|
Jürgen Schubert
Mundtot Nachkriegsbiographie eines nicht gewollten Besatzerkindes
Kartoniert,
149 Seiten, 15 Abbildungen, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-88864-288-3.
Frankfurt am Main: VAS Verlag für Akademische Schriften 1999.
€ 16.50 / sFr 24.75 / sofort lieferbar
Einleitung | Pressestimmen
| Infoseite www.heimkinder-ueberlebende.org
| Liefer-
& Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home
| zurück zur
letzten Seite
Lebensgeschichte des im Alter von drei Jahren psychiatrisierten und erst 14 Jahre
später wieder freigekommenen Jürgen Schubert. Einleitung von Heinz Tietjen,
Nachwort von Johanna Michel-Brüning Original-Verlagsinfo
Jürgen Schubert ist Sohn eines russischen Besatzersoldaten und einer
deutschen Frau. Als ihr deutscher Ehemann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt,
verleugnet sie ihre Liebesbeziehung und behauptet, sie sei Opfer einer Vergewaltigung.
Für Jürgen Schubert beginnt eine qualvolle Zeit. Als »nicht gewolltes«
Kind wird er verstoßen und im Alter von drei Jahren, trotz geistiger und
körperlicher Gesundheit, psychiatrisiert. Aus eigener Kraft gelingt es ihm
im Alter von siebzehn Jahren, die Mauern der Psychiatrie hinter sich zu lassen.
Neben der Erzählung Jürgen Schuberts wird seine Lebensgeschichte
durch etliche Dokumente, psychosoziale Beiträge und ein aktuelles Interview
auf eindrucksvolle Weise wiedergegeben. Einleitung
Jürgen Schubert geht seinen Anfängen nach. Er setzt dabei ein
mit der Situation seiner Mutter und seiner drei Geschwister unmittelbar nach Kriegsende
im Chaos von Schlesien. Die neue polnische Regierung kündigt an, dass sie
4,2 Millionen Polen aus den jetzt von Russland beanspruchten Gebieten nach Schlesien
umsiedeln will. Damit bleibt kein Platz mehr für die dort noch ansässigen
deutschen Bewohner. In diesem Tohuwabohu lässt sich die durch die Kriegswirren
von ihrem Mann getrennte junge Frau mit einem russischen Soldaten ein und bezahlt
diese vorübergehende Sicherheit mit der folgenreichen Empfängnis eines
Kindes. Damit sind wir an den Wurzeln der Existenz von Jürgen Schubert
angekommen. Er kommt nach der Vertreibung im Westen zur Welt und wird von dem
Ehemann seiner Mutter nicht anerkannt. Zu dieser Zeit ging es vielen Kinder so,
dass sie nicht erwünscht waren, ob nun ehelich gezeugt oder nicht. Die schwierigen
Lebensverhältnisse der Nachkriegszeit machten die Lasten nicht leichter,
wenn ein Kind hinzukam. Doch dieses Kind war durch die besonderen Bedingungen
des verlorenen Krieges gezeichnet. Der verletzte Stolz des »betrogenen«
Ehemanns gepaart mit den nationalen Vorbehalten gegenüber den Soldaten der
sowjetischen Siegermacht ließ einen Verbleib des Kindes in der Familie nicht
zu. So folgte aus der familienübergreifend schwierigen Ausgangssituation
ein Lösungsweg, der Jürgen Schubert mit dem deutschen Anstaltswesen
vertraut machen sollte. Seine Annäherungsversuche an die mehr als ein Dutzend
Jahre in einer westfälischen Anstalt sind sehr vorsichtig, verhalten, und
die Szene ist in ausgewählten Bildern nur ausschnitthaft beschrieben. So
bleibt manche kritische Momentaufnahme für Leser, denen diese Welt fremd
ist, stark verschlüsselt und bedarf der Ergänzung und Erläuterung.
Die als Verbannungsort aus einem Leben in der Gemeinschaft funktionierende Anstalt
ist aber doch in mancher Momentaufnahme spürbar, vorausgesetzt, wir als Betrachter
öffnen uns für die Bedeutung der überwiegend in leisen Tönen
angelegten Rückschau. So kann letztlich doch nicht verborgen bleiben,
mit welchen Mechanismen die Anstalt ihrer Insassen Herr wurde. Es bedarf dabei
aber aller unserer aufnehmenden Sinne, um an dem Unternehmen »Zurück
zu den Wurzeln des Jürgen Schubert« teilzuhaben. Aussagekräftige
Details verhelfen uns schrittweise dazu. Bei näherem Hinsehen erschließt
sich uns, welche Tücken die Anstaltswelt für den Insassen bereit hält.
»Zur Beruhigung bekam ich ein paar süße leckere Bonbons, die mich
müde machten. Durch diese Bonbons hatte ich eine Zeit lang kein Verlangen
mehr nach irgend etwas. Dies wiederholte sich sehr oft.« Die Anstalt
macht sich ihre Bewohner gefügig. Störungen werden durch die chemische
Zwangsjacke im Keime erstickt. Eine Errungenschaft der 50er Jahre. Verharmlosend
werden hier die Pillen als »Bonbons« bezeichnet, die für Ruhe sorgen.
Heute sehen wir den Umgang mit Psychopharmaka etwas differenzierter, ohne dass
es immer leicht fällt, die gewollte Hilfe abzuwägen mit den nicht gewollten
Nebeneffekten. Doch hier geht es nicht um eine Behandlung, sondern um die
Unterdrückung des Kindseins an sich. Dieses Kind soll sich nicht Gehör
verschaffen können, sondern sich eingliedern lassen in die graue Anstaltsgemeinde,
persönliche Bedürfnisse als unerwünschte, krankhafte Störungen
hinter sich lassen. Neben der einebnenden Gleichmacherei wird gleichzeitig die
Aufnahmefähigkeit drastisch vermindert, somit das besonders in Kindheit und
Jugend für die Entfaltung der persönlichen Anlagen so außerordentlich
wichtige Lernen erheblich erschwert. Der ursprüngliche Aufnahmegrund, hier
die fehlende Akzeptanz durch die Familie, tritt in den Hintergrund zugunsten einer
im Umfeld verursachten Lern- bzw. geistigen Behinderung. Die Anstalt beweist sich
damit selbst, dass ihre Bewohner wegen ihrer Behinderung nicht in der normalen
Welt leben können. Ein Teufelskreis, der für die Betroffenen kein Entrinnen
vorsieht. »Im Johannes-Stift wurden die schweren körperlichen
Arbeiten von Männern verrichtet, die selber als Waisen hier aufgewachsen
waren. Obwohl die meisten von ihnen als geisteskrank oder als stark zurückgeblieben
galten, wurden sie auch mit erzieherischen Aufgaben, zum Beispiel der Beaufsichtigung
und Bestrafung der Kinder, bedacht.« Ein weiterer Mechanismus der
Institution wird deutlich in der Abstufung der betreuenden Personen. Da sind nicht
nur die zum Teil recht freundlich geschilderten, in ihrer Einfachheit aber auch
überfordert wirkenden betreuenden Frauen des ländlichen Umfeldes, sondern
auch die älter gewordenen behinderten Männer, die als aus den Reihen
der Insassen rekrutierte Hilfskräfte eingesetzt sind. Ein bewährtes
Mittel der Anstaltsmacht, mit ihren selbst jahrzehntelang trainierten eigenen
Kreaturen, genauer gesagt Opfern, wirkungsvoll zu agieren. So müssen diese
Männer, systembedingt zu Krüppeln gemacht, am kurzen Zügel geführt,
zum Erhalt ihrer pathologischen Grundbedingungen beitragen. »Individuell
behandelt wurden wir lediglich, wenn es um das Festsetzen von Strafen oder die
Zulassung zu Diensten ging. Ansonsten verlief der Alltag für uns im Gleichschritt.
Jegliche Förderung unserer Persönlichkeit unterblieb .Während zum
Beispiel der Geburtstag als ein persönlicher Höhepunkt im Leben von
Kindern außerhalb des Heimes gefeiert wurde, blieb uns dies völlig
versagt. Selbstwertgefühl sollte und durfte bei uns nicht aufkommen. Wir
verkamen zu Rädern einer großen Maschine, die sich drehen mussten,
ohne dass wir Richtung und Tempo selbst bestimmen konnten.« Hier tritt
die Einzelpersönlichkeit in den Hintergrund. Die Anstalt nivelliert, um ihre
Regentschaft zu sichern. Das Rollenverständnis ist ein für allemal festgelegt
und duldet keinerlei Abweichung. Werden individuelle Bedürfnisse geltend
gemacht, werden sie sofort als Störung ausgemacht und mit aller verfügbaren
Macht zurückgedrängt. Die Berechtigung wird abgeleitet aus der Generallinie:
Individuelle Bedürfnisse entspringen einer behinderten bzw. krankhaften Persönlichkeit
und sind zum Wohle der Betroffenen zu »behandeln«. Das Anstaltswesen,
das für wesentliche Jahre seines Lebens prägend bleibt, ist nicht nur
auf die Nachkriegssituation in Deutschland beschränkt. So beschreibt dieses
Phänomen der Schwede Gunnar Dybwad, ehemaliger Präsident der Internationalen
Liga der Vereinigung für Menschen mit geistiger Behinderung, 1985 mit folgenden
Worten: »Die Anstalten waren unbestreitbar jahrelang das Zentrum der
Bemühungen für geistig behinderte Menschen. In manchen Ländern
gab es außerhalb der Anstalten keine anderen Einrichtungen für geistig
behinderte Menschen oder irgendwelche sonstigen Hilfsangebote. Die Anstalten boten
beides: Stabilität und Fortschritt. Sie hatten spezialisiertes Personal auf
zunehmend mehr Fachgebieten. Sie waren Zufluchtsorte nicht nur für Menschen
mit geistiger Behinderung, sondern indirekt ebenso für deren Eltern. Im Vergleich
zu anderen sozialen Einrichtungen erwecken die Anstalten den Eindruck von Beständigkeit
aufgrund ihrer Größe, ihrer Gebäude und ihres Grundbesitzes. Zudem
lebte das Betreuungspersonal oft selbst dort, und die Anstalten führten außerdem
zumindest in der Vergangenheit durch ihre Lage, weitab vom gesellschaftlichen
Geschehen, ein Dasein im Verborgenen. Die Geschichte lehrt aber, dass auch
Anstalten einmal zum Ende ihres Bestehens gelangen. Einst haben Waisenhäuser
und Kinderheime eine wichtige Rolle gespielt, jetzt jedoch nimmt ihre Zahl stetig
ab; in manchen Ländern gibt es sie schon nicht mehr. Ebenso erging es den
Armenhäusern und den Tuberkulosesanatorien, von denen manche ironischerweise
mit geistig behinderten Menschen belegt wurden. Die Entwicklungstendenzen,
die in meinen Ausführungen im Hinblick auf grundlegende Erkenntnisse, Förderprogramme
und rechtliche Belange aufgezeigt wurden, verringern zweifelsohne den Bedarf an
solch traditionellen Anstalten ja stellen sie eines Tages vielleicht ganz
in Frage. Hinweise auf den Beginn einer solchen Entwicklung lassen sich in England
finden hier vor allem vorangetrieben durch Exodus, eine Vereinigung
von Organisationen im Sozialwesen -, in Australien, Kanada und den USA und selbstverständlich
in den skandinavischen Ländern, wo man von Anfang an vergleichsweise weniger
große Anstalten hatte und sich auch viel früher um individualisierende
Hilfe bemühte.« Das Phänomen der Anstalten wird hier beschrieben
und muss aus dem Zitat Mitte der 80er Jahre bezogen auf Jürgen Schuberts
Anstaltsdasein ergänzt werden. Ihn wirft es in die Anstalt als ein nicht
primär behindertes, dafür aber nicht gewolltes Kind. Der Ort, an dem
er leben muss, lässt seiner Umgebung nur den Schluss zu, dass er dort nur
deshalb zu recht sein kann, wenn er selbst behindert oder krank ist. So verstellt
sich abrupt der Blick auf seine Fehlplazierung, folgerichtig ist dann alles Abweichende
von dieser Einordnung störend, krankhaft, und muss zu seinem eigenen Wohl
unterbunden werden. So kommt es zwangsläufig zu Überreaktionen
des Anstaltswesens auf jede kindgerechte Regung, hier gilt: das normale Verhalten
ist außerhalb der Anstaltsnorm. Je mehr Energie das Kind für seine
persönliche Entfaltung aufbringt, um so heftiger muss die Gegenreaktion sein.
Verschärft wird diese krankmachende Ordnung durch die immer wieder aufbrechende
Frage nach der Mutter, die erst für den inzwischen herangewachsenen jungen
Mann in einer knapp beschriebenen Szene beantwortet wird. Dass wir über das
Ergebnis der späten Begegnung so wenig erfahren, spricht eher dafür,
dass die Sehnsucht nach dem Rückhalt in der eigenen Familie nicht mehr befriedigt
werden kann. Im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland ging es vielen Menschen
sehr schlecht. Insbesondere ihre Wohnbedingungen, aber auch ihre Ernährungsbedingungen
waren karg. Die Anstalten waren darüber hinaus ein Ort, an dem es in der
Nazizeit aus Staatsraison organisierte Verschleppung und Ermordung behinderter
Menschen gegeben hatte. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren war dieses Problem
völlig tabuisiert. Die in den Erinnerungen von Jürgen Schubert
beschriebenen behinderten Männer waren Überlebende einer perfekten Mordmaschinerie,
die sich gegen sogenanntes lebensunwertes Leben richtete. Entsprechend war auch
die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung sehr
zwiespältig. Ein Mensch in einer Anstalt war in jedem Fall ein Mensch mit
Behinderung. Dies ist ja auch ohne weiteres nachzuvollziehen, wenn man die ausschnitthaften
Schilderungen von Jürgen Schubert mit der notwendigen Nachdenklichkeit liest.
Die hierin enthaltene Botschaft, bei aller Zurückhaltung in bezug auf Kritik
zu den hier handelnden Personen, ist überzeugend und eindeutig. Es ist ein
trauriges Schicksal, aus dem es glücklicherweise ein Entkommen gegeben hat.
Es mag auch stellvertretend stehen für die vielen Menschen, denen es nicht
gelungen ist, sich aus diesem System zu befreien, oder denen es nicht vergönnt
war, Unterstützung zu finden, um auf eigene Füße zu kommen.
In bezug auf Menschen, die anders sind als wir uns selbst einschätzen, gelten
aber auch nach wie vor die Lebensbedingungen der Nachkriegszeit. Erst in der nach
der Einigung überarbeiteten Grundgesetzfassung wurde im Artikel 3 der Absatz
3 hinzugefügt: »Niemand darf wegen seiner Behinderung
benachteiligt werden.« Die Erfahrungen haben gezeigt, wie
notwendig dieser Zusatz nach wie vor ist. Die Erkenntnis, dass Menschen nicht
von vornherein behindert sind, sondern oft erst durch die Umstände in ihrem
Umfeld zu Behinderten gemacht werden, trägt allmählich zu einer Einstellungsänderung
bei. Dabei ist die Einsicht, dass behindernde Merkmale nur einen geringen Persönlichkeitsanteil
prägen und in vielen Lebenssituationen keine einschränkende Bedingung
darstellen, immer wieder ins Bewusstsein zu rücken. Es ist zu hoffen,
dass wir miteinander lernen, ein Benachteiligungsverbot als Chance zum Einstieg
in ein Gleichstellungsgebot zu begreifen. Noch ist es keineswegs soweit, wie uns
auch jüngste Urteile der Rechtsprechung gezeigt haben. Die Sorge, dass der
Schutz des Schwächeren in der Gesellschaft zu einem Privileg werden könnte,
führt immer wieder zu erstaunlichen Ausgrenzungen und letztlich neuen Benachteiligungen.
Jürgen Schuberts Annäherung an seine schicksalhafte Kindheit und Jugend
steht fühlbar stellvertretend für unsere eigene Gesellschaft und ihre
Schwierigkeiten, mit Auswirkungen des Krieges und seiner Folgen umzugehen. Im
Gegensatz zu vielen Schicksalsgefährten konnte er sich aus der Bevormundung
durch die Anstalt befreien. Doch die damit verbundenen Erfahrungen wirken nach.
Auf der Suche nach seiner eigenen Identität vermittelt er uns Lesern nicht
nur, wieviel Elend uns erspart geblieben ist, sondern appelliert auch an uns,
die verschont Gebliebenen, behutsam mit allen umzugehen, die vermeintlich anders
sind, als wir selbst uns zu sein dünken. Es ist ihm zu wünschen, dass
er im Abstand zu seiner belasteten Kindheit und Jugend den inzwischen mit Hilfe
anderer, aber vor allem aus eigener, unbändiger Kraft zur Selbstbehauptung
zurückgelegten Weg zur Selbstverwirklichung als tröstlichen Erfolg erleben
kann. Heinz Tietjen, Dipl.-Psychologe Pressestimmen
und weitere Kommentare Erinnerungen an das Leben hinter Gittern
Jürgen Schubert trug Eindrücke aus seinem Buch »mundtot« vor. Trotz
einfacher Worte entsteht eine dichte Atmosphäre und eine Konfrontation mit
der oft grausamen Realität. Mit siebzehn Jahren gelingt es Schubert schließlich
aus eigener Kraft, die traurige Existenz in der Psychiatrie hinter sich zu lassen
und den Weg in ein »normales« Leben zu finden. Kölner Stadt-Anzeiger
Nr. 205, 4.9.2002 Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Instituts Français
in Deutschland las Jürgen Schubert aus seinem Buch »mundtot« am
9.4.2002 im Kulturinstitut Aachen. ... Jürgen Schubert war Gast auf unserer
Tagung und hat in einer Arbeitsgruppe über sein Schicksal berichtet. Unermüdlich
reist er von Autorenlesung zu Autorenlesung, er beeindruckt sein Lesepublikum
oft liest er in Gefängnissen und seine Rezensenten. Eine Rezension
spricht vom »Selfmademan«. Das ist er wirklich. »Schuberts Lebensbericht
ist im besten Sinne die Geschichte eines Selfmademan. ... Das wahre Geheimnis
aber bleibt unbeantwortet, denn es verträgt keine vorschnellen Erklärungen
und Deutungen: Wie schafft es ein junger Mensch, gegen so viel Widerstand zu überleben
und zu einer eigenen Sprache zu finden?« Jürgen Schuberts Energie ist
bewundernswert und spiegelt sich in der Fülle der Rezensionen, von Lokalblättern
über »Bild« und NZZ bis zu Fachzeitschriften. Alfons Limbrunner,
Evangelische Akademie Bad Boll, Dokumentation No. 21/02 zur Tagung Kriegsbeschädigte
Biographien und öffentliche Vergangenheitsbeschweigung 2001 Jürgen
Schubert wurde 1946 geboren, aber seine Lebensgeschichte mutet uns heute an wie
aus einem anderen Jahrhundert. Fälschlich als geistig behindert eingestuft,
wird er schon im Alter von drei Jahren psychiatrisiert. Es sind nicht nur die
politischen und geistigen Nachwehen der NS-Zeit, die sich in der Behandlungspraxis
der Kinder- und Jugendpsychiatrie der 1950er Jahre niederschlagen, die das Denken,
menschliche Wertschätzung, qualitative Beurteilungen beeinflussen. Es sind
auch überkommene Vorstellungen von Pädagogik, wie sie schwärzer
nicht sein können und die in der NS-Zeit ein willkommenes Fundament boten.
In diese Behandlungspraxis gerät Jürgen Schubert als unehelicher, ungewollter
Sohn einer deutschen Mutter und eines russischen Besatzersoldaten. Die Mutter
verleugnet die Beziehung und gibt vor, vergewaltigt worden zu sein. Die biologisch
unklare Herkunft des Kindes genügte, um ein Werturteil zu fällen. Bastard
sagte man in früherer Zeit, aber gedacht hat man es auch später noch.
Ein uneheliches Kind kann unmöglich zu einem guten Bürger werden. Wir
fühlen uns an Situationen in Büchners Woyzek erinnert. Für uns
heute logische Zusammenhänge zwischen Zuwendung und Spracherwerb werden für
das allein gelassene und zudem uneheliche Kind nicht erkannt, oder besser angesichts
einer tradierten sozialen Entwertung verdrängt. Die Sprachlosigkeit hat dann
nicht mehr nur verbalen Charakter, sie ist auch von sozialer Natur. Das System
konnte Jürgen Schubert mundtot machen. »Kinder soll man sehen, nicht
hören«, sagten unsere Altvorderen. Die psychischen und politischen Konsequenzen
dieser Idee haben die jetzt Älteren an sich erlebt, und die Alten haben sie
mitgestaltet. Sie selbst aber waren ebenfalls diesen Mechanismen unterworfen.
Das Handwerkszeug, den Mangel zu überwinden, hat erst die bewusste Reflexion
der direkt durch die NS-Zeit Betroffenen über diese Zeit vermittelt. Und
wir sind mit der Aufarbeitung noch nicht am Ende. Jürgen Schubert vermittelt
mit seiner Textsammlung »mundtot« einen intimen Einblick in verhängnisvolle
Irrtümer unserer Zeit, zeigt zugleich durch einen mühevollen und dennoch
optimistischen Aufbruch, hinweg über die Grenzen politischer und geistiger
Enge, auch eine Perspektive auf, wie dem Menschen geholfen werden kann, sich selbst
zu helfen.« Heinrich Pflaeging, Soziale Psychiatrie 3/2002 Dem
Autor, der nun in verschiedenen Regionen Deutschlands zu Lesungen eingeladen wird
und auf etliche Rezensionen verweisen kann, war Debilität attestiert worden,
als er mit 18 Jahren den Befreiungssprung von einem psychiatrischen Heim in eine
Bäckerlehre schaffte und beim Meister Familienanschluss erhielt. Jürgen
Schubert erzählt in seiner Publikation berührend und nicht ohne traurigen
Humor von seinem Dasein als Kind und Jugendlicher, der aus heutiger Sicht fehlplaciert
war oder falsch behandelt wurde. ... Die mit Dokumenten und psychologischen Kommentaren
ergänzten Aufzeichnungen sind insofern ein Stück zeitgeschichtlicher
»Aufarbeitung« im Kleinen. Neue Zürcher Zeitung 1.6.2002 ...
Der Autor berichtet in einer biographischen Erzählung eindrucksvoll von den
Leiden der Kinder in der »Idiotenanstalt«, wie er sie nennt, die oftmals,
von der Außenwelt abgeschnitten, erst dort psychisch krank wurden. Ausschnittsweise
stellt er anhand einzelner Erlebnisse den Anstaltsalltag, angereichert mit der
Sehnsucht nach seiner Mutter, dar. Besonders eindrucksvoll sind die im Buch abgedruckten
Auszüge aus Schuberts Krankenakte, die die von dem Autor erzählte Zeit
in einer distanzierten, kühlen Art ebenfalls wiedergeben. ... Ebenfalls eine
Bereicherung für »mundtot« ist der umfangreiche Kommentar der Familientherapeutin
Johanna Michel-Brüning, der den Fall Schubert nachvollziehbar analysiert.
Jürgen Schuberts Buch wird durch eben dieses und durch andere Beiträge
zu einer umfassenden Dokumentation, die einerseits durch die wissenschaftliche
Analyse und andererseits durch die subjektive Erzählung des Autors sehr umfassend
und authentisch erscheint. Schwarzwälder Bote 20.11.2002 ...
Dieses Buch von dem Besatzungskind Jürgen Schubert Jahrgang 1946
löst in mir tiefe Gefühle aus. Es drückt in einer nüchternen
Sprache die starke Sehnsucht nach der Mutter aus. Wir lesen ein zeitloses Dokument,
das die Probleme der kindlichen Heimunterbringung nachempfinden lässt. Die
psychologisch interessante Frage wird aufgeworfen: Wie schafft es ein junger Mensch,
gegen so viel Widerstand zu überleben und zu einer eigenen Sprache zu finden.
Dr. Doris Jansen, Psychotherapeutin in Aachen ... »mundtot«
erzählt leise, manchmal klingt Poesie auf wie bei Heinrich Böll. Ein
erbärmliches Schicksal, ein Blick in das düstere Kapitel deutscher Heimgeschichte
und damaliger psychiatrischer Praxis, ein lesenswertes Buch mit einem exzellenten
Nachwort der Familientherapeutin Johanna Michel-Brüning aus Jülich,
die schreibt: »Ich verneige mich wieder einmal vor dem Wunder des Lebens
und vor diesem einzigartigen Schicksal.« Werner Czempas in: Aachener
Nachrichten, Nr. 95, 22. April 2000 ... Nicht zuletzt wegen der aufschlussreichen
Einblicke in das Gefühlsleben eines Menschen, der von seiner Mutter verleugnet
wurde und der nie Kind sein durfte, ist die Biographie des Bäckers und Konditors
Jürgen Schubert ein beeindruckendes Zeitdokument. Aachener Zeitung
2.3.2000 Es ist ein spannendes Zeitdokument, dieses Buch, die Entlarvung
einer Gesellschaft, die, selbst noch schwer krank, einen gesunden Menschen für
krank erklärt und entsprechend mit ihm umgeht ... Es ist ein sehr lesenswertes
Buch, ein humanes Dokument. Karl Fischer in: Erziehungskunst. Zeitschrift
zur Pädagogik Rudolf Steiners. 4. Jahrgang, April 2000 ...
Wir verdanken ihm einen Einblick in eine deutsche Nachkriegspsychiatrie, in der
die Auswirkungen der Euthanasieprogramme des Nationalsozialismus noch spürbar
waren. Der Autor erspart uns die ausführliche Beschreibung seiner Leiden.
Sie finden eher sachliche Erwähnung. Dagegen lässt er uns mit Liebe
zum Detail daran teilhaben, was damals seinen kindlichen Lebensmut aufrechterhalten
konnte. So werden wir behutsam herangeführt an das Erleben eines diesem System
ausgelieferten Kindes, dessen Sehnsucht nach Mutterliebe, Zärtlichkeit und
Zugehörigkeit und dessen Kampf um seine eigene Identität und seine Befreiung.
Seine Sprache verrät Herzensbildung, seine Wortwahl Sinn für Harmonie
und Poesie. Für mich ist er ein Fackelträger seiner und meiner Generation,
ein Überlebender, der nicht nur für seine eigene Rehabilitation kämpfen
kann, sondern auch für die vielen, die es nicht geschafft haben, dem Teufelskreis
von Stigmatisierung und geistig-seelischer Verelendung zu entrinnen oder wieder
in Gefahr sind, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Johanna Michel-Brüning,
Dipl.-Päd. Familien- und Heilkundliche Psychotherapeutin in: PsychotherapeutenFORUM,
7. Jahrgang, Nr. 3/2000 »Mundtot« heißt das Werk. Und
wer es liest, wird erst einmal sprachlos sein. Denn das Buch ... ist erschütternd
und ergreifend. ... Das Buch hat bei Fachkritikern Lobeshymnen ausgelöst.
Aachener Zeitung, 13.5.2000 ... Wir verdanken ihm einen
Einblick in eine deutsche Nachkriegspsychiatrie, in der die Auswirkungen der Euthanasieprogramme
des Nationalsozialismus noch spürbar waren. Der Autor erspart uns die ausführliche
Beschreibung seiner Leiden. Sie finden eher sachliche Erwähnung. Dagegen
lässt er uns mit Liebe zum Detail daran teilhaben, was damals seinen kindlichen
Lebensmut aufrechterhalten konnte. So werden wir behutsam herangeführt an
das Erleben eines diesem System ausgelieferten Kindes, dessen Sehnsucht nach Mutterliebe,
Zärtlichkeit und Zugehörigkeit und dessen Kampf um seine eigene Identität
und seine Befreiung. Seine Sprache verrät Herzensbildung, seine Wortwahl
Sinn für Harmonie und Poesie. Für mich ist er ein Fackelträger
seiner und meiner Generation, ein Überlebender, der nicht nur für seine
eigene Rehabilitation kämpfen kann, sondern auch für die vielen, die
es nicht geschafft haben, dem Teufelskreis von Stigmatisierung und geistig-seelischer
Verelendung zu entrinnen oder wieder in Gefahr sind, ein ähnliches Schicksal
zu erleiden. Johanna Michel-Brüning, Dipl.-Päd. Familien- und
Heilkundliche Psychotherapeutin in: PsychotherapeutenFORUM, 7. Jahrgang, Nr. 3/2000 Dieser
Erfahrungsbericht eines »Heimkindes« aus der Nachkriegszeit sollte zur
Lektüre alle KollegInnen werdn, die im Bereich der Heimpädagogik erziehen,
Lehren oder Supervision geben. Man kann hier hautnah erfahren, wie es jemandem
geht, der immer wieder in die Situation kommt, nicht erwünscht zu sein und/oder
sich so zu fühlen ... Counseling Journal, Juni 200I »Ungeglättete
Realität: ... Das Buch besticht durch seine Lebensnähe. Die Texte sind
unverändert, nicht geglättet und in schöne Formen gebracht, und
das ganz bewusst. Sie sollen und wollen die schlichte schwere Realität zeigen.«
Der Weg, Evangelische Wochenzeitung für das Rheinland, Heft 33, 13. bis
19.8.2000 »Süße leckere Bonbons, die mich müde
machten« Es ist keine Anklageschrift, die Jürgen Schubertverfasst
hat, obschon er Grund dafür hätte. Unaufringlich, nachdenklich stimmend
und bisweilen sogar humorvoll beschreibt er in seinem Buch »mundtot«
seine ersten 18 Lebensjahre in Heimen und einer damals so genannten »Irrenanstalt«,
in die er als »nicht gewolltes Besatzerkind« abgeschoben wurde ...
Herforder Zeitung, April 2001 »The author of this moving book
war born in 1946, the son of a German woman und an Russian soldier of the occupying
army. Abandoned by his mother on the insistence of her German husband, he was
placed in a Catholic children's home in Westphalia, where he was subjected to
a stifling and highly authoritarian regime, often reinforced by the administration
of drugs and physical violence. ... After 15 years in the establishment and various
failed attempts to escape, he was finally rescued by his guardian, a baker. ...
This eloquent book is both an indictment of the educational system to which the
author was subjected and a testimony to his courage and will to affirm his own
humanity in the face of inhuman circumstances. Internationale Zeitschrift
für Erziehungswissenschaft, UNESCO-Institut für Pädagogik, Vol.
46, No. 5 (September 2000) ... Eine kurze Erzählung und etliche
Dokumente geben nun Zeugnis von dieser ungewöhnlichen Lebensgeschichte. Ein
aktuelles Interview und kurze Beiträge vorzugsweise therapeutischer Profis
ordnen sie in den zeit- und entwicklungspsychologischen Zusammenhang ein.
Letztere hätte es dabei gar nicht gebraucht, der Autor kann sich sehr gut
selbst vertreten. Das hat er mühsam, dafür gründlich gelernt. Und
das kann man von ihm lernen. Zeitung für Erlebnispädagogik, April
2001 Sehr geehrter Herr Schubert, haben Sie ganz herzlichen Dank
für Ihr Buch.Trotz anderer und dringender Arbeit habe ich angefangen, es
zu lesen und konnte nicht aufhören, bevor ich es durch hatte ... Dierk
Schäfer, Evangelische Akademie Bad Boll, März 2001 ... Niemand
weiß, wie viele Nachkriegs-Geborene Schuberts Schicksal teilen. Er ist der
erste, der es aufgeschrieben hat. Vermutlich ist er auch einer der wenigen, die
der Mühle aus »Idiotenanstalt«, Kolonnenarbeit und chemischer Keule
entronnen sind. ... Seine Autobiographie wartete mehr als 20 Jahre auf einen Verleger.
Jetzt, da Schubert einen gefunden hat, will er dran bleiben: Noch in diesem Jahr
soll ein Kinderbuch erscheinen. Ein Kinderbuch von einem, der keine Kindheit hatte.
Kölner Stadt-Anzeiger, 19. April 2001 In diesem autobiografischen
Text liegt die Summe eines gleichermaßen schrecklichen und Hoffnungsvollen
Lebens vor. ... Letztendlich gelingt es ihm im Schreiben, die jahrelange Ohnmacht
zu überwindn. Ein äußerst berührender Bericht. Dieter
A. Binder, Bücher Bord, Mai 2001 ... ein Buch lesen oder, noch
besser, aufschreiben, was einen belastet. Das kann Menschen sogar gesünder
machen, sagen Fachleute ... doch dazu braucht man Mut und Selbstüberwindung
wie Jürgen Schubert aus Aachen ... Literaturtipp der AOK, Heft 2,
2001 Weitere Rezensionen erschienen u.a. in: Stuttgarter Zeitung ·
Köln-Bonner Rundschau · Westfalenpost, Tageszeitung für Werl ·
Rheinbacher Stadtzeitung · Rundschau an Rhein und Sieg · Rheinbacher
General-Anzeiger · Stadtmagazin Plärrer, Nürnberg · Löhner
Zeitung · Norddeutsche Kirchenzeitung · Blick, Allgemeiner Anzeiger
für Südniedersachsen · Neue Westfälische, Herford · Jahrbuch
2000 der SOS-Kinderdörfer · Blick, Göttinger Stadtillustrierte 
|