Tina Stöckle
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Inhaltsverzeichnis | Einleitung | Nachwort | English information | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Über die Entwicklung einer Alternative zur Psychiatrie vor dem Hintergrund umfangreicher Interviews zur Biographie von Psychiatriebetroffenen und über die Praxis der frühen, in dieser Form nicht mehr bestehenden Irren-Offensive Berlin. Klassiker der modernen Antipsychiatrie. Mit einem Nachwort von Peter Lehmann und der Laudatio anlässlich der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises der Humanistischen Union Berlin 2004 an das Weglaufhaus »Villa Stöckle« in Berlin. Gemeindepsychiatrie, Sozialpsychiatrie, alternative Psychiatrie usw. sind Schlagwörter sich fortschrittlich dünkender Psychiater, die alles anstellen, nur eines nicht: die Betroffenen selbst fragen, was diese eigentlich wollen. In diesem Buch kommen Mitglieder der Irren-Offensive Berlin der 80er Jahre ausführlich zu Wort. Aus den lnterviews und aus der Perspektive ihrer eigenen Betroffenheit entwickelte Tina Stöckle Kriterien einer Alternative zur Psychiatrie, die sich an den Interessen von nach Freiheit und Selbständigkeit strebenden Betroffenen orientiert. Daran gemessen entpuppt sich die Sozialpsychiatrie als reines Befriedungsverbrechen. Die (damalige) Praxis der Irren-Offensive, in ihren Möglichkeiten und Grenzen ins Verhältnis gesetzt zu den in den Interviews formulierten Bedürfnissen, zeigt, worauf es in einer autonomen Selbsthilfegruppe von Psychiatriebetroffenen ankommt: Zusammenschluss; Kampf gegen die Psychiatrie und für Menschenrechte; kollektive Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen; Selbstorganisation und Selbsthilfe; Befreiung vom psychiatrischen Einfluss; Suche nach dem Sinn des Wahnsinns; Autonomie und persönliche Entfaltung; kritische Auseinandersetzung mit »Experten«; Abbau der Machtverhältnisse innerhalb der Gruppe und Widerstand gegen Fremdkontrolle. »Die Irren-Offensive« erschien original 1983 im Extrabuch-Verlag. 2000 wurde das Buch im Antipsychiatrieverlag erstmals wieder aufgelegt. [Achtung: Die derzeit in Berlin bestehende Gruppe »Irren-Offensive« hat – vom Namen abgesehen – nur noch wenig mit der von Tina Stöckle beschriebenen basisdemokratischen und undogmatischen Gruppe gemeinsam. ]
Einleitung: Mein Bezugspunkt, meine Motivation. Zur Vorgehensweise .....V
Literaturliste ..... 287 Nachwort von Peter Lehmann ..... 291 Anhang: Laudatio anlässlich der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises der Humanistischen Union Berlin 2004 an das Weglaufhaus "Villa Stöckle" in Berlin ..... 294 Mein Bezugspunkt, meine Motivation, dieses Buch zu schreiben: Meine Lebensgeschichte wurde von der Psychiatrie stark geprägt. Ich war während meiner Lehrerinnentätigkeit mehrmals in der Klapse und musste erfahren, dass mir das überhaupt nicht half, sondern mich nur noch mehr zerstörte. Dann versuchte ich, in Selbsthilfegruppen wie Anonyme Alkoholiker, Emotions Anonymous, in von Profis geleiteten Gruppen weiterzukommen, aber ich hielt es nie lange aus, merkte, dass das irgendwie nicht das Richtige für mich war. Auch die Gesprächs- und Verhaltenstherapien änderten, obwohl ich dort einige für mich wesentliche Knackpunkte erkannte, nichts an meinem Ohnmachtsgefühl, an meiner Wut, an meiner Angst, dass ich ja doch irgendwann wieder in der Klapse landen würde ..., dass ich eigentlich endlich was dagegen tun müsste, sowohl für mich selbst als auch gegen den Missstand Psychiatrie. Ich wollte mich endlich für etwas engagieren, etwas gegen die Psychiatrie und für mich tun, wusste aber nicht wie, wo und was... Da stieß ich im Herbst 1980 auf den Namen Irren-Offensive. Allein der Name wirkte auf mich schon wie Zündstoff. Ich ging mit der Erwartung in die Gruppe, dort endlich Leute zu finden, die nicht nur Ähnliches erfahren hatten, sondern die bereit waren, sich damit und mit sich selbst auseinanderzusetzen und offensiv aufzutreten. Mein eigener Durchbruch gelang mir dann auf einer Pressekonferenz, als ich mich dazu durchgerungen hatte, öffentlich zu erklären, dass ich Mitglied der Irren-Offensive bin. Das hat mir zugleich unheimlich viel Sicherheit und Kraft gegeben, endlich mit dem Versteck- und Anonymspiel aufgehört zu haben. Es war dann auch so, dass ich mich die ganze Woche über nie so stark fühlte wie während der Treffen der Irren-Offensive. Da waren für mich so viel Power da, so viel Dynamik, und der Freiraum, dass ich da so sein konnte und durfte, wie ich mich wirklich fühlte. Andererseits fiel mir auf, dass zwar in der Gruppe so etwas wie ein fester Kern da war, dass die Gruppe auch ständig wuchs, dass aber manche ganz unregelmäßig erschienen, dass viele Leute nur einmal kamen, dass manche wieder in der Klapse landeten; und ich fragte mich, was wir eigentlich machen bzw. wollen. Da im Plenum (wöchentliche Vollversammlung der Betroffenen) selbst diese Frage zwar auch angeschnitten, aber wegen der vielen aktuellen Probleme nur andiskutiert wurde, kam ich auf die Idee, doch die einzelnen Gruppenmitglieder nach ihren Erfahrungen, Interessen, Bedürfnissen und Erwartungen zu befragen. Zu diesem Zeitpunkt musste ich eine Diplomarbeit im Rahmen meines Zweitstudiums Sozialpädagogik an der TU Berlin schreiben und sah dies als günstigen Anlass, die Irren-Offensive als Thema zu wählen. Ich sah in der Möglichkeit, Betroffene zu interviewen, die einmalige Chance, diese endlich selbst zu Wort kommen zu lassen. Ein Grund, warum ich diese Arbeit schrieb, also auch diese Interviews dokumentierte, ist, dass wir nicht verhindern können, dass irgendwann jemand von außen über uns schreiben wird. Aber dann ist es gerade wichtig, diesem die eigene Darstellung, ein von uns dokumentiertes Stück Geschichte und Leben entgegenzusetzen. Zur Vorgehensweise Die zentrale Stellung in diesem Buch nehmen die Interviews (Kapitel 1) mit 10 Mitgliedern der Irren-Offensive ein. (In der Diplomarbeit waren es 13 Interviews. Aus Platz- und Kostengründen war ich gezwungen, drei zu streichen.) Ich selbst wurde auch von einem Betroffenen interviewt, sehe mein Interview als einen Beitrag darunter. Die Ver-rückten sollen endlich selbst zu Wort kommen; ich will also nicht über sie schreiben, sondern sie selbst sprechen lassen. In Kapitel 2 werde ich die Kriterien für eine Alternative,
die den Interessen der Betroffenen gerecht werden kann, entwickeln. Die Kriterien
leite ich vor allem aus der lebensgeschichtlich entwickelten Kritik der Betroffenen
einschließlich meiner eigenen an der Psychiatrie ab. Aufgrund
des permanenten Diskussionsprozesses in der Irren-Offensive, meiner Erfahrung
mit Betroffenen außerhalb der Irren-Offensive und mit Profis und meiner
Auseinandersetzung mit Literatur hat sich mein Bewusstsein von Kriterien für
eine Alternative so weit entwickelt, dass ich diese Kriterien ausdifferenziert
darstellen kann. Um den Stellenwert der Irren-Offensive gegenüber der alternativen Psychiatrie (Sozial-, Gemeindepsychiatrie) und den Selbsthilfegruppen innerhalb dieser zu bestimmen, werde ich deren Herkunft und Ziele zu den Bedürfnissen der Betroffenen ins Verhältnis setzen und den wirklichen Charakter dieser Selbsthilfegruppen als Kontaktbereichspsychiatrie aufzeigen. Dann werde ich in Kapitel 3 die Entstehung und Entwicklung der Irren-Offensive, Deutschlands erster Psychiatrieopfer-Selbsthilfegruppe mit radikalem politischem Ansatz, beschreiben. Ich stütze mich dabei auf die Aussagen in den Interviews und auf das Material der Irren-Offensive aus der Öffentlichkeitsarbeit. In Kapitel 3.2 werde ich die Selbstaussagen der Interviewten und die Aktivitäten der Irren-Offensive anhand der Kriterien beschreiben und messen, die ich in Kapitel 2.2 entwickelt habe, und anschließend nach den Möglichkeiten die Grenzen, wie sie die Interviewten selbst wahrnehmen, nach denselben Kriterien darstellen. Hier fühlte ich mich in einem Dilemma: Auf der einen Seite kommen die Betroffenen und eben auch ich als Betroffene zu Wort, auf der anderen Seite musste ich jetzt allein doch wieder die Aussagen zusammenfassen, ordnen und auch werten. Ich wünschte mir eigentlich, dass ich das nicht allein machen musste, aber ich war nun mal die einzige in der Irren-Offensive, die eine Arbeit schreiben musste. Diese Widersprüche Einzelne und Gruppe auf der einen Seite und Betroffene und Professionelle, die normalerweise bezahlt mit Betroffenen arbeiten würden, auf der anderen Seite ziehen sich durch die ganze Arbeit. Sie bewirkten auch, dass ich oft nicht mehr weiterschreiben konnte, alles in den Papierkorb werfen wollte, damit einfach nicht mehr klar kam, bis mir wiederholt diese realen Widersprüche von lieben Leuten klargemacht wurden, dass ich das nicht lösen könne, dass ich damit umgehen müsse, indem ich das immer wieder anspreche. Ich werde in Kapitel 4 darauf noch einmal zu sprechen kommen, wenn ich frage, ob und wie die Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und Professionellen sein kann. Vorher werde ich noch die Perspektive der Irren-Offensive und die notwendigen politischen Forderungen, die die Interviewten aus ihren Erfahrungen, Bedürfnissen, Interessen und Wünschen ableiten, darstellen (3.3). Im Nachwort soll die weitere Entwicklung der Irren-Offensive, die nach den Interviews stattgefunden hat, kurz dargestellt werden. Tina Stöckle war im Herbst 1980 auf die Irren-Offensive Berlin gestoßen. Sie leistete ab 1983 wesentlichen Anteil am Aufbau des mit Landesmitteln finanzierten Treffpunkts der Irren-Offensive und an seinem Betrieb. Tina Stöckle starb im April 1992. Ihr Buch ist schon lange vergriffen, der Extrabuch-Verlag existiert seit Jahren nicht mehr. In ihrem Buch hatte Tina Stöckle den Werdeprozess dieser Gruppe und die ersten Aktionen beschrieben. Später dann, ab 1984, bekam die Gruppe von der Westberliner Landesregierung finanzielle Zuwendungen, wodurch sie einen Treffpunkt sowie eine ganze und mit der Zeit eine weitere halbe Stelle für den Betrieb der Einrichtung und für Beratung finanzieren konnte. Die Wohnung, in der sie ihr Domizil aufschlug, erhielt sie über einen Psychiatriebetroffenen, der Jahre zuvor eine Reihe von freistehenden Altbauwohnungen zur Weitervermietung an Projekte angemietet hatte. Mit der Öffnung der Beratungs- und Informationstermine auch für nicht persönlich von der Psychiatrie Betroffene waren nur noch das wöchentliche Plenum und die Vereinszugehörigkeit ausschließlich (ehemaligen und aktuellen) Anstaltsinsassinnen und -insassen vorbehalten; auf diese Weise blieb die Entscheidungsbefugnis in den Händen von Betroffenen. Die bald nach Entstehen der Irren-Offensive gegründeten Kleingruppen für regelmäßige Gespräche über zutiefst persönliche Angelegenheiten bestanden immerhin zwei Jahre; Gespräche über Persönliches konnten später innerhalb des Frauentags, des Beratungstermins oder zum Teil in persönlichen Beziehungen geführt werden. Auch männerspezifische Fragen der Verrücktheit waren Thema – wenn auch nur ein einziges Mal, bei der Teilnahme von vier Mitgliedern der Irren-Offensive an einem Berliner »Männertag« Mitte der 80er Jahre. Nachdem die erste Auflage ihres Buches vergriffen war, widerstand Tina Stöckle allen Verlockungen eines Nachdrucks. Sie befürchtete, dass ihr Buch in einigen Passagen zur undifferenzierten Verherrlichung von Verrücktheit beitragen könnte. Dies basierte auf ihren persönlichen Erfahrungen, die sie im Lauf der Jahre in der Irren-Offensive Berlin machte: bei Aktionen, in der Beratung im Treffpunkt und in seiner Organisation. Neben Ludger Bruckmann war Tina Stöckle das letzte verbliebene aktive Mitglied derjenigen Fraktion, die mit ihrer radikalen Einstellung den antipsychiatrischen Ruf der Irren-Offensive begründet hatte. Vor ihr hatten andere langjährige antipsychiatrisch Aktive, zu denen auch ich mich zähle, nach und nach die Gruppe verlassen, nachdem sie der Erfahrung hatten Tribut zollen müssen, dass auch das Lager der Psychiatrie-Betroffenen nicht frei von Bosheit, Macht- und Geldgier sowie Gewaltausübung ist. In dieser Situation entschloss sich Tina Stöckle zur Neuauflage ihres Buches als historisches Dokument von der Periode der Irren-Offensive, in der die Kriterien am ehesten erfüllt waren, die sie als notwendig für anti- und nichtpsychiatrische Selbsthilfe ansah: Solidarität untereinander, kritische Distanz zum Krankheitsbegriff, Befreiung vom psychiatrischen Einfluss sowie Abbau von Machtverhältnissen innerhalb der Gruppe. Die in der Irren-Offensive seit 1989 neu aufgekommenen Strukturen sollten die früheren Ideale nicht dem Vergessen preisgeben. Ursprünglich hatte Tina Stöckle 13 Psychiatrie-Betroffene ausführlich interviewt: zu ihrem Leben vor der Psychiatrisierung sowie zu ihren Erfahrungen in der Psychiatrie und danach. In ihrem Buch konzentrierte sie sich schließlich auf zehn dieser Interviews. Die Kritik der Psychiatrie und die Ansatzpunkte zu Alternativen stellte sie in einen Rahmen, der sowohl die Geschichte der antipsychiatrischen Selbsthilfe als auch die Distanzierung von angeleiteter gemeindepsychiatrischer Selbsthilfe einschließt. Da ich neun Jahre lang mit Tina Stöckle zusammenlebte und -arbeitete, bis zuletzt ein vertrautes Verhältnis zu ihr hatte und zudem das korrigierte Manuskript der von ihr in Erwägung gezogenen Neuauflage besitze, weiß ich weitgehend Bescheid über diejenigen inhaltlichen Aussagen, hinter denen sie zuletzt nicht mehr stand und die sie für eine Neuauflage gerne überarbeitet hätte:
Peter Lehmann, 26. Januar 2005 A book about the Irren-Offensive This spring a book about our work and experiences will be published by Tina Stöckle (in German). It is called Die Irren-OffensiveErfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrieopfern; this means: "The Mad-People's Offensive: Experiences of a Self-help Organization of Victims of Psychiatry." (...) Out of ten longer interviews with psychiatric victims there is derived, by looking at the life- and psychiatric-experiences of each one, how a real alternative to psychiatry has to be. There must or should be: solidarity, fighting against psychiatry and for human rights, collective dispute (protest) of social and living conditions, self-organization and self-help, liberation from psychiatric influence, autonomy and personal development, critical dispute with "experts," and dismantling of all relations of power inside the organization as well as resistance against extraneous control. By Peter Lehmann, in Madness Network News, Vol. 7 (1983), No. 2 |