Rolle entspricht der Vorstellung von 'psychisch krank'. Dadurch geraten wir Frauen in die Situation, dass wir, um gesunde Frauen zu sein, 'kranke Menschen' sein müssen und kranke Frauen, um 'gesunde Menschen' zu sein. Frauen werden damit gleichzeitig 'normal' und 'krank'. Darüber hinaus kann man, wenn man einen anderen Menschen als 'krank' und 'unnormal' bezeichnet, leichter jede Art seiner Misshandlung rechtfertigen, einschließlich Vergewaltigung, Körperverletzung und weiterer Formen von Gewalt. Im Extremfall sehen wir dann an denjenigen, die als 'anders' bezeichnet werden (z.B. Jüdinnen oder geistig Zurückgebliebene im Hitlerdeutschland oder im Russland Stalins) Beispiele gerechtfertigter Gewalt gegen Andersartige.

So, wie das psychiatrische Netz überall auf der Welt der sozialen und wirtschaftlichen Kontrolle dient, so dient die Gewalt gegen Frauen deren sozialer und ökonomischer Kontrolle.

Als weibliche Ex-Insassinnen bemächtigen wir uns wieder unseres Stolzes, unserer Würde und unserer Glaubwürdigkeit. Wir pochen auf das Recht und die Macht, unsere eigenen Bedürfnisse, Probleme und insbesondere unsere Strategie für Hilfe und politisches Handeln ohne professionelle Einmischung zu definieren.

Wie weiter?

  1. Wir fordern die Frauenbewegung auf, unsere Erfahrungen und unsere Analyse als ehemalige Anstaltsinsassinnen anzuerkennen und uns nicht länger zu ignorieren, als 'krank' oder 'irre' zurückzuweisen oder sich unserer zu schämen. Insbesondere fordern wir die feministischen Therapeutinnen auf, die Widersprüche im eigenen Handeln zu erkennen.

  2. Wir fordern die Männer auf, die Allgegenwart frauenfeindlicher Übergriffe zu erkennen und die Tatsache, dass diese Gewalt eine vorsätzliche Strategie sozialer Kontrolle ist. Sie müssen die Verantwortung für Gewalt gegen Frauen übernehmen. Wir fordern sie auf, mit Missbrauch und Vergewaltigungen aufzuhören.

  3. Wir fordern unsere Brüder in der Bewegung von Psychiatrie-Betroffenen auf, den Sexismus in der Bewegung selbst sowie in ihren Beziehungen zu erkennen. Wir erwarten weder Schuldgeständnisse noch Verleugnen; wir verlangen allerdings die Bereitschaft zur Analyse von Sexismus und das Engagement, Strategien zur Veränderung zu entwickeln.

  4. Wir alle müssen uns der Rolle bewusst sein, die die Klassenzugehörigkeit, die Hautfarbe und der soziale Status bei Gewalt gegen Frauen spielen. Wir pochen auf die ganz persönliche Verantwortung und lehnen es ausdrücklich ab, an Anti-Vergewaltigungsbewegungen teilzunehmen, die Gewalt gegenüber Farbigen Vorschub leisten.

Wir wissen, dass es wichtig ist, den Wert der Schwächsten unter uns zu kennen, nicht nur, weil wir uns um unsere Schwestern kümmern müssen, sondern weil Zusammenhalt unser ureigenstes Interesse ist. Wenn Lesben missachtet werden und gefährdet sind, dann treffen die Probleme uns alle. Wenn die Vergewaltigung farbiger Frauen geduldet wird, dann sind alle Frauen potentielle Opfer. Wenn erzwungener Geschlechtsverkehr in der Ehe nicht als Vergewaltigung angesehen wird, dann gestatten wir, dass die Männer, die wir einmal auswählten, immer Zugang zu unseren Körpern haben. Wenn wir hinnehmen, dass Prostituierte geschlagen und vergewaltigt werden, dann ist keine einzige von uns sicher. Wenn verrückte oder 'zurückgebliebene' Frauen oder weibliche Häftlinge akzeptierte Ziele von Gewalt sind, können wir alle Opfer von Überfällen sein. Wir sprechen hier, weil Schweigen Komplizenschaft bedeutet, und nie werden wir Übergriffe auf irgendeine Frau tolerieren. Jede von uns ist kostbar, einzigartig und wertvoll.

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Stamp

Anmerkung der Herausgeber

(1) Der Artikel erschien original in Phoenix Rising (Toronto, Ontario/Kanada), Vol. 3 (1983), Nr. 3, S. 43-47. Die Autorinnen, die mittlerweile in alle Winde zerstreut leben, waren: Renee Bostick, Laurie Bradford, Judi Chamberlin, Jeanne Dumont, Dana Lear, Susan Price und Virginia Raymond.


Judi Chamberlin ist seit vielen Jahren eine Aktivistin innerhalb der internationalen Bewegung von Psychiatrie-Überlebenden. Sie veröffentlichte eine Vielzahl von Artikeln über Selbsthilfe und die Rechte von Psychiatriebetroffenen. Judi Chamberlin ist Gründungsmitglied der US-amerikanischen National Association of Psychiatric Survivors (Nationale Vereinigung von Psychiatrie-Überlebenden). Sie repräsentierte in zahllosen Kommissionen und Komitees den Standpunkt und die Sichtweise von Psychiatriebetroffenen und hielt weltweit Vorträge über die Selbsthilfebewegung. Buchveröffentlichung: »On Our Own: Patient-Controlled Alternatives to the Mental Health System«, New York: McGraw-Hill 1979. (Stand: 1993)

Jeanne Dumont lebt in Ithaca, New York State. Seit 10 Jahren Mitglied der Befreiungsbewegung von Psychiatrie-Betroffenen. Derzeit Koordinatorin eines Projekts, das der psychiatrischen Unterbringung eine nicht-medizinische Alternative entgegensetzen will, das auf dem Prinzip der Freiwilligkeit aufgebaut ist und von NutzerInnen und ehemaligen Psychiatrie-Betroffenen kontrolliert wird. Unregelmäßige Anläufe zum akademischen Abschluß (Thema: Untersuchung über humane Hilfe). (Stand: 1993). Mehr zu Jeanne Dumont


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