Thomas R. Müller/ Beate Mitzscherlich (Hg.) Kartoniert,
245 Seiten, 12 Zeichnungen, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-938304-46-4. Frankfurt
am Main: Mabuse Verlag 2006. € 19.80 / sFr 29.50 / sofort lieferbar
Autorenverzeichnis | Inhaltsverzeichnis | Vorwort | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Kontroverse Beiträge von 29 AutorInnen aus der ehemaligen DDR, unter anderem von Klaus Weise, der stolz berichtet, wie er als junger Psychiater das so seine Worte mit viel Engagement begonnene Reformprogramm seines damaligen Chefarztes zur Überwindung der Verwahrpsychiatrie umsetzte in Form von "aktiver moderner Somatotherapie (Elektrokrampf-Insulinschock- und Psychopharmako-Behandlung)". Incl. Berichte derart engagiert Behandelter. Schriftenreihe des Sächsischen Psychiatriemuseums, Band 2. Originalausgabe Original-Verlagsinfo Das Buch versammelt Erzählungen von Zeitzeugen der DDR-Psychiatrie. Patienten und Mitarbeiter wurden in dem von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten Projekt zu ihren individuellen Erfahrungen befragt. Diese subjektiven Erinnerungen, zu Monologen verdichtet, ermöglichen einen vielschichtigen Blick auf die bis heute tabuisierte Alltagsgeschichte der Psychiatrie in der DDR. 28 zu Monologen umgeschriebene Erfahrungsberichte von Betroffenen (19), Psychiatern und Pflegekräften geben Einblick in die DDR-Psychiatrie, speziell Sachsen (Leipzig, Dösen, Rodewisch, Altscherbitz, Waldheim) in den Siebzigern und Achtzigern. Es geht unter die Haut, wie nüchtern, klar und selbstkritisch Menschen, die viele Jahre, oft seit ihrer Kindheit, eingesperrt, elektrogeschockt, "kiloweise" mit Psychopharmaka vollgestopft, gedemütigt und als kostenlose Arbeitskräfte ausgenutzt wurden, ihre Erfahrungen schildern. Da wird für Frank Leupolt die Anstalt Dösen und die Haftanstalt zum "Kurhotel" im Vergleich zu Waldheim und das Waldheim der Siebziger im 64-Mann-Saal ist fast erträglich gegen das der Achtziger, eine Art Arbeitslager mit begleitender Folter. Wenn man die Beschreibungen der Geschehnisse am gleichen Ort zur gleichen Zeit zueinander in Beziehung setzt, entlarvt dies manche Schönfärberei der Mitarbeiter. Z.B. fallen dem damaligen Leiter von Rodewisch, Tilo Degenhardt, an Mängeln nur die Heizungsanlage und die fehlenden Einwegspritzen ein: "Die Patienten haben darunter nicht gelitten." Sie haben, wie Frau Ziehnert, wohl mehr darunter gelitten, dass sie dort bei ihrem ersten Psychiatrieaufenthalt unaufgeklärt "anfangs 21 Tabletten unterschiedlicher Art nehmen musste" und gleich elektrogeschockt wurde, während eine Krankenschwester abgemahnt wurde, weil sie eine Frau nicht allein in der gefliesten Abstellkammer sterben lassen wollte. Degenhardt bedauert es, dass heute Amtsrichter Zwangseinweisungen verfügen, "zu viele fachfremde Leute". Kerstin Kempker, FAPI-Nachrichten |