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Jann E. Schlimme / Thelke Scholz / Renate Seroka
Medikamentenreduktion und Genesung von Psychosen

CoverKartoniert, 282 Seiten, 8 Abbildungen, 10 Tabellen, 16,5 x 24 cm, ISBN 978-3-88414-694-1. Köln: Psychiatrieverlag 2018. € 25.– / Preis in sFr / lieferbar innerhalb von 3 Tagen In den Warenkorb  [oder Bestellung mit Formular – Best.Nr. 940]
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Beschreibung von Anstrengungen, Herausforderungen und Rückschlägen bei der Reduktion von Psychopharmaka und einer erfolgreichen Recovery vor dem Hintergrund eigener Erfahrung sowie aus der Begleitung als Angehöriger und Profi. Mit alltagstauglichen Regeln und Vorschlägen für einen nachhaltigen und kleinschrittigen Reduktions- und Genesungsprozess. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Leben ohne Psychopharmaka – geht das? Und wenn ja, wie?

Nicht wenige psychoseerfahrene Nutzer von Neuroleptika haben den Wunsch, ihre Medikamente zu reduzieren. Tatsächlich könnten viele ihre Medikation nicht nur reduzieren, sondern sogar ganz absetzen und mit weniger oder ohne Psychopharmaka deutlich besser leben. Das Buch liefert Antworten auf die Frage: Wie funktionieren die Reduktion von Psychopharmaka und eine erfolgreiche Recovery?

Vor dem Hintergrund eigener Erfahrung sowie aus der Begleitung als Angehöriger und Profi beschreiben die Autoren, wie dieses Vorhaben gelingen kann. Schlimme, Scholz und Seroka berichten auch von den Anstrengungen, Herausforderungen und Rückschlägen – eine Garantie für ein Gelingen kann es nicht geben.

Mit viel Akribie haben die Autoren aus ihren langjährigen Erfahrungen und mit Bezug auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse alltagstaugliche Regeln für einen nachhaltigen Reduktions- und Genesungsprozess abgeleitet.

Über die Autorinnen und den Autor

Jann E. Schlimme: Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er führt eine eigene Praxis für Psychosebegleitung und Psychosenpsychotherapie in Berlin, ist Privatdozent für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover und hat verschiedene Lehraufträge für Sozialpsychiatrie.

Thelke Scholz: Expertin aus eigener Erfahrung, arbeitet freiberuflich als Referentin u. a. zum Thema Recovery und Medikamentenreduktion.

Renate Seroka ist Angehörige und Sprecherin des Fachausschusses Psychopharmaka in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie.

Weitere Bücher von Jann E. Schlimme und Zeitschriften mit Beiträgen von ihm im Antipsychiatrieversand: Die abklingende Psychose. Verständigung finden – Genesung begleiten · Kerbe – Forum für soziale Psychiatrie, Heft 2/2018: Themenschwerpunkt Psychopharmaka – Segen oder Fluch?

Rezension

Generell gilt, schreibt das Autorenteam in der Einleitung, dass das Reduzieren und gegebenenfalls Absetzen von Neuroleptika eine gemeinsame Suchbewegung aller Beteiligter sei. Damit ist die Richtung des Buches vorgegeben: Es geht im Wesentlichen um das vom Arzt und den Angehörigen gutgeheißene Absetzen von Neuroleptika, also den Idealfall mit einem unterstützungswilligen sowie kompetenten Arzt und mit gutwilligen und aufgeschlossenen Angehörigen – leider für viele Betroffene ein Wunschtraum, so das Autorenteam.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste befasst sich mit dem Genesungsprozess von Psychosen, wobei immer wieder Querverweise auf das Buch »Die abklingende Psychose – Verständigung finden, Genesung begleiten« von Jann Schlimme und Burkhart Brückner von 2017 erfolgen, und Herausforderungen beim Reduktionsprozess. Im zweiten Teil geht es um die Grundregeln beim Reduktionsprozess. Im dritten Teil stellt das Autorenteam Überlegungen an zur Reduktion und Genesungsbegleitung im Gesamtrahmen der gemeinsamen, durch eine inhumane Einstellung zur Erfahrung von Psychosen geprägte Lebenswirklichkeit. Um so wichtiger sind die Maßnahmen, die das Autorenteam den Betroffenen zum Bewältigen des Absetzprozesses vorschlägt. Sie sind nicht unbedingt neu, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen: Geduld, Vorausverfügung, Absetztagebuch, Psychotherapie, Beruhigungs- oder Schlafmittel in Krisensituationen, Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, gegenseitige Beratung in der Selbsthilfegruppe, Körpertechniken, pflanzenheilkundliche Präparate inkl. Cannabidiol, Musiktherapie, vernünftig essen und trinken, Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Omega-3-Fettsäuren) und vor allem Schlafhygiene. Und notfalls einen Schritt zurück auf die vorige Stufe, wenn man zu schnell abgesetzt hat und die Entzugsprobleme zu stark werden.
Letztlich, so das Autorenteam, betrete es mit seinem Buch und den darin entwickelten Reduktionsregeln Neuland. Neuland betritt das Autorenteam in der Tat, wenn man die Publikationen insbesondere von Psychiatriebetroffenen und kritischen Psychiatern außer Acht lässt, die seit Anfang der 1990er-Jahre bekannt wurden und in denen dezidiert auf Wege zur Minimierung von Entzugsproblemen und Rückfallgefahren eingegangen wurde, speziell auf Wege, die die Betroffenen mangels Unterstützung alleine gehen müssen (und können). Neuland wird aber auch betreten, wenn der in der psychiatrischen Literatur ängstlich ausgeblendeten Reduktion von Psychopharmaka-Kombinationen und der Problematik des Übergangs von einer Minidosis auf Null eigene Kapitel gewidmet werden. Neu sind auch insbesondere für Mediziner wichtige Tabellen zu Bindungskräften von Neuroleptika an Rezeptortypen, zu unterschiedlichen Rezeptorwirkungen, zu oralen Dosisäquivalenten von Neuroleptika (die wichtig sind für Psychopharmaka-Umstellungen), zu Umrechnungsfaktoren von oralen Dosierungen in Depotdosen (wobei für Absetzwillige die umgekehrte Umrechnung wichtig wäre: Umstellung auf Dosierungen in Tablettenform oder noch besser Tropfen, um eigenständiger Reduktionsschritte vorzunehmen) und zu Abbauwerten und Transportproteinen ausgewählter Psychopharmaka. Da vorgegebene Produkteinheiten oft ein kleinschrittiges Reduzieren verhindern, ist der Hinweis des Autorenteams auf Rezepturen einschließlich Beispielrezepten extrem wichtig: Ärzte können per Rezept Apotheker beauftragen, individuell zugeschnittene Dosierungen herzustellen, die ein Reduzieren in manchmal absolut notwendigen minimalen Schritten ermöglichen.
Das Buch schließt mit einer kurzen Liste von Handlungen, die man beim Absetzen unbedingt vermeiden sollte (beispielsweise kiffen, koksen oder abrupt absetzen), sowie einem Text zur Aufklärung von Patientinnen und Patienten, wie ihn Uwe Gonther im Ameos-Klinikum Dr. Heines in Bremen einsetzt. Hier wird die »medikamentöse Behandlung« als Teil des Behandlungskonzepts erläutert und erklärt, dass das Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka nach verabredeten Regeln ebenso zu einer verantwortungsvollen Therapiegestaltung gehöre wie deren Ansetzen. Hier würde ich mir die noch weitergehenden »Aufklärungsbögen Neuroleptika« wünschen, wie sie in einigen psychiatrischen Kliniken in Rheinland-Pfalz angeboten werden. Dort weist man darauf hin, dass Neuroleptika nur als eines von mehreren Behandlungsangeboten gelten; dass es nicht-psychopharmakologische Alternativen gibt; dass es Sache der Patientinnen und Patienten ist zu entscheiden, welche Angebote sie annehmen; und dass sie im Krisenfall auch dann auf einer psychiatrischen Station willkommen sind, wenn sie keine Neuroleptika wollen.
Wer sich für nicht-psychopharmakologische Alternativen entscheiden kann, wäre vom Problem der Medikamentenreduktion gar nicht erst betroffen. Wie sagte 2010 die deutsche Internistin Jutta Witzke-Gross? »Es ist auch immer daran zu denken, dass eine Möglichkeit, Medikamente abzusetzen, die ist, mit dem Medikament erst gar nicht anzufangen.«

Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten