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in: Trauma Zeitschrift der PsychologiestudentInnen
der Universität Zürich, 1989, Nr. 10, S. 22-25
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Über die Kontraindikation von Neuroleptika
Eine an den Interessen von Betroffenen orientierte Kritik
"antipsychotischer" Psychopharmaka
Neuroleptika schaden den Betroffenen grundsätzlich, ob kurz-
oder langfristig angewandt. Nicht nur die körperlichen, geistigen
und psychischen Schäden fallen negativ ins Gewicht, sondern auch
die fehlenden psycho- und anderen therapeutischen Möglichkeiten.
Berichte verantwortungsvoller Mediziner und Psychiater, die sich
an Werten wie Gesundheit, Selbstbestimmung und Kreativität orientieren,
decken sich mit der Kritik von Betroffenen.
1. Nutzen von Neuroleptika
Einen Nutzen bringen Neuroleptika den Aktionären der Herstellerfirmen;
reichhaltiger psychiatrischer Gebrauch von Psychopharmaka erhöht
die jährliche Dividende. Einen vordergründigen materiellen Nutzen
bringen sie den Beschäftigten in den Psychiatrischen Anstalten
und den Chemieunternehmen, indem sie Arbeitsplätze schaffen und
erhalten. Einen Nutzen bringen sie makro- und mikropolitischen
Machthabern, die störende und unbequeme Menschen als 'psychisch
Kranke und Behinderte' abstempeln und ob in Diktaturen,
patriarchalischen oder sonstwie autoritären Strukturen
chemisch, psychiatrisch-psychopharmakologisch ruhigstellen und
Widerstandsäußerungen so unbewußt und verzerrt sie sein
mögen als 'wahnhaft' und 'krank' entwerten wollen. Nicht
von ungefähr den Begriff der "Vergewaltigung" verwendet
der Psychiater Ernst, um nach einer Versuchsreihe mit dem Neuroleptika-Prototyp
Chlorpromazin die Wirkung beim zwangsweisen Einsatz des Psychopharmakons
zu charakterisieren (Ernst 1954).
Neuroleptika werden gebraucht zu neuroleptanalgetischen Zwecken
im humanmedizinischen Bereich: zur Stoffwechsel- und Schmerz-Reduzierung
während chirurgischer Eingriffe. Einen Nutzen bringen Neuroleptika
schließlich im Bereich der Tiermedizin, wo sie aufgrund ihrer
anti-psychotischen Wirkung angewendet werden zur Ruhigstellung
aggressiver Schweine und Ziegen oder widersetzlicher und unleidlicher
Zootiere etwa beim Beschlagen, Scheren oder bei Ausstellungen,
oder zur Ausschaltung natürlicher Abwehrbewegungen bei diagnostischen
und therapeutischen Eingriffen an Pferden, Rindern und Hunden
so das "Lexikon der Tierarzneimittel" (Petrausch
1987).
2. Schäden von Neuroleptika
Wie der schwedische Mediziner Martensson 1984 auf der Konferenz
der World Federation for Mental Health (WFMH) überzeugend ausführte,
ist die Diskussion um einen kurz- oder langfristigen von Neuroleptika
trügerisch:
"Die Erfahrung zeigt, daß, wenn ein neuroleptisches
Medikament einem jungen Menschen in einer schizophrenen Krise
zum ersten Male gegeben wird, er fast immer fortfahren wird, das
Medikament für lange Zeiträume oder das ganze Leben zu erhalten."
(Martensson 1984)
Der zeitweise Gebrauch von Neuroleptika sei eine Falle: Er beraubt
den Menschen der Hoffnung und des Selbstvertrauens, eine Krise
auch ohne Drogen zu bewältigen, und bringt ihn auf den Weg steigender
Medikamentenabhängigkeit.
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Über die gesetzmäßig auftretenden Schäden der Neuroleptika
liegt mit dem Buch "Der chemische Knebel" (Lehmann
1986) eine umfangreiche Zusammenstellung von Berichten über
körperliche, geistige und psychische Neuroleptika-Auswirkungen
vor; das tatsächliche Vorliegen eines ernstzunehmenden Krebsrisikos
ist hier ebenso nachgewiesen wie die unter Neuroleptika
signifikant erhöhte Zahl von Chromosomenbrüchen und -rissen
als Ursachen von Mißbildungen. Daß sich unter Neuroleptika
dieselben Mißbildungen entwickeln wie unter Thalidomid (Contergan),
belegt eine Abbildung in 'Obstetrics and Gynecology': Eine
20jährige Frau war wegen Schwangerschaftserbrechen mit Chlorpromazin
behandelt worden; bei dem im 7. Schwangerschaftsmonat totgeborenen
Fötus (siehe Abbildung) wurde eine Ektromelie festgestellt,
es war nur ein Bein entwickelt (O'Leary / O'Leary 1964).
Jede psychiatrische Fachzeitschrift ist eine Sammlung von
Dokumenten über Neuroleptika-verursachte Schäden, handelt
es sich um 'harmlosen' Haarwuchs auf der Zunge (Paganini
/ Zlotlow 1959) oder um Erweiterung des 3. Ventrikels (Tanaka
u.a. 1981). Selbst die offiziellen Herstellerinformationen,
die zwecks Vermeidung von Regreßansprüchen von nordamerikanischen
Pharmafirmen an die Anwender gegeben werden, sprechen von
weitreichenden, dosisunabhängigen Schäden auch nach kurzer
Anwendungszeit (EEG- und EKG-Veränderungen, Einschränkung
epileptische Anfälle, Geschwulstbildung, Parkinson-Erkrankung,
dystonische und dyskinetische Krankheitssymptome, Leberschädigung,
Impotenz, Ausbleiben der Menstruation, Agranulozytose, Haarausfall,
Depression, Lethargie, Neuroleptisches Malignes Syndrom,
Sudden Death) (McNeil Pharmaceutical 1988).
Über Langzeitschäden als Folge der Neuroleptika wird zunehmend
berichtet (Breggin 1984, Martensson 1984, Lehmann 1986,
McNeil Pharmaceutical 1988). Hervorzuheben ist dabei die
tardive Dyskinesie, die als irreversible Muskelerkrankung
nach Schätzungen des englischen Psychologen Hill weltweit
in einer Größenzahl von ca. 3O Millionen vorkommt (Hill,
1985, Lehmann / Hill 1988). Besonders beängstigend sind
hierbei die Untersuchungsergebnisse einer Forschergruppe
aus den U.S.A., nach denen Patienten und Patientinnen, die
unter Neuroleptika-bedingter tardiver Dyskinesie litten,
signifikant früher als Kontrollpatienten und -patientinnen
starben (Mehta / Mallya / Volavka 1978). Ob die bleibenden
Schäden auf Rezeptorenveränderungen (Mackay u.a. 1982),
auf erhöhte Phenantrolin-Kupfer-Konzentration (Pall u.a.
1987b), wie sie auch bei nicht durch Neuroleptika verursachter
Parkinson-Krankheit auftritt (Pall u.a. 1987a), auf eine
mit der Zeit sich potenzierende und somit in der Schädlichkeit
sich steigernde Wirkung (Kolata 1988) oder auf noch unbekannte
oder verschwiegene Ursachen zurückzuführen ist, dürfte hier
für die Betroffenen von sekundärer Bedeutung sein. An alarmierenden
Obduktionsbefunden sind vor allem atrophische Zustände des
Gehirns, Schädigungen der Bauchspeicheldrüse, des Herzmuskels,
der Leber und Pigmentablagerungen in allen Organen zu nennen
(Lehmann 1986).
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Einer lebhaften Diskussion um die Indikation der verschiedenen
Neuroleptika steht ein auffälliges Verschweigen der Abhängigkeits-
und Entzugserscheinungen gegenüber. Betroffene und ihre Angehörige
werden mit ihren Ängsten beim Absetzen alleine gelassen (Stöckle
1983); Berichte über verbessertes Abschneiden unter Plazebos (Quote
der erneuten Psychiatrisierung: 18 %) versus Neuroleptika (Quote
der erneuten Psychiatrisierung: 73 %) (Perry 1977) werden von
Psychiatern ignoriert. Psychische Langzeitschäden wie das bezeichnende
"Syndrom der gebrochenen Feder" (Helmchen / Hippius
1964) finden weder in der psychiatrischen noch in der öffentlichen
Diskussion wesentliche Beachtung, ebenso Folgeschäden wie Zahnausfall
als Konsequenz Apathie-bedingter mangelnder Zahnhygiene und Austrocknung
der Mundschleimhäute (Rydgren 1976) oder Oberschenkelhalsbrüche
als Konsequenz Kreislaufschwäche-bedingter Stürze (Ray u.a. 1987).
Katastrophal sind die unmittelbaren psychischen Auswirkungen
der Neuroleptika, seien diese Veränderungen nun vorübergehend
oder bleibend. Apathie und emotionale Vereisung, von Klein und
Mitarbeitern treffend als Neuroleptika-bedingtes "Zombie-Syndrom"
charakterisiert (Klein / Feldman / Honigfeld 1970, Klein / Rosen
/ Oaks 1973), drücken das subjektive Erleben des Zeitstillstandes
aus; physiologisch dürfte diesem Erleben die funktionelle Blockade
der Dopamin-Rezeptoren und der herabgesetzte Sauerstoffwechsel
im Gehirn zugrunde liegen. Den Berichten von Betroffenen (Stöckle
1983, Cierpka 1988) über diese depressiv machenden Neuroleptika-Wirkungen,
die nicht selten im Selbstmord enden (Lehmann 1986), entsprechen
die Erfahrungen, die von Psychiatern bei ihren vielfältigen Selbstversuchen
mit Neuroleptika gemacht wurden. Während Ernst an einen hölzernen,
niedergedrückten Greis denken läßt, der stimmungsmäßig mit seinem
Leben bereits abgeschlossen hat (Ernst 1954), stellen Heimann
und Witt ebenfalls nach Selbstversuchen das quälende Erlebnis
in den Vordergrund,
"daß man überhaupt so elend und preisgegeben sein
kann, so leer und überflüssig, weder von Wünschen noch anderem
erfüllt ... Das Erlebnis eines ganz passiven Existierens bei klarer
Kenntnis der sonstigen Möglichkeiten" (Heimann / Witt 1955)
ist auch bei Betroffenen oft genug die Erfahrung, die sie
Folge der Neuroleptika-Behandlung in den Tod treibt.
3. Diskussion über Schäden und Nutzen von Neuroleptika
Stimmen gegen den Einsatz von Neuroleptika im neuroanalgetischen
Bereich wurden bisher noch nicht laut, handelt es sich zudem um
kleinste Dosen, die zeitlich eng begrenzt, unter strenger ärztlicher
Aufsicht und unter Vorhandensein von notfallmedizinischen Einrichtungen
verabreicht werden. Inwieweit Tierschutzverbände den Einsatz von
Neuroleptika zu Beruhigungszwecken artwidrig gehaltener Tiere
kritisieren, wird zu prüfen sein. Daß politische Zwecke (etwa
bei Foltermaßnahmen), Profitgründe oder aber der Erhalt von Arbeitsplätzen
in der Chemieindustrie kaum ausreichende Beweggründe für den Einsatz
von Neuroleptika gar im psychiatrischen Bereich
liefern können, sollte unter demokratisch gesonnenen Menschen
unstreitig sein.
Daß die Bewertung der psychiatrischen Neuroleptika-Behandlung
nicht von der Tatsache abhängt, ob der bzw. die Wertende Anwender
oder Objekt der Behandlung ist, zeigen die Veröffentlichungen
kritischer Professioneller (Szasz 1980, Breggin 1984, Martensson
1984, Hill 1985, Mazenauer 1985, Szasz 1987), deren Standpunkt
an der Wahrung der Menschenrechte und an den existentiellen Interessen
der Betroffenen orientiert ist; neben dem Erhalt der körperlichen
und geistigen Fähigkeiten stehen hier eine unabhängige Lebensführung,
Kreativität und Erlernen einer Verarbeitung emotionaler Konflikte
im Vordergrund. Martensson schließt aufgrund der Einwirkung der
Neuroleptika auf das limbische System eine Psychotherapie unter
Neuroleptika aus (Martensson 1984). Ähnliche Erfahrungen machten
Anwender körperorientierter Therapien (Matussek 1979). Dies ist
bei vernünftiger Betrachtung wenig verwunderlich, gelten andere
psychotrope Substanzen wie z.B. Marihuana, Alkohol oder Heroin
bei Psychotherapien ebenfalls als kontraindiziert. Wenn selbst
schon unter Laien bekannt ist, daß soziale und psychische Probleme
mit Drogen wie Heroin, Kokain, Alkohol oder Barbituraten nicht
zu lösen sind, so erhebt sich an dieser Stelle die Frage, welchen
vernünftigen Grund es geben sollte, angesichts der beschriebenen
Wirkungen ausgerechnet Neuroleptika einen problemlösenden Effekt
zuzuschreiben. In keinem Gegensatz zu diesen Aussagen steht die
Tatsache, daß wie mithilfe anderer Drogen auch kurz-
und mittelfristige Anpassungsleistungen unter Neuroleptika durchaus
anzutreffen sind, worüber die psychiatrische Literatur in großem
Umfang berichtet allerdings, wie wir gesehen haben, werden
diese Anpassungsleistungen erzielt unter Preisgabe der körperlichen
Gesundheit, verbunden mit der (mit dem Begriff des "chemischen
Knebels" beschriebenen) Unterdrückung existentieller Gefühle,
Ängste und Wünsche, der unterbundenen psychischen Entwicklung,
der erhöhten Repsychiatrisierungsgefahr ("Drehtürpsychiatrie")
und der verhinderten sozialen Auseinandersetzung. Erfolgt nicht
bald ein Umdenken in der Neuroleptika-Frage, besteht die Gefahr,
daß in einem Jahrzehnt kritische Veröffentlichungen über die Gleichgültigkeit
erscheinen werden, mit der Neuroleptika-Anwender der offensichtlichen
Schädlichkeit ihres eigenen Tuns gegenüberstehen Veröffentlichungen,
wie sie bereits über Lobotomie (Valenstein 1986) und Elektroschock
(Breggin 1980) vorliegen, den unmittelbaren Vorgängern der Neuroleptika.
Neben den massiven körperlichen, geistigen und psychischen Schäden
dürfte die Unterschlagung echter Hilfeleistung durch den
Hilfe vorgebenden Einsatz von psychiatrischen Psychopharmaka
den größten Schaden für die Betroffenen darstellen. Angesichts
der massiven Schäden, die Neuroleptika verursachen, liegt die
Forderung nach Verbot dieser neurotoxischen Stoffe nahe. Dadurch
würde der Blick auf tatsächlich notwendige Hilfseinrichtungen
frei, der bisher noch durch die gefährliche Illusion verstellt
ist, psychische und soziale Probleme mit chemischen Psychodrogen
lösen zu können. Aktive Psychiatrie-Betroffene fordern schon lange
eine schrittweise Umwidmung der Finanzmittel, um im Interesse
aller Betroffenen selbstverwalteten Wohnraum, selbstverwaltete
Arbeitskooperativen, repressionsfreie Therapieeinrichtungen und
Kommunikationszentren zu schaffen (Lehmann 1986, Anhang B). Erinnert
werden soll zuletzt an die Tatsache, daß die psychiatrisch Tätigen
durch die Arbeit mit Neuroleptika auch keine Befriedigung erlangen;
wie anders ist sonst ihr Unglück zu erklären, das sich in der
höchsten Selbstmordrate unter allen Berufsgruppen (Blachly / Disher
/ Roduner 1968) niederschlägt?
Literatur:
Copyright by Peter Lehmann 1989
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