Jörg Utschakowski / Gyöngyvér Sielaff / Thomas Bock (Hg.) Kartoniert,
240 Seiten, 14 x 21,5 cm, 1 Abbildung, 2 schwarz-weiße Fotos, ISBN
978-3-88414-470-1. Bonn: Psychiatrie-Verlag, 3. Auflage 2012. € 24.95
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Herausgeberin & Herausgeber | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home Über das Ex-In-(Experienced-Involvement-)Projekt, d.h. die Ausbildung von Psychiatriebetroffenen zur Peer-Arbeit ("Arbeit von Gleichen für Gleiche") innerhalb psychosozialer Einrichtungen. Mit der Einbeziehung vieler internationaler, auch psychiatriekritischer Erfahrungen und dem grundlegenden Artikel "Der Wert der Erfahrung" von Harrie van Haaster vom Amsterdamer Instituut voor Gebruikersparticipatie en Beleid (IGPB), der sich mit der Qualifikation von "Experten durch Erfahrung" befasst und den Fragen, welche Kriterien für "Sachkenntnis durch Erfahrung" formuliert werden können, um einen Schutz vor Missbrauch und unangemessenen Ratschlägen zu gewährleisten, und wie ein erfahrungsbasierter Forschungsansatz zwecks Nachweis für die Wirksamkeit entwickelt werden kann. Originalausgabe 2009 Original-Verlagsinfo Bock, Utschakowski und Sielaff schildern in "Vom Erfahrenen zum Experten" Erfahrungen mit der Peer-Arbeit. Außerdem geht es auf die Voraussetzungen sowohl für die Psychiatrieerfahrenen ein, die sich als Peer qualifizieren wollen, als auch für die Institutionen, die mit Peers arbeiten wollen. Es regt zu einem Umdenken bei den in der Psychiatrie Tätigen an und setzt den Recovery-Ansatz praktisch um. Peers sind Menschen mit Psychiatrieerfahrung, die in die fachliche Begleitung von z.B. psychotischer Menschen oder Menschen mit Borderline einbezogen werden. Psychiatrieerfahrene Menschen kennen die Erlebniswelt von psychisch Kranken aus eigener Erfahrung. Daher haben sie einen anderen Zugang zu psychisch kranken Menschen. Peers kennen deren Gefühle und Erlebnisse, die diese selbst vielleicht gar nicht angemessen artikuluieren können, weil sie an ihrem Erleben zu nah dran, wenn nicht mitten drin sind. Der große Vorteil der Peerarbeit:
Die Peerarbeit ist aber auch von großer Bedeutung für die Peers selbst, da sie ihnen hilft, sich ein neues, sinnerfülltes Dasein aufzubauen, indem sie ihre Erfahrungen nutzbringend für andere einbringen. Und auch Ärzte, Therapeutinnen und Pflegepersonal profitieren, wenn sie die Erfahrungen der Peers in ihre Arbeit mit einbeziehen - sie kommen dem Erleben der Betroffenen näher und finden einen Übersetzer, eine Übersetzerin für oft unartikuliertes Leiden. Über die Herausgeberin die Herausgeber Jörg Utschakowski Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen. Koordiniert Peer-Projekte wie Ex-In. Gyöngyvér Sielaff, Diplom-Psychologin, Psychol. Psychotherapeutin, ist Dozentin beim Ex-In Projekt in Hamburg und arbeitet auch mit Kindern psychisch "kranker" Eltern. Thomas Bock, Prof. Dr. phil., Diplom-Psychologe, ist Leiter der Sozialpsychiatrischen Ambulanz und der Krisentagesklinik des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf. Weitere Bücher von Thomas Bock im Antipsychiatrieversand: Eigensinn und Psychose "Noncompliance" als Chance Buch über das Ex-In-(Experienced-Involvement-)Projekt, das heißt die Ausbildung von Psychiatriebetroffenen zur Peer-Arbeit ("Arbeit von Gleichen für Gleiche") innerhalb psychiatrischer Einrichtungen. Drei Profis haben dieses Buch herausgegeben, das sich mit der Ausbildung von Psychiatriebetroffenen für die Peer-Arbeit (Gleiche helfen Gleichen) beschäftigt: Jörg Utschakowski, Gyöngyvér Sielaff und Thomas Bock. Jörg Utschakowski ist Sozialarbeiter, er sei in verschiedene europäischen Netzwerken tätig, steht im Buch. Das Europäische Netzwerk von Psychiatriebetroffenen (www.enusp.org), der größte unabhängige Verband in Europa, der schon seit Jahren betroffenenkontrollierte Peer-Ausbildung fordert, taucht allerdings nirgendwo im Buch auf. Gyöngyvér Sielaff ist Diplom-Pädagogin und Mitgründerin von Irre Menschlich Hamburg e.V. Zu den Sponsoren dieses Vereins zählen u.a. die Pharmamultis Eli Lily und AstraZeneca GmbH. Der Psychologe Thomas Bock ist ebenso Mitgründer von Irre Menschlich, daneben mitverantwortlich für das Internetportal www.psychose.de; AstraZeneca ist auch hier der Sponsor. Diese Rahmenbedingungen, die nicht ohne Einfluss auf die Ex-In-Ausbildung und eine unabhängige Haltung zur biologisch-psychopharmakologischen Psychiatrie sein dürften, werden im Buch nicht erwähnt, deshalb sollen sie dieser Rezension vorangestellt sein. Nun zum Buch. Psychiatriebetroffenheit ist keine Qualifikation, die einen zum Experten an sich macht, ansonsten wäre der Psychiater derjenige, der mit seiner der Psychiatrisierung vorhergehenden Diagnose Experten kreiert. Das Thema Schulung von Psychiatriebetroffenen ist überfällig, denn viele Psychiatriebetroffenen maßen sich an, alleine auf Grund einer vorangegangenen Psychiatrisierung als Experte anerkannt zu werden, der für alle möglichen, über die eigene Person hinausgehende Aufgaben in der Arbeit mit Betroffenen oder für diese qualifiziert ist. Oder trialogbegeisterte psychiatrisch Tätige benutzen ihnen genehme Betroffene als "Experten", wenn sie in einem Gremien Betroffenenbeteiligung mimen wollen. Was macht Betroffene zu Experten? Wer bildet aus? Wer erarbeitet den Lehrplan? Werden Konfliktpunkte und Interessenseinflüsse deutlich? Sind die für Psychiatriebetroffenen wesentlichen Inhalte ausgewogen enthalten? Wer bildet die Ausbilder aus? Wie wird verhindert, dass Peer-Arbeit nicht zum bloßen Erfüllungsgehilftentum psychiatrischer Machtausübender verkommt? Können bei einem Träger psychiatrischer Einrichtungen angestellte Peer-Arbeiter unabhängig arbeiten? Bekommen sie überhaupt eine Arbeit, und werden sie dafür auch bezahlt? Und wenn ja, gibt es mehr als die übl(ich)e Aufwandsentschädigung? Wie sieht die Arbeit konkret aus? Definieren die Peer-Arbeiter ihre Arbeit als hilfreich? Obwohl im Psychiatrieverlag erschienen, schließt das Buch auch antipsychiatrische Erfahrungen wie das Weglaufhaus Berlin ein, ebenso viele internationale Erfahrungen. Besonders wertvoll erscheint mir der Artikel "Der Wert der Erfahrung" von Harrie van Haaster vom Amsterdamer Instituut voor Gebruikersparticipatie en Beleid (IGPB - www.igpb.nl), in dem er sich mit der Qualifikation von "Experten durch Erfahrung" befasst und den Fragen, welche Kriterien für "Sachkenntnis durch Erfahrung" formuliert werden können, um einen Schutz vor Missbrauch und unangemessenen Ratschlägen zu gewährleisten, und wie ein erfahrungsbasierter Forschungsansatz zwecks Nachweis für die Wirksamkeit entwickelt werden kann. Angesichts der projektierten Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in die sogenannte integrierte psychosoziale Versorgung (z.B. in Form von Mitarbeit in Krisenpensionen) ein wichtiges Buch, um die Diskussion über die Antworten auf die dargestellten Fragen zu beginnen. Wenn die internationale Betroffenenbewegung incl. dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. in Antidiskriminierungsprogrammen wie dem Harassmentprojekt (siehe www.peter-lehmann-publishing.com/articles/enusp/empfehlungen.pdf) die Unterstützung von Initiativen im Peer-coaching fordern, die wirksame Teilnahme geschulter Psychiatriebetroffener in allen möglichen Bereichen und Trainingsangebote für Psychiatriebetroffene, und sich selber gegen Diskriminierung zu schützen, um als Betroffene in allen Bereichen angestellt zu werden und um in Programmen zur Bekämpfung von Diskriminierung und Schikane selber Trainerin oder Trainer zu werden und um in Kriseneinrichtungen, Beratungsstellen und Forschungsprojekten mitzuarbeiten, ist es höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie die eigenen Forderungen umgesetzt werden können und wie man sich konstruktiv kritisch mit vorhandenen konkreten Erfahrungen auseinandersetzen kann. Das Buch ist guter Ansatzpunkt, in die Diskussion einzusteigen. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten) |