Die Irren-Offensive
Zeitschrift von Ver-rückten gegen Psychiatrie
Zeitschrift, 44 Seiten, 21 x 29,5 cm, Kopie des (vergriffenen) Heftes von
1981, Abgabe zum Selbstkostenpreis. € 4.20 / sFr 6.30 / sofort lieferbar
Inhalt | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Mit vielen Abbildungen und Cartoons und mit Beiträgen von Uwe Christofzik, Andreas Urner, Christine Tischkau, Peter Lehmann, Tina Stöckle u.v.m. Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, Jeder 3. Mensch kommt einmal in seinem Leben einmal mit Psychiatrie in Berührung. Dies gilt bislang als großer Makel, insbesondere für diejenigen, die in einer wie es so schön genannt wird psychiatrischen Klinik gewesen sind. Wir seien geisteskrank, sagt man. Oder modern: Wir sei psychisch krank oder psychisch behindert. Wir schämten uns. Wir fühlten uns krank. Wir versteckten uns. Wir schwiegen. Wir hatten versagt. Wir waren eben krank. Diejenigen, die uns als krank sehen, fühlen sich um so gesünder. Schließlich sitzen wir ja in der Anstalt und nicht sie. Aber was heißt es eigentlich, psychisch krank zu sein, und was bedeutet psychische Gesundheit? Es gibt verschiedene Bestimmungen von Geistes-Gesundheit und Geistes-Krankheit. Die einen sagen, Geisteskrankheit ist, wenn man nicht normal ist; und normal ist die Mehrheit wer nicht auffällt. Manche sagen, Geisteskrankheit sei hirnorganisch bedingt und wenn es dafür noch keine Beweise gibt, eines Tages findet man sie bestimmt. Und solche hirnorganische Störungen seien entweder erblich bedingt oder treten rein zufällig auf; sie fallen quasi vom Himmel. Andere sagen: Geisteskrankheit, Wahnsinn, Psychose, Schizophrenie usw. kann man nicht verstehen; ja man darf dies gar nicht versuchen, dies sei gefährlich gar ansteckend?
Wir setzten diesem Verständnis des Wahnsinns ein anderes gegenüber: Für uns drückt er unsere Unfähigkeit, aber au unseren Widerstand aus, diese Normalität als eine gesunde ertragen zu können. Wir sehen in unserem Wahnsinn die Absage unserer Gefühle an diese Gesellschaft (mit ihren Konkurrenzzwängen, Konsumzwängen, Leistungszwängen, Hierarchien, entfremdeter Arbeit und entfremdeten menschlichen Beziehungen, Kopflastigkeit). Wir sind anpassungsunfähig an die Normalität. David Cooper schreibt, der Normalisierungszustand beruhe auf dem Verlangen nach einem gleichförmigen, zunehmend bequemen, sicheren, glücklichen und leichten Leben, was sicher eine Art Tod sei. Dementsprechend würden alle Lebenszeichen, ekstatische Intensitäten der Erfahrung und orgiastische Liebe verboten. Wir sind alle auch anpassungsunwillig. Unser Wahnsinn hat jedoch auch eine gefährliche Seite: Sie führt uns in die Klauen der Psychiatrie. Und diese wieder versucht mit aller GEWALT, uns den Sinn unseres Wahnsinns zu zerstören, verbergen, unterdrücken und abzusprechen. Und dabei ist es so einfach: Inhalt, Form und Ausmaß Wahnsinns sind Signale und Botschaften. Sie drücken in der jeweiligen individuellen Form unsere (unbewussten, deshalb um so gefühlsbetonteren) Antworten auf die Unterdrückung unserer eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten durch unsere Umwelt aus. Diese ist es, die die Anerkennung unserer Anforderungen und unserer Wünsche verweigert. Für unsere Mitmenschen ist eine solche Erkenntnis schwer: Sind es doch sie, die uns enttäuscht haben. Sie haben aber Angst, uns so, wie wir sind, zu akzeptieren. Denn durch unsere Andersartigkeit werden sie selbst in ihrer angepassten Normalität in Frage gestellt. Wir haben diese Zeitung gemacht, um endlich selbst zu Wort zu kommen zu können. Wir können für uns selber sprechen. Ihr, die Ihr Opfer psychiatrischer Behandlung und Zwangsmaßnahmen seid oder wart: Leistet Widerstand. Helft gemeinsam, mit uns, mit anderen die Psychiatrie wird Euch nie und nimmer helfen! Ihr, die ihr brav Eure Arbeit in den Anstalten macht pflichtbewusst aber innerlich unbefriedigt: Leistet Widerstand! Arbeitet mit den Beschwerdezentren zusammen, gebt ihnen Informationen weiter. Ihr macht euch mitschuldig. Ihr Richter und Richterinnen, die Ihr uns zwangseinweist: Überlegt, ob eine Anstalt uns die Hilfe geben kann, die uns nach der Verfassung zusteht. Die Würde des Menschen sei unantastbar: schön wär's. Und wenn wir Euch wie Zombies bei der Vorführung vorkommen, dann denkt daran, dass es Euch auch so gehen würde, wenn ihr ebenso zusammengespritzt werden würdet. Ihr Eltern, Freunde, Freundinnen, Nachbarn, die Ihr uns ratet, zur Therapie zum Psychiater zu gehen: Schaut selbst in den Spiegel, seht Eure Mitverantwortung an unseren Leiden. Ihr Politiker, die Ihr neue Anstalten bauen lasst, die Ihr die Gemeindepsychiatrie zum Überwachungsstaat 1984 ausbauen wollt: Passt bloß auf. Ihr alternativen Politiker: Wir messen Euch daran, wie Ihr uns, die Betroffenen, hört. Ihr Menschen, die Ihr unsere Zeitung lest und gut findet: Überlegt Euch, was Ihr mit zu dieser Gesellschaft beitragt, die kaputtmacht und unsere Persönlichkeit auslöschen will. Der einzige Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit besteht nur darin, dass der Gesunde sich mit ein bisschen Glück ein genügendes Maß an normalen Strategien bewahrt hat, das es verhindert, dass er zum Invaliden oder Patienten geworden, ist. Sehr schnell kann sich dies ändern. Die Redaktionsgruppe der Irren-Offensive
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