Susanna Kaysen
Durchgeknallt – Seelensprung

CoverTaschenbuch, 223 Seiten, 12 x 19 cm, ISBN 978-3-442-72659-2. München: btb Verlag, 2. Auflage 2000. € 7.– / sFr 10.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb
Über die Autorin | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite
Autobiographische, mit schwarzem Humor versetzte Beschreibung der psychiatrischen Routine: chemische Ruhigstellung, demütigende Behandlung als stumpfsinnige Psychopathin u.v.m. Original 1993. Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Sabine Schulte (1. deutsche Taschenbuchauflage 1996)

Original-Verlagsinfo

»Die Leute fragen: Wie bist du da reingekommen? Was sie eigentlich wissen wollen, ist, ob sie möglicherweise auch da drin landen werden. Die eigentliche Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen: Es ist leicht.« Nach einem Besuch bei einem Arzt, den sie nie vorher gesehen hat, wird die 18jährige Susanna Kaysen in das McLean-Krankenhaus eingeliefert: Der Arzt hatte bei ihr eine »Borderline-Persönlichkeitsstörung« diagnostiziert, ein Krankheitsbild, das durch starke Gefühlsschwankungen und völlige Hilflosigkeit geprägt ist. Fast zwei Jahre verbringt sie in der berühmten psychiatrischen Klinik, in der auch Sylvia Plath und Anne Sexton, James Taylor und Ray Charles behandelt wurden.

In kurzen, eindrucksvollen Passagen und mit viel schwarzem Humor beschreibt Susanna Kaysen die unmenschliche Routine in der Psychiatrie: die medikamentöse Ruhigstellung, die demütigende Behandlung als stumpfsinniger Psychopath; die eigene Hilflosigkeit und Verzweiflung, die sie immer dann ergreifen, wenn sich dunkles Durcheinander in ihrem Kopf ausbreitet, wenn Wörter und Bilder in rasender Hast aufsteigen und über ihr zusammenschlagen. Ein Alptraum, in dem die Grenzen zwischen »normal« und »verrückt« neu definiert werden und das Leben zu einem bloßen Balanceakt wird.

Über die Autorin

Susanna Kaysen, 47, lebt in Cambridge, Massachusetts. Sie hat bereits zwei Romane veröffentlicht. Den Durchbruch in Amerika schaffte sie mit »Seelensprung«.

Rezension

Susanna sitzt auf dem Fußboden ihrer Buchhandlung, blättert in einem Psychiatrie-Lehrbuch und findet das ›Borderline‹-Kapitel. Das soll sie sein, »niedergeschlagen, unberechenbar, launenhaft, unsicher«? Sind das nicht lediglich Beschreibungen der ganz gewöhnlichen Adoleszenz? Dann entdeckt sie den Hinweis auf »selbstverstümmelnde Verhaltensweisen« und erinnert sich an das Aufschlagen ihrer Pulsadern an der Metal]kante eines Sessels. »Ich machte ein paar Schularbeiten, dann schlug ich eine halbe Stunde mein Handgelenk auf die Kante, dann beendete ich meine Schularbeiten, dann wieder in den Sessel und noch ein bisschen schlagen, bevor ich mir die Zähne putzte und zu Bett ging. Vorher hatte ich eine Phase gehabt, in der ich mir das Gesicht zerkratzt hatte.

Als 18-Jährige kommt Susanna in die McLean-Klinik von Belmont/Massachusetts und verbringt zwei Jahre dort. Eine depressiv-neurotische Reaktion wird bei ihr vermutet, auch eine Schizophrenie erwogen, schließlich eine Charakterstörung angenommen und als ›Borderline‹-Persönlichkeitsstörung festgeschrieben. Auf der geschlossenen Station lernt sie Lisa ›mit den wilden Augen‹ kennen, die kaum isst und nie schläft, die immer abhaut und geschnappt und zurückgeschleift wird; Cynthia, die einmal pro Woche weinend von den Elektroschocks zurückkommt; Polly, am ganzen Körper, vor allem an Hals und Schultern vernarbt, weil sie sich mit Benzin übergossen und angezündet hat; Daisy, die stinkt und faucht und rempelt und deren zwei Leidenschaften Abführmittel und Huhn sind, bis sie sich eines Tages – es ist ihr Geburtstag – umbringt.

Es sind die späten 60er Jahre, in denen Susanna Kaysen die Psychiatrie erfährt, und fern und doch spürbar ziehen am McLean-Hospital die Protestmärsche und schwarzen Aufstände vorbei, der gefesselte Bobby Seale und die ermordeten Martin Luther King und Robert Kennedy, die Vietnam- und die Drogentoten, die aufständischen Sanftmütigen inklusive James Taylor, der im gleichen Krankenhaus behandelt wird. Eine seltsame Unterströmung alter Gewissheiten und biederer Selbstzufriedenheiten beherrscht noch das Klima der Psychiatrie: Geschlossene Stationen, Isolierzimmer, Sicherheitsfenster ohne Chance auf frische Luft, Zimmerkontrollen im Fünf-Minuten-Takt. Am anderen Ende der Stadt das Burch-House, die alternative Psychiatrie, für Patientin Susanna auch nur die andere Seite der gleichen Medaille.

Erst 25 Jahre später hat Susanna Kaysen ihre Erlebnisse literarisch verarbeitet; ist es sinnvoll, mit diesem Buch alte Bilder aufzuwärmen und Szenarien festzuschreiben, die uns mit »Kuckucksnest« sowieso lebenslang verfolgen werden? Braucht das öffentliche Bewusstsein gar den Schauer einer durchgängig schrecklichen Psychiatrie, um sich daran abzuarbeiten? Mag sein. Doch dieses kleine Taschenbuch ist mehr als eine pauschale Abrechnung, denn auch nach 25 Jahren hat Susanna Kaysen nicht vergessen, wie der Wahnsinn sich anfühlt, den sie an sich und ihren Mitpatientinnen wahrnimmt: tiefe Hintergründe von Suizidphantasien; verschiedene Aggregatzustände der Realitätsverrückung; langsames Hinübergleiten in die »parallele Welt«. Vieles hat Susanna Kaysen hier beschrieben, das uns heute von Psychiatrie-Erfahrenen ähnlich geschildert wird, aber selten so verdichtet in Buchform erschien.

Jens Clausen, Münster
(in: Soziale Psychiatrie, 2000, Nr. 1, S. 55)