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| (Überarbeiteter) Beitrag
zur Konferenz »Bewältigung von stress- und depressionsassoziierten
Problemen in Europa«, veranstaltet von der Weltgesundheitsorganisation,
der Europäischen Kommission und dem Ministerium für
soziale Angelegenheiten, öffentliche Gesundheit und Umwelt
(Belgien). Brüssel, 25. bis 27. Oktober 2001. Abgedruckt
in: Psychologie
& Gesellschaftskritik (BRD), Nr. 104 [= 26. Jg. (2002),
Heft IV], S. 99 111; außerdem in: Co`med
Fachmagazin für Complementär-Medizin, 8. Jg. (2002),
Nr. 3, S. 32 34 |
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Peter
Lehmann
"Die Auslese durch den Selbstmord liegt daher
in der Richtung auf eine Stärung des Lebenswillens
und auf ein heiteres Temperament der Bevölkerung."
(Fritz Lenz: "Menschliche Auslese und Rassenhygiene",
1923, S. 23)
Behandlungsergebnis Selbsttötung. Suizidalität
als mögliche Wirkung psychiatrischer Psychopharmaka Depressionen
können durch eine Vielzahl von Ursachen ausgelöst werden: Psychosoziale
und politische Umstände, neurologische Erkrankungen, Stoffwechselstörungen,
Altersabbauprozesse, Viren, toxikologische Substanzen, Medikamente, Psychopharmaka
und vieles mehr. Mediziner befassen sich vor allem mit organisch oder vermeintlich
organisch bedingten Depressionen, gegen die sie in aller Regel Psychopharmaka
und Elektroschocks einsetzen. Dass insbesondere eine Vielzahl von Psychopharmaka,
die sie verabreichen, Depressionen und Suizidalität bewirken und verstärken
können, fällt ihnen schwer zu akzeptieren. Dabei wird in der medizinischen
und pharmakologischen Fachliteratur häufig über die depressionsverursachende
Wirkung von Psychopharmaka berichtet. Speziell Neuroleptika, sogenannte antipsychotische
Medikamente, lösen häufig Depressionen aus. Psychopharmaka-assoziierte
Depressionen und Suizidalität Neuroleptika wirken durch eine Blockade
speziell des Nervenimpulsüberträgerstoffs Dopamin mit dem Ergebnis,
dass sich ein mehr oder weniger subtiles Parkinsonoid einstellt. Dies ist der
Symptomenkomplex der Parkinsonkrankheit, charakterisiert durch gebeugten Gang,
Muskelzittern und verwaschene Sprache. Ein Parkinsonoid entsteht regelhaft durch
die Dopaminblockade. Das Erscheinungsbild des Parkinsonoids ist jeweils dasselbe,
sei es durch Altersabbauprozesse, Bleivergiftung oder Neuroleptika hergestellt.
Die Potenz der Neuroleptika ist definiert durch ihre Kraft, ein Parkinsonoid auszulösen;
es handelt sich also nicht um eine unerwünschte Nebenwirkung, sondern um
die von Psychiatern definierte therapeutische Hauptwirkung. Das Parkinsonoid,
primär eine Erkrankung des Bewegungsapparats, beinhaltet Veränderungen
auch auf der psychischen Ebene. Neurologen definieren diese als Parkinsonpsyche.
Sie ist ein gesetzmäßig mit dem Parkinsonoid einhergehender Symptomenkomplex,
der sich von Apathie und Willenlosigkeit über Depression und Suizidalität
bis hin zu Verwirrtheits- und Delirzuständen erstreckt (Fünfgeld 1967,
S. 13ff). Auf die Parallelität zwischen emotionaler parkinsonbedingter Abstumpfung
nach einer Hirnerkrankung und emotionaler Abstumpfung im Rahmen der Neuroleptikawirkung
wies der deutsche Psychiater Hoimar von Ditfurth schon 1955 nach den ersten Verabreichungen
des Neuroleptikaprototyps Chlorpromazin (im Handel u.a. als Largactil, Megaphen
und Propaphenin) hin: »Es hat, so möchten wir glauben,
den Anschein, als ob die psychischen Veränderungen, die das Megaphen vor
allem auf emotionalem Gebiet hervorruft, von gleicher Natur sind, wie die »affektive
Abstumpfung und Einengung«, die man bei postencephalitischen Parkinsonisten
(Parkinsonkranken nach Abklingen einer akuten Hirnentzündung, P.L.) so häufig
registriert. « (1955, S. 56) Depressionen und Suizidalität
stellen also notwendige Auswirkungen von Neuroleptika dar und werden demzufolge
von Psychiatern problemlos hingenommen. Frank Ayd von der Psychiatrischen
Abteilung des Franklin Square Hospitals in Baltimore schrieb 1975: »Es
besteht nun eine allgemeine Übereinstimmung, dass milde bis schwere Depressionen,
die zum Suizid führen können, bei der Behandlung mit jedem Depot-Neuroleptikum
auftreten können, ebenso wie sie während der Behandlung mit jedem oralen
Neuroleptikum vorkommen können. Diese depressiven Veränderungen der
Stimmung können zu jeder Zeit während depotneuroleptischer Behandlung
auftreten. Einige Kliniker haben Depressionen kurz nach Behandlungsbeginn bemerkt;
andere machten diese Beobachtung Monate oder Jahre nach Behandlungsbeginn.«
(S. 497) In ihrem Buch »Psychiatrische Pharmakotherapie«
äußerten sich die beiden deutschen Psychiater Otto Benkert und Hanns
Hippius zur Frage, ob die Suizidalität eventuell einer zu hohen Dosierung
angelastet werden könne: »Depressionen, Suizidalität,
Erregungszustände und Delirien unter Pharmaka treten im allgemeinen unter
Dosierungen auf, die durch den behandelnden Arzt therapeutisch verordnet wurden.«
(1980, S. 258) Statistische Angaben über neuroleptikabedingte
Suizide sind, wie Psychiater selbst schreiben, aus vielerlei Gründen viel
zu niedrig angesetzt. Solche Behandlungsverläufe würden von Medizinern
nicht als Wirkungen der verabreichten chemischen Substanzen erkannt oder beachtet
(Lehmann 1996, S. 111). Dass die Dunkelziffer von Suiziden auch in Psychiatrischen
Anstalten immens ist, offenbarte der in der Unianstalt Basel tätige Asmus
Finzen; unkorrekte Zahlenangaben seien allerdings von außen schwer festzustellen,
weil »... in Krankengeschichten und Entlassungsbüchern
oft kein Vermerk über den Tod oder den Suizid der Patienten zu finden war.
Wenn sich der Suizid während eines Urlaubs ereignet hatte, wurde er nicht
selten rückwirkend entlassen. Wenn der Suizidversuch nicht zum sofortigen
Tod geführt hatte, galt er für das Krankenblatt und die Statistik als
verlegt in die Innere oder in die Chirurgische Klinik.« (1988, S. 45) Die
depressive Stimmungsveränderung unter Neuroleptika bei gleichbleibenden äußeren
Bedingungen prüften zwei englische Psychiater, R. de Alarcon und M.W.P. Carney.
Im British Medical Journal schilderten sie einige unter gemeindepsychiatrischer
Behandlung erfolgte Suizide unter Fluphenazin (im Handel u.a. als Dapotum und
Lyogen), um schließlich ausführlich einen Fluphenazinversuch an einem
39jährigen wiederzugeben, der bereits einen Suizidversuch unter dieser Substanz
hinter sich hatte. Als den Psychiatern an diesem Mann aufgefallen war, dass er
regelmäßig einige Tage nach seiner 14tägigen Depotspritze Suizidabsichten
entwickelte, wollten sie mit eigenen Augen die stimmungsverschlechternde Wirkung
des Neuroleptikums miterleben. In der Anstalt beobachtete man den schizophrenen
Mann vier Wochen lang, ohne dass man ihm Neuroleptika verabreichte und ohne dass
etwas Wesentliches an seiner Stimmung auffiel. Dann erhielt er eine intramuskuläre
Spritze à 25 mg: »Während seines Krankenhausaufenthaltes
wurde er dreimal pro Woche von einem von uns (R. de A.) interviewt. In der Woche
vor der Injektion, als man ihn nicht interviewen musste, erörterte man seinen
Zustand mit dem leitenden Stationspfleger, und die Krankenakten wurden gelesen.
An einem Mittwoch um 15 Uhr verabreichte man ihm die Versuchsspritze. Am Nachmittag
des folgenden Tages war er in gedrückter Stimmung, wollte in Ruhe gelassen
werden und hatte kein Bedürfnis, mit irgend jemandem zu reden, zu lesen oder
fernzusehen. Ungefähr um 16 Uhr ging er zu Bett. Nach Meinung der aufsichtsführenden
Schwester stellte er einen Suizidrisikofall dar. Als man ihn am Freitag interviewte,
war die Veränderung seines äußeren Erscheinungsbildes beeindruckend.
Er blickte düster drein, einen Scherz beantwortete er nicht mit einem Lächeln,
und es fand keine spontane Konversation statt. Seine Antworten waren auf das unbedingt
Notwendige beschränkt. Das Vorhandensein irgendwelcher paranoider oder hypochondrischer
Ideen oder irgendwelcher Schuldgefühle verneinte er. Er sagte einfach, dass
er sich sehr minderwertig vorkomme, und wenn er alleine in seiner Bude wäre,
würde er sich das Leben nehmen. Am Freitagabend trat eine Besserung ein,
und als man ihn am Samstag erneut interviewte, hatte er wieder zu seinem gewohnten,
normalen Selbst zurückgefunden. (... de Alarcon und Carney resümierten,
P.L.) dass manche Patienten für einen kurzen Zeitraum nach der Injektion
von Fluphenazin-Enanthat oder -Decanoat schwer depressiv werden können. Bislang
wurden noch keine klaren Strukturen begründet hinsichtlich der Frage, wann
und bei wem dies möglicherweise auftreten kann. Das Fehlen von nachteiligen
Wirkungen in der Vergangenheit ist kein Hinweis darauf, dass diese in der Zukunft
nicht doch vorkommen können. Zum Beispiel erhielt in dem Versuchsfall der
Patient das Fluphenazin-Enanthat länger als sechs Monate, bevor er wiederholt
mit einer schweren Depression auf die Injektion zu reagieren begann, und dasselbe
geschah in anderen Versuchsreihen. « (1969, S. 565f.) Peter
Müller von der Unianstalt Göttingen fand in seiner placebokontrollierten
Untersuchung bei einem weit höheren Prozentsatz depotneuroleptischer Behandelten
depressive Syndrome hochsignifikant häufiger als bei den Placebobehandelten.
Über die Ergebnisse nach Verminderung oder Absetzen der Neuroleptika schrieb
er: »Bei insgesamt 47 Behandlungsmaßnahmen kam es in
41 Fällen zu einer Besserung der depressiven Verstimmung, nur in zwei Fällen
gab es keine Veränderung, bei vier war der Effekt fraglich. Es war sehr überraschend
festzustellen, dass allein die Reduzierung der neuroleptischen Dosis (in der Regel
auf die Hälfte der bisherigen Gabe) in der überwiegenden Zahl dieser
Fälle schon zur Besserung des depressiven Syndroms führte, allerdings
oft nur zu einer Teilbesserung, die aber immerhin den Patienten schon deutlich
entlastete. Demgegenüber brachte das gänzliche Absetzen bei anderen
Patienten oder bei den gleichen Patienten, bei denen eine Dosisminderung nur zur
geringen Besserung führte, einen sehr eindrücklichen Erfolg hinsichtlich
der Depressionsbesserung. Manche Patienten berichteten, dass sie sich erst jetzt
wieder völlig gesund fühlten wie lange vor der Erkrankung, und die von
manchen Ärzten fast als unveränderlich angesehene depressive Bedrückung,
die eventuell für Vorboten defektuöser Entwicklungen hätte gehalten
werden können, verschwand gänzlich. Der mögliche Einwand, es könne
sich hierbei um psychoreaktive Effekte im Sinne der Erleichterung des Patienten
über das Absetzen der Medikation handeln, ist zu widerlegen, da fast alle
Patienten Depot-Injektionen erhielten und über die Dosis dann nicht informiert
wurden bzw. Placebo-Injektionen erhielten. (...) Die Veränderungen dieser
Patienten waren für sie selbst, für Angehörige und Untersucher
in manchen Fällen recht eindrucksvoll, die Patienten berichteten selbst,
dass sie sich jetzt wieder ganz gesund wie lange vor der Erkrankung fühlten.
Das war bei der neuroleptisch weiterhin behandelten Gruppe überwiegend nicht
der Fall. Diese Befunde sprechen wohl doch eindeutig für pharmakogene Einflüsse
und gegen morbogene Entwicklungen.« (1981, S. 52f., 64) Müller
resümierte: »Depressive Syndrome nach der Remission
der Psychose und unter neuroleptischer Behandlung sind nicht selten, sondern treten
etwa bei zwei Dritteln der Patienten auf, teilweise auch noch häufiger, besonders
wenn parenteral Depot-Neuroleptika gegeben werden. Ohne neuroleptische Behandlung
finden sich hingegen nach vollständiger Remission diese depressiven Verstimmungen
nur ausnahmsweise.« (S. 72) Müllers eigentlich
unübersehbare und unüberhörbare Aussagen werden von einer
Vielzahl von Kollegen gestützt (Lehmann 1996, S. 57 87, 109
115). Hier einige Beispiele: Raymond Battegay und Annemarie Gehring (1968) von
der Unianstalt Basel warnten nach einem Vergleich von Behandlungsverläufen
der vor- und nachneuroleptischen Ära: »Im Verlauf der
letzten Jahre wurde verschiedentlich auch eine Verschiebung des schizophrenen
Symptomenbildes nach einem depressiven Syndrom hin beschrieben. Mehr und mehr
zeigen die Schizophrenien einen bland-depressiv-apathischen Verlauf. Es wurde
offenbar, dass unter Neuroleptica oft gerade das entsteht, was mit ihrer Hilfe
hätte vermieden werden sollen und als Defekt bezeichnet wird.« (S. 107f.) Walter
Pöldinger und S. Siebern von der Anstalt Wil/Schweiz schrieben: »Es
ist nicht ungewöhnlich, dass medikamentenverursachte Depressionen durch ein
häufiges Vorkommen von suizidaler Ideation gekennzeichnet sind.« (1983,
S. 131) 1976 teilte Hans-Joachim Haase von der Psychiatrischen
Anstalt Landeck mit, die Anzahl lebensgefährdender depressiver Erscheinungen
nach Anstaltsbehandlung mit Psychopharmaka habe sich seit Einführung der
Neuroleptika mindestens verzehnfacht. Die Steigerung der Suizidrate sei »alarmierend
und besorgniserregend«, so Bärbel Armbruster von der Unianstalt Bonn
1986 im Nervenarzt ohne allerdings die Betroffenen und ihre
Angehörigen oder gar die Öffentlichkeit zu alarmieren. Über
die Entwicklung in Finnland, Norwegen und Schweden informierte 1977 Rolf Hessö
von der Unianstalt Oslo; es scheine klar zu sein, »... dass
der Anstieg sowohl der absoluten Suizidzahlen als auch der relativen im Jahre
1955 begann. Dies war das Jahr, in dem Neuroleptika in den skandinavischen psychiatrischen
Krankenhäusern eingeführt wurden.« (S. 122) Jiri
Modestin schrieb 1982 über seinen Arbeitsplatz, die Unianstalt Bern, sowie
die benachbarte Psychiatrische Anstalt Münsingen: »Unsere
Resultate zeigen eine dramatische Zunahme der Suizidhäufigkeit unter den
in der PUK Bern sowie auch PK Münsingen hospitalisierten Patienten in den
letzten Jahren.« (S. 258) Berichte über Depressionen
und Suizidalität aus erster Hand In dem 1998 erschienenen Buch
»Psychopharmaka absetzen« beschrieb Regina Bellion aus Bremen ihren
psychischen Zustand unter gemeindenaher Behandlung: »Entlassung
aus der Klinik. Auf nicht absehbare Zeit soll ich Neuroleptika einnehmen, sagt
mir der Klinikarzt, an eine andere Therapieform sei überhaupt nicht zu denken,
ich solle ja nichts ausprobieren. Allein zu Hause. Dreimal täglich zähle
ich meine Haldol?Tropfen ab. Sonst tue ich nicht viel. Ich sitze auf meinem Stuhl
und starre in Richtung Fenster. Ich nehme nicht wahr, was draußen vor sich
geht. Es fällt mir schwer, mich zu bewegen. Immerhin schaffe ich es täglich,
aus dem Bett aufzustehen. Ich merke nicht, dass die Wohnung verdreckt. Es kommt
mir nicht in den Sinn, dass ich kochen sollte. Ich wasche mich nicht. Ich frage
mich nicht einmal, ob ich stinke. Meine Verelendung schreitet fort ich
bemerke es nicht. Hinter meiner neuroleptischen Mauer vegetiere ich vor mich
hin und bin ausgesperrt aus der Welt und aus dem Leben. Die reale Welt ist weiter
von mir weg als Pluto von der Sonne. Meine eigene heimliche Welt ist auch weg
diese letzte Zuflucht habe ich mir mit Haldol zerstört. Dies ist
nicht mein Leben. Dies bin nicht ich. Genauso gut könnte ich tot sein. Eine
Idee nimmt allmählich Form an: Bevor es Winter wird, werde ich mich erhängen.
Vorher will ich ausprobieren, ob mein Leben ohne Haldol anders wird. Ich reduziere
die Tropfen. Weniger und weniger nehme ich davon ein, bis ich bei Null ankomme.
Nach einem Monat bin ich clean. Da merke ich, wie verwahrlost ich bin. Ich
wasche mir die Haare, beziehe das Bett, mache die Wohnung sauber. Ich bereite
eine warme Mahlzeit. Das macht mir sogar Vergnügen. Ich kann wieder denken.«
(Bellion 1998, S. 311f) Ähnliche Erfahrungen schilderte eine
ebenfalls in Bremen lebende Betroffene, der man eine Kombination aus Haldol und
dem Antidepressivum Aponal verordnet und die unter dem Einfluss der psychiatrischen
Psychopharmaka zum Glück ohne Erfolg versucht hatte, ihrem
Leiden durch Suizid ein Ende zu setzen: »Wieder entlassen,
hockte ich stundenlang in meiner Küche vorm Wasserhahn, durstig, aber unfähig,
einen Becher Wasser zu nehmen oder das hart gewordene Brot zu beißen. Der
Supermarkt war nur wenige Schritte entfernt, ich schaffte es nicht aufzustehen
und wünschte mir nur, einfach tot zu sein, um endlich Ruhe zu haben. Mit
Gott hatte ich gebrochen wegen dieser Erkrankung. Ich sah sie als Bestrafung an
für zwei dunkle Punkte in meinem Leben. Das Schlimmste aber war der Teufelskreis
des ewig wiederkehrenden psychotischen Denkens. Ich versuchte immer wieder, wenigstens
ein paar Sekunden etwas anderes zu denken es gelang nicht. Die Gedanken
drehten immer wieder ihre sattsam bekannten gleichen Runden, Hunderte Male am
Tag, mal im Zeitlupentempo, um dann immer schneller werdend das Gehirn zu malträtieren.
Genau das war für mich die Hölle und das teuflische Spiel. Ich fühlte
mich verdammt, von Gott auf immer verlassen, es gab keine Erlösung. Ich konnte
nichts tun, als diesen fiesen Film liegend zu ertragen. Ich wusste, ich muss wieder
glauben lernen, aber es ging nicht, und so versuchte ich, das Leben zu beenden.«
(Marmotte 1998, S. 114) Suizidale Auswirkungen haben auch atypische
Neuroleptika, wie der Bericht der Österreicherin Ursula Fröhlich in
»Schöne neue Psychiatrie« zeigt:
»Seit Beginn der Leponex-Einnahme habe ich keine
Lust mehr auf Sex, keine Lust an der Bewegung und keine Freude
am Leben. Ein Leben ohne Freude ist jedoch ärger als der
Tod. Alles, war mir geblieben ist, ist das Fernsehen, wo ich seit
sieben Jahren anderen zusehe, wie sie leben. Ich bin zwar biologisch
noch am Leben, doch meine Sinne sind schon längst tot, alles,
was mir früher Freude gemacht hat, kann ich nicht mehr machen.
Mein Leben existiert eigentlich gar nicht mehr, ich komme mir
so leer und so unbedeutend vor. Am schlimmsten ist es am Morgen.
Jeden Tag nehme ich mir vor, am nächsten Tag mit einem gesunden
Leben zu beginnen, die Medikamente wegzuschmeißen, viele
Vitamine und Fruchtsäfte zu trinken und mit einer täglichen
Fitnessroutine zu beginnen. Durch die Neuroleptika entsteht ein
Gefühl, als ob es mir gelingen würde, am nächsten
Tag mit einem ganz anderen, einem neuen Leben zu beginnen. Wenn
ich dann aber in der Früh aufwache, bin ich wie zerschlagen
und komme vor 9 Uhr nie aus dem Bett, meine Depressionen sind
so arg, dass ich jeden Tag an Selbstmord denke.« (zit.n.
Lehmann 1996, S. 70f.)
Psychiatern ging es bei ihren Selbstversuchen
im Prinzip nicht anders. 1954 und 1955 veröffentlichten Hans Heimann und
Peter Nikolaus Witt (1955) von der Unianstalt Bern ihre an Radnetzspinnen und
Kontrollpersonen 1080 sowie in drei Selbstversuchen und neun weiteren Experimenten
an ebenso vielen Psychiatern und Pharmakologen gewonnenen Erfahrungen mit einer
einmaligen Einnahme von Largactil, dem Neuroleptika-Prototyp Chlorpromazin. Sehr
deutlich wurde das unter Largactil ausgeprägte Gefühl der Minderwertig-
und Leistungsunfähigkeit, strukturelles Bestandteil der neuroleptikabedingten
Parkinsonpsyche, an den folgenden Auszügen:
»Ich fühlte mich regelrecht körperlich
und seelisch krank. Auf einmal erschien mir meine ganze Situation
hoffnungslos und schwierig. Vor allem war die Tatsache quälend,
dass man überhaupt so elend und preisgegeben sein kann, so
leer und überflüssig, weder von Wünschen noch anderem
erfüllt ... (Nach Abschluss der Beobachtung): Riesengroß
wuchsen vor mir die Aufgaben des Lebens auf: Nachtessen, in das
andere Gebäude gehen, zurückkommen und das alles
zu Fuß. Damit erreichte der Zustand sein Maximum an unangenehmem
Empfinden: Das Erlebnis eines ganz passiven Existierens bei klarer
Kenntnis der sonstigen Möglichkeiten ...« (S.
113)
Suizidregister als Vorbeugemaßnahme
In Deutschland forderte der Bundesverband
Psychiatrie-Erfahrener e.V. im Februar 2000 von der Bundesministerin für
Gesundheit die Einführung eines Suizidregisters unter besonderer Berücksichtigung
von beteiligten Psychopharmaka/Elektroschocks, vorangegangener Fixierung und anderen
Formen vorangegangener psychiatrischer Zwangsmaßnahmen (Lehmann 2001, S.
46). Das Fehlen einer flächendeckenden Registrierung von Suiziden in Zusammenhang
mit psychiatrischen Behandlungsmaßnahmen sei ein großer Missstand;
solche Daten seien eine elementare Voraussetzung für die Ursachenforschung
sowie eine wichtige Basis für die Vorbeuge- und Früherkennungsarbeit.
Eine staatenübergreifende Meldepflicht für Psychiatrie- und Psychopharmaka-assoziierte
Suizide könnte dafür sorgen, dass Vorsorgemaßnahmen möglich
und endlich verlässliche Studien durchgeführt werden, die den Zusammenhang
insbesondere zwischen Psychopharmakawirkungen und Suizidalität weiter erforschen.
Nicht nur Neuroleptika, wie dargelegt, sondern auch Antidepressiva (Healy 2001;
Lehmann 1996, S. 194ff) und Elektroschocks (Frank 1990) sind sehr sorgfältig
zu beobachten.
Berichte von Betroffenen, die durch eine traumatisierende Behandlung
mit Psychopharmaka, Elektro- und Insulinschocks zur Suizidalität
geradezu getrieben werden (siehe z.B. Kempker 2000), dürfen
nicht weiter ignoriert werden. Instanzen, die Kenntnis von diesem
Zusammenhang haben und untätig bleiben, trifft eine Mitschuld
an psychopharmakabedingten Suiziden. Insbesondere Mediziner und
Angehörige müssen über das Risiko psychopharmakogener
Depression und Suizidalität informiert werden. Und die Betroffenen
natürlich ebenso, damit sie eine wohlabgewogene und informierte
Entscheidung über die Einnahme oder Nichteinnahme eines angebotenen
Psychopharmakons treffen und gegebenenfalls weniger riskante Maßnahmen
gegen ihre Depression treffen können.
Die Tatsache, dass sich psychiatrische Autopsiestudien retrospektiv
mit Diagnosen und den zugrunde liegenden psychischen Zuständen
befassen (siehe zum Beispiel Hell 2005, S. 20), nicht aber mit
der jeweils konkreten Behandlung zum Zeitpunkt des Suizides, sagt
alles über die Unwilligkeit von Psychiatern, sich im Rahmen
von Suizidprophylaxe-Überlegungen kritisch mit den (möglichen)
Folgen der eigener Tätigkeit auseinanderzusetzen. Eine psychiatrische
Argumentation, es gebe eine Vielzahl von möglichen Ursachen
bei Suiziden, also sei eine - von niemandem auch nur im Ansatz
behauptete - Unikausalität auszuschließen, mag für
uninformierte Menschen erstmal plausibel klingen. Ein vergleichbares
Krebsregister wäre mit demselben Argument ebenfalls abzulehnen,
man denke an durchsichtige Argumentationsstränge hinsichtlich
Datenerhebungen über gehäufte Leukämiefälle
nahe Atomkraftwerken oder die Argumentation mit nichtspezifischen
Einzelfällen bei Missbildungen zu Beginn der Contergan-Ära.
Welcher Verursacher von gesundheitlichen Schäden gibt schon
gerne seine eigene Beteiligung zu?
Nachtrag: Fortgesetzte Diskriminierung von Psychiatriebetroffenen
Im Consensus-Papier
der Konferenz »Ausgewogene Förderung von psychischer Gesundheit und
psychiatrischer Betreuung« der WHO und Europäischer Kommission im April
1999 in Brüssel (WHO 1999) war die Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen
in die Psychiatriepolitik beschlossen worden: »Gemeinsame
Ziele und Strategien zur Verbesserung psychiatrischer Vorsorge und Behandlung
schließen (...) die Entwicklung innovativer und umfassender, insbesondere
psychiatrischer Psychiatriepolitik ein in Konsultation mit allen Beteiligten,
einschließlich den Betroffenen und dem Pflegepersonal, und unter Berücksichtigung
der Beiträge von Nichtergierungsorganisationen und Bürgerhelfern.«
(WHO 1999, S. 9) Auch zur Konferenz »Bewältigung von
stress- und depressionsassoziierten Problemen in Europa« (Oktober 2001 in
Brüssel), wiederum von der WHO und Europäischen Kommission veranstaltet,
wurde ein Vertreter des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen
eingeladen. Statt seine Teilnahme aktiv einzubeziehen, um Politikern und
Professionellen am Erfahrungsschatz und Wissen Psychiatriebetroffener teilhaben
zu lassen, hielt man es nicht für nötig, ihm einen gleichberechtigten
Plenumsbeitrag anzubieten. Statt dessen wurde ihm vom mitveranstaltenden Belgischen
Sozial- und Gesundheitsministerium beschieden, »eine aktive Rolle in der
Diskussion in Arbeitsgruppen« (Leen Meulenbergs). Dies ist eine überkommene
Rollenzuweisung für die Vertreter von Psychiatriebetroffenen, die eine aktive
Rolle als Experten bei sie selbst zutiefst betreffenden Kongressen spielen sollten.
Sie ist als diskriminierend und gegen den Geist der Gleichberechtigung gerichtet
zurückzuweisen. Literatur
-
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psychiatrischen Behandlung«, in: Nervenarzt 57 (1986),
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Battegay, Raymond / Gehring, Annemarie: »Vergleichende
Untersuchungen an Schizophrenen der präneuroleptischen
und der postneuroleptischen Ära«, in: Pharmakopsychiatrie
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erst an«, in: Peter Lehmann (Hg.): »Psychopharmaka
absetzen Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika,
Antidepressiva, Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern«,
Berlin 1998, S. 310-323
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Benkert, Otto / Hippius, Hanns: »Psychiatrische Pharmakotherapie«,
3. Auflage, Berlin / Heidelberg / New York 1980
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injection«, in: British Medical Journal, 1969, S. 564-567
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Frank, Leonard R.: »Elektroschock«, in: Peter Lehmann:
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auf Geist und Psyche wirken«, Berlin 1996, S. 287-319
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Fünfgeld, Ernst Walter: »Psychopathologie und Klinik
des Parkinsonismus vor und nach stereotaktischen Operationen«,
Berlin / Heidelberg / New York 1967
-
Haase, Hans-Joachim: »Pharmakotherapie bei Schizophrenien«,
in: ders. (Hg.): »Die Behandlung der Psychosen des schizophrenen
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Healy, David: »The SSRI suicides«, in: Craig Newnes,
Guy Holmes, Cailzie Dunn (Hg.): »This is madness too:
Critical perspectives on mental health services«, Ross-on-Wye
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Heimann, Hans / Witt, Peter Nikolaus: »Die Wirkung einer
einmaligen Largactilgabe bei Gesunden«, in: Monatsschrift
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Hell, Daniel: "Was tun, um Suizide zu vermeiden und zu verhindern?"
Interview in: Psychiatrie, Psychiatrie & Neurologie 4/2005,
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Hessö, Rolf: »Suicide in Norwegian, Finnish, and
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Kempker, Kerstin: »Mitgift
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Lehmann, Peter: »Schöne
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Lehmann, Peter: »Grußwort des Bundesverbandes
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(Hg.): »25 Jahre Psychiatrie-Enquete«, Band 1, Bonn
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Lenz, Fritz: "Menschliche Auslese und Rassenhygiene",
München: J. F. Lehmanns Verlag, 2., vermehrte und verbesserte
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in: Peter Lehmann (Hg.): »Psychopharmaka
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Pöldinger, Walter / Sieberns, S.: »Depression-inducing
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des Megaphens in der psychiatrischen Klinik und Forschung«,
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World Health Organization / European Commission: »Balancing
mental health promotion and mental health care: a joint World
Health Organization / European Commission meeting«, Broschüre
MNH/NAM/99.2, Brüssel 1999; siehe www.enusp.org/documents/consensus.htm
Copyright by Peter Lehmann 2002
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