Pro Mente Sana Aktuell
Mannsein und psychische Erkrankung

CoverZeitschrift, 40 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des vergriffenen Heftes 3/1999. € 5.30 / sFr 7.95 / sofort lieferbar In den Warenkorb

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Neben dem Artikel "Die Schande, kein 'richtiger Mann' zu sein. Erfahrungen schwuler, hetero- und bisexueller Männer" von Guy Holmes & Geoff Hardy in "Statt Psychiatrie 2" die einzige brauchbare Publikation zu einem zu Unrecht völlig vernachlässigten Thema. Mit kontroversen Beiträgen von Sturmius Wittschier, Rosemarie und Markus Z., Michel Broccard, Birgit Alorfer und Mogens Nielsen, Wiili Fleischhacker und Urs Wolfender, Thomas Benz und Marion Bürgi, Christoph Lüthy, Jean-Dominique Michel, Pascal Müller und Eugen Koller. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.)

Editorial

Lieber Leser, liebe Leserin!

Dass ein Mann in eine schwere psychische Krise gerät, gerade weil er ein Mann ist, liegt wohl näher als uns lieb ist. Da sind die vielen, hohen und auch widersprüchlichen Ansprüche an seine Rolle, die er gar nicht erfüllen kann. Ob er es versucht und scheitert, oder ob er sich den Ansprüchen verweigert, die Folge ist, dass Mann sich immer wieder fragen muss, ob er überhaupt einer ist. Die Krise liegt nahe. Nach Einschätzung des Psychiaters Andreas Wyler werden viele Männer deshalb krank, weil ihnen aufgrund des leistungsorientierten Männlichkeitskonzepts wesentliche Instrumente zur Lebensbewältigung nicht zur Verfügung stehen (siehe Artikel S. 11). Der Befund des Psychotherapeuten Sturmius Wittschier ist ebenso hart: Männer leiden im Kern daran, dass sie sich als Mann wertlos fühlen (siehe Artikel S. 4).

Und dann, wenn die Krise unausweichlich ist. Was passiert dann mit uns Männern? Ist ein kranker Mann noch ein Mann? »Als Mann darfst du gar nicht krank sein, schon gar nicht psychisch krank, und erst recht nicht, es dir eingestehen« sagte der betroffene Rainer während der Vorbereitung zu diesem Heft. Psychische Erkrankung erscheint als pures Gegenteil von Mannsein, scheint die Identität des Mannes grundlegend in Frage zu stellen.

Was brauchen Männer? Was brauchen sie, um gesünder zu bleiben? Was brauchen Sie in der Krise? Zuallererst eine bestimmte Einstellung. Wenn die Haltung, dass Männer ihrem Leiden Ausdruck geben dürfen, zur Selbstverständlichkeit wird, dann wird es normaler werden, dass Männer sich früher mit dem auseinandersetzen, was sie quält – bevor sie krank werden, bevor sie süchtig oder gewalttätig werden. Dann werden aber auch die psychiatrischen und sozialpsychiatrischen Angebote männerspezifische Inhalte aufnehmen. Die seit vier Jahren bestehende Männergruppe auf der Psychotherapie- und Rehabilitationsstation der Klinik Münsterlingen (TG) hat dazu geführt, dass männerspezifische Themen und der Umgang von Männern mit psychischen Krisen ein grösseres Gewicht in der Therapie bekommen haben. Der Anteil der Männer auf dieser Station hat sich nicht zuletzt deswegen beträchtlich gesteigert (siehe Artikel S. 21).

Drei Männergruppen kommen in diesem Heft zu Wort, eine stationäre, eine ambulante und eine Selbsthilfegruppe. Solche Gruppen bieten die Möglichkeit, den männerspezifischen Fragestellungen Raum zu geben. Ich konnte während den Vorarbeiten zu diesem Heft bei allen drei Gruppen teilnehmen. Ich war tiefbeeindruckt. Diese Männer, von denen man gerne sagt, sie könnten nur über Politik, Sport und Frauen reden, sie stünden in Konkurrenz miteinander, sie vermöchten – wenn überhaupt – nur mit einer Frau über ihre tiefen Gefühle zu sprechen, diese Männer sind anders: In Münsterlingen erfahre ich ein grosses Vertrauen und eine Grundsolidarität zwischen den Männern: man lacht einander nicht aus; was gesagt wird, bleibt innerhalb der Gruppe; man sucht die Kritik des andern; man hat das Gefühl, der andere wisse, wovon man rede (Siehe Artikel S. 21). In der ambulanten Gruppe in Thun berührt mich der Mut und die Ausdauer, mit denen sich diese Männer ihrem Schmerz stellen (Siehe Artikel S. 11). In der Selbsthilfegruppe in Zürich geht es am Abend meines Erscheinens einem Mitglied schlecht. Ich erfahre, wie sieben Männer sich engagiert um diesen Mann kümmern (siehe Artikel S. 26).

Pro Mente Sana hat im Laufe der letzten Jahre verschiedene frauen-spezifische Aktivitäten unternommen. Nun wollten wir mit diesem Heft einmal nach den Beziehungen von Mannsein und psychischer Erkrankung fragen. Es kann damit nur ein Anfang gemacht sein. Für viele Themen blieb leider kein Platz. Ich danke allen, die mitgeholfen haben. Besonders gefreut hat mich, wie viele betroffene Männer selber sich geäussert haben. Die Fotografien stammen von Martin Müller, Basel.

Ich hoffe, dass das Heft auf irgendwelchen Wegen den Seelen von jungen und alten Männern zuträglich sein wird.

Herzlich
Christoph Lüthy

Inhaltsverzeichnis

  • 2 ..... Editorial

  • 4 .....Was macht Männer psychisch krank?

  • 8 ..... Was hat mich krank gemacht?

  • 10 ..... Schwermut unter Verschluss

  • 11 ..... Wir haben etwas zu gewinnen

  • 14 ..... Er war nicht mehr mein Mann

  • 16 ..... Psychose und Sexualität – verletzliche junge Männer

  • 18 ..... Modellstation Somosa – die Umbruchphase bewältigen

  • 21 ..... Männerspezifische Therapieinhalte sind nötig

  • 24 ..... Männer auf der Station – zwei Pflegende über ihre Erfahrungen

  • 26 ..... Selbsthilfegruppe für Männer mit Ängsten oder Depressionen

  • 27 ..... Anlaufstellen und Informationen

  • 28 ..... Psychopharmaka absetzen – die Verantwortung für das eigene Befinden zurückerobern

  • 30 ..... Sprachrohr

  • 32 ..... Bücherhinweise

  • 33 ..... Psychiatrieszene

  • 37 ..... Pro Mente Sana informiert

  • 37 ..... Ein Fall aus der Beratung

  • 39 ..... La page romande