Pro Mente Sana Aktuell
Spiritualität in der Psychiatrie – ein Tabu?

CoverZeitschrift, 40 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des Heftes 4/2003. € 5.75 / sofort lieferbar / Derzeit keine Lieferung in die Schweiz In den Warenkorb

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Mit 1 Beitrag einer Betroffenen und einer Reihe von Beiträgen von Psychiatern, Pastoren, TheapeutInnen, Angehörigen usw. Artikel von Regula Kunz, Daniel Hell, Jakob Bösch, Samuel Pfeifer / René Leuenberger, Ralph Sandvoss, Ronald Mundhenk, Isabelle Rentsch, Andreas Knuf, Lisa Kühn, Ariane Zinder. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.)

Original-Verlagsinfo

Die Ausgabe 4/03 der Zeitschrift Pro Mente Sana aktuell fragt nach dem Zusammenhang zwischen seelischer Krise und religiösem Erleben. Seelische Krisen sind oft mit intensiven spirituellen Erlebnissen verbunden. Die Psychiatrie steht diesem religiösem oder spirituellem Erleben in der Regel eher skeptisch gegenüber. Heute finden Religiosität und Spiritualität in der Bevölkerung jedoch wieder ein wachsendes Interesse, und so kann es sich die Psychiatrie nicht mehr leisten, sich diesen Phänomenen gegenüber zu verschliessen. Dennoch wird Spiritualität im psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag noch oft tabuisiert. Fachleute wie Professor Daniel Hell und Dr. Jakob Bösch nähern sich dem kompexen Thema. Betroffene und Angehörige schildern ihre persönlichen Erfahrungen mit psychischen Krisen unter dem Gesichtspunkt spirituellen oder religiösen Erlebens. Nur auf Deutsch erhältlich!

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Heft über das Thema »Spiritualität und psychische Erkrankung« zusammenzustellen, ist mir nicht leicht gefallen, handelt es sich doch um eine sehr komplexe und sehr kontrovers diskutierte Angelegenheit. Einerseits ist die Mehrheit der in der Psychiatrie Tätigen der Spiritualität entfremdet. Anderseits besteht bei kirchlichen wie auch nicht kirchlichen spirituellen Kreisen eine Scheu, sich zu nahe ans Feuer zu wagen und religiöses Erleben von psychisch kranken Menschen ernst zu nehmen.

Sowohl psychisch gesunde wie auch psychisch kranke Menschen geben ihre ganz persönlichen spirituellen bzw. religiösen Erlebnisse nur mit grosser Zurückhaltung preis. Sie scheinen zu befürchten, dass ihr Erleben als Ausdruck von etwas Krankhaftem aufgefasst und damit abgewertet werden könnte.

Was verstehen wir überhaupt als gesund, was als krank, wenn die Grenzen des normalen Tagesbewusstseins überschritten, wenn sich das Numinose Zutritt zur menschlichen Seele verschafft? Wahrscheinlich würden heute die meisten von uns an der geistigen Gesundheit von Mose zweifeln, wenn er uns wegen einer Stimme, die ihn aus einem brennenden Busch zu ihm sprach, zum Ausbruch aus dem uns gewohnten Leben aufrufen würde. Sicher aber würden wir ihm raten, den Stimmenhöreransatz zu beherzigen und sorgfältig zu prüfen, ob er die Ratschläge dieser fremden Stimme beherzigen will oder nicht.

Christina und Stanislav Grof haben den Begriff der »spirituellen Krise« geprägt. Darunter ist ein Prozess der Bewusstseinserweiterung zu verstehen, der mit schweren seelischen und körperlichen Krisen einhergehen kann. Dieser Durchbruch des erweiterten Bewusstseins kann jemanden ungenügend gewappnet treffen und im schlimmsten Fall Auslöser einer schweren psychischen Erkrankung sein. Anderseits ist sicher nicht jede psychische Erkrankung im Zusammenhang mit einer spirituellen Krise zu sehen.

Das Wort Spiritualität ist heutzutage in vieler Munde. Was darunter jeweils verstanden wird, muss zumeist erst geklärt werden. Viele Menschen ziehen den Begriff »Spiritualität« jenem des »religiösen Erlebens« vor und möchten sich damit bewusst von der kirchlich organisierten Religiosität absetzen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch die christliche Spiritualität und Mystik eine lange Tradition hat und heute vielerorts wieder entdeckt und belebt wird. Manche Menschen kleiden ihre spirituellen Erfahrungen in Bilder und Symbole des Christentums. Wenn sich psychisch Kranke als Gott oder als leidender Jesus, als Weltenretter oder Urmutter fühlen, ist dies für sie ein erschütterndes religiöses Erlebnis. Wie sie diese tiefe religiöse Erfahrung verarbeiten und in ihr Leben einordnen können, ist von grosser Wichtigkeit für ihre Genesung. »Es ist nicht das religiöse Erleben, das krankhaft ist« schreibt Daniel Hell, Prof. Dr. med. (siehe Seite X). »Kranke Züge trägt vielmehr das isolierende Festhalten am Auserwähltsein im konkreten Alltag und gegenüber den Mitmenschen.«

Spiritualität ist jedoch nicht nur ein Hort der Unruhe, sondern auch eine Quelle der Kraft: Sie kann den Einzelnen auf einem schwierigen Weg der Entwicklung voranbringen, kann Trost, Geborgenheit und Verwurzelung schenken und sogar die Gesundung fördern. Auch die Schweizer Psychiatrie, so Peter Bäurle, Dr. med., könne es sich auf die Dauer nicht leisten, in einer Zeit der immer knapperen Ressourcen auf den Einbezug der Spiritualität zu verzichten. Wollen wir's glauben und uns darüber freuen.

Ich hoffe, dass dieses Heft einen konstruktiven Gesprächsbeitrag zu diesem schwierigen Thema leisen kann.

Ihre Regula Kunz

P.S. Die Künstlerin Ines Brunold hat uns ihre Bilder über Engelserscheinungen in der Bibel zum Abdruck in diesem Heft zu Verfügung gestellt. Wir danken ihr ganz herzlich dafür.

Inhalt

  • Die spirituelle Dimension psychischer Leidenserfahrung

  • Religiösese Erleben und Psychiatrie: Die historischen Wurzeln eines schwierigen Verhältnisses

  • Da wurden mir die Hölle und der Himmel eröffnet

  • Ist die Psychiatrie gottlos?

  • Psychiatrie auf der Basis von christlichen Grundwerten oder spiritueller Orientierung: Zwei Kliniken stellen sich vor.

  • Spricht Gott nicht mehr aus brennenden Dornbüschen?

  • Der Seele Grenzen dürftest du nicht finden...

  • Anlaufstellen und Informationen

  • Wie kann Gesundung beginnen? Eine Annäherung an das Recovery-Konzept