Pro Mente
Sana Aktuell
Editorial | Inhalt | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Pro-und-contra-Beiträge von Ursula Ammann, Gaetano Benedetti, Manfred Bleuler, Ludger Bruckmann, Tanja Cierpka, Avo Harnik, Peter Lehmann, Hanspeter Meyer, Loren R. Mosher, Urs Ruckstuhl, Isabella Rüegg, Marc Rufer, Andrew T. Scull und Brigitte Woggon. Und mit Lars Martenssons Artikel »Sollen Neuroleptika verboten werden?« (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.) Zunächst die Enttäuschung. Wer der Hoffnung war, auch in der Schweiz, Ursprungsland nicht weniger rassistischer Theoreme und Vorurteile, sei eine Auseinandersetzung über den Rassismus in der Psychiatrie in Gang zu bringen, sieht sich getäuscht. Nichts. Schweigen! Die Fachwelt schreitet großzügig über ein dunkles Terrain der Vergangenheit hinweg, scheint nicht interessiert an einer aufdeckenden Bewältigung. Man fragt sich unwillkürlich: Was braucht es denn da noch? Wer sich alten Irrtümern nicht stellt, so sagt man, ist verdammt, sie in Zukunft zu wiederholen. Das darf nicht sein: Deshalb werden wir nicht locker lassen. Was die »Eugenik, der Rassismus« nicht zuwege brachte, vermag sicher die heilige Kuh »Psychopharmaka«, die wir in diesem Heft ein wenig aus dem Stall nehmen wollen. Es werden ein paar Mythen, die den Blick auf die Wirklichkeit verstellen, zerstört. Als ich mein Vorhaben, eine Schwerpunktnummer über Psychopharmaka vorzubereiten, da und dort streute, wehte mir von namhaften Fachleuten ein seltsames Misstrauen, eine bevormundende Ängstlichkeit entgegen. Von Volksverwirrung war die Rede und davon, dass dieses Thema nicht kontrovers, sondern nur »differenziert« anzugehen sei. Ich ließ mich nicht beirren, dachte, ein Phänomen, das keine Kontroverse mehr verträgt, ist dogmatisch verholzt oder innen faul. Was kann denn der Wahrheit schon geschehen, wenn man ihr auf den Zahn fühlt? Um so angenehmer überraschte mich die umstandslose Zusage aller angefragten Autoren, insbesondere auch der beiden großen »alten Herren« der Schweizer Psychiatrie, einen Beitrag für das PMS-Aktuell beizusteuern. Diese Bereitschaft zum Dialog in einem Bereich, der von Glaubenskriegen lebt und von Schützengraben durchfurcht ist, ist ermutigend. Das Ziel des Heftes ist erreicht, wenn es gelingt, die Kampflinien wieder etwas zu öffnen und hier und dort einen Keil des Zweifels in die Phalanx der Routine und des Selbstverständlichen zu treiben, der dann einen neuen Blick auf die menschliche Tragödie, die sich in der Psychose abspielt, gestattet. Denn gemessen an der Tragweite und dem massenhaften Einsatz der Psychopharmaka ist bekanntlich der Informationsstand der Ärzte gering und die Auseinandersetzung spielt sich auf einem absolut bedenklich tiefen Niveau ab. Ich habe allen Richtungen der Psychiatrie die Möglichkeit zu einer Stellungnahme gegeben. Im letzten PMS-Aktuell erging ferner ein Aufruf an alle Leser, sich zum Thema zu äußern. Die skeptischen bis radikal ablehnenden Beitrage befinden sich in diesem Heft in der Überzahl. Das mag für viele ein Ärgernis sein, allein, mir scheint dies gerechtfertigt. findet doch der affirmative, bejahende Standpunkt leichter und in allen Fachzeitschriften, Lehrbüchern, in der Pharmawerbung und in der psychiatrischen Routine ein bevorzugtes Podest, sich zu präsentieren. Die Neuroleptika stehen in dieser Nummer im Vordergrund. Sie sind wohl die umstrittenste Masse der psychopharmakologischen Medikamente. Schon für die Tagung in Wil wurde diese Begrenzung vorgenommen. Der Umfang eines Heftes, der hier ausnahmsweise sowieso bei weitem überschritten wurde, reicht für die kritische Thematisierung der Antidepressiva und der Tranquilizer nicht auch noch aus. Diese Medikamente kommen nur am Rande und in einzelnen Artikeln zur Sprache. Ferner wurde der ganze psychopharmazeutische Wirtschaftszweig und das Thema der Zwangsmedikation hier fürs erste weitgehend ausgeklammert. Letzteres wird später einmal im allgemeineren Zusammenhang von Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung in einer gesonderten Nummer behandelt. Berichte von Gesunden über Selbstversuche mit Neuroleptika gingen leider keine ein. Wenn man Neuroleptika, die so einschneidend in das bewusste Erleben eines Menschen eingreifen, täglich verordnet, wäre das wenigste, was man von einem Arzt oder Betreuer erwarten könnte, dass er sich selbst einmal der Wirkung dieses Medikaments auslieferte. Auch das Vorhaben des PMS-Teams, sich einem Selbstversuch auszusetzen, um fortan kompetenter und legitimer von einer Sache zu reden, über die man ständig urteilt, ist einstweilen im Sande verlaufen: Ängste. Ausreden. Widerstände aller Art. Das Thema Psychopharmaka geistert an jeder Tagung der Pro Mente Sana herum, es ist eine Hypothek, ein Hemmschuh, der die Tiefensicht behindert, sich klotzig und breitbeinig dem Zugang zu einer ursächlicheren Betrachtung entgegenstellt. Psychopharmaka und die damit verbundenen Rituale sind auch ein Symptom, sie stehen für vielfältige Widerstände. Sie sind allgegenwärtig, wenn es um die menschliche Tragik, um die Bewältigung archaischer Ängste geht, sie drängen sich in den Vordergrund, wenn autonome und selbstheilende Handlungsweisen neue Wege in der Psychiatrie erschließen könnten, so geschehen an der Selbsthilfetagung in Bern. Sie melden sich störend und ablenkend zu Wort, wenn es ums Wohnen, um die Arbeit und die Freizeitgestaltung psychisch Kranker geht. Man tut ohne sie keinen Schritt ins freie Gelände, wie ein drückender Schatten, lähmend, schweben sie über den Gehversuchen einer humaneren Psychiatrie. Und oft spielt an diesen Tagungen die »Opfer-Täter«-Allianz auf wunderbare Weise, die gegenseitige Behinderung funktioniert vortrefflich. Die Professionellen tun sich schwer zuzugeben, dass sie in schwierigen Situationen mit einem andern als ordnungstechnischen Umgang mit der Psychose überfordert sind, die Patienten heften ihre ganze Hassliebe, die geballten Feindbilder auf das Medikament. Die Komplexität des Leidens, der Ohnmacht und Gewalt wird in diesen Diskussionen auf die Spritze zugespitzt, auf ein pillen- und spritzenförmiges Ding verdichtet und reduziert. In dieser Nummer kommt viel Kritik an den Psychopharmaka zusammen. Es taucht die Forderung nach einer rechtlich garantierten Psychopharmaka-freien Behandlung auf. Aber man sollte es auch den Kritikern nicht allzu leicht machen. Kritik wird glaubwürdig nur durch Menschen vermittelt, die bereit sind, unter den gegebenen Umständen ohne Medikamente mit Schizophrenen zu arbeiten, und die sind an einer Hand abzuzahlen. Ich bin allerdings überzeugt: Würde man die Rahmen und Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter radikal verbessern, es fanden sich mehr Menschen, die das Wagnis eingingen. Auf die Psychopharmaka-freie Behandlung und auf stationäre Alternativen in der Psychiatrie werden wir mit Sicherheit zurückkommen. Ich wünsche Ihnen eine spannungsreiche Lektüre! Urs Ruckstuhl
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