Christian Discher
Die Stimmen der Übriggebliebenen

CoverKartoniert, 249 Seiten, 14,5 x 21,5 cm, ISBN 978-3-9814257-2-7. Hamburg: underDog Verlag Olaf Junge 2015. € 14.90 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb
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Beklemmender Bericht eines Psychiatriebetroffenen aus Mecklenburg-Vorpommern über seinen unbedarften Weg in die psychiatrische Klinik Ueckermünde ("Hölle von Ueckermünde" – Ernst Klee), wie man dort mit ihm umsprang, wie andere dort zugrunde gingen oder hängen blieben und wie schwierig es für ihn war, sich aus den Klauen der Psychiatrie zu befreien. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Schicksalhafte Lebensumstände führen Christian Discher nach Ueckermünde in die umstrittene Psychiatrie im Osten Deutschlands. Medikamentöse Zwangsbehandlungen, abschätzende Bemerkungen des Fachpersonals und fragwürdige Therapien stehen im düsteren Haus 12 und im unsanierten Plattenbau Nr. 40 auf der Tagesordnung. Wieder in Freiheit sprechen ihm Ärzte seine Kompetenzen ab, Psychologen und Berater vom sozialpsychiatrischen Dienst setzen ihn unter Druck. Der 17-Jährige wehrt sich gegen den vorgezeichneten Lebensweg und ein System, das Menschen in unserer Gesellschaft abstempelt und jene vergisst, die besonders schutzbedürftig sind. Dabei folgt er dem Rat seiner engsten Verbündeten.

In der tagebuchartigen Erzählung beschreibt er Jahre später eindringlich seine Begegnungen mit den Menschen, die in Ueckermünde zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen politischen Systemen behandelt wurden. Nach ihrem Aufenthalt haben sie nie wieder den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden.

Über den Autor

Während seines Aufenthaltes in der Psychiatrie in Ueckermünde attestierten die Mediziner und Psychologen Christian Discher, unterdurchschnittlich intelligent zu sein. Das ärztlich dokumentierte Stigma schlägt ihm die Türen zurück ins Leben zu. Aufgrund der medikamentösen Zwangsbehandlung, die ihm anderthalb Jahre die Artikulationsfähigkeit raubte und ihn körperlich massiv einschränkte, war er dem Urteil des Fachpersonals hilflos ausgeliefert.

Nach dem im Buch beschriebenen Martyrium kehrte er seiner alten Heimat den Rücken und begab sich zur Bewältigung des erlebten Traumas in eine Spezialklinik in Westdeutschland. Er studierte Französisch und Englisch und schrieb seine Doktorarbeit im Bereich Linguistik mit dem Schwerpunkt Migration. Seine Studien führten ihn zu Auslandsaufenthalten nach Paris und Dublin. Als nunmehr zertifizierter Hochschullehrer ist er seit 2010 in unterschiedlichen Bildungseinrichtungen tätig. Er engagiert sich für Menschen, die in unserer Gesellschaft im Abseits stehen, und setzt sich mit dem Konzept der Inklusion auseinander, das nach seiner Auffassung einer kritischen Betrachtung unterzogen werden muss.

Pressestimme

»1997 durchlebt der sportlich trainierte 17jährige Christian Discher eine pubertäre Krise. Wenige Monate nach einer überstandenen Tumorerkrankung fängt er an, immer weniger zu essen, es drängt ihn nach körperlicher Perfektion, er leidet unter Schwindelanfällen. Zudem ist er schwul und steckt voller Schuldgefühle. Nun will er auch noch christlich getauft werden. In seiner Not wendet er sich an eine Pfarrerin und sucht bei ihr Hilfe bei der Verarbeitung seiner sexuellen Verunsicherung. Anstelle sich den Nöten des jungen Manns anzunehmen, veranlasst sie die Einweisung in die Psychiatrie – in die "Hölle von Ueckermünde" (in Mecklenburg-Vorpommern), wie sie Ernst Klee in seinem Dokumentarfilm genannt hatte. Dort wird er der ortsüblichen Behandlung unterzogen: fixiert, zusammengespritzt, gedemütigt. Er leidet unter den parkinsonoiden Auswirkungen der Neuroleptika, wird apathisch, soll Körbe flechten, fühlt sich absolut minderwertig.

Nach der Klinikentlassung wird er vom Sozialpsychiatrischen Dienst weiter belästigt. Viele seiner Mitpatienten überleben die psychiatrische Behandlung nicht oder siechen als Langzeitpatienten in Heimen und psychiatrisch betreuten Patientenclubs dahin. Auch er soll die Psychopharmaka weiter schlucken, nimmt 40 kg zu, bleibt lethargisch. Ihm wird ein unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient bescheinigt. Trotzdem will er Abitur machen...

Wie er es trotz all des Unbills und im Glauben an die ausschließlich körperliche Bedingtheit von Psychosen schaffte, Abitur und Führerschein zu machen und sein eigenes Leben zurückzuerobern, schildert der mittlerweile gar zum Hochschullehrer gewordene und mit Inklusion beschäftigte Autor auf beklemmende Weise, sie lässt einem beim Lesen nicht mehr los.

Ein packendes Buch, das an Kerstin Kempkers "Mitgift – Notizen vom Verschwinden" erinnert; auch sie wurde als Minderjährige in einer pubertären Krise der Psychiatrie ausgeliefert – nicht von einer Pfarrerin, sondern einer Nonne. Auch sie schildert ihre Behandlung hautnah, auch sie erinnert an all die von der Psychiatrie Totgemachten. Wie ihr Buch macht auch Christian Discher Betroffenen und Familien Mut: Selbst wenn keiner mehr daran glaubt, kann man es schaffen, den psychiatrischen Sumpf nach Jahren zu verlassen und wieder auf eigene Füße zu kommen.« (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)