in: Die Kleine Freiheit (Österreich), 3. Jg. (1983), Nr. 10, S. 25
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Tina Stöckle

Kongress über alternative Psychiatrie

Amsterdam, November 1982

Der Slogan auf dem Plakat zum »Psychipol« hieß »Psychiatrie anders« und hier ist eigentlich schon der grundlegende Konflikt zu sehen: Die Irren-Offensive kämpft für die Abschaffung der Psychiatrie in jeder Form und nicht für eine alternative Psychiatrie in Form von kleinen Klapsmühlen, Gemeinde- und Sozialpsychiatrie, ambulanter Psychiatrie...

Waren einige Leute von der Irren-Offensive auch sehr laut, ließen andere nicht zu Wort kommen ...‚ so müssen doch die grundlegenden verschiedenen Interessen gesehen werden, die eben auf unserer Seite zu emotionalen Ausbrüchen führten. Nichtsdestotrotz gab uns »Psychipol« die Möglichkeit, Cherry von der britischen Gruppe P.R.O.M.T. und Benny von Galebegevelsen aus Dänemark kennenzulernen. Angesichts des warmherzigen, offenen Kontakts mit diesen Mitgliedern von Betroffenengruppen zeigte sich die Kluft umso mehr zur Vertreterin der sog. demokratischen italienischen Psychiatrie; wieder einmal – wie wir es in den letzten Jahren immer erlebt haben – waren nicht italienische Betroffene, sondern ein professioneller Vertreter – eine Psychiaterin – anwesend. Diese seltsame »Demokratie« nur mit Geldmangel zu erklären oder zu entschuldigen, war für uns zu wenig überzeugend.

Ich finde, dass wir als Irren-Offensive mit anderen Mitteln – ruhig, auf die anderen eingehen, aussprechen lassen... mehr erreicht hätten. So bleibt für mich ein bitterer Nachgeschmack, was den »Psychipol« am Samstag und Sonntag betrifft.

Anders war es am Montag im Weglaufhaus: Wir hatten auf dem »Psychipol« einige Leute kennengelernt, die dort als »freiwillige Helfer« arbeiten, und auch eine Psychiatriebetroffene, die zur Zeit dort lebt. Obwohl wir im Weglaufhaus in der Keizersgracht ca. 30 Leute waren, konnten wir in Ruhe Informationen und Erfahrungen austauschen, auch Schwierigkeiten eingestehen, ohne dass man sich sofort rechtfertigen oder verteidigen musste. Es war sehr wichtig für uns und hat uns auch neuen Mut und neue Kraft gegeben. Die Tatsache, dass die Weglaufhäuser tatsächlich existieren und funktionieren, dass dort »freiwillige Helfer« Psychiatrieopfer unterstützen, dass es für diese eine wirkliche Alternative ohne Psychiater oder Gemeindepsychiater oder professionelle Helfer gibt, das hat uns sehr beeindruckt.

Eine Frage von uns an die »freiwilligen Helfer« war, was sie denn für sich persönlich von dieser Arbeit hätten. Die Antwort einer älteren Dame: »Seit ich im Weglaufhaus arbeite, sind meine Depressionen verschwunden«, fand ich überzeugend. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass die »Helfer« recht offen, ehrlich diskutierten, dass sie nicht die großen Profiallüren im Kopf haben, sondern dort als Menschen arbeiten und ihre Arbeit als eine politische verstehen. Ich wünschte mir, dass es in Berlin bzw. in der BRD auch mehr dieser Art Menschen gäbe. Vielleicht finden wir sie noch!

Was konnten wir – die Irren-Offensive – mit nach Berlin nehmen? Ein Weglaufhaus wie in Holland ist in Berlin nicht ohne weiteres so zu realisieren: Die politische Situation ist schärfer, zum Beispiel kann ich mir ein Abkommen mit der Polizei (dass diese das Haus nicht betritt) nicht vorstellen. Ebenso unmöglich ist bei uns, dass ein Betroffener – jemand, der zwangseingewiesen wurde und geflohen ist – einen Brief an die Psychiatrieleitung schickt und dadurch die Zwangseinweisung aufgehoben würde...

Trotzdem gibt es viele andere Gründe, warum wir ein ähnliches Haus aufbauen möchten: Es müssen ja nicht. »nur« oder sofort die »Zwangseingewiesenen« sein, sondern es gibt eine große Anzahl von Menschen, die sogenannt freiwillig in der Klapse sitzen, die nicht rauskönnen, weil sie keine Wohnung, keine Freunde haben. Gerade für solche wäre ein Ver-rücktenhaus äußerst notwendig. Die andere Gruppe Menschen sind die, die nicht allein sein können, die menschliche Hilfe und Unterstützung brauchen oder einfach jemanden, der da ist (ohne sich groß einzumischen).

Hier ist unser Ansatz für ein Haus – und da haben wir, die wir allein als Irren-Offensive für ein solches Projekt zu schwach sind, im Weglaufhaus erfahren, wie »freiwillige Helfer« dort mitarbeiten könnten. Eines der Hauptprobleme ist die Frage, wie wir uns finanzieren sollen: Sozialhilfe gibt es nur 340 DM, und das auch nicht so ohne weiteres; die Sozialhilfeempfänger werden gezwungen, einen Job zu suchen. Wovon sollen die Leute, die dort arbeiten, leben? In der Diskussion ist gerade, dass wir versuchen wollen, für uns zugleich in diesem Haus Arbeits- und Wohnkollektive zu gründen, um damit unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Es wird nicht einfach sein – wie gesagt, Ihr im Weglaufhaus habt uns wieder Mut gemacht – wir danken Euch!

Mit solidarischen Grüßen
Tina Stöckle