Dorothea Sophie Buck-Zerchin
70 Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – erlebt und miterlebt

CoverKartoniert, 48 Seiten, 16 x 24,2 cm. Neumünster: Paranus Verlag 2006. € 3.– / sFr 3.75 / sofort lieferbar In den Warenkorb
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Weitere Aufsätze in der Broschüre: »Verstehen statt Bekämpfen – zum religiösen Erleben in der Psychose« (2003); »60 Jahre nach der 'Euthanasie'« (2005); »Im Panoptikum der verdrängten Vergangenheit« (1969)

Einleitung

Zwei Veranstaltungen gaben den Anstoß zu ihr: Vom September 2006 bis Mai 2007 zeigt das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden unter der Schirmherrschaft unseres Bundespräsidenten Horst Köhler die Ausstellung "Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus". Das United States Holocaust Memorial Museum hatte sie ab April 2004 in Washington eröffnet. Auch bei mir hatten sie 2002 einen Film dazu gedreht; denn wir 350. bis 400.000 Zwangssterilisierte fallen in dieser Ausstellung unter den "Rassenwahn". Der Deutsche Bundestag verweigert dagegen seit Jahrzehnten die Feststellung, dass das NS-Erbgesundheitsgesetz vom 14. Juli 1933 rechtlich nicht mehr existiert und mit dem Grundgesetz unvereinbar ist. Seine Begründung: Schon vor 1933 lag ein solcher Gesetzentwurf in der Schublade. Sind wir Zwangssterilisierte gar keine "Vergessenen NS-Opfer", sondern Opfer der Psychiater, sind wir als z.B. in Bethel Zwangssterilisierte Opfer von Pastor Fritz v. Bodelschwingh und seiner Ärzte? Denn sie hatten schon 1931 ein Sterilisationsgesetz gefordert, wie auch acht andere theologische Leiter und sieben leitende Ärzte ev. Anstalten der Inneren Mission (heute Diakonie).

Am 31. August 2000 überlegten wir im Berliner Abgeordnetenhaus eine Gedenkstätte in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort hatten Psychiater die Todesurteile zur Vergasung der Psychiatrie-PatientInnen nur nach Fragebogen gefällt. Diese Gedenkstätte wurde gestrichen. Viele beamtete Psychiater, Politiker in Gesundheitsbehörden und Ministerien, höchste Juristen, auch einige theologische Anstaltsleiter waren an den Morden von "mindestens 275.000 'Euthanasie'-Opfern" beteiligt gewesen. Niemand will nun eine Gedenkstätte, in der die Morde ihrer Vorgänger dokumentiert oder auch nur erinnert werden, um ihr Ansehen nicht zu gefährden. Aber die lebenslange Abstempelung von uns Zwangssterilisierten als "minderwertig" hielt und hält der Bundestag weiter aufrecht, weil sie schon vor 1933 geplant war und um uns nicht als NS-Verfolgte anerkennen zu müssen.

In den 60er Jahren ließen mich diese verschwiegenen Morde an meinen ehemaligen Mitpatientlnnen nicht wieder los. Im "Satyrspiel gegen das Verschweigen" zur 30. Wiederkehr des "Euthanasie"-Beginns 1969 bewegte mich auch die Frage nach dem Wert einer "geistigen Gesundheit" ohne ein intaktes Gewissen. Für die Ermordeten war sie tödlich.

Über die zweite Veranstaltung am 6. bis 8. Juni 2007 informieren die nächsten Seiten.

Dorothea Buck

Die Autorin

Die Bildhauerin Dorothea Buck, Jg. 1917, war, nach freier künstlerischer Tätigkeit, von 1969 bis 1982 Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik I in Hamburg. Zwischen 1936 und 1959 erlebte sie fünf schizophrene Schübe. In ihrem ersten Schub wurde sie in den v.Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel zwangssterilisiert. Dorothea Buck war und ist maßgeblich in der Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen aktiv, die sich Ende der 1980er Jahre zu formieren begann. Sie ist die Ehrenvorsitzende des 1992 auch von ihr mitgegründeten Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener. Zusammen mit Thomas Bock gründete sie 1989 das erste Psychose-Seminar in Hamburg und warb auf vielen Lesereisen im In- und Ausland für die Idee des Trialogs zwischen Betroffenen, Angehörigen und in der Psychiatrie Tätigen. Ihr bahnbrechender Erlebnisbericht "Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung" erschien – von Hans Krieger herausgegeben – erstmals 1990 unter ihrem Pseudonym Sophie Zerchin, ein Anagramm aus Schizophrenie. Viele Beiträge in Anthologien und Vorträge. Seit 1997 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse.

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