Lilla Sachse Kartoniert,
171 Seiten, 14,5 x 21 cm, ISBN 978-3-926200-44-0. Neumünster: Paranus
Verlag Die Brücke 2000. € 19. / sFr 28.50 / sofort lieferbar
Autorin | Inhaltsverzeichnis | Einleitung | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Erfahrungsbericht einer Psychoanalytikerin/Psychiaterin nach 28jähriger Arbeit mit »psychotischen« Frauen und deren Schwanger- und Mutterschaften Original-Verlagsinfo Die Psychoanalytikerin Lilla Sachse ist mit dem von ihr gegründeten »Biotop Mosbach« bekannt geworden, in dem eine Gruppe die Rolle des Wegbegleiters durch psychotische Krisen übernimmt. Während dieser beispielhaften Arbeit hat sie auch viele psychotische Mütter unterstützt bei der Entscheidungsfindung, bei der gesunden Abgrenzung von der Herkunftsfamilie und auf dem oft schwierigen Weg, eine »ausreichend gute Mutter« zu werden. Sechs von diesen Müttern und ein Paar stellt Sachse in diesem Buch detailliert und lebendig mit Biographien und Interviewergebnissen vor, skizziert die jeweiligen Psychodynamiken und beschreibt ausführlich ihre unmittelbaren Erfahrungen in der therapeutischen Begleitung. Darüber hinaus hat Sachse die einschlägige internationale Literatur
in dieser Fülle wohl einmalig gesichtet und im Anhang dokumentiert.
Sie bezieht die relevanten Forschungsergebnisse ihrer Kolleginnen und Kollegen
in die Diskussion der (Psycho)Analysen psychotischer Mütter mit ein und formuliert
schließlich Empfehlungen für therapeutische Konsequenzen. »Auf
diese Erfahrung möchte ich nicht verzichten!« sagt Sabrina, eine der
für dieses Buch interviewten Mütter, und meint damit die Erfahrung,
ein Kind zu bekommen und aufzuziehen. Eigentlich eine ganz normale Geschichte.
Und doch ist sie anders, denn Sabrina hat auch Erfahrung mit psychotischen Episoden. Lilla Sachse, geb. 1942 in Ungarn, verließ 1956 anlässlich des ungarischen Aufstandes das Land, studierte Medizin in Freiburg und Wien. 1968 Staatsexamen, 1970 bis 1974 Facharztausbildung in Heidelberg, psychoanalytische Ausbildung von 1971 bis 1976. 1974 bis 1976 an der Psychiatrischen Landesklinik Wiesloch. 1976 Niederlassung als Psychiaterin und Psychoanalytikerin in Heidelberg. Seit 1984 eigene Praxis in Mosbach. 1994 gründete sie das »Biotop Mosbach«, das sie bis Herbst 1998 leitete. Über dieses innovative Projekt schrieb sie das Buch »Heilsame Erfahrungen Ein Gruppe als Wegbegleiter durch psychotische Krisen«, das 1998 erschien (und mittlerweile vergriffen ist). I.
II.
III.
IV.
Die Themen »Schwangerschaft bzw. Mutterschaft psychotischer Frauen« sowie »Kinder psychotischer Mütter« werden in der deutschen Fachliteratur eher stiefmütterlich behandelt. Von den etwa 300 von mir durchgearbeiteten Extrakta und Veröffentlichungen zu diesen beiden Themen stammen lediglich 30 aus Deutschland. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Themen Aspekte unserer wohl immer noch nicht gänzlich bewältigten Vergangenheit berühren, wobei die entsprechenden Fakten aus dieser Vergangenheit keiner Erwähnung bedürfen sollten. Heutzutage gibt es keine Zwangssterilisationen mehr, es ergehen auch keine Sterilisationsempfehlungen mehr an psychisch kranke Frauen. Anstelle gewalttätiger Übergriffe in diesem Bereich ist die Strategie der Entmutigung getreten. Diese wirkt sich in der Umgebung der psychisch Kranken suggestiv aus, weil die Umgebungspersonen der Schwangerschaft gegenüber große Bedenken, Aggressionen und gelegentlich auch eine ausgesprochen restriktive Haltung entwickeln. So kann die psychisch kranke Frau weder von der sozialen Umgebung, noch von den ärztlichen Betreuern auf hilfreiche Begleitung hoffen. Ein Beispiel ärztlicher Machtausübung in einer solch lebensgestaltenden Entscheidungskrise soll das oben Gesagte illustrieren, wobei es sich, glücklicherweise, um einen besonders krassen Einzelfall handeln dürfte, der sich Ende der sechziger Jahre ereignete. Eine hochbegabte und sehr ehrgeizige südländische Medizinstudentin gerät durch massive Verluste, Trennung von der muttersprachlichen Umgebung und Beziehungskonflikte im zweiten Semester des Medizinstudiums in einen akut psychotischen Zustand mit überwiegend ekstatischen Erlebnissen. Die anschließende Hospitalisierung bringt rasche Besserung, die Symptome verschwinden, so dass wir im Nachhinein von einer funktionellen Psychose oder einer psychotischen Episode im Rahmen einer massiven Identitätskrise ausgehen müssen. Ihr wird allerdings von freundlichen und vertrauenswürdigen Ärzten geraten, das begonnene und von ihr hoch geschätzte Medizinstudium aufzugeben und sich sterilisieren zu lassen, da diese beiden Lebensziele für sie nun durch die Erkrankung unerreichbar geworden seien. Verwirrt und verworren, fern ihres Vaterlandes, ohne wirkliche Vertraute lässt sie sich auf diese Vorschläge ein. Eine zweite kurze psychotische Episode, wohl ebenfalls entstanden aus der Fremdheit der Umgebung, aus der mangelnden Verwurzelung und aus der inzwischen bestehenden Orientierungslosigkeit infolge des Verlustes ihrer Lebensziele, scheint diese Empfehlung im Nachhinein zu rechtfertigen. Danach ist sie allerdings nicht mehr psychotisch geworden. Eine langjährige Psychotherapie vermag ihre Bereitschaft, zu psychotischen Lösungen zu greifen, extrem zu reduzieren. Sie arbeitet in unterschiedlichen Bereichen erfolgreich, als Dolmetscherin, als Fremdsprachensekretärin etc., ohne von ihrem Interesse an dem medizinischen Beruf Abschied nehmen zu können. Sie heiratet einen in der Öffentlichkeit stehenden Politiker, an dessen Seite sie durchaus imstande ist, anspruchsvolle repräsentative Aufgaben mühelos zu bewältigen. Sie wird nach qualifizierter Ausbildung Heilpraktikerin, wobei diese Ausbildung für sie sicher nur einen minderwertigen Ersatz für eine Tätigkeit als Ärztin bedeutet. Dieser Frau, die souverän gesellschaftliche Funktionen erfüllt, sich tief und eingehend auf Alterspatienten und Krebskranke einlässt und zahlreiche Erfolge erzielt, wurde die Fähigkeit abgesprochen, eine hinreichend gute Mutter zu sein. Im krassen Gegensatz dazu werden unzählige sogenannte Normalfrauen schwanger, weil die Verhütungsmaßnahmen versagen oder vergessen werden oder weil sie der Überzeugung sind, ihren Mann über das Kind besser binden zu können, oder gar, dass die bürgerliche Familie nur durch Kinder komplett sein könne, möglicherweise ohne jemals über die Veränderungen ihres Lebens zu reflektieren, die mit der Mutterschaft notwendigerweise einhergehen werden. Der ärztliche Umgang mit meiner Patientin ist vielleicht das krasseste Beispiel für die Beurteilung der Fähigkeit bzw. Unfähigkeit psychotischer Frauen, gute Mütter zu sein. Direkte Empfehlungen zur Sterilisation ergehen an diese Frauen wie gesagt heutzutage, Ende der neunziger Jahre, nicht mehr. Eine indirekte Art, die der Entmutigung und Versagung der Unterstützung, hat sich statt dessen eingebürgert. Die Missbilligung teilt sich eher atmosphärisch mit, wird seltener deutlich ausgesprochen, bleibt somit schwer nachweisbar. Freundschaftlich solidarisch wird gewarnt, Unheil wird vorausgesagt, vor gehäuften Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt gewarnt, die nachfolgenden Schwangerschaftspsychosen werden ins Feld geführt, die dann eine Serie von psychotischen Erkrankungsphasen nach sich ziehen können. Mehr oder weniger vorwurfsbeladen oder gar anklagend wird auf das hohe genetische Risiko hingewiesen, das eine solche Schwangerschaft schafft, und die antizipierte Unfähigkeit der psychotischen Frau, ihrem Säugling eine echte Entwicklungschance zu bieten, erörtert. Diese Einstellung
ist sicher nicht unbegründet, resultiert sie doch aus den Erfahrungen mit
unzähligen Fällen von ebenso komplizierten und für alle Beteiligten
leidvoll verlaufenen Schwangerschaften bei dieser Patientenpopulation. |