Marc Rufer
Irrsinn Psychiatrie. Psychisches Leiden ist keine Krankheit. Die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens – ein Irrweg

CoverKartoniert, 230 Seiten, 14,5 x 21 cm, ISBN 978-3-7296-0536-7. Oberhofen am Thunersee: Zytglogge Verlag, 4. Auflage 2009. € 24.50 / sFr 29.40 / sofort lieferbar In den Warenkorb

Vorwort zur 4. Auflage | Autor | Rezensionen von Waltraud Freese, Hanns Schaub | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home
Der Schweizer Arzt und Therapeut über Behandlungsschäden durch Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, Tranquilizer und Elektroschocks, die Fragwürdigkeit des Begriffs der ›psychischen Krankheit‹, die politische Funktion der Psychiatrie u.v.m. Mit einem neuen Vorwort (Mai 2009) versehen. Originalausgabe 1988

Original-Verlagsinfo

Psychisches Leiden ist keine Krankheit. Die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens ist ein Irrweg. Sie erlaubt die Ausübung von Zwang und Gewalt und ›rechtfertigt‹ den immensen Einsatz der – nicht selten tödlichen – Psychopharmaka, deren Nutzen keineswegs erwiesen ist.

Es gibt Menschen, die mit ihrem Verhalten anstossen und stören, Menschen, die leiden, halluzinieren und verwirrt sind. Einige brauchen – für kurze Zeit – Hilfe. Doch diese Menschen sind nicht ›krank‹; sie sind vielmehr Opfer von Lebensumständen, die den ›Gesunden‹ in der entsprechenden Härte erspart blieben. Je unangepasster und ungewohnter sich ein Mensch verhält, je fremder und bedrohlicher er wirkt, desto beruhigender ist es für viele, ihn als biologisch ›krank‹ zu bezeichnen.

Erstaunlich und aufschlussreich, wie sehr der Tiefenpsychologe C. G. Jung bis ins hohe Alter den Ansichten seines Lehrers Eugen Bleuler und damit konservativen psychiatrischen Grundannahmen verhaftet blieb.

Auch die Kriminalisierung der Drogenabhängigen ist ein Irrweg: Rufer plädiert überzeugend für die bedingungslose Legalisierung von Heroin wie auch der übrigen Drogen. Die Prohibition von psychoaktiven Substanzen hat sich immer und überall als Fehlschlag erwiesen.

»Die offizielle Psychiatrie geht davon aus, dass psychische Störungen Krankheiten im medizinischen Sinn ohne Bezug zu den gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Das, was die eigenen Werte und Normen in Frage stellt, wird mittels Diagnose pathologisiert und damit unschädlich gemacht. Indem Rufer die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens durch die Psychiatrie kritisiert wird eine Welt ohne Psychiatrie vorstellbar.« (Wochenzeitung WoZ)

Vorwort (Mai 2009)

21 Jahre sind vergangen. Das Buch und seine Aussagen bleiben – leider – nach wie vor sehr aktuell. Nein, besser ist die Situation auch heute nicht.

Nach wie vor wird Menschen die Freiheit entzogen, ohne dass sie ein klar definiertes Gesetz gebrochen haben. Nach wie vor sind und bleiben Zwang und Gewalt das bestimmende Element der stationären Psychiatrie. Vergleichbar Folter, Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch sind Zwangsunterbringungen und Zwangsbehandlungen traumatisierende Erfahrungen mit den entsprechenden, verheerenden Folgen für die Betroffenen (Rufer 2005, 2006). Nach wie vor rechtfertigt die fragwürdige psychiatrische Diagnostik diese Eingriffe. Vergessen wird dabei, dass die Charakterisierung von bestimmten Zuständen und Verhaltensweisen als krank oder abnorm nichts anderes ist als eine willkürliche soziale und moralische Definition, die Handlungsbedarf signalisiert.

Ein Unterschied jedoch besteht. Es ist der Psychiatrie gelungen, ihr "image" ganz wesentlich zu verbessern. Den PsychiaterInnen kam dabei eine Entwicklung zu Hilfe, an der sie in keiner Weise beteiligt waren: die grossen "Fortschritte" der Neurobiologie. Die Neurobiologie boomt, Staat und Industrie investieren Milliarden. In den Medien werden die Befunde der Hirnforschung zu Riesenerfolgen aufgebauscht. Die Hirnforschung ist dabei, sich zur neuen Gesellschaftslehre aufzuschwingen. Eine neue Mythologie ist entstanden – die Neuromythologie (Rufer 2006). Psychiatriekritik, bereits zuvor kaum existent, wurde dadurch praktisch verunmöglicht, ja tabuisiert.

So ist denn auch für die allermeisten klar, dass die Balance der Neurotransmitter die psychische Befindlichkeit des " kranken" wie auch des "gesunden" Menschen bestimmt. Damit wird der Konsum von Psychopharmaka, die angeblich eine gestörte Konzentration der Neurotransmitter zu korrigieren vermögen, zur unangefochtenen Selbstverständlichkeit. Dass es sich dabei um nichts anderes als eine schlecht belegte Hypothese handelt, fällt kaum jemandem mehr auf.

Es gibt nun die neuen Antidepressiva (vor allem die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und die neuen, respektive die atypischen Neuroleptika. Die Werbung spricht von grossen Vorteilen dieser wesentlich teureren Psychopharmaka, besserer Wirksamkeit, besserer Verträglichkeit. Nichts davon ist wahr. Eine therapeutische, bzw. eine heilende Wirkung ist auch für keine dieser neuen Substanzen nachgewiesen. Und noch immer ist es oft kaum zu entscheiden, ob die Beschwerden der Betroffenen "krankheits"- oder behandlungsbedingt sind. Die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer vergrössern die Tendenz, Selbstmord zu begehen. Atypische Neuroleptika bewirken eine bisweilen enorme Gewichtszunahme, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und Schlaganfälle. Zusammen mit plötzlichem Herztod und einer Zunahme der Suizide erklärt dies die verkürzte Lebenserwartung der KonsumentInnen dieser "Wundermittel".

Desungeachtet macht die Pharmaindustrie mit diesen Substanzen fette Gewinne. Wie es dazu kommt, zeigt unter anderem eine der Parolen, die der ehemalige Pharmachef des Pharmamultis Novartis, Thomas Ebeling, vor einigen Jahren an seine Mitarbeiter verschickte: "Do whatever it takes. Kill to win – No prisoners." Es zeigt sich hier eine Haltung, in der der Verkaufserfolg erste Priorität hat, und das Wohl der PatientInnen keine Rolle mehr spielt.

[Quelle: Rufer, Marc, 2006: Neuromythologie und die Macht der Psychiatrie. In: Widerspruch Heft 50, Zürich, S. 145-156]

Foto von Marc Rufer

Der Autor

Dr. med., Psychotherapeut. Nach Abschluss meines Medizinstudiums arbeitete ich als Assistenzarzt in einer grossen staatlichen Psychiatrischen Anstalt. Von Anfang an tat ich mich sehr schwer mit der psychiatrischen ›Diagnostik‹ und ›Behandlung‹ von psychischen ›Störungen‹. Den Schritt zur Kritik der Psychiatrie als Ganzes machte ich erst nach einer Zeit der intensiven Auseinandersetzung. Mit meinen Büchern und vielen Zeitschriften- und Zeitungsartikeln versuche ich, psychiatriekritische Gedanken öffentlich zu machen.

Weitere lieferbare Titel von Marc Rufer oder mit Beiträgen von ihm:

Rezension von Waltraud Freese: Ratlosigkeit in der Ordnung

in: taz (Die Tageszeitung), 27. November 1991

Marc Rufer, Arzt und Psychotherapeut in Zürich, hat sein zweites psychiatriekritisches Buch verfasst. Wer ist irr? versammelt fünf Essays, die aus unterschiedlichen Perspektiven problematische Seiten der Gegenwartspsychiatrie beleuchten. Zwei »fiktive« (Rufer-) Geschichten bilden hierfür den Rahmen; der als schizophren diagnostizierte Eugen, der »manische« Martin.

Wenn hier die Innenansicht von zwei Menschen, die – je unterschiedlich – an sich und ihrer Umwelt, vor allem aber an einer keineswegs spektakulären, sondern tagtäglich praktizierten Behandlung leiden, offenbart wird, stellt sich so eine sinnvolle Verknüpfung zu den fünf Abhandlungen her. Mögen psychiatriekritische Gedanken gesamtgesellschaftlich gegenwärtig eher randständig sein, es geht dabei eben nicht nur um Theorie, sondern vor allem um eine Praxis, die Menschen nicht heut, sondern zurichtet (Eugen) oder vernichtet (Martin).

Wenn Rufer dann in seinem Aufsatz Von der Produktion der »Geisteskrankheiten« durch die Psychiatrie dem medizinisch-biologischen Modell der Psychiatrie einen vorwiegend soziologisch orientierten Deutungsversuch gegenüberstellt, so ist dies weder neu – der Autor selbst verweist auf Goffman und Scheff, beide entwickelten ihre soziologische Perspektive in den Vor-68ern – noch wird sie von »fortschrittlichen« Psychiatrietätigen geleugnet; theoretisch ist sie in ein (verwässerndes) multikausales Modell eingebaut.

Praktisch jedoch gilt insofern das medizinisch-biologische Modell, als inner- und außerhalb der Anstalt pharmakologisch »operiert« wird, sozialarbeiterische und psychologische Aktivitäten werden eher zu Erfüllungsgehilfen.

»Die Psychiatrie hat ihre Unschuld endgültig verloren«, so postuliert es Rufer in seinem zweiten Essay. Angefangen von der Ratlosigkeit des Emil Kraepelin, den – zu Beginn seiner Tätigkeit – abstoßende Bilder aus der Münchner Kreis-Irrenanstalt noch in den Nächten heimsuchten, der die Wut, Verzweiflung, Resignation und Klage seiner Patienten nicht aushalten konnte, so dass er sich unter anderem durch Ordnen, Bestimmen, Klassifizieren, Beobachten schützte und die Idee der Krankheitseinheit entwickelte. Kraepelin legte – um die Jahrhundertwende – die Grundlage für das bis heute gültige Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (ICD), das eine kulturübergreifende Übereinstimmung seelischer Krankheit suggeriert.

Die »Ratlosigkeit«, die Kraepelin in seinen Lebenserinnerungen zugibt, die eingeschränkte Wahrnehmung, die er als Bewältigungsmechanismus einsetzte, hat sich heute bei langfristig in der Psychiatrie Tätigen gehalten, denn – so sieht es Rufer – nur mit abgestumpften Gefühlen lässt sich diese Arbeit überhaupt ertragen. Früher wurden Deckelbad, Elektrizität, Schocktherapie mittels Cardiazol und Insulin und schließlich das Messer des Psychochirurgen eingesetzt. Heute sind es wiederum vermehrt Elektroschocks, vorwiegend jedoch Neuroleptika – in ihrer Auswirkung und Langzeitwirkung für die Patienten keineswegs humaner.

Wenn sich der Blick des Autors rückwärts richtet, wenn er die Unschuld der Psychiatrie in Frage stellt, lässt sieh das dunkelste Kapitel der Vergangenheit nicht ausklammern. Als Schweizer interessieren ihn Geschichte und Aktualität der Erbbiologie in der Schweizer Psychiatrie; dieser geht er in seinem Aufsatz Der Balken im Auge: Rassismus und Psychiatrie nach.

Die unaufgearbeitete Geschichte wirkt diesseits und jenseits der Grenzen und Mauern. Es genügt nicht mehr, die Massenermordung der Psychiatriepatienten während der NS-Zeit zwar wahrzunehmen, über die Humangenetik jedoch ein Feigenblättchen zuhalten. Deren Resultate und Konsequenzen wurzeln ja ebenfalls in der Rassenhygiene des NS-Staates.

Wenn Rufer im vorangegangenen Essay die historische Verbindung von Rassismus und Psychiatrie aufdeckt und davor warnt, den Massenmord an PsychiatriepatientInnen im NS-Staat als spezifisch und ausschließlich deutsches Problem abzutun, wenn er feststellt, dass der Genozid an den Juden auf der Grundlage derselben eugenischen Vorstellungen stattfand, so dient ihm ein weiterer Beitrag zur Vertiefung der Fragestellung, inwieweit ethnischer Rassismus und Theorie und Praxis der Psychiatrie miteinander übereinstimmen. Am Ende steht die Erkenntnis: Ethnischer und psychiatrischer Rassismus sowie Sexismus sind Biologismen. Pseudowissenschaftliche Begründungen ermöglichen die Unterdrückung von ungezählten Menschen. Aber: »... Menschen, die in den Machtbereich der Psychiatrie geraten, dürfen das Ziel, eine Widerstandshaltung zu erlangen, nie aufgeben. Es darf nicht vergessen werden, dass auch unter extremen Bedingungen die Möglichkeit besteht, sich zu wehren. Und weil dies für Psychiatriebetroffene so enorm schwierig ist, bedarf es der Solidarität der Nichtbetroffenen.«

Im letzten Essay schließlich, Sadomasochismus und Psychiatrie, stellt Rufer nicht nur die der Psychiatrie bis heute immanenten Strukturen, sondern vor allem den Berufscharakter der in ihr als Psychiater Tätigen ins Zentrum seiner Betrachtung. Zugrunde legt er Überlegungen von Erich Fromm zum »sadistischen Charakter« und geht beispielsweise von der Annahme aus, dass »sadistische Menschen« sich von der Psychiatrie und ihren Praktiken angezogen fühlen. Wenn Fromm feststellt, dass das »Charakteristikum der sadistischen Herrschaftsausübung (...) darin besteht, dass in ihr der Beherrschte zum willenlosen Objekt des Beherrschenden wird«, so sagt Rufer zwar, dass nicht jede(r) Psychiatriebetroffene ein willenloses Objekt ist, die Psychiatrie aber diesen Zustand unter dem Deckmantel der Sorge um die Patienten erzeugen kann: »Wer einmal Menschen, die mit hohen Neuroleptika-Dosen »behandelt« werden, unvoreingenommen betrachtet hat, der kann nie mehr darüber hinwegsehen.«

Neben den Essays zeigt Rufer in den Leidenswegen von Eugen und Martin mit großer Sensibilität, dass »psychotisches« Erleben einfühlbar ist, dass es manchmal nur ein kleiner Schritt ist, der über die Grenze zwischen normal und abnorm führt. Wer ist irr? ist (auch) ein – lesenswertes – Pamphlet.

Rezension von Hanns Schaub

Unter dem Titel »Irrsinn Psychiatrie« hat Marc Rufer eine Schrift herausgebracht, in der er seine Thesen »Psychisches Leiden ist keine Krankheit« und »Die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens – ein Irrweg« zu untermauern sucht. Der Autor weiss, wovon er spricht – war er doch selbst als Assistenzarzt in einer psychiatrischen Klinik tätig. Die Kritik an den Methoden der konventionellen Psychiatrie ist ursprünglich von den USA ausgegangen – mit Verspätung scheint sie nun auch hier einzusetzen. Ebenso engagiert wie kenntnisreich beschäftigt sich der Autor mit Themen wie Zwangspsychiatrisierung, schädliche Methoden pharmakologischer und operativer Therapien, Fragwürdigkeit und kontraproduktive Auswirkungen des verschärften Betäugungsmittelgesetzes. Nicht zuletzt aber ist das Buch ein Plädoyer für Toleranz gegenüber abweichendem Individual- und Sozialverhalten, sofern sich solches nicht sozialschädigend auswirkt. Es bleibt zu hoffen, dass Marc Rufers durchaus berechtigte Anliegen nicht allein auf fruchtbaren Boden fallen mögen, sondern darüber hinaus Veränderungen auszulösen vermöchten.

in: Solothurner Zeitung, 26. Januar 1989