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Kerstin Kempker
Teure Verständnislosigkeit – Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie

Einleitung

Sprache und Macht, der erste Teil des Textes, beschäftigt sich mit der Entgegnung der Psychiatrie (bzw. der Gesellschaft als deren Auftraggeber) auf Verrücktheit, d.h. auf die Sprache von Menschen, die sich von dem ihnen zugewiesenen Platz weg verrückt haben oder verrückt worden sind. Ich will beschreiben, wie und zu welchem Zweck man in unserer Gesellschaft Verrücktheit in den Griff bekommen will. Welche Funktion erfüllt die Institution Psychiatrie, egal ob unter dem fortschrittlichen Mäntelchen oder unverhohlen traditionell? Welcher Sprache bedient sie sich? Mit welchen Mitteln tritt sie verrücktem Sein gegenüber?

Wenn, wie der englische »Anti-Psychiater« David Cooper in der Vorwarnung zu seinem Buch »Die Sprache der Verrücktheit. Erkundungen ins Hinterland der Revolution« (1978) schreibt, die Verrücktheit ein gemeinsamer sozialer Besitz ist, der uns gestohlen wurde und den wir uns politisch wiederaneignen müssen (Cooper, 2, S. 9), dann wird deutlich, dass das Thema nicht die Behandlung, Wiederherstellung, Erziehung, Bestrafung, Ausschaltung oder Unterdrückung der armen anderen (ebd., S. 7) sein kann, denn sonst gehörten wir ja zu jenen hochgelobten »professionellen Befreiern anderer Menschen«: gewissen Psychiatern, Priestern, Sozialarbeitern, Lehrern usw. (ebd.). Vielmehr interessiert mich die Frage der Funktion psychiatrischer Ausgrenzung. Welche Ängste schürt verrücktes, unbegreifliches und unberechenbares Verhalten, dass mit einem solch massiven Aufgebot, wie es die »totale Institution« Psychiatrie im Pakt mit der Jurisprudenz ist, darauf reagiert werden muss? Was befugt Psychiater, hinter Diagnosenschlüsseln verschanzt und bewaffnet mit Psychopharmaka, das Monopol auf die Zuständigkeit für Krisen und andere störende Lebensweisen zu beanspruchen? Die Antwort der Gesellschaft auf stark normverletzendes Verhalten lautet: Psychiatrie. Und diese reagiert auf die steigende »Nachfrage« mit einem immer umfangreicheren »Angebot« ihres pseudomedizinischen und stigmatisierenden Instrumentariums. Es geht um das Gegenüber von zwei extrem Ungleichartigen und Ungleichgewichtigen: Der Psychiatrie, einer großen, fest verankerten und gut vernetzten, gesellschaftlich nachgefragten und mit fast allen denkbaren Rechten versehenen Institution mit der Aura der Wissenschaftlichkeit, steht die Verrücktheit gegenüber, ein besonderer (oder »absonderlicher«), weder von der Gemeinschaft noch von der in ihr geltenden Realität legitimierter Geistes- oder Gemütszustand eines einzelnen, vereinzelten und sich vereinzelnden, Menschen.

Eine Entgegnung ist eine Form der Antwort, die das Wort des Gegenübers zu entkräften sucht. Sei ihre Absicht auch »die beste«, besserwissend oder rechtfertigend, immer hält sie den anderen auf Distanz. Begegnung hieße statt dessen, mit dem Gegenüber einen gemeinsamen Anhalts- oder Angriffspunkt zu finden. Nicht im Sinne eines Kompromisses oder des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern in dem Bemühen, den anderen aus der so entstandenen (relativen) Nähe genauer wahrzunehmen, auch wahrgenommen zu werden; ein Für-wahr-Nehmen. Warum wird diese Begegnung so vehement vermieden?

Thema des zweiten Teils, Sprache im Niemandsland, ist die Annäherung an Wirklichkeit über die Sprache, Sprache im weitesten Sinne, aber auch Schaffung von Wirklichkeit durch Sprache, ihre Begrenzung und Legitimation, Sprache als Grenze und als Medium. Genauer ist Thema die verrückte Sprache: die fremde, normübertretende, vereinzelte, auf den ersten Blick nicht zu verstehende. Der ausgrenzenden Macht der psychiatrischen Sprache steht die grenzüberschreitende Kraft der »psychotischen« Sprache und Symbolik gegenüber. Zwei Fragen drängen sich auf: Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden? Besonders die zweite, weniger häufig gestellt, interessiert mich. Die von der Mehrheit längst entschiedene Frage Wer ist im Recht? lasse ich dabei links, nein rechts, liegen. Wie sieht die nicht normierte, nicht demokratisch abgesegnete, aber dennoch erfahrene, andere individuelle Wirklichkeit aus? Wie wird sie wahrgenommen, in welcher Sprache ist sie mitteilbar? Wo liegt der Unterschied zwischen denen, die sie sich zunutze machen können, künstlerisch-avantgardistisch oder witzig-eigenbrötlerisch, die ihre Geister aufs Papier bannen und sich ihrer indirekt entäußern, und denen, die keine gleichzeitig adäquate und anerkannte Form der Äußerung finden oder suchen?

Wie aus dem bisher Gesagten abzulesen, schlage ich mich hier gezielt auf die Seite der Verrücktheit, des Wahnsinns, der Grenzüberschreitung (von dieser Seite aus) oder Grenzübertretung (von der anderen Seite aus). Es gibt die Verrücktheit als genau begrenz- und beschreibbares Etwas nicht; sie dient als Sammelbegriff oder catch-all-phrase (Foudraine) für eine Vielfalt von extrem verschiedenartigen Ausdrucksformen des Lebens, die nur die (starke) Normabweichung eint. Deshalb werde ich die Sprache der Verrücktheit zwar einseitig, aber auf dieser einen Seite aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten.

In welcher Sprache kann die verrückte, ausufernde Sprache besprochen werden? Die Metasprache (lt. Duden die wissenschaftliche, terminologische Beschreibung der natürlichen Sprache) scheint voreingenommen – was ist schon natürlich? – , der Blick von oben gewährt »nur« die Auf-Sicht. Angemessener, gleichwertiger ist der Blick von der Seite, vielen Seiten. Er lässt dem Objekt seine Größe, verzerrt weniger. Dieser Blick findet sich am ehesten in der analogischen, bildhaft-vergleichenden Sprache, in der Sprache der Dichtung, allgemeiner der Kunst. Literatur und Dichtung sind meines Erachtens näher an der menschlichen Realität als etwa die psychologische Forschung. Diese orientiert sich viel zu stark am Mythos der »Realität«, am Mythos der daraus resultierenden Machtstrukturen (Gruen, S. 12). Wenn Normalität und Verrücktheit sich zueinander verhalten wie Duden und Dichtung, wenn außerdem die Wortwelt in Relation zur Erfahrungswelt... wie »eine Landkarte zu dem Gebiet steht, das sie repräsentieren soll« (zit.n. Foudraine, S. 326), dann wird die Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Sprache, aber auch die von Sprache überhaupt deutlich. Ich bin sehr bald auf die schwierigkeit, mit eben dieser sprache sprache überführen zu wollen (Kollmann / Mattheus, S. 9), gestoßen. Dabei entwickelte ich immer größere Vorbehalte gegen die Sprache über die Unvernunft und wandte mich mehr der Sprache aus bzw. in der Ferne der Vernunft zu. Das sind die (wenigen) Stellen, wo Psychiater die »Schizophrenen« selber zu Wort kommen lassen. Mehr noch sind es aber die Texte von SchriftstellerInnen, die – wie Antonin Artaud, Unica Zürn, Robert Walser – rücksichtslos gegen sich selbst als Grenzgänger zwischen der Welt der Normalität und der des Wahnsinns gelebt haben. Daneben wurden mir andere AutorInnen – wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan – wichtig, weil sie in ihrem Werk auf der Grenzlinie zwischen dem eben noch Sagbaren und dem nicht mehr Mitteilbaren das gefährdete Gleichgewicht immer wieder ausbalancierend zum Thema machen.

Die Scherbe ist das stärkere Bild des verlorenen Gefäßes als die vollständige Kopie, das Fragment redet vom Ganzen mit der Stimme der Wahrheit, auch wenn sie schmerzhaft ist (Muschg, S. 140). Der Text versucht die »(De)Komposition« mehrerer Stimmen zu einem Thema. Dissonante Klänge, im Thema vorgegeben, variieren dieses, manchmal fast unerhört. Es sollen, ohne viel hintergründig-historisch-erklärenden »Kitt«, die Stimmen zum Thema beim Wort, also ernstgenommen werden. Am Ende jedes Satzes heben sie sich, denn vieles bleibt offen. Mit dieser Arbeitsanweisung an mich will ich aus einer Flut von Quellen unterschiedlichster Herkunft möglichst viele originale und originelle Stimmen sprechen, einander wider- und entsprechen, sie manchmal auch nicht aussprechen lassen. Meine Stimme, die dabei auch immer wieder auf- und untertaucht, will weniger etwas über die anderen aussagen als durch sie und ihre Anordnung, Zuordnung im Text.

Als »Leitmotiv« lasse ich dabei Ingeborg Bachmanns unvollendeten Roman Der Fall Franza aus dem Zyklus Todesarten durch den Text ziehen:Eine junge Frau flieht aus ihrer Ehe mit einem prominenten Wiener Psychiater. Ihr jüngerer Bruder findet sie in dem verlassenen elterlichen Haus in Kärnten und nimmt sie mit auf eine Reise nach Ägypten und in den Sudan. Dort, in der Wüste, erfahren wir Stück für Stück die Wahrheit über eine mörderische Ehe und über Verbrechen, die so sublim sind, »dass wir sie kaum wahrnehmen und begreifen können, obwohl sie täglich in unserer Umgebung, in unserer Nachbarschaft begangen werden«. Als die wirklichen Schauplätze des Dramas erweisen sich die »inwendigen«: »Einmal in dem Denken, das zum Verbrechen führt, und einmal in dem, das zum Sterben führt« (in: Bachmann, 1, S. 1). Franza verliert in dem Maße, wie sie von ihrem Mann mit der scheinbar analytischen Rede überzogen wird (Schuller, S. 151), ihre eigene Sprache. Er hetzte mich hinein in einen Fall (Bachmann, 1, S. 73), sagt Franza zu ihrem Bruder. In der Wüste, in der großen Gummizelle aus Himmel, Licht und Sand (Bachmann, 1, S. 84), von der anderen Seite ihrer Wirklichkeit her, in der einzigen Landschaft, für die Augen gemacht sind (ebd., S. 93), sieht sie der Wahrheit ihres (ungelebten) Lebens ins Auge. Die Wüste, das Niemandsland, ist als freier, noch unbesetzter Ort der Ort der Erkenntnis, aber auch als Symbol der inneren Verwüstung unverlassbar (ebd., S. 83). Diese Reise, nicht durch die Wüste, sondern durch eine Krankheit (ebd., S. 100), ist auch eine weibliche Reise in die Erkenntnis, selbst niemand (gewesen) zu sein, keinen eigenen Namen zu haben und es dahin auch nicht mehr bringen zu können. Die metaphorische, aber sehr wirksame Ermordung unserer Mörder (Cooper, 2, S. 10), wie sie Cooper als eine der wirksamsten Waffen der Gegengewalt durch unsere persönlich-kollektive Poesie, unser Werk (poësis) (ebd.) empfiehlt, ist Franza nur noch – wenig wirksam – in einem Akt der Selbstzerstörung möglich:Ihr Denken riss ab, und dann schlug sie, schlug mit ganzer Kraft, gegen die Wand in Wien und die Steinquader in Gizeh und sagte laut, und da war ihre andere Stimme: Nein. Nein. (Bachmann, 1, S. 135) Auf die Parallelen: Sprache der Macht – männliche Sprache, Sprache im Niemandsland – weibliche Sprache möchte ich hier nur hinweisen. Sie schlagen sich indirekt nieder in der Verteilung der AutorInnen zum Thema: Während die wissenschaftlichen und philosophischen Äußerungen fast alle von Männern stammen, sprechen die Frauen eher in der Dichtung.

»Stimmenhören«: Dieser Starrsinn des Denkens... VOR DEM DENKEN (Artaud, 2, S. 79): Ich glaube nicht, dass man Psychoanalytiker sein kann, ohne dass man die Bandwürmer kennt (zit.n. Foudraine, S. 346). Man muss sich fragen, ob der Psychiater, der menschlichen und existentiellen Problemen mit seiner medizinischen Sprache begegnet, nicht die Sicht auf die Probleme verliert..., ob die medizinische Sprache und Kultur ihm nicht Denkformen, Weisen der Begriffsbildung aufdrängen und ihn die Wirklichkeit, der er begegnet, dermaßen verzeichnen lassen, dass er nicht zu den richtigen Fragestellungen und ebensowenig zu einer richtigen Definition der Probleme vordringt (Foudraine, S. 325). Man muss begreifen, dass der Verstand nur eine gewaltige Eventualität ist (Artaud, 2, S. 82). Wenn wir neue Erkenntnis gewinnen wollen, dann müssen wir uns eine Welt neuer Fragen stellen (zit.n. Foudraine, S. 304).

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