In: Peter Lehmann (Hg.): Psychopharmaka absetzen, Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1998, 1. Auflage, S. 57-60 / English translation

Jan Kuypers

Don Quichotte und die drogenfreie Zone

oder: Was nun, kleiner Hampelmann?

Neuroleptika: Etumine, Haldol, Imap, Melleril, Nozinan, Sordinol / Lithium: Maniprex / Tranquilizer: Rohypnol

Darstellung 1: Für die hastigen LeserInnen

1980 bis 1981 wurde ich in einer Anstalt des flämischen Archipel Gulag sieben Monate lang niedergespritzt. Dies geschah durch Kriminelle in weißen Kitteln unter Anwendung körperlicher Gewalt und dem Vorwand einer Maniebehandlung. Stein des Anstoßes waren mein Freidenkertum und die Ablehnung der Wahnideen des vorherrschenden katholischen Glaubens.

Nach der Freilassung dämmerte ich monatelang dahin. Dann habe ich die Huxleyschen Soma?Tabletten rituell verbrannt. Wesentlicher Inhalt der Caligarischen Gruselkiste waren die Neuroleptika Haldol (made in Belgium), Etumine (Neuroleptikum; Wirkstoff Clotiapin; im Handel als Entumin), Imap, Nozinan (Neuroleptikum; Wirkstoff Levomepromazin; im Handel auch als Levomepromazin, Minozinan, Neurocil, Tisercin), Sordinol (Neuroleptikum; Wirkstoff Clopenthixen; im Handel als Ciatyl), das Lithiumgift Maniprex und das Schlafmittel Rohypnol (Tranquilizer; Wirkstoff Flunitrazepam; im Handel auch als Flunimerck, Fluninoc, Flunitrazepam, Somnubene).

»Entweder man ist ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung«, meinte damals Ulrike Meinhof. Da entschloss ich mich, den am eigenen Leib erlebten medizinischen Totalitarismus dem Publikum offenzulegen. Damit man hinterher nicht wieder sagen kann, man habe von nichts gewusst.

Darstellung 2: Für die LiteraturfanatikerInnen

»Vom Krieg zerstört, dem Sieg geweiht, zum Frieden mahnend«, steht in München am Siegestor. Bezogen auf unser Thema hieße das: »Von der Chemie zerstört, dem Absetzen geweiht, zur Drogenfreiheit mahnend«.

Zwangseinweisung

Du bist also bei Siemens verfahrenstechnischer Ingenieur im Bereich der Goldplattierung von Steckverbindern. Du bist 38 Jahre alt, tabak? und alkoholfrei, Familienvater mit zwei Söhnen im Alter von sieben und elf. Deren Volksschule bittet dich routinemäßig, für deine Kinder zu wählen, in welcher Art Weltanschauung bzw. Religion sie unterrichtet werden sollen. Du entscheidest dich für die undogmatische Freidenkermoral. Auf Anhieb ist die Hölle los. Du wirst bearbeitet, beharrst aber auf deiner Gewissensentscheidung. Man wird dich schon kriegen. Man kriegt dich. Ohne dass du etwas Böses getan hättest, wirst du von drei Gesetzeshütern verhaftet und kurzerhand in ein Irrenhaus der katholischen Caritas abgeschoben. Du erlernst das Fremdwort »Zwangseinweisung«, auf flämisch »kollokatie« (das heißt Ansammlung Gleichartiger). Du wirst sieben Monate gnadenlos niedergespritzt und dann einfach so wieder an die Luft gesetzt. Was nun, kleiner Hampelmann?

Drogensucht

Du bist obdachlos, ohne Kohle und drogensüchtig. Der cold turkey (sogenannte kalte Entzug) macht dich grenzenlos verrückt. Also auf in die Entziehungsanstalt. Am selben Tage haust du dort ab, weil die Kumpels einer dir unbegreifbaren Subkultur angehören und du, der du nicht mal eine Minute stehen, sitzen gehen, liegen, schlafen, wachen kannst, wesentlich schlechter drauf bist. Deine Seele entweicht dir wie Wasser dem Sieb. Du fragst den Narren im Spiegel, was er da mache. Zwangsläufig gehst du zurück in das verdammte Irrenhaus und flehst um die Tabletten bzw. Tropfen, die du kurz zuvor noch auf kreativste Weise herausgewürgt hattest. Eine verführerische innere Stimme legt dir den Freitod nahe. Du überlegst es dir und entscheidest dich für das Leben. Vorbeugend meldest du dich in eine Psychiatrie mit gutem Ruf, schluckst Melleril (Neuroleptikum; Wirkstoff Thioridazin; im Handel auch als Melleretten, Thioridazin) und wachst drei Monate lang nur zum Essen auf.

Meldet sich eines Tages eine gepflegte Person mit Totengräbermiene. »Bluten« spricht er, und das meint er ernst (nicht im medizinischen Sinn, sondern im finanziellen). Du haust sofort ab zum Vater zur Krisenbesprechung. Der kapiert aber nicht, wieso du pausenlos grinst und zuckst wie ein Affe mit Juckreiz. Du brauchst einen Anwalt - aber gratis geht nur die Sonne auf. Der Vater mietet dir ein Stübchen. Du gehst voll drauf. Monatelang starrst du täglich 20 bis 22 Stunden an die weiß gestrichene Decke und du versuchst dich mit dem Gedanken zu trösten, dass es vielleicht noch schlimmer hätte kommen können. Du hast keine Ahnung. Bringst du dich um? Du schreibst Frau und Kindern ein 100seitiges Testament, machst ihnen Mut und streckst dich vollzogener Dinge auf deine kärgliche Pritsche. Du bist gespannt, was kommt. Es kommt nichts. Nach einer Woche gehst du zum erstenmal seit Monaten geläutert auf die Straße. Da sind Leute, die sich wie Ameisen mühelos fortbewegen. Von einer charismatischen Gruppe wirst du zum Kaffee eingeladen. Die verweisen dich zwecks weiterer Betreuung auf deine derselben Gruppe angehörenden Jugendfreundin, Mutter von sechs Kindern, Gattin eines Lehrers der Kunstakademie und wohnhaft in der entgegengesetzten Ecke des Landes. Du findest dich mal wieder in einem richtigen Wohnzimmer mit einem Kachelofen in der Mitte. Die Familie staunt angesichts deines Zitterns, deiner Robotermotorik und Zombiemimik. Dich wird liebevoll das Essen, Sprechen, Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen wieder gelehrt. Aber die Psychopharmaka stehen im Wege, und das stufenweise Absetzen ist zu schwierig für dich.

Ritual

Der Jugendfreundin, einem ehemaligen Hippiemädchen, fällt ein Ritual ein. Du proklamierst den Ort zur drogenfreien Zone, indem du die Chemikalien einzeln und feierlich knisternd in den Kachelofen wirfst. Du sprichst dabei jeweils den Zauberspruch »tschüs« und weinst ausgiebig vor Freude. Acht Paar Hände klatschen dir Beifall. Die Hälfte des Giftschranks hast du aufgehoben zwecks Wiederholung des Feuerrituals im entfernten Eck Belgiens, wo sogar die Muttersprache verfremdet klingt. Auch dieser Ort wird drogenfrei, sowie das ganze Zwischendrin. Wir haben 1982; es gibt ein Leben nach dem Tod. Auf Schusters Rappen machst du dich flugs auf, noch ohne Ahnung von deinem künftigen Spitznamen »Don Quichotte«.


Über den Autor

Jan Kuypers, geboren 1942 in Flandern. Ehemaliger Diplomchemiker, Mathematiklehrer und verfahrenstechnischer Forscher. 1983 unbeabsichtigter Gründer des Ombudszentrums Kisjot, benannt nach Don Quichotte. 1986 Projektleiter zur Errichtung einer repräsentativen Gewerkschaft für Psychiatriebetroffene. 1990 Mitbegründer des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen. Akademische Nachbildung in Philosophie, Kriminologie, Clownerie, Semiotik (Bedeutungslehre), vergleichenden Kulturwissenschaften, Gesundheitswirtschaft und gerichtlicher Psychiatrie. Hobbys: Joggen, Sonnetten dichten, Hochbegabtenforschung


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