Peter
Lehmann
Ladies first! Schöne neue Psychopharmaka und
Elektroschocks
Schön sind die Wirkungen der modernen Psychopharmaka,
allen voran der Neuroleptika, vor allem in den Werbebroschüren der Pharmafirmen.
Geradezu wohltuend die Wirkung des Elektroschocks in Presseerklärungen der
Freunde des Elektroschocks, die mit gezielten PR-Strategien den künstlich
hervorgerufenen epileptischen Anfällen selbst das allzu bekannte Restrisiko
absprechen wollen.
27 Jahre nach seinem Zukunftsroman »Schöne
neue Welt« (1932) veröffentlichte Aldous Huxley sein »Wiedersehen
mit der Schönen neuen Welt«. In den 30ern hatte er seinen Alptraum einer
technisierten und entindividualisierten Welt beschrieben, in der die Versklavung
der Massen und deren durch die Droge »Soma« garantiertes und genormtes
Glück Hand in Hand gehen. 1959 maß er seine Visionen von damals an
der Realität und kam zum Schluss, dass ein Teil bittere Wirklichkeit geworden
war. Hierzu zählte er die Manipulation des Menschen durch »Soma«.
Nachdem der Neuroleptika-Prototyp Chlorpromazin (aktuelle Handelsnamen: Chlorazin,
Largactil, Propaphenin) ab Beginn der 50er Jahre unter Psychiatern Furore gemacht
hatte und bald darauf auch Tranquilizer entwickelt worden waren, sah Huxley in
diesen Substanzen weitreichende Ähnlichkeiten mit seinem mythischen »Soma«
(Huxley 1987, S. 319f.). Hätte er sich tiefer in die Materie der schädlichen
Auswirkungen der »chemischen Knebel« eingearbeitet, so hätte er
sein »Soma« vermutlich ausschließlich in Tranquilizern verwirklicht
gesehen, auch wenn diese nicht frei von unangenehmen Nebenwirkungen
sind, nicht zuletzt wegen des abhängig machenden Potentials. Öffentliche
Kritik an den unerwünschten Wirkungen der Neuroleptika gab es noch nicht,
ganz im Gegensatz zu den internen Berichten über gefährliche Auswirkungen
dieser Substanzen, die das Zeitalter der »Schönen neuen Psychiatrie«
eingeleitet hatten.
Was sind Neuroleptika?
Beim Einsatz von
Neuroleptika geht es grundsätzlich um eine indirekte Beeinflussung
mentaler Prozesse. Neuroleptika sind chemische Substanzen, die im Organismus spezielle
Wirkungen entfalten und dadurch Veränderungen der Geistestätigkeit und
der Psyche hervorrufen. Sie zählen zur Gruppe der Psychopharmaka. Das Schwergewicht
des psychiatrischen Psychopharmakagebrauchs liegt bei Neuroleptika und Antidepressiva;
gelegentlich kommen noch Tranquilizer zum Einsatz. Bei Diagnosen wie Psychose,
Wahn, Schizophrenie, Paranoia usw. verabreicht man hauptsächlich Neuroleptika.
Es gibt aber auch eine Vielzahl medizinischer Indikationen. In der »Roten
Liste«, dem offiziellen bundesdeutschen Verzeichnis handelsüblicher
Medikamente, finden sich die Indikationen für die Neuroleptika-Verabreichung
an Menschen: sogenannte Psychosen, Neurosen und Depressionen aller Art, Denk-
und Ich-Störungen, Schlaf- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Alten,
Stimmungslabilität, psychisch bedingte Versagenszustände, Stottern,
psychosomatische Erkrankungen, schwerer Schluckauf, Reiseübelkeit, Juckreiz,
Geburtserleichterung, Unterstützung von Psycho- oder Gastritistherapie u.v.m.
Heutzutage
werden Neuroleptika von Psychiatern ebenso vielfältig eingesetzt wie von
Normal- oder Tiermedizinern. Die von Letzteren verabreichten Substanzen unterscheiden
sich nicht von denen, die in der Psychiatrie als antipsychotische Medikamente
verabreicht werden. Als Anwendungsgebiete von Neuroleptika werden im »Lexikon
der Tierarzneimittel« 1987 beispielsweise genannt: »Ruhigstellung aggressiver
Tiere aller Art, insbesondere bei Verladungen, Transport, Beschlag sowie Untersuchungen
und zur Vorbereitung auf Operationen, diagnostische Eingriffe; bei Ferkelfressen
der Sau, Fremdkörperoperationen, Anmelken, Umstallung, Geburtshilfe, Kaiserschnitt,
Kastration... Beruhigung aggressiver Pferde, Schweine und Rinder und anderer Tiere...
Zur Vermeidung von Beißereien beim Umgruppieren von Schweinen, gegen Schwanzbeißen
und Kannibalismus.«
Ladies first
Die Verabreichung von
Neuroleptika und Elektroschocks bedeutet für die Betroffenen nicht immer
eitel Sonnenschein. Dass sich viele gegen die Verabreichung von Neuroleptika wehren,
ist in psychiatrischen Schriften wie auch in der normalen Presse nachzulesen.
Michael Heim, Chefpsychiater der Anstalt Arnsdorf/Dresden, sprach 1992 von einer
60%igen Verweigerung (Heim 1992, S. 43). Unter den Psychiatrisierten sind es die
wehrlosesten oder vertrauensseligsten, die am stärksten behandelt werden.
Psychopharmaka
insgesamt werden zu 70% an Frauen verabreicht. Alle Neuroleptika werden Frauen
deutlich häufiger verschrieben, bei Fluspirilen (Imap) ist das Verhältnis
sogar 78 zu 22 Prozent. Neben der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht
ist das zunehmende Alter ein gewichtiger Risikofaktor. Besonders aus den USA kommen
verstärkt besorgniserregende Nachrichten. Während dort der Bevölkerungsanteil
der über 60 Jahre alten Menschen 1985 bei 11% lag, betrug ihr Anteil an Neuroleptikaverschreibungen
über 33%. Können ältere Menschen nicht mehr weglaufen, werden besonders
häufig Neuroleptika verabreicht. Eine US-Untersuchung von 1986, die sich
2000 chemischen Substanzen und Millionen von Verschreibungen widmete, ergab, dass
60,5% der Verordnungen an die über 65 Jahre alten Altersheimbewohnerinnen
und -bewohner Neuroleptika waren. Laut einer 1989 im New England Journal of
Medicine publizierten Studie von Jerry Avorn und Kollegen der Harvard Medical
School in Boston, durchgeführt in 55 Altersheimen in Massachusetts, erhielten
55% von 1201 Untersuchten zumindest ein psychiatrisches Psychopharmakon. 39% aller
bekamen Neuroleptika verabreicht, die übrigen Antidepressiva, Lithium und
Tranquilizer. Bei der Neuroleptikagruppe war der Prozentsatz der Mehrfachverordnungen
mit Abstand am höchsten. Die Verschreibungen waren immer wieder automatisch
erneuert worden.
Alte Frauen sind von psychiatrischen Verordnungen besonders
betroffen. Karl Kimbel, Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft, wies darauf hin, dass 1985 auf 100 Frauen im Alter
zwischen 71 und 80 Jahren 228 Verordnungen für Psychopharmaka kamen, bei
den über 80jährigen sogar 282 (Kimbel 1987). Viele BehandlerInnen meinen,
dass ab einem bestimmten Alter Geschlechtsunterschiede im Bedarf nach
Neuroleptika auftreten. »Frauen über 40 benötigten in aller Regel
höhere Dosen als Männer« (Seeman 1983, S. 126), schrieb Mary Seeman
vom Clarke Institute of Psychiatry in Toronto/Ontario. Ähnlich verhält
es sich mit Elektroschocks: Wie eine Studie von Roland Littlewood und Sybil Cross
in Großbritannien 1980 ergab, sind von allen Elektrogeschockten 80% Frauen
(Littlewood/Cross 1980). In den USA sind zwei Drittel aller Elektrogeschockten
Frauen, die Mehrheit davon älter als 65 Jahre.
Selbst in der Gerichtspsychiatrie
sind Frauen eher psychiatrischer Behandlung ausgesetzt als Männer. Frauen
werden sieben Mal häufiger als psychiatrische Fälle diagnostiziert und
in Hochsicherheitsanstalten geschickt, ermittelte eine Untersuchung des Observer.
Und die Wahrscheinlichkeit, dass man bei Frauen eine psychiatrische Behandlung
anordnet, wenn sie vor Kriminalgerichten erscheinen, ist doppelt so hoch wie bei
Männern (Collier/Dibblin 1990).
Die höchsten Verordnungszahlen
betreffen Menschen fortgeschrittenen Alters, Frauen und Kinder. In der BRD erhielten
z.B. 1988 rund 900000 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren Psychopharmaka. Wie Krankenkassen
in Nordrhein-Westfalen ein Jahr später mitteilten, wurde jede siebte Psychopille
von Kindern unter zwölf Jahren geschluckt. Laut Bayernkurier vom 20.5.1989
werden 5% der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren als psychisch krank und
behandlungsbedürftig verdächtigt, am 7.8.1992 berichtete die Welt
von 15% psychisch gestörten Kindern und Jugendlichen. Angesichts dieser Behauptungen
kann man sich an allen zehn Fingern abzählen, dass die Verordnungszahlen
insgesamt und speziell für Neuroleptika steigen werden. Tendenz steigend
heißt es auch bei den Erwachsenen. Bereits jeder fünfte Bürger
der alten BRD sei psychisch krank, meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung
am 31. Mai 1991.
Einzig ein Psychiatrisches Testament eine im Zustand
der unangezweifelten Normalität verfasste Vorausverfügung für den
Fall des Falles schützt rechtswirksam vor Zwangsbehandlung (Bezugsadresse
des Mustertextes: Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V., Liebenwalder
Str. 16, 13347 Berlin). Doch wer rechnet schon damit, einmal verrückt, hilflos
oder gar alt und Objekt unerwünschter psychiatrischer Maßnahmen zu
werden?
Neue Krankheiten, neue Absatzmärkte
Auf die als
psychisch krank Diagnostizierten warten unterschiedliche psychiatrische Anwendungen.
Dabei geht der Trend seit 1983 kontinuierlich weg von Tranquilizern und hin zu
Antidepressiva und Neuroleptika. Der Spiegel nannte eine der Ursachen:
»Der Rückgang der Tranquilizer, vor allem der Benzodiazepine,
bei gleichzeitigem Anstieg der Verschreibungen von Antidepressiva, Neuroleptika
und pflanzlichen Therapeutika liegt im wirtschaftlichen Interesse der Pharmafirmen:
Weil die Patente abgelaufen sind, sinkt der Preis der Benzodiazepine; Nachahmerpräparate
sind verfügbar. Antidepressiva und Neuroleptika hingegen sind neu und deshalb
teuer.« (»Krücke« 1995, S. 146)
Hinzu
kommt, dass inzwischen Behandler und Hersteller von Tranquilizern zu Schadenersatzzahlungen
wegen unterlassener Warnung vor dem Abhängigkeitspotential dieser Substanzen
verurteilt wurden. Tranquilizer werden im Durchschnitt zehn Jahre lang verabreicht.
Neuroleptika sollen an Menschen mit der Diagnose Schizophrenie zwar häufig
noch länger, zum Teil lebenslänglich verabreicht werden, doch wird deren
abhängig machende Wirkung bisher erfolgreich bestritten, auch wenn man sie
in fachinternen Veröffentlichungen längst zugegeben hat. Wenn Neuroleptika
lebenslang verabreicht werden sollen, ist die Abhängigkeit auch deshalb kein
Thema, weil sie sehr gelegen kommt. Unter dem Titel »Ohne Depot-Neuroleptika
geht es kaum« war 1988 in Selecta der herrschende psychiatrische Standpunkt
nachzulesen, der auf dem Symposium »Depotneuroleptika ein Konsensus«
in Antwerpen 1987 formuliert worden war:
»Es ist leider
eine Tatsache, dass die Schizophrenie eine lebenslang andauernde Erhaltungstherapie
mit Neuroleptika braucht.« (Idris 1988, S. 1480)
Dieser
Auffassung sind auch die Vertreter der Gemeindepsychiatrie, wie aus dem selben
Artikel hervorgeht:
»Sozialpsychiatrie außerhalb
der Kliniken ist ohne Depot-Neuroleptika nicht durchführbar.« (ebd.,
S. 1483)
Sponsor des Kongresses war die Firma Janssen, Hersteller
einiger Depotneuroleptika.
Bei Neuroleptika-Anwendungen unter psychiatrischen
Diagnosen kristallisierten sich in den letzten Jahren international deutliche
Trends heraus:
-
Höhere Dosierungen. Laut Finzen hat sich in der BRD
die Durchschnittsdosis seit 1970 verzehnfacht.
-
Systematische Hochdosierung. Sie gewann in den letzten Jahren
unter den Bezeichnungen »adäquate individuelle Dosierung«
und »schnelle Neuroleptisierung« erheblich an Bedeutung.
-
Immer potentere Neuroleptika.
-
Ständig höhere Mengen hochpotenter Neuroleptika.
-
Mehr Depotmittel, die nebenbei auch teuer und damit umsatzsteigernd
sind. Finzen erläuterte 1990 in seinem Psychopharmaka-Lehrbuch
weitere Vorteile dieser Verabreichungsform:
»Wegen der Hartnäckigkeit der manischen Symptomatik
und der Notwendigkeit, hochdosierte Neuroleptika über
längere Zeit zu verabreichen, kann eine Depot-Medikation
sinnvoll sein. Sie sichert die Medikamenteneinnahme und
macht den Umgang mit dem Patienten einfacher, indem sie
ihm und seinen Therapeuten den täglichen Kampf über
die Frage Medikamente ja oder nein? erspart.«
(Finzen 1990, S. 131)
-
Standardisierte Verabreichungen. Dies betrifft nicht nur
die Dosishöhe (Standarddosis für alle), sondern
auch die Auswahl an Neuroleptika. Finzen empfiehlt seinen
KollegInnen die Beschränkung auf drei Neuroleptika: ein
hoch-, ein niederpotentes und ein Depot-Neuroleptikum.
-
Steigende Zahl von Mehrfachkombinationen unterschiedlichster
Neuroleptika.
Alternative: Elektroschocks?
Die Kritik an schädlichen Neuroleptikawirkungen wollen die
Freunde des Elektroschocks für ihre Zwecke nutzen. Dieses
barbarische Verfahren wurde in Deutschland, Österreich und
der Schweiz nie ganz aufgegeben. Das Ziel der E-Schocks ist
unverändert die Auslösung epileptischer Anfälle.
Der Psychiater Peter Breggin beschrieb in San Francisco bei einer
Anhörung vor dem City Services Committee am 27. November
1990, wie Elektroschocks funktionieren:
»Was wir machen ist folgendes: Wir fügen Menschen
in seelischen Krisen eine innere Kopfverletzung zu eine
innere Kopfverletzung. (...) Um einen Krampfanfall zu verursachen,
müssen wir einen entsprechend großen Schaden herbeiführen.
Wenn Sie heute auf dem Weg nach Hause bei einem Autounfall den
Kopf aufschlagen, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die
Verletzung einen Krampfanfall auslöst. Hätten Sie
aber einen Krampfanfall, würde man Sie mit größter
Eile in die Notaufnahme bringen. Die Leute würden sagen,
sie ist mit dem Kopf irgendwo gegengeschlagen. Nehmen wir an,
Sie kommen mit dem Kopf an Ihren Kühlschrank, es gibt einen
Kurzschluss, und Ihr Kopf erleidet sozusagen eine Schockbehandlung,
Sie sind verwirrt, Sie haben einen Krampfanfall: Man brächte
Sie so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Sie würden
als medizinischer Notfall behandelt. Wahrscheinlich würden
Sie sogar zur Vorbeugung weiterer derartiger Zwischenfälle
zwei Jahre lang krampfhemmende Medikamente erhalten.
Also, da mindestens eine, mindestens eine der
Elektroden immer über dem Frontallappen (dem Vorderhirn)
angesetzt wird, handelt es sich nicht nur um eine durch elektrischen
Strom verursachte Kopfverletzung. Es ist Lobotomie (Durchtrennung
von Vorderhirn-Nervenbahnen)! Denn es ist das Vorderhirn,
durch das wir ziemlich viel Strom jagen. Das Vorderhirn liegt
im Stirnbereich, es stellt den Höhepunkt der menschlichen
Evolution dar, es ist der Teil des Gehirns, der uns lieben und
hassen oder deprimiert sein lässt, ein seelisch-psychologischer
Zustand, unter dem eine ältere Frau häufig leidet
ohne Freundinnen, Freunde und sonstige Menschen, denen
sie ihre Liebe schenken könnte, ohne gute körperliche
Verfassung. Ein Vorderhirnschaden verhindert den Prozess
der Entwicklung von starken Gefühlen, Vernunft und Anteilnahme.
John Friedberg ist wie auch ich Experte auf diesem
Gebiet, der Neuropathologie der Hirnschädigung. Friedberg
hielt 1985 auf der Konsensus-Konferenz des NIMH (National
Institute for Mental Health) einen ausführlichen Vortrag
über Hirnschädigung durch Elektroschocks. Wir wissen
genau, was der Schock bewirkt, wenn er durch die Blutgefäße
geht, ins Gewebe übergeht, Blutungen verursacht und Zellen
abtötet.
Bereits die Frage Verursachen Elektroschocks Hirnschädigungen?
ist eine unlautere Frage, denn wir wissen, dass Elektroschocks
eine Hirnschädigung verursachen, dass jeder einzelne
Patient, jede einzelne Patientin nach einer Elektroschockserie
ein hirnorganisches Psychosyndrom aufweist, mit Verwirrtheit,
Desorientierung, Stimmungsschwankungen, Verlust der Entscheidungsfähigkeit.«
(Breggin 1993, S. 160f.)
Mit steigender Akzeptanz sozialdarwinistischer und rassistischer
Werte in Teilen der Bevölkerung werden die psychiatrischen
Maßnahmen wieder interessanter, die in den rechtsfreien
Räumen der faschistischen Diktatur ihren Durchbruch erlebt
hatten. In den letzten Jahrzehnten hatten AnästhesistInnen,
ohne die die Schockprozedur nicht durchgeführt werden kann,
offen oder verdeckt ihre Dienstleistung verweigert, so dass in
vielen Anstalten und Krankenhäusern der Vollzug von Elektroschocks
undurchführbar war.
Seit Jahren werben Psychiater und von ihnen beeinflusste JournalistInnen
immer penetranter für eine gesteigerte mit kosmetischen
Korrekturen geschönte Schockverabreichung. »Viel
zu selten« wird nach Heinrich Lauter, einem der Protagonisten
dieser Methode, der Elektroschock eingesetzt. 96% der leitenden
Psychiater in deutschen Universitätsanstalten sind pro Elektroschock.
Reimer äußerte 1988 gegenüber der Münchner
Illustrierten:
»Ich hoffe, dass bald alle wieder schocken. In Schweden,
der Schweiz, England oder Holland hat die Psychiatrie einen
wesentlich höheren Standard, d.h. es wird dort sehr viel
mehr geschockt als bei uns.« (zit.n. Förster 1988,
S. 22)
Wie wenig unter solchen Voraussetzungen dazu gehört, als
kritischer Psychiater zu gelten, wird an Klaus Dörner von
der Anstalt Gütersloh deutlich: Gemeinsam mit der Psychologin
Ursula Plog beschränkt er sich darauf, den Vollzug des Elektroschocks
zu lehren (Dörner/Plog 1992, S. 545f.), setzt ihn persönlich
aber momentan nicht ein unter dem Vorbehalt, dass
»... morgen ein Tag kommen kann, der mich einem Patienten
begegnen lässt, bei dem ich die Indikation für die
Elektrokrampftherapie befürworte.« (Dörner 1994,
S. 32)
Risiken und Nebenwirkungen von Neuroleptika
»Ein Aufklärungskonzept gehört offensichtlich
nicht zum psychiatrischen Alltag« (zit.n. »Mythos«
1992),
sagte die Psychologin Lilo Süllwold. Dabei sind die Risiken
und Schäden von Neuroleptika enorm, nachzulesen in einer
ganzen Reihe kritischer Veröffentlichungen z.B. in
»Psychiatric drugs: hazards to the brain« (Breggin 1983),
»Unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka« (Tornatore
u.a. 1991), »Toxic psychiatry« (Breggin 1991), »Drug-induced
dysfunction in psychiatry« (Keshavan/Kennedy 1992), »Der
chemische Knebel« (Lehmann 1993), »Schöne neue
Psychiatrie« (Lehmann 1995). Wem es zu mühselig ist,
solche Bücher zu lesen, dem bzw. der sein ein kurzer Blick
in die »Rote Liste« mit ihren Aufzählungen von
Risiken und Schäden empfohlen, auch diese hier nur oberflächlich
dargestellt sind. Dieses offizielle Medikamentenverzeichnis des
Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie e.V. ist in jeder
Apotheke und in vielen Bibliotheken einsehbar.
Einen Neuroleptikaschaden will ich hervorheben: die tardive Dyskinesie,
eine veitstanzförmige, nicht behandelbare Muskelerkrankung,
auch Späthyperkinese genannt. Wie häufig diese psychiatrogene
Erkrankung, eine Manifestation irreversibler Rezeptorenveränderungen,
hierzulande verbreitet ist, geht aus einer 1991 im Nervenarzt
veröffentlichten Studie über eine Stichprobe gemeindepsychiatrisch
behandelter und zum Teil in betreutem Einzelwohnen
oder therapeutischen Wohngemeinschaften lebender BerlinerInnen
hervor. Die Autorengruppe sprach von einem durchschnittlichen
Vorkommen von 59% tardiven Dyskinesien: Von den untersuchten Betreuten
wurden 265 von niedergelassenen Nervenärzten behandelt und
verließen deren Praxen mit einer Wahrscheinlichkeit von
96,2% unter Neuroleptika-Einfluss; die Institutsambulanz der Nervenklinik
Berlin-Spandau verabschiedete ihre 108 Stichproben in 94% aller
Fälle mit Neuroleptika. Ergebnis: 21% der längerfristig
Behandelten entwickelten eine tardive Dyskinesie leichter Form,
18% dieselbe Erkrankung in mittlerer und 20% gar in schwerer Ausprägung
(Lehmann/Stastny/Weitz 1993, S. 452).
Was sind tardive Dyskinesien?
Da »tardive Dyskinesie« ein recht abstrakter Begriff
ist, möchte ich an einem Beispiel veranschaulichen, welche
dramatische Einschränkung der Lebensqualität mit ihr
verbunden sein kann. Die Psychiaterinnen Leonora Petty und Carol
Spar von der Kinderabteilung der Neuropsychiatrischen Universitätsanstalt
Los Angeles (UCLA) publizierten folgendes Schicksal eines 10jährigen
Mädchens:
»Ab dem Alter von 6 verabreichte man Kate zur Verhaltenskontrolle
versuchsweise verschiedene Medikationen einschließlich
Thioridazin (Melleril), Chlorpromazin (Chlorazin,
Largactil, Propaphenin), Methylphenidat (Ritalin)
und schließlich Haloperidol. Sie blieb 4 Jahre lang auf
Haloperidol bei einer Dosis von 3 4,5 mg/Tag, maximal
5 mg/Tag über eine Periode von ungefähr 4 Monaten...
2 Monate vor ihrer Einlieferung entwickelte Kate ein Schulterzucken.
Als ihr Kinderarzt das Haldol abrupt absetzte, verschlechterten
sich ihre Zwangsbewegungen und ihr psychotisches Verhalten.
Kates Kinderarzt nahm die Haldolbehandlung wieder auf, 4,5 mg/Tag,
kombiniert mit Benzatropin (Cogentinol; Antiparkinsonmittel),
aber Kates Zustand besserte sich nicht. Nach ein paar Tagen
setzte man das Benzatropin ab, dafür wurde 100 mg/Tag Diphenhydramin
Hydrochlorid (krampflösendes und ruhigstellendes Mittel)
zugefügt. Kates Verhalten besserte sich etwas, aber die
abnormen Bewegungen änderten sich nicht. Dann überwies
der Kinderarzt Kate zur Untersuchung in die UCLA... Bei der
Aufnahme war Kate erregt und desorganisiert, mit stereotypem
und ritualistischem Verhalten. Sprach- und Kommunikationsstörungen
waren nachzuweisen durch Entgleisungen, lakonische Sprache,
Unlogik und Nebensächlichkeiten. Sie hatte dereistische
(realitätsunangepasste) Wahnvorstellungen und akustische
Halluzinationen. Koprolalie (Kotsprache) zeigte sie
nicht. Kates Bewegungsstörungen beinhalteten Gesichts-
und Mundbewegungen (Grimassieren, Stirnrunzeln, Blinzeln, Schmatzen),
Bewegungen der Extremitäten (choreatische [veitstanzartige]
Arm- und Fingerbewegungen) und Rumpfbewegungen (sich windende
Bewegungen, Halszuckungen und Beckenstöße)... Nach
dreimonatiger Hospitalisierung (ohne Neuroleptika, P.L.) schienen
Kates psychotische Symptome mit Verhaltenstherapie gut kontrolliert
zu sein. Ihre Bewegungsstörungen (beurteilt durch globale
Einschätzung und nach der AIMS Bewertungsskala [Abnormal
Involuntary Movement Scale) blieben quantitativ und qualitativ
unverändert.« (Petty/Spar 1980, S. 745f.)
Tardive Dyskinesien erweisen sich mehr und mehr als die Katastrophe
für die Behandelten, denn in aller Regel verabreichen Psychiater
ihre Chemie weiter, ohne mit der Wimper zu zucken, höchstens
in Sorge um mögliche Schadenersatzforderungen. Ob es sich
um Psychiater männlichen oder weiblichen Geschlechts handelt,
ist hierbei völlig unerheblich. Dass nicht einmal Psychiaterinnen
mit feministischem Anspruch ihre warnende Stimme erheben, handelt
es sich bei der Mehrzahl der an tardiver Dyskinesie Erkrankten
doch um ihre Geschlechtsgenossinnen, ist einer von vielen Faktoren,
die zur Fortdauer der systematischen Menschenrechtsverletzungen
in der Psychiatrie beitragen.
Psychiatrischer Fortschritt
Neben dem Elektroschock greifen Psychiater mehr und mehr auf
atypische Neuroleptika zurück, die vor ca. 35 Jahren entwickelt
wurden. Das bekannsteste Mittel ist Clozapin (Leponex). Nachdem
sein überdurchschnittlich hohes Potential erkannt war, eine
tödlich verlaufende Agranulozytose (abruptes Absterben weißer
Blutkörperchen) auszulösen, war seine Verabreichung
mit vielen Auflagen versehen worden, was zu einem Rückgang
der Verkaufszahlen geführt hatte. Im Verhältnis zu den
Schäden der typischen Neuroleptika scheinen diejeniger der
atypischen Neuroleptika, die motorische Störungen kaum und
tardive Dyskinesien gar nicht produzieren, in den Hintergrund
zu treten. Langfristige Risiken dieser neuen Generation
von Psychopharmaka sind ebenfalls Einbußen
der mentalen Lebendigkeit und der Lebenskraft, was sich in Suizidalität,
schweren Schäden im vegetativen Bereich und im Zentralnervensystem
äußert, (atypisch) vor allem in chronischen toxischen
Psychosen (Lehmann 1995). Einzig die weitere, dann lebenslängliche
Verabreichung der Substanzen, die diesen Schaden gesetzt haben,
kann die toxisch-psychotischen Symptome in Schach halten, sofern
nicht in Folge einer Toleranzbildung die symptomunterdrückende
Wirkung nachlässt. Wird der Mechanismus der Abhängigkeit
nicht durchschaut, so scheint er dem biologistischen Glauben,
störende und unbequeme Lebens- und Sinnesweisen auf Stoffwechselentgleisungen
zurückführen zu können, in zynischer Weise Recht
zu geben.
Ideologische Verbohrtheit, arbeitsplatzpolitische und wirtschaftliche
Interessen bilden einen gefährlichen Nährboden, aus
dem eine fortschreitende Medizinalisierung und Psychiatrisierung
der Gesellschaft wächst, auch ihre zunehmende Vergiftung.
Seit Jahren arbeiten Psychiater zudem beständig an der Entwicklung
neuer Krankheitsbilder. Die verschiedenen Chemieunternehmen, die
in ihrem Konkurrenzkampf immer neue Substanzen entwickeln müssen,
geben Psychiatern viel Beschäftigung, wie Hanfried Helmchen
und Müller-Oerlinghausen von der Berliner Universitätsanstalt
mitteilten:
»Werden im allgemeinen für bekannte Krankheitsbilder
Medikamente gesucht, so werden hier für interessante Substanzen
Indikationen gesucht. Solche »Indikationen« mögen
durchaus außerhalb konventioneller psychiatrischer Nosologien
(Krankheitslehren) liegen: z.B. Erschöpfungszustände
bei überarbeiteten Managern oder berufstätigen Müttern,
Schulmüdigkeit, Konzentrationsstörungen,
aggressive Zustände bei Strafgefangenen, schizoide (kontaktarme,
ungesellige) oder zyklothyme (durch ausgeprägte Stimmmungswechsel
charakterisierte) Persönlichkeitsstrukturen, Empfindlichkeit
gegen Geräusche, leichter Schlaf... Wenn wir davon ausgehen,
dass unsere Welt immer künstlicher, menschengemachter
werden wird, gleichzeitig die Anforderungen der Leistungs- und
Massengesellschaft an unsere psychische Stabilität immer
größer werden, muss dann nicht jede mögliche
chemische Beeinflussung psychischer Funktionen auf ihre eventuelle
soziale Brauchbarkeit hin untersucht werden?« (Helmchen/Müller-Oerlinghausen
1978, S. 16f.)
Quellen
-
Breggin, Peter R.: »Psychiatric drugs: Hazards to the
brain«, New York 1983
-
Breggin, Peter R.: »Toxic psychiatry«, New York
1991
-
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dem Weg zum Verbot des Elektroschocks, in: Kerstin
Kempker / Peter Lehmann (Hg): Statt
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Collier, Sylvia / Dibblin, Jane: »Justice weighted
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-
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in: Sozialpsychiatrische Informationen, 24. Jg. (1994), Nr.
3, S. 31-32
-
Dörner, Klaus / Plog, Ursula: »Irren ist menschlich
oder Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie, 7. Aufl., Bonn
1992
-
Finzen, Asmus: »Medikamentenbehandlung bei psychischen
Störungen«, 8. Aufl., Bonn 1990
-
Förster, Andreas: »Skandal: E-Schock wieder im
Aufwind«, in: Münchner Illustrierte, 1988, Nr. 12,
S. 21-22
-
Heim, Michael: »Uncharakteristische Basisstörungen
und die Befindlichkeit schizophren Erkrankter in der Langzeitbehandlung
mit Clozapin (Leponex)«, in: Dieter Naber / Franz Müller-Spahn
(Hg.): »Clozapin«, Stuttgart / New York 1992, S.
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-
Helmchen, Hanfried / Müller-Oerlinghausen, Bruno: »Klinische
Prüfung neuer Psychopharmaka«, in: dies. (Hg.):
»Psychiatrische Therapie-Forschung Ethische und
juristische Probleme«, Berlin / Heidelberg / New York
1978, S. 7-26
-
Huxley, Aldous: »Wiedersehen mit der Schönen neuen
Welt«, in: ders.: »Schöne neue Welt. Wiedersehen
mit der Schönen neuen Welt«, München 1987,
S. 245-368
-
Idris, Erdmuthe: »Ohne Depot-Neuroleptika geht es kaum«,
in: Selecta, 30. Jg. (1988), Nr. 20, S. 1478-1483
-
Keshavan, Matcheri S. / Kennedy, John S. (Hg.): »Drug-induced
dysfunction in psychiatry«, New York usw. 1992
-
Kimbel, Karl H.: »Arzneiverordnung bei Kindern und
Alten«, in: Deutsches Ärzteblatt, 84. Jg. (1987),
Nr. 41, S. 1878-1879
-
»Krücke bleibt«, in: Spiegel, 49. Jg. (1995),
Nr. 3, S. 145-146
-
Lehmann, Peter: Der
chemische Knebel Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen,
3. Aufl., Berlin 1993
-
Lehmann, Peter: Schöne
neue Psychiatrie, Band 1 und 2, Berlin 1996
-
Lehmann, Peter / Stastny, Peter / Weitz, Don: Wege
zum Ausstieg aus der Psychiatrie, in: Kerstin Kempker
/ Peter Lehmann (Hg): Statt
Psychiatrie, Berlin 1993, S. 449-482
-
Littlewood, Roland / Cross, Sybil: »Ethnic minorities
and psychiatric services«, in: Sociology of Health and
Illness, Vol. 2 (1980), Nr. 2, S. 194-201
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»Mythos der Krankheit die beiderseitige Scheu
bleibt«, in: Eppendorfer, 7. Jg. (1992), Nr. 2, S. 35
-
Petty, Leonora K. / Spar, Carol J.: »Haloperidol-induced
tardive dyskinesia in a 10-year-old girl«, in: American
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Seeman, Mary V.: »Interaction of sex, age, and neuroleptic
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-
Tornatore, Frank L. u.a.: »Unerwünschte Wirkungen
von Psychopharmaka«, Stuttgart / New York 1991
Copyright by Peter Lehmann 1997