in: Pro Mente Sana Aktuell (Schweiz), 2002, Nr. 3 (Selbsthilfe – Eine Bewegung im Aufbruch), S. 12-13; und in: Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2, Berlin / Eugene / Shrewsbury: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 2007, S. 131-134
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"Die Stimmen begleiten mein Leben"

Stimmen hörende Menschen wollen nicht länger ausgegrenzt und ausschliesslich mit Medikamenten "behandelt" werden, sondern den Sinn ihrer Stimmen entdecken lernen, damit sie in Frieden mit ihnen leben können. Sie fordern Fachleute, aber auch die Öffentlichkeit zum Umdenken auf.

Von Hannelore Klafki

Drei bis fünf Prozent aller Menschen hören Stimmen oder haben irgendwann einmal in ihrem Leben Stimmen gehört. In der Psychiatrie gilt Stimmenhören immer noch als Zeichen für eine schwere psychische Störung und auch heute noch besteht die Behandlung in den meisten Fällen ausschliesslich aus Medikamenten. Die Stimmenhörer-Bewegung möchte die Psychiatrie zum Umdenken bewegen: Wer Stimmen hört, muss nicht automatisch krank sein. Viele Stimmen hörende Menschen waren noch nie in der Psychiatrie und kommen gut mit ihren Stimmen zurecht.

Erste Strategien im Umgang mit den Stimmen

Bei mir begann alles, als ich 16 Jahre alt war. Ich war sehr erschrocken und konnte mir nicht erklären, was da mit mir passierte. Es dauerte lange bis es mir gelang, mich mit den Stimmen zu arrangieren und es war eine harte Zeit in der ich oft in der Psychiatrie war. Ich erzählte niemanden von meinen Stimmen, reagierte aber körperlich auf sie. Wenn sie unerträglich wurden, kollabierte ich und wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht. Hier wurde ich auf epileptische Anfälle untersucht. Epileptiker wurden in Deutschland Ende der 60er-Jahre noch in der Psychiatrie untergebracht. Das Kollabieren war die erste Strategie, die ich im Umgang mit den Stimmen entwickelte. Der nächste Schritt war, dass ich entdeckte, dass ich die Stimmen von mir ablenken konnte. Das gelang mir, indem ich ihnen "geistige Nahrung" gab: Durch Lesen oder Musikhören wurden sie leiser. Auch wenn ich viel unternahm, redeten sie nicht mehr so laut auf mich ein. Ich verabredete mit ihnen, dass sie mich tagsüber zufrieden lassen sollten und nahm mir dafür morgens Zeit für sie. Es dauerte eine Weile bis es klappte, aber dann hatten wir morgens jeweils angeregte Gespräche, in denen ich lernte zu akzeptieren, dass sie mein Leben begleiten. Am Anfang hörte ich nur negative Stimmen. Später kamen jedoch positive Stimmen dazu, die mir Ratschläge und Tipps gaben. So lebte ich ca. 15 Jahre ohne grössere Beeinträchtigungen durch die Stimmen ein ganz normales Leben.

Der Rückfall, die Psychiatrie und die Stabilisierung

Dann kam es zu grossen Veränderungen in meinem Leben. Umzug, Scheidung und eine Umschulung brachten Turbulenzen und Stress. Immer häufiger kamen Stimmen dazu, die mich störten und beunruhigten. Sie waren wie Kobolde, die mich nachäfften, meine Gesprächspartner ins Lächerliche zogen oder meine Äusserungen kommentierten. Sie hielten mich vom Schlafen ab, verboten mir zu essen und waren sehr laut. In einer extremen Situation hatte ich das Gefühl, dass die böseste dieser Stimmen in meinen Kopf kroch und in Form einer Automatenstimme die schlimmsten Beschimpfungen und Befehle aussprach, die darauf hinaus liefen, dass ich nicht wert sei zu leben und mich umzubringen hätte. Es war so unerträglich, dass ich aus meinem Körper ausstieg und in die Psychiatrie gebracht werden musste.

1990 erzählte ich in einer ähnlichen Situation in einer Klinik zum ersten Mal von den Stimmen. Seitdem habe ich sechs verschiedene psychiatrische Diagnosen erhalten, von denen die Schizophrenie mich am meisten betroffen machte. Viele Neuroleptika wurden bei mir ausprobiert, die Stimmen waren dagegen aber immun. Mein schlimmstes Erlebnis war, als ich Haldol nehmen musste, das ja bei Stimmenhören noch immer das Mittel der Wahl ist. Verunsichert durch die Diagnosen der PsychiaterInnen und ihren Beteuerungen, dass ich unheilbar psychisch krank sei, resignierte ich und ergab mich meinem Schicksal. Das hatte zur Folge, dass die Stimmen immer aggressiver wurden. Ich führte einen Dauerkampf mit ihnen, der mich zur Drehtürpatientin machte.

Die Stimmen als Warnsignal wahrnehmen

1992 lernte ich eine psychosoziale Kontakt- und Begegnungsstätte kennen, wo ich auf eine Sozialarbeiterin traf, die mich im Kampf gegen die Stimmen unterstützte, indem sie mich und meine Stimmen sehr ernst nahm. Heute habe ich zur früheren Beziehung zu meinen Stimmen zurückgefunden und kann das Anschwellen des Stimmengemurmels als Warnung wahrnehmen: irgend etwas ist dann bei mir nicht in Ordnung. Das kann zu grosser Druck sein, den andere auf mich ausüben oder den ich mir selbst mache, oder eine Konfliktsituation, die ich noch nicht als solche erkannt habe. Dann können die Stimmen wie ungezogene Kinder sein, die ich an einem ungestörten Ort scharf zurechtweisen muss.

Wenn ich gewusst hätte, wie befreiend das Reden über meine Stimmen mit anderen Betroffenen sein kann! Erst in unserer Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass ich meine Stimmen im Zusammenhang mit meiner Lebensgeschichte sehen sollte. Deshalb rate ich anderen Betroffenen, mit Gleichgesinnten über ihre Stimmen zu reden. Es hat mir auch geholfen, Texte über das Stimmenhören zu lesen. Ein Stimmentagebuch zu führen und Teile davon in der Gruppe zu diskutieren, war ein weiterer Schritt, wieder Kontrolle über die Stimmen zu bekommen.

Netzwerk Stimmenhören e.V.: Forderungen an die Psychiatrie

Der Hauptgrund, warum ich jetzt seit 1997 ohne Klinik und Medikamente leben kann, ist sicher, dass ich mich in der Stimmenhörer-Bewegung engagiert habe. Ich sage immer: "Indem ich anderen helfe, helfe ich auch mir selbst". Ich habe mich von einer Betroffenen zu einer Expertin in eigener Sache entwickelt. Seit Mai 1998 gibt es das Netzwerk Stimmenhören e.V. (kurz NeSt). In diesem Netzwerk sind Betroffene (die Experten durch Erfahrung), im psychiatrischen Bereich Tätige (die Experten durch Beruf) und Angehörige organisiert. Wir bewegen uns auf gleicher Augenhöhe und hoffen, dass unsere Bewegung weiter wächst und wir die Psychiatrie zum Umdenken bewegen können. Stimmen hörende Menschen wollen nicht länger ausgegrenzt und nur mit Medikamenten "behandelt" werden, sondern den Sinn ihrer Stimmen entdecken lernen, damit sie in Frieden mit ihnen leben können. Das NeSt hat folgende Forderungen formuliert:

  • Sehen Sie das Stimmenhören nicht nur als Symptom einer Krankheit an. Denken Sie daran, dass drei bis fünf Prozent aller Menschen Stimmen hören oder schon einmal in ihrem Leben Stimmen gehört haben. Viele von ihnen waren noch nie in der Psychiatrie und wollen ihre Stimmen auch nicht verlieren.
  • Akzeptieren Sie unsere unterschiedlichen Erklärungsmodelle – jede Erklärung, die dabei hilft mit den Stimmen umzugehen, ist besser als keine.
  • Helfen Sie uns dabei, zu übersetzen, was uns die Stimmen sagen wollen. Deshalb ist es wichtig, zu wissen was die Stimmen sagen und falsch, sie um jeden Preis abtöten zu wollen. Professor Marius Romme aus Holland hat schon 1991 gesagt: "Es ist sinnlos, den Boten zu töten der die Botschaft überbringt, wenn die Botschaft die gleiche bleibt."
  • Helfen Sie uns dabei, die Stimmen als zu uns gehörend in unser Leben zu integrieren. Nur dann können wir Strategien zum Umgang mit ihnen entwickeln.
  • Nicht das Stimmenhören an sich muss das Problem sein, oft ist es die Unfähigkeit, mit den Stimmen umzugehen. Machen Sie uns Mut, indem Sie uns mitteilen, dass es Menschen gibt, die gelernt haben, mit den Stimmen umzugehen. Die Stimmen können sich zu einer Lebensbereicherung entwickeln, man kann lernen, sie zu erziehen, sie können in den Hintergrund rücken, oder auch wieder ganz verschwinden.

Weitere Informationen bekommen Sie über unsere Geschäftsstelle in Berlin: Netzwerk Stimmenhören e.V. · Uthmannstr. 5, D-12043 Berlin (ab April 2012: Schudomastr. 3, 12055 Berlin), Tel. / Fax +49 30 78718068 (mittwochs 14-17 Uhr, donnerstags 15-17 Uhr, eMail stimmenhoeren[at]gmx.de

Kontakt in der Schweiz: Mouvement Les Sans Voix, Case Postale 235, CH-1211 Genève, eMail lessansvoix[at]hotmail.com

Auch der VPECH (Verband Psychiatrie- und Psychose-Erfahrene der Schweiz) beschäftigt sich mit dem Stimmenhören. Kontakt: VPECH, Postfach 1957, CH-8040 Zürich, Tel. (Handy) +41 79 3517989


Hannelore Klafki ist 50 Jahre alt, lebt in Berlin und hört seit 1968 Stimmen. Sie hat sich entschieden, ohne Neuroleptika zu leben und lebt von einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des deutschen Netzwerks Stimmenhören e.V. (Stand: 2002) . Mehr zu Hannelore Klafki