Gerhard Mell
Mein Name ist Borderline – Die Story

CoverKartoniert, 137 Seiten, 14 x 20,5 cm, ISBN 978-3-932497-17-9. Schweinfurt: Wiesenburg Verlag 1998. € 14.80 / sFr 22.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb

Autor | Rezension in MOMA | Rezension von Heidi Höhn | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite
Geschichte eines in seiner Kindheit missbrauchten Mannes

Original-Verlagsinfo

Die Aufzeichnungen des Autors, die zu diesem Buch bearbeitet wurden, fand der Verfasser während »eines Umzuges unter einem Stapel Bettwäsche im Kleiderschrank.« Und weiter heißt es: »Es ist immer meine Handschrift, ganz egal, ob groß oder klein. Und ich kann mich nicht daran erinnern.« Ein Buch also, an dessen Worte sich der Autor nicht erinnern kann? Jawohl, und dies ist in keinem Falle merkwürdig oder sonderbar!

Von der Mutter misshandelt und vergewaltigt, ebenso von einem ihm Fremden, fiel Mells Vater nichts besseres dazu ein, als darüber hinwegzusehen. Was dann folgt, folgt in unserer Gesellschaft wohl in einer nicht unbeträchtlichen Dunkelziffer; mit dem gewichtigen Unterschied, dass andere ihre Schädigung nicht öffentlich machen.

Das Borderline-Syndrom, an dem Mell leidet, ist angesiedelt irgendwo im Sumpfland zwischen Neurose und Psychose und galt lange Zeit als nicht zu therapieren, Wahnvorstellungen werden zu psychischer Realität, ausschweifende Lebensstile und exzessives Ausleben der eigenen Obsessionen und Schmerzen geraten zum Selbstmord in Raten.

Die Aufzeichnungen, lakonisch nur Die Story genannt, schildern Mells Träume, Phantasien, Qualen. Es sind die luziden Erinnerungen eines gefolterten Kindes, die geschriebenen Worte eines kranken Ichs. Und so mag die Sprache für mach zart besaiteten Leser pornographisch und abstoßend wirken, kleidet die Handlung aber in einen dichten, mehr als passenden Rahmen. Mell hat ein sicheres Gespür für Rhythmus und das Brechen von Tabus, er tut es, ohne dies extra betonen zu müssen. Mell wird heute, wo ihm eine analytische Therapie und eine neue Familie etwas Halt geben, zum Fährtenleser seines eigenen Leidensweges: »... nahm Mutter den Riemen vom Nagel. Ich musste die Hose herunterziehen und mich auf einen Küchenstuhl knien, den Oberkörper auf die Tischplatte legen. Dann schlug Mutter zu. Dabei murmelte sie undeutliche Worte und manchmal beschimpfte sie mich als kleines Dreckschwein (...) Es war eine Qual. Schon auf dem Foto im Kommunionskleid hat Mutter diesen kalten Blick«, um mal eine harmlosere Passage zu zitieren.

Der Autor flüchtet sich an den Gesellschaftsrand, wohnt und streunt durch besetzte Häuser, trinkt sich fast zu Tode: »Ich kotzte und zitterte mich durch die Jahre und die Suizidversuche endeten kläglich lächerlich, da mein Körper schon resistent war. Ich stand Körperlähmungen durch und wachte immer wieder aus dem Tablettenkoma auf (...) ab und zu wurde mein Magen ausgepumpt und ich hatte Platz, um nachzutanken.«

Doch von der eigens körperlich erlebten Hölle sind es auch die Umstände eines »normalen« Alltags, die ihm unsäglich zusetzen und ihn jeder Lebenschance berauben: Panische Angst vor Menschen, um Arbeit zieht er seine Kreise wie ein angeschossenes Tier. Schon als Kind voll des Intellekts, der einem Gedanken macht, mit denen es dann gutgehen kann; etwa, wenn er den Schulunterricht verlässt, weil er dessen Sinn und Zweck anzweifelt.

Gerade in der heutigen Zeit, in der eine angebliche Familienministerin bestreitet, dass in Deutschland Kinderarmut an der Tagesordnung sei, ja, spätestens in dieser Zeit sollte Mells Buch zur Pflichtlektüre werden. Ein nötiges, ein wichtiges Buch!

Urs Böke

Über den Autor

Gerhard Mell, geb. 1955 in Spangenberg/Hessen, arbeitete als Pfleger in Altenheimen, Krankenhäusern, einem Reha-Zentrum für Conterganopfer und einer geschlossenen Abteilung für Kinderpsychiatrie; er war Trödel, Tramp, Weinhändler, Fabrikarbeiter in einer Klopapier- und Brotfabrik, Falafelverkäufer und Szene-Kneipier einer Kreuzberger Kneipe. Jetzt ist er schwerbehinderter Erwerbsunfähiger und Frührentner und arbeitet hauptsächlich als Autodidakt in eigener Sache, der Borderline-Kunst. Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien, z.B. Borderland »Gedichte« im Wiesenburg Verlag.

Rezension 1: Borderland. Innenansichten einer Opferpsyche des Kindsmissbrauchs

»Meine Geschichte ist frei erfunden«, heisst es ziemlich am Anfang von »Mein Name ist Borderline. Die Story«. Das stimmt in mehrfacher Hinsicht, und gleichzeitig wiederum nicht. Die minutiös geschilderten Wahnvorstellungen und Obsessionen eines Menschen, der am Borderline-Syndrom leidet, einem seelischen Zustand am Rande der Psychose, sind zwar Phantasiegebilde, zugleich aber psychische Realität.

Mell erzählt und fantasiert von seinen wirren Schicksalsjahren in einem angeblichen Zuhause, mit einer herrschsüchtigen Mutter und einem Vater, den die Zeit und die Unbill der Gesellschaft kleingekriegt haben; Krieg, nennt man so was auch. Über diese inneren und äusseren Kämpfe und Krämpfe will Mell sich und uns Zeugnis ablegen. Über Verführungen und Verführtsein, über Vorführungen und Zuführungen und den Versuch, sich irgendeine Führung zu suchen. Dabei geraten ihm die Sätze zu einer Ansammlung von Stolpersteinen, zu einem Marathonlauf der Verblendungen und Verschwendungen, der Pein und dem Sieg des Scheins. Über ständige Verluste, die letztlich zum Untergang seines Selbst führten, jenes Ichs mithin, von dem die, die es wissen müssen, behaupten, dass es nur dann gesund sei, wenn es im Rahmen einer Norm sich äussert, die letztlich alle Kraft dazu aufwenden muss, nicht auffällig zu werden.

Gerhard Mell scheut sich nicht, diesen permanenten Untergang mit wehenden Fahnen, wunden und verwundeten Wörtern zu beschreiben, sich zu sezieren, Abgründe aufzudecken, Niederlagen auszukosten. Sex und Suff, Erfahrungen am Rande gewohnter Wahrnehmungsebenen, Ängste, Hoffnung, durch Introspektion, durch Verweigerungshaltung so etwas wie Land gewinnen. Letztlich ist Borderline eine Reise entlang eines Vulkankraters, die uns ungeahnte Schönheit und furchtbare Hässlichkeit offenbart.

Bei aller Traurigkeit der Thematik ist das Buch aber ein Glücksfall, weil hier ein Betroffener über die Fähigkeit verfügt, seine LeserInnen mit hineinzunehmen in eine Welt (der Psychosen- und Suchtproblematik), deren Ausmass in unserer Gesellschaft kaum jemand wahrnehmen möchte. Es wäre gewiss nicht falsch, Gerhard Mells Story zur Pflichtlektüre aller angehenden PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und ÄrztInnen zu machen. Aber jeder, der anspruchsvolle Lektüre schätzt und nicht auf die heile Welt fixiert ist, kann es mit Gewinn lesen.

(aus: MOMA (Zürich), Heft 12.98/1.99, S. 50)

Rezension 2: »Du hattest kein Recht, mein Leben zu versauen«

Kiloschwer wiegen die Bücher, die die Verlage auf unsere Redaktionsschreibtische häufen und die man, kaum hineingeblättert, wieder weglegt. Darunter fand sich nun eine Herbst-Neuerscheinung, die wirklich schwerwiegend ist: »Mein Name ist Borderline – die Story« des Lebens von Gerhard Mell. Der kleine Schweinfurter Wiesenburg-Verlag fand sich bereit, einen ebenso erschütternden wie stilistisch reifen Lebensbericht zu veröffentlichen, einen Bericht, dem sich keiner entziehen kann.

»Ich bin als kleines Kind gefickt worden«, schreibt Ich-Erzähler Gerhard Mell, und er beschreibt, was dieses schreckliche, von der Mutter begangene Verbrechen für sein nunmehr 43jähriges Leben bedeutet. Die »Angst vor meiner Mutter, diesem Mann mit Kittelschürze und Strapsen darunter« führte zu körperlichen Krankheiten, zu Alkoholismus und Drogensucht und zu einer psychischen Disposition, die als »Borderline-Syndrom« beschrieben wird. Ängste, Körperhalluzinationen, Amnesien, Pseudo-Hypersexualität und Sexualhemmung, Störungen des Selbstwertgefühls sind Symptome, unter denen Borderliner leiden.

Das Buch von Gerhard Mell ist weder Ratgeber noch Psychoschnulze. Es hat durch seine bild- und metaphernreiche Sprache und durch seinen spannenden Aufbau etwas von einem Thriller, der von Erlebtem und der Reflektion des Erlebten in Alpträumen und Schreckensphantasien handelt. Gerhard Mell schont den Leser nicht, ebenso wie er selbst nicht geschont wurde. Und so reiht er tabubrechende Szenen aneinander, die die Misshandlung eines Kindes in all ihrer Widerwärtigkeit und Pervertierung beschreiben.

Aber er verfügt auch über eine so poetische Sprachkraft, dass es dem Leser möglich wird, Teil zu haben an den surrealen Träumen und an den Daseinszuständen der multiplen Persönlichkeit des Ich-Erzählers. »Ich ist ein anderer! Ich ist in der Unterwelt gefangen. Ich ist ein Kind und Mama ist bei ihm.«

Ohne Mitleid zu heischen versucht Gerhard Mell, dem Außenstehenden seine Welt zu erklären: »›Phantasie und Wirklichkeit sind nur durch eine gedachte Linie getrennt‹, stand auf meine Tapete gepinselt. Henry Miller hat es verstanden, seinen inneren Irrsinn zu kontrollieren, indem er seiner Geschichte die Phantasie hinzugab, und alles niederschrieb. Ich aber kann nichts hinzugeben. Meine Phantasie ist keine Phantasie, ist so greifbar wie andere Wahrnehmungen, ist Wirklichkeit die ich riechen und schmecken kann, die mir Schmerzen bereitet.« Schicht für Schicht blättert der Autor (s)ein Leben auf, berichtet mal nüchtern, mal voller Hass vom schizophrenen Vater, von der gewalttätigen Mutter. Und er klagt an: »Du hattest kein Recht, mein Leben zu versauen, nur weil du nicht dein Leben leben konntest!«

Ein bewegendes Buch, durch dessen Lektüre man sich dem Thema sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Kinder von einer ganz neuen Seite nähern kann.

(Heidi Höhn, in: Neue Presse Journal, Nr. 45 vom 14.11.1998)