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Probleme beim Absetzen von Neuroleptika als Folge von Rezeptorenveränderungen
und Toleranzbildung
Wer Neuroleptika absetzen will, sollte sich vorher informieren
über möglicherweise auftretende Entzugsprobleme, um die
Wahrscheinlichkeit, dass diese das Absetzen zum Scheitern bringen
lassen, möglichst gering zu halten. Die nachstehenden Informationen
ergänzen Erfahrungsberichte in »Psychopharmaka
absetzen Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva,
Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern« (Lehmann,
2008), wie Neuroleptika abgesetzt wurden, ohne gleich wieder im
Behandlungszimmer des Arztes oder in der Anstalt zu landen.
Toleranzbildung
Die Toleranzbildung, das heißt die Notwendigkeit zu steigenden
Dosen, um eine kontinuierliche Wirkung zu erzielen, ist ein deutlicher
Hinweis auf ein Abhängigkeitspotenzial von Psychopharmaka (Poser
et al., 1985, S. 34). Dass es bei Neuroleptika zu Toleranzbildung
kommen kann, weiß man schon über ein halbes Jahrhundert
durch Beobachtungen beim Einsatz des Neuroleptika-Prototyps Chlorpromazin
(im Handel als Chlorazin). Stefan Hift und Hans Hoff von der Universitätsklinik
Wien äußerten 1958:
»Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Geschwindigkeit
der Gewöhnung an das Mittel, das dann mehr und mehr seine Wirksamkeit
verliert, wie das beim Chlorpromazin der Fall ist.« (S. 1046)
Toleranzbildung sei nicht zu vermeiden (Meyer, 1953, S. 1098),
trete vorwiegend bei niederpotenten Neuroleptika und bei relativ
niedriger Dosierung auf (Haase, 1977, S. 513), auch bei deren nichtpsychiatrischen
Verwendung (Broglie & Jörgensen, 1954).
Die in den letzten Jahren ständig steigenden Dosierungen geben
einen weiteren Hinweis auf Gewöhnungseffekte (Lehmann, 1996,
S. 429f.). Frank Tornatore von der University of Southern School
of Pharmacy, Los Angeles, und Kollegen warnten:
»Unter der Langzeittherapie mit Neuroleptika wurden
Verschlechterungen psychotischer Verläufe mit Aktualisierung
der Wahnsymptomatik und verstärkten Halluzinationen beobachtet.
Die betroffenen Patienten sprachen typischerweise auf niedrige oder
mittlere Dosen von Neuroleptika zunächst gut an; Rezidive (Rückfälle)
machten jeweils Dosissteigerungen erforderlich, bis die Symptomatik
schließlich nur noch durch Gabe von Höchstdosen beherrschbar
war. Es würde sich also um eine Toleranzentwicklung gegenüber
der antipsychotischen Wirkung handeln.« (1991, S. 53)
Unter Verweis auf einen Artikel der Gruppe um John Kramer (1961)
von der Psychiatrischen Klinik in Glen Oaks in New York City über
Antidepressiva und Tranquilizer erläuterte Raymond Battegay
von der Universitätsklinik Basel offenbar ohne Wissen
um die mögliche Toleranzbildung die Notwendigkeit, den
Abhängigkeitsbegriff um einen neuen Typ zu erweitern, um dem
Problem der Abhängigkeit von Neuroleptika sowie Antidepressiva
gerecht zu werden. Bei einem in der Klinik gemachten Vergleich mit
Entzugserscheinungen von Tranquilizern wie zum Beispiel Meprobamat
(im Handel als Meprodil) oder Chlordiazepoxid (im Handel als Librium,
Multum, Radepur; enthalten in Librax, Librocol, Limbitrol) besteht
nach seiner Meinung
»... der wesentlichste Unterschied darin, dass die
neuroleptischen Substanzen bzw. deren Entzug kein unstillbares Verlangen
(craving) auslösen (...). Ferner sind die beiden Gruppen von
Psychopharmaka darin unterschiedlich, dass bei den Neuroleptica
im Gegensatz zu Meprobamat in der Entziehungsphase keine Muskelzuckungen
und keine epileptischen Anfälle auftreten. (...) Bei den von
uns untersuchten, über Monate oder, in der überwiegenden
Mehrzahl, über Jahre mit Neuroleptica behandelten Patienten
konnte, wie das gelegentliche Entstehen von Abstinenzsymptomen zeigte,
wohl eine körperliche, nicht aber eine psychische Abhängigkeit
entstehen. Entziehungssymptome bzw. eine körperliche Abhängigkeit
ergaben sich insbesondere bei kombinierten Neuroleptica/Antiparkinsonmittelbehandlungen.
Kein Patient berichtete jedoch beim Absetzen von Neuroleptica oder
Neuroleptica und Antiparkinsonmitteln über ein unwiderstehliches
Verlangen nach diesen Mitteln. (...) Obschon noch weitere Untersuchungen
notwendig sind, um statistisch signifikantere Patientenzahlen zu
erhalten, deuten unsere Befunde dennoch an, dass der Begriff der
Drogenabhängigkeit weiter zu fassen ist. Es sollten damit nicht
nur Gruppen von Pharmaka, bei denen es nach Entstehen einer Toleranz
zu physischer und psychischer Abhängigkeit kommt, subsumiert
werden. Zumindest sollte noch ein Neuroleptica-Typ der Drogenabhängigkeit,
dessen Kriterium in der Hauptsache eben das Entstehen einer körperlichen
Abhängigkeit ohne Toleranz wäre, angefügt werden.
Nach den Erfahrungen von Kramer et al., die ähnliche
Entziehungssymptome bei Absetzen von über zwei Monate lang
und hochdosiert appliziertem Imipramin (im Handel als Imipramin,
Tofranil ) beobachteten, würden dieselben Kriterien auch
für die antidepressiven Substanzen gelten, so dass von einem
Neuroleptica/Antidepressiva-Typ der Drogenabhängigkeit gesprochen
werden könnte. (...) Die Kenntnis des Neuroleptica-Typs der
Drogenabhängigkeit ist vor allem deshalb wichtig, weil bei
plötzlichem Absetzen dieser Medikamente gefährliche Symptome
auftreten können...« (1966, S. 555)
Rezeptorenveränderungen
Ursache der Toleranzbildung ist die natürliche Reaktion des Organismus
auf die künstliche Blockade des Nervenimpulsübertragungsstoffes
Dopamin. Die Wirkung von Neuroleptika besteht vorwiegend aus der
Störung der Nervenimpulsübertragung mit Dopamin. Der Organismus
reagiert auf den künstlichen Eingriff in das System der Nervenimpulsübertragung
durch die Bildung zusätzlicher Rezeptoren, oder die bestehenden
reagieren sensibler auf das begrenzt zur Verfügung stehende
Dopamin.
Entzugsprobleme, die Folgen der gestörten Dopaminübertragung
darstellen, können beim Absetzen in Form psychischer Symptome
eine große Rolle spielen. Sie gehen auf Veränderungen
des Nervenreizleitungssystems zurück und können Rebound-,
Supersensitivitäts- und Absetzpsychosen auslösen. Unter
Reboundpsychosen ist eine gegenregulatorisch wirkende Anpassungsreaktion
zu verstehen, die zu einem vorübergehend verstärkten Wiederauftreten
der ursprünglichen Symptomatik führt (Laux, 1995, S. 318).
Dass bei manchen Patienten aufgrund der mit der Zeit eingetretenen
Abhängigkeit Neuroleptika nicht mehr abgesetzt werden können, offenbarten
Rudolf Degkwitz und Otto Luxenburger 1965 und zeigten somit die
Notwendigkeit, sich möglichst früh mit dem Gedanken ans Absetzen
zu befassen:
»Werden die Neuroleptica plötzlich abgesetzt, so entsteht
ein relativer Überschuss an Monoaminen im Hirngewebe, der die
geschilderten Entziehungserscheinungen bewirkt. Nach einiger Zeit
können sich die Gewebe offenbar wieder regenerieren und ein physiologisches
Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Aus dem Umstand, dass
die Hyperkinesen zum Teil irreversibel zu sein scheinen, folgt
aber, dass bei einem Teil der Patienten ein irreparabler Schaden
eintritt. (...) Aus dem Gesagten geht hervor, dass die terminalen
extrapyramidalen Hyperkinesen (tardiven Dyskinesien) nur durch
neuerliche Gaben von Neurolepticis beeinflusst werden können.
Dies entspricht der bisherigen Erfahrung. Antiparkinsonmittel
und alle anderen Beruhigungsmittel werden praktisch vollständig
wirkungslos. Nur wenn man erneut das gleiche oder ein anderes
Neurolepticum verabreicht, ist eine Rückbildung der Entziehungserscheinungen
und der Hyperkinesen zu erzielen. (...)
Man weiß jetzt ferner, dass es bei einem Teil der chronisch Behandelten
wegen der unerträglichen Entziehungserscheinungen schwierig, wenn
nicht unmöglich wird, die Neuroleptica wieder abzusetzen. Wie
groß dieser Teil der chronisch behandelten Fälle ist, ist ebenfalls
nicht bekannt.« (S. 174f.)
Schon lange ist bekannt, dass ein abruptes Absetzen zu drei- bis
sechsfach erhöhten Rückfallraten führt (Gilbert et al., 1995; Baldessarini
& Viguera, 1995; Viguera et al., 1997; Seeman & Tallerico, 1999;
Moncrieff, 2006); Ausschleichen von Neuroleptika wird als wesentlich
sicherer eingestuft (Green et al., 1992).
Im Tierversuch wurde nachgewiesen, dass eine anhaltende Verabreichung
von Neuroleptika zur Supersensitivierung der Dopaminrezeptoren,
zum Dopaminturnover (-überschlag, -überaktivität)
und zu tardiven Dyskinesien (im Lauf der Behandlung, beim Absetzen
oder danach auftretenden chronischen, nicht-behandelbaren und mit
einer Verkürzung der Lebenserwartung einhergebenden Muskelstörungen)
führen kann (Jenner & Marsden, 1983; Rupniak et al., 1983;
White & Wang, 1983; Gunne & Häggström, 1985; Spivak
et al., 1990). Kenneth Davis und Gordon Rosenberg vom Veterans Administration
Hospital in Palo Alto, Kalifornien, testeten Fluphenazin (im Handel
als Dapotum, Fluphenazin, Lyogen) und fassten in Biological Psychiatry
ihre Untersuchungsergebnisse der Folgen längerer Gabe dieser
Substanz zusammen:
»Langzeitverabreichung antipsychotischer Medikamente
an Tiere induziert Supersensitivität mesolimbischer (Nervenbahnen
vom Mittelhirn zur Hirnrinde betreffender) postsynaptischer
Dopaminrezeptoren. Es ist möglich, dass ein ähnlicher
Prozess beim Menschen auftritt. Als Folge einer verringerten Dosis
antipsychotischer Medikamente oder von deren völligem Absetzen
könnte sich die Supersensitivität mesolimbischer Dopaminrezeptoren
im schnellen Rückfall schizophrener Patienten widerspiegeln,
in der Entwicklung schizophrener Symptome bei Patienten ohne schizophrene
Vorgeschichte oder in der Notwendigkeit zu stetig steigenden Dosierungen
des in seiner Wirkung lange anhaltenden Fluphenazin-Depots, um eine
Remission (Rückgang der Symptome) aufrechtzuerhalten.«
(1979, S. 699)
Als Reaktion auf die neuroleptische Blockade der Dopaminrezeptoren
im Rahmen der psychiatrischen Behandlung bilden sich bereits innerhalb
weniger Wochen oder Monate zusätzliche Rezeptoren, was man
Upregulation nennt (Baldessarini & Tarsy, 1980; Schröder
et al., 1998; Abi-Dargham et al., 1999, 2000; Silvestri et al.,
2000, 2004). Mit der Zeit tritt eine Toleranzentwicklung gegenüber
der sogenannten antipsychotischen Wirkung auf. Die Dosis muss erhöht
werden, um die ursprüngliche Wirkung aufrechtzuerhalten (Malcolm,
1992, S. 408).
Auf diese Upregulation sind beim Absetzen Reboundeffekte zurückzuführen,
das heißt vorübergehend rückstoßartig auftretende
Störwirkungen (Gardos et al., 1978; Tranter & Healy, 1998;
Margolese et al., 2002; Moncrieff, 2006a, 2006b). Werden Neuroleptika
fortlaufend eingenommen, kann sich eine Dopaminsensibilität
bilden, das heißt eine erhöhte Empfänglichkeit für
psychotische Reaktionen, daraus folgend eine Supersensitivitätspsychose,
auch Durchbruchspsychose genannt (Weinberger et al., 1981; Samaha
et al., 2007), und schließlich eine tardive Psychose (Schooler
et al., 1967; Chouinard et al., 1978; Chouinard & Jones, 1980).
Dies ist eine im Verlauf der Neuroleptikaverabreichung entstehende,
beim Absetzen oder danach zum Vorschein kommende behandlungsbedingte
Psychose organischer Natur. Sie kann mit einer Vielzahl von Begleitsymptomen
einhergehen und erfordert aus psychiatrischer Sicht steigende Dosierungen.
Rezeptorenveränderungen bei atypischen Neuroleptika
Mit dem Entstehungsverlauf neuroleptikabedingter Psychosen speziell
unter Clozapin (im Handel als Clopin, Clozamedica, Clozapin, Elcrit,
Lanolept, Leponex), dem Prototyp atypischer Neuroleptika,
hatten sich die Pharmakologen Guy Chouinard und Barry D. Jones von
der Universitätsklinik Montreal intensiv befasst: Im ersten
Stadium komme es entsprechend der Entzugsdyskinesie bei herkömmlichen
Neuroleptika zu einer kurz andauernden Supersensitivitätspsychose,
die sich spontan zurückbilde. Im zweiten Stadium, wenn sie
erneut auftrete, könne man die psychopharmakabedingte Psychose
noch mit Neuroleptika kontrollieren. Im dritten Stadium schließlich
würden Neuroleptika überhaupt nichts mehr bewirken, die
entstandene Psychose sei irreversibel (Chouinard & Jones, 1980,
1982).
Immer wieder publizierten die beiden ihre Warnungen, auch wenn
diese vom Gros der Psychiater in den Wind geschlagen werden. Illustriert
an Fallbeispielen, schrieben Chouinard und Jones 1980 im American
Journal of Psychiatry, dass die überempfindliche Reaktion
der Rezeptoren auf Dopamin
»... nach chronischem neuroleptischen Ausgesetztsein
auftritt und in der Entwicklung einer Supersensitivitätspsychose
resultiert. (...) Eine neuroleptisch bedingte mesolimbische Supersensitivität
beinhaltet, dass bei solchen Patienten die Tendenz in Richtung psychotischer
Rückfall durch mehr als nur den normalen Krankheitsverlauf
bestimmt ist.« (S. 16)
Richard Borison und Kollegen der Psychiatrischen Abteilung des
Medical College of Georgia in Augusta publizierten 1988 eine Studie
über Reboundpsychosen, die nach dem Absetzen von Chlorpromazin
oder Clozapin auftreten können. Auch sie hatten den Verdacht,
dass sich im Lauf der Neuroleptikaverabreichung bei Dopaminrezeptoren
speziell im limbischen System, der Steuerzentrale von Gefühlen
im Gehirn, eine erhöhte Sensibilität entwickelt, die beim
plötzlichen Absetzen eine Reboundpsychose bewirkt. Tatsächlich
fanden sie bei einer Gruppe der Untersuchten nach dem Absetzen des
Clozapin und während der Zeit, in welcher der Organismus die
Abbauprodukte der Neuroleptika ausscheidet, eine merkliche Verschlechterung
des psychischen Zustands gegenüber der Zeit vorher:
»Unsere Untersuchungen zeigen, dass nach der Clozapintherapie
bei chronisch, aber ansonsten stabilen residualen (Rest-)Schizophrenen,
die nicht besonders krank waren (laut Definition der BPRS-[Brief
Psychiatric Rating Scale; kleine Psychiatrische Schätzskala-]Werte),
eine Untergruppe gegenüber den Grunddaten vor der Behandlung
eine signifikante Verschlechterung der Psychose aufwies. (...)
Zudem zeigten 38 % der chlorpromazin- und 36 % der clozapinbehandelten
Patienten während des Auswaschzeitraums entweder keine Veränderung
der BPRS-Werte oder eine Verbesserung, verglichen mit dem Zeitraum
der antipsychotischen Behandlung. Diese Daten sollten annehmen lassen,
dass man viele, aber nicht alle chronisch Schizophrenen, die kaum
auf die neuroleptische Behandlung ansprechen, leicht ohne neuroleptische
Behandlung halten kann. Dies ist besonders wichtig bei der Abwägung
der Risiken und Vorteile der Behandlung, denn 87 % unserer behandlungsrefraktären
(durch die Behandlung nicht beeinflussbaren) Gruppe wiesen
auch Symptome einer tardiven Dyskinesie auf. Dies unterstützt
das Konzept der medikamentenfreien Zeiträume oder der Dosisverminderung
der antipsychotischen Medikamente bei Patienten, bei denen die therapeutischen
Wirkungen der antipsychotischen Medikamente zweifelhaft sind. (...)
Demgegenüber fanden wir eine Untergruppe von Schizophrenen,
die eine signifikante Verschlechterung der Psychose nach der Clozapinbehandlung
zeigten. Dies war bei den chlorpromazinbehandelten Patienten jedoch
nicht zu beobachten. Außerdem war diese Verschlechterung in
der ersten Auswaschwoche signifikant. Der Zeitrahmen der Verschlechterung
der Psychose stimmt mit dem Konzept einer Supersensitivitätspsychose
überein. Außerdem, so scheint es, könnte dies ein
Phänomen sein, das spezifisch bei clozapinbehandelten Patienten
auftritt.« (S. 262)
Angesichts der Gefahr, dass sich mit der Zeit neuroleptikabedingte
organische Psychosen herausbilden, sind psychiatrische Publikationen
wenig überraschend, wonach Absetzversuche um so günstiger
verlaufen, je eher man Neuroleptika absetzt, je geringer die zuvor
eingenommene Dosis ist (Nishikawa et al., 2007), je mehr Sicherheit
ein Vertrauensverhältnis zwischen Behandlern und Betroffenen
bietet. So kommen selbst psychiatrisch initiierte Absetzversuche,
wie diverse Berichte in psychiatrischen Zeitschriften nahelegen,
bei vollständigem Absetzen auf Erfolgsraten von 25 % bis 60
% der Fälle (Baldessarini & Viguera, 1995; Viguera et al.,
1997; Gottdiener & Haslam, 2007). Öfter seien vier Versuche
und mehr erforderlich, um ans Ziel zu gelangen (Nishikawa et al.,
2007).
Urban Ungerstedt und Tomas Ljungberg, Mitarbeiter der Histologischen
Abteilung des Karolinska Instituts in Stockholm, wiesen 1977 auf
das besondere Risiko hin, das von atypischen Neuroleptika
ausgeht. Sie stellten fest, dass deren Prototyp Clozapin bei Versuchsratten
besonders stark auf die limbischen Dopaminrezeptoren wirkt:
»Klinische Erfahrung lässt erkennen, dass Clozapin
spezifischer als Haloperidol bei der Behandlung der
Psychose sein kann. Unsere Verhaltensdaten zeigen, dass diese Besonderheit
des Clozapin auf seine vergleichsweise stärkere Hemmung von
limbischen Dopaminrezeptoren zurückzuführen ist. Diese
Rezeptoren können somit am ehesten etwas mit der Entwicklung
der Supersensitivität nach chronischer Clozapinbehandlung zu
tun haben. Das Gegenstück zu tardiven Dyskinesien nach chronischem
Haloperidol kann somit die Potenzierung von psychotischem Verhalten
nach chronischem Clozapin sein! Diese Ergebnisse werfen augenfällig
ernste Fragen auf hinsichtlich der Strategie für den Versuch,
neue, wirksame antipsychotische Medikamente zu finden. Wird ein
Medikament, das spezifische Rezeptoren blockiert, eine
spezifische Rezeptorensupersensibilität und somit
spezifische Nebenwirkungen verursachen, das heißt
die Krankheit selbst potenzieren?« (S. 199)
Ebenfalls aus Schweden, von Bengt Ekblom vom Ulleråker Hospital
in Uppsala und Kollegen, stammt ein Bericht von 1984 über Supersensitivitätspsychosen,
die nach dem Absetzen von Clozapin auftraten. Nach psychiatrischen
Vorstellungen ist ein Rückfall bereits schon in
den ersten zwei Wochen nach dem Absetzen ein recht seltenes Ereignis.
Deshalb waren sich Ekblom und Kollegen sicher, dass sie auf die
spezielle clozapinbedingte Supersensitivität gestoßen
waren:
»Wir gehen davon aus, dass die schnelle Verschlechterung,
die wir bei unseren Fällen beobachteten, auf eine clozapinverursachte
Supersensitivität der mesolimbischen Dopaminrezeptoren zurückzuführen
ist parallel zu der striären Dopaminsupersensitivität
(übermäßige Reaktion auf den Neurotransmitter
Dopamin in bestimmten Nervenknoten im Großhirn, die unter
anderem das Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und
Bewegungsverhalten regulieren), von welcher man annimmt, dass
sie zumindest teilweise an der Entwicklung der tardiven Dyskinesie
beteiligt ist. (...) Natürlich kann man spekulieren, ob die
Verschlechterung ein Rückfall der zugrundeliegenden Krankheit
selbst oder ob der Ursprung der Symptome ein neues Syndrom war.
Das rapide Erscheinen der Symptome nach dem Absetzen und die Tatsache,
dass es offensichtlich neue Symptome waren, erhärten die Annahme
einer clozapinverursachten Supersensitivitätspsychose.«
(S. 293f.)
Psychische, geistig-zentralnervöse, vegetative und motorische
Entzugserscheinungen
Psychische Entzugserscheinungen treten innerhalb von 48
Stunden bis längstens einer Woche nach dem Absetzen auf und
können dem Bild der ursprünglichen psychischen Probleme,
die zur Psychiatrisierung führten, recht nahe kommen. In der
psychiatrischen Literatur finden sich einige Studien, in denen psychische
Entzugserscheinungen erwähnt werden, so zum Beispiel Spannung,
Furcht, Ruhelosigkeit, niedergeschlagene Stimmung, Aggressionen,
Destruktivität, Heulanfälle, Davonlaufen, Gereiztheit
und Erregtheit (Lehmann, 1996b, S. 410-415). Der deutsche Psychiater
Fritz Reimer (1965) ließ sich über haloperidolbedingte
Entzugsdelire aus und konstatierte, vom Erscheinungsbild her dränge
sich ein Vergleich mit dem Entziehungsdelir des Alkoholikers auf.
Sein amerikanischer Kollege George Brooks von der Psychiatrischen
Klinik Waterbury, Vermont, berichtet von Entzugsreaktionen, die
»klinisch ununterscheidbar waren von einer mäßigen
Entzugsreaktion nach Langzeiteinnahme von Morphium« (1970,
S. 931).
Auf die sekundären, mentalen Folgen der Neuroleptikaverabreichung
ging der schwedische Mediziner Lars Martensson ein. Neuroleptika
greifen das limbische System an, so dass die Betroffenen ihre Probleme
nicht mehr verarbeiten können und zu glauben beginnen, ohne
Neuroleptika nicht mehr vernünftig weiterleben zu können:
»Die neuroleptischen Medikamente führen spezifische
Veränderungen im limbischen System herbei, die einen Menschen
anfälliger für Psychosen machen. Dies ist, wie wenn dieser
einen Psychose-verursachenden Wirkstoff ins Gehirn eingebaut hätte.
Diese Wirkung der neuroleptischen Medikamente mag mit der Zeit mehr
oder weniger nachlassen, wenn das Medikament abgesetzt wird. Aber
dann kann es zu spät sein. Wegen der psychotischen Symptome,
die Nachwirkungen der Medikamente sind, wurde die Schlussfolgerung
bereits gezogen: Er braucht das Medikament. Die Falle
ist zugeschnappt.« (1988, S. 5)
Entzugserscheinungen können bei den Betroffenen massive Ängste
auslösen. Darauf machte Degkwitz unter Verweis auf Absetzerfahrungen
eines Kollegen aufmerksam:
»Nach 1-14 Tagen kommt es, wie unsere Beobachtungen
zusammen mit Herzog im Psychiatrischen Krankenhaus Eichberg ergaben,
bei etwa 1/3 der Patienten zu Schweißausbrüchen, Tachykardien,
Herzklopfen, innerer Unruhe, Schlafstörungen, Erbrechen, Übelkeit,
Durchfällen. Die Entziehungserscheinungen sind so unangenehm,
dass Herzog im PKH Eichberg bei der Mehrzahl der Patienten nach
1-5 Tagen erneut Medikamente verordnen musste. Nur in einem Fall
gelang es ihm, 14 Tage lang ohne die erneute Verordnung von Medikamenten
auszukommen. Die Schwestern baten dringend, den Absetzversuch abzubrechen,
da die Patienten außerordentlich gequält seien, und einige
Patienten, die früher immer die Medikamente abgelehnt hatten,
baten darum, erneut welche zu erhalten, da sie den Zustand nicht
ertragen könnten. Diese Entziehungserscheinungen sind sicher
in sehr vielen Fällen für einen Rückfall in die Psychose
gehalten worden, vor allem da sie mit erheblicher Angst einhergehen.«
(1967, S. 161f.)
Brooks meinte, die Stärke der Entzugssymptome könne seine
Kollegen fälschlicherweise denken lassen, sie hätten Rückfälle
vor sich (1959, S. 932).
In der psychiatrischen Literatur finden sich viele Berichte über
geistig-zentralnervöse Entzugserscheinungen, beispielsweise
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Taubheitsgefühle
und Geschmacksstörungen (Lehmann, 1996b, S. 415f.). Wie man
Entzugserscheinungen wie Schlaf- und Ruhelosigkeit von den
oft auf den ersten Blick schwer differenzierbaren ursprünglichen
psychiatrischen Symptomen unterscheidet, erklärten Roy Lacoursiere
vom Veterans Administration Hospital in Topeka, Kansas, und Kollegen.
Optimistisch gingen sie davon aus, dass die Entzugserscheinungen
bereits nach kurzer Zeit nachlassen; diese
»... (1) tendieren dazu, nach dem Medikamentenentzug
früher als schizophrene Verschlechterung aufzutreten, (2) können
mit anderen medizinischen Entzugssymptomen einhergehen und (3) klingen
innerhalb weniger Tage von alleine oder mit unterstützender
Behandlung ab.« (1976, S. 292)
Die vegetativen Entzugserscheinungen betreffen auch Organsysteme
und -funktionen, die der vegetativen Steuerung unterliegen. In der
Literatur finden sich viele Berichte über alle Arten solcher
Entzugserscheinungen, unter anderem Hitzegefühl oder Frieren,
malignes neuroleptisches Syndrom (Syndrom aus Fieber, Muskelsteifheit
und Bewusstseinstrübungen), Herzjagen, Schwindelgefühl
oder Kollapsneigung, Schweißausbrüche, heftige Sekretabsonderung
aus der Nase, verstärkte Talgdrüsenabsonderung, übermäßige
Schleim- und Speichelabsonderung, Appetitlosigkeit, Heißhunger,
Durchfall, übermäßige Absonderung der Magenschleimhaut
und demzufolge Magenschleimhautentzündung, Bauchschmerzen,
Koliken, Übelkeit und Erbrechen (Lehmann, 1996b, S. 416-418).
Die Symptome können in Einzelfällen über Monate hinweg
anhalten (Yepes & Winsberg, 1977).
Motorische Entzugserscheinungen. Das Absetzen von Neuroleptika
kann vielerlei Muskel- und Bewegungsstörungen auslösen,
sogenannte Entzugsdyskinesien. Teilweise treten die neuroleptikabedingten
parkinsonoiden Störungen verstärkt zutage. Als Entzugserscheinungen
bekannt sind Gliederschmerzen, innere Unruhe, Bewegungsunfähigkeit,
verstärktes oder erstmalig auftretendes Muskelzittern, Hyperkinesien
und Dystonien wie zum Beispiel Zungen-Schlund-Syndrome. Psychische
Probleme, die als Reaktion auf die Muskelstörungen entstehen,
werden oft als Rückfall angesehen. Thomas Gualtieri und Kollegen
der Universitätsklinik Chapel Hill, North Carolina, rieten,
sich von Entzugsdyskinesien nicht verunsichern zu lassen:
»Das Problem einer neuroleptikabedingten Dopaminsupersensititivät
mit einer Entsprechung im limbischen System oder einer Analogie
auf der Verhaltensebene ist beunruhigend und ungeklärt. Die
Tatsache, dass negative Verhaltensweisen unmittelbar nach dem Absetzen
der Medikamente auftauchen und oft von Entzugssymptomen oder Dyskinesien
begleitet werden, dass sie sich qualitativ vom Problemverhalten
unterscheiden, das der Neuroleptikabehandlung vorausging, und dass
sie in allen Fällen innerhalb von 16 Wochen nachließen,
unterstützt diesen Gedanken stark. Praktiker, die entscheiden
wollen, ob die Fortsetzung der Neuroleptikabehandlung wirklich notwendig
ist, sollten sich durch dieses Ergebnis überzeugen lassen,
den Versuch zu unternehmen, neuroleptikafreie Zeiträume auch
angesichts verstärkter Verhaltensprobleme in die Länge
zu ziehen.« (1984, S. 22)
Über die Entzugserscheinungen
In medizinischer und psychiatrischer Literatur finden sich die
unterschiedlichsten Häufigkeitsangaben, was Entzugsprobleme
beim Absetzen von Neuroleptika betrifft. Mit vegetativen und insbesondere
Magen-Darm-Problemen reagieren bis zu 84 % der Betroffenen auf das
Absetzen, 22 % mit einer Entzugsdyskinesie, 60 % mit Muskelschmerzen
(Lehmann, 1996b, S. 421-455). Zu Supersensitivitätspsychosen
kommt es laut Tornatore und Kollegen »möglicherweise häufiger
als bislang bekannt...« (1991, S. 53) 1982 berichteten Chouinard
und Jones, sie hätten bei 30 % von 300 untersuchten Insassen
ihrer Klinik auch ohne abrupte Absetzversuche Anzeichen von Supersensitivitätspsychosen
gefunden. Neben der Tatsache, dass psychiatrische Fachzeitschriften
durch Werbeanzeigen der Pharmaindustrie finanziert werden und die
Redaktionen nicht frei entscheiden können, welche Artikel sie
publizieren dürfen, ohne die finanziellen Zuwendungen zu verlieren,
sind publizierte Häufigkeitsangaben auch davon abhängig,
wie sorgfältig Psychiater beobachten, wie klar sie Entzugserscheinungen
von der psychischen Krankheit trennen und wie genau
sie den psychischen Zustand der Betroffenen vor der Behandlung kennen
(Lacoursiere et al., 1976). Insofern ist es wenig verwunderlich,
dass manche Psychiater Häufigkeitsraten von 0 % publizieren.
| Wirkstoff |
Neuroleptische Potenz
|
| Alfentanil |
|
| Amisulprid |
0,2
|
| Aripiprazol |
|
| Asenapin |
|
| Benperidol |
75
|
| Bromperidol |
50
|
| Chlorpromazin |
1
|
| Chlorprothixen |
0,8
|
| Clotiapin |
|
| Clozapin |
1
|
| Droperidol |
10-25
|
| Flupentixol |
50
|
| Fluphenazin |
40
|
| Fluspirilen |
50
|
| Haloperidol |
50
|
| Levomepromazin |
0,5
|
| Melperon |
1
|
| Olanzapin |
50
|
| Paliperidon |
|
| Perazin |
1
|
| Perphenazin |
15
|
| Pimozid |
50
|
| Pipamperon |
0,8
|
| Promazin |
0,5
|
| Promethazin |
0,5
|
| Prothipendyl |
0,7
|
| Quetiapin |
1
|
| Reserpin |
50
|
| Risperidon |
50
|
| Sertindol |
|
| Sufentanil |
|
| Sulpirid |
0,2
|
| Tetrabenazin |
|
| Thiethylperazin |
|
| Thioridazin |
1
|
| Tiaprid |
|
| Ziprasidon |
|
| Zotepin |
|
| Zuclopenthixol |
5
|
|
|
Prinzipiell ist bei allen Neuroleptika mit Entzugsproblemen zu
rechnen. Niederpotente Neuroleptika weisen tendenziell stärkere
vegetative Wirkungen auf, deshalb ist bei diesen Psychopharmaka
am ehesten mit Entzugserscheinungen zu rechnen.
Als neuroleptische Potenz bezeichnet man die Wirksamkeit von Neuroleptika
auf das extrapyramidale System. Dieses ist ein wichtiges Zentrum
des zentralen Nervensystems und wird von Nervensträngen gebildet,
die vom Großhirn über verschiedene Mittelhirnkerne zum Rückenmark
verlaufen. Sein Name stammt von der anatomisch unterschiedlichen
Lage der Nervenstränge zur Pyramidenbahn des Stammhirns, zu der
allerdings Nervenverbindungen bestehen. Das extrapyramidale System
dient der Steuerung der unwillkürlichen Körperhaltung, der unwillkürlichen
Mitbewegungen der Gliedmaßen bei Körperbewegungen und vor allem
der Muskelspannung.
Psychiater definieren die Potenz als diejenige »... Dosis,
mit der die neuroleptische Schwelle (Auftreten extrapyramidaler
Symptome) überschritten wird.« (Spoerri, 1975, S. 204) Fritz
Freyhan erklärte: »Der Begriff Neuroleptikum ist
gleichbedeutend mit der neuroleptischen Potenz einerseits und dem
Auftreten extrapyramidaler Erscheinungen andererseits.« (Freyhan,
1983, S. 70) Der genaue Zusammenhang zwischen neuroleptischer Potenz
und neuroleptischer Schwelle lässt sich vielerorts nachlesen:
»Als Bezugsgröße (= 1) für die neuroleptische Potenz gilt
die Wirkung von 150-400 mg Chlorpromazin (Effekt je nach individueller
Disposition), die zum Überschreiten der neuroleptischen Schwelle
benötigt wird (demnach Potenz von Promazin 0,3-0,5, Periciazin 5,
Haloperidol: 50), die also zu extrapyramidaler Hypokinese führt
(zunächst Störungen der Feinmotorik, z. B. der Handschrift, bei
Dosiserhöhung Parkinson-Syndrom).« (Thiele, 1991, S. 1722)
»Je stärker die neuroleptische Potenz, desto niedriger ist
die Dosis, mit der mit einem Neuroleptikum die neuroleptische Schwelle
überschritten werden kann. Neuroleptische Schwellendosis: Dosis,
bei der eine meist zunächst in der Feinmotorik (Handschrift) erkennbare
extrapyramidale Bewegungshemmung ausgelöst wird. Damit wird die
Mindestdosis zum Erreichen der neuroleptischen Wirkung ermittelt.«
(Haase, 1977, S. XVI)
Als niederpotent gelten Neuroleptika mit einer Potenz kleiner als
1, als mittelpotent Neuroleptika mit einer Potenz zwischen 1 und
10, und als hochpotent Neuroleptika mit einer Potenz höher als 10
(Möller et al., 2001). Da potenziell alle Neuroleptika Rezeptorenveränderungen
bewirken, ist beim Absetzen grundsätzlich mit dem Auftreten
entsprechender Symptome zu rechnen.
Wenn Entzugserscheinungen auch bei allen Arten von Neuroleptika
vorkommen können, zeigten sich in der Studie von Lacoursiere
und Kollegen dennoch die stärksten Entzugsprobleme beim Absetzen
von Neuroleptika mit sogenannter aliphatischer Seitenkette in der
Molekülstruktur. Hierzu zählen Alimemazin, Chlorpromazin,
Levomepromazin, Promazin, Promethazin und Triflupromazin (ebd.).
Die übrigen niederpotenten und die atypischen Neuroleptika
wie Clozapin, Olanzapin oder Risperidon sind dieser Risikogruppe
hinzuzufügen. Die Firma Janssen Pharmaceutica erwähnte
in ihrer Information über mögliche Störwirkungen
bei Risperdal gar ein »Entzugssyndrom« (1996), ohne es
allerdings näher zu beschreiben.
In ihrer Absetzstudie stieß die Gruppe um Lacoursiere auf
eine Dosisunabhängigkeit der Entzugserscheinungen (1976). Zum
selben Ergebnis war Brooks 1959 in seiner Studie gekommen: »Es
gab offenbar keine Korrelation zwischen Intensität der Reaktion
und der Dosishöhe...« (S. 932)
Werden Neuroleptika zusammen mit Antiparkinsonmitteln abgesetzt,
treten verstärkt Entzugserscheinungen auf, beispielsweise Ruhelosigkeit,
Schlaflosigkeit, Depressionen, psychische Labilität, Angst-
und Erregungszustände, schwere Agitation, Halluzinationen,
Delirium tremens, herabgesetzte Beweglichkeit der Gelenke, Muskelzittern,
Blicktrübung, Kollaps und maligne Hyperthermie (lebensbedrohlicher
Temperaturanstieg mit Bewusstseinstrübung, Verstummen und verschiedenen
Muskelstörungen). Die Symptome können in teilweise
tödlich endenden Erkrankungsformen gipfeln, die denen
des malignen neuroleptischen Syndroms entsprechen (Lehmann, 1999b,
S. 425-432).
Gründe zum Absetzen von Neuroleptika
Trotz all der unübersehbaren Entzugsprobleme weigern sich
die meisten Ärzte und Psychiater hartnäckig, das Abhängigkeitspotenzial
ihrer Neuroleptika einzugestehen. Teils wird es einfach bestritten.
Gerne vermischt man Abhängigkeit mit Sucht und pocht dann auf
die von den Betroffenen als unangenehm empfundene Wirkung, die
durchaus nachvollziehbar nicht zur Euphorie führe (Lehmann,
1996b, S. 428).
Die medizinische Einschätzung der fortgesetzten Verabreichung
von Neuroleptika ist uneinheitlich. Wegen der Gefahr bleibender
Schäden durch fortgesetzte Neuroleptikaverabreichung schlug
George Simpson von der Psychiatrischen Klinik in Orangeburg, New
York, 1977 vor, im Interesse der Gesundheit der Behandelten grundsätzlich
Absetzversuche zu unternehmen:
»Die beste Behandlung ist momentan das schrittweise
Absetzen der Neuroleptika und ihr Ersatz durch Tranquilizer, um
die Angst zu lindern. Das Potenzial der Neuroleptika, tardive Dyskinesien
zu verursachen, ist eine ernstzunehmende Komplikation bei einer
beträchtlichen Zahl von Patienten und sollte bei allen Patienten
einen Absetzversuch nahelegen.« (S. 6)
Ein Team um Patricia Gilbert von der psychiatrischen Abteilung
der University of California in San Diego publizierte 1995 eine
Metaanalyse, in welcher sie 66 Studien untersucht hatte, die man
zwischen 1958 und 1993 an nahezu 5600 Betroffenen durchführte.
Hier wurden die Probleme fortgesetzter Neuroleptikaverabreichung
für die Behandler auf den Punkt gebracht:
»Das Thema Fortgesetzte neuroleptische Behandlung
eines Patienten mit chronischer Schizophrenie bringt den Behandler
in eine Zwickmühle. Da die Neuroleptikabehandlung Schizophrenie
nicht heilt, braucht die große Mehrzahl dieser Patienten eine
Dauerbehandlung. Gleichzeitig beinhaltet der fortgesetzte Gebrauch
dieser Medikamente ein hohes Risiko unerwünschter Wirkungen
einschließlich tardiver Dyskinesie. Deshalb wird empfohlen,
die dauerhafte Verordnung antipsychotischer Medikamente über
einen langen Zeitraum nicht ohne angemessene Rechtfertigung vorzunehmen,
sowohl aus klinischen als auch aus medizinisch-juristischen Überlegungen.
Dies kann Versuche erfordern, die Neuroleptika abzusetzen. Das Absetzen
der Medikamente ist jedoch mit dem Risiko eines psychotischen Rückfalls
verbunden. Dass eine Anzahl von Patienten nach Beendigung der antipsychotischen
Therapie zumindest in einem kurzen Zeitraum keinen
Rückfall hat, macht alles noch komplizierter.« (Gilbert
et al., 1995, S. 173)
Sowohl psychotherapeutisch ausgerichtete Behandler als auch biologische
Psychiater gestehen intern ein, dass sie nicht wissen, ob Neuroleptika
im Einzelfall eher helfen als schaden. William Carpenter und Carol
Tamminga vom Maryland Psychiatric Research Center in Baltimore,
die in ihrer Einrichtung einen kontrollierten Entzug ermöglichten,
kamen zur Einschätzung:
»Obwohl man unerwünschte Vorkommnisse wie Suizid,
enttäuschte Patienten oder Angehörige, Verlust der Arbeit,
verschlechterten Verlauf und Hirnabnormalitäten allesamt während
des Medikamentenentzugs beobachten kann: In aller Regel findet sich
dies alles auch bei medikamentierten Patienten unter klinischer
Aufsicht.« (1995, S. 193)
Hanfried Helmchen von der Universitätsklinik Berlin, ein Psychiater,
der eher als harter Verfechter einer neuroleptischen Langzeitbehandlung
anzusehen ist, äußerte sich schon in den 80er Jahren
in einer internen Diskussion unter Kollegen auffallend skeptisch:
»Im Rückblick auf die 25 Jahre, seit denen uns
Neuroleptika zur Verfügung stehen, ist festzustellen, dass
Indikationsprädiktoren für eine neuroleptische Behandlung
bislang nicht gefunden wurden, aber dringend nötig wären.
Es gibt offensichtlich Patienten, die auch ohne Neuroleptika symptomfrei
werden, und solche, die symptomatisch bleiben, aber von einer neuroleptischen
Therapie keinen Nutzen ziehen, sondern eher zusätzlich behindert
werden.« (1983)
Angesichts völlig unterschiedlicher Ergebnisse bei neueren
Absetzstudien rätseln Psychiater inzwischen, ob es auch Prädiktoren
geben könnte, die die Chancen für ein erfolgreiches Absetzen
liefern; Lex Wunderink und Kollegen der Psychiatrischen Abteilung
des University Medical Center Groningen, Niederlande, kamen zum
Ergebnis, dass, wenn
»... das Rückfallrisiko durch vorsichtige und
enge Überwachung bewältigt werden kann, sich bei einigen
remittierten Patienten nach einer ersten Episode eine geleitete
Absetzstrategie als zulässige Alternative zur Dauerbehandlung
anbieten kann. Weitere Forschung ist nötig, um Prädiktoren
für ein erfolgreiches Absetzen zu finden.« (2007, S. 654)
Dass bei manchen Patienten aufgrund der mit der Zeit eingetretenen
Abhängigkeit Neuroleptika nicht mehr abgesetzt werden können,
offenbarten Rudolf Degkwitz und Otto Luxenburger schon 1965 und
zeigten somit die Notwendigkeit, sich möglichst früh mit
dem Gedanken ans Absetzen zu befassen:
»Werden die Neuroleptica plötzlich abgesetzt,
so entsteht ein relativer Überschuss an Monoaminen im Hirngewebe,
der die geschilderten Entziehungserscheinungen bewirkt. Nach einiger
Zeit können sich die Gewebe offenbar wieder regenerieren und
ein physiologisches Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Aus
dem Umstand, dass die Hyperkinesen zum Teil irreversibel zu sein
scheinen, folgt aber, dass bei einem Teil der Patienten ein irreparabler
Schaden eintritt. (...) Aus dem Gesagten geht hervor, dass die terminalen
extrapyramidalen Hyperkinesen (tardiven Dyskinesien) nur durch neuerliche
Gaben von Neurolepticis beeinflusst werden können. Dies entspricht
der bisherigen Erfahrung. Antiparkinsonmittel und alle anderen Beruhigungsmittel
werden praktisch vollständig wirkungslos. Nur wenn man erneut
das gleiche oder ein anderes Neurolepticum verabreicht, ist eine
Rückbildung der Entziehungserscheinungen und der Hyperkinesen
zu erzielen. (...)
Man weiß jetzt ferner, dass es bei einem Teil der chronisch
Behandelten wegen der unerträglichen Entziehungserscheinungen
schwierig, wenn nicht unmöglich wird, die Neuroleptica wieder
abzusetzen. Wie groß dieser Teil der chronisch behandelten
Fälle ist, ist ebenfalls nicht bekannt.« (S. 174f.)
Karl Leonhard von der Charité der Berliner Humboldt-Universität
wertete es geradezu als Kunstfehler, die verordneten Neuroleptika
nicht bald wieder abzusetzen:
»Ich sehe heute leider sehr viele zykloide Psychosen,
die durch eine Dauermedikation in einem toxisch-krankhaften Zustand
gehalten werden, während sie ohne diese Medikation völlig
gesund wären. Wenn man mit der Dauermedikation das Auftreten
weiterer Phasen verhüten könnte, wäre sie auch in
solchen Fällen gerechtfertigt, aber das ist ja leider nicht
der Fall. So hält man Patienten, die zwischendurch, oft für
lange Zeit, manchmal auch für immer gesund wären, in einem
toxischen Dauerzustand...« (1980, S. 3)
Nach seinen Langzeitstudien sah der bereits erwähnte Psychiater
Manfred Bleuler schon 1972 keine Hinweise auf einen besseren Verlauf
und Ausgang bei neuroleptisch Langzeitbehandelten, es sei eher das
Gegenteil der Fall:
»Kein einziger Patient, der geheilt oder gebessert
während Jahren oder dauernd außerhalb der Klinik lebte,
hat langfristig Medikamente eingenommen. Die Annahme, die Mehrzahl
der gebesserten Schizophrenen bleibe nur unter neuroleptischen Mitteln
auf lange Sicht gebessert, ist ein Irrtum. Vor allem ist es ein
Irrtum anzunehmen, dass sich anzeigende akute Rückfälle
nach Remissionen (Nachlassen von Krankheitssymptomen) in den meisten
Fällen durch neuroleptische Mittel verhindert werden könnten.
Es gibt Dauerremissionen in großer Zahl ohne Neuroleptika
und es gibt Rückfälle in großer Zahl unter Neuroleptika.«
(S. 366)
Eine Vielzahl weiterer Faktoren sollte Anlass sein, sich nicht
weiter von Medizinern und Psychiatern mit ihrem häufigen Drang
zur Langzeitverabreichung von Neuroleptika bevormunden zu lassen:
-
Die Aufenthaltsdauer in der Psychiatrie verringert sich nicht,
wenn man Neuroleptika einnimmt (Hartlage, 1965); man kommt sogar
eher schneller heraus, wenn man auf sie verzichtet (Epstein
et al., 1962).
-
Rückfälle unter Neuroleptikaeinnahme
ziehen einen längeren Psychiatrieaufenthalt nach sich als
Rückfälle, die in psychopharmakafreiem
Zustand auftreten (Gardos & Cole, 1976), und haben eine verstärkte
Positiv- und Negativ-Symptomatik (Grace, 1991; Gur
et al., 1998; Abi-Dargham et al., 2000; Heinz, 2000).
-
Patienten mit der Diagnose Schizophrenie erholen
sich eher in Entwicklungsländern als in Industrieländern
mit ihren entwickelten Systemen der überwachten Psychopharmaka-Langzeitverabreichung
(McGlashan, 1988; Jablensky et al., 1992; Leff et al., 1992;
Hopper & Wanderling, 2000).
-
Neuroleptika greifen Hirnstrukturen an (Thiele, 1969b, S. 1076),
verwandeln den seelisch Leidenden in einen hirnorganisch kranken
Menschen (Dörner & Plog, 1980, S. 377) und tragen nichts
zur langfristigen Rehabilitation bei (Niskanen & Achté, 1972).
Sie stellen lediglich eine unspezifische Reizbehandlung dar
(Selbach, 1961; Haase, 1963, S. 512; Philipp, 1979), haben keine
ursächliche Wirkung auf die Psyche (Spoerri, 1955, S. 203;
Bleuler, 1975, S. 164f.) und auf den Krankheitsprozess
(Haase, 1954, S. 491; Arnold et al., 1960, S. 240) und verhindern
in der Regel ein normales Funktionieren im Alltag
(Schooler et al., 1967). Sie vermögen Psychosen nicht zu
heilen, beeinflussen lediglich ihre Entäußerungen
(Thiele, 1969a, S. 449; Schönhofer & Schwabe, 1984, S.
223), führen sehr oft zum sozialen Abstieg (Müller
et al., 1986) und sind wesentlicher Bestandteil der Bedingungen
für die um bis zu drei Jahrzehnte herabgesetzte Lebenserwartung
psychiatrischer Patienten (Colton & Manderscheid, 2006; Manderscheid,
2006, 2009; Aderhold, 2008; Chang et al., 2011).
-
Neuroleptika verhindern die Gesundung (Stierlin
et al., 1985; Harding et al., 1987). Aufdeckende psychotherapeutische
Verfahren werden von vornherein in ihrer Wirkung behindert,
Selbstheilungskräfte unterdrückt, psychotische Prozesse
bei der Rückbildung gehindert. Zu dieser Erkenntnis kam
Klaus Ernst von der Universitätsklinik Zürich, der
zu Beginn der 1950er Jahre systematische Selbstversuche mit
dem Neuroleptikaprototyp Chlorpromazin (Largactil) durchführte.
Nach Tests an sich selbst und an seiner Ehefrau Cécile wies
Ernst auf den zweischneidigen Charakter der modernen neuroleptischen
Symptomdämpfung hin; seine ausführliche Schilderung
lässt ahnen, weshalb die Chancen für eine erfolgreiche
konfliktaufdeckende (»entwickelnde«) Psychotherapie
unter psychiatrischen Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika,
auch heute noch so kritisch zu beurteilen sind, hat sich doch
die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in den letzten Jahrzehnten
nicht verändert:
»Für uns liegt das Schwergewicht auf der Erzeugung
eines soweit wir bis heute wissen reversiblen hirnlokalen
Psychosyndroms. Diese Auffassung bringt auch die Frage nach dem
Verhältnis zur begleitenden Arbeitstherapie und zur Psychotherapie
mit sich. In Bezug auf die erstere können wir uns kurz fassen.
Die Largactilkur verträgt sich ausgezeichnet mit jeder routinemäßigen
Arbeitstherapie. Die Kranken stehen schon nach wenigen Tagen auf
und nehmen ohne erhebliche orthostatische (bei aufrechter Körperhaltung
auftretende) Beschwerden an der Arbeit teil. Freilich handelt es
sich um leichte Arbeit unter pflegerischer Aufsicht. Komplexer ist
das Problem des Zusammenwirkens mit der Psychotherapie. In der Erinnerung
an unsere Selbstversuche können wir uns zunächst eine
gleichzeitige Psychotherapie an uns selber kaum vorstellen. (...)
Außerdem müssen wir zwischen der führenden und der
entwickelnden Psychotherapie unterscheiden. Für die erstere
bildet die entspannende Wirkung des Medikamentes eine gute Voraussetzung.
Wir sind uns aber klar darüber, dass das Mittel die gesamte
und nicht nur die krankhafte Affektivität dämpft. Eine
solch umfassende Dämpfung könnte vielleicht auch diejenigen
Impulse erfassen, die Selbstheilungstendenzen entspringen. Einzelne
freilich unkontrollierbare Eindrücke bei akut Erkrankten ließen
uns sogar die Frage aufwerfen, ob nicht unter der medikamentösen
Apathisierung eine Stagnation der psychotischen Entwicklung auftreten
kann, die nicht bloß das Rezividieren (Wiederauftreten), sondern
auch das Remittieren (Rückbilden) betrifft.« (1954, S.
588)
-
Patienten, die Neuroleptika rasch wieder absetzen, haben auf
lange Sicht tendenziell bessere Aussichten, sich zu erholen
und zu funktionieren, als Patienten in Langzeitbehandlung
(Harrow & Jobe, 2007).
-
Wer seine Krisen ohne psychotrope Substanzen meistert, hat
mittel- und langfristig bessere Aussichten auf ein funktionierendes
Leben (Goldberg et al., 1965; Hogarty et al., 1974; May & Goldberg,
1978; Wehde, 1991, S. 44-50), wird anschließend weniger
häufig psychotisch als Psychopharmakabehandelte
und landet seltener erneut oder erst gar nicht auf einer psychiatrischen
Station (Bockoven & Solomon, 1975; Rappaport et al., 1978; Matthews
et al., 1979; Young & Meltzer, 1980; May et al., 1981; Heinrichs
& Carpenter, 1985; Lehtinen et al., 2000; Bola & Mosher, 2003).
Der Blick auf den schnellen Erfolg Ruhigstellung und
Management gilt manchem Psychotherapeuten als grundfalsch:
wichtig seien persönliche Entfaltung sowie Veränderung
von krank- und verrücktmachenden Familienverhältnissen
(Haley, 1989).
Psychotherapeutische Hilfen werden durch den Einsatz von Psychopharmaka
sabotiert, erläuterte der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc
Rufer. Stehen die Betroffenen unter deren Einfluss, lasse sich kein
Resultat mehr beurteilen und meist gehe es in Gesprächen nur noch
um störende Wirkungen der Psychopharmaka und nicht mehr um die eigentlichen
Probleme der Betroffenen:
»Gleichzeitig wird der KlientIn mit der Verschreibung
des Psychopharmakons sehr deutlich gezeigt, dass ihr eine Besserung
ihres Zustandes ohne chemische Hilfe nicht zugetraut wird, was einen
sinnvollen Verlauf der Psychotherapie verhindert.« (1996, S.
27)
Verlockung der Psychiatrie
Wie leicht Menschen in eine körperliche und psychische Abhängigkeit
von Psychopharmaka, in diesem Fall von Neuroleptika kommen, ist
selten klarer geschildert worden als von der unter dem Pseudonym
»Vera Stein« bekannten Psychiatriebetroffenen aus Deutschland.
Diese war als 15-jähriges Mädchen wegen Unangepasstheit und Wildheit
von ihren Eltern, die in ihren Erziehungsbemühungen überfordert
waren, in die Psychiatrie gebracht worden. Zuerst mit Zwang und
Gewalt unter Psychopharmaka gesetzt, entwickelte sie mit der Zeit
einen Drang zur Selbstbetäubung:
»Ich hatte lernen müssen, bei auftretenden Angstgefühlen
vom Angebot der Ärzte und Pfleger Gebrauch zu machen und selbst
Zusatzmedizin abzuholen. Es fiel anfangs nicht leicht, da ich mich
an früher erinnerte, wo ich das Zeug gar nicht brauchte, doch nun
gab es Sicherheit und Ausgeglichenheit.« (2005, S. 144)
Nach einem erfolglosen ersten Absetzversuch bei einer ehemaligen
Leidensgenossin verbrachte sie in deren Familie zwei Jahre in Stummheit
und kehrte dann in ihre eigene Familie zurück, um von dort einen
Arbeitsplatz in der Behindertenwerkstatt anzutreten. Sie hatte Glück,
denn zum einen entsetzten sich einige Betreuer über die Vielzahl
und Dosis der verordneten Psychopharmaka, und zum anderen überwies
sie der Arzt, den die Behinderten alle paar Wochen aufsuchen
mussten und der ebenfalls über die Medikation erschrak,
zu einer Logopädin zur Sprachbehandlung. Dies hatte zur Folge, dass
die Psychopharmaka reduziert wurden und Vera Stein aus dem pharmakologischen
Dämmerschlaf erwachte. Wieder führte das Wacherwerden und die zunehmende
Sensibilität zu stärkeren subjektiven Qualen über das Nichtsprechenkönnen,
doch mit Gekritzel auf Schiefertafeln und Pfeifen konnte sie sich
verständigen. Trotz des Wissens, wie die psychiatrische Behandlung
ihre Lebensqualität nahezu vollständig zerstört hatte, hielt sie
den Blick nach vorne gerichtet und schaffte mit Hilfe von außen
schließlich den völligen Ausstieg aus der Psychiatrie. Anschließend
reflektierte sie die Gefahr, in der sich diejenigen befinden, die
sich in medizinische Hände begeben und Verantwortung abgeben. Sie
drohen im psychiatrischen Sumpf unterzugehen und landen in Heimen,
Übergangseinrichtungen, im Betreuten Wohnen
oder anderen gemeindenahen Verwahreinrichtungen:
»Man verfällt leicht in die Ausrede zu sagen, ich
bringe dies oder jenes nicht fertig, ohne es überhaupt versucht
zu haben. Werden Handgriffe unter Druck verlangt, kann es passieren,
dass man mitleiderregende Krankheitsfloskeln nur vorschiebt. Arbeit
soll einem abgenommen werden. Man will sich am Ende jeglicher Anstrengung,
aller Mühe und allem Neuen entziehen. (...)
Dann will man freiwillig in die Psychiatrie
zurück, dorthin wo man sich heimisch fühlt, wo man hinter verschlossenen
Türen den Tag verdöst und sich mit Hilfe von Medikamenten in ganz
eigene Welten zurückziehen kann. Man wird entwöhnt und verlernt,
selber zu leben, man lässt sich fallen und treiben, vegetiert dahin.
Das einzige, was einem noch selbst gehört, sind Gedanken, obwohl
diese wegen der Müdigkeit und des Gedämpftseins selten in Gang kommen.
Man braucht als Kranker, als Kranke keine Verantwortung zu tragen,
wie vorher für die Familie oder im Beruf, jetzt tut man es nicht
einmal mehr für sich selbst. Man gilt als unzurechnungsfähig und
als anstaltsbedürftig. Es wird einem kein selbstständiges Handeln
und Denken mehr abverlangt. Man ist abgeschirmt von allen Problemen,
vom Existenzkampf und von der Härte des Alltags. Man kann sich einfach
ins Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen, um sich
aus der Realität zu entfernen.
Zudem wird der Körper mit Psychopharmaka betäubt, deren
Wirkung und Dämpfung die Flucht aus der Wirklichkeit und dadurch
das Weggetretensein noch erleichtern. Krankheitssymptome helfen
und geben Schutz. Mit der Zeit aber fühlt mach sich hin- und hergerissen,
will einerseits gesund sein und will endlich aus dem Dilemma heraus,
andererseits macht die Normalität gerade Angst.
Wer selbst wirklich will, auch die nötigen Unterstützungen und
positiven Bedingungen der Umwelt entgegengebracht bekommt, wer
außerdem das gesundheitliche Stadium dazu erreicht, der
kann den Schritt schaffen, ein Leben aufzubauen, ohne wieder in
einer Psychiatrie zu landen.« (ebd., S. 187-189)
Am Beispiel von Neuroleptika legte Lars Martensson den Schwerpunkt
seiner Kritik auf die Orientierung an kurzfristigen Erfolgen,
deren Befürworterinnen und Befürworter sich keine Gedanken über
die mittel- und langfristigen Folgen ihres Handelns machen:
»Wenn die Psychose ohne Medikamente besiegt wird, wird der Glaube des
Patienten an sich selbst und die Mitmenschen angewachsen sein.
Diese Dinge Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Glaube an
Mitmenschen sind genau das, was er braucht, um mit der Zeit
seine Schizophrenie endgültig zu überwinden. Wenn Medikamente
benutzt werden, wird er die entgegengesetzte Lehre ziehen und
sich auf dem Weg steigender Medikamentenabhängigkeit befinden.«
(1988, S. 5)
Anmerkung
Die Übersetzung der englischsprachigen Zitate und die Erläuterungen
in kursiven Klammern stammen vom Autor.
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