Uta
Wehde
Kartoniert, 192 Seiten, 15 x 21 cm, ISBN 978-3-925931-05-5. Berlin: Antipsychiatrieverlag
1991. € 5.90 / sFr 8.90 / sofort lieferbar
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Inhaltsverzeichnis | Vorwort | Einleitung | Rezension | English information | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Über die Praxis in Weglaufhäusern in den Niederlanden, die Projektvorgeschichte des 1996 in Berlin eröffneten Weglaufhauses sowie die positiven Erfahrungen psychopharmakafreier Alternativen in aller Welt, z.B. Diabasis und Soteria (Kalifornien). Originalausgabe. Vorwort von Jeffrey M. Masson August 1991 Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit geben wir das Erscheinen eines neuen Buches bekannt. »Die Macht des Weglaufens ist immens«, schreibt Jeffrey M. Masson, ehemaliger Psychoanalytiker und Direktor des Sigmund-Freud-Archivs, in seinem Vorwort zum ersten Buch der Berliner Psychologin, und weiter:
Täglich laufen Menschen aus psychiatrischen Anstalten weg. Sie flüchten vor der Behandlung mit psychiatrischen Psychopharmaka und Elektroschocks, vor Fixierung und demütigender Behandlung. In zehn größeren Städten der Niederlande dienen sogenannte Weglaufhäuser vergleichbar mit den Frauenhäusern als Zufluchtsorte für die Weggelaufenen. Uta Wehde berichtet über ihre Beobachtungen in einem solchen holländischen Weglaufhaus, diskutiert diese vor dem Hintergrund weiterer Alternativen zur Psychiatrie und zieht Konsequenzen für die konzeptionelle Gestaltung der ersten deutschen Weglaufhauses in Berlin. Dieses soll Anfang 1992 seinen Betrieb eröffnen. Die Weggelaufenen sollen hier juristische, soziale, psychologische und medizinische Unterstützung sowie Hilfe beim Entzug von Psychopharmaka erhalten. Das spritzig geschriebene Buch geht allerdings in seinen Aussagen über diese spezielle Form der Unterstützung hinaus und kommt auf die prinzipielle Frage zu sprechen, wie Menschen zu helfen ist, die Probleme mit ihrer Psyche und/oder der Psychiatrie haben. Die Autorin orientiert sich zentral am Recht auf Psychopharmaka-freie Hilfe. Ihre Kriterien echter menschlicher Hilfeleistung entwickelt sie aus Gesprächsaussagen von BewohnerInnen und MitarbeiterInnen, die sie im Weglaufhaus in Utrecht befragte, und aus einer Reihe von (bisher nur in kleinem Umfang veröffentlichten) Mitteilungen Psychiatriebetroffener sowie Betreibern alternativer Einrichtungen. Uta Wehde fasst diese alternativen Erfahrungen zusammen und liefert damit gleichzeitig einen exzellenten Literaturüberblick zum Thema »Alternativen zur Psychiatrie«. In der Diskussion ihrer Erkenntnisse berücksichtigt sie die deutsche Situation ebenso wie diejenige in Österreich und der Schweiz. So setzt sich die Autorin u.a. mit dem kalifornischen Soteria-Projekt auseinander, das in der Schweiz allerdings nur dem Namen nach kopiert wird und als Vorbild für die aktuellste psychiatrische Reformbestrebung gilt. Im Anhang stellt Uta Wehde die aktuelle Konzeption des geplanten Berliner Weglaufhauses vor und dokumentiert, spannend zu lesen wie ein Krimi, das Hin und Her um die öffentliche Finanzierung des durch eine Millionenspende angekauften Weglaufhauses (das übrigens das Cover des Buches ziert). Gewöhnliche Psychiater werden sich über das Buch ärgern; dafür kommen neugierig gebliebene Betroffene und Angehörige, SozialwissenschaftlerInnen, JuristInnen, MedizinerInnen sowie aufgeschlossene psychiatrisch Tätige voll auf ihre Kosten.
DAS PSYCHIATRISCHE NETZ Das psychosoziale System
Der psychiatrische Diskurs und die psychiatrischen Praktiken
Rehabilitation
DIE WEGLAUFHÄUSER IN DEN NIEDERLANDEN Das psychosoziale System in den Niederlanden
Die Geschichte des Weglaufhauses Utrecht
DAS WEGLAUFHAUS UTRECHT 1989
Die Menschen im Weglaufhaus
Die grundlegenden Merkmale des Weglaufhaus-Programms Angebot und Hilfe
Frustrationen
Wechselwirkungen
PROBLEME UND ERFOLGE Was bewirkt das Weglaufhaus-Programm?
Schlussbetrachtung
Zusammenfassung ANHANG: DAS BERLINER WEGLAUFHAUS
Weltweit wachen immer mehr Menschen auf und erkennen, dass die Psychiatrie ein grundsätzlicher Fehler ist. Menschliches Leiden zu beenden war niemals und ist auch nicht heute ein Anliegen der Psychiatrie; tatsächlich ist sie eine Hauptursache für dieses Leiden. Fast niemand, der einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbringen muss, will dort bleiben! Alle wollen weglaufen! Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung können beendet werden. Jeder Versuch, den Menschen zu zerstören, kann abgewehrt werden auch die Psychiatrie. Keine Form von Zwang und Kontrolle, ob unmittelbar oder verinnerlicht, kann ewig bestehen. In der DDR kam der erste Hoffnungsschimmer der Freiheit, als ein paar mutige Menschen tatsächlich wegliefen. Die Macht des Weglaufens ist immens. Uta Wehde zeigt uns, dass dies auch im Bereich der Psychiatrie möglich ist und dass die Mauern dieser maroden Institution ebenfalls eingerissen werden können. Einige mutige Menschen sind in der Lage, aus psychiatrischen Anstalten wegzulaufen aber wohin dann? Es ist wichtig, dass diese Menschen einen Ort haben, an dem sie Schutz und Zuflucht finden. Wie sollte dieser Ort aussehen? Welche Werte sollten sein Fundament bilden? Wie sollte dessen Position gegenüber der Psychiatrie sein? Die besondere Bedeutung von Uta Wehdes sorgfältig recherchiertem Buch ist, dass sie uns zum Nachdenken bringt, wie eine echte Alternative zur Psychiatrie beschaffen sein müsste. Nachdem mein Buch »Emotional Tyranny and the Myth of Psychological Healing« (New York: Atheneum 1988; deutsche Übersetzung: »Die Abschaffung der Psychotherapie«, München: Bertelsmann 1991) erschienen war, kritisierten viele LeserInnen, dass ich keine konkrete Alternative zur Therapie lieferte. Meine Rechtfertigung war: Wenn etwas so grundsätzlich falsch ist wie die Psychiatrie, so ist es nicht notwendig, irgendwelche Alternativen anzubieten, denn alle Kraft und Energie muss sich vordringlich darauf konzentrieren, die bestehenden Probleme aufzuzeigen und zu benennen. Was ist die Alternative zur Frauenfeindlichkeit, zur Sklaverei oder zur Apartheid? Das vorrangige Ziel ist die Abschaffung dieser Übel, und wer weiß, welche wundervollen Dinge dann wachsen und erblühen können! Ich fühlte trotzdem mehr und mehr, dass meine KritikerInnen einen zentralen Punkt getroffen hatten und dass etwas angeboten werden muss. Aus diesem Grund ist Uta Wehdes Buch so wichtig. Sie hat eine Alternative untersucht und ihren Verstand eingesetzt, um die in einem ausgewählten holländischen Weglaufhaus bestehenden Probleme im einzelnen zu analysieren. Unverblümt zieht sie ihr Resümee: »Abschließend komme ich zu dem Urteil, dass es sich bei dem Weglaufhaus in Utrecht um keine insgesamt erfolgreiche Institution handelt.« Sie folgert aber nicht, auf Alternativen generell zu verzichten, denn die Rückkehr zum Status quo ist noch weit gefährlicher als nahezu jede Alternative. Uta Wehdes Hauptkritikpunkt am holländischen Weglaufhaus ist, dass dort keine klare Position zur Umgangsweise mit psychiatrischen Psychopharmaka existierte. Ihre Worte hierzu sind kraftvoll und vollständig überzeugend: »Da die MitarbeiterInnen sich im allgemeinen durch eine kritische Haltung gegenüber ExpertInnen auszeichnen, bin ich sehr erstaunt, dass sie gerade dieses wichtige Thema das Problem des Umgangs mit Psychopharmaka ganz einfach wegschieben. Erschreckend ist der Mangel an Problembewusstsein in bezug auf den Einsatz von Psychopharmaka und das sehr fragmentarische Wissen über deren Wirkungsweise, Risiken und Schäden.«Konsequent, beharrlich und voller Nachdruck konfrontiert sich uns mit diesem Missstand. Sie erzählt uns, dass sie von dem bahnbrechenden Buch von Peter Lehmann »Der chemische Knebel« beeinflusst ist, und hier stimme ich mit ihr vollkommen überein: Niemand, der dieses wichtige Buch ließt, kommt daran vorbei, jeden weiteren Einsatz von Neuroleptika entschieden abzulehnen. Psychiatrische Psychopharmaka sind eindeutig gefährlich, und in meinen Augen muss deren Vergabe nicht nur verhindert, sondern verboten werden! Hier trennen sich meine Wege von Thomas S. Szasz, der zu diesem Thema eine eher liberale Auffassung vertritt, und meint, Menschen sollten die Wahl haben. Ich denke demgegenüber, dass man nicht etwas frei wählen kann, dessen einziger Effekt die Zerstörung der körperlichen und psychischen Integrität ist. Ich bin im allgemeinen mehr für die radikale Abschaffung als für die Reform. Die Probleme im holländischen Weglaufhaus sehe ich als tieferliegend und systemisch an: Die Menschen, die dort arbeiten, haben kein fundiertes theoretisches Verständnis von den grundlegenden Positionen der Antipsychiatrie Bewegung (in den USA Ex-mental-Patients' Liberation-Movement genannt). Es ist wahr, wie Uta Wehde ausführt, dass allein schon die Existenz eines Weglaufhauses eine implizite Kritik an der traditionellen Psychiatrie darstellt. Aber auch ich denke, dass es nicht ausreicht, den Weggelaufenen eine Alternative nur in Form eines Zufluchtsortes anzubieten; ebenso wichtig ist es zu verstehen, wo sie gewesen sind, und welchen Behandlungen sie dort ausgesetzt waren. Um den Betroffenen mit Respekt zu begegnen, ist es notwendig zu begreifen, wie ihre Würde in psychiatrischen Anstalten mit Füßen getreten wurde. Ein Grund für Uta Wehde, dieses Buch zu schreiben, ist die Hoffnung, dass bestimmte Fehler, die sie im holländischen Weglaufhaus beobachtete, beim Aufbau eines neuen Weglaufhauses vermieden werden können. Ich möchte gerne einige Überlegungen hinzufügen: Meiner Meinung muss jedes Weglaufhaus auch eine Wissensquelle sein, ein Ort an dem sie ihre psychiatrischen Erfahrungen auf und verarbeiten können. Es sollte daher mit einer guten antipsychiatrischen Bibliothek ausgestattet sein und vor allem sollten dort Menschen arbeiten, deren Herzen und Gedanken davon erfüllt sind, die Psychiatrie abzuschaffen. Dies kann in den meisten Fällen heißen, dass dort ausschließlich Psychiatrie-Betroffene tätig sind. Ein sehr guter Freund erzählte mir kürzlich: »Du kannst einfach keinem vollkommen vertrauen, der nicht dort war.« (Ich habe dies auch von Überlebenden der Konzentrationslager und Opfern sexuellen Missbrauchs gehört.) Als ehemaliger Analytiker muss ich dem Freund zustimmen, obwohl diese Erkenntnis für mich persönlich sehr schmerzvoll war. Ich kann schreiben, ich kann Vorträge halten, aber ich habe kein Recht, Menschen, die tatsächlich dort waren, zu erzählen, wie es für sie war. Darüber hinaus weiß ich aus eigener Erfahrung, dass das Innehaben einer Machtposition gefährlich ist, denn Macht korrumpiert! Am besten ist es, die Beteiligung an jeder Form von hierarchischen Strukturen zu verweigern. In dem holländischen Weglaufhaus gab es verschlossene Räume, zu denen nur die MitarbeiterInnen einen Schlüssel hatten. Dies ist ein politischer Fehler! Auch wenn Sie nicht mit dem übereinstimmen, was ich über die Menschen gesagt habe, die an einem solchen Ort arbeiten sollten (und die meisten Menschen in der Antipsychiatrie Bewegung in den USA sind der Ansicht, dass ich eine zu extreme Position vertrete), so sehen aber auch Sie sicher die Gefahr, wenn ExpertInnen im Weglaufhaus arbeiten würden. Was sind letztendlich ExpertInnen? Es gibt keine ExpertInnen für das menschliche Wesen. Wir alle wissen, mehr oder weniger, wie alle anderen Menschen auch, Bescheid über Liebe und Trauer und Leid und Schmerz. Dies sind keine medizinischen Entitäten, und der Versuch, menschliches Leiden in psychiatrische Diagnosen zu zwingen, ist moralisch nicht zu verantworten. Lassen Sie mich kurz ausführen, was meiner Ansicht nach in einem Weglaufhaus ausgeschlossen sein muss: Psychiatrische Begriffe, psychiatrische Gutachten, psychiatrische Psychopharmaka. Und jede Form von Zwang und Kontrolle. (Außerdem wäre es schön, wenn die BewohnerInnen kosten und mietfrei im Weglaufhaus Zuflucht fänden.) Ich nehme an, Uta Wehde stimmt mit allen diesen Voraussetzungen überein und würde, wie ich, noch einen Schritt weiter gehen. Einige Leute scheinen die Auffassung zu haben, dass ein Problem des holländischen Weglaufhauses darin besteht, dass dort keine Therapie angeboten wird. Ich halte dies für eine der wenigen Stärken des Weglaufhauses. Therapie, in jeder Form, ist zu eng mit der traditionellen Psychiatrie verknüpft, um die Einverleibung ihrer Irrtümer auszuschließen. Immer wenn ein therapeutisches Angebot gemacht wird, braucht man notwendigerweise TherapeutInnen und diese müssen ausgebildet werden. Und wo und durch wen werden sie in der Regel ausgebildet? Durch PsychiaterInnen natürlich, in psychiatrischen bzw. vergleichbaren Institutionen. Auch wenn in einem Weglaufhaus keine psychiatrischen Psychopharmaka eingesetzt werden, bestünde bei einem psychotherapeutischen Angebot die Gefahr, dass es mehr und mehr zu dem Ort würde, den es eigentlich ersetzen wollte. Ich befürchte, das Weglaufhaus könnte sich in ein kleine psychiatrische Anstalt verwandeln. Wir brauchen keine ExpertInnen, wir brauchen keine PatientInnen, wir brauchen keine Medikation, wir brauchen keine Groß- oder Klein-Kliniken. Alles, was wir brauchen, ist Menschlichkeit und Solidarität, die aus der tiefen Einsicht in die Stärken und das Leiden eines anderen Menschen erwachsen und aus der Erkenntnis, dass wir, solange wir schweigen, zu MittäterInnen werden. Der einzige Ausweg ist die Erkenntnis unserer eigenen Verwicklungen. Zu einer echten Alternative und Therapie gehört das Aufdecken von Unterdrückung, von Unrecht und von den vielen anderen Übeln unserer Zeit, und dies hat gleichzeitig eine heilsame Wirkung. Ich kann mir keine bessere Therapie denken, als die Unangemessenheit der Therapie selbst herauszuarbeiten. Ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, indem man mit anderen Psychiatrie-Überlebenden gemeinsam politisch handelt, ist ein exzellenter Gegenpol zu Gefühlen von Ohnmacht, die die Psychiatrie bei ihren Opfern hervorruft. Aktiv zu werden und gegen die Psychiatrie (und anderes Unrecht) zu kämpfen, ist eine gute Alternative zur Hoffnungslosigkeit, die die Psychiatrie bei PatientInnen bewirkt. Die eigene Geschichte aufzuschreiben, heißt, Menschen die Kehrseite der offiziellen Geschichte zu erzählen, auch wenn sie nur als Information für gute FreundInnen gedacht ist. (In den USA werden zunehmend mehr persönliche Berichte veröffentlicht.) Letztlich ist aktive Suche die beste Methode zur Aufdeckung der Wahrheit. Die Bewegung gegen die Menschenrechtsverletzungen der Psychiatrie wächst ständig. Durch ältere Bücher wie beispielsweise »Zu viel Zorn, zu viele Tränen« von Janet und Paul Gotkin (Stuttgart: Radius 1977), Judi Chamberlins »On Our Own. Patient Controlled Alternatives To The Mental Health System«, das vor kurzem herausgegebene Buch der Feministin Kate Millett »The Loony Bin Trip« (New York: Simon and Schuster 1990; eine bewundernswert treffende Abrechnung mit psychiatrischer Zwangsbehandlung) und das bald erscheinende neue Buch von Peter R. Breggin »Toxic Psychiatry« als auch durch die bekannten Angriffe von Thomas S. Szasz, John Friedberg (»Shock Treatment Is Not Good For Your Brain«, San Francisco: Glide 1976), Leonard R. Frank (»The History Of Shock Treatment«, San Francisco: Selbstverlag 1978) und anderen (eingeschlossen mein Buch »Final Analysis: The Making And Unmaking Of A Psychoanalyst«, Reading: Addison Wesley 1990) hört die Öffentlichkeit endlich etwas über die andere Seite. Uta Wehdes Buch ist ein sehr wichtiger Beitrag zu diesem immer stärker werdenden Drang nach Wahrheit. Jeffrey M. Masson Jeffrey Moussaieff Masson war Direktor des Sigmund-Freud-Archivs und Psychoanalytiker. Er ist der Autor von »Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie« (Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1986), »A Dark Science: Women, Sexuality, And Psychiatry In The 19th Century« (New York: Farrar, Straus and Giroux 1986), Herausgeber von: Sigmund Freud, »Briefe an Wilhelm Fließ. 1887-1904«, ungekürzte Ausgabe (Frankfurt am Main: S. Fischer 1986) und anderen Büchern. Er lebt in Berkeley/Kalifornien und ist keiner Weise psychotherapeutisch tätig. (Stand: 1991)
»Die Anstalt ist ein Knast! Sie hat Gitter, kugelsicheres Glas. Man kommt nicht 'raus, die Tür ist verschlossen, es gibt immer noch eine Tür dahinter. Man kommt in eine Anstalt, und den ersten Tag sagen sie zu dir Schau dich mal um, und den zweiten Tag Spritze!« Dies sind Berichte von Psychiatrie-Betroffenen aus den Niederlanden, mit denen ich gesprochen habe. Sie sahen nur einen Weg, sich den in psychiatrischen Anstalten stattfindenden Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka, Elektroschocks, Isolierzellen und anderen Demütigungen zu entziehen: Weglaufen. Im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es für die Weggelaufenen in den Niederlanden einen Zufluchtsort: das Weglaufhaus. Vergleichbar mit den Frauenhäusern entstanden Ende der siebziger Jahre in allen größeren Städten der Niederlande Weglaufhäuser, in denen Psychiatrie-Betroffene Schutz und Aufnahme finden. In Berlin setzt sich der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. für die Einrichtung des ersten deutschen Weglaufhauses ein; im Verein arbeite ich seit 1987 mit. Weil wir im Zusammenhang mit der konzeptionellen Gestaltung des Berliner Weglaufhauses Interesse an detaillierten Informationen hatten, entschied ich mich, meine Diplomarbeit den holländischen Weglaufhäusern zu widmen. Aufgrund des mir zur Verfügung stehenden Zeitkontingents, das es mir nicht ermöglicht hätte, mehrere Weglaufhäuser zu erkunden, entschied ich weiterhin, mich auf ein Weglaufhaus zu beschränken und dieses mit dem Einsatz von qualitativen Forschungsmethoden möglichst detailliert und umfassend zu beschreiben. Meine Wahl fiel auf das Weglaufhaus in Utrecht. Mit diesem Buch liegt den LeserInnen eine völlig überarbeitete, wesentlich erweiterte und aktualisierte Fassung meiner Diplomarbeit vor, die ich am Psychologischen Institut der Technischen Universität Berlin geschrieben habe. Den LeserInnen möchte ich kurz etwas zu meiner allgemeinen Motivation sagen, mich im Bereich Antipsychiatrie zu engagieren. Nach dem Selbstmord meines ältesten Bruders während psychiatrischer Behandlung entwickelte ich sehr früh eine kritische Haltung gegenüber der Psychiatrie und den psychiatrischen Praktiken; ich begab mich auf die Suche nach Alternativen zur Psychiatrie. Durch einen Artikel in der Berliner Zeitschrift von Psychiatrie-Überlebenden Die Irren-Offensive (Projekt Weglaufhaus, 1987), bin ich zur Weglaufhaus-Projektgruppe gestoßen, die 1989 den Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. gegründet hat. Mit meiner Arbeit verfolge ich zwei Ziele. Das erste hat einen direkten praktischen Bezug und besteht darin, dass wir als Planungsgruppe des Weglaufhauses in Berlin die Informationen über das Weglaufhaus in Utrecht benutzen, um Programmteile, die sich bewährt haben, zu übernehmen, um für Problembereiche sensibilisiert zu werden und um zu erfahren, welche Fehler wir vermeiden sollten. Dieser praxisbezogene Nutzen hat teilweise dadurch, dass vorläufige Ergebnisse aus den Niederlanden in unsere Diskussion einflossen, schon stattgefunden. Unabhängig davon wünsche ich mir, als zweites Ziel, durch mein Buch dazu beizutragen, dass sich langfristig das psychosoziale System verändert und endlich den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechende Angebote geschaffen werden. Im Vergleich zu anderen Ländern mangelt es gerade in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz an alternativen Institutionen zur Psychiatrie bzw. an einer Innovationsfreude sowie der Bereitschaft, überhaupt etwas Neues auszuprobieren und auch finanziell zu unterstützen. In anderen Ländern wie den USA, England, Schweden, Niederlanden hat es diese Innovationsfreude gegeben, die dazu führte, dass neben der Psychiatrie aufgrund der Initiative von Psychiatrie-Betroffenen oder fortschrittlichen Professionellen eine Vielfalt an alternativen Projekten ins Leben gerufen wurde. Dadurch konnten konkrete Erfahrungen in der Praxis mit einer anderen Form von Hilfe für die Betroffenen gemacht werden, die, auch wenn die Projekte heute teilweise nicht mehr existieren, den Betroffenen echte Unterstützung gegeben haben und außerdem sehr wichtige Diskussionsbeiträge liefern. Es wäre wünschenswert, wenn endlich auch wir beginnen, konkrete Erfahrungen zu sammeln, wenn der Mut und die Bereitschaft zunehmen, alternative Institutionen ins Leben zu rufen. Das geplante Weglaufhaus in Berlin stellt nur eine mögliche Alternative dar, die sicherlich nicht für alle Betroffenen das richtige sein wird; es gäbe noch eine Vielzahl von anderen Möglichkeiten, Menschen mit sozialen, juristischen und psychischen Problemen zu unterstützen. Bei unseren Auseinandersetzungen mit dem Berliner Senat sind wir des öfteren mit dem Argument konfrontiert worden, die Psychiatrie müsse verbessert werden, darin läge der richtige Ansatzpunkt und nicht in der Schaffung von alternativen Institutionen. Ich bin demgegenüber der Ansicht, dass grundlegende, qualitative Veränderungen in positiver Weise in den psychiatrischen Anstalten nicht stattfinden werden eher in negativer Richtung: Auf der Konferenz der WHO (Weltgesundheitsorganisation) »Changing Mental Health Care In The Cities Of Europe« im April 1991 in Amsterdam klagten die TeilnehmerInnen der Veranstaltung »Patient's Movement And Changing Mental Health Care«, insbesondere Karl Bach Jensen (Dänemark), Peter Lehmann (BRD) und Joop Dekker (Niederlande), einmütig eine drastische Verschlechterung der Situation Psychiatriebetroffener an. Diese dienten verstärkt als Ausbeutungsobjekte für Pharmamultis, für arbeitssuchende PsychiaterInnen, MedizinerInnen, SozialwissenschaftlerInnen, Behindertenwerkstätten etc. Gerade die Ausweitung der Psychiatrie in Form der Kontaktbereichspsychiatrie (Gemeinde-, kommunale Psychiatrie) lasse die meisten Betroffenen kaum noch einen Ausweg aus der Drehtürpsychiatrie finden (Dekker et al., 1991). Betroffene laufen heute weg und werden auch morgen vor psychiatrischer Gewalt fliehen. Abgesehen davon, dass Psychiatrie-Betroffene sie dringend brauchen, sind externe, alternative Projekte wichtig, um zu sehen, was wie anders gemacht werden kann, welche Voraussetzungen für eine alternative Hilfe notwendig sind und dass diese Erfahrungen als Katalysatoren für Veränderungen in der psychosozialen Versorgung insgesamt wirken werden. Deshalb brauchen wir solche Projekte. Im ersten Teil des Buches gelangen wir durch das Nachzeichnen der Diskussionen um das medizinische Krankheitsmodell, um die psychiatrischen Behandlungsmethoden und um die Problematik totaler Institutionen zu einer Definition von echten alternativen Einrichtungen. Was bedeutet alternativ? Welche Kriterien muss eine Institution erfüllen, damit wir von echter Hilfe sprechen können? Die Entwicklung dieser Kriterien erfolgt über Aussagen und Ansichten, die Betroffene in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht haben. An dieser Stelle möchte ich einen wichtigen Hinweis geben: Ich werde in meiner Arbeit vereinfachend von den Betroffenen und von den Bedürfnissen der Betroffenen sprechen. Ich meine die Psychiatrie-Betroffenen, deren Werte sich an Menschenrechten orientieren wie dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Darüber hinaus gibt es sicherlich Betroffene, die andere Werte vertreten und andere Bedürfnisse favorisieren. Mit den ExpertInnen meine ich Personen, die auch als Professionelle bezeichnet werden und eine spezifische Berufsausbildung im helfenden Bereich abgeschlossen haben. Außerdem verwende ich den Nutzer-Begriff, der einige Probleme aufwirft. Zum einen bezeichnen sich sehr unterschiedliche Gruppen/Menschen als NutzerInnen bzw. werden bezeichnet. Das Spektrum an Bedeutungen ist sehr weit und umfasst sowohl Begriffe wie Psychiatrie-Überlebende, Psychiatrie-Betroffene als auch KlientInnen und PatientInnen. Zum anderen verschleiert der Nutzer-Begriff reale Zwangs- und Gewaltverhältnisse. Er suggeriert die Existenz einer heilen Welt, die aus AnbieterInnen und freien NutzerInnen besteht. In der Regel ziehen die angeblichen NutzerInnen aber weder einen Nutzen aus den Angeboten, noch können sie diese frei auswählen. An und für sich ist es zynisch, Menschen, die gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt gesteckt und mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt werden, als NutzerInnen zu bezeichnen. Dennoch verwenden auch Psychiatrie-Betroffene, insbesondere auf der europäischen Ebene, den Nutzer-Begriff, da bisher, mit Ausnahme des Begriffs von den Überlebenden, kein praktikabler Begriff entwickelt wurde. Dieser jedoch lehnt sich, uneingeführt, zu unvermittelt an den Begriff der KZ-Überlebenden an. Für meine Verwendung des Nutzer-Begriffs ist die Tatsache ausschlaggebend, dass er, in englischer Übersetzung als User, bei der Gründung des European Network of Users and User-Controlled Organisations of Psychiatry in Zandvoort im Oktober 1991 ebenfalls verwendet wird. Die BetreiberInnen dieses internationalen Netzwerks schränken ein, dass, solange sie keinen anderen Begriff finden, der sich für eine breite und starke Organisation und für internationale Kontakte eignet, »... wir diesen Begriff gebrauchen werden, jedoch im Gedächtnis behalten, dass ihn eine Reihe von Menschen als Beleidigung empfinden, als eine Verharmlosung der psychiatrischen Bedrohung, als eine Verharmlosung ihrer persönlichen psychischen Leiden oder als Nachplappern der psychiatrischen Ideologie, wenn sie nicht mit dem ihrer Meinung nach korrekten Begriff angesprochen werden. Deshalb sind alle gebeten, uns nicht durch eine unsensible Verwendung des Nutzer-Begriffs zu verletzen, in unseren Nächsten nicht die (Ex-)User zu sehen, sondern die menschlichen Wesen mit ihrer persönlichen Lebensgeschichten. Wir sollten den Begriff Nutzer kursiv oder in Anführungsstrichen schreiben.« Diese Problematik sollte beim Lesen bedacht werden. Was den Begriff ver-rückt oder Ver-rücktheit betrifft, so sehe ich ihn nicht als Diskriminierung, sondern möchte mit dem Wortsinn des Wegbewegens die Entfernung von der herrschenden Normalität betonen. Dies bedeutet weder eine Glorifizierung der Ver-rücktheit noch deren Abwertung als Störung. Die akute Ver-rücktheit kann in zugespitzter Normalität oder chronischer Ver-rücktheit enden, ebenso aber eine Phase auf dem Weg zum Abwerfen innerer und äußerer Zwänge darstellen.
Da es sich beim Weglaufhaus um eine »rehabilitative« Einrichtung handelt,
findet sich außerdem im ersten Teil meines Buches eine Übersicht und Kritik
der traditionellen »Rehabilitationsmaßnahmen«. Als einen neuen Weg und
als Beispiel für eine andere Form der Hilfe stelle ich trotz einiger problematischer
Aspekte ausführlich das kalifornische Soteria-Projekt dar. Rezension von Heiner Keupp, München in: Psychologische LiteraturUmschau Kritische Rezensionszeitschrift für Psychologie, 2. Jg. (1992), Heft 1, S. 7-10 Radikale Parteilichkeit für Psychiatrie-Betroffene
Verstummt sind sie noch nicht, die antipsychiatrischen Stimmen, aber
sie sind leiser geworden. Eine Stimme jedoch ist deutlich vernehmbar:
Der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. und Peter Lehmann
(die beide aus der Irrenoffensive hervorgegangen sind). Und diese Stimme
hat sich nun auch einen bemerkenswerten zu a) Uta Wehde hat mit ihrem Buch eine der frühen Forderungen der Irrenoffensive aufgegriffen: Das »Weglaufhaus« als alternative Institution für Psychiatrie-Betroffene, die sich dem Zugriff oder der »fürsorglichen Belagerung« durch psychiatrische Institutionen entziehen wollen. Die Autorin ist aktives Mitglied der Weglaufhaus-Projektgruppe, die der »Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt« gebildet hat, um selbst eine solche Alternative für Psychiatrie-Betroffene in Berlin aufzubauen. Uta Wehde ist während ihres Psychologiestudiums auf der Suche nach Alternativen zur Psychiatrie zu dieser Projektgruppe gestoßen. Der Selbstmord ihres Bruders während psychiatrischer Behandlung gab den Anstoß für diese Suche. Das Buch von Uta Wehde verfolgt zwei Ziele: Zum einen wird die Notwendigkeit von alternativen Institutionen für Psychiatrie-Betroffene und das Konzept des Weglaufhauses dargestellt und begründet, zum anderen werden Erfahrungen aus Holland kritisch evaluiert. Uta Wehde geht von der Annahme aus, dass im psychosozialen System oder psychiatrischen Netz die Bedürfnisse der Betroffenen keinen zentralen Orientierungspunkt bilden. Die ExpertInnen verschiedener fachlicher Provenienz formulierenden Bedarf an fachlicher Hilfe, die natürlich im »wohlverstandenen Interesse« der Betroffenen sei und gerade deshalb auch gegen den Willen der Betroffenen zur Anwendung kommen kann. Das am medizinischen Modell orientierte Denken in der Psychiatrie wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Bedürfnisse der Betroffenen im Zweifelsfall übergangen werden, weil sie ja als Ausdruck ihrer »Verrücktheit« interpretiert werden können. Das theoretische und praktische Inventar des psychosozialen Expertensystems wird jeweils mit exemplarischen Sichtweisen von Betroffenen konfrontiert. Selbst wenn deren Stimmen nicht ohne weiteres als repräsentative Äußerungen des durchschnittlichen Psychiatrie-Betroffenen gewertet werden können, zeigen sie doch eindrucksvoll, dass die professionelle Unterstellung, »zum Wohle« der Betroffenen zu handeln, ein höchst fragwürdiges Konstrukt darstellt. Als alternative Orientierung zu diesem expertInnendominierten Ansatz schlägt Uta Wehde das Konzept der »NutzerInnenkontrolle« vor: »Eine radikale Orientierung an den Bedürfnissen der Betroffenen bei einer qualitativen Umgestaltung des psychosozialen Systems ist unabdingbar. Das Problem sozialer Kontrolle im Fürsorgebereich und besonders im Bereich Psychiatrie kann nicht gelöst werden, wenn nicht Möglichkeiten für eine Kontrolle durch die NutzerInnen geschaffen werden... letztlich können nur die Betroffenen selbst, als Nutzer, entscheiden, was sie von den Angeboten der Professionellen halten und welche sie als hilfreich erleben« (S. 19). Das Weglaufhaus war für die Irrenoffensive eine exemplarische Realisierung dieser Forderung nach Betroffenenkontrolle. Der Verweis auf die Existenz solcher alternativer Institutionen in Holland war die Antwort auf den Vorwurf des Utopismus. Es ist eine wichtige Etappe in der Diskussion um Weglaufhäuser, dass Uta Wehde sich die holländische Realität selbst angeschaut hat und mit diesem Buch das Ergebnis ihrer kritischen Evaluation vorlegt. Die kritische Realitätsprüfung hat keineswegs die Forderung nach einem Weglaufhaus unterminiert, sondern sie differenziert und zur Entwicklung von institutionellen Anforderungsprofilen geführt. Die Grundpfeiler der Weglaufhäuser werden in der Trias »Existenzraum«, »Freiraum« und »Unterstützung« benannt. Für Uta Wehde zeigen die holländischen Beispiele, dass Weglaufhäuser auf der Basis rein ehrenamtlicher Tätigkeit nicht funktionieren können oder nur um den Preis, dass sich das Spektrum der Betroffenen, die unter solchen Bedingungen den Weg zu einem selbständigen Leben gehen, sehr einschränkt. Gerade für diejenigen, die sich mit massiven psychosozialen Problemen auseinanderzusetzen haben, wird das zuverlässige Unterstützungspotential zu gering: »Da viele Betroffene, die ins Weglaufhaus kommen, nicht nur ein Bedürfnis nach einem Zimmer und einer lebenspraktischen Hilfestellung durch die MitarbeiterInnen haben, sondern auch ein Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und nach Unterstützung bei emotionalen Problemen, ist die Gruppe von Betroffenen sehr klein, für die das Weglaufhaus ... unter den derzeitigen Bedingungen den richtigen Ort darstellt« (S. 128) Die Folge dieser unzureichenden Ressourcen ist eine hohe Fluktuation und die resignierte Rückkehr in psychiatrische Institutionen. Wenn Uta Wehde dann auch noch betont, welch große Bedeutung das soziale Netzwerk für eine positive Lebensperspektive der Betroffenen hat, dann ist auf einmal gar nicht mehr so einsichtig, warum eine so klare Grenzziehung zu sonstigen sozial-psychiatrischen Institutionen auf Reformniveau vorgenommen wird. Ein zentrales Unterscheidungskriterium ist die Stellung
zu Psychopharmaka. Für die Autorin ist die Arbeit in einer alternativen Institution
unvereinbar mit Psychopharmaka. Ein zweiter Differenzpunkt wird von der Autorin
als »kritisches Bewusstsein« bezeichnet ein nicht gerade einfach
zu konkretisierendes Kriterium. Zumindest meint es die Erkenntnis, dass die Menschen,
die vor den bestehenden psychiatrischen Einrichtungen davonlaufen, dafür
»gute Gründe« haben, und dass sie am Aufbau und der Arbeit alternativer
psychosozialer Institutionen beteiligt sein müssen. Dass diese Forderungen
politisch quer liegen, zeigt der Anhang des Buches: Hier wird die Geschichte des
Weglaufhausprojektes in Berlin ausführlich dokumentiert. Es ist finanziell
noch immer nicht gesichert. Das Buch von Uta Wehde imponiert mir durch seine Klarheit
der Sprache und der Gedankenführung. Es liefert nützliche Informationen
über Idee und Wirklichkeit der Weglaufhäuser. Es ist pragmatisch und
radikal zugleich. »Welche Ängste schürt verrücktes, unbegreifliches und unberechenbares Verhalten, dass mit einem solch massiven Aufgebot, wie es die totale Institution Psychiatrie im Pakt mit der Jurisprudenz ist, darauf reagiert werden muss?« (S. 7). Oder: »Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden?« (S. 8) Auf diese Fragen gibt das Buch letztlich keine expliziten Antworten, gleichwohl fand ich sie legitim. Sie richten den Blick auf Dimensionen, die die fachwissenschaftlichen Diskurse meist ausklammern. Was macht die rigide und von den psychosozialen Professionen und Institutionen bewachte Grenzziehung zwischen Normalität und Wahnsinn nötig? »Dem Irrationalen wird jenseits der Freiheit ein Schattenreich zugewiesen, das abschreckend genug ist, um seiner Versuchung nicht zu verfallen, und feste Grenzen hat, die den Herrschaftsbereich der Vernunft von außen abstecken« (S. 64). Die uns alltäglich aufgenötigte Identität soll sich diesem Schattenreich fernhalten und ist gleichzeitig »sehr brüchig« und doch immer wieder gefährdet, aus dem Herrschaftsbereich dieser einengenden Vernunft herauszufallen. Der Dialog mit diesem »Anderen der Vernunft« ist nicht erwünscht, er könnte die Grundlagen unserer verinnerlichten Zivilisation gefährden. Die Sprache unseres Alltags ist allerdings so stark von der instrumentellen Vernunft bestimmt, dass mit ihr dieser Dialog gar nicht möglich wäre. Kerstin Kempker formuliert das sehr schön so: »Sie (die Sprache, H.K.) ist, mit allen Beschränkungen und Eigentümlichkeiten, die Muttersprache des Vaterlandes Vernunft, also identitätsstiftend für die, die in ihren Grenzen beheimatet sind.« (S. 65) Die Autorin folgt den Spuren Foucaults, der in seiner Geschichte der Psychiatrie so treffend aufgezeigt hat, dass gerade die Psychiatrie (und auch die Psychologie), die sich als Spezialdisziplin für das »verrückte Sein« etabliert hat, dessen Sprache nicht mehr versteht. Foucault nennt die Sprache der Psychiatrie einen »Monolog der Vernunft«, sie wird so lange nichts verstehen (übrigens das zentrale Psychosekriterium von Karl Jaspers), wie sie die Vernunft-Hermetik ihrer eigenen Sprache und Weltsicht nicht aufzubrechen vermag. Kerstin Kempker versammelt in einer Art Collage einer Fülle von Zitaten das antipsychiatrische und psychiatriekritische Erbe und konfrontiert es mit dem Selbstverständnis der Psychiatrie, in ihrer klassischen wie auch in ihrer modernisierten Variante. Ich halte es für wichtig, in dieser Form dem kollektiven Vergessen dieses wichtigen Erbes entgegenzuwirken. Aber die Collage wird erst dadurch zu einer bewegenden Konfrontation, dass Äußerungen von Antonin Artaud, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, Robert Walser oder Unica Zürn einbezogen sind, also Äußerungen von SchriftstellerInnen, die über die Grenzen der instrumentellen Vernunft hinaus gelebt und geschrieben haben. In diesen Texten ist gewagt worden, »den Radius des Denk-, Sag- und Machbaren zu erweitern« (S. 113). Genau dadurch würde »der eigene Lebensraum mehr Spiel (erhalten)«, und eine Gesellschaft, die sich durch Ausgrenzung von Verrücktheit auszeichnet, »beschneidet ... ihre eigene Vitalität« (ebd.). Eine Gesellschaft, die das Verrückte nicht mehr zu verfolgen bräuchte, könnte in ihm einen »wichtigen und ergiebigen Hinweis auf bisher ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten« erkennen. Mich hat die Lektüre von Kerstin Kempkers Buch gefesselt, und ich habe es auch dann nicht enttäuscht zur Seite gelegt, als mir klar wurde, dass es die anfangs gestellten Fragen letztlich doch nicht definitiv beantworten konnte. Aber es liefert ein collageartiges assoziatives Netz von Erfahrungen, Wahrnehmungen und Einsichten, die sich bei mir zu einer Perspektive verdichtet haben: Unsere Identitätsgehäuse reduzieren humane Entfaltungspotentiale in einem hohen Maße. Offensichtlich braucht die moderne bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform eine in diesen Identitätsgehäusen eingesperrte Normalität, und sie wird in einer Vielzahl von Institutionen und alltäglichen Relaisstationen mit großem Aufwand reproduziert. Wäre sonst verständlich, dass es sich diese Gesellschaft so viel kosten lässt, die Normabweichungen zu kontrollieren, zu modifizieren oder zu internieren? (Dies kommt in dem Buchtitel »Teure Verständnislosigkeit« zum Ausdruck.) Eine solche Perspektive müsste natürlich theoretisch befriedigend eingeholt werden. Der neue Verlag hat sich mit seinen bisherigen drei Büchern bereits als ein unverzichtbares Projekt erwiesen. In welchem etablierten Verlag hätten diese Bücher erscheinen können? Die radikale Parteilichkeit für Psychiatrie-Betroffene wirkt in einem Verlag besonders glaubwürdig, der aus einer Betroffeneninitiative entstanden ist. Richtigstellung: Die Verlagsgründung entstand
nicht aus der genannten Betroffeneninitiative, sondern war ein individueller
Schritt in Richtung geistiger und ökonomischer Freiheit und Unabhängigkeit.
(P.L.) |