Pro Mente Sana Aktuell
Gewalt und Zwang vermeiden

CoverZeitschrift, 40 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des Heftes 1/2006. € 6.35 / sofort lieferbar / Derzeit keine Lieferung in die Schweiz In den Warenkorb

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Mehr oder weniger aussagekräftige Beiträge zum Thema "Pro & Contra stationäre und ambulante Zwangsbehandlung", vor allem ein lesenswerter Beitrag von Matthias Krisor (Herne) über "Psychiatrische Arbeit – fast ohne Zwang und Gewalt" angesichts nicht nur "schwieriger Patienten", sondern auch "schwieriger Mitarbeiter". Und mit einem nicht uninteressanten Leserbrief von Samuel Ferrari zur unfruchtbar machenden Wirkung von Zyprexa. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.)

Original-Verlagsinfo

Gewalt und Zwangsmassnahmen sind für psychisch kranke Menschen belastend. Es gibt heute gute Möglichkeiten diese weitgehend zu vermeiden. Ein neues Heft von Pro Mente Sana informiert darüber.

Gewalt- und Zwangsmassnahmen sind für die Patienten wie für die Mitarbeitenden psychiatrischer Kliniken schwer zu ertragen. Viele Betroffene werden durch solche Erfahrungen traumatisiert. Sie verlieren das Vertrauen in die professionelle Hilfe, werden die Erinnerungen an die Zwangsmassnahmen nicht mehr los und versuchen, sich mit einer Haltung von "In diese Klinik kriegt mich keiner mehr!" vor weiteren Traumatisierungen zu schützen. Das Heft stellt Modellprojekte vor, die zeigen, dass eine fast gewaltfreie psychiatrische Arbeit möglich ist: In der Schweiz ist die Kantonale psychiatrische Klinik Breitenau in Schaffhausen auf einem guten Weg zu einer gewaltarmen Behandlung. Zahlreiche Stationsteams von Schweizer Kliniken haben spezielle Trainings absolviert, die Gewalt nachweislich reduzieren.

Ausserdem erzählt eine Frau, wie sie ihre Zwangseinweisungen erlebt hat. Und es wird eine Studie vorgestellt, in der die Erfahrungen und Vorschläge von Betroffenen zur Prävention von Gewalt und Zwangsmassnahmen in psychiatrischen Kliniken erfasst und ausgewertet wurden.

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser

"Bitte mehrere Männer schnell auf Station E!" So lautete der Anruf des Leiters der Nachbarstation. Für mich als Psychologe in einer psychiatrischen Klinik hiess das damals, dem ärztlichen Kollegen sofort Bescheid zu sagen und dann mit ihm zusammen rüber zu gehen, um einen gewalttätigen Patienten zu fixieren. Ein solcher Anruf kam mehrmals pro Jahr. Es dauerte nur wenige Minuten und dann standen wir parat: Ein ganzes Rudel von Ärzten, Psychologen, Pflegekräften und auch der Kunst- oder Musiktherapeut wurde gerufen. Manchmal lenkte der Patient im Angesicht dieser Drohkulisse ein, manchmal entzündete sich seine Wut aber nur noch mehr.

Für PatientInnen genauso wie für Mitarbeitende psychiatrischer Einrichtungen gehören Gewalt- und Zwangsmassnahmen mit zu den belastendsten Erfahrungen überhaupt. Heute wissen wir, dass viele Patienten durch solche Erfahrungen regelrecht traumatisiert werden: Sie verlieren das Vertrauen in die professionelle Hilfe, werden die Erinnerungen an die Zwangsmassnahmen nicht mehr los und versuchen, sich mit einer Haltung von "In diese Klinik kriegt mich keiner mehr!" vor weiteren Traumatisierungen zu schützen.

Lange war die Psychiatrie kaum bereit, sich kritisch mit diesen negativen Folgen der Behandlung auseinanderzusetzen. Leichtfertig klingt da der Satz: "Es gibt kein Leben ohne Gewalt, also kann es auch keine psychiatrische Behandlung ohne Gewalt geben." "Das mag zwar stimmen," wenden VertreterInnen der Betroffenen schon seit Jahren ein, "wir fordern jedoch, dass ihr mit deutlich weniger Gewalt arbeitet als bisher." Als unverkennbares Qualitätskriterium fordern sie deshalb, dass jede Klinik jährlich die Häufigkeit von Zwangsmassnahmen veröffentlicht.

Untersuchungen zeigen sehr grosse regionale Unterschiede, was die Häufigkeit von Zwangsmedikation, Isolierung, Fixierung und FFE betrifft. Diese Unterschiede lassen sich im europäischen Vergleich nachweisen, aber auch innerhalb der Schweiz zwischen den verschiedenen Kantonen. Allein diese Zahlen dürften schon ein Nachweis für die Möglichkeit einer gewaltärmeren Psychiatrie sein. Ausserdem gibt es mittlerweile verschiedene Modellprojekte, die konkret aufzeigen, dass eine gewaltärmere, ja fast gewaltfreie psychiatrische Arbeit möglich ist. Im deutschsprachigen Raum wurden viele Kliniken durch die Arbeitsweise der Psychiatrischen Klinik im deutschen Herne inspiriert. Der dortige Chefarzt Matthias Krisor berichtet in seinem Artikel wie es möglich wurde, dass heute in seiner Klinik deutlich weniger als ein Prozent aller Patienten von Gewaltmassnahmen betroffen sind (siehe Seite 8). Andere Kliniken befinden sich auf einem guten Weg hin zu einer gewaltärmeren Behandlung – beispielhaft berichtet Gerhard Ebner von den Bemühungen in der Psychiatrischen Klinik Breitenau in Schaffhausen (Seite 11).

Die Drohkulisse, die ich eingangs beschrieben habe, entsprang wohl mehr unserer Not und Angst, als dass sie professionell und sinnvoll gewesen wäre. In den letzten Jahren haben wir Fachleute viel dazugelernt, durch welchen Umgang Gewalt bei psychiatrischen KlientInnen vermieden werden kann und wie Gewaltmassnahmen so durchgeführt werden können, dass sie für den Betroffenen möglichst wenig belastend sind. In der Schweiz wurden zahlreiche Stationsteams bereits mit einem Deeskalationstraining geschult (siehe dazu den Beitrag von Diana Grywa auf Seite 18). Studien zeigen, dass die Anzahl der Gewaltereignisse auf den Stationen dadurch abnehmen. Welche Erfahrungen ein Team in der Psychiatrischen Klinik Herisau damit gesammelt hat, schildert der Artikel von Esther Rhiner (Seite 20).

Betroffene selber haben zahlreiche Vorschläge, wie Gewalt in Zukunft vermieden werden kann. Unter anderem erleben sie die Machtverhältnisse in der Psychiatrie als Gewalt fördernd, wie die Studie von Christoph Abderhalden zeigt (Seite 6). Ihre eigenen Erfahrungen mit Zwangseinweisungen schildert Hedwig Schweizer auf Seite 13.

Neuerdings wird im europäischen Raum auch über Möglichkeiten der ambulanten Zwangsbehandlung diskutiert, Gesetzesinitiativen wurden bereits auf den Weg gebracht. Kontroverse Stellungnahmen zu diesem Thema von Dr. med. Ursula Steiner-König (Pro) und Jürg Gassmann, Zentralsekretär von Pro Mente Sana (Contra) finden Sie auf den Seiten 22 und 24.

Die Bilder in diesem Heft stammen von Andre Zehntner. Er war früher Schalterbeamter bei der Post, spielt Gitarre, arbeitet als Gärtner in der Uni-Klinik und gehört zur Künstlergruppe des Zürcher Malateliers "Wolf in der Säule" (www.wolfindersaeule.ch). Seine Bilder können im Atelier gekauft werden (Merkurstrasse 44, Tel. 044 271 78 52).

Ich hoffe, dieses Heft bietet Ihnen viele Anregungen für eine gewaltärmere und damit menschlichere Psychiatrie.

Mit herzlichen Grüssen
Andreas Knuf

Inhalt

  • 2 ..... Editorial

  • 4 ..... Pro Mente Sana informiert

  • 6 ..... Auf PatientInnen hören, Verantwortung teilen, Macht abbauen

  • 8 ..... Psychiatrische Arbeit – fast ohne Zwang und Gewalt

  • 11 ..... Auf dem Weg zu einer offenen, gewaltfreien Psychiatrie: Anspruch und Wirklichkeit

  • 13 ..... Sie fuhren los und funkten irgendwem: "Wir haben sie."

  • 15 ..... Den betroffenen Menschen mit einer fürsorglichen Haltung begegnen

  • 18 ..... Empathie zeigen und Sicherheit vermitteln: Deeskalation konkret

  • 20 ..... Werkzeuge für einen sanfteren Umgang mit Aggressivität

  • 22 ..... Ambulante Zwangsbehandlung: ja oder nein?

  • 25 ..... Wann ist Zwang in der Klinik erlaubt? Wie kann ich mich wehren?

  • 28 ..... Gutes tun, Schaden vermeiden, die Autonomie der PatientInnen wahren

  • 29 ..... Anlaufstellen und Informationen

  • 30 ..... Akut: Zwangseinweisungen – Hintergründe, Risikofaktoren, kantonale Regelungen

  • 32 ..... Sprachrohr

  • 34 ..... Bücher

  • 35 ..... Psychiatrieszene

  • 38 ..... Selbsthilfe

  • 39 ..... La page romande