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Kerstin Kempker (Hg.)
Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus


Einleitung

Schon die Römer, die nicht im Traum daran dachten, die Sklavenhalterordnung abzuschaffen, diagnostizierten bei den Sklaven eine »seltsame Weglauf-Krankheit«. (Joepen 1997, S. 43)

Silvester '96 eröffnete der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt, der sich sieben Jahre zuvor gegründet hatte, in Berlin die bundesweit erste öffentlich finanzierte antipsychiatrische Zufluchtstätte für Psychiatriebetroffene, das Weglaufhaus. Sieben Jahre nach Uta Wehdes Buch (1991) zu Idee und Vorgeschichte ist dies das Buch zur Praxis. Vielleicht wird es später, nach sieben Jahren Praxis, wieder ein Buch geben, die Theorie zur Praxis. Vielleicht wird es diese Theorie nie geben.

Warum also jetzt ein reines Praxisbuch? Es geht nicht anders, denn wir haben keine – zumindest nicht die eine – Theorie zum Weglaufhaus. Und es kann nicht anders sein, denn die gemeinsamste Theorie ist die, ohne eine solche im Haus zu sein. Ohne eine Lehre und mit einer Leere, die Platz bietet für das, was ist.

Manchmal geht es wie ein Aufschrei durch unser Team: »Wir wissen doch gar nicht, was wir da tun. Wir brauchen Grundlagen, ein Arbeitskonzept. Wir müssen doch an einem Strang ziehen.« Wir lernen schwimmen, ohne diesen Rettungsring, ohne den Grund zu kennen und ohne ein Ufer in Sicht.

Von den Haifischzähnen der Bezirksbeamten wird hier die Rede sein, mit denen sie am Standbein des Weglaufhauses und an den Nerven der Beteiligten knabbern. Vom Sog zurück ins Alte, Bekannte, oft heißt das: in die Psychiatrie. Von Schlingpflanzen der Erinnerung, die hinabziehen. Von wahnsinnigen und wahnwitzigen Strudeln und ihrer mitreissenden Wucht.

Das Weglaufhaus ist jetzt zweieinhalb Jahre alt, besser jung, es lacht, brüllt, bekommt langsam Biss und steht allein. Aus dem Gröbsten raus ist es noch lange nicht. Zum Glück hat es viele PatInnen und SympathisantInnen. Und es wird gebraucht. Die Geschichte all derer, die telefonisch, schriftlich oder persönlich im Weglaufhaus Rat suchen, rund um die Uhr und in großer Zahl, wäre ein anderes Buch, das Buch der Hilflosigkeit und Beschränkungen. Denn nicht alle, die es wollen und brauchen, können im Weglaufhaus aufgenommen werden, und es gibt kaum psychiatriefreie Hilfen, auf die wir verweisen können.

Bewohnerinnen, Ehemalige, MitarbeiterInnen, Praktikantinnen und Vereinsmitglieder werfen einen Blick zurück auf ihre Zeit in und mit dem Weglaufhaus. Ein weiterer Blick ist der auf uns, soweit er sich niedergeschlagen hat in der Presse. Zusammen sollen diese verschiedenen Perspektiven beitragen zu einem möglichst plastischen Bild des Alltags im Haus.
Dazu gehört auch ein Blick zurück auf das Hindernisstolpern unseres Trägervereins zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt durch die Institutionen; auf die Kröten, die wir schlucken, und die, die wir nur ausspucken konnten; auf das Vereinsleben damals und die tausend gewichtigen Kleinigkeiten, mit denen wir uns die letzten Jahre herumgeschlagen haben und die zu vergessen schade, vielleicht sogar schädlich wäre. Denn aus dem größten Mist wachsen mitunter die kräftigsten Blumen.

Das Dilemma, in dem wir als Vereinsmitglieder oft steckten, zwischen dem berechtigten Interesse der Medien an O-Tönen, d.h. Betroffenengeschichten, und unserem ebenso berechtigten Anliegen, nicht als Ich-habe-so-gelitten-Emma Gehör zu finden, sondern als jemand, die oder der etwas zum Thema zu sagen hat, taucht auch hier auf. Die Zutaten sind nur anders gemischt. Unser Wunsch, möglichst viele (ehemalige) BewohnerInnen in diesem Buch zu Wort kommen zu lassen, stieß meist auf mildes Desinteresse. Wenn man kein (bleibendes) Dach über dem Kopf hat, kein Geld und keinen Beruf, geschweige denn Arbeit, wenn also – abgesehen von allen persönlichen Problemen – die eigene Existenz so fragwürdig und ungesichert ist, dann ist Schreiben Luxus. Geschriebenes wird bedrohlich, wenn darin die Sozialhilfe gekürzt, die Wohnung gekündigt oder das vernichtende psychiatrische Gutachten eingesetzt wird. Schreiben ist eine unangenehme und oft ungewohnte Notwendigkeit, wenn ein fristgemäßer Widerspruch einzureichen oder ein Gläubiger zu vertrösten ist. Kurz gesagt, fast alle BewohnerInnen wollten nicht schreiben, und wir konnten es gut verstehen. Also haben wir die befragt, die Zeit und Nerv dazu hatten.

Wir machen uns angreifbar, wenn wir unsere Probleme so offenlegen, ich spüre auch schon den nach Stellen suchenden Blick einiger Nachbarn. Trotzdem – die Suche nach einem offenen, direkten und gleichberechtigten Miteinander ist so zentral in unserer Arbeit und auch so entscheidend, dass ohne die Darstellung oder zumindest das Anreißen der Probleme, Streitigkeiten, Grenzen und Ungeklärtheiten im Weglaufhaus und drum herum nur ein Sanso-schäfchenweiß-Bild gemalt würde, konturlos und weit weg vom Wirklichen. Weit weg auch von dem, was neu und spannend ist.

Der politische Kontext, in dem das Weglaufhaus als neuartiges Projekt und alle an ihm Beteiligten stehen und sich bewegen, von der Familien- und Psychiatriegeschichte über die soziale und ökonomische Situation bis hin zu juristischen, philosophischen und kulturellen Fragen, wird in den Beschreibungen und Gesprächen in diesem Buch weniger explizit benannt; er soll vielmehr aus ihnen hervorschimmern, aus Bild und Ton, dem Angedeuteten wie dem Gesagten. Das Politische, das Antipsychiatrische ist immer Thema, aber nicht als Denkübung oder zur Stärkung der Fronten, sondern im Alltag, in den Erfahrungen, im Miteinander und in den Möglichkeiten, die jemand hat oder nie hatte.

Begonnen hat es damit, dass ich nach knapp einem Jahr Weglaufhausbetrieb im Team vorschlug, zusammen ein Buch über die Realisierungsgeschichte und die ersten Erfahrungen im Weglaufhaus zu machen. Material gab es schon einiges, es sollte schnell, praktisch und gut lesbar sein, mit Bildern, Presseartikeln – gute Idee, aber wer macht's?

Wer schon einmal in einem Team mit basisdemokratischem Anspruch gearbeitet hat, weiß vielleicht, was ich meine, wenn ich von einer gewissen Lethargie und Unverbindlichkeit spreche. So sehr ich unser Team, als ein Teil von ihm, mag und wertschätze, den Humor, die Ungereimtheiten, die wechselnden Stimmungen und Entscheidungen, so klar war mir auch, dass dieses Team als schillernde und unberechenbare Persönlichkeit kein Buch herausgeben konnte. Wollten wir jeden Satz, jede Einschätzung ausdiskutieren, jede Korrektur abstimmen? Dieser Gedanke trieb mir schon bei der Erinnerung an die unendliche Geschichte unserer Konzeption den Schweiß auf die Stirn. Nachdem eine Herausgabe zu dritt an Terminproblemen gescheitert war, schlug ich vor, das Buch allein herauszugeben und zu verantworten und die aktuellen Beiträge jeweils ins Weglaufhaus zu tragen zwecks Kritik, Rückmeldung, Ideen. Das Team akzeptierte und schien erleichtert.

Einige Wochen später brachte ich die Frage der Namensnennung auf die Tagesordnung: Selbstverständlich würden die BewohnerInnen, wenn wir über sie schreiben, Decknamen erhalten und ihre persönlichen Daten verändert, aber wie stand es mit der gegenseitigen Erwähnung von KollegInnen? Wir einigten uns darauf, die Namen ehemaliger KollegInnen zu verändern, die derzeitigen zu belassen und allen die Möglichkeit einzuräumen, Stellen über sich aus den vorliegenden Manuskripten zu streichen.

Und so entstand – dies zur Warnung und Erklärung – ein von Anfang bis Ende subjektives Buch, dessen Form oder Inhalt an keiner Stelle dem Verein oder dem Team zuzuschreiben ist, sondern immer nur den jeweiligen AutorInnen und der Herausgeberin. Einer ersten Phase der Enttäuschung über mangelnde Texte, Resonanz und Kritik folgte bei mir ein Gefühl der Freiheit. Wenn ich nur deutlich genug machte, dass ich krass subjektiv schreibe, konnte ich auswählen, formulieren und phantasieren, wie ich wollte. Zum Glück animierte dieser Spaß, den mir das Schreiben auf einmal machte, auch andere zum Verfassen eigener Texte, und so kamen wir nach zähem Beginn auf fast zwanzig AutorInnen, denen ich allen herzlich danke!

Ein Buch der Praxis sollte es sein – aber aus unserer Praxis oder über sie, Geschehenes bloß wiederkäuend oder theoretisch reflektierend? Wie schnell kippt Reflexion in Diagnostik, Beschreibung in Zuschreibung. »Die Psychofalle« (Joepen 1997), ein erfrischendes Buch über die Entwirklichung des Alltags durch seine penetrante Psychologisierung, das ich zeitgleich las, gab meinem unguten Gefühl bei manchen Texten, die ich so nicht ins Buch nehmen wollte, Worte:

»Wo aber der Unterschied zwischen Benennen und Erkennen verschwindet, erheben sich Symbole zu Symptomen, Zeichen zu Anzeichen, Vermutungen zu Problematiken, Korrelationen zu Kausalitäten und semantische Innovationen zu Krankheitsbildern.« (S. 104)

An Stelle der sonst üblichen psychologisierenden Kommentare sollte Robert Walser uns durch dieses Buch begleiten. Seine Stimme auf einer zweiten Ebene, neben dem Text und nur indirekt auf ihn bezogen, sollte den Boden leicht schwankend halten. Intensiv und mit Genuss habe ich parallel zum Buchmachen die Walserschen Werke verschlungen und aus ihnen eine Leichtigkeit bezogen, die auch diesem Buch gut getan hätte. Schreiben wollte ich:

Robert Walser, geb. 1878, der große Schweizer Dichter der kleinen Form, ein leidenschaftlicher Spaziergänger, läuft mit durch dieses Buch. Er läuft nebenher und vornedraus, für sich, aber auch für uns zum Verschnaufen und gegen das Verlaufen.

»Denken und Gehen, Sinnen und Schreiten, Dichten und Laufen waren verwandt miteinander«, schrieb Walser 1916 (Walser II/ 304). Er lief bis zum letzten Tag und starb Weihnachten 1956 auf einer Wanderung allein im Schnee. Geschrieben hat Walser nur bis zum 19.6.1933, als er zwangsweise in die Anstalt Herisau bei St. Gallen gebracht wurde, wo er die nächsten 23 Jahre so unauffällig wie möglich verbrachte und nur hin und wieder, auf den Spaziergängen mit Carl Seelig, laut dachte.
Walser hat doppelbödig geschrieben. Er ist nicht weggelaufen, nicht wirklich. Er ist bis zum Verschwinden dageblieben. In seiner Prosa hat er die Artigkeit oft auf die Spitze getrieben und damit persifliert, was diesen schönen und unnachahmlichen Ton ergab, fein ironisch bis böse spöttisch, von oben herab, aber auch »von unten herauf«.
Aber dann verhinderte die Erbengemeinschaft das Projekt. Und so sind es nur kleine Sätze, die ich den (Unter)titeln unterschmuggeln kann. Vielleicht machen sie Lust auf mehr.

»Was nicht anwesend ist, ist es manchmal gerade dadurch sehr.« (Walser XII/47)

Was ist das Weglaufhaus?

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den ich im September '96 bei der Jahresmitgliederversammlung des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener in Kassel hielt. Er soll einen kurzen Überblick geben zu Geschichte, Idee und Praxis des Berliner Weglaufhauses. Das Angebot, diesen Vortrag zu halten, konnte ich nicht ablehnen, auch wenn ich mich gerne vor öffentlichen Auftritten und großen Vorbereitungen drücke. Es war der richtige Ort – nirgends sonst hätte ich lieber von unseren ersten Erfahrungen berichtet. Und es war der richtige Zeitpunkt – ein gutes halbes Jahr Praxis lag hinter uns. Wir hatten schon einiges erlebt, ausprobiert, (mit)gemacht, aber kaum Zeit zur Reflexion gefunden. Ich war nun gezwungen, einen Schritt beiseite zu treten, hinzugucken und Worte zu finden. Das war gut.

Zu unserer Freude begleitete Magdalena, eine Bewohnerin, Regina und mich nach Kassel. Sie beschrieb im Anschluss an meinen Vortrag das Leben im Haus aus ihrer Sicht. Ihr Strahlen, ihr witziges und offenherziges Erzählen steckte viele im Saal an, und es kam zu einer ausführlichen Diskussion über die Aufnahmebedingungen, über Fragen der Kooperation, die geringe Auslastung, den Umgang mit akut Ausgerasteten, die Nachbarn, Kontakte zu Ehemaligen und Anschlussprojekte. Eine fruchtbare Mischung aus Wohlwollen und ernsthafter Kritik, wie ich sie nur selten erlebt habe, machte deutlich: Dieses Weglaufhaus und die Verbesserung seiner Möglichkeiten lag den anwesenden ca. 150 Psychiatriebetroffenen am Herzen.

Zum Haus

Das Weglaufhaus ist eine gemütliche alte Villa am nördlichen Stadtrand von Berlin mit großem Garten, einem Teich und einer Terrasse, auch mit Nachbarn. Man ist in zehn Minuten an der S-Bahn in die Stadt, in fünf Minuten ist man auf den Feldern, raus aus der Stadt. Im Erdgeschoss sind die Gemeinschaftsräume, eine Wohnküche mit Telefonzelle in der Abstellkammer, ein großes Ess- und Allroundzimmer zur Terrasse hin, eine Wohndiele mit Sesseln und Sofas, von der aus eine Holztreppe in den 1. Stock führt, und das Büro. Im ersten und zweiten Stock sind neun Zimmer. Das kleinste nutzen wir als Mitarbeiter- und Notübernachtungsraum, die anderen acht können sich bis zu 13 BewohnerInnen teilen, wobei der 2. Stock Frauen vorbehalten ist, die unter sich sein wollen. Im Keller gibt's ein Möbel- und Kleiderlager, Waschküche, Heizungsraum und Werkstatt und einen Sportraum, der gerade verputzt und hergerichtet wird.

Zur Projektgeschichte

Dieses Haus hat uns ein privater Spender, der anonym bleiben will, dessen Sohn sich in der Psychiatrie das Leben nahm, 1990 als Weglaufhaus zur Verfügung gestellt. Unsere vagen Vorstellungen von einem Zufluchtsort für Psychiatriebetroffene, ähnlich den holländischen Weglaufhäusern, bekamen damit ein solides Fundament (vgl. Wehde 1991).

Wir, das waren ca. ein Dutzend antipsychiatrisch orientierte Psychiatriebetroffene (dazu gehörte auch Tina Stöckle, die im April 1992 gestorben ist und nach der wir das Haus benannt haben) und Nichtbetroffene, die aus anderen persönlichen Gründen motiviert waren. Wir gründeten `89 den Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt. In der Vereinssatzung haben wir ein Vetorecht der Psychiatriebetroffenen verankert, von dem wir allerdings noch keinen Gebrauch machen mussten. Sieben Jahre lang traf sich der Verein jeden Freitag, die Orte wechselten, auch einige Mitglieder, aber Hauptziel blieb die ganze Zeit das mit öffentlichen Mitteln finanzierte Weglaufhaus.

Die Chronik der Verwaltungshürden, die Liste der Dummheiten und Gemeinheiten, das Zermahlenwerden zwischen den Zuständigkeiten, die Rolle als Pingpongball zwischen den Parteien, die Auflagen, die, sobald wir sie erfüllt hatten, neue Auflagen gebaren, diese Summe der Verhinderungs- und Zermürbungsstrategien von Seiten der Verwaltung, der Psychiatrie, der Politik (es war immer gerade Wahlkampf, wenn Entscheidungen anstanden) und auch der Nachbarn lassen sich, glaube ich, nur noch kabarettistisch wiedergeben. Es drängt mich, das irgendwann zu tun, vielleicht, wenn die Existenz des Weglaufhauses etwas gesicherter ist als heute.

Jetzt nur die entscheidenden Fakten: Das Weglaufhaus war Bestandteil der rot-grünen Koalitionsvereinbarung von 1989. Im Finanzplan des Senats gab es den Posten Weglaufhaus als Zuwendungsempfänger. Wir sollten nur noch ein Haus finden, damit die vorgesehenen Gelder entsperrt werden konnten. Wir fanden ein Haus. Die Koalition platzte. Die SPD schickte uns eine Ablehnung. Das war im Februar `91. Es war klar, dass aus dem Psychiatrietopf kein antipsychiatrisches Projekt finanziert würde. Wir brauchten ein Jahr, um uns wieder zu berappeln und neue Finanzierungswege zu erkunden. Das Haus blieb uns aber als Weglaufhaus erhalten, dank der unendlichen Geduld seines Eigentümers.

Ende '92 beantragten wir bei der Senatsverwaltung für Soziales die Finanzierung über Tagessätze nach §72 des BSHG »Hilfe in besonderen sozialen Schwierigkeiten«. Dass wir vom Gesundheitsressort zu Soziales wechselten, bedeutete u.a., ohne den Krankenstatus auszukommen, ohne psychiatrische Einmischung zu arbeiten, dachten wir.

Da die Grundlage unserer Konzeption die Annahme war, dass Psychiatrieflüchtlinge, die ins Weglaufhaus kommen, zwar einen Haufen Probleme haben und vielleicht auch machen, aber deswegen nicht krank sind, war der Wechsel zu Soziales erst einmal befreiend. Wir mussten nicht mehr mit Psychiatern über Alternativen zur Psychiatrie diskutieren. Der große Haken aber war die Obdachlosigkeit. Nach §72 Bundessozialhilfegesetz finanziert kann das Weglaufhaus nur wohnungslose Psychiatriebetroffene aufnehmen und in der Regel nur für bis zu sechs Monate. Der zweite Haken ist die Höhe des Tagessatzes, der sich nicht am psychiatrischen Tagessatz von fünf- oder sechshundert Mark orientiert, sondern an dem von Obdachloseneinrichtungen, Schallgrenze 200,- DM. 1998 beträgt unser Tagessatz 198 DM, viel und wenig zugleich, viel nach §72 und wenig, wenn damit rund um die Uhr zwei MitarbeiterInnen finanziert werden müssen, die mit Ämtergängen, Büroarbeiten, Gesprächen, Krisenbegleitung und der Mitarbeit im Haushalt voll ausgelastet sind.
Die letzten beiden Jahre vor Eröffnung hielt uns die Bürokratie auf Trab. Wir studierten die Ausführungsvorschriften zur »Zweckentfremdungsverbotsverordnung«, die »Heim-Mindestbauverordnung«, wir erfochten vor dem Verwaltungsgericht die Abweisung des Widerspruchs der Nachbarn gegen die Baugenehmigung zur Nutzungsänderung. Bauaufsicht, Berufsgenossenschaft, Gesundheitsamt, alle hatten Auflagen.

Das Haus wurde umgebaut, Zimmer wurden verkleinert, Fluchtwege geschaffen, Brandschutzmauern gezogen, der Nachbar zur Rechten bekam seinen zwei Meter hohen Zaun. Wir machten Info-Veranstaltungen, schüttelten Politikerhände (es war wieder Wahlkampf, Sozialstadträtin im Bezirk war eine Republikanerin), wir holten psychiatrische Gutachten über die vermeintliche Gefährlichkeit von Verrückten ein, bis endlich die Baugenehmigung durch, der Umbau abgenommen, der Tagessatz da und die Eröffnung absehbar war.

Wir mussten, das war letztes Jahr in der Vorweihnachtszeit, nur noch das Haus einrichten, MitarbeiterInnen suchen, die 23 Berliner Bezirksämter kontaktieren, die Finanzierung regeln und uns um die Inhalte der Arbeit kümmern. Was sind die Aufnahmebedingungen? Geben wir eine Hausordnung vor? Was tun bei Gewalt, bei Suizidgefahr? Was bei Zwangseingewiesenen, bei ›Betreuten‹? Wer trifft welche Entscheidungen?

Ende Dezember '95 luden wir all unsere Berliner UnterstützerInnen ein – Paten und SpenderInnen, Politiker und Projekte, hilfreiche Freunde und auch Unterstützer aus der Psychiatrie. Ohne die vielen monatlichen Kleinspenden und einige große, ohne die FürsprecherInnen und die gesamte ehrenamtliche, sprich unbezahlte, Arbeit unserer Vereinsmitglieder gäbe es das Weglaufhaus noch lange nicht. (Dies ist auch ein Grund, weshalb mich die Vorwürfe von Seiten einzelner Betroffener, dass wir Antipsychiatrieleute immer nur gegen alles sind, statt was zu tun, besonders ärgern.)

Am 1.1.96 eröffneten wir das Weglaufhaus unter Trägerschaft des Vereins zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt. Wir hatten eine ausführliche Konzeption, aber vieles war noch offen. Fest standen die Aufnahme- und die Einstellungsbedingungen für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen.

Die BewohnerInnen

Aufgenommen werden kann nur, wer psychiatriebetroffen und obdachlos ist, wer kein aktuelles Suchtproblem hat, nicht aus der Forensik kommt und nach einer Alternative zu Psychiatrie und Psychopharmaka sucht. Menschen, die zwangsuntergebracht sind, können, wenn wir davon wissen (!), nur nach Absprache mit der Psychiatrie im Weglaufhaus bleiben. Das tut weh, ist aber die logische Konsequenz, wenn öffentliche Mittel im Spiel sind. Alles andere wäre illegal und somit nur privat bzw. untergrundmäßig zu verwirklichen. Das gleiche trifft Leute, denen das Aufenthaltsbestimmungsrecht genommen ist. Praktisch ist es uns in den acht Monaten bisher bis auf dreimal (Unterbringungen) immer gelungen, die Betreuer und auch die Psychiatrien vom Sinn des Weglaufhaus-Aufenthalts zu überzeugen. Da wir niemanden festhalten, standen die Psychiater immer nur vor der Entscheidung, ob jemand besser auf der Straße herumirrt oder im Weglaufhaus ist.

Wer zu uns kommt, sollte sich auch vorstellen können, innerhalb von sechs Monaten wieder auf die Füße zu kommen. Die Zeit ist kurz. Ohne Geld und Wohnung (fast alle BewohnerInnen leben von Sozialhilfe oder einer sehr geringen Rente) ist einem der Boden entzogen. Wenn dann auch noch die FreundInnen fehlen, die Familie nicht hilft und keine Ausbildung gemacht werden konnte, wirft das auch den stärksten Normalo um. Mit einer ganz aktuellen und z.T. jahrelangen Psychiatriegeschichte im Nacken ist es schon viel, in sechs Monaten neben all den Ämtergängen, die auf jeden Fall anstehen, etwas in den Alltag und die Gemeinschaft hineinzuwachsen, über das, was war, zu sprechen, von den Psychopharmaka runterzukommen, sich gesundheitlich zu stabilisieren und eine erste Perspektive zu entwickeln. Das ist oft nicht die eigene Wohnung, die selbstbestimmte Arbeit und die Partnerschaft fürs Leben, sondern eher ein WG-Platz, ein VHS-Kurs und ein Betreuerwechsel. Dass man, wenn die Zeit drängt, mit zu großen Schritten schnell auf die Nase fällt, haben wir zusammen mit den ersten BewohnerInnen lernen müssen. Wenn der Aufenthalt Sinn machen soll, muss also eine Aufnahmebedingung sein, dass in dem halben Jahr auch etwas geschieht. Für jemanden, der – aus guten Gründen – erst einmal ein Jahr im Sessel verschnaufen will und dabei gut behandelt und versorgt werden möchte, ist das Weglaufhaus der falsche Ort (auch wenn es den richtigen Ort nirgends gibt). Wir können, auch das tut weh, nicht für alle da sein. Das trifft ja auch diejenigen, die wenigstens noch eine Wohnung haben oder die – nicht zuletzt durch die Obdachlosigkeit – ein Alkoholproblem haben.

Bei der Aufnahme unterschreiben die BewohnerInnen die Hausordnung, die zunächst nur aus drei Punkten bestand: Mitarbeit im Haushalt, gegenseitige Rücksichtnahme und keine Gewalt. Der vierte Punkt, kein Alkohol im Haus, kam hinzu, als sich die leeren Bierdosen und Weinflaschen türmten und die Atmosphäre im Haus unerträglich wurde. Unsere Vorstellung, dass ein Bierchen vor dem Schlafengehen sicher besser sei als Tabletten und zu einem möglichst normalen Alltag auch mal das Glas Wein zum Essen gehört, dass wir das niemandem verbieten wollten, war naiv und nicht realisierbar. Zum Einschlafen brauchte es eben viele Bierchen, und eine Flasche Eierlikör konnte das Essen ersetzen. Wer setzt die Grenze? Einerseits wurde es von Glas zu Glas gemütlicher, andererseits kamen bei Bewohnerinnen mit einer Missbrauchsgeschichte schon beim Geruch der Alkoholfahnen schrecklichste Erinnerungen und Hass hoch. Wir MitarbeiterInnen gerieten in die Rolle von Polizisten, durchsuchten Zimmer und Einkaufstaschen, schnupperten die Bewohner an und fühlten uns dabei bescheuert. Also kam es nach vielen Diskussionen im Team, in der Hausversammlung der BewohnerInnen und der gemeinsamen Vollversammlung zu der vierten Hausregel: kein Alkohol. Das Thema ist damit nicht vom Tisch, aber die Bedingungen sind klarer.

Die MitarbeiterInnen

So wie es Aufnahmebedingungen für die BewohnerInnen gibt, die nichts mit Diagnosen oder Krankheitsgeschichten zu tun haben, so gibt es auch Einstellungskriterien für die MitarbeiterInnen, die sich nicht an Berufsabschlüssen orientieren. Qualitäten wie Lebenserfahrung, Offenheit, Einfühlungsvermögen und Konfliktfähigkeit klingen zwar etwas abgedroschen, geben aber doch wieder, was uns im Bewerbungsgespräch wichtig ist. Kenntnisse im Sozialhilferecht oder Erfahrungen mit Teamarbeit können aber auch nicht schaden. Daneben erwarten wir eine antipsychiatrische Grundhaltung, das heißt, dass sie den BewohnerInnen direkt und unvoreingenommen begegnen, nicht als Kranken, sondern als verantwortlichen Menschen, die selber über ihr Leben bestimmen. Hilfreich sind dabei eigene Erfahrungen mit Verrücktheit und Psychiatrie, sofern eine Auseinandersetzung damit stattgefunden hat. Deshalb sind mindestens die Hälfte der MitarbeiterInnen im Weglaufhaus Psychiatriebetroffene. Zur Zeit, im August '98, arbeiten sieben Psychiatriebetroffene und sieben Nichtbetroffene im Haus sowie drei PraktikantInnen.

Die Tatsache, selber in der Psychiatrie gesessen zu haben, sagt als solche noch nichts aus über die Qualität der Arbeit. Sie taucht auch im Team selten als Thema auf. Meinungsverschiedenheiten verlaufen entlang anderer Grenzen, die mehr mit Ausbildung, Alter und persönlichem Lebensentwurf zu tun haben. Unsere Kritischen Psychologen sprechen oft in fremden Zungen, während die spontanen Wutausbrüche unseres Fahrradmechanikers oder meine etwas forsche, pragmatische Art andere vor den Kopf stoßen mögen. Wir sind ein sehr buntes Team, acht Frauen, sechs Männer. Wir sind sehr unterschiedlich, streiten auch viel, und ich denke, das ist gut so. Dass die Hälfte der MitarbeiterInnen selber in der Psychiatrie waren, diagnostiziert als »Manisch-Depressive«, als »chronisch Schizophrene«, als etwas anderes oder alles auf einmal, ist trotzdem von großer Bedeutung (ebenso wie die Tatsache, dass kein Psychiater ins Haus kommt). Die Zusicherung »wir nehmen dich hier ernst«, wie sie sie aus anderen Einrichtungen sicher schon kennen, tritt den BewohnerInnen sozusagen leibhaftig gegenüber, denn wer das sagt, war doch selber ein Nicht-mehr-ernst-zu-Nehmender. Oft drehen sich die Gespräche um unsere Psychiatrieerfahrung. »Wie war das denn bei dir? Wie hast du abgesetzt?«
Nach außen, gegenüber den Medien und in öffentlichen Veranstaltungen, geben wir MitarbeiterInnen uns nicht als Betroffene oder Nichtbetroffene zu erkennen. Das hat den Hintergrund, dass die Betroffenen meist nur zu ihrer persönlichen Geschichte befragt werden, während die anderen automatisch als die Profis gelten. Um dieser neuerlichen Diskriminierung vorzubeugen, dass man entweder betroffen oder aber ausgebildet ist, müssen nun unsere Nichtbetroffenen damit leben, für Betroffene gehalten zu werden, während die Betroffenen sich nicht mehr nur auf ihre persönliche Geschichte zurückziehen und damit argumentieren können. Eine phantastische Lösung, finde ich, die sich bewährt hat und beiden Seiten etwas abverlangt.

Idee und Wirklichkeit

Das Weglaufhaus ist keine therapeutische Einrichtung, sondern ein Ort des Zusammenlebens: mit verschiedenen Rollen, auf Zeit und in Abhängigkeit voneinander. Ich habe keinen Plan und keine Methoden, wenn ich ins Haus gehe. Wenn ich Erwartungen habe, werden sie mit einiger Sicherheit über den Haufen geworfen. Ich weiß vielleicht, dass es ein paar Termine gibt, die wir einhalten sollten. Aber was geschieht und wie die Stimmung ist, ob es gemütlich oder ein großes Gezeter wird, ob die Polizei vor der Tür steht oder frische Blumen, ob es ein opulentes Abendmahl gibt oder allenfalls ein Stück altes Brot und Margarine, das weiß ich nicht, das liegt auch nicht in meiner Macht. Es hängt davon ab, ob der wöchentliche Haushaltsplan von den BewohnerInnen eingehalten wird oder nicht, ob Neue da sind, ob jemand ausgerastet ist, ob es auf dem Sozialamt, dem Arbeits- oder Wohnungsamt Ärger gab oder nicht, es hängt von tausend Dingen ab, am wenigsten wohl von mir.

Es ist ein spannender und unbedingt abwechslungsreicher Arbeitsplatz und sicher auch ein nicht immer erholsamer Lebensort für die BewohnerInnen.

Unsere Rolle als MitarbeiterInnen liegt mehr im Moderieren als im Vorgeben. Wir sind nicht so wichtig. Wir müssen nur die Dinge ins Rollen bringen, an Abmachungen und Termine erinnern, begleiten, befragen, zuhören und schauen, dass es weitergeht, dass die Nachbarn sich wieder einkriegen, die Polizei wieder abzieht, das Haus intakt bleibt. Wir sind natürlich keine meinungslosen Diener. Ich schimpfe, wenn mich etwas ärgert. Ich poltere gegen die Zimmertüre, wenn ein dringender Termin ansteht. Beim Hausputz sorge ich dafür, dass keiner im Sessel kleben bleibt. Aber meine Meinung zum Leben, auch zur Psychiatrie oder zu Psychopharmaka, ist eben nur meine. Ich kann sie begründen. Aber ich hüte mich vor Überredungsversuchen (auch wenn das nicht immer leicht fällt).

Das Selbstbestimmungsrecht der BewohnerInnen ernst zu nehmen, heißt in letzter (aber nur in letzter!) Konsequenz auch, sie selbstbestimmt ins Desaster ziehen zu lassen. Das gab es schon, und das ist für alle schwer zu ertragen, wenn jemand nach Monaten bei uns endlich in die eigene Wohnung zieht und sein Einrichtungsgeld in Heroin investiert, oder wenn jemand in dem Moment, wo die Weichen gestellt sind für einen Neubeginn, wieder verrückt wird. Diese Zeiten des Wechsels sind sehr gefährlich, und wir können helfen, die Gefahr zu mindern und das Spektrum der Möglichkeiten, die jemand hat, zu erweitern. Das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit und hat viel mit Kontakt und Vertrauen zu tun. Aber letztlich verhindern können wir es nicht, wenn jemand die Verantwortung abgibt. Wir werden dann zu Aufpassern, müssen Selbst- oder Fremdgefährdung verhindern. Wenn das im Haus nicht mehr möglich ist, kann es bis zum Ruf nach der Polizei führen. Das fordert schon die sogenannte Garantenpflicht von uns.

Das Wichtigste am Weglaufhaus ist, denke ich, dass es die Entscheidung möglich macht: Es gibt (zumindest für einige, die die Aufnahmebedingungen erfüllen) eine Alternative zur Psychiatrie, und damit gibt es eine Entscheidung. Und wenn BewohnerInnen sich nach einiger Zeit wieder entscheiden, diesmal anders, für die Verrücktheit, für die Psychiatrie, für Psychopharmaka oder andere Drogen, so ist das immer noch Bestandteil ihrer Freiheit. Zumindest solange eine Alternative bleibt; und die zu erhalten, das ist unsere Aufgabe. Da stoßen wir auch an unsere Grenzen, weil das Haus zu allen Seiten Nachbarn hat, weil es gesellschaftliche Normen gibt, auf deren Einhaltung wir achten müssen, um das Projekt als ganzes nicht zu gefährden, und nicht zuletzt, weil es MitbewohnerInnen gibt, die auch einen Anspruch auf Ruhe und ein freundliches Miteinander haben.

Unsere Wunschvorstellung war es, dass die BewohnerInnen sich gegenseitig stützen, dass sie Erfahrungen austauschen, zusammen was unternehmen, sich Freundschaften bilden und wir MitarbeiterInnen nicht so wichtig sind. Manchmal gelingt das, speziell wenn das Haus nicht voll ist und die richtigen Leute aufeinandertreffen. Oft erleben wir aber das Gegenteil, was sicher auch mit der räumlichen Enge zusammenhängt, wenn das Haus voll ist. Dann hat nicht mehr jede und jeder ein Einzelzimmer, dann gibt's auch nicht mehr die freie Entscheidung, ob man allein oder mit wem man zusammensein möchte. Warum aber sollen sich die Menschen, die im Weglaufhaus leben, deswegen etwas zu sagen haben oder sich gar alle mögen?

Die Entscheidung darüber, wer aufgenommen wird, können die BewohnerInnen zwar mit ihrem begründeten Votum beeinflussen (es gibt eine zweiwöchige Probezeit), letztlich trifft sie aber das Team, auch wenn bisher nie gegen die Mehrheit der BewohnerInnen entschieden wurde.

Die Dinge des Alltags im Haus entscheiden die BewohnerInnen, weitergehende Fragen wie Änderungen der Hausordnung entscheiden BewohnerInnen und Team gemeinsam, grundsätzliche konzeptionelle Änderungen entscheidet nur der Verein, der ja auch den BewohnerInnen offensteht. Es gab schon erste Anfragen von BewohnerInnen, die im Haus mitarbeiten wollen. Wenn zwischen dem Leben im Haus und dem Arbeiten dort eine Spanne der Selbständigkeit liegt und die anderen Kriterien erfüllt sind, kann dies genau der richtige Weg sein, um den Aspekt der Selbsthilfe wachzuhalten und nicht als Institution zu erstarren. Wir sollten nicht auf unseren Arbeitsplätzen kleben.

Was ist das Andere im Weglaufhaus?

Kurz zusammengefasst:

  • Die Verantwortung bleibt bei den BewohnerInnen. Das geht nur, wenn wir sie nicht für zeitweise fremdbestimmt, nicht für krank halten.

  • Krisen dürfen sein und werden nach Möglichkeit von uns begleitet, auch mal rund um die Uhr. Schwierig wird es nur, wenn der Kontakt ganz abbricht, Absprachen nicht mehr möglich sind.

  • Wir üben keinen Zwang aus und garantieren einen psychiaterfreien Raum.

  • Akten, die wir führen müssen, z.B. Befürwortungen der Kostenübernahme oder Entwicklungsberichte, die einige Sozialämter zur Bedingung machen, sind den Betreffenden jederzeit zugänglich. Sie bestimmen mit, welche Mitteilungen an welche Stellen gehen.

  • Es gibt mit der Hausversammlung, der Vollversammlung, dem Team und dem Vereinsplenum durchschaubare und demokratische Entscheidungsgremien, die alle mit einem Vetorecht der Betroffenen ausgestattet sind.

  • Die fest angestellten MitarbeiterInnen tun und verdienen das gleiche, egal was sie gelernt haben. Mindestens die Hälfte sind Betroffene.

Das ist für mich das Wesentliche und das Antipsychiatrische an unserer Arbeit. Dieser grundsätzliche Konsens ist gerade deshalb besonders wichtig, weil wir im Alltag immer wieder mehr oder weniger freiwillig zusammenarbeiten mit anderen Institutionen, seien es Wohnheime, Anstalten, Sozialpsychiatrische Dienste, Sozialämter o.a. Nur wenn ich genau weiß und auch mal deutlich mache, wo ich stehe, kann ich zusammenarbeiten, partiell und im Sinne der Betroffenen, ohne dass man mich über den Tisch zieht oder ich Verrat begehe.

Kerstin Kempker

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