Die Irren-Offensive
Zeitschrift von Ver-rückten gegen Psychiatrie
Zeitschrift, 64 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des vergriffenen Heftes von
1983, Abgabe zum Selbstkostenpreis. € 6.20 / sFr 9.30 / sofort lieferbar
Inhalt | Leseprobe | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Mit vielen Abbildungen und Cartoons und mit Beiträgen von Thomas S. Szasz, Hannelore Pietsch, Fritzi Kolb, Heinz Klust, Jan Ketil Arnulf, Willi Haase, Peter Stiller, Ludger Bruckmann, Peter Lehmann, Tina Stöckle, U.N. Terwegs u.v.m. (Damit wir das Heft kostengünstig als Büchersendung versenden können, haben wir beim Kopieren die Werbeanzeigen überdeckt.) Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser! Es hat lange gedauert, bis nun endlich die zweite Nummer der Irren-Offensive erschienen ist. Wir leben wie Ihr seht immer noch. Die Redaktionsgruppe der Irren-Offensive hat sich vergrößert, allerdings sind wir als Selbsthilfeorganisation personell nicht stark angewachsen: Das liegt anscheinend daran, dass es wenig Verrückte gibt, die die Möglichkeit haben, offensiv zu werden und die in der Lage sind, sich auch in die Gemeinschaft einzuordnen. Unser harter Kern ist jedoch geblieben; optimistisch sprießt er weiter. Hin und wieder kommt ein Mensch, der von der Psychiatrie noch nicht völlig zerstört wurde, hinzu und bringt neue Ideen, neue Impulse und neue Energie in die Irren-Offensive ein. Zu unserer ersten Nummer: Sie ist sehr gut aufgenommen worden; von Betroffenen haben wir ausnahmslos positive Zuschriften erhalten, darüber haben wir uns sehr gefreut. Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich für die vielen Briefe und Karten, Ihr Spenden und Anregungen. Wir haben noch einen begrenzten Vorrat des ersten Heftes, das nachbestellt werden darf. Leider ist in der Zeit, als wir unseren Treffpunkt im besetzten Haus Bülowstraße 54 hatten, viel Post verloren gegangen. Deshalb konnten viele Briefe oder Zeitungsbestellungen nicht beantwortet bzw. zugestellt werden. Hausbesetzer und teilweise sogar eigene Leute der Irren-Offensive gingen schlampig mit der Post um; einige Male wurde in unserem Treffpunkt eingebrochen und die Einrichtung zerstört. Und nicht zuletzt ist bekannt, dass die Post selbst Briefe in besetzte Häuser zufällig äußerst nachlässig zustellte. (...) Was die neue Nummer angeht, so bitten wir Euch, uns zu schreiben, was Euch gefallen bzw. nicht gefallen hat. Ihr könnt auch für die nächste Nummer Beiträge schicken; eine andere Form der Unterstützung sind Geldspenden, die wir in jeder Höhe brauchen können. Die Irren-Offensive ist inzwischen ein vom Finanzamt anerkannter gemeinnütziger Verein, so dass wir steuerabzugsfähige Spendenbescheinigungen ausstellen können. Auch für Informationen aller Art sind wir dankbar: über neue psychiatrische Drogenexperimente, über die Entwicklung der Zustände in den Anstalten, über neue Formen gemeindepsychiatrischer Ausspitzelung, über neue Formen der Sklaverei (beschützte Arbeitsstätten) letztlich über alle Formen psychiatrischen Terrors. Eine besonders schöne Form der Unterstützung wäre, wenn Ihr, besonders im bundesdeutschen, schweizerischen und österreichischen Raum, in Buchhandlungen geht und fragt, ob diese sich nicht am Verkauf der Irren-Offensiven beteiligen wollen. Auch gewerkschaftliche, demokratische, sozialistische, christliche, Friedens-, Umweltschutz-, Frauen-, Männer-, Altengruppen usw. usf., die Büchertische machen, kommen als mögliche Wiederverkäufer der Irren-Offensive in Frage. Je schneller die Zeitschrift weggeht, desto eher sind wir in der Lage, eine neue Nummer zu produzieren. Wir rufen alle auf, Mitarbeiter in psychiatrischen Anstalten, Psychiater, Pfleger, Schwestern, Angehörige, und insbesondere Euch Opfer psychiatrischer Gewalttätigkeit, offen oder heimlich daran mitzuwirken, dass die menschenunwürdige Psychiatrie zerschlagen und dass der Weg in den gemeindepsychiatrischen Überwachungsstaat gestoppt wird, dass Menschen nicht mehr wie (Schlacht-)Vieh gehalten, mit Nervengiften abgespritzt, mit elektrischem Strom gefoltert oder auf andere barbarische Weise ihrer Freiheit und Würde beraubt werden. Berlin-West, April 1983
Leseprobe: Thomas S. Szasz, »Die Dame in der Schachtel« Syracuse, N.Y. Von mehr als 35.000 Menschen in New York Stadt sagt man, dass sie ihr »Heim« im Untergrundbahnsystem, in Toreingängen, in Kartons auf der Straße haben. Letzten Monat erfror eine von ihnen, eine 61jährige Frau namens Rebecca Smith, in ihrer behelfsmäßigen Pappendeckelhütte. Vielleicht ist in Frau Smiths Leben und Tod eine Lehre für uns alle zu sehen. Kompetent leben zu lernen, so dass wir für uns selbst und vielleicht, wenigstens eine Zeit lang, ebenso auch für andere sorgen können, ist eine Aufgabe, die zu meistern von uns allen erwartet wird. Diese Aufgabe gleicht anderen wie sprechen lernen, kochen, ein Kind trösten, Tennis spielen. Manche Menschen zeichnen sich in der einen oder anderen Geschicklichkeit aus. Viele lernen genug, um im Leben weiterzukommen aber einige von ihnen geben dann den Kampf auf. Manchen misslingt es zu lernen wie man lebt, weil sie es nicht lernen können oder nicht lernen wollen ein Unterschied, den wir oft nur schwer erkennen können. Nicht jeder weiß, wie man kocht oder Tennis spielt. Warum also sollten wir dann erwarten, dass jeder wissen sollte, wie man lebt? Wir haben diese Erwartung, weil jede gebildete Person heute »weiß«, dass Menschen, die nicht kompetent (»normal«) leben, krank sind dass sie an der schlimmsten Art von Geisteskrankheit, die der psychiatrischen Wissenschaft bekannt ist, leiden: an »Schizophrenie«. Diese Idee ist angeblich hilfreich für die Wissenschaft, für die Gesellschaft und besonders für die »Patienten«, die an dieser angeblichen Krankheit leiden. Aber das ist nicht der Fall. In Wirklichkeit ist sie tödlich. Warum? Weil Ideen Folgen haben und diese besondere Idee tödliche Folgen hat. Beim Zeitungslesen erfuhren wir, dass Frau Smith während ihrer besten Lebensjahre, als ihre Tochter heranwuchs, in eine Psychiatrische Anstalt mit der Diagnose Schizophrenie eingesperrt wurde. Die erste Auswirkung der Idee von der Schizophrenie war damals für Frau Smith eine zehnjährige Einkerkerung in eine Irrenanstalt. Die zweite Auswirkung war eine unfreiwillige Elektroschock-»Behandlung«. Die dritte Auswirkung war die medizinische Verabreichung von psychiatrischen Drogen. Und die vierte Auswirkung war das Entlassenwerden aus der Anstalt. »Psychopharmaka« und »De-Institutionalisierung« (Entlassung aus der Anstalt, T.St.), Begriffe genauso grotesk und irreführend wie »Schizophrenie«, ergänzen und bekräftigen nun das Bild von dieser »Krankheit« und ihrer »Behandlung«. Die traurige Wahrheit ist, dass Frau Smith ein Mensch war, der nicht auf sich achtete. Das weckt unser Mitgefühl. Was es tragisch macht, ist unsere Weigerung, diese Tatsache einfach als das zu nehmen, was sie ist statt dessen legen wir die Schuld für ihr Schicksal in eine mysteriöse, in der Tat nicht bestehende Krankheit. Wegen dieser Verlagerung und Mystifikation haben wir zunächst akzeptiert (und akzeptieren es immer noch), dass die unfreiwillige Einsperrung in eine Anstalt, während dieser »Schizophrene« noch mehr desozialisiert werden als sie waren, eine Form von Therapie ist. Aus diesem Grund nehmen wir auch hin, dass es Therapie ist, »Schizophrene« aus der Irrenanstalt, nachdem sie in ihr eine Heimat gefunden haben, wieder hinauszustoßen. Obwohl die institutionelle Psychiatrie durch und durch mit medizinischem Schwindel und Zwangsmaßnahmen durchsetzt ist, sind wir immer noch überrascht, dass die sogenannten Nutznießer dieser »Hilfe« diese nicht wollen. Nachdem Frau Smith gestorben war, kam ihre Tochter nach New York City, um die Leiche ihrer Mutter zu fordern. Als sie die Beerdigungsvorbereitungen traf so stand es in der Zeitung , zeigte man ihr einen Sarg, der ein Druckschloss hatte. Sie verlangte einen anderen. »So kann ich meine Mutter nicht einsperren«, sagte sie, »das brächte ich nicht fertig.« Aber Frau Smith war tot. Jetzt konnte man sie nicht mehr einsperren. Als Frau Smith noch am Leben war, hatte jemand sie eingesperrt. Diese Widersinnigkeit zeigt unsere grenzenlose Unbekümmertheit gegenüber geistiger Krankheit, persönlicher Freiheit und Tod. Gewiss, hätte man Frau Smith zu jenem Zeitpunkt nicht eingesperrt, wäre sie vielleicht noch eher gestorben. Und wäre sie überhaupt nicht eingesperrt und gegen ihren Willen »behandelt« worden, wäre sie nicht die Person geworden, die sie wurde. Das sind Dinge, die wir niemals erfahren werden. Was wir so glaube ich wissen ist, dass Einsamkeit und Entwurzelung und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, ein eigenständiges Leben zu führen, nicht die Symptome einer Krankheit (wie Krebs oder Diabetes) sind. Natürlich wird dieses Wissen vorausgesetzt es ist wahr nicht die Probleme lösen, die solche Menschen sich selbst und anderen stellen. Es wird uns jedoch helfen, die Probleme nicht noch schlimmer zu machen als sie sind. Aber es ist ein charakteristischer Zug der Geschichte des Heilens, dass den Menschen eine Behandlung, die tötet, lieber ist als gar keine. Behandlungen, die sich gegen die nichtexistierende Krankheit Schizophrenie richten, sind überdies doppelt gefährlich: Sie zerstören nicht nur das Leben der »Schizophrenen«, sondern auch die Fähigkeit der Nicht-»Schizophrenen«, klar zu sehen, was den »Patienten« schadet. Im Original erschienen am 16.2.1982 in den New York Times
unter dem Titel: »The Lady in the Box«. |