Pro Mente Sana Aktuell
Stationäre Alternativen

Cover Zeitschrift, 48 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des vergriffenen Heftes 3/1989. € 6.90 / sFr 7.90 / sofort lieferbar In den Warenkorb
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Über Reformen in Anstalten und Alternativen zur Anstalt: zum Beispiel Milieutherapie im Schlössli, Orthogenetic School von Bettelheim, Kinderexperimentalschule Bonneuil, Soteria Bern, Philadelphia Association London, KommRum-WG Berlin u.v.m. Beiträge von Karl Beine, Manfred Buck, Christian Carroz, Luc Ciompi, Jakob Egli, Jean Marie Gauthier, Irène Häberle, Jay Haley, Edgar Heim, Daniel Hell, Theodor Itten, Heiner Keupp, Kollektiv von Bonneuil, Ronald D. Laing, Stavros Mentzos, Klaus Mücke, Urs Ruckstuhl, Helen Stierlin, Daniel Straussberg, Therapeutische Gemeinschaft Oberi Wosch und Bernhard Wagner. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.)

Editorial

Das Schwerpunktthema dieses Heftes »Stationäre Alternativen« ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil befasst sich mit »Reformen innerhalb der psychiatrischen Klinik« Der zweite Teil »Vollalternativen zur psychiatrischen Klinik« stellt Versuche, die psychiatrische Klinik vollumfänglich durch neue Formen stationärer Betreuung und des Zusammenlebens zu ersetzen, zur Diskussion. Der dritte Teil »Institutionsanalyse der psychiatrischen Klinik« schliesslich geht die psychiatrische Klinik aus einer grundsätzlichen institutionskritischen Perspektive an und stellt institutionsanalytische Instrumente vor (Soziopsychoanalyse und »grupo operativo«). Die Institutionsanalyse tastet eine Institution – immer gemessen an ihrem Ziel nach destruktiven Strukturmerkmalen ab. Hier wird sie vor allem an die konventionelle psychiatrische Klinik angelegt, doch ist es höchst ratsam, sie von allem Anfang an auch in die neuen Institutionen einzubauen. Denn wie schnell verkalkt eine Institution und wird von Eigeninteressen aufgesogen!

Zwei Beiträge, der eine von Prof. J. Oury von der berühmten Reformklinik »La Borde« in Frankreich (Teil 1), der andere über den institutionskritischen Ansatz des »grupo operativo« (Teil 3) erreichten uns erst nach Redaktionsschluss. Sie werden im nächsten Heft abgedruckt.

Warum das Thema »stationäre Alternativen« jetzt? Restaurative Zeiten sind Reformen abhold. Doch meine ich: Institutionskritik ist nie so wichtig, wie in Zeiten, wo das Prinzip Hierarchie mancherorts wieder Urständ feiert, wo erneut Gitter montiert werden, ehedem offene Kliniken ihre Worten schliessen und der Biologismus wuchert. Und überdies: Eine Trendwende vollzieht sich nie automatisch, sie muss vorbereitet werden. Fangen wir an: Jetzt!

In Bereichen, wo Reformen sich halten, zeigt sich einmal mehr, dass die Entwicklung nicht geradlinig nach den Kriterien des Wunschdenkens und dogmatischer Reinheit verläuft. So kommt es vor, dass in einer Klinik, wo die Hierarchie radikal abgebaut ist, weiter Elektroschock appliziert wird, wohingegen diese Methode in konventionelleren Reformkliniken verboten ist. Und es gibt wenige Vollalternativen, die nicht ohne gelegentliche Klinikeinweisungen auskommen.

Dieses Heft ist keine Versöhnung mit dem Bestehenden, es ist auch kein Vorentscheid in der Frage, ob es psychiatrische Kliniken braucht oder nicht. Den Fragen nach dem heilsamen, heillosen oder unheilsamen Milieu muss sich jeder Ort – sei es eine Tagesklinik, ein Kriseninterventionszentrum, eine therapeutische Gemeinschaft oder ein Weglaufhaus –, der Heilsamkeit für sich reklamiert, stellen, immer vorausgesetzt, es gibt allgemeingültige Prinzipien der Heilsamkeit. Das Psychopharmakaheft und die vorliegende Nummer sind zur gleichen Zeit in meinem Kopf entstanden. Sie stehen, wie überhaupt Kritik und positiver Entwurf, Destruktion und Konstruktion, in einem engen dialektischen Verhältnis zueinander. Persönlich glaube ich, dass die Psychopharmakritik nur weiterführt auf dem Hintergrund der Suche nach umfassenden Alternativen. Wir möchten in Zukunft beides: die Psychopharmakritik weiterführen, verfeinern und die Auseinandersetzung mit Alternativen intensivieren. Schreiben Sie uns, wenn Sie von interessanten Projekten wissen.

Vor einigen Jahren war ich selber am Aufbau einer therapeutischen Wohngemeinschaft beteiligt. Ich kenne die Tücken eines solchen Projektes also aus eigener Erfahrung. Wir, das Team, begingen vermeidbare Fehler, weil wir alles auf einen Schlag besser machen wollten und uns keine Irrtümer gönnten. Versagen mündete in Kränkung statt in eine existentielle Erfahrung. Natürlich lauerten die Dogmatiker und Idealtypiker um uns (und in uns), die sich nie die Hände beschmutzen, sondern in endlosen ideologischen Reinigungszeremonien ihr Leben fristen, wie Geier und fielen uns ohne Zögern in den Rücken. Damals habe ich mir folgende Haltung zu eigen gemacht: Maximale Toleranz und Unterstützung allen gegenüber, die sich aufmachen und den Wandel suchen, auch wenn dabei viele Irrtümer anfallen und Fehlentwicklungen vom geraden Weg abgehen. Kritik ja, die braucht's als Korrektiv zu jeder Zeit, aber sie verhält sich solidarisch, solange die Suche anhält. Wo ich aber Immobilismus, tote Routine, reinen Vollzug, Auftragsarbeit, selbstgefälliges Dahinplätschern wittere, da ist es vorbei mit der Toleranz. Denn immerhin sind da, wo wir uns beruflich aufhalten, schwer leidende Menschen im Spiel.

Ich beschäftige mich seit längerem mit dem Milieugedanken. Ein Höhepunkt in dieser Auseinandersetzung war die Begegnung mit dem Lebenswerk von Bruno Bettelheim. Das Buch »Der Weg aus dem Labyrinth« las ich erst, als ich die Arbeit in der Wohngemeinschaft aufgegeben hatte. Ich verschlang das Buch wie einen Roman und die Schuppen fielen mir reihenweise von den Augen. Die Schriften Bettelheims atmen eine schlichte Menschlichkeit, die mich immer wieder verblüfft und nicht mehr loslässt. Ich sah ohne Groll und Selbstvorwürfe, wo wir uns geirrt, verkrampft und verrennt hatten. Das Buch war ein grosser Trost für mich und eine einzigartige Bestätigung meiner Suche nach dem heilsamen Ort, ein Beweis auch, dass Utopien nicht dummes, realitätsabgehobenes Geschwätz bleiben müssen, sondern konkret in Angriff genommen und Wirklichkeit werden können. Dieses Heft ist auch eine persönliche Hommage an einen grossen Mann, den ich für seine Festigkeit, Menschenachtung und die unbeirrbare Suche nach menschenwürdigen Auswegen aus hoffnungslosen Situationen, vor allem aber für die Kraft bewundere, das grösste Grauen, das er in den Konzentrationslagern erfahren hatte, nicht in Hass und Selbstzerstörung, sondern in beispiellose Empathie und in eine eigentliche therapeutische Utopie umgewandelt zu haben.

Noch einiges in eigener Sache: Es ist gewünscht worden, offizielle Stellungnahmen der Pro Mente Sana deutlicher zu kennzeichnen (auch grafisch) und sie so von persönlichen Beiträgen von PMS-MitarbeiterInnen abzuheben. Soll das PMS-Aktuell weiterhin die Funktion eines kritischen Forums für einen öffentlichen Diskurs über die Psychiatrie erfüllen, dann ist diese Trennung sicher notwendig. Artikel der PMS-MitarbeiterInnen sind dann als Beiträge von GastautorInnen unter andern GastautorInnen zu betrachten. Meine Thesen zum therapeutischen Milieu sind also Ausdruck persönlicher Erfahrungen, Überlegungen und Verarbeitungen, die ich im PMS-Aktuell zur Diskussion stelle. (...)

Herzlich Ihr
Urs Ruckstuhl

Inhalt

  • Editorial ..... 2

  • Teil 1. Reformen innerhalb der psychiatrischen Klinik

    • Rückblick von und mit Edgar Heim auf zehn Jahre Milieutherapie im Schlössli ..... 3

    • Der schizophrene Patient in der psychiatrischen Klinik. Was sind seine Bedürfnisse und wieweit wird ihnen entsprochen? ..... 7

    • Breitenau - ein Konzept gegen die Ausgrenzung innerhalb der Psychiatrie. Daniel Hell ..... 9

    • Vom Umgang mit den Unheilbaren und Gefährlichen. Karl Beine ..... 11

    • Für die Emanzipation der Pflege. Manfred Buck .... 13

  • Teil 2. Vollalternativen zur psychiatrischen Klinik

    • Die "Orthogenic School" von Bruno Bettelheim. Urs Ruckstuhl ..... 14

    • Ein Ort zum Leben - die Kinder von Bonneuil ..... 18

    • Der Augenschein von Bonneil. Helen Stierlin ..... 20

    • Das Modell "Soteria Bern". Luc Ciompi ..... 21

    • Gleiches heilt Gleiches. Skizzen zur Philadalphia Association (gegründet 1965 in London). Theodor Itten ..... 22

    • Die therapeutische Wohngemeinschaft. Psychosoziale Alternative oder psychiatrische Nachsorgeinstitution. Klaus Mücke ..... 24

    • Therapeutische Gemeinschaft Oberi Wosch Ringoldingen, 2462 Erlenbach i.S. .....26

    • Einige Thesen zur Behandlungssituation psychotischer Jugendlicher. Daniel Straussberg ..... 27

    • Anregungen der modernen Therapieforschung - Konsequenzen für die therapeutischen Verhältnisse in der stationären Behandlung. Christian Carroz ..... 28

    • Bücher zum Thema ..... 29

  • Teil 3: Institutionsanalyse der psychiatrischen Klinik

    • Elemente für eine Institutionsanalyse der psychiatrischen Klinik. Jean Marie Gauthier ..... 30

    • Die Beziehungen zwischen dem intrapsychischen und dem institutionellen Zwang. Stavros Mentzos ..... 32

    • Gedanken zu einer Psychiatrie. Bernhard Wagner ..... 34

    • Einige Vorüberlegungen für einen heilsamen Ort: 20 Thesen. Urs Ruckstuhl ..... 36

    • Das Buch zum Thema. Heiner Keupp ..... 39

    • "Es stört mich nicht, ein Mensch zu sein. Interview von Theodor Itten mit Ronald D. Laing ..... 41

    • Wie viele Invaliditätsleistungen sparen die Pensionskassen? Irène Häberle ..... 42

    • Die Haftpflicht von psychisch kranken Menschen ..... 42

    • Psychiatrische Kiniken und Geistig Behinderte: Neuere Tendenzen und Konzepte. Jakob Egli ..... 43

  • Rezensionen ..... 44

  • Schizophrene verdienen Familentherapie und nicht gefährliche Medikamente und Management. Jay Haley ..... 46