Martin Wollschläger (Hg.) Gebunden,
905 Seiten, 23 Abbildungen, Tabellen, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-87159-038-2.
Tübingen: DGVT-Verlag 2001. € 49. / sFr 73.50 / sofort
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Einleitung | Herausgeber | Inhalt | Pressestimme | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Von einem sozialpsychiatrisch orientierten Psychologen herausgegebenes Buch mit einer immensen Bandbreite völlig kontroverser und unterschiedlicher Standpunkte, entstanden ohne jegliche herausgeberische quantitative und inhaltliche Beschränkungen. Ein Meilenstein in Richtung unzensierter Einbindung auch kritischer Psychiater und Betroffener in eine mehrheitlich sozialpsychiatrisch geprägte Autorenschaft. Original-Verlagsinfo Mehr als 40 Autoren berichten in diesem Buch über die wichtigsten psychiatrischen Aspekte komplexer Theorie- und Handlungsfelder. Weiter- und Neuentwickeltes in Diagnostik und Therapie wird ebenso vorgestellt wie die rechtliche Dimension des Fachs. Darüber hinaus nehmen Erfahrungsberichte und Selbstzeugnisse Psychiatrieerfahrener einen breiten Raum ein. Und bei alldem fehlt weder die Sichtweise des Schriftstellers und Poeten noch der differenzierte historische Zugang zum Thema. Die Aktualität und Internationalität der Beiträge bietet einen überblick über die Sozialpsychiatrie, der auf dem neuesten Stand ist. Das Buch richtet sich an alle in Psychiatrie, Psychotherapie, Beratung und Rehabilitation Tätigen, sowie an Psychiatrie- und Therapieerfahrene und deren Angehörige.
Dr. phil, Dipl.-Psych. Martin Wollschläger; Studium der Malerei und Graphik an der Fachhochschule Münster (Designer grad. 1975); Studium der Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Völkerkunde an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster (Dipl.-Psych. 1980); Promotion an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg 1995; seit 1981 in verschiedenen psychosomatisch-psychiatrischen Kliniken Tätigkeit in Psychodiagnostik, Psychotherapie und Rehabilitation, z. Zt. an der Westfälischen Klinik in Gütersloh. Weitere Bücher mit Beiträgen der in diesem Band enthaltenen AutorInnen im Antipsychiatrieversand:
Sozialpsychiatrie und alle, die mit ihren Ideen, Konzepten und therapeutischen Möglichkeiten arbeiten, haben in den letzten 25 Jahren bedeutende positive Veränderungen in Theoriebildung und Versorgungspraxis bewirken können. Vieles konnte so erreicht werden, vieles gibt es noch zu tun! In der diesem Vorwort folgenden Einleitung bitten die Kollegen Pörksen und Seidel den Herausgeber darum, den Begriff Sozialpsychiatrie im Titel des Buches durch den der Psychiatrie zu ersetzen mit dem Hinweis auf die berühmte Dörnersche Forderung von 1972, dass Psychiatrie soziale oder keine Psychiatrie sei. Außerdem hätten die Gründer des Mannheimer Kreises nicht vorgehabt, eine Subspezialität »Sozialpsychiatrie« als Teilgebiet der Psychiatrie zu schaffen. Ist es aber, so müssen wir uns heute fragen, gelungen, die Psychiatrie im Sinne dieser Forderung weitestgehend in eine soziale zu verändern und hat sich damit die Debatte über den Begriff erledigt? Ich glaube nein! Es ist auch heute noch kein sozialpsychiatrischer Paradigmawechsel in Sicht. Im Gegenteil hat alles in der Psychiatrie derzeit Konjunktur, was mit Bio-, Gehirn- und Genforschung zu tun hat. In diesem Sinne hat sich die alte Schulpsychiatrie modernisiert und sich darüber hinaus ihr brauchbar erscheinende Elemente sozialpsychiatrischer Therapeutik einverleibt. Im Fachdiskurs wie in der Pflichtversorgungspraxis wird unter dem Etikett »Bio-Psycho-Sozial« ein trügerisch-friedliches »Sowohl-als-auch« gepflegt. Kritische wie selbstkritische Grundsatzdiskurse über psychiatrisches Denken und Handeln finden kaum noch statt, dafür immer häufiger solche: Wie passen wir uns möglichst optimal immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen an? Defensive Bescheidung statt offensive Forderungen nach Verbesserungen, nicht selten verbunden mit der Sorge um den Arbeitsplatz prägen zurzeit weithin das Arbeits- und Diskussionsklima. Und bei all dem bleibt es letztlich bei der Exklusivität des medizinischen Definitionsmonopols einschließlich ärztlich geleiteter Hierarchien und dem zunehmend ärger drückenden Primat der Betriebswirtschaftlichkeit. Was bedeutet all das nun für Begriff und Praxis der Sozialpsychiatrie heute? Für mich ist der Begriff nicht irgendein Passpartout-Wort für alles mögliche, für alles »irgendwie Soziale« in Theorie und Behandlungspraxis, sondern er steht für einen differenten und dabei perspektivisch um das sozialwissenschaftlich-psychologische sowie sozialphilosophische erweiterten Zugang zum Fach bei gleichzeitiger Bedeutungsminderung der naturwissenschaftlich-medizinischen Perspektive. Erst durch diese Bedeutungsminderung wird die medizinische Psychiatrie in der Lage sein, ihre alles beherrschende und damit auch die »Nachbarfächer« dominierende und sie nicht selten deformierende fast alleinige Definitionsmacht zu reflektieren, und zu relativieren um sie schließlich aufzugeben. Dabei geht es mir nicht um eine Wiederbelebung der Debatte »Psychiker gegen Somatiker«, sondern um die Integration aller für die Psychiatrie bedeutsamen Disziplinen, ohne dass eine von ihnen meint ihrerseits nach Hegemonie streben zu müssen. Eine Demokratisierung der Psychiatrie durch gesicherte Macht- und Gewaltenteilung mit ihren anderen Disziplinen steht bisher noch aus. Eine so verstandene Sozialpsychiatrie wäre gut unter dem Dach einer anthropologischen Psychiatrie vorstellbar, unter dem Mediziner und Pädagogen, Pflegewissenschaftler und Psychologen, Soziologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen und nicht zu vergessen: Angehörige und Psychiatrieerfahrene eine gemeinsame breite Theoriebildung und die Entwicklung eines ebenso differenzierten Hilfs- und Therapieangebots entwerfen könnten. Eine solche trialogische Entwicklung böte erst die Gewähr, zu einem wirklichen psychiatrischen Paradigmawechsel gelangen zu können, in dessen Folge dann auch der Doppelbegriff Sozialpsychiatrie überflüssig würde. Wenn sich jetzt Kostenträger aufhorchend die Hände reiben sollten nach der Devise: »Wenn Psychiatrie nicht mehr zweifelsfrei ein medizinisches Fach bleiben soll, sind auch wir als Kostenträger medizinischer Heilmaßnahmen nicht mehr zuständig!« kann vor einer solchen Reaktion nur gewarnt werden: das Heilen und Lindern, die Verhütung von Verschlimmerung aber auch das Helfen und Begleiten, das Vor- und das Nachsorgen werden wichtige Kernbereiche psychiatrischen wie sozialpsychiatrischen Denkens und Handelns bleiben müssen. Um auch weiterhin angemessen handeln zu können, wird sich dieses Spektrum noch erweitern müssen, um die Integration der Unheilbaren und Widerständigen, der Sonderbaren und Gefährlichen. Dies alles wird für die Gesellschaft zu Billigpreisen und noch dazu unter Wahrung verbriefter Menschenwürde und Sicherheit nicht zu haben sein. Denn es bleibt dabei: die ethische Qualität einer Gesellschaft ist immer noch, oder mehr denn je daran zu erkennen, in welcher Weise sie mit ihren Schwachen, Kranken und Randständigen umgeht. Dass der m.E. notwendige Paradigmawechsel bisher nicht stattgefunden hat, ist ebenso eine Tatsache wie das ungebrochene Fortbestehen der medizinischen Schulpsychiatrie einschließlich ihrer bereits erwähnten Modernisierungen. Sogenannte exakte Naturwissenschaftlichkeit wird mit ihrem meist bornierten Messfetischismus und ihrer an magisches Denken erinnernden Faktengläubigkeit zunehmend wieder zur ersten Pflicht, will man in der Fachdebatte ernst genommen werden. Auch die Klinische Psychologie (»man ist ja approbiert!«) mit ihrer altehrwürdigen aber nun mächtig gelifteten psychologischen Testdiagnostik, und selbstverständlich Neuro- und Biopsychologie wollen da nicht abseits stehen, sondern ebenfalls ihr Scherflein zum (natur) wissenschaftlichen Fortschritt in der Neumoderne beitragen! Die Verpflichtung auf das naturwissenschaftliche, weil objektive Erkenntnisideal mit seinem ebenso objektiv sich gebärdenden Technikrepertoire erlebt nicht zufällig eine Renaissance in Zeiten gesundheitspolitisch knapp gehaltener materieller Ressourcen im Verbund mit einem enorm gestiegenen Effektivitäts- und Leistungsdruck, was heute im Paket gern als Qualitätssicherung verkauft wird. Da ist fürs Soziale, Grundsätzliche oder gar gegen den Mainstream Gerichtete kein Platz. Zeit ist eben mehr denn je Geld! Dabei gilt es, mit weniger Mitteln mehr und Besseres zu leisten! Die aktuelle psychiatrische Behandlungsgleichung sieht etwa so aus: je kürzer und technisch objektivierbarer behandelt wird Medikation, manual- und schlüsselgeleitete Diagnostik und Therapie, »elektronische Krankengeschichte« desto eher sind die Kostenträger bereit, solche Art psychiatrischer Behandlung zu bezahlen. Je unmedizinischer Diagnostik und Behandlung ausfallen, desto häufiger üben die Krankenkassen Zahlungszurückhaltung. Diese Situation, auch das müssen wir heute zur Kenntnis nehmen, bedeutet, dass die Krankenkassen in ihrer Mehrheit nicht sozialpsychiatrisches Verhandeln und Behandeln, sondern eher die eng geführte medizinisch psychiatrische Therapeutik inklusive all ihrer kostentreibenden Nebenwirkungen honorieren. Im Klartext: die Krankenkassen haben nicht wirklich die bisher von der Sozialpsychiatrie hervorgebrachten Konzepte nachvollzogen und sind, so hat es den Anschein, auch nicht sonderlich an deren Weiterentwicklung interessiert. Eben deshalb ist es heute schwieriger denn je, auch weiterhin sozialpsychiatrisch zu denken und zu handeln. Es wäre also überaus wichtig, Gesundheitspolitik und Kostenträger davon zu überzeugen, sich aktiv am notwendigen fächer- und interessenübergreifenden Prozess zu beteiligen, zumal längst erwiesen ist, dass sozialpsychiatrisches Behandeln nie teurer, meist preisgünstiger und in jedem Fall patientengerechter ist, als die übliche Behandlung. Gelänge dies, wäre der Trialog zum Tetralog erweitert. Damit wären alle an Bord, um die Psychiatrie erst einmal aus der Enge einer naturwissenschaftlich verkürzten Medizin ins Freie eines die Fakultäten übergreifenden Diskurses zu lotsen. Hier könnten dann Entwicklungen in Theorie und Praxis möglich werden, die unumkehrbar und deren Fortbestehen und Weiterentwicklung nicht mehr, wie bisher so häufig von der beruflichen Präsenz und dem Schutz großer sozialpsychiatrischer Reformpersönlichkeiten abhängig wären. Solange wir uns nicht zumindest sehr nahe in Richtung einer solchen Entwicklung bewegen, schlage ich vor, den Begriff Sozialpsychiatrie als Kennzeichnung für ein grundsätzlich multiperspektivisches, fächerübergreifendes und dabei gleichberechtigtes psychiatrisches Denken und Handeln weiterzuverwenden. Trotz dieser skeptischen Grundeinschätzung erwartet den Leser bei der Lektüre des Buches durchgängig eine Haltung von Tatkraft und Optimismus, Erfindungsreichtum sowie eine große Konzeptvielfalt bei den hier versammelten Autoren. Von Verzagtheit, also keine Spur! Mein herzlicher Dank gilt allen Autorinnen und Autoren, ohne deren engagierte Mitarbeit dieses Buch nicht zustande gekommen wäre. Otmar Koschar, dem Leiter des DGVT-Verlages verdanke ich Anregung, wie Ermutigung, weit mehr als einen ursprünglich geplanten Kongressreader zum Thema herauszugeben und seine großzügige Geste, den Autoren keine Vorschriften gemacht zu haben. Für ihre Tatkraft, Geduld und freudige Bereitschaft mit der sie den nicht gerade geringen Schriftverkehr mit den Autoren und die darüber hinaus anfallenden Schreibarbeiten bewältigt haben, danke ich recht herzlich, Frau Konrad, Frau Kienitz und Frau Magistro. Allen Lesern wünsche ich, dass sie bei der Lektüre ins produktive Nachdenken kommen, Anregungen erhalten, Ausdauer mitbringen, aber auch Spaß haben mögen! Martin Wollschläger, Gütersloh im August 2001
"Die hier vorliegende um fangreiche Artikelsammlung zur Sozialpsychiatrie mit ihren fundierten, kritischen und engagierten Beiträgen zu deren Entwicklung, Kontroversen und Perspektiven steht für das weiterhin lebendige Leitbild einer sozialen Psychiatrie, die durch Beharrlichkeit und Ideenreichtum vorangetrieben wird."(Psychosoziale Umschau) |