Burkhart Brückner
Delirium und Wahn – Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. Band I: Vom Altertum bis zur Aufklärung. Band II: 19. Jahrhundert – Deutschland

CoverLeinengebunden, 16,5 x 24 cm. Band I: X + 578 Seiten, 11 schwarz-weiße und 2 farbige Abbildungen, 1 Tabelle; Band II: IX + 367 Seiten, 7 schwarz-weiße Abbildungen, 3 Tabellen, ISBN 978-3-87646-099-4. Hürtgenwald: Guido Pressler Verlag 2007. € 220.– / Preis in sFr / Preis ist kein Tippfehler / lieferbar innerhalb von ca. 3 Tagen In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
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Der Autor, Mitbegründer des Berliner Weglaufhauses, möchte mit diesem Doppelband die Welt des Wahns aus der Perspektive der ersten Person begreifen, die literarische Vielfalt der Selbstzeugnisse erforschen und die Zusammenhänge der Erfahrungswelten mit den zeitgemäßen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen aufdecken. Originalausgabe. Mit umfangreichem Literaturverzeichnis und Register

Original-Verlagsinfo

In Burkhart Brückners umfangreicher Arbeit werden Selbstzeugnisse von Menschen untersucht, die "wahnsinnig" wurden.

Die besondere Art, wie diese, auch berühmten, Menschen ihre (vermeintliche) Psychose 'wahr'nehmen und beschreiben, wird auf der Zeitbahn von der Antike bis zum 20. Jahrhundert belegt. Vielschichtig sind die Untersuchungen, vielfältig die Blickrichtungen (medizinisch, philosophisch, kultur- und sozialhistorisch): auf individuelle Wahnsinnserfahrungen, Publikationsmotive, lebenspraktische Argumente (während oder nach deliranten Erfahrungen), auf Zwangsmaßnahmen und psychiatrisches Asyl, auf das Problem der psychiatrischen Deutung der authentischen Dokumente in den einzelnen Epochen und Ländern (z. B. England, Frankreich, Deutschland).

Vier Typen von Fallbeispielen bilden sich heraus: Kooperation und Souveränität als "erfolgreiche", Distanz und Isolation als "scheiternde" Kategorien. Die zahlreichen Einzelfälle werden vom Verfasser ausführlich interpretiert, mit dem Ergebnis einer höchst beeindruckenden Auswertung: Übertragungen gegenwärtiger Konzeptionen von Wahnkrankheiten auf Krankheitsbilder aus Antike, Mittelalter und früher Neuzeit haben zwar Gemeinsamkeiten mit den in diesen Epochen existierenden Vorstellungen, jedoch hatten in früherer Zeit – oftmals in bemerkenswerter Weise – Bilder von Delirium und Wahn andere, engere oder weitere Bedeutungen.

Das Gesamtwerk dokumentiert den Kulturbegriff Wahn, zeigt den faszinierenden Zusammenhang von Leben und Schrift, führt Menschen mit besonderen Persönlichkeitseigenschaften vor, die durch ihr zutiefst Menschliches zum Werdegang der Psychiatrie und Klinischen Psychologie als Wissenschaften entschieden beigetragen haben.

Psychiatern, Psychiatriehistorikern, Psychologen, Kulturwissenschaftlern, Historikern, Literaturwissenschaftlern, Philosophen und Psychoseerfahrenen sei dieses Werk empfohlen.

Originaltext des Autors über sein Buch

Was bedeutet es, wahnsinnig zu sein? Mit dieser Leitfrage wird in diesem Werk die Geschichte des Wahns von der Antike bis ins 20. Jahrhundert entfaltet. Im Mittelpunkt stehen historische Dokumente, Briefe und Tagebücher über persönliche Erfahrungen von Delirium und Wahn. Diese "patientengeschichtliche" Kultur des Schreibens über schweres psychisches Leiden wird im Verhältnis zur abendländischen Theoriengeschichte der Psychosen untersucht. Die Analysen werden dabei stets in die mentalitäts- und kulturgeschichtlichen, medizintheoretischen und philosophischen Zusammenhänge des Themas eingebettet. Mittels geschichtswissenschaftlicher und qualitativ-empirischer Methoden zeigen sich die Schnittpunkte zwischen der europäischen Wissenschaftsgeschichte, der Sozialgeschichte der Psychiatrie und einer Geschichte des Wahns "von unten" – durch Analysen der Sichtweisen, Lebensumstände und narrativen Strategien der betroffenen Menschen. Der erste Band thematisiert die Epochen von der Antike bis zur Aufklärung, der zweite Band konzentriert sich auf deutschsprachige Schriften des 19. Jahrhunderts.

I. Band: Vom Altertum bis zur Aufklärung

Die Einleitung (erstes Kapitel) fasst den Stand der historischen Forschung mit thematisch relevanten Selbstzeugnissen, die gegenwärtige Wahnforschung und die Methodik der Studie zusammen. In den folgenden beiden Kapiteln über die Antike und das Spätmittelalter werden die begriffsgeschichtlichen Wurzeln des Themas untersucht (hippokratisch-galenische Medizin, platonische und aristotelische Philosophie; mittelalterliche Medizin und Theologie). Anhand von Selbstzeugnissen, die das Thema ein- und abgrenzen (u.a. von Menekrates v. Syrakus, Aelius Aristides, Claudius Galen, Otloh v. St. Emmeran, Margery Kempe) werden die historiographischen Grundprobleme diskutiert (Quellenkritik, autobiographisches Bewusstsein, Paläodiagnostik, Visionsliteratur, historische Kasuistik).

Das vierte Kapitel behandelt der Entwicklung der Wahnsinnsthematik in der europäischen Renaissance. Quellenorientierte Studien über die frühneuzeitliche Dämonologie, die Narrenliteratur und den Melancholiebegriff führen zur Frage nach der kulturellen Einbindung des Wahnsinns im 16. Jahrhundert. Es zeigt sich, dass der Begriff des Wahnsinns unabhängig von den frühneuzeitlichen Typologien der Persönlichkeit erst in der medizinischen Melancholietheorie gegen Ende des 16. Jahrhunderts weiterentwickelt wurde. Der Befund wird durch die Analyse einschlägiger Selbstzeugnisse untermauert (u.a. von Torquato Tasso, Hieronymus Wolf und Robert Burton).

Das fünfte Kapitel rollt die Geschichte des medizinischen Begriffs des "Deliriums" im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert anhand zeitgenössischer Quellen auf (u.a. Johann Baptist van Helmont, Michael Ettmüller, Thomas Willis). Im Zusammenhang mit sozial- und wissenschaftshistorischen Eckdaten wird Michel Foucaults Konzept des Wahnsinns kritisch reflektiert und die Perspektive einer subjektorientierten Erfahrungsgeschichte entfaltet.

Im sechsten, siebten und achten Kapitel werden 45 britische, französische und deutschsprachige Selbstzeugnisse über Melancholie, Hypochondrie, Tollhausbehandlungen und "delirante" Erfahrungen aus dem späten 17. und dem 18. Jahrhundert vorgestellt. Die Texte werden im Zusammenhang mit zeitgenössischen Theorien, den sozialhistorischen Eckdaten und der heutigen Sekundärliteratur diskutiert. Untersucht werden u.a. Texte von Hannah Allen und George Cheyne, Jean-Jacques Rousseau, Adam Bernd, Johann Karl Wezel, Emanuel Swedenborg, Friedrich Nicolai und Markus Herz.

Im neunten Kapitel wird eine Kollektion von elf Selbstzeugnissen aus dem Zeitraum 1600-1800 dargestellt, in denen "delirante" Erfahrungen beschrieben worden sind. Das Resümee führt zu einer textpragmatischen Typologie (moraldidaktische Schriften, Protestliteratur, verwissenschaftliche Selbstbeobachtungen) des Schrifttums und seiner historischen Bedeutung.

II. Band: Das 19. Jahrhundert – Deutschland

In der Einleitung (erstes Kapitel) werden die inhaltlichen und methodischen Grundzüge der Untersuchung zusammengefasst und die Fragestellungen für die deutschsprachigen Quellen des 19. Jahrhunderts entwickelt. Im zweiten Kapitel wird die deutschsprachige Wahnforschung des 19. Jahrhunderts im Kontext der wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung der Psychiatrie und Psychopathologie rekonstruiert. Im Zusammenhang mit der modernen Sozialgeschichte des Irrenhauses geht es um die institutionelle Entfaltung der Anstaltspsychiatrie, die Begründung des psychiatrischen Krankheitsbegriffs in der frühen anthropologischen Psychiatrie, die Weiterentwicklung der biologischen Grundlagenforschung und der Experimentalkultur (Wilhelm Griesinger, Emil Kraepelin) sowie um die zentrale Stellung des Wahnproblems bzw. der "Paranoiafrage" für die moderne Psychopathologie.

Das dritte Kapitel bringt eine Studie zu den deutschsprachigen Selbstzeugnissen über Wahnerfahrungen im 19. Jahrhundert, von denen etliche erstmals im psychiatriegeschichtlichen Zusammenhang thematisiert werden. Aus insgesamt 62 publizierten Texten werden 17 Selbstzeugnisse für eine qualitativ- empirische Detailuntersuchung ausgewählt (u.a. von August Strindberg, John Perceval, Friedrich Krauß, Carl Gehrmann). Im Mittelpunkt stehen Thesen zu den Publikationsmotiven der Autoren, zu ihren Bezügen auf die zeitgenössische Theoriesprache sowie zum Zusammenhang der subjektiven Wahnwelten mit der wissenschaftlichen Experimentalkultur des 19. Jahrhunderts.

Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse beider Bände resümiert, die begriffsgeschichtlichen Linien zusammengefasst und die Bedeutung der literarischen Kultur der Selbstzeugnisse für die Geschichte der Psychiatrie abschließend verdeutlicht.

Über den Autor

Geb. 1962, Dr. phil., Professor für Sozialpsychologie und Gesundheitsförderung an der Hochschule Niederrhein, Psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis, Mitbegründer des Weglaufhauses in Berlin, ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter des Berliner Krisendienstes. Buchveröffentlichungen: 2006 (hg. mit S. Al Akel, U. Klein) "Verstehende Beratung alter Menschen"; 2007 "Delirium und Wahn – Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900"; 2010 "Geschichte der Psychiatrie"; 2011 (hg. mit C. Kupke) "Das Verschwinden des Sozialen"; 2011 (hg. mit D. Wälte, M. Borg-Laufs) "Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit, Beratung" . Gründer des Biographischen Archivs der Psychiatrie. Arbeitsgebiete in Forschung und Lehre: Klinische Sozialpsychologie, Gesundheitspsychologie, Psychiatriegeschichte.

Weitere Bücher mit Beiträgen von Burkhart Brückner im Antipsychiatrieversand: Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus  ·  Wohin mit dem Wahnsinn? Ausgewählte Aspekte der Kontroverse um Anstaltspsychiatrie und mögliche Alternativen – Kritischer Überblick über psychiatrische, antipsychiatrische und feministische Positionen – am Beispiel der Konzeptionen von Soteria (Bern), vom Weglaufhausprojekt Berlin und vom Therapieansatz Polina Hilsenbecks (München)  ·  Die abklingende Psychose. Verständigung finden – Genesung begleiten   ·  Die abklingende Psychose. Verständigung finden – Genesung begleiten