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| (Unter Streichung des Kapitels »Moderne
Sozialpsychiatrie« publizierter und nachträglich
erweiterter) Artikel in: Psychologie und Gesellschaftskritik,
18. Jg. (1992), Nr. 62, Heft 2 ("Euthanasie + Modernisierung
1939 bis 1945"), S. 69-79. English
translation |
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Peter
Lehmann (nicht verwandt mit JF Lehmann)
Fortgeschrittene Psychiatrie
Der J. F. Lehmanns Verlag als Wegbereiter der Sozialpsychiatrie
im Faschismus
Wer kennt die Rolle, die J. F. Lehmann und sein Verlag beim Aufblühen
der Sozialpsychiatrie im Faschismus und der Weiterentwicklung
im heutigen Psychiatriewesen spielten? Welche Ideologie förderte
dieser Mann, wer waren seine Freunde? Welche Ideologien sind heute
noch wirksam? Viele Leserinnen und Leser werden mit diesen Fragen
nichts anzufangen wissen, Verdienst von Medizin-Historikern, die
von Ausnahmen wie dem deutschen Psychologen Hans L. Siemen
(Siemen 1982, 1987) oder dem US-amerikanischen Psychiater Peter
R. Breggin (Breggin 1993b) abgesehen die sozialpsychiatrischen
Greueltaten im deutschen Faschismus hauptsächlich Adolf Hitler
und seinen Nazis anlasteten und somit wenig dazu beitrugen, die
Ursprünge der Sozialpsychiatrie und ihre katalysatorische
Wirkung und vielleicht entscheidende Bedingung der Möglichkeit
für den Holocaust (Schmuhl 2008, S. 33) offenzulegen.
Über
Sozialpsychiatrie Selbstverständlich unterscheiden sich die rassenhygienisch
orientierten frühen sozialpsychiatrischen Bestrebungen durchaus von der heutigen
Ausprägung der Sozialpsychiatrie, verstanden als Organisationsebene der Psychiatrie,
die sich schwerpunktmäßig mit Früherfassung von mikropolitisch
Abweichenden, Registrierung und psychopharmakologischer Langzeitbehandlung befasst.
Die Sozialpsychiatrie hat inzwischen ihr belastendes antisemitisches Gedankengut
abgeworfen. An ihrem Ansatz der Vererbungslehre hält sie allerdings fest,
auch wenn sie ihn zeitgemäß weniger stark betont. Versteckt im multifaktoriellen
Gedankenkonstrukt der psychischen Krankheit, existiert der Glaube an die bestimmende
Rolle der Genetik nach wie vor im psychiatrischen Denken und Handeln. Entsprechend
dem Stand der Technik herrschen in sozialpsychiatrischer Praxis heute biochemische
Substanzen vor, speziell Neuroleptika (antipsychotische Medikamente);
langfristig genug in ausreichender Dosis eingesetzt, entfaltet diese Chemobehandlung
für die Zeit ihres Vollzugs eine sterilisiernde Wirkung (P. Lehmann 1993,
S. 91/172ff.). Äußerst progressiv gibt sich die Sozialpsychiatrie heute
wie damals, zu Zeiten der Rassenhygiene, speziell in ihrer Kritik der Anstaltspsychiatrie,
die den zeitgemäßen Erfordernissen von zumindest kurzfristiger
Kostendämpfung nicht mehr nachkomme. Darüber hinaus bieten die
neuentwickelten Langzeitpräparate die Möglichkeit, Psychiatriebetroffene
über längere Zeiträume außerhalb der Anstalt in sozialpsychiatrisch
überwachten (beschützten) Einrichtungen zu halten und sie
dort in Selbsthilfefirmen zuvor arbeitsloser Akademiker finanziell auszubeuten. Die
Betroffenen sind im Prinzip dieselben geblieben, Menschen mit störender und
unbequemer Lebens- und Sinnesweise, die sich nicht in marktwirtschaftliche Lebens-
und Verwertungszusammenhänge einordnen lassen (wollen), Menschen, deren Verzweiflung,
Verweigerung von Kommunikation, Verfolgungsgefühle, Phantasien, Euphorie,
Todeswünsche usw. einer zielgerichteten teuren Verständnislosigkeit
(Kempker 1991) zum Opfer fallen. Dass die moderne Sozialpsychiatrie mit den rassistischen,
antisemitischen, militaristischen und nationalistischen Kreisen ihrer Entstehung
durchaus etwas zu verschweigen hat, wird deutlich, wenn wir sehen, in welchem
Umfeld der heute von Psychiatern weltweit geachtete Emil Kraepelin und seine Nachfolger
ihr Programm der Sozialpsychiatrie entwickelten. Die verlegerische Verkupplung
von Sozialpsychiatrie und Faschismus Das Zusammengehen der Psychiatrie
der Weimarer Zeit mit einer politischen Bewegung wie dem Nationalsozialismus war
programmiert. Überall, wo Menschen psychiatrisches Denken entfalteten, begannen
sie, soziale, d.h. sozialpolitisch motivierte Behandlungsmethoden
zu entwickeln, u.a. Sterilisation, Kastration und Ausmerzung. Dies war nicht nur
eine deutsche oder Schweizer Erscheinung; auch England und die USA waren von diesen
Entwicklungen betroffen, Produkte eines rationalistisch und patriarchalisch ausgerichteten
Wissenschaftsverständnisses (Bergmann 1988). Allerdings stellte, so der US-amerikanische
Psychiater Peter Breggin, in den 30er Jahren Deutschland das psychiatrisch fortgeschrittenste
Land der Welt dar (Breggin 1974, S. 151). Der Arzt Marc Rufer aus Zürich
machte auf die Beteiligung von Schweizer Psychiatern wie August Forel und Eugen
Bleuler am Zustandekommen der sozialpsychiatrischen Verbrechen im NS-Staat aufmerksam: Im
Jahre 1924 spricht sich Forel für die Ermordung von missgebildeten und oligophrenen
(schwachsinnigen) Kindern aus. Er scheut sich nicht, die Beseitigung
defekter Untermenschen zu fordern. (...) Noch weiter als Forel geht
Eugen Bleuler, der 1936 einem ärztlichen Kollegium das Recht, körperlich
gesunde Geisteskranke zu töten, zusprechen will. (Rufer 1993,
S. 140f.) Dieser hatte 1936 geschrieben: Eine nicht
so einfach zu beantwortende Frage ist die, ob es erlaubt sein sollte, objektiv
»lebensunwertes Leben« anderer zu vernichten, ohne den ausdrücklichen
Wunsch des Trägers. (...) Auch bei unheilbaren Geisteskranken, die unter
Halluzinationen und melancholischen Depressionen schwer leiden und nicht handlungsfähig
sind, würde ich einem ärztlichen Kollegium das Recht und in schweren
Fällen die Pflicht zuschreiben, die Leiden abzukürzen oft für
viele Jahre. (Bleuler 1936, S. 206) In Zusammenhang mit der Verbreitung
und Umsetzung sozialpsychiatrischer Ideen muss ein Mann besonders erwähnt
werden: Julius Friedrich Lehmann. Lange vor 1933 entwickelten Psychiater
richtungweisende Ideen, die sie zielstrebig publizierten und speziellen Interessensträgern
zur praktischen Anwendung weitertrugen. Unter all den Förderern sozialpsychiatrischer
Interessen fällt immer wieder der Name J. F. Lehmann. Geboren 1864 in Zürich
als viertes Kind des Dr.med. Friedrich Lehmann und dessen Frau Friederike, geborene
Spatz, beide aus Deutschland stammend, machte sich J. F. Lehmann 1890 in München
als Verleger selbständig, gründete eine medizinische Buchhandlung und
übernahm gleichzeitig die Herausgabe der Münchener Medizinischen
Wochenschrift (MMW). J. F. Lehmann sorgte dafür, dass das ungeschriebene
Gesetz der MMW erhalten blieb, »dass nie ein Jude in das Herausgeberkollegium
aufgenommen werde« (»Jahre« 1940, S. 43), was offenbar keinen der
angesehenen reinrassigen Mediziner davon abhielt, diese Zeitschrift
mit Beiträgen aufzuwerten. J. F. Lehmann sah nicht nur seinen Verlag
»im Schützengraben« stehen; er beteiligte sich auch persönlich
aktiv am politischen Kampf. Hier seien einige der rassistischen und nationalistischen
Organisationen genannt, in denen er mitarbeitete und gleichzeitig seine Verlagsprodukte
verteilte: Thule-Gesellschaft, Gesellschaft für Rassenhygiene, Evangelischer
Bund, Deutsch-Völkischer Schutz- und Trutzbund, Freikorps von Epp und schließlich
NSDAP. Gary D. Stark aus Arlington, Texas, kommt in einer 1976 veröffentlichten
Abhandlung zum Ergebnis, dass J. F. Lehmann in der einzigartigen Lage war, ...
mit größtmöglicher Wirkung sowohl das verlegerische Medium als
auch seinen persönlichen Einfluss und den innerhalb von Organisationen zu
koordinieren also persönliche, verlegerische und Gruppenaktivitäten
in einer Weise zu verbinden, wie es keinem anderen Rassenideologen möglich
war. (Stark 1976, Sp. 314) Finanziell große Vorteile brachten
J. F. Lehmann seine militaristischen Publikationen, die er ab 1906 herausbrachte,
so z.B. mit seinem Jahrbuch »Taschenbuch der Kriegsflotte«. Seine kriegsverherrlichenden
Schriften wurden zum großen Teil durch die Münchener Reichswehrführung
aufgekauft. 1917 brachte er die politische Kampfschrift Deutschlands Erneuerung
heraus, die eine völkische Wiedergeburt »durch Hinwegfegen alles Volksfremden,
Zerstörenden und Verräterischen« herbeiführen wollte und sich
insbesondere »gegen die jüdisch-demokratische Vorherrschaft, gegen den
Frieden von Versailles, gegen Pazifismus und Marxismus« wandte. Als »Bücher
für das Wartezimmer« pries er nach dem Ersten Weltkrieg (u.a. in seiner
MMW) Bücher wie »Im Felde unbesiegt« oder »Auf See
unbesiegt« an. Geld verdiente J. F. Lehmann auch mit der Herausgabe diverser
medizinischer Bücher. Mit kaufmännischem und politischem Weitblick machte
er zudem Autoren wie den Psychiater Alfred E. Hoche hoffähig; dieser schrieb
später (1920 im Leipziger S. Meiner Verlag) mit Karl Binding das folgenreiche
Buch »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens«. Seine
reaktionären politischen Aktivitäten führten J. F. Lehmann zwei
Mal kurzfristig ins Gefängnis zuerst während der Münchener
Räterepublik; gerade freigelassen schloss er sich den bewaffneten Freikorps
an, die sich blutig an den Spartakisten und ihren tatsächlichen und vermeintlichen
Anhängerinnen und Anhängern rächten. Erneut kurzfristig verhaftet
wurde J. F. Lehmann wegen Umsturzverdachts dann unter der Regierung Kurt Eisner.
Von der zuvorkommenden Behandlung im Gefängnis wenig abgeschreckt, ließ
J. F. Lehmann in seinen Bestrebungen nicht locker. Schon 1920 schloss er sich
als eines der ersten Mitglieder der Nazi-Partei an. Am 9. November 1923 stellte
er Hitler für dessen Putschversuch das eigene Haus zur Verfügung, in
das der spätere Führer-Stellvertreter Rudolf Heß gemeinsam mit
30 bis 40 Gesinnungsgenossen die amtierenden bayerischen Minister als Geiseln
verschleppte. Mit Hitler war J. F. Lehmann schon in der ersten Jahren der Bewegung
in Berührung gekommen und hatte sofort dessen »Führerkraft«
entdeckt. 1924 publizierte er Hitlers Putschbegründung; Hitler forderte hier
die »Vernichtung auch des letzten Marxisten zur Rettung des Vaterlandes«
(Hitler 1924). 1933 durfte sich J. F. Lehmann dann freuen, als das »Gesetz
zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« von Gütt/Rüdin/Ruttke,
das »Blutschutz- und Ehegesundheitsgesetz« von Gütt/Linden/Maßfeller
und die »Richtlinien der Schwangerschaftsunterbrechung und Unfruchtbarmachung«
der Reichsärztekammer, allesamt in seinem Verlag erschienen, sämtlichen
deutschen Arztpraxen als Pflichtexemplare aufgenötigt wurden. J.
F. Lehmann und die Rassenhygiene Neben den medizinischen und nationalistisch-militaristischen
Schriften bildete die rassenhygienische Literatur den dritten Schwerpunkt des
Verlags. Als erstes rassenpolitisches Buch veröffentlichte J. F. Lehmann
1909 die »Deutsche Rassepolitik und die Erziehung zu nationalem Ehrgefühl«
von Eberhard Meinhold, einem Hauptmann a.D., der »weit vorausschauende Forderungen
besonders für unsere Ostpolitik« aufstellte. Auf der Internationalen
Hygiene-Ausstellung in Dresden im Jahre 1911 entstand unter der Leitung des Schweizer
Psychiaters Ernst Rüdins und des Arztes und Zuchtvolk-Befürworters Max
von Gruber eine besondere Abteilung für Rassenhygiene; der Ausstellungskatalog
erschien unter dem Titel »Fortpflanzung, Vererbung, Rassenhygiene« im
J. F. Lehmanns Verlag und bildete den Grundstein seiner rassenhygienischen Abteilung.
Rüdin war nicht nur ein Schüler Kreaepelins, sondern - wie auch Eugen
Bleuler - Schüler August Forels, eines Schweizer Psychiaters, Hobbyinsektenforschers
und Vorgänger Bleulers als Direktor der bekannten Anstalt Burghölzli.
Internationale Anerkennung war Forel von seiten seiner Kollegen widerfahren, nachdem
er 1892 in seiner Anstalt die erste Sterilisation aus psychiatrischen Gründen
durchführen hatte lassen (P. Lehmann 1993, S. 30). Außerdem hatte er
stolz veröffentlicht, dass mehrere führende Persönlichkeiten der
Pariser Kommune von 1871 in Schweizer Anstalten geendet hatten (Stelzner 1919,
S. 395). Die Interessen der Männer, die als Freunde, Autoren, Parteigenossen
und Unterstützer J. F. Lehmanns im Laufe der Jahre auftauchen, stecken auch
das Spektrum der frühen Sozialpsychiatrie ab. Seine Witwe Melanie Lehmann
erinnert sich 1935 in ihrer Biographie an den Werdegang ihres Ehemanns; dieser
habe sich im Schweizer Davos 1908/09 und 1910/11 ... viel mit den
Gedanken der Rassenhygiene beschäftigt und manches darüber gelesen.
Der Gedanke, beim Heiraten ein Gesundheitszeugnis zu verlangen und die Fortpflanzung
von körperlich oder geistig Kranken zu verhindern, wurde schon damals erwogen.
Diese Bewegung, die ihn mit Gruber, Kraepelin, Rüdin und Ploetz, später
mit Fritz Lenz, Baur und Fischer zusammenführte, hat bald sein wärmstes
Interesse erregt. (M. Lehmann 1935, S. 36) 1914 stieß Grubers
junger Mitarbeiter Fritz Lenz zu J. F. Lehmann und schrieb wiederholt Aufsätze
zur Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik für Deutschlands Erneuerung
und andere Zeitschriften des Verlags. 1921 erschien bei J. F. Lehmann auf Anregung
Erwin Baurs, des späteren Leiters des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Züchtungsforschung,
ein Lehrbuch (Lenz 1921), an dem sich Fischer als Anthropologe und Lenz als Rassenhygieniker
beteiligten und das zum »Standardwerk der deutschen Erbforschung und Rassenhygiene«
wurde. Mitbeteiligt an diesem Erfolg war wesentlich E. Bleuler, der sich
schon Jahre zuvor als zuverlässiger Mitläufer ausgewiesen hatte, insbesondere
nachdem in Burghölzli unter seiner Leitung Pazifisten und andere Gegner des
Ersten Weltkriegs als »unverantwortliche Agitatoren« eingesperrt wurden.
Wie sein Assistenzarzt Jörger schrieb, waren diese Individuen, aufgestachelt
durch den Erfolg der Russischen Oktoberrevolution von 1917, zu psychisch kranken
Friedensaposteln und Kriegsgegnern durch »ein Scherzspiel der Natur«
(Jörger 1918, S. 133) geworden. In einer Rezension zu Lenz' 1931 von J. F.
Lehmann publiziertem Buch »Menschliche Auslese und Rassenhygiene (Eugenik)«
[= Baur/Fischer/Lenz: »Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene«,
Band 2] lobte Bleuler: Die praktischen Vorschläge des Verfassers
in dieser schwierigen Materie rechnen mit den Menschen wie sie sind: ihre Durchführung
ist nicht unmöglich: nur setzen sie voraus, dass das Verständnis für
die Bedeutung der Rassenhygiene viel allgemeiner werde, wozu das Buch gewiss viel
beitragen wird. (Bleuler 1931) Schon 1923 hatte Bleuler in derselben
Zeitschrift den rassenhygienischen Eifer von Lenz unterstützt und vor einer
»Verpöbelung der Rasse« gewarnt, als er die 2. Auflage von dessen
»Menschliche Auslese und Rassenhygiene« [= Baur/Fischer/Lenz: »Grundriss
der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene«, Band 2, München
1923] mit den Worten anpries: Klaren und mutigen Auges sucht Lenz
all die Gefahren auf, die den Kulturvölkern drohen, nicht um zu verzweifeln,
sondern um einzusehen, dass für eine Sache allerhöchsten Wertes zu kämpfen
ist, und die Mittel zu suchen, wie in letzter Stunde das Verhängnis abgewendet
werden kann. Und er kennt Mittel, wirkliche Mittel, die möglich sind, sogar
bei dem traurigen Mangel an Rassegefühl in Mitteleuropa. (Bleuler 1923, S.
1489)
Mitgeholfen hatten Lenz bei seinen rassenhygienischen
Ergüssen unter anderem Rüdin, Hoche, Muckermann, Ploetz
und Bleuler. 1922 übernahm der J. F. Lehmanns Verlag das
1904 vom Rassenfanatiker Alfred Ploetz gegründete Sprachrohr
der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, das Archiv
für Rassen- und Gesellschaftsbiologie. Groß sei
die Zahl Ploetz' Freunde gewesen, schrieb 1940 (fünf Jahre
nach J. F. Lehmanns Tod) Lehmanns ehemaliger Mitgesellschafter
und Schwiegersohn Otto Spatz im Jubelwerk »50 Jahre J. F.
Lehmanns Verlag«: Gruber, Kraepelin, Rüdin, Fischer,
Baur, Lenz, Hitlers späterer Innenminister Arthur Gütt
und selbstverständlich J. F. Lehmann zählten zu dieser
illustren Gruppe (»Jahre« 1940, S. 70). 1926 kam erstmals
die Zeitschrift Volk und Rasse im J. F. Lehmanns Verlag
heraus; bald schon gehörten der spätere NSDAP-Landwirtschaftsminister
Darré, Gütt, Himmler und andere Kapazitäten
der Schriftleitung dieses Blattes an.
Kraepelin,
Diktatur und Sozialpsychiatrie Zwecks »Abnahme des Irreseins«
hatte der Gruber-Mitarbeiter Kraepelin schon 1916 den frühen Tod von Menschen
mit störender und unbequemer Sinnes- und Lebensweise herbeigesehnt: Der
Wahnsinnige ist gefährlich und wird es bis zu seinem Tode bleiben, der leider
nur selten rasch eintritt! (Kraepelin 1916, S. 3) 1918 forderte
er den rücksichtslosen Eingriff in die Lebensgewohnheiten der Menschen von
seiten eines Diktators, zwei weitere Jahre später 1920 eine Ausweitung psychiatrischer
Praxis: gegen alle möglichen Formen des Sittenverfalls, gegen das Abhandenkommen
einer einheitlichen, bestimmten Richtung im Fühlen, Denken und Handeln und
gegen den Internationalismus (Marxismus). Für diese Stoßrichtung prägte
er am 9. November 1920 bei einem Vortrag vor der Deutschen Forschungsanstalt
für Psychiatrie den Begriff der »sozialen Psychiatrie« als
Mittel zur inneren Kolonisation. Sollte sich, was ich erwarte,
zeigen, dass in der Tat der Entwurzelung eine gewisse Rolle für die ungünstige
Entwicklung der seelischen Persönlichkeit zukommt, so wäre es unsere
Aufgabe, nach Mitteln zu suchen, die dieser Schädigung entgegenzuwirken geeignet
sind. Vor allem dürften hier Maßnahmen der inneren Kolonisation in
Betracht kommen, die den Zusammenhalt der Familien festigen, die Möglichkeit
der Siedelung auf eigenem Grund und Boden, ferner die Förderung der Familienforschung,
der Familienstiftungen, die Begünstigung der Frühehe, die Erleichterung
der Kinderaufzucht, um der Zersprengung der Familien entgegenzuwirken, das Verbot
der Kinderarbeit, die Eindämmung des Kneipenwesens, endlich alle Mittel,
die den zersetzenden Einflüssen des Internationalismus Einhalt gebieten und
der Kräftigung des inneren Zusammenhaltes der Volksgenossen dienen. (...)
Wenn alle diese Aufgaben auch weit, weit über das Gebiet der psychiatrischen
Fachwissenschaft hinausreichen, so sollten doch psychiatrische Gesichtspunkte
dabei nicht außer acht gelassen werden. Gerade die Frage der Entwurzelung
ist daher neben so manchen anderen geeignet, uns Ausblicke auf die zukünftige
Entwicklung einer Wissenschaft zu gewähren, die wir heute mehr ahnen als
kennen, auf eine soziale Psychiatrie. (Kraepelin 1921, S. 7f.) Die
Notwendigkeit der Entwicklung einer Sozialpsychiatrie war in Deutschland den Psychiatern
im Anschluss an den 1. Weltkrieg deutlich vor Augen getreten: Psychisch kranke
Soldaten (Kriegsunwillige, Disziplinlose) hatten die militärische Niederlage
und den sogenannten Elendsfrieden von Versailles zu verantworten, psychisch kranke
Politiker (Erich Mühsam, Ernst Toller usw.), die zudem oft genug dem entarteten
jüdischen Volk mit dessen zersetzenden Kräften des Internationalismus
zuzuordnen waren, hatten den diagnostizierenden Psychiatern mit der Novemberrevolution
und der Münchener Räterepublik 1918/19 die Gefahr einer seuchenartigen
Ausweitung solcherart psychischer Krankheiten deutlich aufgezeigt
(P. Lehmann 1993, S. 25ff.). Wie wenig dazu gehört, einen Psychiater
wie Kraepelin zu durchschauen, zeigte Ernst Toller in seiner Biographie »Eine
Jugend in Deutschland«, als er 1924 seine Zeit zu Beginn des Jahres 1918
in Kraepelins Anstalt beschrieb: Man soll nicht zu große
Ansprüche an Ärzte stellen, ist einer schlau, hat er bald das Abrakadabra
der guten alten weisen Frauen begriffen, und an Stelle von roten Schutzbändchen
und magischen Sprüchlein liefert er das Seinige. Von dem, was den Menschen
bedrückt, weiß er nichts, und wenn er es weiß, verteht er es
nicht. Der Direktor der psychiatrischen Klinik ist jener berühmte Professor
Kraepelin, der in einem Münchener Bierkeller einen Bund zur Niederkämpfung
Englands gegründet hat. Herr, fährt er mich an, als ich ihm
vorgeführt werde, wie können Sie es wagen, die berechtigten Machtansprüche
Deutschlands zu leugnen, dieser Krieg wird gewonnen, Deutschland braucht neuen
Lebensraum, Belgien und die baltischen Provinzen, Sie sind schuld, daß Paris
noch nicht erobert ist, Sie verhindern den Siegfrieden, der Feind heißt
England. Das Gesicht des Herrn Professor rötet sich, mit dem Pathos des
manischen Versammlungsredners sucht er mich von der Notwendigkeit alldeutscher
Politik zu überzeugen, ich lerne, daß es zwei Arten Kranke gibt, die
harmlosen liegen in vergiitterten klinkenlosen Stuben und heißen Irre, die
gefährlichen weisen nach, daß Hunger ein Volk erzieht und gründen
Bünde zur Niederwerfung Englands, sie dürfen die harmlosen einsperren.
Wir sprechen zwei Sprachen, Herr Professor, sage ich, ich verstehe vielleicht
Ihre Sprache, aber meine Worte sind Ihnen fremder denn chinesisch. (Toller 1979,
S. 106f) Im August 1919 hatte Kraepelins Anstaltskollege Eugen
Kahn, dem es wie Kraepelin vergönnt war, die selbstverständlich krankheitsuneinsichtigen
Führungspersönlichkeiten der politisch-sozialen Umwälzungen zu
untersuchen, die Frage aufgeworfen, wie die makro- und mikropolitischen Machtverhältnisse
vor dem Wirken von Geisteskranken geschützt werden können;
dazu führte Kahn in J. F. Lehmanns MMW aus: Der Beantwortung
dieser Frage ist das Eingeständnis vorauszuschicken, dass die Psychiatrie
bis jetzt so gut wie gar nicht in der Lage ist, die psychopathische Veranlagung
therapeutisch zu beeinflussen. Es lässt sich wohl denken, dass späterhin
eine Ertüchtigung der Psychopathen bis zu einem gewissen Grade, eine Sozialisierung
in dem Sinne, dass gute Fähigkeiten entwickelt, antisoziale Eigenschaften
unterdrückt werden, durch frühzeitiges Einsetzen einer Heilerziehung
in besonderen Anstalten erstrebt werden kann. Einrichtungen für diesen Zweck
sind eine unabweisbare Notwendigkeit. (Kahn 1919, S. 969) Gefordert
war die vorbeugende Psychiatrie, die die psychisch kranke Veranlagung
therapeutisch so weit wie möglich beeinflusst und, soweit diese
Beeinflussung an der Schwere der psychischen Krankheit scheitert,
die Weitergabe und das Ausleben der kranken Veranlagung (Entartung)
verhindert. Die diversen sozialpsychiatrischen Bestrebungen waren der deutschen
Großindustrie natürlich nicht verborgen geblieben; so unterstützte
beispielsweise Krupp von Bohlen und Halbach durch private Spenden die (auf Vorschlag
Kraepelins) von Rüdin geleitete erwähnte Forschungsanstalt (Labisch
/ Tennstedt 1985, S. 169). Mit Fritz Thyssen taucht in diesem Umfeld ein anderer
Großindustrieller auf; nachdem Lenz nach 1933 Mitglied des Sachverständigenausschusses
für Bevölkerungs- und Rassenpolitik geworden war, trat der einschlägig
interessierte Thyssen ebenfalls diesem Experten-Gremium bei, dem mit
Ploetz, Rüdin und Himmler psychiatrisch und rassenhygienisch erfahrene Mitstreiter
angehörten. Eines der von Lenz bereits 1921 vorgeschlagenen rassenhygienischen
Mittel war die Konzentration auf die jüdische Rasse, nach seiner
Meinung biologisch bedingte »geborene Schauspieler, geborene Redner und Demagogen«,
die es auszuschalten gelte. Ein anderes Mittel zur Gesunderhaltung der Rasse
glaubte der von J. F. Lehmann gesponsorte Lenz in der Abschottung Deutschlands
gegenüber Einwanderern aus östlich gelegenen Ländern und der Ausdehnung
des deutschen Kulturvolkes nach Osten ausgemacht zu haben. In der
(erstmals 1916) von J. F. Lehmann verlegten Zeitschrift Osteuropäische
Zukunft begeisterte er sich für die nordische Rasse, wozu
das deutsche Volk gehöre; dieses werde, wenn es keine geeigneten Maßnahmen
ergreife, von der turanischen Rasse, d.h. von aus Nord- und Zentralasien
stammenden Menschen verdrängt, denn dieser Menschentypus ...
lebt in den Tag hinein und vermehrt sich sorglos. Der turanischen Rasse wird daher
die Zukunft Europas gehören, wenn die nordische Rasse nicht noch in letzter
Stunde ihre Gefahr erkennt und ihre ewige Sendung. (Lenz 1917, S. 22) Im
Osten allein lägen wirkliche Zukunftsmöglichkeiten für das deutsche
Volk, und es sei besser, dass jährlich dorthin eine Million Deutscher auswandere,
als dass diese Million ungeboren bleibe, so Lenz. Ein Jahr später forderte
er in Deutschlands Erneuerung aus rassenhygienischen Gründen die Ausdehnung
deutscher Bauernsiedlungen in den Osten als »eine der dringendsten Lebensfragen
unseres Volkes«. Lenz' Kamerad Bleuler starb im Juli 1939, kurz vor
dem zweiten Aufbruch der nordischen Rasse in Richtung Osten und vor
der industriellen, von Sozialpsychiatern an Anstaltsinsassen erprobten Ermordung
in Gaskammern (Lapon 1986). In ihrem Nachruf dankten ihm Rüdin (als Vorsitzender
der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater) und sein Kollege Hans Roemer
(im Namen der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und ihre Grenzgebiete)
für die Schöpfung des Begriffs »Schizophrenie«, den regen
und fruchtbaren Austausch zwischen der Schweizer und der deutschen
Psychiatrie sowie für seine bahnbrechenden Forschungen (Rüdin / Roemer
1940). Moderne Sozialpsychiatrie Wer heutzutage Kritik an sozialpsychiatrischen
Positionen äußert, hat es schwer, Gehör zu finden, auch und gerade
im linksliberalen Lager. Noch nicht einmal die Tatsache, dass die modernen Sozialpsychiater
nach wie vor am Elektroschock festhalten, einer von dem Mussolini-Vertrauten und
Kraepelin-Schüler Ugo Cerletti im italienischen Faschismus entwickelten Maßnahme,
die zu massiven Langzeitschäden im Gehirn führt (Breggin 1980), mindert
das progressive Image kritischer Psychiater. Der Behandlungserfolg,
die durch den Stromstoß gesetzte Traumatisierung des Gehirns, wirke sich
auf Psychosen günstig aus und gehe ... auf Kosten
einer, wenn auch noch so harmlos erscheinenden Krampfschädigung der Hirnsubstanz
im weitesten Sinne, deren Auswirkungen auch neuropathologisch nachgewiesen werden
konnten. Diese mussten und konnten in Kauf genommen werden... (Harlfinger / Schulte
1967, S. 327), so zwei Psychiater im »Almanach für Neurologie
und Psychiatrie«, erschienen 1967 im ..... J. F. Lehmanns Verlag. Ähnlich
auf den ersten Blick kritisch, aber dennoch durch und durch zustimmend zu dieser
barbarischen Behandlungsmethode, äußern sich an anderer Stelle führende
fortschrittliche Sozialpsychiater, Wulff (1986, S. 15) oder Dörner.
Letzterer, dessen psychiatrisches Reden und Wirken ich im folgenden exemplarisch
anspreche, empfiehlt für den Fall, dass der Therapeut »unfähig
zu einer ausreichend wirksamen therapeutischen Beziehung« sei, den Vollzug
des Elektroschocks, um »den seelisch leidenden vorübergehend in einen
hirnorganisch kranken Menschen« zu verwandeln, schließlich fühle
sich »der Patient nach der EKT (Elektrokrampf-Therapie, P.L.)
fast immer kurzfristig freier und selbständiger«; die Stromschläge
entzögen ihm die Aufmerksamkeit für sein psychotisches Handeln;
Dörner-Originalton: »Lebens- oder Körperangst kann psychotische
Angst erübrigen.« (Dörner / Plog 1992, S. 545f.) Wie gering
die Konsequenzen aus den psychiatrischen Massenmorden während des deutschen
Faschismus ausfielen, zeigt sich im ungebrochenen Fortbestehen des J. F. Lehmanns
Verlags, nach 1945 weiterhin Publikationsmedium von Anstalts- und Sozialpsychiatern.
Der US-Amerikaner Wolf Wolfensberger wunderte sich 1993, ... dass
der Lehmanns Verlag nach dem Zweiten Weltkrieg als den Nazis nahestehende Organisation
aufgelöst, durch einen anderen Verlag mit neuer Leitung übernommen,
aber mit dem selben Namen weiterbetrieben wurde. Tatsächlich führten
alle offiziellen Buchhandlungen der bundesrepublikanischen Medizinervereinigung
(die die Veröffentlichungen ihrer Vereinigung sowie andere medizinnahe Publikationen
verkauften) den Namenszug J. F. Lehmann fort ... (Wolfensberger 1993, S. 312) In
derselben 1967er Ausgabe des »Almanachs« finden sich beispielsweise
ein Artikel des T4-Gutachters Friedrich Mauz sowie eine Abhandlung des Sozialpsychiaters
Gerhard Irle; dieser darf sich über das ubiquitäre Schizophrenie-Vorkommen
auslassen (Irle 1967), stützt er sich doch auf den J. F.Lehmann-Kameraden
Kraepelin und dessen abstruse Forschungsergebnisse im kolonialen Java an den dortigen,
zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Irrenanstalt Buitenzorg einsitzenden Eingeborenen,
an denen er seine Theorie des weltweit einheitlichen Auftretens der (später
Schizophrenie genannten) Dementia praecox entwickelte (Kraepelin 1904). An
Reaktionen auf den »Chemischen Knebel«, der u.a. den direkten Zusammenhang
von Rassenhygiene / Sozialpsychiatrie und Faschismus anhand historischer Belege
thematisierte, kam speziell von den Medizinhistorikern im Umfeld der organisierten
Sozialpsychiatrie einzig Schweigen. Kein Wunder,
schwelgt der Chefideologe der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie
(DGSP), Dörner, nach wie vor in seinem Buch »Irren ist menschlich«
in Dankbarkeit gegenüber seinem Ausbilder: dem früheren SA-Mann Hans
Bürger alias Bürger-Prinz, für die vielen praktischen und
theoretischen Erfahrungen vom Menschen (Dörner / Plog 1992, S. 21).
Dabei veröffentlichte der Hamburger Arzt und Medizinhistoriker Karl Heinz
Roth schon 1984 die ungeschminkte Biographie Bürgers, in der Roth »ein
wahres Schreckensregiment gegen alle Kriegsneurotiker« (mittels
Elektro- und Insulinschocks) und »Verschärfung der psychiatrischen Foltermaßnahmen«
fand sowie ein zur Verzweiflung treibendes »unendliches Leid, das Bürger-Prinz
Tausenden von Patienten zugefügt hat« (Roth 1984). Roth und Götz
Aly klagten Dörner an, er nehme in seinen Publikationen ...
den Hamburger Psychiater Bürger-Prinz von der Mitverantwortung an den Massentötungen
nicht nur aus, sondern billigt ihm zusätzlich eine oppositionelle Haltung
zu. Neuere Dokumente zeigen, dass Bürger-Prinz von Anfang an in die Psychiatriemorde
eingeweiht war, von ihnen zu profitieren suchte und in der Nachkriegszeit einen
der Hauptakteure, den in Kiel tätigen Prof. Heyde (alias Sawade), wissentlich
deckte. (Roth / Aly 1984, S. 117) Dass der Begriff Sozialpsychiatrie
weniger mit sozialer Einstellung als vielmehr mit psychiatrischer Behandlung sozialer
Problemfälle zu tun hat, wird auch aus der Reaktion Dörners auf Berichte
über Patiententötungen in seiner Psychiatrischen Anstalt in Gütersloh
deutlich: Der Pfleger Wolfgang Lange hatte zwischen dem 5. Mai und dem 14. Dezember
1990 offenbar zehn Menschen getötet, unter Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit,
wie der Spiegel berichtet (Friedrichsen 1992, S. 89). Bereits am 25. März
1990 sei die Kriminalpolizei in Dörners Anstalt gewesen, da die Leiche Horst
Dieter Stajendas, eines der Toten, eine Platzwunde am Hinterkopf aufwies: Ihre
Herkunft ließ sich erklären, nicht aber eine Einstichverletzung in
der Ellenbeuge. Doch niemand fühlte sich genötigt, der Sache nachzugehen.
Stajenda starb offiziell eines »natürlichen Todes«. (...) Zu dieser
Zeit, März 1990, wurde Lange von seinen Kolleginnen bereits »Todesengel«
genannt oder »Vollstrecker«, weil während seiner Dienstzeiten auffallend
viele Patienten starben. (Friedrichsen 1992, S. 92f.) Am 22. September
desselben Jahres wird immer noch laut Spiegel der Insasse
Wolfgang Förster mit Ateminsuffizienz von der Inneren Station, wo Lange gerade
Dienst tut, auf die Intensivstation verlegt (er überlebt). Misstrauische
Schwestern ... finden in einem Papierkorb vier leere Ampullen »Neurocil«,
den Jahresbedarf der ganzen Station, die nicht verordnet worden waren und eigentlich
nur von Lange verabreicht worden sein konnten. (Erst nach Tagen dürfen diese
Schwestern ihren Verdacht der Anstaltsleitung vortragen, P.L.) Doch am 17. Oktober
1990 beschließt die Klinikleitung, die Untersuchung abzubrechen. Kripo und
Landschaftsverband (der Träger der Anstalt, P.L.) werden nicht informiert.
Der zum Teil fassungslosen Belegschaft wird mitgeteilt, es liege
ein »Null-Ergebnis« vor. (ebd., S. 93) Ein Jahr später
schreibt die Spiegel-Reporterin und Beobachterin des Prozesses gegen Lange,
nach diesem massiven Verdacht, der auf den psychiatrisch Tätigen gefallen
war, wurde ... nicht die Polizei geholt, sondern »informell«
unter vier Augen herumgeredet und die Angelegenheit als »Null-Ergebnis«
unter den Tisch gekehrt. Schließlich steht gerade wieder eine Fortbildungswoche
an, und Unruhe ist unerwünscht. (Friedrichsen 1993, S. 75) Dörner: Ich
hatte den Eindruck, dass ich meiner Aufsichtspflicht am meisten genüge, wenn
ich den Abteilungen die größtmögliche Autonomie lasse. (zit.n.
ebd.) An anderer Stelle gestand er ein, frühe Hinweise auf
die tödliche Arbeit Langes seien bereits »auf dem Dienstweg kaputt«
(»Patientenmorde« 1991, S. 13) gegangen. »Es gab keinen Grund,
auf besondere Vorkommnisse zu achten« (zit.n. Friedrichsen 1992, S. 92)
so eine andere Aussage des bekannten Sozialpsychiaters vom 9. Januar 1991, knapp
drei Monate nachdem aufmerksame Schwestern die Anstaltsleitung von ihrem schwerwiegenden
Verdacht unterrichtet hatten. Aber selbst nach dem anstaltsinternen Öffentlichwerden
der mehrfachen Tötungen zögerte Dörner die Einschaltung der Polizei
immer noch hinaus, bis zum Beginn seines Wochendienstes am nachfolgenden Montagmorgen,
da er »erst mal drüber schlafen musste.« (zit.n. Trunk 1991, S.
132) Kerstin Kempker zu dieser nonchalanten Haltung: Dass in diesen
Stunden weitere PatientInnen in Gefahr waren, getötet zu werden, scheint
Dörner am Schlafen nicht gehindert zu haben. (Kempker 1991, S. 37) Wolfensberger
beschreibt in seinem Buch »Der neue Genozid an den Benachteiligten, Alten
und Behinderten« die Hintergründe des vielfältigen direkten und
indirekten »Totmachens« durch Täter, die subjektiv nicht glauben,
dass sie Menschen töten, und durch Methoden, perfekter und umfassender als
die der Nationalsozialisten. Vor allem bewusstseinsverändernde psychiatrische
Medikamente schwächen vitale Funktionen; trete schließlich
als Endglied einer unschuldigen Ereigniskette der Tod ein, würde,
wie dies häufig vorkomme, die Todesursache als unerklärlich definiert.
Wolfensberger: Man steht fassungslos davor, in welchem Ausmaß
alltäglich getötet werden kann, ohne dass jemand auch nur auf die Idee
kommt, dass dies Töten sei. (Wolfensberger 1991, S. 63)
In seiner Rezension des »Chemischen Knebels« stieß
sich Gerald Schmidt von der Schweizer Psychiatriestiftung Pro
Mente Sana an der Titulierung Hitlers als »sozialpsychiatrischen
Gesinnungsgenossen«. Auch dass das Bild Hitlers in einer
Reihe mit Kraepelin und Bleuler abgedruckt war, fand Resonanz;
Schmidts Worte: »Für mich ist das ein furchtbares (Miss?)Verständnis.«
(Schmidt 1987)
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Furchtbar für mich aus Autor dieses Artikels
ist hingegen, dass nach den Verbrechen, die während des Faschismus
begangen wurden, auch von Psychiatern, erst jetzt die Aufarbeitung
der Wurzeln beider Strömungen beginnt, besonders der rassenhygienisch-sozialpsychiatrischen.
Nur wenn die Gefährlichkeit der Sozialpsychiatrie offen vor
aller Augen liegt, nur wenn es gelingt, das damalige Wirken der
speziellen Seilschaft Bleuler- Goebbels-
Himmler- Hitler- Hoche-
Kraepelin- Krupp-J. F.Lehmann- Ploetz-
Rüdin- Thyssen transparent zu machen,
nur dann ist es möglich, der modernen Sozialpsychiatrie angemessen
politisch entgegenzutreten. Von ihrer prinzipiellen Gefährlichkeit
hat sie wenig verloren, denken wir an die elektronischen Registrierungssysteme,
an die Langzeitpsychopharmaka, die in die Körper der behandlungsbedürftigen
Menschen implantiert werden sollen, an die Suche nach den vorbeugend
einzusetzenden genetischen Behandlungsmaßnahmen in der Psychiatrie,
an den weitgehend rechtsfreien Raum der Psychiatrie. Und auch
die Frage der Ausschaltung lebensunwerten Lebens ist
infolge der weiterentwickelten medizinisch-gentechnologischen
Forschungsmethoden sowie der Schwangerschaftsfrühuntersuchungen
aktueller denn je (Rufer 1993). Im Einklang mit den Anstrengungen
für den Aufbau einer umfassenden, vollversorgenden
Gemeindepsychiatrie aller Schattierungen schreitet derzeit der
vorbeugend-sozialpsychiatrische Einsatz von Neuroleptika voran.
Auf der Konferenz der WHO (Weltgesundheitsorganisation) »Changing
Mental Health Care in the Cities of Europe« im April 1991
in Amsterdam klagten Psychiatrie-betroffene Teilnehmerinnen und
Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern einmütig eine
stetige Verschlechterung der Situation Psychiatrie-Betroffener
an. Diese dienten verstärkt als Ausbeutungsobjekte für
Pharmamultis, für arbeitssuchende Psychiater, Mediziner,
Sozialwissenschaftler, Behindertenwerkstätten etc. Gerade
die sozialpsychiatrische Ausweitung der Psychiatrie in Form der
Kontaktbereichspsychiatrie (Gemeinde-, kommunale Psychiatrie)
lasse die meisten Betroffenen kaum noch einen Ausweg aus der Drehtürpsychiatrie
finden (Wehde 1991, S. 13). Vor dem Hintergrund seines Erfahrungsbereiches,
einer diagnostisch gesicherten Verabreichungspraxis
von Neuroleptika, benennt der Psychiater Gerald L. Klerman von
der US-amerikanischen Harvard-Universität Cambridge, Massachusetts,
das Verdienst, das Kraepelin aufgrund seiner historischen Vorarbeiten
für die neuere Psychiatrie-Entwicklung zuzuschreiben ist:
Die
amerikanische, britische und kanadische Psychiatrie befindet sich derzeit inmitten
einer kraepelianischen Renaissance, die entscheidenden Einfluss auf die Forschungs-
und akademischen Führer ausübt. (Klerman 1982, S. 7) Dies
gilt auch für Europa. Noch besser als Klerman konnte die Richtung der modernen
Psychiatrie ein anderer Psychiater einschätzen, und zwar Eugen Kahn, der
bereits erwähnte Kollege Kraepelins aus den gemeinsamen Kampfzeiten gegen
die Münchener Räterepublik. So gedenkt Kahn im Oktober 1956, damals
in der Universitätsanstalt Houston, Texas, tätig, im American Journal
of Psychiatry Kraepelins 30. Todestag: Emil Kraepelin starb vor
30 Jahren. Der Einfluss seiner Arbeit auf die Psychiatrie hält an; er ist
vielleicht größer, als wir es uns bewusst sind ... (Kahn 1956, S. 289) Sein
Klassifizierungs-Verhalten unnormierten Handelns und Fühlens und die von
ihm propagierte soziale Psychiatrie kreierten Lehrmeinungen, an denen
sich moderne psychiatrisch Tätige nach wie vor orientieren. Kraepelin und
der Schizophrenie-Bleuler, die beiden weltweit von obrigkeitsorientierten Psychiatern
anerkannten Mitglieder der J. F.Lehmann-Seilschaft, haben für ein System
psychiatrischer Lehre und Praxis gesorgt, das nach wie vor großes Leid unter
Psychiatrie-Betroffenen hervorruft. 1996 existiert der J. F. Lehmanns Verlag
nicht mehr. Laut Auskunft der J. F. Lehmanns Med. Buchhandlung GmbH ist er in
den Besitz des Springer Verlags (Heidelberg / New York / Tokio) übergegangen,
der weltweit psychiatrisches Gedankengut verbreitet. Die Münchener Medizinische
Wochenschrift publiziert nach wie vor, und um Allgemeinmedizinern verstärkt
sozialpsychiatrisch-biologische Inhalte zu lehren, hat sie 1985 eine Taschenbuchreihe
gegründet, in welcher die einzelnen MMW-Sonderteile »Psychiatrie für
die Praxis« (z.B. über die erbliche Bedingtheit psychischer Krankheit,
den therapeutischen Nutzen des Elektroschocks, die Notwendigkeit der Zwangsbehandlung
oder der Dauerbehandlung mit Neuroleptika) zusammengefasst werden (Helmchen /
Hippius 1985, S. 11). Herausgeber der ersten Bände dieser Reihe sind
mit Hanns Hippius und Hanfried Helmchen zwei einflussreiche Psychiater mit prominenten
Lehrern. Während zu Helmchens Ausbildern (nach 1945) der unter Hitler exponierte
Massensterilisator Felix von Mikulicz-Radecki gehörte, kann Kollege Hippius
nach 1945 mit Helmut Selbach ebenso einen Lehrer mit hervorragender
Stellung vorweisen: dieser Mann war während der nationalsozialistischen Diktatur
immerhin Oberarzt unter Max de Crinis, dem Organisator des T4-Massenmords. Selbach
und Hippius waren Leiter der Berliner Psychiatrischen Universitätsanstalt
(Eschenallee), Helmchen war einer ihrer Nachfolger. Viele der Schriften,
die ich für diesen Artikel lesen musste, stehen seit Jahrzehnten in der Bibliothek
dieser Anstalt, als Lehrmaterial für den Psychiaternachwuchs. Als Wandschmuck
dient ein (aktueller) Kalender der J. F. Lehmanns Buchhandlung. Die Tatsache,
dass die sozialpsychiatrischen Lehren nach der Befreiung vom Faschismus ungestört
weitervermittelt werden konnten, ist sicherlich die maßgebende Ursache dafür,
dass wir uns heute in einer gefährlichen Phase des Wiedererstarkens der Psychiatrie
befinden; nach Meinung Peter Breggins ähnelt die Entwicklung der vor dem
Zweiten Weltkrieg: Derzeit erlebt zum Beispiel der Elektroschock
weltweit eine Renaissance. Wir haben Medikamente entwickelt, die weit giftiger
sind als jene, die vor dem Krieg eingesetzt wurden. Wir wissen heute, dass Neuroleptika
bei bis zu 50% der Langzeit-»Patienten« und -»Patientinnen«
einen bleibenden Hirnschaden verursachen. Diese Schädigung heißt tardive
Dyskinesie (oft bleibende, nicht behandelbare veitstanzartige Muskelstörung);
wenn Neuroleptika über einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu zwei Jahren
verabreicht wurden, stellt sie sich in bis zu 20% aller Fälle ein. Bei anderen
Betroffenen verursachen die Psychopharmaka eine tardive Dystonie mit schmerzhaften
Muskelkrämpfen oder eine tardive Akathisie (u.U. bleibende innere Unruhe
in den Extremitäten, die zu Bewegungen drängt, aber keine Erleichterung
schafft) mit Angstgefühlen und starkem Bewegungszwang. In meinem Buch
über psychiatrische Psychopharmaka habe ich außerdem zum ersten Mal
den Begriff der tardiven Demenz entwickelt. Diese bringt den Verlust aller geistiger
Fähigkeiten in verschiedenem Ausmaß mit sich. Schließlich können
Neuroleptika auch noch eine dauerhafte tardive Psychose verursachen. Für
all die genannten Schädigungen gibt es keine Heilungsmöglichkeit. Doch
damit nicht genug. Man diskutiert auch wieder solche genetischen Theorien, die
schon einmal zu Sterilisationsgesetzen geführt haben. Und im Zusammenhang
mit der Kostenfrage bei »psychisch kranken Chronikern« rückt der
Gedanke an Euthanasie oder Ermordung kranker Menschen mehr und mehr in den Vordergrund.
Ich habe gehört, dass in Deutschland vereinzelt über eine erneute Einführung
von Sterilisationsgesetzen nachgedacht wird. Und in den Niederlanden versucht
man, die Lobotomie wieder zu etablieren. Die moderne Psychiatrie unterscheidet
sich grundsätzlich nicht von der Vorkriegspsychiatrie, die zum Holocaust
führte. (Breggin 1993a, S. 396) Quellen
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Copyright by Peter Lehmann 2002
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