Irrturm
Selbstbestimmung – Fremdbestimmung

CoverZeitschrift, 156 Seiten, 21 x 29,5 cm, Band 16 (Bremen 2004/05). € 3.– / sFr 4.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb
Über den IRRTU(R)M | Inhaltsverzeichnis | Vorwort von Gotthard Raab | Editorial | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite
Über den Spagat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung angesichts eines "Versorgungs"-Systems, das zum einen ordnungspolitische Funktionen zu erfüllen hat (Zwangseinweisungen, Zwangsmedikationen, Fixierungen, etc.) und zum anderen Menschen in seelischer Not helfen will – aus dem subjektiven Blickwinkel der TextverfasserInnen mit Eigenerfahrung

Original-Verlagsinfo

Liebe Interessierte, Freundinnen und Freunde des IRRTU(R)MS,

nun liegt der IRRTU(R)M Band Nr. 16 mit dem Themenschwerpunkt "Selbstbestimmung – Fremdbestimmung" vor, der in einjähriger Arbeit unter der Mitwirkung von 31 Autorinnen und Autoren entstanden ist. Dabei ist ein ansehnliches 154 Seiten starkes Werk entstanden, in dem uns die Autorinnen und Autoren an ihren Gedanken und Erfahrungen zu dem Thema "Selbstbestimmung – Fremdbestimmung" teilhaben lassen.

Psychiatrieerfahrene Menschen befinden sich im besonderen Maße im Spagat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, da sie sich einem Versorgungssystem gegenüber sehen, das zum einen ordnungspolitische Funktionen zu erfüllen hat (Zwangseinweisungen, Zwangsmedikationen, Fixierungen, etc.) und zum anderen den Anspruch hat, dem in seelische Not geratenen Menschen zu helfen, die Misere zu überwinden. Zwischen diesen beiden Polen der Selbst- und Fremdbestimmung liegt die MIT-Bestimmung, die den meisten psychiatrieerfahrenen Menschen immer noch vorenthalten bleibt.

In der vorliegenden IRRTU(R)M – Ausgabe sind zahlreiche Beiträge zu der angesprochenen Thematik zu finden, die wie immer, sehr vielschichtig und facettenreich von den AutorInnen bearbeitet wurden. Über die Artikel zum Schwerpunktthema hinaus, gibt es einige Kurzgeschichten, viele Gedichte, Beiträge zu anderen interessanten Themen, Berichte über Veranstaltungen, an denen wir von der IRRTU(R)M – Redaktion beteilig waren, selbst erstellte Illustrationen und nützliche Informationen.

Wie immer steht der subjektive und parteiliche Blickwinkel der TextverfasserInnen hinsichtlich der angesprochenen Thematik im Vordergrund, so dass die zumeist auf Eigenerfahrung beruhenden Beiträge einen hohen Grad an Authentizität widerspiegeln.

Über die Zeitungsinitiative IRRTU(R)M

Die Zeitungsinitiative IRRTU(R)M ist ein außerklinisches, professionell begleitetes Forum für Kommunikation und Information, das psychiatrieerfahrenen Menschen aus Bremen und Umgebung die Möglichkeit gibt, ihre individuellen Erfahrungen, Sichtweisen und Anliegen auszutauschen und in einer selbsterstellten Zeitung zu publizieren. Entstanden ist das Projekt 1988 als ein Arbeitsbereich der "Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V.", der maßgeblich an der Auflösung der psychiatrischen Anstalt "Kloster Blankenburg" beteiligt war und seither Anbieter vielfältiger betreuter Wohnangebote in Bremen ist. Während in den Anfangsjahren vorwiegend ehemalige LangzeitpatientInnen an der Erstellung des IRRTU(R)M beteiligt waren, setzt sich die Redaktionsgruppe mittlerweile aus Psychiatrie-Erfahrenen aus den verschiedensten Bereichen zusammen.

Weitere Hefte des IRRTUrM im Antipsychiatrieversand: Band 12: Eigenwelt – Fremdwelt – Mitwelt  ·  Band 14: Reden + Hören = Verstehen?  ·  Band 17: Krankheitsbilder? Menschenbilder! ·  Band 18: Leben statt Leiden  ·  Band 19: Kleine Schritte, große Sprünge  ·  Band 20: 20 Jahre Irrturm – Jubiläumsausgabe "Das Leben ist bunt"  ·  Band 21: Ja zu mir – Ja zum Leben

Inhaltsverzeichnis

Die Redaktion: In eigener Sache ..... 9

Ralf Taube: Der große Augenblick der Selbstbestimmung ..... 15

Melanie Nienstedt: Wann bin ich ich? ..... 17

Rena Hecht: Selbstbestimmung – Fremdbestimmung aus meiner Sicht ..... 18

Markus Fels: Selbst-Bestimmung ..... 19

Thorsten Wiese: Selbstbestimmung – Fremdbestimmung ..... 19

S. R.: Fremdbestimmt durch Visionen? ..... 20

Thorsten Wiese Selbstbestimmung – Fremdbestimmung ..... 21

B. C.: Fremdbestimmt in der Psychose ..... 23

Ingrid Gierke: Fremdbestimmung – Selbstbestimmung ..... 24

Heinz-Georg Behrens: Gedanken zur Zeit ..... 26

Name der Red. bekannt: Wo beginnt die Fremdbestimmung? ..... 27

H. Georg Hubrich: Wesensfremd ..... 27

Cornelia Kaiser: Böses Erwachen ..... 28

Jens Hermann: Die Macht der Spekulationen ..... 29

Thorsten Wiese: Wie frei bist Du? ..... 31

Gilda Jenzen: Warum Betreuer keine Freunde sind ..... 32

H. Georg Hubrich: Routinemäßig ..... 34

Thorsten Wiese: Ich, Ich und nochmal ich ..... 35

Ingrid Gierke: Mein Feind und ich ..... 36

Cornelia Kaiser: Text von Cornelia Kaiser ..... 37

Herbert Hübner: Heimat und Fremde ..... 38

Thorsten Wiese: Ständige Klagen ..... 40

Kerstin Schneider: Kerstin Schneiders Kindheitserinnerungen ..... 41

Ich bin der Sieger! ..... 41

Monika Eichelberg: In der Hetze des Helferalltags ..... 42

Melanie: Komm mit mir ..... 43

Julia Kopp: ohne titel ..... 44

Ernst Jirka: Die praktische Bestimmung der Liebe ..... 45

Hartmut Böwe: Unendlich ..... 45

Stephan Kupko: Fiktiver Dialog zwischen möglichen Menschen, oder: eine Auflösung des Circels ..... 46

Rena Hecht: Nur einen kurzen Augenblick ..... 48

Streicheleinheiten ..... 48

In deinen Armen ..... 49

Bis wir uns wiedersehen ..... 49

Hartmut Böwe: Tagebuch eines Abschieds ..... 50

Nie wieder ..... 52

Thorsten Wiese: Sag' mir wie man das nennt! Trauer? ..... 53

Thorsten Wiese: Lass' mir Zeit ..... 54

Michael-Lorenz Meier: Lady of the dawn ..... 55

Hartmut Böwe: In meiner Mitte wohntest du ..... 56

Rena Hecht: Abschied ..... 57

Michael-Lorenz Meier: Mein Wettlauf mit dem "Psychowurm" ..... 58

Markus Fels: Werte! ..... 59

Melanie Nienstedt: Gefühlswahnsinn ..... 61

Wolfgang Klawonn: Verrückte Welt ..... 62

Monika Eichelberg: Weil ich immer zuhören muss – mach ich mir viel Gedanken ..... 63

J.S.S.: Mein Gegenüber ..... 64

Markus Fels: Schwarze Gedanken ..... 65

Michael-Lorenz Meier: Seelensignale ..... 66

Jule Kopp: Pillen, die die Welt bedeuten ..... 67

Michael-Lorenz Meier: "Ich, der Fluanxol-König oder: es begann mit Haldol!" ..... 68

Ingrid Gierke: Klimaveränderungen ..... 69

Corinna Bodzin: Sonnenreich in die Zukunft ..... 70

H. Georg Hubrich: Jonnie Äksträm ..... 71

Die stumme Welt in mir ..... 72

1984 ..... 72

Jens Hermann: Tagebuch von Jens H. ..... 73

Hartmut Böwe: Schwarz und weiß ..... 74

Nur für heute will ich dankbar sein! ..... 75

H. Georg Hubrich: Mentalos Mucki-Bude ..... 76

Markus Fels: Verrückt ..... 77

Stephan Kupko: Schlüsselfrau ..... 78

Hartmut Böwe: Wenn es stimmt ..... 79

Markus: Die Mutter ..... 80

Barbara: Bornholm ..... 82

Cornelia Kaiser: Leserbrief von Cornelia Kaiser ..... 83

Michael-Lorenz Meier: Meine Odyssee durch den Arbeitsmarkt ..... 84

Werkstatt Bremen in der Bütt ..... 85

Hartmut Böwe: Die bestrafte Zeit oder zurück zur Anerkennung ..... 87

Der Kiosk ..... 87

Thorsten Wiese: Befreit beim IRRTU(R)M ..... 88

Ingrid Gierke: Steinigung ..... 89

H. Georg Hubrich: Der mir den Rücken zukehrt ..... 89

S. R.: Psychose und Liebe – Geht das? ..... 90

Anna K.: Zeit ..... 91

H. Georg Hubrich: Um so mehr – oder das Destrotrotz ..... 91

Thorsten Wiese: Flucht der Reichen ..... 92

Thorsten Wiese: Fragen der Welt ..... 93

Ernst: Mit den Krüppeln ..... 94

Auf der Welt ..... 95

Die Mit-Seelen ..... 95

Ingrid Gierke: Wunschtraum ..... 96

H. Georg Hubrich: Erfahrungsträume ..... 97

Thorsten Wiese Amok – zwischen Aggression und Gewalt ..... 98

So wie damals wir ..... 99

Es steht geschrieben ..... 100

S. R.: Mein fröhlich buntes, todlangweiliges Pferdchen-Karussell ..... 101

Manfred Dechert: Die Tiere im Hause meines Vaters ..... 102

Hase weiß seinen Satz nicht ..... 103

Habe Sehnsucht ..... 104

www.verblödungsgesellschaft.de ..... 105

H. Georg Hubrich Einwegflasche – oder der Mensch in der Retorte ..... 106

Cornelia Kaiser: When the music's over... ..... 107

Das Leben, die Musik ..... 107

Sommeridylle ..... 108

Tränenduft ..... 108

Hartmut Böwe: Der Morgen ..... 109

Ernst: Mit der Schöpfung ..... 109

Cornelia Kaiser: Idylle ..... 110

Michael-Lorenz Meier: Lachend in den späten Frühling ..... 111

Cornelia Kaiser: Naturgesetz ..... 112

Der unbestimmte Augenblick ..... 112

Sonnenaufgang ..... 113

Hans Lehmann: das licht ..... 113

Thorsten Wiese: Aufrecht gehen ..... 114

Ingrid Gierke: Aus Vergangenem Neues schöpfen ..... 115

Wenn ich so'n Tpy wie Mose wäre... 116

H.J.L.: Das Leben ..... 117

Christina Riedel: Erstes Gebot ..... 118

Ingrid Gierke: Kein Vergehen ist zu groß... ..... 121

Andreas Gralak: Lebenserfahrungsbericht von Andreas Gralak ..... 122

H. Georg Hubrich: Salua 1 ..... 123

Name der Red. bekannt: Ist es günstig, zu seiner psychischen Erkrankung zu stehen? ..... 124

Heinz-Georg Behrens: Gedanken zur Zeit II ..... 125

Cornelia Kaiser: Stadt der Sonnenbrillen ..... 126

Margret Osterfeld: Seitenwechsel und Perspektivenwechsel – Erkenntnisgewinn oder doch nur Ernüchterung? ..... 127

Prof. Michael Eink: Die paradoxen "10 Gebote" der Sozialpsychiatrie als Basis chronischer (Selbst-) Überforderung der MitarbeiterInnen ..... 132

B. C.: Psychose und Sucht ..... 138

Berichte

Die Redaktion: Jubiläums-Pressefest des IRRTU(R)M ..... 140

12. Bremer Prostesttag gegen Diskriminierung behinderter Menschen ..... 142

Die Redaktion: "Mittendrin", Informationsmarkt über freiwilliges Engagement in Bremen ..... 148

Buchbesprechungen

Ingrid Gierke: Nachtrag zur Buchbesprechung "Bin ich wirklich schizophren?" aus IRRTU(R)M Nr. 15 ..... 149

Andreas Zehnder: "Liebes Leben, halt mich fest..." von Hartmut Böwe ..... 150

Infos

Redaktion: Der Landesverband Psychiatrieerfahrener e.V. stellt sich vor ..... 151

Arbeitskreis Nutzerinteressen/Nutzerkontrolle im ZKH Bremen-Ost ..... 152

Nachtschwärmer e.V. ..... 153

Bisher erschienene IRRTU(R)M-Ausgaben ..... 154

Hinweis der Redaktion ..... 155

In eigener Sache

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Als Initiator, ständiger organisatorischer und persönlicher Begleiter der Zeitungsinitiative IRRTU(R)M und als pädagogischer Mitarbeiter des psychosozialen Trägervereins "Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V." möchte ich mich an dieser Stelle von allen verabschieden, die über so viele Jahre Interesse an unserer Arbeit gezeigt haben und uns auf die vielfältigste Art und Weise unterstützt haben. 16 1/2 Jahre Tätigkeit für ein Sprachrohr psychiatrieerfahrener Menschen wie die Zeitungsinitiative IRRTU(R)M sind ein langer ereignisreicher Zeitraum, der für meine persönliche Weiterentwicklung sehr bedeutsam war und den ich aufgrund des großen Erfahrungsschatzes, den ich dabei sammeln konnte, nicht missen möchte.

Foto von Gotthard RaabNun stehe ich vor einer neuen beruflichen Herausforderung und das bedeutet Abschied nehmen von einer liebgewordenen abwechslungsreichen Beschäftigung, die eng mit einer Vielzahl intensiver persönlicher Beziehungen zu Menschen mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und Lebensvorstellungen verbunden war. Bedauerlicherweise ist aber ein Großteil der psychiatrieerfahrenen Menschen in unserer Gesellschaft nach wie vor einer unerträglichen Missachtung und sozialen, ökonomischen und kulturellen Ausgrenzung ausgesetzt, gegen die es sich mit aller Kraft zur Wehr zu setzen gilt. Der IRRTU(R)M hat sich immer als streitbares Medium für den Personenkreis psychosozial geschädigter Menschen verstanden und versucht, die ureigensten Empfindungen und Anliegen aus individuell sehr verschiedener Betroffenensicht aufzugreifen und zum Thema zu machen. Ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft so! Denn wer sonst als die Psychiatrieerfahrenen selbst, können besser beurteilen, was ihnen Leid zufügt und was sie an wirksamer Hilfe brauchen, um dieses Leid zu überwinden?

Da ich auf die Historie der Zeitungsinitiative IRRTU(R)M bereits in den Jubiläumsausgaben Nr. 10 und Nr. 15 eingegangen bin, verzichte ich an dieser Stelle auf einen weiteren Rückblick und sage noch einmal herzlichen Dank an all die zumeist unentgeltlich tätigen MitstreiterInnen für die jahrelange bewegte und konstruktive Zusammenarbeit, die eine kontinuierliche Erscheinungsweise des IRRTU(R)M überhaupt erst möglich gemacht haben. Nur eines sei noch einmal betont: trotz aller kontroversen Diskussionen und Auffassungen zu bestimmten Themen innerhalb und außerhalb der Redaktion, haben wir es alle miteinander immer wieder geschafft, den demokratischen Konsens zu wahren und den Weg des Respekts und der Toleranz nicht zu verlassen. Dies ist ein unschätzbarer Wert, der auf dem Bemühen um das gegenseitige Verstehen beruht und darüber hinaus auch die Möglichkeit eröffnet, seine gedankliche Unabhängigkeit in der konstruktiven Auseinandersetzung weitgehend zu erhalten. Ich hoffe, dass die Zeitungsinitiative IRRTU(R)M den psychiatrieerfahrenen Menschen als Sprachrohr erhalten bleibt und noch viele weitere lesenswerte Ausgaben erscheinen werden.

Mit den besten Wünschen für ein Gelingen dieses Ansinnens sage ich nun tschüs!

Euer Gotthard Raab

Editorial

Nahezu jedem Menschen ist daran gelegen, eine Lebensführung in eigener Regie und Selbstbestimmung anzustreben. Und damit sind wir auch schon bei dem Schwerpunktthema der vorliegenden IRRTU(R)M-Ausgabe "Selbstbestimmung – Fremdbestimmung". Ein Großteil des Redaktionsteams hat sich nach dem üblichen Brainstorming im Frühjahr dieses Jahres für die Bearbeitung dieses nicht nur für psychiatrieerfahrene Menschen brisanten Themas ausgesprochen, da sich jede Form von menschlichem Dasein in dem Spannungsfeld zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung bewegt. Das Meinungsspektrum innerhalb der Redaktion reichte dann auch von "das ganze Leben ist fremdbestimmt, da man ja in eine von unzähligen Regeln und Gesetzmäßigkeiten bestimmte Welt hineingeboren wird, in der man sich ständig anpassen muss und der man nicht entrinnen kann", bis hin zu "jeder Mensch hat die Möglichkeit sein Leben innerhalb vorgegebener Grenzen selbstbestimmt zu gestalten und kann sich in eigenverantwortlicher Weise persönliche Freiräume schaffen, solange er die Freiheit des anderen nicht verletzt".

Nun können wir sicherlich alle zahlreiche persönliche Erfahrungen benennen, die mehr die eine oder die andere Auffassung stützen bzw. widerlegen, aber grundsätzlich stellt sich das Erleben und Empfinden dieses Erfahrungshorizontes bei jedem doch sehr verschieden dar und hat zumeist ganz unterschiedliche Auswirkungen auf das Vorhandensein und die Entfaltung von Lebenspotenzialen und Lebensperspektiven. Psychiatrieerfahrene Menschen befinden sich in besonderem Maße im Spagat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, da sie sich einem Versorgungssystem gegenüber sehen, das zum einen ordnungspolitische Funktionen zu erfüllen hat (Zwangseinweisungen, Zwangsmedikationen, Fixierungen etc.) und zum anderen den Anspruch hat, dem in seelische Not geratenen Menschen zu helfen, die Misere zu überwinden. Auf welche unzureichende Weise die Hilfen und Unterstützung von dem immer noch stark medizinisch geprägten Behandlungsmodell gewährt werden, ohne auf die wirklichen Ursachen und Hintergründe der Krisen einzugehen und ohne die Erfahrungen und auch den Willen der Betroffenen in angemessener Weise zu berücksichtigen, geht aus den unzähligen Schilderungen Psychiatrieerfahrener in den bereits veröffentlichten IRRTU(R)M-Ausgaben deutlich hervor. Grundlegende Veränderungen des psychiatrischen Versorgungssystems, auch im ambulanten Bereich, in Richtung Personenzentrierung, d.h. Psychiatrieerfahrene als selbständige Akteure ernst zu nehmen, sind unabdingbar, denn zwischen den Polen von Fremd- und Selbstbestimmung liegt die Mitbestimmung, die den meisten psychiatrieerfahrenen Menschen immer noch vorenthalten bleibt. Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht, das ermöglichen muss, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst über sein Leben bestimmen zu können und nicht gegen den eigenen Willen von anderen abhängig gemacht zu werden.

In der Psychiatrie-Enquete von 1975 wurden die damaligen Verhältnisse in der kasernierenden Psychiatrie mit "elenden, menschenunwürdigen Bedingungen" und "brutalen Realitäten" beschrieben, womit sich die Fragestellungen verbanden: Wie konnten solche, sogar therapeutisch begründete Verhältnisse überhaupt entstehen und von der Gesellschaft solange aktiv und passiv mitgetragen werden? – Und: Warum konnte das Fachpersonal seine eigenen ideologischen Vorstellungen innerhalb der Psychiatrie relativ willkürlich ausleben und ungestraft an anderen Menschen Zwang, Gewalt und Repressalien ausüben? Abgesehen von den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen und Zwängen, liegt eine Antwort auf diese Fragen sicherlich auch in der eigenen Angst und Irritation gegenüber Verhaltensabweichungen, die die Norm des Üblichen überschreiten und denen wir deshalb mit einer Mischung aus Unverständnis, Abwehr und Ausgrenzung begegnen. Ein Versuch, mit unserer eigenen Furcht fertig zu werden, ist daher die Verdrängung des Problems, die einhergeht mit der Unterdrückung und Isolation der Betroffenen.

Trotz erheblicher Anstrengungen und Verbesserungen in den ambulanten Versorgungsstrukturen in den vergangenen 30 Jahren wächst die Zahl an stationären Aufenthalten, steigen die Zahlen an Zwangseinweisungen, Zwangsbehandlungen und Rechtsbetreuungen, nimmt die Zahl der Heimplätze und der Psychopharmakaverschreibungen zu. Die vorhandenen Rahmenbedingungen machen es dem Versorgungssystem wohl immer noch zu leicht, sich mehr an den eigenen Interessen zu orientieren und somit mehr einrichtungsorientiert statt patientenorientiert zu arbeiten. Offensichtlich geht es eher noch darum, den psychiatrieerfahrenen Menschen als Störfaktor für Familie, Nachbarn, Freunde und Professionelle durch Ruhigstellung "handhabbar" zu machen, anstatt das Ziel zu verfolgen, dem Betroffenen wieder zur seelischen Stabilität zu verhelfen. Ökonomische Zwänge, ein falsches Krankheitsverständnis der Profis, das Streben nach bequemen Dienstzeiten und Arbeitsplatzerhalt sowie ein zergliedertes System von Kostenträgern und Leistungserbringern verhindern in der Regel, dass vom Hilfesuchenden her gedacht und gehandelt werden kann, um ihm eine effektive Unterstützung zu bieten und ihn vor Chronifizierung zu schützen. Die Psychiatrie bedarf dringend einer neuen Standortbestimmung und eines radikalen Perspektivwechsels in Richtung Betroffenenorientierung. Dieser Herausforderung müssen sich alle Verantwortlichen vom Bundesgesetzgeber über Länder und Kommunen bis hin zu Leistungsträgern und Einrichtungsträgern stellen. Nicht zuletzt heißt das auch für die Psychiatrieerfahrenen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten von teilweise vorhandener Autoritätsgläubigkeit und Passivität zu verabschieden, sich vermehrt zu organisieren, einen stärkeren Widerspruchsgeist zu entwickeln und aus der Isolation durch Solidarisierung herauszutreten, damit das Leben wieder in die eigene Hand genommen und weitgehend selbstbestimmt geführt werden kann.

In der vorliegenden IRRTU(RM-Ausgabe sind zahlreiche Beiträge zu der angesprochenen Thematik zu finden, die, wie immer, sehr vielschichtig und facettenreich von den AutorInnen bearbeitet wurden. Über die Artikel zum Schwerpunktthema hinaus, gibt es einige Kurzgeschichten, viele Gedichte, Beiträge zu anderen interessanten Themen, Berichte über Veranstaltungen, an denen wir von der IRRTU(R)M-Redaktion beteiligt waren, selbst erstellte Illustrationen und nützliche Informationen. Eine besondere Beachtung verdienen drei Vorträge von Tagungen, die wir in diesem IRRTU(R)M mit der Erlaubnis der Urheber komplett veröffentlichen. Es handelt sich dabei um einen Vortrag mit dem Titel "Seitenwechsel und Perspektivenwechsel – Erkenntnisgewinn oder doch nur Ernüchterung?" von Margret Osterfeld aus Dortmund, den sie im November 2003 auf der DGSP-Jahrestagung in Dresden hielt. In beeindruckender Weise schildert sie die bitteren Erfahrungen ihres Weges von der berufstätigen Psychiaterin zur Psychiatriepatientin und gibt damit ein sehr persönliches und anschauliches Bild zweier völlig unterschiedlicher Blickwinkel, sowohl aus der Professionellen- als auch aus der Betroffenensicht. Der zweite Vortrag wurde von Prof. Michael Eink aus Hannover auf dem gleichen Kongress in Dresden gehalten und setzt sich in provokativer und unterhaltsamer Weise mit dem Anspruch von Professionellen in der Sozialpsychiatrie auseinander und trägt demgemäß den Titel "Die paradoxen zehn Gebote der Sozialpsychiatrie als Basis chronischer (Selbst-)überforderung der MitarbeiterInnen". Der dritte Beitrag ist von unserer Mitredakteurin B. C. eigens für eine Tagung zum Thema "Sucht und Psychose, Psychose und Sucht" in Debstedt bei Bremerhaven am 10.9.2004 verfasst worden und erntete sowohl von den anwesenden Fachleuten als auch von den Angehörigen und Betroffenen großen Respekt und Applaus. Als erste Rednerin brachte Beate ihre eigenen Erfahrungen mit der Suchtmittelabhängigkeit und ihrem psychotischen Erleben sehr deutlich und klar zum Ausdruck, so dass auch interessante Fragen zur Thematik aus der Zuhörerschaft gestellt wurden und sich die anderen Vortragenden öfters auf ihre Ausführungen bezogen.

Herzlichen Dank nochmals an alle Autorinnen und Autoren und an alle die darüber hinaus an dieser IRRTU(R)M-Ausgabe mitgearbeitet haben oder uns auf sonstige Weise Unterstützung haben erfahren lassen.

Die Redaktion