"Die Stimmen begleiten mein Leben"
Stimmen hörende Menschen wollen nicht länger ausgegrenzt
und ausschliesslich mit Medikamenten "behandelt" werden, sondern
den Sinn ihrer Stimmen entdecken lernen, damit sie in Frieden mit
ihnen leben können. Sie fordern Fachleute, aber auch die Öffentlichkeit
zum Umdenken auf.
Von Hannelore Klafki
Drei bis fünf Prozent aller Menschen hören Stimmen oder
haben irgendwann einmal in ihrem Leben Stimmen gehört. In der
Psychiatrie gilt Stimmenhören immer noch als Zeichen für
eine schwere psychische Störung und auch heute noch besteht
die Behandlung in den meisten Fällen ausschliesslich aus Medikamenten.
Die Stimmenhörer-Bewegung möchte die Psychiatrie zum Umdenken
bewegen: Wer Stimmen hört, muss nicht automatisch krank sein.
Viele Stimmen hörende Menschen waren noch nie in der Psychiatrie
und kommen gut mit ihren Stimmen zurecht.
Erste Strategien im Umgang mit den Stimmen
Bei mir begann alles, als ich 16 Jahre alt war. Ich war sehr erschrocken
und konnte mir nicht erklären, was da mit mir passierte. Es
dauerte lange bis es mir gelang, mich mit den Stimmen zu arrangieren
und es war eine harte Zeit in der ich oft in der Psychiatrie war.
Ich erzählte niemanden von meinen Stimmen, reagierte aber körperlich
auf sie. Wenn sie unerträglich wurden, kollabierte ich und
wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht. Hier wurde ich
auf epileptische Anfälle untersucht. Epileptiker wurden in
Deutschland Ende der 60er-Jahre noch in der Psychiatrie untergebracht.
Das Kollabieren war die erste Strategie, die ich im Umgang mit den
Stimmen entwickelte. Der nächste Schritt war, dass ich entdeckte,
dass ich die Stimmen von mir ablenken konnte. Das gelang mir, indem
ich ihnen "geistige Nahrung" gab: Durch Lesen oder Musikhören
wurden sie leiser. Auch wenn ich viel unternahm, redeten sie nicht
mehr so laut auf mich ein. Ich verabredete mit ihnen, dass sie mich
tagsüber zufrieden lassen sollten und nahm mir dafür morgens
Zeit für sie. Es dauerte eine Weile bis es klappte, aber dann
hatten wir morgens jeweils angeregte Gespräche, in denen ich
lernte zu akzeptieren, dass sie mein Leben begleiten. Am Anfang
hörte ich nur negative Stimmen. Später kamen jedoch positive
Stimmen dazu, die mir Ratschläge und Tipps gaben. So lebte
ich ca. 15 Jahre ohne grössere Beeinträchtigungen durch
die Stimmen ein ganz normales Leben.
Der Rückfall, die Psychiatrie und die Stabilisierung
Dann kam es zu grossen Veränderungen in meinem Leben. Umzug,
Scheidung und eine Umschulung brachten Turbulenzen und Stress. Immer
häufiger kamen Stimmen dazu, die mich störten und beunruhigten.
Sie waren wie Kobolde, die mich nachäfften, meine Gesprächspartner
ins Lächerliche zogen oder meine Äusserungen kommentierten.
Sie hielten mich vom Schlafen ab, verboten mir zu essen und waren
sehr laut. In einer extremen Situation hatte ich das Gefühl,
dass die böseste dieser Stimmen in meinen Kopf kroch und in
Form einer Automatenstimme die schlimmsten Beschimpfungen und Befehle
aussprach, die darauf hinaus liefen, dass ich nicht wert sei zu
leben und mich umzubringen hätte. Es war so unerträglich,
dass ich aus meinem Körper ausstieg und in die Psychiatrie
gebracht werden musste.
1990 erzählte ich in einer ähnlichen Situation in einer
Klinik zum ersten Mal von den Stimmen. Seitdem habe ich sechs verschiedene
psychiatrische Diagnosen erhalten, von denen die Schizophrenie mich
am meisten betroffen machte. Viele Neuroleptika wurden bei mir ausprobiert,
die Stimmen waren dagegen aber immun. Mein schlimmstes Erlebnis
war, als ich Haldol nehmen musste, das ja bei Stimmenhören
noch immer das Mittel der Wahl ist. Verunsichert durch die
Diagnosen der PsychiaterInnen und ihren Beteuerungen, dass ich unheilbar
psychisch krank sei, resignierte ich und ergab mich meinem Schicksal.
Das hatte zur Folge, dass die Stimmen immer aggressiver wurden.
Ich führte einen Dauerkampf mit ihnen, der mich zur Drehtürpatientin
machte.
Die Stimmen als Warnsignal wahrnehmen
1992 lernte ich eine psychosoziale Kontakt- und Begegnungsstätte
kennen, wo ich auf eine Sozialarbeiterin traf, die mich im Kampf
gegen die Stimmen unterstützte, indem sie mich und meine Stimmen
sehr ernst nahm. Heute habe ich zur früheren Beziehung zu meinen
Stimmen zurückgefunden und kann das Anschwellen des Stimmengemurmels
als Warnung wahrnehmen: irgend etwas ist dann bei mir nicht in Ordnung.
Das kann zu grosser Druck sein, den andere auf mich ausüben
oder den ich mir selbst mache, oder eine Konfliktsituation, die
ich noch nicht als solche erkannt habe. Dann können die Stimmen
wie ungezogene Kinder sein, die ich an einem ungestörten Ort
scharf zurechtweisen muss.
Wenn ich gewusst hätte, wie befreiend das Reden über
meine Stimmen mit anderen Betroffenen sein kann! Erst in unserer
Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass ich meine Stimmen im Zusammenhang
mit meiner Lebensgeschichte sehen sollte. Deshalb rate ich anderen
Betroffenen, mit Gleichgesinnten über ihre Stimmen zu reden.
Es hat mir auch geholfen, Texte über das Stimmenhören
zu lesen. Ein Stimmentagebuch zu führen und Teile davon in
der Gruppe zu diskutieren, war ein weiterer Schritt, wieder Kontrolle
über die Stimmen zu bekommen.
Netzwerk Stimmenhören e.V.: Forderungen an die Psychiatrie
Der Hauptgrund, warum ich jetzt seit 1997 ohne Klinik und Medikamente
leben kann, ist sicher, dass ich mich in der Stimmenhörer-Bewegung
engagiert habe. Ich sage immer: "Indem ich anderen helfe, helfe
ich auch mir selbst". Ich habe mich von einer Betroffenen zu einer
Expertin in eigener Sache entwickelt. Seit Mai 1998 gibt es das
Netzwerk Stimmenhören e.V. (kurz NeSt). In diesem Netzwerk
sind Betroffene (die Experten durch Erfahrung), im psychiatrischen
Bereich Tätige (die Experten durch Beruf) und Angehörige
organisiert. Wir bewegen uns auf gleicher Augenhöhe und hoffen,
dass unsere Bewegung weiter wächst und wir die Psychiatrie
zum Umdenken bewegen können. Stimmen hörende Menschen
wollen nicht länger ausgegrenzt und nur mit Medikamenten "behandelt"
werden, sondern den Sinn ihrer Stimmen entdecken lernen, damit sie
in Frieden mit ihnen leben können. Das NeSt hat folgende Forderungen
formuliert:
- Sehen Sie das Stimmenhören nicht nur als Symptom einer
Krankheit an. Denken Sie daran, dass drei bis fünf Prozent
aller Menschen Stimmen hören oder schon einmal in ihrem Leben
Stimmen gehört haben. Viele von ihnen waren noch nie in der
Psychiatrie und wollen ihre Stimmen auch nicht verlieren.
- Akzeptieren Sie unsere unterschiedlichen Erklärungsmodelle
jede Erklärung, die dabei hilft mit den Stimmen umzugehen,
ist besser als keine.
- Helfen Sie uns dabei, zu übersetzen, was uns die Stimmen
sagen wollen. Deshalb ist es wichtig, zu wissen was die Stimmen
sagen und falsch, sie um jeden Preis abtöten zu wollen. Professor
Marius Romme aus Holland hat schon 1991 gesagt: "Es ist sinnlos,
den Boten zu töten der die Botschaft überbringt, wenn
die Botschaft die gleiche bleibt."
- Helfen Sie uns dabei, die Stimmen als zu uns gehörend in
unser Leben zu integrieren. Nur dann können wir Strategien
zum Umgang mit ihnen entwickeln.
- Nicht das Stimmenhören an sich muss das Problem sein, oft
ist es die Unfähigkeit, mit den Stimmen umzugehen. Machen
Sie uns Mut, indem Sie uns mitteilen, dass es Menschen gibt, die
gelernt haben, mit den Stimmen umzugehen. Die Stimmen können
sich zu einer Lebensbereicherung entwickeln, man kann lernen,
sie zu erziehen, sie können in den Hintergrund rücken,
oder auch wieder ganz verschwinden.
Weitere Informationen bekommen Sie über unsere Geschäftsstelle
in Berlin: Netzwerk
Stimmenhören e.V. · Uthmannstr. 5, D-12043 Berlin,
Tel. / Fax +49 30 78718068 (mittwochs 14- 17 Uhr, donnerstags 15-
17 Uhr, eMail stimmenhoeren[at]gmx.de
(Stand: 2002)
Kontakt in der Schweiz: Mouvement Les
Sans Voix, Case Postale 235, CH-1211 Genève, eMail lessansvoix[at]hotmail.com
(Stand: 2002)
Auch der VPECH
(Verband Psychiatrie- und Psychose-Erfahrene der Schweiz) beschäftigt
sich mit dem Stimmenhören. Kontakt: VPECH, Postfach 1957, CH-8040
Zürich, Tel. (Handy) +41 79 3517989 (Stand: 2002)
Hannelore Klafki ist 50 Jahre alt, lebt in Berlin und hört
seit 1968 Stimmen. Sie hat sich entschieden, ohne Neuroleptika zu
leben und lebt von einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente.
Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des deutschen Netzwerks
Stimmenhören e.V. (Stand: 2002) . Mehr
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