Pro Mente Sana Aktuell
Biologismus – Stirbt die Seele aus?

CoverZeitschrift, 40 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des Heftes 1/2003. € 5.90 / Derzeit keine Lieferung in die Schweiz / sofort lieferbar In den Warenkorb

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Kontroverse Beiträge von Peter Zingg, Vincent Fink, Christoph Lüthy, Cornelia Schuhwerk, Vina Wyser, Monika Zaugg-Laube, Andreas Knuf und Philipp Nanzer. Und mit dem Artikel »›Atypische‹ Neuroleptika – typische Unwahrheiten« von Peter Lehmann. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.)

Original-Verlagsinfo

Ist seelisches Leiden nur ein Defekt des Neurotransmitter-Haushalts? Viele psychisch kranke Menschen wehren sich gegen diese Sicht. Anlässlich der Brainfair 2003 in Zürich greift Pro Mente Sana das kontroverse Thema auf. In der Psychiatrie zeichnet sich derzeit die Tendenz ab, psychische Krankheiten einseitig als Defekte des "Apparats Psyche" zu verstehen, die es mit pharmakologischen und elektronischen Mitteln zu reparieren gilt. Dieser Biologismus droht andere Modelle zu verdrängen, die menschliches Erleben und Verhalten auch unter psychologischen und sozialen Gesichtspunkten deuten. So fliessen Forschungsgelder zunehmend in biologistisch ausgerichtete Projekte. Der Absatz von Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva boomt. Pro Mente Sana bestreitet nicht dass psychisch schwer beeinträchtigte Menschen, von den neuen Medikamenten und weiteren neurobiologischen Behandlungsmethoden profitieren. Sie will jedoch in der neuesten Nummer ihrer Zeitschrift die Hintergründe und die Einseitigkeit dieser Praxis aufzeigen. Denn dem Biologismus liegt ein Menschenbild zugrunde, welches die Seele letztlich in Abrede stellt und ihre Regungen nur als Vorgänge beziehungsweise Störungen im Neurotransmitterhaushalt auffasst.

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser

Das vorliegende Heft ist ein Kontrastprogramm, eine Berg- und Talfahrt. Es soll eine Momentaufnahme der offiziellen schulmedizinischen Psychiatrie sein. Diese bewegt sich in den letzten Jahren zusehends einseitig und eingleisig auf ein technisches Menschenbild, auf neue »Apparatenkonzepte« hin. Unter dem Überbegriff »Biologismus« werden neuere Entwicklungen und Strömungen innerhalb der Psychiatrie aufgezeigt. In Bezug auf neuere Psychopharmaka (speziell: atypische Neuroleptika) soll das Heft auch einen gewissen Servicecharakter haben.

Was verbinden denn Sie mit Biologie oder Biologismus? Wenn ich mich an den Biologieunterricht in der Schule erinnere, fallen mir zum Thema Humanbiologie vor allem schöne, griffige Bilder, Graphiken und Diagramme ein, die zeigen sollen, wie der Mensch eben funktioniert. Der Mensch wird als System konzipiert und behandelt, das mit Funktionen ausgestattet ist, von aussen oder innen stimuliert wird und sich anpasst. Ist das System beschädigt oder kaputt, soll es repariert werden. Eine Art Maschinen- und Reparaturmodell also. Um zu verstehen, wie etwas funktioniert, können wir es in seine Einzelteile zerlegen oder sogar kaputtmachen – die »Forschungsstrategie des Kleinkindes«.

Die Hirnforschung und Neurobiologie hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte verzeichnet. Wir wissen einiges mehr über die Einzelteile des Gehirns. Die bildgebenden Verfahren können zum Beispiel nachzeichnen, welche Hirnregionen und Netzwerke während eines psychotischen Schubes besonders aktiv sind. Entsprechend wird dann versucht, mittels pharmakologischen oder elektronischen Methoden in diese Zentren einzugreifen. Diese Art von Behandlung oder Zugriff auf den Menschen wird mit immensem Geld- und Forschungseinsatz einseitig vorangetrieben, obwohl wir zum Beispiel heute wissen, dass das Vorkommen eines Gens höchstens 50 Prozent der ursächlichen Faktoren einer (psychischen) Krankheit erklären kann. Und diese Resultate stammen aus der biologistischen Ecke. Ein entscheidender Aspekt dürfte sein, dass die entsprechenden Produktions- und Absatzmärkte florieren und Renditen abwerfen. Biologistische Behandlungsmethoden psychischer Schwierigkeiten lösen Milliardenbeträge in der Medikamentenforschung aus. Immer neue Kunden- und Konsumentenkreise müssen gesucht oder erschaffen werden. Typisch zeigt sich gerade diese Thematik an den sündhaft teuren, aber wohl nur teilweise besseren neuen Neuroleptika. Zweifellos kann mit den neuen Techniken und Substanzen einigen wenigen ganz schwer psychisch kranken Menschen besser geholfen werden als vor zwanzig Jahren. Das »biologistische Dogma« in der Psychiatrie nähert sich aber in bedrohlicher Weise einem Monopol, das zum Beispiel geisteswissenschaftliche, alternativmedizinische oder auch streng psychotherapeutische Ansätze auffrisst. Überhaupt scheint es, dass die Neurowissenschaften das Feld der Humanwissenschaften zusehends beherrschen. Die Neurobiologie und -Physiologie avanciert so zur neuen Grundlagendisziplin, aus der sich alle anderen Denkfiguren ableiten und legitimieren müssen. Dass eine geisteswissenschaftliche Psychologie und Psychiatrie nur noch ein Schatten- oder Exoten-Dasein fristet, wenn wir zum Beispiel die Besetzung der Lehrstühle an den Universitäten betrachten, ist bedenklich und eindimensional.

Die gegenwärtige Entwicklung macht auch vor Kindern nicht halt. Das nützliche, aber auch umstrittene Medikament Ritalin wird zum eigentlichen Renner unter den Psychopharmaka. Damit soll gestressten, überforderten Kindern (denen die Diagnose POS oder ADS angeheftet wird) geholfen werden, in einer zusehends schnelleren und anforderungsreicheren Welt zu bestehen und zu funktionieren (vgl. den Artikel von Vina Wyser.

Werden nicht auch hier komplexe Probleme einfach chemisch »gelöst«? Ich überlasse Ihnen die Antwort und wünsche Ihnen viel Vergnügen und Erkenntnis auf der Berg- und Talfahrt zwischen Biologismus und Medikamenten.

Herzliche Grüsse

Philipp Nanzer

Inhalt

  • 2 ..... Editorial

  • 4 ..... Pro Mente Sana informiert

  • 6 ..... Schöne neue Welt - die Neurowissenschaften im Vormarsch

  • 8 ..... »Ich bin kein Fall für die Reparaturwerkstatt!«

  • 11 ..... Sponsoring von PatientInnenorganisationen: Eine Charta zur Wahrung der Glaubwürdigkeit

  • 14 ..... »Atypische« Neuroleptika – ein Durchbruch?

  • 16 ..... »Atypische« Neuroleptika – typische Unwahrheiten

  • 19 ..... »Nicht gleichzeitig mit Grapefruitsaft einnehmen!«

  • 21 ..... Kann Hirnstimulation bei Depressionen Besserung bringen?

  • 23 ..... Medikamente Ja oder Nein: Im Zwiespalt zwischen Hoffnung und Zweifel

  • 26 ..... POS/ADS: Der Griff zur Tablette ist oft unvermeidlich

  • 29 ..... Anlaufstellen und Informationen

  • 30 ..... »Das Thema Depression bekommt eine Festigkeit und Gültigkeit, die ich bisher vermisst habe.«

  • 32 ..... Sprachrohr

  • 34 ..... Bücher

  • 35 ..... Psychiatrieszene

  • 38 ..... Selbsthilfe

  • 39 ..... La page romande