Franco Basaglia
Die Entscheidung des Psychiaters – Bilanz eines Lebenswerks

CoverKartoniert, 256 Seiten, 13 x 21 cm, ISBN 978-3-88414-259-2. Bonn: Psychiatrieverlag 2002. € 22.90 / sFr 34.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb
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Erstmalige Publikation verlorengeglaubter Manuskripte Basaglias aus den Siebziger Jahren über die Psychiatrie mit ihrem Doppelcharakter von Hilfe und Unterdrückung, über ihr Verhältnis zur Politik usw.

Original-Verlagsinfo

Die Texte der Vorträge, Zusammenkünfte und Diskussionen, die der Autor 1979 in Brasilien abhielt, gelten gleichsam als die Bilanz seines Lebenswerkes. Sie bieten eine Antwort auf die Notwendigkeit, im Abstand von dreißig Jahren nachfolgenden Generationen Entstehung und Grundlagen der Bewegung, die in Italien und über seine Grenzen hinaus das Irrenhaus zur Disposition gestellt hat, zu rekonstruieren und bekannt zu machen.

Vorwort

Die »Brasilianischen Konferenzen« stellen das Vermächtnis einer der letzten öffentlichen Reflexionen des komplexen Lebenswerks Basaglias dar. In einer zugleich leidenschaftlichen und reifen Synthese stellen sie noch immer aktuelle Probleme und Themen, deren Diskussion sich nach und nach verflacht hatte, erneut zur Debatte. In diesem Sinne nehmen sie die zuletzt wiederaufgelegten Ausgaben der von Franco Basaglias herausgegebenen Werke »Che cosè la psichiatria?« (dt.: Was ist Psychiatrie? Suhrkamp, Frankfurt 1974, vergriffen) und »L'istituzione negata« (dt.: Die negierte Institution. Suhrkamp, Frankfurt 1971, vergriffen) wieder auf. Sie sind eine Antwort auf die Notwendigkeit, im Abstand von dreißig Jahren nachfolgenden Generationen Entstehung und Grundlagen der Bewegung, die in unserem Land und über seine Grenzen hinaus das Irrenhaus zur Disposition gestellt hat, zu rekonstruieren und bekanntzumachen.

Der vorliegende Band enthält die Texte der Vorträge, Zusammenkünfte und Diskussionen, die Basaglia im Juni 1979 in Sao Paulo und Rio de Janeiro und im November des gleichen Jahres in Belo Horizonte abhielt. Die hier zum ersten Mal veröffentlichten vier Vorträge aus Belo Horizonte wurden von den kürzlich durch Antonio Soares Simone, einem der damaligen Veranstalter, wiederaufgefundenen Tonaufnahmen übertragen.

Die nach unseren Tonbandaufzeichnungen ins Brasilianisch-Portugiesisch übersetzten Vorträge aus Sao Paulo und Rio de Janeiro sind im Dezember 1979 in Brasilien unter dem Titel »A psiqiátria alternativa. Contra o pessimismo da razão, o otimismo da prática« (Sao Paulo, Brasil Debates, herausgegeben von Darcy Antonio Portolese und Gabriel Roberto Figueiredo). Nach diesem Buch erschien 1984 die erste italienische Ausgabe der »Conferenze brasiliane« in der Zeitschrift »Fogli di Informazione« (Centro di documentazione di Pistoia), herausgegeben von Domenico de Salvia und Adolfo Rolle (übersetzt von Domenico de Salvia, Marcella Cannone und Adolfo Rolle). Diese Fassung enthielt alle Vorträge aus Sao Paulo und Rio de Janeiro unter Weglassung einiger Teile der letzteren.

Die Vorträge von Sao Paulo betreffend folgt die vorliegende Ausgabe vollständig dem Text der brasilianischen Ausgabe von 1979, übersetzt von Maria Grazia Giannichedda. Unter dem jeweiligen Titel der Vorträge ist jeweils der Ort angegeben, an dem sie gehalten wurden. Leider waren nicht für alle Vorträge gesicherte Angaben möglich.

Über die kurze Einführung von Maria Grazia Giannichedda, die viele Jahre mit Franco in Triest und zuletzt in Rom zusammengearbeitet hat, hinaus, hielt ich es für sinnvoll, die »Brasilianer« für die italienische Ausgabe um einen Text zu bitten, in dem sie darstellen, wie sich Basaglias Provokationen in Brasilien auswirkten und was sie dort heranreifen ließen. Damit soll bekannter werden, wie sich der schwierige und lange Weg – in diesem wie in vielen anderen Ländern – zu einem neuen Verständnis des Problems konkret öffnete. Schwierig und lang war der Weg, da es nicht darum gehen konnte zu siegen, sondern zu überzeugen. (In der deutschen Ausgabe wurde das Kapitel über die weitere Entwicklung in Brasilien durch den Beitrag von Klaus Hartung über die Rezeption und die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland ersetzt. Anm. des Psychiatrieverlags.)

Diese italienische Ausgabe der »Brasilianischen Konferenzen« war nur dank der Zusammenarbeit verschiedener Menschen möglich, denen wir hiermit ausdrücklich danken möchten: vor allem Antonio Soares Simone, der die Originalaufnahmen von Belo Horizonte wiedergefunden und zur Verfügung gestellt hat; Giampiero Demori, Chiara Lesti und Paulo Vendihna, die die Bänder aus Belo Horizonte bearbeitet haben. Ersterer transkribierte die Bänder der Vorträge Basaglias, die beiden anderen die Diskussionsbeiträge der Brasilianer, die sie auch übersetzten; Claudia Ehrenfreund, die an der Übersetzung des (hier nicht wiedergegebenen und nur in der italienischen Ausgabe enthaltenen) Textes von Nicacio, Amarante und Dias Barros mitgearbeitet hat und Letizia Cesarini Sforza, die an der Durchsicht des Textes mitgewirkt hat.

Schließlich danken wir Pier Aldo Rovatti, der ein aufmerksamer Leser der »Konferenzen« war und sich für diese Publikation eingesetzt hat.

Franca Ongaro Basaglia und Maria Grazia Giannichedda

Inhalt

  • Vorwort (von Franca Ongaro Basaglia und Maria Grazia Giannichedda) ..... 7

  • Die Aktualität der ethischen Entscheidung. Die»Brasilianischen Konferenzen« und die praktische Dimension der Diskusse Basaglias (von Klaus Hartung) ..... 9

  • Franco Basaglia: Die Entscheidung des Psychiaters

    • Dient psychiatrisches Handeln der Befreiung oder der Unterdrückung? ..... 37

    • Aufgaben des psychiatrischen Teams in der Gesellschaft ..... 57

    • Kritische Analyse der Institution Psychiatrie ..... 73

    • Die Integration der Psychiatrie in Programme der öffentlichen Gesundheit ..... 82

    • Gesundheit und Arbeit ..... 96

    • Gesellschaftsstruktur, Gesundheit und psychische Krankheit ..... 107

    • Macht und Gewalt im psychiatrischen Krankenhaus ..... 116

    • Repression und psychische Krankheit ..... 130

    • Wissenschaft und Kriminalisierung des Elends ..... 141

    • Staatsmacht und Psychiatrie ..... 150

    • Die beiden Reisen nach Belo Horizonte ..... 160

    • Psychiatrie unter Beteiligung des Volkes ..... 167

    • Alternativen für die psychiatrische Arbeit ..... 182

    • Psychiatrie und Politik: Die Anstalt von Barbacena ..... 196

    • Das Öffentliche und das Private in der Psychiatrie ..... 205

  • Nachwort (von Maria Grazia Giannichedda) ..... 219

  • Franco Basaglia – Biographische Skizze (bearbeitet von Maria Grazia Giannichedda) ..... 248

  • Autorenverzeichnis ..... 256

Rezension

Als Direktor einer Psychiatrischen Anstalt habe Basaglia gespürt, wie ein »symbolischer Scheißgeruch in der Luft lag. Ich war mir sicher, mich in einer völlig absurden Institution zu befinden, die nur dazu diente, daß der Psychiater am Monatsende sein Gehalt bekam.« Allein dieser Satz Basaglias, den Klaus Hartung in seinem einleitenden Beitrag zitiert, macht deutlich, weshalb die deutsche Psychiatrie so wenig Existenzielles von der demokratischen Psychiatrie Italiens übernehmen wollte – zu wohl fühlten und fühlen sich deutsche Psychiater in ihren Einrichtungen jedweder Coleur. Die Ablehnung psychiatrischer Krankheitsbegriffe als Grundlage der Etikettierung und Behandlung, statt dessen die Zurückverwandlung des psychiatrischen »Patienten« in ein Subjekt mit eigenen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten.... dies war Basaglias Entscheidung als Psychiater. »Der Psychiater weiß nichts, kompensiert diesen Mangel durch seine Macht.« Sein Anspruch an sich und seine Kollegenschaft, von der psychiatrischen Macht abzugeben und Menschen bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme sozialer Natur zu unterstützen und ihnen zu erträglichen (Über-)Lebensbedingungen zu verhelfen, bleibt sein Vermächtnis. Und dieses Vermächtnis mit erstmals publizierten Texten (über Psychiatrie mit ihrem Doppelcharakter als Befreiung oder Unterdrückung, über Psychiatrie und ihr Verhältnis zur Politik usw.) aus den Siebziger Jahren als Ansporn für die Kritik an der heutigen psychiatrischen Praxis vor dem Vergessen bewahrt zu haben, ist das Verdienst dieses Buches.

Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten