Judi Chamberlin
Erfahrungen und Zielsetzungen
der nordamerikanischen Selbsthilfe-Bewegung (1)
Die Anfänge der Befreiungsbewegung von Psychiatriebetroffenen
gehen auf die frühen 70er Jahre zurück. Menschen, die
eine psychiatrische Behandlung und stationäre Unterbringung
hinter sich gebracht hatten, schlossen sich zusammen, um eigene
Alternativen zu medizinisch orientierter psychiatrischer Behandlung
und um allen als psychisch krank Etikettierten ihre vollen Bürgerrechte
zu sichern. Die Bewegung stellt das medizinische Modell der psychischen
Krankheit infrage und besteht darauf, dass Menschen, die als psychisch
krank abgestempelt werden, für sich selbst reden und nicht
von 'Für'-Sprechern vertreten werden. Mit einer eigenen Philosophie
umfasst sie eine Vielfalt von Projekten der Selbsthilfe und gegenseitigen
Unterstützung, in denen ehemalige 'PatientInnen' die Angebote
selbst bestimmen und kontrollieren. Allen Hindernissen zum Trotz
ist es eine Bewegung, die sich weiterentwickelt und wächst.
Eine vollständige Geschichte der Befreiungsbewegung von
Psychiatriebetroffenen muss noch geschrieben werden. Wie bei anderen
Befreiungskämpfen von Unterdrückten, sind die Aktivitäten
ehemaliger Psychiatriebetroffener häufig ignoriert oder in
Misskredit gezogen worden. Erst wenn eine Gruppe beginnt, aus
der Unterdrückung aufzutauchen, kann sie ihre Geschichte
zurückgewinnen. Am weitesten fortgeschritten ist dieser Prozess
in der Schwarzen- und der Frauenbewegung; weniger entwickelt ist
er in der Schwulen-, Lesben- und Krüppelbewegung (der man
die Bewegung der Psychiatriebetroffenen zugesellen kann).
Der sogennante Irre ist Teil unseres kulturellen Erbes. Ob 'Irresein'
von religiösen Autoritäten (z. B. als Besessenheit),
weltlichen (als Störung der öffentlichen Ordnung) oder
medizinischen (als psychische Krankheit) erklärt wird: Die
Verrückten selbst sind weitgehend stumm geblieben. Die anderen,
die Lautgewordenen, nennen sich Ex-PatientInnen, Anstalts-InsassInnen
oder Psychiatrie-Überlebende und versuchen, die Sache derjenigen
zum Ausdruck zu bringen, die man für unvernünftig und
nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gehalten hat.
Die Befreiungsbewegung von Psychiatriebetroffenen begann zwar
um 1970, doch wir können ihre Geschichte bis ins frühe
20. und sogar ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen.
Viele brachten damals ihre Erfahrungen mit Psychiatrischen Anstalten
zu Papier und versuchten, die Psychiatrie-Gesetze und den gesellschaftlichen
Umgang mit 'Wahnsinnigen' zu verändern. So veröffentlichte
Elizabeth Packard 1868 das erste von mehreren Büchern, in
denen sie ausführlich ihre Zwangsunterbringung im Irrenhaus
von Jacksonville, Illinois, beschrieb, die ihr Ehemann veranlasst
hatte. Außerdem gründete sie die Anti-Insane Asylum
Society (Gesellschaft für ein Anti-Irrenhaus-Asyl),
aber offensichtlich war diese Organisation zum Scheitern verurteilt
(Dain 1989). Ungefähr zur selben Zeit versuchte in Massachusetts
Elizabeth Stone, die ebenfalls auf Betreiben ihres Gatten zwangseingewiesen
worden war, die Öffentlichkeit auf ähnliche Weise davon
zu überzeugen, dass die ungerechte Einkerkerung der Verrückten
eine Ende haben müsse.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts durchlebte Clifford Beers, ein
wohlhabender junger Geschäftsmann, verschiedene Phasen verwirrten
Denkens und Handelns, bis er schließlich in einer Psychiatrischen
Anstalt landete. Später, als er sich erholt hatte, schrieb
er das Buch »A Mind that Found Itself« (1908; deutsche
Ausgabe: »Eine Seele die sich wiederfand«, 1941),
das eine hohe Auflage erreichte und zur Bildung des einflussreichen
National Committee on Mental Hygiene (Nationales Komitee für
psychische Hygiene) später: National Association
for Mental Health (Nationaler Verband für psychische
Gesundheit) führte. Norman Dain, Professor für
Geschichte an der Rutgers Universität in New Jersey, schreibt
1989, dass
... Beers die Misshandlung von psychiatrischen Patienten
beim Namen nannte, leidenschaftlich ihre Rechte verteidigte und
Psychiater verdammte, die die schlechte Behandlung von Patienten
duldeten. Möglicherweise mäßigte er seine feindselige
Haltung gegen die Psychiatrie, als deutlich wurde, dass die Unterstützung
seiner Reformbewegung durch höchste gesellschaftliche Kreise
nur unter Beteiligung führender Psychiater zu erreichen war.
Ihm schwebte vor, dass mit der Zeit auch ehemalige Psychiatrie-Patienten
und ihre Familien in die Bewegung eingebunden werden sollten;
das starre gesellschaftliche Vorurteil gegenüber geistig
verwirrten Menschen, Beers eigene Unschlüssigkeit und der
von Psychiatern ausgeübte Druck brachten ihn allerdings von
seinen Zielen weg. (S. 9f.)
Beiläufig erwähnt Dain auch die Bildung der Alleged
Lunatics' Friend Society (Gesellschaft der Freunde der angeblich
Wahnsinnigen) 1845 durch Psychiatriebetroffene in England.
Im wesentlichen bleibt diese frühe Geschichte jedoch undeutlich.
Die Bildung der modernen Gruppen von Psychiatriebetroffenen in
den USA zu Beginn der 70er Jahre geschah ohne jedes Wissen um
diese historischen Wurzeln.
Die Bezeichnungen 'Befreiung der Psychiatrie-PatientInnen' (bzw.
von Anstalts-InsassInnen) und 'Antipsychiatrie' bedeuten nicht
dasselbe, obwohl sie oft gleichlautend verwendet werden. Antipsychiatrie
ist größtenteils eine intellektuelle Übung von
AkademikerInnen und abtrünnigen Professionellen aus dem psychosozialen
Bereich. Innerhalb der Antipsychiatrie gab es nur zaghafte Versuche,
sich in Richtung der kämpfenden Betroffenen auszudehnen oder
deren Sichtweisen einzubeziehen. Im Mittelpunkt meines Artikels
stehen die Psychiatriebetroffenen und ihre Gruppen. Ich arbeite
die wesentlichen Positionen heraus, die die Entwicklung ihrer
Bewegung bestimmt haben, skizziere ihre jüngere Geschichte,
beschreibe ihre Hauptziele und Stärken und diskutiere die
Herausforderungen, mit denen sie sich in diesem Jahrzehnt konfrontiert
sieht.
Stigmatisierung und Diskriminierung machen es den einzelnen nach
wie vor schwer, sich als Psychiatriebetroffene zu erkennen zu
geben, wenn sie die Alternative haben, sich als normal auszugeben.
Damit verstärken sie die allgemeine Auffassung, dass der
obdachlose Stadtstreicher und die 'Frau mit den Plastiktüten'
die Prototypen der Psychiatriebetroffenen sind. Ähnlich den
schwarzen Vorzeige-Personen der letzten oder vorletzten Generation,
die 'ihrer Hautfarbe Ehre machten' und so per definitionem als
untypisch für Schwarze galten, betrachtet man auch Psychiatriebetroffene,
die im Leben gut zurechtkommen, als Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
Die Leitlinien der Bewegung
Ausschluss von Nicht-Betroffenen
Psychiatriebetroffene in den USA stellten fest, dass es für
ihre Arbeit am günstigsten ist, wenn sie Professionelle,
die im psychosozialen Bereich tätig sind, und andere Nicht-Betroffene
aus ihren Organisationen ausschließen (Chamberlin 1987).
Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass sich die Bewegung
in diese Richtung entwickelte ein Prozess, der sich in
den frühen 70er Jahren abzeichnete und von der Schwarzen-,
der Frauen- sowie der Schwulenbewegung beeinflusst war. Zu den
Prinzipien dieser Bewegungen gehören Selbstfindung und Selbstdefinition.
Schwarze fühlten, dass weiße Menschen ihre Erfahrungen
nicht wirklich verstehen konnten; Frauen empfanden ähnlich
bei Männern, Homosexuelle bei Heterosexuellen. Als diese
Gruppen sich entfalteten, kamen sie im Prozess der Selbstdefinition
zu eigenen Positionen. Psychiatriebetroffene, die sich zu organisieren
begannen, fanden diese Leitlinien ebenso schlüssig. Sie hatten
eine völlig andere Auffassung von 'psychischer Krankheit'
als weite Kreise der Öffentlichkeit und erst recht als Professionelle.
Deshalb schien es weder sinnvoll, in die eigenen Organisationen
Nicht-Betroffene aufzunehmen, noch, ihnen einen Einfluss auf die
Ziele der Organisationen zuzugestehen.
Es gab auch praktische Gründe für deren Ausschluss.
Die Gruppen, die einen anderen Weg gingen, verloren fast immer
die Idee der Befreiung aus den Augen und schlugen reformistische
Wege ein. Außerdem gab es in solchen Gruppen sehr bald keine
Kontrolle durch Betroffene mehr, denn die kleine Minderheit der
Nicht-Betroffenen übernahm Führungsrollen und bestimmte
so die Ziele und Richtung. Den neugebildeten Organisationen dienten
diese realen Erfahrungen als eindrucksvolle Beispiele für
die abträgliche Wirkung einer gemischten Zusammensetzung.
Bei dem Versuch, derartige Probleme zu lösen, machten Gruppenmitglieder
ein Verhaltensmuster aus, das sie als 'Pathologisierungsdrang'
(im Original: 'mentalism') und 'zwanghafte Normalität'
(im Original: 'sane chauvinism') bezeichneten; damit
sind eine Reihe von Vorurteilen gemeint, die die meisten Menschen
für Psychiatriebetroffene bereitzuhalten schienen: sie seien
inkompetent und nicht in der Lage, ihre eigenen Angelegenheiten
zu erledigen, sie bedürften ständig der Überwachung
und Fürsorge, seien unberechenbar, neigten zu Gewalt und
Unvernunft usw.. Solche Vorstellungen waren nicht nur in weiten
Kreisen der Öffentlichkeit verbreitet, sondern auch unter
den Betroffenen selbst. Diese erkannten die lähmenden Klischees
als Ausdruck verinnerlichter Unterdrückung und bekämpften
sie am erfolgreichsten in den Gruppen, die sich ausschließlich
aus Betroffenen zusammensetzten, und zwar als Folge von Selbsterfahrungsprozessen.
Selbsterfahrung
Im Prozess der Selbsterfahrung arbeiten Menschen ihre Erfahrungen
auf, um etwas über die Zusammenhänge zu lernen, in die
ihr Leben eingebettet ist. Die Art, wie Selbsterfahrung in der
Frauenbewegung eingesetzt wurde, half Frauen zu verstehen, dass
Angelegenheiten wie Sexualität, Heirat, Scheidung, Rollenverhalten
oder Diskriminierung am Arbeitsplatz keine individuellen Probleme
darstellen, sondern vielmehr die systematische gesellschaftliche
Unterdrückung von Frauen aufzeigen. Als Psychiatriebetroffene
begannen, gemeinsam ihre eigenen Lebensgeschichten aufzuarbeiten,
wurde auch ihnen klar, dass verschiedene Muster von Unterdrückung
existierten und dass unsere Probleme und Schwierigkeiten nicht
bloß innerlich und individuell waren, so wie man es uns
immer eingeredet hatte. Die Anwesenheit von Menschen, denen die
gemeinsame Erfahrung (z.B. als Frauen oder als Psychiatriebetroffene)
fremd sind, kann diesen Bewusstwerdungsprozess behindern. Als
die Notwendigkeit der Selbsterfahrung deutlicher wurde, gab es
also einen weiteren Grund für die Begrenzung der Teilnahme
an den Gruppen.
Selbsterfahrung ist ein fortschreitender Prozess, bei dem immer
subtilere Ebenen von Unterdrückung erkennbar werden. In einer
Gruppe von Psychiatriebetroffenen können verschiedene Aktivitäten
oftmals zu neuen Aspekten der Bewusstwerdung führen. Eine
Gruppe könnte z.B. an einen Reporter eines Lokalblattes oder
einer Fernsehstation herantreten, damit dieser eine Reportage
über ihre Arbeit bringt oder ihre Ansicht über ein aktuelles
Thema der Psychiatrie-Diskussion darstellen kann. Wenn jetzt die
VertreterInnen der Gruppe respektvoll behandelt werden und Gehör
finden, entsteht nach jahrelanger Unterdrückung die neue
Erfahrung, anerkannt zu werden. Wenn der Reporter die GruppenvertreterInnen
jedoch nicht anhören will, ihre Ausführungen anzweifelt
oder abfällige Bemerkungen über ihren geistigen Zustand
fallen lässt, kann dies dem Prozess der Bewusstwerdung dienen.
Vor dem Entstehen der Betroffenen-Bewegung hätte die Gruppe
aufgrund einer solchen entmutigenden Erfahrung vielleicht ihre
Strategie geändert oder sich sogar aufgelöst; jetzt
aber kann sie im Wissen, dass sie auf systembedingte Diskriminierung
gestoßen ist, über das weitere Vorgehen entscheiden.
Sie könnte sich z.B. bei dem Vorgesetzten des Reporters beschweren.
Sie könnte Fragen der Unterdrückung von Psychiatriebetroffenen
erörtern. Durch den Selbsterfahrungsprozess gewinnt die Gruppe
eine klare Vorstellung davon, was sie erwartet.
Die historische Entwicklung der Bewegung
Wie viele neue Entwicklungen in den USA begann die Befreiungsbewegung
von Psychiatriebetroffenen an der Ost- und Westküste und
breitete sich dann ins Inland aus. Unter den ersten Gruppen waren
die 1970 in Portland, Oregon, gegründete Insane Liberation
Front (Befreiungsfront der Irren), das Mental Patients'
Liberation Project (Projekt zur Befreiung von Psychiatrie-PatientInnen)
in New York City, die Mental Patients' Liberation Front
(Befreiungsfront von Psychiatrie-PatientInnen) in Boston,
Massachusetts, beide 1971 enstanden, sowie das 1972 in San Francisco
gegründete Network Against Psychiatric Assault (Netzwerk
gegen psychiatrische Bedrohung). Lokale Gruppen brauchten
lange, um Anschluss an die Diskussion zu bekommen, denn sie wurden
nicht finanziell unterstützt, und die meisten Mitglieder
hatten nur ein geringes Einkommen. Die Entstehung zweier wesentlicher
Kommunikationswege, die jährliche Conference on Human Rights
and Psychiatric Oppression (Konferenz über Menschenrechte
und psychiatrische Unterdrückung) und die in San Francisco
erscheinende Zeitschrift Madness Network News (Zeitschrift
des Netzwerks der Verrücktheit), förderte das Wachstum
der Bewegung. Interessanterweise wurde sowohl die Konferenz als
auch die Zeitschrift von gemischten Gruppen gegründet, um
jedoch später nur noch von Betroffenen geleitet und kontrolliert
zu werden (s.u.).
Die Reihe der Konferenzen über Menschenrechte und psychiatrische
Unterdrückung begann 1973 an der Universität von Detroit,
Michigan, unterstützt von einem sympathisierenden, nicht-betroffenen
Psychologie-Professor und von dem in New York City entstandenen
Mental Patients' Liberation Project (Projekt zur Befreiung
von Psychiatrie-PatientInnen). Etwa 50 Personen aus den gesamten
USA sowie kanadische RepräsentantInnen trafen sich für
einige Tage, um die sich entwickelnde Philosophie der Befreiungsbewegung
und ihre Ziele zu diskutieren. Die führende Rolle der Betroffenen
stand außer Frage. Der ursprüngliche Name der Konferenz
(»The Rights of the Mentally Disabled«; »Die
Rechte der psychisch Behinderten«), die der erwähnte
Professor vorgeschlagen hatte, wurde rundweg als stigmatisierend
abgelehnt. Obwohl in Detroit kein Plan zur Fortführung der
Konferenz erarbeitet wurde, hat sich später die Praxis eingebürgert,
unter den TeilnehmerInnen eine Gruppe für die Ausrichtung
der nächsten Jahreskonferenz auszuwählen. Eine Teilnahmebeschränkung
auf (Ex-)Betroffene gab es nur 1976. Die Konferenz fand bis 1985
jährlich statt. (Zur weiteren Entwicklung siehe unten.)
Madness Network News begann 1972 als Rundbrief für
den Raum San Francisco und wuchs allmählich zu einer Zeitschrift
heran, die nicht nur in der Bewegung von Psychiatriebetroffenen
Nordamerikas, sondern auch in der ganzen Welt verbreitet war.
Der ursprünglichen Kerngruppe von Madness Network News
gehörten Betroffene sowie vermeintlich radikale Beschäftigte
des psychosozialen Bereichs an, aber innerhalb weniger Jahre entwickelte
sich eine heftige Kontroverse, so dass schließlich die Nicht-Betroffenen
die Redaktion verließen. Auseinandersetzungen gab es auch
zwischen männlichen und weiblichen Betroffenen, was dazu
führte, dass spezielle Frauenausgaben von Redaktionsgruppen
hergestellt wurden, die nur aus Psychiatrie-betroffenen Frauen
bestanden. Die Zeitschrift finanzierte sich ausschließlich
durch den Verkauf, was zur Deckung der Druck- und Versandkosten
reichte, jedoch keine Lohnzahlungen ermöglichte. Viele Jahre
war diese Publikation die Stimme der US-amerikanischen Bewegung
von Psychiatriebetroffenen: eine Zeitschrift, die persönliche
Erfahrungsberichte veröffentlichte, kreative Texte, Kunst,
politische Theorien und Tatsachenberichte alles aus der
Sicht von Betroffenen. 1986 stellte Madness Network News
ihr Erscheinen ein.
Den Kern der Bewegung bildeten jedoch weiterhin die einzelnen
lokalen Gruppen. Obwohl einige nur für kurze Zeit existierten,
wuchs ihre Gesamtzahl kontinuierlich. Die meisten Gruppen wurden
von wenigen Leuten gegründet, geeint durch gemeinsame Wut
und die Absicht, organisiert eine Veränderung herbeizuführen.
Die Gruppen waren unabhängig, jedoch lose verbunden durch
Madness Network News und die Jahreskonferenz. Jede Gruppe
entwickelte ihre eigene Ideologie, Begrifflichkeit, ihren eigenen
Stil und ihre eigenen Ziele. Die Gruppennamen sind erstaunlich
verschiedenartig: von eindeutig (Mental Patients' Alliance
[Vereinigung der Psychiatrie-PatientInnen]; Network Against
Psychiatric Assault [Netzwerk gegen psychiatrische Gewalt])
bis zu verschleiernd (Project Acceptance; Reclamation, Inc.).
Einige Gruppen waren traditionell hierarchisch gegliedert, hatten
Funktionäre und hielten formelle Treffen ab, während
andere sich in Richtung Gleichberechtigung entwickelten, mit kollektiver
Entscheidungsstruktur und ohne formelle Führung. Bestimmte
Regeln und Grundsätze dienten dem Gruppenzusammenhalt: Den
psychiatrischen Begriffen stand man mit Argwohn gegenüber;
Einstellungen, die die Möglichkeiten Psychiatriebetroffener
einschränkten, sollten unterlassen oder verändert werden,
und die Gefühle von Gruppenmitgliedern insbesondere
gegenüber dem psychiatrischen System wurden als echt
und legitim angesehen, nicht als Krankheitssymptomatik.
Die Aktivitäten der verschiedenen Gruppen umfassten z.B.
die Organisation von Gruppen zur gegenseitigen Unterstützung,
juristische Hilfe für psychiatrisch untergebrachte 'PatientInnen',
Einflussnahme auf Abgeordnete zwecks Gesetzesänderungen,
öffentliche Stellungnahmen, Veröffentlichung von Informationsbroschüren
oder Entwicklung kreativer und künstlerischer Umgangsformen
mit den Erfahrungen als Psychiatriebetroffene. Die zwei wesentlichen
Stoßrichtungen waren juristische Unterstützung und
Selbsthilfeprojekte als Alternativen zum psychiatrischen System;
in den einzelnen Gruppen stellte sich bald heraus, dass die Bedürfnisse
ihrer Mitglieder hauptsächlich in diese beiden Bereiche fielen.
Die einzelnen Gruppen entwickelten verschiedene Begrifflichkeiten
zur Beschreibung ihrer Tätigkeit und ihres Selbstverständnisses.
Der Begriff 'ehemaliger Patient' war umstritten, da er das medizinische
Krankheitsmodell zu akzeptieren schien; Madness Network News
sprach von 'ehemaligen AnstaltsinsassInnen', einer Ausdrucksweise,
die sich weit verbreitete. Andere Gruppen sahen sich selbst als
KlientInnen, NutzerInnen oder Psychiatrie-Überlebende. Die
Unterschiede in der Begrifflichkeit unterstrichen die jeweiligen
Gewichtungen und Schwerpunkte; so war klar, dass diejenigen, die
sich InsassInnen oder Überlebende nannten, eine eher kämpferische
Haltung einnahmen.
Da die meisten Gruppen höchstens eine geringe Fremdfinanzierung
erhielten, waren sie in ihren Möglichkeiten eingeschränkt.
Die Frage, wo Gelder für eine Projektsicherung und eine Vergütung
der organisatorischen Arbeit aufzutreiben waren, führte zu
zahllosen Kontroversen. Und wenn sich eine Gruppe für eine
finanzielle Unterstützung durch Dritte entschied, war es
schwierig, diese überhaupt zu erhalten. Potentielle Geldgeber
betrachteten die Gruppen von Psychiatriebetroffenen mit viel Misstrauen,
insbesondere wenn sie die psychiatrische Ideologie und Begrifflichkeit
ablehnten. Anträge an Stiftungen, die ansonsten lokale Projekte
förderten, kamen mit der Begründung »Nicht zuständig«
zurück. Da Gesundheitsministerien häufig gerade diejenigen
Institutionen betrieben, in denen Gruppenmitglieder unterdrückt
worden waren, wandte man sich von vornherein nur selten an sie.
Wenn dies doch einmal geschah, dann zeigten sich die zuständigen
Stellen höchst skeptisch, Psychiatriebetroffenen die Durchführung
eigener Projekte zuzutrauen.
Trotzdem stellten sich allmählich Erfolge ein. Gruppen forderten
die Aufnahme in die verschiedenen Gremien, von denen sie bis dahin
ausgeschlossen waren Konferenzen, Anhörungen zu Gesetzesentwürfen,
Ausschüsse, Komitees u.ä.. Allmählich trudelten
tatsächlich Einladungen zu solchen Gremien ein, wenn die
Gruppen dort auch völlig unterrepräsentiert waren. Oftmals
mussten sie darauf bestehen, überhaupt eingeladen zu werden.
Waren Betroffene erst einmal dabei, gab es zwei mögliche
taktische Richtungen: Kooperation oder Konfrontation. Logischerweise
wurde bei solchen Veranstaltungen vieles vorgebracht, was der
sich entwickelnden Ideologie der Bewegung völlig gegen den
Strich ging. Die meisten Treffen standen im Zeichen ungebrochenen
Vertrauens in die psychiatrische Begrifflichkeit und Diagnostik
sowie der Annahme, dass 'PatientInnen' nie mehr unabhängig
leben könnten. Die Bewegung von Psychiatriebetroffenen setzte
dem medizinischen Modell das Vertrauen in die eigenen Kräfte
und das Recht auf Selbstbestimmung entgegen. Wenn Psychiatriebetroffene
die typisch psychiatrischen Zuschreibungen ablehnten, wurden sie
häufig von weiteren Veranstaltungen ausgeschlossen; dennoch
ist es der Bewegung hoch anzurechnen, dass ihre Mitglieder eine
deutliche Sprache sprachen und sich gegen viele Behauptungen zur
Wehr setzten. Von professionellen TeilnehmerInnen kam immer wieder
der gleiche Einwand, die Betroffenen würden »die Diskussion
polarisieren« oder »eine Spaltung provozieren«.
Gelegentlich entschieden sich Professionelle dafür, mit einzelnen
Betroffenen zusammenzuarbeiten, wenn sich diese kooperativ verhielten
und sich nicht mit der Bewegung identifizierten. Ein Beispiel
dafür ist die 20-köpfige President's Commission on Mental
Health (Präsidentenkommission für psychische Gesundheit),
in die das war in den 70er Jahren der höchste und
publizitätsträchtigste Posten für Psychiatriebetroffene
eine Frau berufen wurde, die zwar nie in einer Gruppe von
Psychiatriebetroffenen gearbeitet, aber in Fachzeitschriften über
ihre Erfahrungen als Patientin geschrieben hatte.
Trotzdem verhinderte die Bewegung, dass sie von diesem Gremium,
wie auch von anderen, ausgeschlossen blieb. Ihre AktivistInnen
stürmten viele der öffentlichen Anhörungen der
Kommission. Sie setzten sich für die Durchsetzung von 'Patienten'-Rechten
und die finanzielle Unterstützung von selbstinitiierten Alternativen
zur traditionellen Behandlung ein und prangerten gleichzeitig
sehr wortstark die Schädlichkeit psychiatrischer Behandlungsmethoden
an, die sie selbst erlebt hatten. Der Schlussbericht der Kommission
erkannte die Bedeutung alternativer Behandlungsmethoden an, wobei
er konstatierte, dass sich viele der neueren Angebote
... gegen eine Klassifizierung als psychiatrische Hilfsangebote
abgrenzen, in der Überzeugung, dass eine solche Einstufung
eine medizinische Sichtweise nach sich zieht und autoritäre
Beziehungen und entwürdigende Stigmatisierung beinhalten.
(»Report« 1978, S. 14)
Der Bericht stellte weiterhin fest, dass
... Gruppen, die sich aus Personen mit psychischen oder
emotionalen Problemen zusammensetzen, bereits existieren oder
in den gesamten USA im Begriff sind zu entstehen. (S. 14f.)
Die Bewegung, deren Mitglieder natürlich ebenso an der Lösung
von sozialen und politischen Problemen arbeiten, verlangte auch
die Beteiligung an einer Reihe von Konferenzen, die von dem Community
Support Program (CSP; Kommunales Förderprogramm) organisiert
wurden. Das CSP, das in den späten 70er Jahren als Unterabteilung
des National Institute of Mental Health (NIMH; Nationales Institut
für psychische Gesundheit) gestartet wurde, konzentrierte
sich auf die Bereitstellung von Hilfsmitteln für kommunale
Einrichtungen. Nach Meinung von Betroffenen aber schrieben diese
Einrichtungen oftmals viele der schlimmsten Merkmale der institutionellen
Psychiatrie fest, einschließlich Stigmatisierung, psychopharmakologischer
Zwangsbehandlung und bevormundender Kontrollstrukturen. Die Teilnahme
von Betroffenen an seinen Konferenzen zwang das CSP, die Wichtigkeit
der Unterstützung von selbstverwalteten Projekten als Teil
der kommunalen Förderung anzuerkennen, obwohl die AktivistInnen
der Bewegung den Professionellen in den Konferenzen zahlenmäßig
weit unterlegen waren. Derartige Empfehlungen wären nicht
ausgesprochen, ja noch nicht einmal in Erwägung gezogen worden,
wenn nicht die AktivistInnen immer wieder darauf bestanden hätten,
gehört zu werden.
Aus der Teilnahme an Konferenzen und Treffen, die von Professionellen
getragen wurden, ergab sich noch ein weiterer, unbeabsichtigter
Nutzen. Sie ermöglichte Betroffenen, sich zu treffen und
voneinander zu lernen. Solche Kontakte gestalteten sich zunächst
schwierig, insbesonders bei Leuten aus unterschiedlichen Regionen,
entwickelten sich aber später zu einer Quelle der Inspiration
und Hilfe beim Bewältigen der ansonsten sehr undankbaren
Aufgabe, einer oftmals gleichgültigen oder gar feindseligen
Zuhörerschaft den Betroffenen-Standpunkt klarzumachen.
Selbsthilfe und Rückgewinnung von Handlungsfähigkeit
Bei der Durchführung von Selbsthilfeprogrammen als Alternative
zu professioneller Behandlung setzte die Bewegung allmählich
einige ihrer Grundsätze in die Praxis um. Die Mental Patients'
Association (MPA; Vereinigung von Psychiatrie-PatientInnen)
in Vancouver/Kanada realisierte ihr Kommunikationszentrum und
ihre Wohnprojekte 1971 innerhalb weniger Monate nach der Gründung.
In den USA entstanden solche Projekte jedoch nicht vor Ende der
70er Jahre, hauptsächlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung.
Projekte, die aus der Betroffenen-Bewegung heraus entstanden,
neigen zur Skepsis gegenüber dem Nutzen des psychosozialen
'Versorgungssystems' und traditioneller psychiatrischer Behandlung
(Chamberlin/Rogers/Sneed 1989). In der Regel kommen die einzelnen
Leute deshalb zu den Gruppen, weil sie schlechte Erfahrungen mit
dem psychiatrischen System gemacht haben. Oft platzen sie fast
vor Wut; die Gruppe betrachtet dies als gesunde Reaktion auf den
Missbrauch im psychiatrischen System. Es ist möglich, dass
Mitglieder parallel dazu, trotz ihres Misstrauens gegen dieses
System, noch im psychosozialen Netz stecken. Bei den nutzerkontrollierten
Angeboten steht den Mitgliedern frei zu entscheiden, inwieweit
sie ihre Mitarbeit in Selbsthilfegruppen mit der Nutzung von professionellen
Hilfsangeboten kombinieren.
Gestärkt
durch Erfolgserlebnisse in Selbsthilfegruppen, erlangen die Mitglieder
die Fähigkeit, sich im psychosozialen System stärker
für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Empowerment (Rückgewinnung
der Selbstbestimmung) (2)
bedeutet, dass Betroffene sich generell zu den Angelegenheiten
dieses Systems äußern; sie weisen dadurch die Rolle
des passiven Hilfeempfängers zurück. Gruppenmitglieder
beginnen ganz automatisch wie AnwältInnen zu handeln, sie
vertreten die Bedürfnisse anderer in Kommissionen, Ausschüssen
und Komitees. Dies erfordert unter Umständen eine Abstimmung
mit anderen Gruppen und Personen, so z.B. Mitgliedern der Legislative
und anderen PolitikerInnen, VerwaltungsbeamtInnen oder Familienangehörigen,
die grundsätzlich auf alle hören, nur nicht auf die
Betroffenen selbst.
Selbsthilfegruppen existieren nicht in einem gesellschaftlichen
Vakuum. Auch für eine Gruppe, die sich selbst für völlig
losgelöst vom psychosozialen System hält, wird es notwendigerweise
Berührungspunkte geben, wohingegen sich eine Gruppe, die
von Professionellen betreut wird oder ins Leben gerufen wurde,
Wege ausdenken muss, um sich aus der Umarmung durch das 'Versorgungssystem'
zu lösen. Indem Mitglieder von Selbsthilfegruppen aktivere
Rollen einnehmen, können sie das System ändern, mit
dem sie Kontakt haben, denn dieses stellt sich auf ihre neuen
Rollen als Anwälte und Dienstleistende ein.
Selbsthilfe ist kein vereinzeltes Projektmodell, sondern ein
umfassendes Konzept. Indem die einzelnen Menschen ihrer Umgebung
auf neue Art und Weise entgegentreten, erlangen sie nach und nach
neue Kompetenzen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Selbsthilfe
die Stigmatisierung als 'psychisch krank' bekämpft, denn
die negativen Vorurteile müssen letztlich der Realität
weichen einer Realität von Betroffenen, die ihr Leben
selbst bewältigen und ihre eigenen Projekte betreiben. Der
Erfolg von Selbsthilfegruppen war durchschlagend. Teilweise verwalten
sie Jahresbudgets in Höhe von mehreren hunderttausend Dollar;
mit diesen Geldern lassen sie Flugblätter, Bücher und
Broschüren drucken; sie organisieren Schulungen zur Gruppenarbeit
für andere Betroffene und für Professionelle, beeinflussen
die Gesetzgebung und die allgemeine Politik und setzen sich in
den Medien für die eigenen Interessen ein; sie überwinden
stereotype Vorurteile und schaffen neue Realitäten. Gleichzeitig
kann es vorkommen, dass sich einzelne Gruppenmitglieder noch immer
mit den spezifischen Auffälligkeiten herumschlagen, die ursprünglich
zur psychiatrischen Abstempelung führten. Selbsthilfe ist
weder eine Zauberformel noch ein Allheilmittel, aber sie ist eine
überzeugende Bestätigung dafür, dass Menschen trotz
Problemen und Hindernissen mehr erreichen können, als andere
(oder sie selbst) jemals für möglich gehalten hätten.
Rechtshilfe
Selbsthilfe ist eine von zwei gleichwertigen Seiten der Bewegung
von Psychiatriebetroffenen; die andere ist Rechtshilfe oder Arbeit
für politische Veränderung. Denn anders als Gruppen
wie Recovery Inc. (Genesung e.V.) oder Schizophrenics
Anonymous (Anonyme Schizophrene) nehmen sich die Gruppen
zur Befreiung von Psychiatriebetroffenen eher solche Probleme
vor, die über das einzelne Individuum hinausreichen. Das
wichtigste Anliegen der Bewegung ist die Veränderung und
letztlich die Abschaffung aller Gesetze und Praktiken, die zu
einer Diskriminierung von Menschen führen, die als psychisch
krank etikettiert sind. Eine psychiatrische Diagnose, soweit sie
überhaupt noch gestellt wird, soll nicht mehr Einfluss auf
die bürgerlichen Rechte und Pflichten der einzelnen haben
als die Diagnose Diabetes oder Herzleiden. Dazu gehört die
Abschaffung aller Gesetze über Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung
sowie aller juristischen Möglichkeiten, in Strafprozessen
auf »Schuldunfähig wegen Geisteskrankheit« zu plädieren
usw..
Das Ende der Zwangsbehandlung ist ein langfristiges Ziel der
Befreiungsbewegung von Psychiatriebetroffenen. Mittelfristig versuchen
die AktivistInnen, die Bedingungen für diejenigen zu erleichtern,
die der Zwangsbehandlung ausgesetzt sind, und dafür zu sorgen,
dass deren real-existierende Rechte respektiert werden, wobei
sie nicht vergessen, dass dies nur einen relativen Fortschritt
in einem vom Grundsatz her ungerechten System darstellt.
Die bestehenden Gesetze ermöglichen es, dass man Menschen
eine Behandlung wegen 'psychischer Krankheit' aufzwingt. Bei (physischen)
Krankheiten kommt dies so gut wie nie vor, außer in den
seltenen Fällen, in denen Gerichte eine elterliche
Entscheidung, ihr Kind nicht ärztlich behandeln zu lassen,
außer Kraft setzen. In solchen Fällen nehmen die Gerichte
die Rolle des parens patriae (3)
ein; das bedeutet, sie definieren das Kindeswohl und entscheiden
anstelle der Eltern. Wenn sich eine Person, unabhängig vom
Alter, aufgrund eines Gerichtsbeschlusses einer psychiatrischen
Behandlung unterziehen muss, kommt dieselbe parens-patriae-Macht
zum Tragen. Diese Verbindung zwischen Rechts- und medizinischem
System versetzt die Psychiatriebetroffenen in eine missliche Lage,
die (physisch) Kranken erspart bleibt.
Zusätzlich zur parens-patriae-Doktrin, gemäß
der eine 'psychisch kranke' Person ihr eigenes Wohl nicht erkennen
kann, soll das Gewaltmonopol des Staates die Zwangsunterbringung
rechtfertigen. Diese Doktrin geht davon aus, dass 'psychisch kranke'
Menschen gefährlich sind und sich selbst oder anderen Schaden
zufügen könnten, falls sie nicht in Gewahrsam genommen
werden. Der Glaube an deren Gefährlichkeit ist in unserer
Kultur tief verwurzelt. Er wird speziell von den Massenmedien
gestützt, die immer wieder Geschichten verbreiten, in denen
Gewaltverbrechen 'psychischen Krankheiten' zugeschrieben werden.
Wenn der bzw. die Angeklagte früher einmal psychiatrisch
behandelt wurde, stellt man dies groß heraus; andernfalls
zitiert man häufig einen Polizeibeamten oder sonst eine Autoritätsperson,
und schon hat man das Ergebnis, dass man 'einen psychiatrischen
Fall' oder 'einen Irren' vor sich hat. Auch im Falle ungelöster
Verbrechen erfinden Medien und Polizei häufig psychisch kranke
Phantome als mutmaßliche TäterInnen. Sowohl die parens-patriae-Macht
als auch die polizeiliche Gewalt beziehen sich auf die stereotypen
Beurteilungen der künftigen 'PatientInnen': Sie sind krank,
unberechenbar, gefährlich und können weder für
sich selbst sorgen noch beurteilen, was gut für sie ist.
Die juristische Arbeit der Bewegung konzentriert sich mehr auf
das Recht des Individuums, nicht zum Patienten gemacht zu werden,
als auf reine Verfahrensfragen vor Einleitung einer Zwangsbehandlung.
Eine wichtige Klage, die die Prüfung dieses Rechts zum Gegenstand
hatte, strengten 1975 sieben InsassInnen der staatlichen Psychiatrischen
Anstalt in Boston an; die meisten von ihnen waren Mitglieder einer
Patientenrechts-Gruppe, welche sich jede Woche mit Unterstützung
der Mental Patients' Liberation Front (Befreiungsfront von
Psychiatrie-PatientInnen) innerhalb der Anstalt trafen. Dieser
Fall wurde zunächst bekannt unter »Rogers vs. Macht«;
später hieß er »Rogers vs. Okin« (1979) und
»Rogers vs. Commissioner of Mental Health« (1983; »Rogers
gegen den Psychiatrie-Beauftragten«). Das Urteil brachte
ein begrenztes Recht auf Ablehnung einer Behandlung (in diesem
Fall mit psychiatrischen Psychopharmaka) für 'PatientInnen'
in Massachusetts.
Seit diesem Verfahren wurden in mehreren Bundesstaaten Prozesse
um das Recht auf Ablehnung einer Behandlung geführt, so in
New York (Rivers vs. Katz 1986) und in Kalifornien (Riese vs.
St. Mary's Hospital 1987). In anderen Bundesstaaten wurde dieses
Recht auf dem Verwaltungsweg durchgesetzt. Die Bewegung begrüßte
die Entscheidungen zunächst als Erfolge; es stellte sich
jedoch bald heraus, dass diese Reformen in der Praxis am Machtgefälle
zwischen Psychiatern und 'PatientInnen' wenig ändern. Von
Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden, enthält jedes Verfahren
mindestens eine Möglichkeit, sich über die Entscheidungen
von 'PatientInnen' hinwegzusetzen; gleich, ob es sich um ein Verwaltungs-
oder ein zivilrechtliches Verfahren handelte, das Ende sieht so
aus, dass trotz des behaupteten Selbstbestimmungsrechts die meisten
'PatientInnen', die Psychopharmaka ablehnten und deren Fälle
verhandelt wurden, doch zur Einnahme gezwungen wurden (Appelbaum
1988). Viele AktivistInnen der Bewegung haben sich dadurch entmutigen
lassen; sie verloren den Glauben, dass Gerichte Menschen helfen
können, Zwangsbehandlung mit Hilfe des Selbstbestimmungsrechts
zu verhindern.
Dass sie auf eine Kritik am psychiatrischen System stießen,
die ihre Gefühle bestätigte, war bei vielen Mitgliedern
der Bewegung von Psychiatriebetroffenen erstmals der Fall, als
sie mit den Arbeiten von Thomas Szasz in Berührung kamen.
Unaufhörlich und eindringlich bezeichnete Szasz psychiatrische
Zwangsbehandlung als grundsätzliches Unrecht: in Büchern
wie »The Myth of Mental Illness« (1961; »Geisteskrankheit
ein moderner Mythos?«, 1972) und »The Manufacture
of Madness« (1970; »Die Fabrikation des Wahnsinns«,
1974) sowie in seiner mehr als 30-jährigen Laufbahn.
Immer wieder sprach er von dem grundlegenden Fehler, soziale und
Verhaltensprobleme als Krankheiten zu definieren. In einem Artikel
aus dem Jahr 1989 liefert Szasz eine vernichtende Kritik an der
von JuristInnen und Nicht-Betroffenen geführten Bewegung
für Patienten-'Rechte'.
Unter dem Schlachtruf »Uneingeschränke bürgerliche
Rechte für Psychiatriepatienten« sammelten sich professionelle
bürgerliche Freigeister, Angehörige und von 'Psychiatriefällen'
lebende Rechtsanwälte, um die Rechte von Psychiatriebetroffenen
einzuklagen in ihrer Eigenschaft als psychiatrische
Patienten. Das Ergebnis ist ein borniertes Aktionsprogramm von
Ja-Sagern: Da Psychiatriebetroffene krank seien, hätten sie
ein Recht auf Behandlung; da viele von ihnen obdachlos seien,
hätten sie ein Recht auf Unterbringung; und in diesem Sinne
geht es weiter, bis man sogar zu einem speziellen Recht auf Ablehnung
der Behandlung kommt einem Recht, das alle Nicht-Psychiatriebetroffenen
auch ohne besondere Gewährung haben. Kurz gesagt,
die Phrase von den 'Rechten der Psychiatrie-Patienten' meint alles
andere als die Gewährung derselben Rechte (und Pflichten),
wie sie allen Erwachsenen in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger
oder Individuen zugestanden wird. (S. 19)
Die National Association of Psychiatric Survivors (NAPS; Nationaler
Verband von Psychiatrie-Überlebenden), gegründet
1985 als National Alliance of Mental Patients (Nationales
Bündnis von Psychiatrie-PatientInnen), vertritt dieselben
Ideen wie Szasz. Der erste Absatz in »Goals and Philosophy
Statement« (»Erklärung zu den Zielen und zur
Philosophie«) von NAPS lautet:
Wir setzen uns für die Menschen- und Bürgerrechte
psychiatrisch Behandelter ein, und zwar mit besonderer Beachtung
des völligen Selbstbestimmungsrechts. Wir arbeiten hin auf
das Ende willkürlicher psychiatrischer Intervention, einschließlich
Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung z.B. mit Elektroschocks,
Lobotomie (operative Durchtrennung von Vorderhirn-Nervenbahnen),
psychiatrischen Psychopharmaka, Fixierung und Isolation. Für
uns sind derartige Eingriffe ohne Einwilligung der Betroffenen
nicht Behandlung, sondern Beschränkung der Freiheit und des
Rechts auf körperliche Unversehrtheit und auf freie Entfaltung
der Persönlichkeit. Besonderes Gewicht legen wir auf die
Entscheidungsfreiheit von Menschen, die Hilfe von psychiatrischen
Einrichtungen wollen: Der Zustimmung muss eine den Tatsachen entsprechende
Aufklärung vorangehen, außerdem darf das Recht auf
Ablehnung unerwünschter Anwendungen nicht außer Kraft
gesetzt werden. Wir treten ebenso für die Absicherung der
Rechte von psychiatrisch Etikettierten ein; das sind nicht zuletzt
Menschen in Übergangseinrichtungen, Tages-'Kliniken', Wohnheimen,
beruflichen Rehabilitations-Einrichtungen, Pflegeheimen und psychosozialen
Rehabilitations-Clubs und natürlich in Psychiatrischen Anstalten.
(»Goals« [o.J.], S. 1)
Dies ist der Kern der Befreiung von Psychiatriebetroffenen. NAPS
wurde eigens zu dem Zweck gegründet, dem Trend der reformistischen
Konsumhaltung entgegenzuwirken; diese Haltung entwickelte sich,
als das psychiatrische Establishment begann, Selbsthilfegruppen
finanziell zu unterstützen. Dies zog nun ironischerweise
zwei sich widersprechende Entwicklungen nach sich: Einerseits
wuchs die Bewegung, das Funktionieren einer steigenden Zahl alternativer
Selbsthilfeprojekte wurde sichergestellt; andererseits wurden
die radikalen Stimmen innerhalb der Bewegung abgeschwächt
und so die Position der weitaus größeren Zahl von kooperationswilligen
'NutzerInnen' gefestigt. Der Begriff 'Nutzer' unterstellt eine
Gleichberechtigung, die schlichtweg nicht vorhanden ist; 'Nutzer'
im psychiatrischen Bereich sind nach wie vor Opfer von Zwangseinweisung
und Zwangsbehandlung, und es sind nach wie vor Dritte, die sich
das Recht auf Interpretation ihrer Erfahrungen anmaßen.
Es überrascht nicht, dass sich die Internationale Konferenz
über Menschenrechte und psychiatrische Unterdrückung
auflöste, nachdem das Kommunale Förderprogramm CSP innerhalb
des Nationalen Instituts für psychische Gesundheit erst einmal
begonnen hatte, 'Nutzer'-Tagungen finanziell zu fördern.
Die erste dieser vom CSP unterstützten Tagungen (»Alternatives
'85«) war im Juni 1985 in Baltimore, Maryland, die letzte
Internationale Konferenz in Burlington, Vermont, im August desselben
Jahres. Eine Gruppe von 'NutzerInnen', die sich von der Idee der
Befreiung vermutlich bedroht gefühlt hatten, half bei ihrer
Liquidation. Zur selben Zeit bekämpften einige (extreme)
FundamentalistInnen jede Form von Organisation als Unterdrückung;
sie glaubten, eine völlig dezentralisierte und strukturfreie
Bewegung könne ihre Ziele am besten erreichen.
Madness Network News stellte sein Erscheinen im darauffolgenden
Jahr ein. Die unbezahlten MitarbeiterInnen waren erschöpft
von den Anstrengungen, eine ausschließlich durch AbonnentInnen
finanzierte Zeitung herauszugeben. Eine sehr kleine Gruppe von
FundamentalistInnen trat an ihre Stelle, brachte aber lediglich
eine einzige Ausgabe zustande; darin wurden alle kritisiert, die
den Versuch unternahmen, die Organisationsstrukturen weiterzuentwickeln
oder Geldquellen für die Aktivitäten der Bewegung zu
erschließen. Anschließend stellte das Blatt sein Erscheinen
ein. Für die Diskussion innerhalb der Bewegung war dies ein
großer Verlust; die Lücke konnte über Jahre hinweg
nicht geschlossen werden. Bald erschien zwar die Zeitschrift Dendron
(herausgegeben vom Clearinghouse on Human Rights and Psychiatry
[Zentralstelle für Menschenrechte und Psychiatrie])
in Eugene, Oregon, doch dieses Blatt erlangte erst in jüngster
Vergangenheit eine ähnliche Bedeutung wie vormals Madness
Network News.
Die Bewegung heute
Gegenwärtig gibt es viele Gruppen, die sich als Fürsprecher
'der PatientInnen' ausgeben. Sogar die American Psychiatric Association
(Standesorganisation der US-amerikanischen Psychiater)
nimmt diese Rolle für sich in Anspruch, ebenso die National
Alliance for the Mentally Ill (NAMI; Nationale Vereinigung
für die psychisch Kranken); eine Gruppe hauptsächlich
von Angehörigen Psychiatriebetroffener, die das medizinische
Krankheitsmodell enthusiastisch favorisiert; NAMI befürwortet
eine Ausweitung von Zwangsunterbringungen und eine lebenslange
Kontrolle von Menschen, wenn sie einmal als psychisch krank diagnostiziert
wurden.
Es ist jedoch ein grundlegendes Prinzip von Befreiung, dass die
Menschen für sich selbst sprechen müssen. Unter
Psychiatriebetroffenen (von denen es Millionen gibt) findet sich
eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen. Manche Gruppen
(wie z.B. die National Depressive and Manic Depressive Association
[Nationaler Verband der Depressiven und Manisch-Depressiven])
bevorzugen den Krankheitsbegriff; manche (wie z.B. Recovery, Inc.
[Genesung e.V.]) kombinieren Selbsthilfe mit der Behandlung
einer Krankheit; und manche (wie z.B. die National Mental Health
Consumers' Association [Nationaler Verband von Psychiatrie-NutzerInnen])
sehen sich als 'NutzerInnen'; andere wiederum (wie z.B die National
Association of Psychiatric Survivors [Nationaler Verband von
Psychiatrie-Überlebenden] ) zählen sich zur Befreiungsbewegung.
Es lässt sich allerdings mit Sicherheit sagen, dass sich
die weitaus größte Zahl der Betroffenen mit keiner
dieser Organisationen identifiziert, den meisten dürfte deren
Existenz sogar völlig unbekannt sein.
Die Bewegung sieht sich nach wie vor mit enormen Hindernissen
konfrontiert. Das psychiatrisch/medizinische Modell der psychischen
Krankheit wird von der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert.
Tatsächlich 'entdecken' Psychiater ständig irgendwelche
neuen psychischen Krankheiten; und jetzt behaupten sie, dass soziale
Normabweicher und Gesetzesbrecher angefangen vom Vergewaltiger
bis hin zum notorischen Spieler unter einer Vielzahl neu
definierter psychischer Krankheiten leiden. Hinzu kommt, dass
sich die Psychiatrie in Gerichten, Gefängnissen, Schulen
und in allen wichtigen gesellschaftlich Institutionen festgesetzt
hat.
Es gibt aber
auch viele Signale, die Anlass zur Hoffnung geben. Die Bewegung
von Psychiatriebetroffenen ist dabei, sich mit den Körperbehinderten
(4) und den Armen zusammenzuschließen;
ebenso baut sie Kontakte zu Psychiatriebetroffenen in anderen
Staaten auf. Körperbehinderte haben ihre eigenen Selbsthilfeprojekte
entwickelt; ihr Ausgangspunkt ist das Modell der selbständigen
Lebensführung. Den Prinzipien dieses Modells zufolge ist
jeder Mensch unabhängig vom Grad der Behinderung
in der Lage, selbständig zu leben, vorausgesetzt, es stehen
entsprechende Hilfen zur Verfügung. Diese müssen auf
die jeweilige Person zugeschnitten sein bestimmte Gerätschaften,
persönliche Fürsorge, spezielle Transportmittel usw..
Die einzelnen Komponenten der Hilfe bestimmen die Betroffenen
selbst, dabei werden sie von SpezialistInnen beraten, die selbst
behindert sind. In dem Maße, wie sich die Krüppel-Bewegung
ausbreitete, wuchs auch ihr politischer Einfluss. Mehr als zehn
Jahre hat die Bewegung für ein US-amerikanisches Behindertengesetz
gekämpft, das sogenannte Civil Rights Bill for the Disabled
(Gesetz über die bürgerlichen Rechte von Behinderten).
Dieses Gesetz trat am 26. Juli 1990 in Kraft und definiert einige
zentrale Rechte, die zuvor nicht beachtet wurden und die nun Grundlage
dafür sein können, weitere Rechte einzufordern. Obwohl
sich die Bewegung von Psychiatriebetroffenen erst recht spät
in die Auseinandersetzung einschaltete, schließt die verabschiedete
Gesetzesfassung Personen mit 'psychiatrischen Behinderungen' ein.
Zu Berührungspunkten zwischen der Bewegung von Psychiatriebetroffenen
und den Verarmten kam es bei den Bemühungen um bezahlbaren
Wohnraum, bei Kampagnen für eine umfassende Krankenversicherung
und im Rahmen der Beteiligung an der Rainbow Coalition (Regenbogen-Koalition;
alternative politische Gruppierung). Der Nutzen, den die Teilnahme
von AktivistInnen der Bewegung von Psychiatriebetroffenen an diesen
Aktionen brachte, ging über die notwendige Interessenvertretung
für ehemalige Anstalts-InsassInnen hinaus: Bei den Verbündeten
kann die Entmystifizierung von unschätzbarem Wert sein, denn
abgestempelt als psychisch krank ist man eine Person ohne Namen
und ohne Gesicht, der mit Feindseligkeit begegnet wird; die konkrete
Zusammenarbeit und der gemeinsame Kampf macht die Psychiatriebetroffenen
zu vertrauten und verstehbaren KollegInnen, zu Individuen.
Ein weiteres Zeichen für Wachstum und Stärke der Bewegung
von Psychiatriebetroffenen ist die wachsende internationale Zusammenarbeit.
Durch den Austausch ihrer Veröffentlichungen und die gemeinsame
Teilnahme an Konferenzen und Versammlungen entwickeln die Gruppen
allmählich eine gemeinsame Ideologie. Obwohl das Fehlen einer
Begrifflichkeit, die den Zusammenschluss stärken würde,
nach wie vor zu Streitereien Anlass gibt, drücken solche
Unterschiede nicht unbedingt auch große Differenzen in bezug
auf Standpunkt und Aktivitäten aus. Ob die Gruppenmitglieder
sich nun KlientInnen, KonsumentInnen, Ex-PatientInnen, NutzerInnen
oder Psychiatrie-Überlebende nennen: Was die Gruppen weltweit
verbindet, sind ihre Ziele Selbstbestimmung und uneingeschränkte
bürgerliche Rechte für ihre Mitglieder.
Dass die überwältigende Mehrheit Psychiatriebetroffener
nach wie vor nicht organisiert ist, ist nicht zu verleugnen, aber
wir stellen uns dieser Herausforderung. Indem Gruppen stärker
ins Licht der Öffentlichkeit treten, gewinnen sie neue Mitglieder.
Denn die organisierten Psychiatriebetroffenen sprechen aus, was
alle erfahren haben: Die Leute sind zurecht zornig und frustriert,
und nur wenn sie ihre Stimme erheben, können Menschen, denen
die Psychiatrie Leid zugefügt hat, dieser verbarrikadierten
Macht eine Gegenmacht entgegenstellen.
Anmerkungen
(1) Original erschienen
unter dem Titel: »The Ex-Patients' Movement: Where We've
Been and Where We're Going«, in: Journal of Mind and Behavior,
Vol. 11 (1990), Nr. 3/4, S. 323 336
(2) Anmerkung der Herausgeber:
Wörtlich könnte man 'Empowerment' mit 'Selbstermächtigung'
übersetzen. Gemeinsam mit anderen Psychiatriebetroffenen
entwickelte Judi Chamberlin im April 1990 folgende (bisher unveröffentlichten)
Kriterien von Empowerment:
-
»Entscheidungsmacht haben
-
Zugang zu Informationen und Finanzmitteln haben
-
ein Spektrum an Wahlmöglichkeiten haben (nicht bloß
»ja/nein« und »entweder/oder«)
-
Entschlossenheit besitzen; das Gefühl haben, dass der/die
Einzelne etwas ändern kann (Hoffnung haben)
-
kritisches Denken lernen, gedankenloses Reagieren verlernen,
Dinge differenziert betrachten, zum Beispiel mit der eigenen
Stimme sprechen, die eigene Identität neu definieren,
die eigenen Möglichkeiten und das Verhältnis zu
institutionalisierter Macht neu definieren
-
Wut lernen, ihr Ausdruck verleihen
-
sich nicht allein, sondern als Teil einer Gruppe fühlen
-
begreifen, dass eine Einzelperson Rechte hat
-
Veränderung bewirken, im persönlichen Bereich und
in der Gemeinschaft
-
sich nach eigener Meinung wichtige Fähigkeiten (z.B.
Kommunikation) aneignen
-
anderer Leute Wahrnehmung von der eigenen Kompetenz und Handlungsfähigkeit
ändern
-
sich nicht länger verstecken
-
unbefristet wachsen und sich aus eigenem Antrieb verändern
-
ein positives Selbstbild entwickeln und Stigmata überwinden.«
(3) Anmerkung der Herausgeber:
'parens patriae' stammt aus dem Lateinischen. Caesar nannte sich
als römischer Diktator 'parens patriae', zu deutsch: Vater
des Vaterlandes. Damit wollte er sich auf dieselbe Stufe stellen
wie der eigentliche parens patriae des alten Roms, nämlich
Romulus, der Stadtgründer göttlicher Herkunft.
(4) Ich verwende den
Begriff 'Körperbehinderte' gleichlautend mit 'Krüppel'
und ohne jegliche diskriminierende Absicht; außerdem liegt
mir nichts ferner, als Menschen mit psychiatrischen Diagnosen
in irgendeiner Weise als psychisch Behinderte zu verunglimpfen.
Aus dem Amerikanischen von Rainer Kolenda
Quellen
-
Appelbaum, Paul S. (1988): The right to refuse treatment
with antipsychotic medications: retrospect and prospect, in:
American Journal of Psychiatry, Vol. 145, Nr. 4, S. 413
419
-
Beers, Clifford Whittingham (1908): A mind that found itself.
An autobiography, New York: Longmans, Green and Co. 1908;
deutschsprachige Übersetzung: Eine Seele die sich wiederfand.
Autobiographie des Begründers der 'Geistigen Hygiene', Basel:
Schwabe 1941
-
Chamberlin, Judi (1979): On our own: patient-controlled alternatives
to the mental health system, New York: McGraw-Hill
-
Chamberlin, Judi (1987): The case for separatism, in: Ingrid
Barker / Edward Peck (Hg.): Power in strange places, London:
Good Practices in Mental Health, S. 24 26
-
Chamberlin, Judi / Rogers, Joseph A. / Sneed, Caroline S.
(1989): Consumers, families, and community support systems,
in: Psychosocial Rehabilitation Journal, Vol. 12, Nr. 3, S.
93 106
-
Dain, Norman ( 1989): Critics and dissenters: reflections
on 'anti-psychiatry' in the United States, in: Journal of
the History of the Behavioral Sciences, Vol. 25, Nr. 1, S.
3 25
-
Goals and philosophy statement (o.J.), Sioux Falls: National
Association of Psychiatric Survivors
-
Report to the president for the President's Commission on
Mental Health (1978), Teil 1, Washington: United States Government
Printing Office
-
Riese vs. St. Mary's Hospital (1987), 209 Cal. App. 3rd,
1303
-
Rivers vs. Katz (1986), 67 N.Y., 2nd, 485
-
Rogers vs. Commissioner of Mental Health (1983), 390 Mass.
489, 458 N.E. 2d 308, 311 (Mass. S.J.Ct.)
-
Rogers vs. Okin (1979), 478 F. Supp. 1342 at 1370 (D. Mass.)
-
Szasz, Thomas S. (1961): The myth of mental illness, New
York: Hoeber-Harper; deutschsprachige Übersetzung: Geisteskrankheit,
ein moderner Mythos? Grundzüge einer Theorie des persönlichen
Verhaltens, Olten / Freiburg im Breisgau: Walter 1972
-
Szasz, Thomas S. (1970): The manufacture of madness, New
York: Dell; deutschsprachige Übersetzung: Die Fabrikation
des Wahnsinns, Olten / Freiburg im Breisgau: Walter 1974
-
Szasz, Thomas S. (1989): The myth of the rights of mental
patients, in: Liberty, Juli, S. 19 26