Eva Bertoluzza
/ Martina Gitzl / Michaela Ralser (Hg.) Kartoniert,
300 Seiten, 12,5 x 20,5 cm, ISBN 978-3-900399-98-6. Wien: Milena Verlag
/ Wiener Frauenverlag 1994. € 21.50 / sFr 25.80 / sofort lieferbar
Inhaltsverzeichnis | Vorwort | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home Buch zum Frauensymposium 1993 in Innsbruck. Anspruchsvoller Versuch, einerseits Feminismus, Therapie und (Anti-)Psychiatrie zu Ende zu denken angesichts postmoderner Auflösungen und Umcodierungen, andererseits bestehende Praxisansätze in Workshopberichten zu sammeln Original-Verlagsinfo Die Autorinnen wenden sich der Antipsychiatriebewegung und jenen Teilen der Frauenbewegung zu, welche sich der Psychiatrie und ihren Diskursen widersetzen. Im Buch werden die IRRENOFFENSIVE BERLIN, das WEGLAUFHAUS BERLIN, FRAUEN-WEGLAUFHAUS AMSTERDAM und das BASAGLIA-HAUS LINZ vorgestellt. Die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse werden auf ihre Produktion von Frauen-Ver-rücktheiten, vor allem auf die ihnen selbst innewohnenden Verrücktheiten befragt. Die Autorinnen wollen nicht neue Verrücktheiten orten, nicht genauere und bessere Beschreibungen liefern, nicht schöne Worte finden, die Sprache der Verrücktheit zu erklären, sondern sich auf eine Zeitanalyse einlassen und die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse auf ihre Produktion von Verrücktheiten, vor allem aber auf die ihnen selbst innewohnenden Verrücktheiten hin befragen.
Im Juni 1993 fand in Innsbruck das Frauensymposium »Pathos-Psychose-Pathologie. Der weibliche Wahnsinn zwischen Ästhetisierung und Verleugnung«, veranstaltet von den Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes, statt. Als Ergebnis der dort zur Debatte gestandenen Inhalte sind die Beiträge und kontroversiell geführten Diskussionen ins Buch aufgenommen und fortgesetzt worden. Nehmen wir einmal an, wir leben in einer postmodernen Zeit; und tatsächlich: die Gegewartsanalyse befördert Auflösungsprozesse zutage, die in letztet Konsequenz die Erübrigung der Frau vollziehen. So wird die Aufhebung der Geschlechterdifferenz, die zunehmende Angleichung der geschlechtsdifferenten Körper aneinander technisch eifrig betrieben, wobei die Lebensentstehung bereits völlig abgekoppelt von der Frau vollzogen werden kann. Diesen Auflösungen, Umcodierungen und Technologisierungen ist der erste Teil des Buches Gewidmet (Maria Wolf; Jutta Anna Kleber). Analog zur »&Uuuml;berwindung« des Weiblichen wird sich auch der Wahnsinn durch seine Angleichung an die Normalität neutralisieren oder sich in veränderter Gestaltung zeigen (Eva Bertoluzza; Martina Gitzl; Michaela Ralser). Während der postmoderne Imperativ einerseits der einzelnen ein windiges »Sich-drehen-und-Wenden« in der multiplen, zerrissenen, Realität auferlegt, blüht andererseits auch schon das entsprechende Krankheitsbild, das Multiple-Persönlichkeits-Syndrom wieder auf (Oshra Beate Danker; Monika Veith). Auflösungsmechanismen greifen auch dort, wo sich große Institutionen in die Gesellschaft hinein verlagern und ihren Restbeständen nur noch Symbolcharakter zukommt. Angewandt am Beispiel der psychiatrischen Anstalt hat diese These am Symposium heftige Auseinandersetzungen hervorgerufen: »Kann man die Psychiatrie, weil sie theoretisch schon abgearbeitet ist, damit auch für aufgelöst halten? Führt dieser Diskurs nicht eher zu Auflösung der Wahrnehmungsfähigkeit selbst?« In der Textcollage »KONTROVERSEN IM GESRPÄCH« werden Rede und Gegenrede in ein streitbares, sich gegenseitig nicht ausschließendes Für und Wider gebracht. Denn es ist letztendlich der Ort des Sprechens, von dem der jeweilige Diskurs abhängig bleibt und von dem aus er betrieben wird. Wenden wir uns der Antipsychiatriebewegung und jenen Teilen der Frauenbewegung zu, welche sich der Psychiatrie und ihren Diskursen widersetz(t)en, so kann man sie heute am Schnittpunkt von Auflösung einerseits und Erhalt andererseits verorten: Neben der faktischen Existenz der Anstaltspsychiatrie und den vielfältigen Restaurationsprozessen, denen sie sich unterzieht, werden ihre Techniken unwiderruflich zum gesellschaftlichen Allgemeingut, womit auch die Angriffsflächen der politischen Bewegung in sich zusammenfallen, an Eindeutigkeit verlieren. Eine Rekonstruktion der Geschichte der Antipsychiatrie zeigt diese Wege für den deutschsprachigen Raum auf, ebenso die sie charakterisierende männliche Dominanz (Johanna Beglinger; Pia Zanolari). Im Buch vorgestellt werden die IRRENOFFENSIVE BERLIN, das WEGLAUFHAUS BERLIN, das FRAUENWEGLAUFHAUS AMSTERDAM und das BASAGLIA-HAUS LINZ: Dies alles sind Projekte aus der Antipsychiatrie- und Frauenbewegung. Es sind gesellschaftliche Nischen, die sich oft genug am Rande der Überlebensfähigkeit befinden, trotzdem aber die Herausforderung annehmen, den schwierigen Weg zwischen Politik und Praxis zu gehen. Ob das Politische daran nicht ebenso wie die Frauenbewegung voreilig »in den Tod« gesungen wird (Gudrun Perko) ist eine Frage, der die letzten beiden Beiträge nachgehen. Sind die Frauenkämpfe einerseits noch nicht ausgestanden (Monika Pelz), so sind sie andererseits bereits in der Therapeutisierung politischer Inhalte (Ruth Großmaß) gestrandet. In diesen Zeiten restloser Entschlüsselung »unverstanden« zu bleiben, ist nahezu unmöglich geworden (Kerstin Kempker) und bewegt sich entlang der Sprachgrenzen (Waldtraud Haas; Margit Hahn; Irene Halpern), zwischen Sprachlosigkeit und -kreation. |