Original unter dem Titel »Elektroschock« in: Wolfram Pfreundschuh (Hg.): Kulturkritisches Lexikon (Internetveröffentlichung vom 6. März 2014). Letzte Aktualisierung am 17. Mai 2019

Aufklärungsbogen Elektroschock

Wirkprinzip und Begrifflichkeit: Der Elektroschock besteht aus der Auslösung eines epileptischen Anfalls durch einen Stromstoß, der in der Regel zwischen 0,5 und 8 Sekunden, manchmal auch bis zu 30 Sekunden lang durch den Kopf gejagt wird. Die Stromspannung beträgt ca. 450 Volt, die Stromstärke ca. 0,9 Ampere. Stellt sich der epileptische Anfall nicht wie gewünscht ein, erfolgt in einem Zeitabstand von 60 Sekunden ein erneuter Stromstoß mit einer bis zu 50%-igen Steigerung der Stromdosis.

1947 pochte der NS-Psychiater Anton von Braunmühl, Oberarzt der bayrischen T4-Zwischenanstalt Eglfing-Haar, darauf, nicht mehr vom »Schock« oder »Krampfschock« zu sprechen, sondern vom »Heilkrampf«. Folgerichtig benutzen deutschsprachige Freunde des Elektroschocks heutzutage freundlicher klingende Begriffe wie »Elektrokrampftherapie (EKT)«, »Elektrokonvulsionstherapie« oder »elektrische Durchflutungstherapie«. Das Wirkprinzip – Auslösung eines Hirnkrampfes – blieb unverändert.

Der Strom breitet sich auf zwei Wegen aus: zum einen durch das Gehirn, zum anderen entlang dem Gefäßbaum, der mit einem elektrischen Leitungsnetz verglichen werden kann. Die Blutgefäße werden von Krämpfen befallen, die Blut-Hirn-Schranke bricht zusammen, es treten über das gesamte Gehirn verteilte Blutungen auf, Hirnzellen können irreversibel zerstört werden. Das ausgelöste hirnorganische Psychosyndrom geht mit Verwirrtheit, Desorientierung, Verlust der Entscheidungsfähigkeit und von Gedächtnispotenzialen einher, die behandelten Personen stehen ihren ursprünglichen Problemen gleichgültiger gegenüber, die »Therapie« gilt als erfolgreich. Tritt dieser Behandlungseffekt nicht sofort und dauerhaft ein, verabreicht man Elektroschocks in Serien, auch wiederholt oder regelmäßig; der ärztlich verordnete Hirnschaden verfestigt sich.

»Wir verwandeln den seelisch leidenden vorübergehend in einen hirnorganisch kranken Menschen, bei der EKT nur globaler, dafür kürzer als bei der Pharmakotherapie.« (Dörner, Klaus / Plog, Ursula: »Irren ist menschlich – oder Lehrbuch der Psychiatrie / Psychotherapie«, völlig neubearbeitete Ausgabe, Rehburg-Loccum: Psychiatrieverlag 1984, S. 537)
»Was wir machen ist Folgendes: Wir fügen Menschen in seelischen Krisen eine innere Kopfverletzung zu – eine innere Kopfverletzung. (...) Bereits die Frage ›Verursachen Elektroschocks Hirnschädigungen?‹ ist eine unlautere Frage, denn wir wissen, dass Elektroschocks eine Hirnschädigung verursachen, dass jeder einzelne Patient, jede einzelne Patientin nach einer Elektroschockserie ein hirnorganisches Psychosyndrom aufweist, mit Verwirrtheit, Desorientierung, Stimmungsschwankungen, Verlust der Entscheidungsfähigkeit.« (Breggin 1993, S. 160f.)

Üblich sind acht bis zwölf Elektroschock-Verabreichungen in einem Abstand von meist zwei bis drei Tagen. Möglich sind auch 30 Elektroschocks oder mehr. Der Anteil elektrogeschockter Frauen liegt bei 70%. Auch Menschen über 50 Jahre verabreicht man bevorzugt Elektroschocks.

Modifikationen: Seit ihrer Anwendung in den 1930-Jahren modifiziert man Elektroschockapparate, Pulssequenzen, Stärke und Spannung des verwendeten Stroms ständig. Die beiden Elektroden werden mal »bilateral« (= bitemporal) an beiden Schläfen platziert, mal »links-anterior-rechts-temporal« (= »unilateral«, LART), das heißt links frontal und an der rechten Schläfe; neuerdings auch »bifrontal«, das heißt beidseits an der Stirn. Um Knochenbrüche zu verhindern, die bei Krampfanfällen auftreten können, werden die Behandelten vorher in der Regel anästhetisiert; die Entäußerung des Krampfanfalls wird mit Muskelrelaxanzien unterdrückt, der Krampfanfall – das Wirkprinzip des Elektroschocks – findet »nur noch« im Gehirn und unterbewusst statt. Mittel zur Lähmung des Zentralnervensystems, Betäubungsmittel und Muskelrelaxanzien geben dem Elektroschock indirekt eine noch größere Wirkung, da die Erhöhung der Krampfschwelle wiederum eine höhere Dosis an elektrischem Strom zur Auslösung des Krampfanfalls nötig macht.

Bei der unilateralen Verabreichung von Elektroschocks werden die Elektroden an der für die Sprachproduktion nichtdominanten (in der Regel) rechten Hirnseite angesetzt. Elektroschockfreunde bezeichnen dieses Verfahren als »Goldstandard für eine möglichst nebenwirkungsarme und effiziente Behandlung« und den betroffenen Hirnbereich als »stumme Zone«, in der keine Funktionen des Gedächtnisses beheimatet seien. Demzufolge sei nicht mit Gedächtnisstörungen zu rechnen. Der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc Rufer kritisierte diese Haltung 1992 mit den Worten:

»Es ist unverantwortlich, von stummer Zone zu sprechen, die geschockt wird bei dieser unilateralen, einseitigen Anwendung. Es sind dort räumliche Wahrnehmungsfunktionen, visuelle Funktionen, emotionale Funktionen. Akustisches, musikalisches Verständnis und die ganzheitliche Wahrnehmung von Zusammenhängen finden dort statt. Es ist ein Gebiet des Gehirns, das sehr wichtig ist für das Menschsein als ganzes. Und es ist entsetzlich, dass das einfach hinuntergespielt wird.«

Indikationen und Kontraindikationen: Elektroschocks können bei diesen Diagnosen bzw. mit diesen Begründungen verabreicht werden:

  • Psychiatrische Begründungen: Depression; Schizophrenie; Wochenbettpsychose; Katatonie (»Spannungsirresein«, einhergehend mit Störung der Motorik, die gelegentlich von extremer Erregung zu extremer Passivität wechselt); Manie; Zwangsstörung; Anorexie (Appetitlosigkeit bis hin zur lebensbedrohlichen Magersucht); Suizidalität; aggressiv-agitiertes Verhalten bei Demenz, geistiger Behinderung, frühkindlicher Hirnschädigung oder Down-Syndrom; unbefriedigende Wirkungen und Behandlungsresistenz von Antidepressiva, Neuroleptika und Phasenprophylaktika; »Versagen einer Behandlung mit atypischen Neuroleptika«; »Nichtansprechen« auf Clozapin (Neuroleptikum, im Handel auch als Clopin, Lanolept und Leponex) oder dessen Ablehnung; Kontraindikationen zu Neuroleptika; Augmentation (Wirkungsverstärkung) von Psychopharmaka; Vorbeugung oder Behandlung neuroleptikabedingter Störungen, beispielsweise tardiver Dyskinesien (Symptomenkomplexe aus chronischen Muskelstörungen) oder chronischer Dystonien (krankhaft gestörte Muskelspannung, einhergehend mit anhaltenden und unwillkürlichen Kontraktionen der Skelettmuskulatur und abnormen Haltungen und Fehlstellungen des Körpers oder einzelner Körperteile).

  • Neurologische Diagnosen: Epilepsie und Depression nach Kohlenmonoxid-Vergiftung oder Thalamus-Syndrom (Sensibilitäts- und Sehstörung bei Verletzung des Thalamus) nach Hirninfarkt; drogeninduzierte Psychose; katatone Störung bei Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte); Delir bei körperlichen Erkrankungen; Alkohol- und Barbiturat-Entzug; Verhaltensstörung nach Schädel-Hirn-Trauma; psychotische und affektive Störung bei multipler Sklerose; Neurosyphilis; Jakob-Creutzfeld-Erkrankung (mit Muskelstörungen und deliranten Symptomen einhergehende Erkrankung des Zentralnervensystems [ZNS]); Wernicke-Enzephalopathie (Stammhirn-Erkrankung unter anderem bei chronischem Alkoholismus und der Vitaminmangel-Krankheit Beriberi); Schädelhirntrauma; Encephalomyelitis disseminata (entzündliche ZNS-Erkrankung); Veitstanz; multiple Sklerose; Hirntumor; Alzheimer-Demenz; Myasthenia gravis (fortschreitende Schwäche der quergestreiften Muskulatur); Muskeldystrophie (fortschreitende entzündliche Muskelerkrankung mit Schwund der rumpfnahen Muskulatur); Friedreich-Ataxie (mit fortschreitendem Muskelschwund einhergehende Erkrankung des ZNS); Dyskinesien (Störungen des physiologischen Bewegungsablaufs einer Körperregion, eines Körperteils oder eines Organs); Hypokinesie (Bewegungsarmut, verminderte Beweglichkeit oder Mangel an Spontanmotorik) mit »on-off«-Phänomen [plötzlichem Wechsel von guter Beweglichkeit zur Unbeweglichkeit]; Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz (Unterfunktion des hormonaktiven Teils der Hirnanhangdrüse); Morbus Wilson (Symptomenkomplex mit unter anderem Leber und Gehirn betreffender Degeneration).

  • Internistische Diagnosen: Urämie (Harnvergiftung); perniziöse Katatonie (auch »akute tödliche Katatonie«, »febrile Katatonie« oder »maligne Katatonie« genannt – mit Fieber, Verstummen und Bewegungsarmut bis hin zur Erstarrung einhergehendes lebensbedrohliches Krankheitsbild); malignes neuroleptisches Syndrom (lebensbedrohlicher Symptomenkomplex aus Fieber, Muskelsteifheit und Bewusstseinstrübung).

Absolute Kontraindikationen gibt es für Freunde des Elektroschocks nicht.

Aufklärung über Risiken und Schäden: Freunde des Elektroschocks erklären den Elektroschock – und insbesondere seine jeweils modernste Variante – für »sicherer als Aspirin«. Gedächtnisprobleme kämen nur vorübergehend vor, wenn überhaupt. So verharmlosen auch und insbesondere sich kritisch gebende Reformpsychiater. Sie erwähnen weder die weltweit von Betroffenen beklagten und intern von Herstellerfirmen eingestandenen bleibenden Hirn- und Gedächtnisschäden (»verheerende kognitive [Erkenntnis- und Informationsverarbeitung betreffende] Folgen«) noch die traumatisierenden Langzeitwirkungen und in Suizidalität endenden Verzweiflungszustände nach Elektroschocks, weder die hohe Zahl von Früh- und Totgeburten elektrogeschockter Schwangerer noch die feingeweblichen, massive Hirnzellverluste aufweisenden Befunde an Gehirnen zu Versuchszwecken elektrogeschockter Katzen. Und schon gar nicht die Tatsache, dass man – im Gegensatz zur Psychiatrie – in der Neurologie in der Regel alles unternimmt, um gefürchteten epileptischen Anfällen vorzubeugen. In der »Patientenaufklärung« macht man den Behandlungskandidatinnen und -kandidaten weis, bei (sogenannten) psychischen Erkrankungen verändere sich das Nervengewebe in bestimmten Teilen des Gehirns und bei den elektroschockbedingten Hirnveränderungen würde es sich vermutlich um eine Regeneration des Gehirns handeln – der Elektroschock gleichsam als Jungbrunnen.

Geschichte: Die frühesten Elektroschocks sind aus dem Ägypten des 16. Jahrhunderts bekannt; mit Zitteraalen, deren Körper mit Muskeln versehen sind, die hohe elektrische Spannungen freisetzen können, wollte man Teufel austreiben. Im industriellen Zeitalter wurden Zitteraale durch Elektroschockapparate ersetzt – erstmals 1917, als deutsche Psychiater sogenannte Kriegszitterer mit elektrischen Stromschlägen zur Räson bringen und sie wieder kriegstauglich machen wollten. Nach einer Reihe von Todesfällen stoppte das Berliner Kriegsministerium diese Behandlungsmethode noch im selben Jahr. Sie lebte aber 1936 wieder auf, als im faschistischen Italien der Psychiater Ugo Cerletti die »heilsame Wirkung« von Elektroschocks erkannte: in Hundeversuchen und nach Beobachtungen in einem römischen Schlachthaus, wo man Schweine mittels Strom betäubte, um sie ruhiger schlachten zu können. Ab 1938 setzte man diese Behandlungsmethode in der Psychiatrie ein. Der deutsche Psychiater Lothar Kalinowsky mit seinen Vorerfahrungen der Verabreichung von Stromschlägen an Kriegzitterer im 1. Weltkrieg, der in Rom den Versuchen Cerlettis beiwohnte, nahm sein Wissen bei seiner Emigration in die USA mit, wo es auf fruchtbaren Boden fiel. Dort war man mit dem Gebrauch von Stromapparaten (»elektrischer Stuhl«) bestens vertraut.

Renaissance: Zur aktuellen Renaissance faschistischen Gedankenguts passt die Wiederkehr des während der Zeit des Faschismus aufgekommenen Elektroschocks. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum deutschen Faschismus und der fortschreitender Verrohung der Gesellschaft lösten sich bei medizinischem Personal Zivilcourage und Festhalten am Hippokratischen Eid (»Primum nil nocere« – »Zuerst einmal nicht schaden«) in nichts auf. Zudem stellt die Depressions-chronifizierende Wirkung von Antidepressiva und die Psychosen-chronifizierende Wirkung von Neuroleptika psychiatrisch Tätige scheinbar vor ein anders als mit Elektroschocks nicht mehr lösbares Dilemma. Hinzu kommen Behandlungsresistenzen bei Antidepressiva und Neuroleptika, das heißt, deren »therapeutische« Wirkung wird mit der Zeit immer geringer.

Finanzielles: 2012 rief die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) psychiatrische Einrichtungen in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz 2012 folgerichtig dazu auf, flächendeckend Elektroschockapparate anzuschaffen und konsequent, vorbeugend und kontinuierlich elektrozuschocken. Zeitgleich wurde vom deutschen Bundesministerium für Gesundheit ein Entgeltsystem für psychiatrische Einrichtungen initiiert, mit dem Krankenhäuser mit Elektroschocks und deren krankenhausindividueller Abrechnung als Zusatzleistung lukrative Mehreinnahmen erwirtschaften können. Ab Januar 2018 erhält eine psychiatrische Klinik in Deutschland für jeden Tag eines stationären Aufenthalts 300 €, für den ersten Elektroschock kommen 297 € hinzu und für jeden weiteren 220 €. Sollte eine durchgehende 1:1-Betreuung nötig werden, können noch einmal 1000 € pro Tag in Rechnung gestellt werden. Da der organisatorische und personelle Aufwand für die Verabreichung von Elektroschocks hoch ist, lohnt sich diese Maßnahme speziell für Einrichtungen, die zentriert – gleichsam am Fließband und in Serien – Elektroschocks verabreichen.

Alternativen: In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg galten lange Zeit die fulminant auftretende und lebensbedrohliche maligne (perniziöse, febrile) Katatonie (Krankheitsbild mit motorisch-muskulärer bzw. mentaler Anspannung) als wichtigste Indikation des Elektroschocks. Aufgrund der bekannt gewordenen Verbrechen deutscher Psychiater in der Zeit während des Hitlerfaschismus standen hierzulande Anästhesisten Psychiatern skeptisch gegenüber, wenn sie elektroschocken wollten. Insofern wurde im deutschsprachigen Raum im internationalen Vergleich lange Zeit recht zurückhaltend elektrogeschockt. Zudem kamen Patientinnen und Patienten mit maligner Katatonie in die internistische Medizin, wo man die maligne Katatonie meist mit Benzodiazepinen oder anderen krampflösenden Medikamenten behandelte. Intern gestehen Psychiater ein, dass Elektroschocks auch bei schweren Depressionen mitnichten eine Ultima ratio darstellen, das heißt das letzte Mittel in Lebensgefahr. Es bestünden immer Alternativen, zum Beispiel die Intensivierung psychotherapeutischer Maßnahmen.

Filmempfehlung zu Elektroschock-Risiken und -Schäden:

  • Die gefilmten Beiträge vom Symposium »Die Wiederkehr des Elektroschocks: Legitime Therapie oder verantwortungslose Schädigung?« von Peter Lehmann und PD Dr. med. Dr. phil. Jann E. Schlimme mit den Mitdiskutantinnen & Mitdiskutanten Prof. Dr. med. Asmus Finzen, Dr. med. Eva Heim, Dr. jur. Marina Langfeldt, Michael Proctor & Astrid Krause, moderiert von Gaby Sohl, taz. die tageszeitung, Vorveranstaltung zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V., Magdeburg, 15. November 2018. Teil 1: https://vimeo.com/323741155, Teil 2: https://vimeo.com/323745443

Literaturempfehlungen zu Elektroschock-Risiken, Elektroschock-Schäden und Alternativen:

Weitere Informationen über Elektroschocks englischer, griechischer und spanischer Sprache siehe www.peter-lehmann-publishing.com/info1/e-shock.htm