Ute Sonntag / Jutta Haering-Lehn / Ursel Gerdes u.a. (Hg.)
Übergriffe und Machtmissbrauch in psychosozialen Arbeitsfeldern.
Phänomene Strukturen Hintergründe

Kartoniert,
330 Seiten, 16,5 x 24 cm, ISBN 978-3-87159-127-3. Tübingen:
DGVT Verlag 1995, Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale
Praxis, Band 27 (1995). € 22.80 / sFr 34.50 / sofort lieferbar
Inhaltsverzeichnis |
Vorwort
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Einleitung |
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Das Buch wendet sich an alle, die in der psychosozialen Arbeit, in Bildung
und Ausbildung tätig sind und sich über den Stand der Diskussion informieren
möchten. Daneben will es auch Betroffenen die Möglichkeit der Orientierung
bieten.
Original-Verlagsinfo
Das Thema Sexuelle
Übergriffe wurde bisher in Deutschland fast ausschließlich auf
den therapeutischen Bereich bezogen diskutiert. Überall da, wo Abhängigkeiten
bestehen, ist die Gefahr der Ausbeutung jedoch nicht nur durch PsychotherapeutInnen
sondern auch durch Beratende, Helfende oder Lehrende in anderen Zusammenhängen
vorhanden. Der Sammelband bietet neben einer zusammenfassenden Übersicht
über die Diskussion zum Thema auch einen Ausblick auf weitere, bisher vernachlässigte
Arbeitsfelder. Zudem wird die Verantwortlichkeit der Professionellen unter verschiedenen
Aspekten beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ..... 7
Einleitung ..... 9
Teil 1: Übergriffe
in Therapie und Beratung
Roswitha Burgard: Sexuelle Übergriffe
und Machtmissbrauch in Therapie und Beratung als Ausdruck gesellschaftlicher Gewalt
gegen Frauen ..... 14
Christa Schulte: Von den vielfältigen
Formen des Machtmissbrauchs in Therapien oder: Das Risiko Therapie für Frauen
..... 27
Claudia Heyne: Grenzverletzungen in Therapie und Beratung:
Typische Abläufe im Spannungsfeld von Machtmissbrauch und Manipulation .....
55
Elisabeth Pahl: Umgang mit Macht und Abhängigkeit in Therapie
und Beratung am Beispiel des sexuellen Missbrauchs ..... 77
Monika
Becker-Fischer. Was hilft, das Trauma zu verarbeiten? Besonderheiten der
Folgetherapien ..... 90
Teil 2: Institutionen und ihr Umgang mit
dem Thema Übergriffe und Grenzverletzungen
Hanna Harms:
Sexuelle Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen an der Hochschule von
der Hilflosigkeit zum verantwortungsvollen Umgang ..... 110
Beate
Blättner: Abhängigkeit und Autonomie: Wie kann in der Erwachsenenbildung
Übergriffen vorgebeugt werden? ..... 131
Ute Sonntag: Früh
übt sich... Die Doppelrolle der Aus- und Weiterbildung für den
(un)verantwortlichen Umgang mit Macht und Grenzen ..... 159
Steffen
Fliegel: Sexuelle Übergriffe in der Therapie Prävention durch
Fort- und Weiterbildung ..... 175
Teil 3: Verantwortlichkeiten als
Professionelle
Ebba Ache: Beratung von betroffenen Frauen
Handlungsmöglichkeiten zwischen Ohnmacht, Kreativität und Konfrontationswillen
..... 188
Ulla López-Frank: Zur V erantwortlichkeit von SupervisorInnen
..... 202
Jörg Michael Fegert: Professionelle HelferInnen
in der Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern ..... 228
Monika
Bormann, Manuela Sieg: Uber den Missbrauch mit dem Missbrauch mit dem Missbrauch...
..... 274
Jutta Haering-Lehn, Hannelore Schubert: Der lange Weg
von der therapeutenzentrierten Interaktion zur konzentrierten (Re-)Aktion
ein Arbeitsbericht ..... 298
AutorInnen-Verzeichnis ..... 322
Anlauf- und Beratungsstellen ..... 325
Vorwort
Im
Januar 1991 gründeten wir in Oldenburg die Arbeitsgruppe »Frauen gegen
sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in Therapie und Beratung«. Wir
sind ein Zusammenschluss von Frauen, von denen einige in der psychosozialen Arbeit
unterschiedlicher Institutionen tätig sind und sich hier insbesondere für
Mädchen- und Fraueninteressen einsetzen.
Hintergrund für die
Entstehung und für die Mitarbeit in der Arbeitsgruppe war die dringend notwendige
Schaffung von Schutz- und Unterstützungsmöglichkeiten für betroffene
Frauen auch unter uns. Darüber hinaus begründet die grundsätzlich
gegebene spezifische Betroffenheit von Frauen unser persönliches, professionelles
und politisches Interesse an der öffentlichen Thematisierung dieses Problembereiches.
Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in psychosozialen Arbeitsfeldern
begreifen wir über mangelnde Professionalität hinaus als einen Ausschnitt
und Ausdruck patriarchaler, frauenverachtender Verhältnisse auf dem Hintergrund
struktureller, sexistischer Gewalt. In psychosozialen Arbeitsfeldern, wo Abhängigkeiten
entstehen, wo ein Machtgefälle durch mehr Wissen, größere Handlungskompetenz
und institutionelle Autorität geschaffen wird, besteht die Gefahr der Ausbeutung
bzw. des Machtmissbrauchs durch PsychotherapeutInnen, Beratende oder anders Helfende.
Frauen unterliegen in diesem Kontext als Hilfesuchende einem doppelten Machtverhältnis
als Hilfesuchende und, aufgrund des gesellschaftlichen Machtungleichgewichtes
zwischen den Geschlechtern, als Frau und sind damit häufig erneut
mit den gängigen patriarchalen, abwertenden und ausbeutenden Einstellungen
und Verhaltens- weisen konfrontiert, die die Probleme und Symptome verursachen,
derenthalben sie Hilfe suchen.
Ziel dieses Buches ist es, die Problematik
sexueller Übergriffe und Machtmissbrauchs in psychosozialen Arbeitsfeldern
und die daraus resultierenden Folgeschäden öffentlich zu thematisieren
sowie präventive Strategien gegen sexuelle und narzisstische Ausbeutung zur
Diskussion zu stellen. Unsere Erfahrungen in der Arbeitsgruppe werden in den Artikeln
von Ebba Ache, Jutta Haering-Lehn und Hannelore Schubert aufgegriffen.
Ursprünglich wollten wir unser Wissen, unsere Erfahrungen und insbesondere
die Vorträge auf den von uns durchgeführten Fachtagungen dokumentieren
und so einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen. Während
dieser Arbeit verstärkte sich das Interesse, nicht nur Gewesenes zu dokumentieren.
Der Wunsch nach einer umfassenderen Darstellung des jetzigen Diskussionsstandes
bewirkte, dass wir uns mit zusätzlichen ReferentInnen aus Praxis und Forschung
in Verbindung setzten, die die Komplexität der Problematik aus unterschiedlichen
fachlichen Ausrichtungen her betrachten. Aus der Dokumentation wurde somit ein
Buch.
Bis zur Erstellung dieses Buches war es ein langer Weg. Wir danken
allen Beteiligten für ihre Arbeit und Unterstützung, insbesondere für
ihre verständige Geduld bis zur endgültigen Fertigstellung. Für
die finanzielle und organisatorische Unterstützung bei der Zusammenstellung
des Adressenanhangs danken wir der DGVT-Arbeitsgemeinschaft »Frauen in der
psychosozialen Versorgung«. Für ideenreiche Unterstützung gilt
unser Dank auch dem »Feministischen Referat für Lesben- und andere Frauen«
an der Universität Oldenburg.
Arbeitsgruppe »Frauen gegen
sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in Therapie und Beratung«
Oldenburg im September 1995
Einleitung
Seit
Anfang der 90er Jahre arbeiten Frauengruppen und Frauennetzwerke daran, die Thematik
der sexuellen Übergriffe in Therapien in das öffentliche Bewusstsein
zu bringen. Der Mut vieler betroffener Frauen, die ihr Schweigen brachen, hat
maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Thema enttabuisiert wurde. Professionelle
Frauen setzten sich dafür ein, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit
dem Problem in den Berufs- und Therapieverbänden begann. Eine Strafrechtsänderung
scheint durchsetzbar ein erster greifbarer Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit.
War die Diskussion um Übergriffe zu Beginn ausschließlich auf sexuelle
Übergriffe und auf Therapie und Beratung bezogen, erweitert sich die Diskussion
langsam, aber beständig. Die ganze Komplexität der Verstricktheiten
wird deutlich. Die konkrete Arbeit in regionalen Gruppen, die Diskussionen auf
den Fachtagungen zu diesem Thema haben zu neuen Fragen geführt. Andere Institutionen,
andere AkteurInnen, andere Verantwortlichkeiten geraten in den Blick. In diesem
Band haben wir versucht, diese neuen Fragen und Themenbereiche miteinzubeziehen.
Er gliedert sich in drei Teile:
Im ersten Teil finden sich fünf
Beiträge zum Bereich Übergriffe in Therapie und Beratung.
Roswitha
Burgard stellt die Entwicklung der öffentlichen Beschäftigung mit der
Thematik der sexuellen Übergriffe in Therapie und Beratung in den Zusammenhang
der gesellschaftlichen Diskussion um Gewalt gegen Frauen.
Christa Schulte
fächert das Thema breit auf und benennt eine ganze Reihe an Therapierisiken
für Frauen. Im Mittelpunkt stehen die von ihr als narzisstischer Missbrauch
bezeichneten subtileren Muster, die sexuelle Übergriffe begleiten oder Vorboten
sein können. Es werden strukturelle Therapierisiken für Frauen aufgezeigt
sowie detailliert Präventionsmöglichkeiten auf individueller und politischer
Ebene dargestellt.
Claudia Heyne stellt typische Abläufe von Grenzverletzungen
dar. Dabei steht die Sicht der Klientinnen im Zentrum der Betrachtung. Sie charakterisiert
die Grenzverletzungen zu Beginn als meist unspektakulär. Sie schreiten zu
hochgradig ambivalenten Entwicklungen fort, um allmählich zur Aktion hinüberzugleiten.
Der folgende Beitrag von Elisabeth Pahl ergänzt die genaue Betrachtung, indem
die therapeutisch und beraterisch Arbeitenden Ausgangspunkt der Analyse sind.
Ihr Umgang mit Macht und Abhängigkeit steht im Zentrum des Artikels. Die
Nahtstellen, an denen eine Gefahr sich konkretisiert, und Möglichkeiten des
konstruktiven Umganges damit werden beschrieben.
Der Artikel von Monika
Becker-Fischer beschließt diesen Themenbereich. Sie untersucht die Psychodynamik
sexuellen Missbrauchs in der Therapie und leitet daraus Erfordernisse für
Folgetherapien ab. Die verschiedenen Phasen in Folgetherapien werden beschrieben.
Im zweiten Teil des Buches haben wir vier Beiträge zu dem Umgang verschiedener
Institutionen mit Grenzverletzungen und Übergriffen zusammengestellt.
Hanna Harms beschreibt den Tatort Hochschule. Es geht ihr dabei darum, deutlich
zu machen, dass es für ein angemessenes Bearbeiten von sexueller Diskriminierung
und Gewalt gegen Frauen an Hochschulen wichtig ist, Zuständigkeiten zu klären
und Verfahrenswege festzulegen. Wie dies geschehen kann, wird an vielen Beispielen
erläutert.
Die Erwachsenenbildung bietet vielen Tätern die Möglichkeit,
neue Opfer zu finden. Beate Blättner stellt in ihrem Beitrag dar, wie die
Erwachsenenbildung, insbesondere die Gesundheitsbildung, dieses Problem im Moment
diskutiert. Sie beschreibt detailliert wichtige Problembereiche und skizziert
Handlungsmöglichkeiten der Institution.
Ute Sonntag stellt die Orte
der Aus- und Weiterbildung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Sie stellt die
These auf, dass ein geheimes Curriculum in Richtung auf übergriffiges Verhalten
sozialisieren kann. Sie untersucht die Rahmenbedingungen auf diese Fragestellung
hin. Wie mit Macht, mit Abhängigkeiten und mit Verantwortung umgegangen wird,
stellt Weichen. In welche Richtung, wird auf der Grundlage vieler Erfahrungen
verdeutlicht.
Eine der ersten Forderungen in Hinblick auf präventive
Maßnahmen war, den Themenbereich Zuneigung, Erotik, Sexualität explizit
in Fortbildungen aufzunehmen. Steffen Fliegel stellt konkrete Ausbildungselemente
vor, die in Selbsterfahrungsworkshops eingebaut werden können. Hier werden
Beispiele aufgezeigt, wie das Thema ganzheitlich und nicht moralisierend bearbeitbar
sein kann.
Im dritten Teil des Buches finden sich fünf Artikel, in
denen die Verantwortlichkeit der professionell im psychosozialen Bereich Tätigen
Ausgangspunkt ist.
Ebba Ache stellt die Handlungsmöglichkeiten der
Beraterin betroffener Frauen, die sich während oder nach Übergriffen
um Unterstützung und Hilfe an sie wenden, dar. Besonders schwierig ist eine
Begleitung dann, wenn die Therapie, in der missbraucht wird, noch parallel fortbesteht.
Neben den Tätern oder Gefährdeten selbst tragen auch SupervisorInnen
Verantwortung. Supervision hat ihren Anteil am Verhindern oder Nichtverhindern
von Übergriffen. Ulla López-Frank stellt die Anforderungen und Fragen
dar, mit denen sich SupervisorInnen beschäftigen sollten.
Jörg
Fegert stellt die Forderung auf, dass diejenigen, die professionell mit von sexuellem
Missbrauch Betroffenen umgehen, sich selbst immer wieder hinsichtlich ihrer eigenen
Motivation hinterfragen sollten. Er erläutert dies an der Arbeit mit sexuell
missbrauchten Kindern.
Der Vorwurf, es werde Missbrauch mit dem Missbrauch
getrieben, beherrscht immer wieder die Debatte. Monika Bormann und Manuela Sieg
stellen diese Debatte ausführlich dar. Sie untersuchen den Vorwurf des Missbrauchs
mit dem Missbrauch differenziert, indem sie die Seite der HelferInnen und der
KlientInnen gesondert beleuchten und den Einsatz dieses Vorwurfs als Machtmittel
beschreiben.
Das Buch beschließt der Artikel von Jutta Haering-Lehn
und Hannelore Schubert, in dem gangbare Wege im Umgang mit der Übergriffsproblematik
aufgezeigt werden. Die konkrete Arbeit einer regionalen Arbeitsgruppe wird ausführlich
dargestellt und so analysiert, dass der allgemeine Gehalt der Erfahrungen deutlich
wird.
Einige Themen konnten leider nicht behandelt werden; so hätten
wir gerne Beiträge zu dem Thema Rehabilitationsmöglichkeiten für
Täter oder zum Bereich der stationären Einrichtungen als Orten von Übergriffen
aufgenommen. Für diese Themen ist es uns leider nicht gelungen, AutorInnen
zu finden. Zwei Artikel sind bedauerlicherweise kurzfristig abgesagt worden. Wir
sind der Ansicht, dass uns dennoch eine interessante Zusammenstellung von Themen
gelungen ist, die zu Diskussionen anregen und Akzente für die weitere Arbeit
an dem Thema setzen wird.
Die Herausgeberinnen
Oldenburg im September
1995
Rezension
»Im einzelnen
befasst sich das Buch mit gesellschaftskritischen Betrachtungen, Überlegungen
zu Macht und Abhängigkeit in der Therapie, verschiedenen Formen des Machtmissbrauchs
in psychosozialen Arbeitsfeldern, der Rolle der Opfer und möglichen Folgebehandlungen
der Übergriffe, der Bedeutung von Aus- und Weiterbildung, Präventionsmöglichkeiten
sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortlichkeit im persönlichen
Arbeitsfeld. Die unterschiedlichen und sehr vielfältigen Beiträge enthalten
wissenschaftliche Betrachtungen, Erfahrungsberichte, konkrete Anregungen für
ein- bis zweitägige Seminare sowie praktische Tips.« (Steffen Fliegel,
in: Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation)