Johan Cullberg Gebunden
317 Seiten, 32 schwarz-weiße Abbildungen, 9 Tabellen, 14 x 21,5 cm,
ISBN 978-3-88414-435-0. Bonn: Psychiatrieverlag 2008. € 49.95 / sFr
73.50 / sofort lieferbar Über den Autor | Inhaltsverzeichnis | Vorwort | Pressestimmen | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Plädoyer für ein sozialpsychiatrisches Psychosenverständnis, "bedürfnisangepasste Behandlung" und das "Fallschirmprojekt" zwecks Reduzierung von Psychopharmaka bei "Ersterkrankten". Mit dem knapp sechsseitigen Kapitel "Chancen für eine integrative Psychosentherapie in Deutschland" von Nils Greve und Volkmar Aderhold, das den Stand der Reformbemühungen hierzulande wiedergibt in Richtung sozialpsychiatrischer bedürfnisangepasster Behandlung und Home-Treatment, Krisendienste, Soteria- und Krisenstationen sowie Rückzugsräume. Originalveröffentlichung in Schweden 2000; aktualisierte deutsche Erstveröffentlichung, basierend auf der englischen Ausgabe von 2006 Original-Verlagsinfo Skandinavische Modelle der Behandlung und Versorgung von Psychosen gelten als innovatives Vorbild für die deutsche Psychiatrie. Johan Cullberg ist als ein Vertreter dieser Konzepte und als Autor auch hierzulande sehr bekannt. In seinem Buch führt er neueste Erkenntnisse und Entwicklungen aus Medizin und Psychologie zusammen, um das Verständnis von Psychosen zu vertiefen. Ausführlich stellt er die Voraussetzungen, Anforderungen und Organisation einer Behandlung dar sowie medikamentöse und therapeutische Interventionen, die entsprechend den Bedürfnissen des Einzelnen aufeinander abgestimmt werden. Nur eine genaue Kenntnis der individuellen Risikofaktoren, des bisherigen Verlaufs und eine gute Einschätzung des Genesungspotenzials können zu einer passgerechten Behandlung führen, die Stärken stützen und krisenauslösende Bedingungen reduzieren. Dieser ganzheitliche Ansatz erfordert entsprechende Versorgungsstrukturen, die man, so zeigt Cullberg anhand skandinavischer Erfahrungen, auch schaffen kann. In dem Nachwort von Nils Greve und Volkmar Aderhold ist nachzulesen, wie dies auch in der Bundesrepublik gelingen könnte. Johan Cullberg war Professor für Psychiatrie und Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für die psychologische Behandlung der Schizophrenie und anderer Psychosen (ISPS). Heute forscht er zu Ersterkrankungen bei Psychosen und ist als klinischer Supervisor mehrerer Stockholmer Krankenhäuser tätig. Johan Cullberg, ein Psychiater aus Schweden, im Vorwort zum Buch schreibt, er wolle ein umfassendes Bild psychotischer Menschen als menschliche Wesen aus der Perspektive eines einzigen Klinikers entwerfen, spricht er - vermutlich unbewusst - eine Vielzahl von Problemen an, die ihm und seinem Buch zum Verhängnis wurden. Er entwirft ein Bild, ein Konstrukt - sein Bild, mit dem er die Masse der als psychotisch geltenden Menschen ohne Einschränkung abgebildet und katalogisiert haben möchte. Auf dem Papier kann er diesen Anspruch erheben. Papier ist geduldig, es begehrt nicht auf, wenn er das Erfahrungswissen Psychiatriebetroffener, deren eigenen Deutungen und deren Anspruch, sogenannte Psychosen individuell zu definieren, ignoriert. Es wird auch nicht zu Asche, wenn Menschen mit der psychiatrischen Diagnose "Psychose" erst zu menschlichen Wesen gemacht werden müssen; offenbar sind sie für Cullberg ohne seine definitorischen Fähigkeiten nichtmenschliche Wesen. Das tut weh angesichts der Erwartungen, die mit seinem lobenswerten Ansatz verbunden sind, die Erstvergabe von Neuroleptika bei psychotischen Diagnosen zu reduzieren oder gar vermeiden. Von diesem positiven Ansatz abgesehen ist es schwer herauszufinden, wodurch sich Cullberg von normalen Psychiatern unterscheidet. Menschen mit der Diagnose "Schizophrenie" gelten für ihn als Behinderte mit genetischer Prädisposition, denen oft Neuroleptika zur Rückfallverhütung zu verordnen sei. Er sieht sich einig mit den Forscherinnen und Forschern, "dass viele Gene, etwa 15 bis 20 oder auch mehr, in verschiedenen Kombinationen interagieren und so in komplexer Weise die Anfälligkeit für psychotische Erkrankungen mitbedingen." (S. 70) Vielleicht dürfen es ja auch ein bisschen mehr sein, 100 oder 1000 oder 5000, die "mitbedingen"? Gene hat ja unzweifelhaft jeder Mensch, auch psychiatrisch Diagnostizierte, wer will also dieser Beliebigkeit etwas entgegensetzen? Von dieser durchsetzt ist das gesamte Buch. Cullberg sammelt alle möglichen theoretischen Behauptungen, lässt sie alle mehr oder weniger oder überhaupt gelten oder auch nicht. Seine Art der Darstellung ist alles andere als klar, und so werden die einen in ihm - ähnlich Klaus Dörner - einen neuen psychiatrischen Messias sehen; die anderen werden sein Buch gelangweilt in die Ecke legen, denn (wie bei Klaus Dörner) ist der Elektroschock akzeptabel, noch nicht einmal kritische Positionen zur Zwangsbehandlung finden sich; wo soll also ein Ansatz begründet sein für eine psychosoziale Versorgung, die die Menschenrechte beachtet und den Betroffenen vor behandlungsbedingten Schäden schützt? "Ist der Patient nicht fähig zu kooperieren und droht eine gefährliche Situation, dann müssen die Medikamente zwangsweise verabreicht werden. Diese sollte 'sanft, aber bestimmt' erfolgen und von einer Erklärung begleitet sein, warum die Zwangsmedikation notwendig ist." (S. 264) Auch im Buch enthalten sind kleinere Absätze über die "bedürfnisangepasste Behandlung der Psychose", allerdings in der Interpretation von Cullberg, über Soteria (beides lässt sich anderswo besser nachlesen) oder das schwedische Fallschirmprojekt. Projekte Psychiatriebetroffener lässt Cullberg unter den Tisch fallen, Psychiatriebetroffene gibt es für ihn nur als Fallbeispiele psychischer "Erkrankungen"; deren Erfahrungen, Literatur und Programme ignoriert er mit allergrößter Selbstverständlichkeit. Abgeschlossen wird das Buch mit dem knapp sechsseitigen Kapitel "Chancen für eine integrative Psychosentherapie in Deutschland" von Nils Greve und Volkmar Aderhold, das den Stand der außerordentlich bescheidenen und den grundsätzlichen Bedürfnissen der Betroffenen kaum gerecht werdenden Reformbemühungen hierzulande wiedergibt in Richtung sozialpsychiatrischer bedürfnisangepasster Behandlung und Home-Treatment, Krisendienste, Soteria- und Krisenstationen sowie Rückzugsräume. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten) |