Freundeskreis Paul Wulf (Hg.)
Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune – NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand

CoverKartoniert, 202 Seiten, 13 x 20 cm, 70 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-939045-05-2. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution 2007. € 14.90 / sFr 22.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb
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Das Buch spannt den Bogen von der NS-Ideologie "lebensunwerter" Existenz über die – detailliert beschriebenen – Schicksale zweier Betroffener bis hin zur aktuellen Renaissance der Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe

Original-Verlagsinfo

Am Beispiel der beiden Betroffenen Paul Wulf und Paul Brune zeigt das Buch auf, wie sehr die Ideologie der Ausmerzung »lebensunwerten« Lebens nicht nur vor 1945, sondern auch danach bis tief in die 70er Jahre hinein maßgebliche Personen der Medizin, Psychiatrie und Justiz, der öffentlichen Fürsorge und nicht zuletzt der Kirche im Denken und Handeln beeinflusst hat. Das Buch knüpft an die aktuelle Debatte über die Heimkindererziehung in den 50er und 60er Jahren an und schließt eine Lücke, da es die Ursachen und historischen Hintergründe benennt, warum die Heimunterbringung und Heimkindererziehung in der noch jungen BRD so und nicht anders verlief.

Heimkinder, Psychiatrisierte und Zwangssterilisierte wurden von den Nazis als »lebensunwert« stigmatisiert. Die ihnen angetane Gewalt und ihre Bemühungen um Entschädigung rücken noch viel zu selten ins Blickfeld, wenn von Erinnerungspolitik für Opfer des Nationalsozialismus gesprochen wird.

Zwei Betroffene stehen im Zentrum dieses Buches:

Paul Wulf (1921-1999), wurde 1932 in eine »Idiotenanstalt« überstellt und 1938 in Anwendung des NS-Erbgesundheitsgesetzes zwangssterilisiert. Er war im Widerstand aktiv. Nach dem Krieg kämpfte er für politische Aufklärung und Entschädigung. Erst 1979 erhielt er eine Erwerbsunfähigkeitsrente als eines der rund 400.000 zwangssterilisierten Opfer des NS-Regimes.

Paul Brune (geb. 1935), wurde als »gemeingefährlicher, debiler Psychopath« von 1943 bis 1957 psychiatrisiert und war der Gewalt von Anstaltsleitern, Ärzten und Ordensschwestern ausgeliefert. Er kämpfte mit Petitionen an den Landtag NRW um seine Rehabilitation und wurde 2003, nach 60 Jahren, als eines der ersten Opfer der NS-Psychiatrie anerkannt.

Bis in die 70er Jahre hinein setzten sich in den Psychiatrien und Heimen die menschenunwürdigen Zustände der NS-Zeit fast ungebrochen fort, während die Täter als Ärzte oder Gutachter schnell neue Karrieren machen konnten.

Dieses Buch spannt den Bogen von der NS-Ideologie »lebensunwerter« Existenz bis hin zu ihrer aktuellen Renaissance in den Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe. Es basiert auf den Berichten der Betroffenen und zeichnet die Entwicklung der deutschen Psychiatrie vom »Dritten Reich« bis in die 70er Jahre nach. Dokumentiert werden die langen, oft durch die früheren Täterinnen und Täter behinderten Kämpfe um Entschädigung, sowie die beeindruckende, durch autodidaktisches Lernen erworbene Kenntnis von Paul Wulf und Paul Brune im Bereich der Archiv- und Dokumentationsarbeit.

Über die Herausgeber

Der Freundeskreis Paul Wulf entstand nach dem Tod von Paul Wulf 1999 mit der Intention, seinen Nachlass aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Inhaltsverzeichnis

Robert Krieg
Vorwort

Zwangssterilisiert. Biographische Notizen von Paul Wulf

Robert Krieg
Eine nicht vorhersehbare günstige Spätentwicklung

Franz-Werner Kersting
Psychiatrie in Westfalen zwischen NS-»Euthanasie« und Reform

Paul Brune
Auszüge aus der Petition

Robert Krieg, Monika Nolte
Der Weg des Paul Brune

Paul Brune
Reflexionen über eine unglückliche Kindheit und Jugend

Brigitte Schumann
Im Namen des Herrn

Robert Krieg
Schöne neue Welt - Menschenzucht und Sterbehilfe

Begegnungen mit Paul Wulf
Gedichte und Texte von Paul Wulf

Paul Wulf
Die verdächtigen Heiligtümer

Robert Krieg
Der Rote von der Münzstrasse

Paul Wulf
2. Juni 1979

Volker Pade
Paul Wulf - ein Kämpfer für Gerechtigkeit

Paul Wulf
Im Bundestag

Bernd Drücke
Erinnerung an einen Freund

Paul Wulf
Wer fürchtet sich vor Franz Josef Strauß

Klaus Dillmann
Paul Wulf - ein ehrlicher Anarchist und Antifaschist

Paul Wulf
Die religiöse Lüge

Erich Mühsam
Vermächtnis

Harald Fieback
Der Nachlass von Paul Wulf

Brigitte Diel
Ausstellungen von Paul Wulf

Fotonachweis

Literatur / Anmerkungen

Filme

Autorinnen und Autoren

Pressestimmen

"Sorgfältig gemachtes Buch über das Schicksal zweier in der Nazipsychiatrie Zwangssterilisierter und über ihre Anstrengungen nach der Befreiung vom Faschismus, die nachkommenden Generationen über die Verbrechen der Psychiatrie während des Hitlerfaschismus aufzuklären und um eine Entschädigung zu kämpfen. Das Buch, entstanden nach dem Tod von Paul Wulf 1999 mit der Intention, seinen Nachlass aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, spannt den Bogen von der NS-Ideologie 'lebensunwerter' Existenz über die Psychiatriereform, die mit ihrem Psychopharmaka-Einsatz durchaus nicht nur positiv gesehen wird (wie dies bei vielen sich kritisch gebenden Büchern ansonsten leider allzuoft der Fall ist), bis hin zur aktuellen Renaissance der Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe." (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)