| Rede bei der Tagung des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
e.V. in Kassel, 12. Oktober 1997; veröffentlicht in:
Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
(BRD), 1998, Nr. 1, S. 7-12; und unter dem Titel "Vielfalt
statt Einfalt. Über die unterschiedlichen Positionen
innerhalb der Psychiatrie-Erfahrenen-Bewegung" in: Soziale
Psychiatrie (BRD), 22. Jg. (1998), Nr. 2, S. 9-13. English
translation |
|
Peter
Lehmann
Psychopharmaka nehmen oder ablehnen? Psychiatrie reformieren
oder abschaffen? Ein unauflösbarer Widerspruch?
»Wir wollen eine andere Psychiatrie«, heißt
es im Faltblatt
des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE), »wir
fordern die Entwicklung sinnvoller Alternativen zur Pflege- und
Betreuungsmentalität der herkömmlichen medizinischen
Psychiatrie«. Die Rede ist von »unserer Mitwirkung als
gleichberechtigte Partner«, und als eine der Aufgaben des
Verbandes ist unter anderem das »Einfordern der Zustimmungspflicht
zu ärztlichen Behandlungsmaßnahmen wie bei körperlich
erkrankten Menschen« genannt. Im Kapitel »Humanere Lebensbedingungen«
werden »weniger Psychopharmaka und mehr Psychotherapien«
verlangt, Depressionen und Psychosen seien nicht medikamentös
zu unterdrücken, sondern in ihrer Bedeutung wahrzunehmen.
Unterschiedliche Vorstellungen im Bundesverband
Im Bundesverband sind ca. 665 Psychiatriebetroffene organisiert.
Wie die Umfrage
zur Verbesserung bzw. Einführung von Qualität der psychiatrischen
Behandlung gezeigt hat, sind die Unterschiede, wie sich die
Mitglieder eine andere Psychiatrie vorstellen, beachtlich.
Die einen wollen eine Psychiatrie ohne Psychiater, sprich: die
Abschaffung der Psychiatrie und statt dessen ein nichtpsychiatrisches
Versorgungssystem.
Die anderen wollen bessere Psychiater, mehr Geld für die
Psychiatrie, damit mehr Personal eingestellt werden kann in der
Hoffnung, dass dann die wohltuenden und therapeutischen Gespräche
geführt werden können, die derzeit allgemein vermisst
werden.
Die einen wollen Abschottung, eine ausgesprochen nichtpsychiatrisch
orientierte Selbsthilfe und Sicherung ihrer bürgerlichen
Rechte und ihrer Menschenrechte als Schutz vor psychiatrischen
Übergriffen.
Die anderen wollen die Entwicklung einer Psychiatrie, die vom
partnerschaftlichen Miteinander von Psychiatern, Betroffenen und
Angehörigen geprägt ist.
Ähnliche Differenzen zeigen sich, wenn es um die Bewertung
von Psychopharmaka geht, dem Behandlungsmittel, das in der Psychiatrie
im Zentrum steht: die einen nehmen Psychopharmaka ein in der Überzeugung,
ohne sie könnten sie nicht leben, während die anderen
sie ablehnen in der Überzeugung, es handele sich um reine
Nervengifte.
Diese beiden Grundkonflikte spielten in der Vergangenheit immer
wieder eine Rolle und führten zu Auseinandersetzungen. VertreterInnen
radikaler Positionen auf beiden Flügeln traten erst gar nicht
in den BPE ein oder verließen ihn wieder in der Meinung,
der BPE sei zu antipsychiatrisch, so die einen, oder er sei zu
reformistisch und psychiatriegläubig, so die anderen. Was
ist dran an dieser Kontroverse? Sind die Konflikte von so fundamentaler
Bedeutung, dass weiterer Streit programmiert ist, dass die Gefahr
unabwendbar ist, dass immer wieder Mitglieder frustriert den BPE
verlassen?
Was wollen Psychiatriebetroffene überhaupt?
Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass viele im wesentlichen
tendenziell Wünsche in der Richtung haben, dass sie ihr Leben
genießen wollen, in Ruhe gelassen werden wollen, Kontakte
mit Gleichgesinnten pflegen und ein erträgliches Leben führen
möchten. Eine Änderung der Psychiatrie steht für
sie nicht auf der Tagesordnung, entweder weil sie die Psychiatrie
o.k. finden oder vereinzelt sind oder keine Chance hierzu sehen.
Für die anderen steht im wesentlichen tendenziell eine
Haltung im Mittelpunkt, die das Wort »Empowerment« am
besten wiedergibt. Zu übersetzen ist »Empowerment«
mit »Selbstermächtigung«. Betroffene wollen die
Kompetenz über ihr eigenes Leben erhalten oder wiedergewinnen.
Es ist das Kriterium, das viele Psychiatriebetroffene
weltweit anlegen, wenn sie alternative oder emanzipatorische psychosoziale
Einrichtungen charakterisieren, seien es psychiatrische Einrichtungen
oder Selbsthilfegruppen. Empowerment, so die Definition, heißt:
-
Entscheidungsmacht haben
-
Zugang zu Informationen und Finanzmitteln haben
-
ein Spektrum an Wahlmöglichkeiten haben (nicht bloß
»ja/nein« und »entweder/oder«)
-
das Gefühl haben, dass der oder die Einzelne etwas ändern
kann
-
mit der eigenen Stimme sprechen
-
die eigene Identität neu und selbst definieren
-
die eigenen Möglichkeiten und das Verhältnis zu
institutionalisierter Macht neu definieren
-
begreifen, dass eine Einzelperson Rechte hat
-
streiten und Wut lernen und lernen, ihr Ausdruck zu verleihen
-
Veränderung bewirken, im persönlichen Bereich und
in der Gemeinschaft
-
ein positives Selbstbild entwickeln und Stigmata überwinden
(siehe Judi
Chamberlin: Erfahrungen und Zielsetzungen der nordamerikanischen
Selbsthilfebewegung, in: Kerstin
Kempker / Peter Lehmann [Hg.]: Statt Psychiatrie, Berlin 1993,
S. 300-317; Tanja Lamovec: »Empowerment of psychiatric users«,
in: Out Loud New thoughts about mental health from the
states of Central and Eastern Europe [London], Sommer 1997, S.
18-19).
Bei der 1995 erfolgten Befragung erklärten die BPE-Mitglieder,
wie ein veränderter psychosozialer Bereich aussehen soll.
Über 100 BPE-Mitglieder nahmen an der Umfrage teil. In den
Antworten wurde der bestehenden Psychiatrie eine nahezu vernichtende
Absage erteilt.
-
Denn nur 10% der Antwortenden gaben an, dort Hilfe zur Lösung
der Probleme gefunden zu haben, die zur Psychiatrisierung
geführt hatten.
-
Häufig kam es zur Verletzung der Menschenwürde.
Es gab keine wie rechtlich vorgeschrieben umfassende
Aufklärung über Behandlungsrisiken.
Folgende grundlegenden Kriterien müssten erfüllt sein,
um von einer qualitativ akzeptablen Psychiatrie sprechen zu können:
Beachtung der Menschenwürde, Wärme und menschliche
Zuwendung, individuelle Begleitung, angstfreies Vertrauensverhältnis.
Vieles an der Psychiatrie sei überflüssig: für
eine Reihe von Psychiatriebetroffenen ist die Psychiatrie samt
Psychiatern insgesamt überflüssig. Allgemein wurden
folgende Faktoren überflüssig gefunden: Gewalt, den
Einsatz von Psychopharmaka, Zwangsmaßnahmen, Elektroschocks,
Fixierung. Überflüssig seien Ärzte, die besser
über ihre Patienten Bescheid zu wissen glauben als diese
selbst. Und Alternativen seien wichtig, um Wahlmöglichkeiten
zu geben. Was die Frage betrifft, wie diese Alternativen aussehen
sollen, wurden unter anderem folgende Vorschläge und Ideen
genannt: Alternative Psychopharmaka, z.B. homöopathische
Mittel, Selbsthilfe, Weglaufhäuser, Alternativen nach Mosher
und Laing, weiche Zimmer à la Soteria.
Die Vorschläge des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen
Wo immer Psychiatriebetroffene sich unbeeinflusst und frei äußern,
wird dieselbe Kritik laut, werden vergleichbare Vorstellungen
genannt. Einen
ähnlich klingenden Forderungskatalog wie der BPE legte
dieses Jahr das Europäische
Netzwerk von Psychiatriebetroffenen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) vor, als es um eine Stellungnahme gebeten wurde. In dem
1991 gegründeten Netzwerk sind inzwischen Betroffenenorganisationen
aus ca. 30 Ländern vertreten, von Finnland bis Italien, von
den Faröer Inseln bis Bulgarien, von Litauen bis Griechenland.
Diese repräsentative Organisation forderte die WHO auf, bei
einer Neudefinition psychiatrischer Qualitätskontrolle unter
anderem folgende Kriterien einzubeziehen:
-
Vor der Verabschiedung von Gesetzen sollten nationale Organisationen
Psychiatriebetroffener zu Hearings eingeladen werden. Auf
allen Ebenen sollten Psychiatriebetroffene als Ombudsmänner
und Ombudsfrauen vertreten sein.
-
Es sollte unter Einbeziehung Psychiatriebetroffener eine
Körperschaft geben mit der speziellen Aufgabe, die Einhaltung
von Menschenrechten zu überwachen bei Personen, die unter
psychischen Störungen leiden oder denen diese nachgesagt
werden. Diese Körperschaft sollte zudem die Zulassung
neuer Behandlungsmethoden überwachen sowie die Entscheidungen
von Ethikkommissionen bei Forschungsvorhaben.
-
Psychiatriebetroffene sollten in die Ausbildung und Prüfungskommissionen
von Psychiatern mit einbezogen sein, außerdem von Ärzten,
PsychologInnen, Krankenschwestern, SozialarbeiterInnen und
BeschäftigungstherapeutInnen, und zwar auf Basis einer
normalen Bezahlung.
-
Hirnchirurgische Eingriffe und andere aggressive Behandlungsmaßnahmen
mit möglicherweise irreversiblen Folgen wie z.B. psychiatrische
Psychopharmaka, Elektro- und Insulinschocks für sogenannte
psychische Störungen sollten niemals bei Zwangseingewiesenen
und niemals ohne informierte Zustimmung durchgeführt
werden. Um Vorausverfügungen abzusichern, sollten sie
ausdrücklich anerkannt werden. Auch Behandlungsvereinbarungen
sollten möglich sein. Psychiater, die ohne informierte
Zustimmung behandeln, sollten ihre ärztliche Zulassung
verlieren.
-
Klinische Versuche und experimentelle Behandlungen sollten
niemals an Zwangseingewiesenen durchgeführt werden, und
niemals ohne informierte Zustimmung. Es sollte eine Beweislastumkehr
erfolgen: Bei möglichen Schäden sollten die Institutionen
und Personen, die die Maßnahmen durchführten, gezwungen
sein nachzuweisen, dass die Schäden nicht von ihnen verursacht
wurden.
-
Folgendes sollte in psychiatrischen Einrichtungen vorhanden
sein:
-
Patiententelefone in einer Kabine auf jeder Station
-
Münzkopierer deutlich sichtbar im Eingangsbereich
jeder Anstalt
-
deutlich sichtbarer Anschlag auf jeder Station, dass
auf Wunsch Briefpapier, Briefumschläge und Briefmarken
zur Verfügung gestellt werden
-
Möglichkeiten zum Aufhängen von Informationsschriften
von lokalen, regionalen und nationalen Selbsthilfegruppen
-
Angebot eines täglichen Spaziergangs unter freiem
Himmel von mindestens einer Stunde Dauer
-
Teeküche auf jeder Station, damit man sich rund
um die Uhr etwas zu essen und zu trinken machen kann.
-
Die Rechte von NichtraucherInnen auf gesunde Luft sind zu
berücksichtigen, ebenso die Rechte von RaucherInnen,
soviel zu rauchen wie sie wollen.
-
Für jedes psychiatrische Bett sollte es ein Bett in
einem Weglaufhaus geben, also in einer betreuten nichtpsychiatrischen
Einrichtung. Jedes zweite psychiatrische Bett soll in einer
Soteria-artigen Einrichtung stehen.
Alternativen zur Psychiatrie / Psychiatrische Alternativen
Wieso müssen solche Projekte wie Soteria, die Praxis wurden
oder werden, immer im Ausland sein? Die beiden Ausnahmen, die
es in Deutschland gibt, scheinen die Regel zu bestätigen,
dass die institutionelle Psychiatrie hierzulande keine Alternativen
zulässt. Die eine Ausnahme stellt das Weglaufhaus Berlin
dar, das es bisher als einziges anti- und nichtpsychiatrisches
Projekt geschafft hat, eine offizielle Institution zu werden,
d.h. eine Einrichtung mit formaler behördlicher Zulassung
und, was wesentlich wichtiger ist, mit bezahlten, am Bundesangestelltentarif
wenn auch auf relativ niedriger Stufe orientierten
Stellen. Die andere Ausnahme stellt die Haus-WG um Olaf Armleder
in Oberriexingen in Baden-Württemberg dar, eine selbstverwaltete
Gemeinschaft auf dem Land, die gemeinsam 12 Ar Land bewirtschaftet
und nebenbei sogenannte akutpsychotische Menschen auffängt.
Doch dieses Projekt beklagt sich wie das Weglaufhaus in
Berlin , dass es bei seiner schweren Arbeit nicht genug
finanzielle Unterstützung bekommt, dafür mehr als reichlich
Auflagen. (Nachtrag: Laut Mitteilung von Olaf Armleder [November
1997] gibt es nur noch die Haus-WG; der darüber hinaus gehende
therapeutische Ansatz kann aus rechtlichen Gründen
derzeit nicht praktiziert werden.)
Zu den in Deutschland sich noch in der Planungsphase befindenden
Projekte gehören
-
das »Friedenshaus« in Dresden, ein Clubhaus, in
dem alternative Behandlungs- und Therapieangebote stattfinden
sollen sowie Selbsthilfe zur Vermeidung von Zwangseinweisungen
und Zwangsbehandlung, außerdem Hilfe und Unterstützung
bei Suchtmittel- und Medikamentenentzug, und zwar unter gemeinsamer
Leitung von MitarbeiterInnen und Betroffenen.
-
das »Zufluchtshaus« in Nürnberg, das als betreuter
Lebensraum auf Zeit und ohne künstlich inszenierte therapeutische
Beschäftigungen für Personen gedacht ist, die sich
in einer Krisensituation befinden, bei denen die Krise jedoch
noch nicht eskaliert ist, und in dem konfliktfähige Menschen
mit Lebenserfahrung arbeiten und die Kenntnisse und Fähigkeiten
von Psychiatriebetroffenen, LaiInnen und Sozialprofis und
anderen Berufsgruppen kombiniert werden sollen.
-
das Weglaufhaus Ruhrgebiet entsprechend dem Berliner Modell.
-
das Selbsthilfe- und Therapiezentrum »Dolgener See«
bei Rostock, ein Schutzraum auch für psychiatriebetroffene
Frauen mit sexueller Gewalterfahrung, in dem sie sich selbstbestimmt
und unter psychotherapeutischer Begleitung mit ihren Traumata
auseinandersetzen können.
Ich weiß, ich habe hier diejenigen Einrichtungen und Projekte
herausgepickt, die eher meiner Vorliebe entsprechen. Es gibt auch
Vorstellungen von Psychiatriebetroffenen, die in Richtung Tages-
und Behandlungszentren gehen, mehr oder weniger psychiatrienah
sind, rasche Behandlungsmöglichkeiten vorsehen, wobei die
Betroffenen nicht immer und nicht unbedingt Neuroleptika wollen,
verständlicherweise. Insgesamt sind diese Einrichtungen eher
in die Richtung reformpsychiatrische einzuordnen, denn sie haben
psychiatrisches Personal, klare Hierarchien, vielleicht gewähren
sie ein bisschen Mitsprache (nicht alle wollen selbst entscheiden),
praktizieren das medizinische Krankheitsverständnis. Diejenigen,
die diese Einrichtungen bevorzugen, sind ebenfalls im Bundesverband
vertreten.
Abschaffung oder Reform: ein Streit, der entzweit?
Ich komme auf die eingangs gestellte Frage zurück: Die Psychiatrie
reformieren oder abschaffen? Ein unauflösbarer Widerspruch?
In der Praxis ist die Kontroverse immer noch auffindbar, in
theoretischen und in ideologischen Diskussionen, in der Art der
Einrichtung, die jeder und jede einzelne bevorzugt. Und in theoretischen
Diskussionen ist der Konflikt »Reform oder Revolution bzw.
hier Abschaffung der Psychiatrie« durchaus von Wert, um gedankliche
Klarheit zu bekommen, wo man selbst steht, wo die anderen stehen,
zu verstehen, wo die Unterschiede sind, zu verstehen, was die
anderen wollen, auch wenn es nicht dasselbe ist wie das, was man
selbst will.
Doch Abschaffung der Psychiatrie und statt dessen Alternativen,
das eine Extrem, würde sich lächerlich machen, wenn
sich seine Position nicht auf die Interessen Psychiatriebetroffener
bezieht, und Reformbestrebungen machten sich ebenso lächerlich,
wenn es nur um eine Verschönerung der Psychiatrie ginge.
Wenn wir all die genannten Forderungen, Projekte und Hoffnungen
sehen, sind die unterschiedlichen Vorstellungen in Richtung Reform
oder Abschaffung und Alternativen immer zu erkennen doch
wieso sollte eine Koexistenz nicht möglich sein, solange
man sich nicht bekriegt? Und wieso nicht auch eine gegenseitige,
wechselseitige Unterstützung?
Wie Konflikte zu lösen sind, zeigte sich bei der Diskussion
um den damals noch so genannten Behandlungsvertrag und das Psychiatrische
Testament. Zuerst schien es, als würde die Behandlungsvereinbarung,
wie sie jetzt heißt, in aggressiver Konkurrenz zum Psychiatrischen
Testament stehen.
Schließlich war es die respektvolle Auseinandersetzung,
das Ernstnehmen der Argumente der anderen Seite, die den Betroffenen
jetzt eine faire Entscheidung zugesteht, die Form der Vorausverfügung
zu wählen, die sie für die bessere in ihrer Situation
halten. Die einen vertrauen Psychiatern, die anderen misstrauen
ihnen, die einen fühlen sich angewiesen auf sie, die anderen
von ihnen nur bedroht. Wer von uns wollte vorschreiben, welche
Gefühle die einzelnen haben sollen?
Psychopharmaka nehmen oder ablehnen?
Die Bewertung der Verabreichung bzw. Einnahme psychiatrischer
Psychopharmaka ist ein ausgesprochen kontroverses Thema. Die Einnahme
von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, Antiepileptika (z.B.
Tegretal) und Tranquilizer kann zu Apathie führen, zu emotionaler
Panzerung, Depressionen, Suizidalität, paradoxen Erregungszuständen,
Verwirrtheits- und Delirzuständen, intellektuellen Störungen,
Kreativitätseinbuße, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,
epileptischen Anfällen, Schwächung des Immunsystems,
Hormon- und Sexualstörungen, Chromosomen- und Schwangerschaftsschäden,
Blutbildschäden, Störungen der Körpertemperaturregulation,
Herzstörungen, Leber- und Nierenschäden, Haut- und Augenschäden,
parkinsonoiden Störungen, Hyperkinesien, Muskelkrämpfen,
Bewegungsstereotypen u.v.m. (siehe Peter Lehmann: »Schöne
neue Psychiatrie«, Band 1: »Wie Chemie und Strom auf
Geist und Psyche wirken«; Band 2: »Wie Psychopharmaka
den Körper verändern«, Berlin 1996). Andererseits
machten viele Betroffene die Erfahrung, dass sie innerhalb ihrer
Lebensverhältnisse derzeit ohne diese Psychopharmaka nicht
zurechtkommen, oder dass sie mit einer kurzzeitigen Einnahme psychische
Krisen abkürzen und so vermeiden, in die Anstalt gebracht
zu werden, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach über einen
längeren Zeitraum mit Psychopharmaka vollgepumpt würden.
Oft kommt es zu Irritationen, begegnen sich Leute, die Psychopharmaka
ablehnen, und solche, die sie nehmen.
An sich ist es Sache jedes einzelnen Menschen, selbst zu entscheiden,
ob sie oder er diese Substanzen einnehmen will, aus welchem Grund
auch immer. Allerdings stehen einer freien Entscheidungsfindung
bzw. einer libertären Grundhaltung folgende Argumente entgegen:
-
Die Betroffenen werden in aller Regel nicht über die
tatsächlich vorhandenen, möglichen und nicht auszuschließenden
Risiken aufgeklärt. Sie wissen nicht, dass manche Substanzen
in den einen Ländern vom Markt genommen wurden, in anderen
Ländern jedoch ohne Einschränkung verkauft werden:
z.B. Semap wegen Krebsverdacht, Roxiam wegen Blutbildschäden,
Halcion wegen Amnesien und Black-out-Handlungen.
-
Die Beweislast bei Schmerzensgeld- und Schadenersatzklagen
tragen ausschließlich die Betroffenen. Nicht die
finanziell abgesicherten Herstellerfirmen müssen
nachweisen, dass ein eingetretener Schaden nicht durch ihre
risikobehafteten Substanzen verursacht wurde, sondern die
in der Regel mittellosen Geschädigten müssen
in aufwendigen Verfahren beweisen, dass ein Schaden einzig
und ausschließlich auf das verabreichte Präparat
zurückzuführen ist.
-
Häufig erfolgt die Verabreichung psychiatrischer Psychopharmaka
an Frauen in gebärfähigem Alter dar, ohne auf mögliche
Schwangerschaften und Gefahren für den Fötus Rücksicht
zu nehmen.
-
Immer mehr wehrlose alte Menschen bekommen diese Substanzen
verabreicht, um den Pflegenotstand chemisch zu managen. Immer
mehr Kinder ohne eigene Entscheidungsmöglichkeiten erhalten
psychiatrische Psychopharmaka, um sie chemisch in eine kinderfeindliche
Umwelt einzupassen. Immer mehr Frauen erhalten psychiatrische
Psychopharmaka, um ihre störenden Reaktionen auf patriarchalisch-bevormundende
Lebensverhältnisse chemisch zu neutralisieren. Immer
mehr Menschen, die mit Gesetzen in Konflikten gekommen sind,
erhalten psychiatrische Psychopharmaka, um sie in inhumanen
Gefängnissen ruhigzuhalten oder bei Abschiebungen ihren
Widerstand zu brechen.
-
Aufgrund inter- und intraindividueller Wirkungsunterschiede
lässt sich nie mit Sicherheit voraussagen, wie eine bestimmte
Dosis eines Präparats wirken wird. Alle bekannt gewordenen
Schäden bei allen Arten von psychiatrischen Psychopharmaka
traten prinzipiell dosisunabhängig und bereits nach relativ
kurzer Zeit auf, teilweise nach einmaliger Einnahme einer
niedrigen Dosis.
-
Immer mehr Menschen erhalten Kombinationen unterschiedlicher,
in ihrer Wirkungsüberlagerung und in ihren Wechselwirkungen
unberechenbarer Psychopharmaka.
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Alle psychiatrischen Psychopharmaka machen abhängig,
wobei die Verordner mit Ausnahme der Tranquilizer die abhängig
machende Wirkung der Substanzen abstreiten und die beim Absetzen
möglichen Entzugserscheinungen verschweigen oder zum
Symptomwechsel umdefinieren: Reboundphänomene, Supersensibilitätsreaktionen
der Rezeptoren sowie mögliche irreversible Psychopharmakaschäden.
-
Notwendige stationäre Einrichtungen zur klinischen Unterstützung
bei Absetzproblemen von psychiatrischen Psychopharmaka gibt
es fast gar nicht.
-
Derzeit laufen Bestrebungen von Psychiatrieverbänden
und Pharmafirmen, insbesondere die lebenslängliche Neuroleptikaeinnahme
durch gesetzliche Maßnahmen, Perfektionierung gemeindepsychiatrischer
Überwachungssysteme und neue Verabreichungsformen zu
erzwingen.
-
Ein Recht auf psychopharmakafreie Hilfe gibt es ebensowenig
wie nichtpsychiatrische Kriseneinrichtungen oder wie finanziell
ausreichend unterstützte Selbsthilfe- oder nutzerkontrollierte
Einrichtungen.
-
Keines der genannten psychiatrischen Psychopharmaka löst
irgendwelche psychischen Probleme sozialer Natur. In aller
Regel erschweren sie die Lösung dieser Probleme
finde deren Bearbeitung statt in individueller Selbsthilfe,
Gruppenarbeit oder bezahlter Psychotherapie. Nach Absetzen
der Substanzen, wenn es überhaupt dazu kommt, sind in
aller Regel die Bedingungen schlechter, um die ursächlichen
Probleme zu lösen, die den Einsatz der psychiatrischen
Psychopharmaka herbeigeführt haben.
Aus all diesen Gründen ist der Einsatz psychiatrischer Psychopharmaka
skeptisch zu beurteilen. Nichtsdestotrotz sind die Entscheidungen
der Betroffenen zur Einnahme von psychiatrischen Psychopharmaka
zu respektieren: insbesondere wenn es ihnen gelingt, ausweglose
und ansonsten die Psychiatrie nach sich ziehende Konfliktsituationen
zu überstehen, und zwar mit möglichst kurzfristiger,
möglichst niedrigdosierter, möglichst geringer Risikobelastung
durch reflektierte und selbstbestimmte Psychopharmaka-Einnahme.
Zu respektieren ist auch die Entscheidung von Betroffenen, egal
aus welchen Gründen, in welcher Dosis, in welchem Zeitraum
und mit welchem Zufriedenheitsgrad über die Aufklärung
oder Nichtaufklärung psychiatrische Psychopharmaka einzunehmen.
Besonderes Mitgefühl und besondere Solidarität steht
denjenigen Psychiatriebetroffenen zu, die durch psychiatrisch
verursachte Nervenschädigungen oder soziale Konfliktsituationen
gezwungen sind, psychiatrische Psychopharmaka einzunehmen, um
in irgendwelcher Weise überlebensfähig zu sein. Gerade
die von Abhängigkeit Betroffenen machen deutlich, dass nutzerkontrollierte
Einrichtungen für Krisenfälle zu schaffen sind, so dass
die Ersteinnahme psychiatrischer Psychopharmaka nach Möglichkeit
vermieden werden kann.
Notwendige Reflexion der Unterschiede
Wir müssen deshalb über des Spannungsverhältnisses
bewusst sein, das auf der einen Seite zwischen den individuellen
Bedürfnissen der einzelnen Betroffenen besteht, denen die
Definition ihrer Konflikte, Bedürfnisse und Risikobereitschaft
zusteht, und auf der anderen Seite der Gefahr, die von dem Machtanspruch
der biologischen Psychiatrie, verantwortungsloser Politiker und
profitorientierter Pharmafirmen ausgeht.
Das Spannungsverhältnis kann langfristig nur gemildert
werden, wenn den Konsumentinnen und Konsumenten psychiatrischer
Psychopharmaka sowie denjenigen Menschen, denen diese Substanzen
gewaltsam verabreicht werden, diagnoseunabhängige Menschenrechte
gewährt werden, ein einfacher Zugang zu finanzieller Entschädigung
im Bedarfsfall, ein Recht auf psychopharmakafreie Hilfe und ein
alternatives Angebot angemessener nichtpsychiatrischer Hilfe.
Wenn wir etwas bewirken wollen und wenn wir Verständnis wollen,
ob von Psychiatern, von Therapeuten, von Politikern oder wem auch
immer, können wir glaubwürdig dieses Verständnis
nur einfordern, wenn wir selbst versuchen, uns gegenseitig zu
verstehen. Was helfen all die Strukturen, die wir aufbauen mögen,
wenn wir ständig an ihren Grundpfeilern sägen, der Solidarität
untereinander? Die Tatsache, dass wir in der Psychiatrie waren,
einen psychiatrischen Stempel haben, mag eine Gemeinsamkeit sein,
aber wir sind zu verschieden in Herkunft, Glauben, politischer
Überzeugung und persönlichen Vorlieben, als dass die
psychiatrische Gemeinsamkeit eine primär von außen
definierte Gemeinsamkeit! alle Probleme des Miteinander
lösen würde. Und wenn wir Respekt wollen, egal von wem,
müssen wir uns selbst respektieren, auch dem Andersdenkenden
mit Respekt gegenübertreten, selbst wenn wir im Einzelfall
seine oder ihre Meinung nicht teilen. So wie wir Wahlmöglichkeiten
einfordern für den Fall, dass wir Hilfe suchen und benötigen,
haben wir uns auch gegenseitig das Recht zuzugestehen, uns die
Form der veränderten Psychiatrie bzw. der Alternative zu
wünschen und zu erarbeiten, die wir als die für uns
sinnvolle wählen. Ist die Grundlage eine Veränderung
in Richtung mehr Humanität, eine Veränderung in Richtung
sinnvolle Alternative, in Richtung rechtlicher Gleichstellung,
in Richtung bessere Lebensbedingungen: wieso sollten unterschiedliche
Ausprägungen zu unüberbrückbaren Differenzen führen?
Nur gemeinsam werden wir unsere Forderungen durchsetzen.