Michaela Amering / Margit Schmolke
Recovery – Das Ende der Unheilbarkeit

CoverGebunden, 430 Seiten, 16,5 x 24 cm, ISBN 978-3-88414-540-1. Bonn: Psychiatrieverlag, 5., überarbeitete Auflage 2012. € 29.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorboder Bestellung mit Formular
Über die Autorinnen | Inhaltsverzeichnis | Geleitwort von Heinz Katschnig | Rezensionen | Liefer- & Zahlungsbedingungen inkl. Widerrufsrecht
Alles über Recovery, was aus Sicht der Sozialpsychiatrie wichtig scheint: Wiedergewinnung des Zustands vor Eintritt der psychischen "Erkrankung" und Wiedererlangung von Kompetenzen durch verbesserte psychiatrische Behandlung. Originalausgabe 2007

Original-Verlagsinfo

Hoffnung macht Sinn. Das ist die Essenz der Recovery-Bewegung. Hier werden von Betroffenen initiierte Genesungs-Konzepte und Erfahrungen mit Schizophrenie für Betroffene, aber auch als Maßstab für professionelles Handeln, bereitgestellt. Michaela Amering und Margit Schmolke sehen die großen Chancen, die von dieser Bewegung und einer personenzentrierten Behandlung bei Psychosen für die Psychiatrie ausgehen. Schizophrenie ist heilbar, so lautet die nun mit Daten der Verlaufsforschung belegte Botschaft.

Recovery setzt den Empowerment-Gedanken schlüssig um. Die paternalistisch-fürsorgliche Haltung gegenüber Nutzerinnen des psychiatrischen Systems tritt in den Hintergrund. So ist es konsequent, dass im Buch mit dem einzigartigen Überblick über die Voraussetzungen und Grundannahmen der Recovery-Forschung Psychiatrie-Erfahrene als Forscher diskutiert werden. Wilma Boevink und Ron Coleman sind zwei der sieben mit ihrer Lebensgeschichte und Arbeit vorgestellten Symbolfiguren, aber sie betonen selbst, dass sie keine Ausnahmeerscheinungen sind. Auf einer neuen, ganzheitlich gedachten Ebene kann Gesundheit wieder erfahrbar werden. Es ist das Verdienst der Autorinnen zu zeigen, wie die persönlichen Erfahrungen von an Schizophrenie erkrankten Menschen zur Konzeptbildung in die wissenschaftliche Psychiatrie integriert werden können.

Schizophrenie ist heilbar, so lautet die Botschaft des Buches. Hier werden Genesungs-Konzepte und Erfahrungen mit Schizophrenie als Maßstab für professionelles Handeln aufgezeigt. Die Autorinnen Michaela Amering und Margit Schmolke sehen die großen Chancen, die von der aktuellen Recovery-Bewegung und einer personenzentrierten Behandlung bei Psychosen für die Psychiatrie ausgehen. Recovery setzt den Empowerment-Gedanken schlüssig um. Die paternalistisch-fürsorgliche Haltung gegenüber Nutzerinnen des psychiatrischen Systems tritt in den Hintergrund. Wilma Boevink und Ron Coleman sind zwei der sieben mit ihrer Lebensgeschichte und Arbeit vorgestellten Symbolfiguren. »Dieses Buch ist unglaublich positiv. Es redet nicht nur über Hoffnung, sondern es macht Hoffnung. Daher ist es auch ein therapeutisch wirksames Buch und zwar für Fachpersonen, Betroffene und Angehörige gleichermaßen. Leichtfüßig und leicht verständlich geschrieben, liest es sich streckenweise wie ein spannender Roman.« (Andreas Knuf)

Über die Autorinnen

Michaela Amering, Jg. 1961, ist Professorin und Oberärztin der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Wien. Sie ist im Vorstand der Sektion »Public Policy and Psychiatry« des Weltverbandes für Psychiatrie und der Sektion »Women's Mental Health« des Verbandes Europäischer Psychiaterinnen. Seit vielen Jahren verfolgt sie die internationale Entwicklung der Betroffenenbewegung und beschäftigt sich mit den großen Chancen, die durch eine starke Betroffenenbewegung und eine trialogische Gestaltung der Psychiatrie entstehen.

Margit Schmolke, Jg. 1957, Dr. phil, ist Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin im Raum München. Sie arbeitet am Lehr- und Forschungsinstitut der Deutschen Akademie für Psychoanalyse und ist Mitglied der Sektion »Psychoanalyse in der Psychiatrie« und im Vorstand der Sektion »Prävention und Psychiatrie« des Weltverbandes für Psychiatrie. Ihre Doktorarbeit zu Gesundheitsressourcen von Menschen mit Schizophrenie-Diagnose erschien 2001 im Psychiatrie-Verlag.

Rezensionen

Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen Bereich, den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische Kreise breit einsetzen. "Recovery" kann man übersetzen mit Bergung, Besserung, Erholung, Genesung, Gesundung, Rettung oder Wiederfindung. Die positive Konnotation der Hoffnung ist allen Verwendungstypen gemeinsam, kann aber in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche meinen mit Recovery die Erholung von einer psychischen Krankheit, das Nachlassen der Symptome oder die Gesundung. Andere denken dabei an die Erholung von unerwünschten Wirkungen der verabreichten Psychopharmaka nach dem Absetzen, die Wiedergewinnung der Freiheit nach Verlassen des psychiatrischen Systems oder die "Rettung aus dem psychiatrischen Sumpf". Im vorliegenden Buch geht es um Recovery durch psychiatrische Behandlung, rasante Entwicklungen hätten hierzu beitragen. Damit meinen die Autorinnen offenbar atypische Neuroleptika à la Zyprexa, bekannt geworden durch seine Diabetes-auslösende Potenz. Die Autorinnen informieren über viele psychiatrische Recovery-Programme im In- und Ausland, von denen man sonst nie etwas hören würde (leider ohne auf die Frage der Praxisrelevanz einzugehen). Manche Leser werden sich freuen, dass eine Reihe von Publikationen Psychiatriebetroffener aufgelistet werden, dass Forschung und Fortbildung aus der Perspektive Psychiatriebetroffener thematisiert wird und ein Paradigmenwechsel des psychiatrischen Glaubens an die sogenannte Unheilbarkeit von Geisteskrankheiten gefordert wird. Mir allerdings gibt die Ausblendung psychiatriekritischer (antipsychiatrischer) Erfahrungen von Leuten zu denken, die sich wieder erholt haben, indem sie der Psychiatrie den Rücken kehrten. Pat Bracken vom Internationalen Netzwerk für Alternativen und Recovery (INTAR - www.intar.org) schreibt in dem Buch "Statt Psychiatrie 2": "Die radikalste Folgerung der Recovery-Bewegung (...) besteht in der Feststellung, dass es die Betroffenen sind, die das größte Wissen und die meisten Informationen über Werte, Bedeutungen und Beziehungen besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung sind sie die wahren Experten." Man mag es eigentlich nicht mehr lesen, wenn psychiatrisch Tätige sich selbst für die einzig wahren Experten halten. Dass in diesem Weltbild noch nicht einmal INTAR einen Platz hat, ein internationaler Zusammenschluss aller wesentlichen Alternativansätze wie Soteria oder Windhorse, ist traurig. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)

"Recovery - Das Ende der Unheilbarkeit", ein sehr engagiertes Buch von zwei ebensolchen Frauen und empfohlen von der World Psychiatric Association (WPA), ist 2012 in der fünften, stark erweiterten Fassung erschienen. Das Buch mit seinen fast 400 Seiten bietet einen einmaligen, umfassenden Überblick über verschiedene Bewegungen und Initiativen, die weltweit von Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen ins Leben gerufen wurden. Der Stand regional bemerkenswerter Systemwandel wird ebenfalls umfänglich dargestellt. Es besteht kein Tabu darüber, dass Mitarbeiter_innen im psychosozialen Gesundheitsbetrieb die Behandlung häufig mehr behindern als die Behinderten selbst. Es ist ein Buch, das in jeden Bücherschrank gehört und bei dem es sich immer mal wieder lohnt, es hervorzuholen und abschnittweise zu lesen. Die Überschriften sind übersichtlich gewählt und die Kapitel gut unterteilt. Für mich als Feministin ist es darüber hinaus wirklich angenehm, dass die Autorinnen konsequent abwechselnd die männliche wie die weibliche Form verwenden, wie "Nutzer" und Nutzerinnen", und so deutlich immer beide Geschlechter gemeint sind.
In den beiden Selbstdarstellungen der Autorinnen am Ende des Buches finden sich beruhigende, schöne Sätze über die Selbstsicht und deren Motivation, das Buch zu schreiben. Margit Schmolke schreibt: "Was ich gelernt habe, ist, dass ein Recovery-Prozess einfach seine Zeit braucht und seine eigene Dynamik hat und wir Kliniker die Geduld nicht verlieren dürfen." Michaela Amering schreibt, dass sie, sollte sie jemals psychotisch werden (sie weiß: Es kann jede/n treffen): "... möchte ich, dass sehr behutsam mit mir umgegangen wird." - Die Standpunkte zeigen zugleich das Niveau des Herangehens an die Thematik und an uns Betroffene als gleichwertige Menschen. Beide arbeiten an unterschiedlichen Stellen im Weltverband für Psychiatrie mit.
Ursprünglich ein im Gesundheitsbereich bereits älterer Begriff, wird Recovery neuerdings im psychosozialen Bereich für Erholung, Genesung, Gesundung, Ausheilen, Rettung eingesetzt. "Recovery ist ein Prozess, ein Lebensstil, eine Einstellung und ein Weg." Es hat hier die Bedeutung, dass schwierige Lebenserfahrungen in den Alltag integriert werden und dass eine Lebenssituation hergestellt werden kann, in der mit Symptomen bzw. Behinderungen sinnerfüllt und wohlig gelebt werden kann.
In den Interviews einer schwedischen Studie von 2001 hatte der Autor der Studie den Eindruck, dass die Gesprächspartner_innen während des Interviews viel über sich verstanden. Die Befragten ordneten ihre Erfahrungen mit Recovery individuell und subjektiv ein. Oft waren mehrere Modelle der Heilung kombiniert, wie das medizinische Modell mit dem psychotherapeutischen, das interaktionale mit dem spirituellen. Zentral schien am Ende, dass mensch krank und gesund, verrückt und normal zur selben Zeit sein könne. Eine andere Studie ergab, dass Menschen mit psychiatrischen Diagnosen einen "erheblichen Anteil ihrer verfügbaren Energien" dafür aufwenden, "um (…) wieder Ordnung, Bedeutung, ein Gefühl von Routine und Normalität in ihrem Alltagsleben herzustellen."
Eine Studie von Pat Deegan, einer bekannten Betroffenen, zu "personal medicine", also was einer jeden individuell gut tut, enthielt das erschütternde Ergebnis, dass nur vier von 29 Interviewten ausdrücklich von ihren Psychiater_innen nach ihren Strategien, sich selbst zu helfen befragt wurden! Zu diesen Vorgehensweisen gehören so selbstverständliche Alltagsdinge wie "fischen gehen, mathematische Probleme lösen" u.a.. Viele Betroffene hatten sehr individuelle Weisen, sich zu helfen. Medikamente wurden eher vermieden, wenn sie der "personal medicine" im Wege standen. Pat möchte ermutigen, "kraftvolle Äußerungen" gegenüber Behandler_innen zu entwickeln, wie: "Singen baut mich auf und gibt mir Sinn. (…) Ich möchte mit Ihnen zusammenarbeiten, um ein Medikament und eine Dosierung zu finden, die meinem Singen nicht in die Quere kommt." Nach Pat rührt die Sprachlosigkeit zwischen Betroffenen und ihren Psychiater_innen von der noch immer defizitorientierten Psychiatrie-Ausbildung her. Es werde überwiegend auf möglicherweise auftretende Schwierigkeiten vorbereitet, wie mit Rückfällen, mit Aggressionen etc. umzugehen sei. Erfolg und Potenzial im Klienten zu erkennen und zu fördern, werde nicht gelehrt. Daher müssen Menschen in die Ausbildung hereingeholt werden, die Recovery in ihrem Leben umsetzen, um Bewusstsein für diese Seite in uns zu wecken. Bei einem Vortrag zur Umsetzung bzw. zur Umsetzbarkeit von Recovery-Orientierung in Kalifornien im Jahr 2004 fiel folgender bemerkenswerter Satz unter den Zuschauern: "Das Ganze klingt unrealistisch, aber je genauer man es betrachtet, desto durchführbarer erscheint es."
In diesem Sinne müsse die Gesundheitspolitik davon überzeugt werden, dass der Ansatz Recovery einen Systemwandel herbeiführen werde. Need Adapted Treatment , der Einbezug von Nutzer_innen in die Behandlung, Patientenverfügungen u.a. müssten vorangetrieben werden. Der Offene Dialog aus Finnland weist dermaßen deutliche Behandlungserfolge auf, dass es mir wirklich außerordentlich erstrebenswert scheint, dieses Familien- und Netzwerkmodell auch bei uns verstärkt einzuführen. Dialog ist eine Grundvoraussetzung für positive Veränderungen in jeder Therapie. Die überwiegend zuhause behandelten Nutzer_innen erleben kürzere unbehandelte Psychosen, weniger Tage Klinikaufenthalte, seltener Restsymptome sowie extrem wenige Rückfälle. Amering und Schmolke stellen Alternativen zur Psychiatrie vor. Zum Beispiel werden seit 1985 "Alternatives Conferences" organisiert. Deren Jahrestagungen haben so interessante Titel wie "In Freiheit erinnern. In Freiheit entscheiden. In Freiheit träumen (2001)."
Als ein sehr zentrales Problem werden die Mitarbeiter_innen im psychiatrischen Umfeld und deren Menschenbild benannt. Von 2004 gibt es eine Studie aus Norwegen, die sich mit helfenden Beziehungen befasst. Der Faktor Mitmenschlichkeit, die Empathie, der Respekt wurden im Umgang mit uns allgemein als am hilfreichsten erlebt. "Zeit zur Verfügung stellen und einfach da sein" war ein zentrales Moment, also gut verfügbar/ erreichbar sein, auch mit den Herzen und auch manchmal über die professionelle Zeit hinaus. Solche Behandler_innen, die über ihre professionelle Rolle hinausgingen und -gehen, haben einen sehr guten Stand bei den Menschen, denen sie bei der Heilung erfolgreich zur Seite gestanden haben. "Menschliche Qualitäten scheinen wichtiger zu sein als Titel, Ausbildungshintergrund oder angewandte Methoden und Techniken." Der Begriff "schwere psychische Erkrankung" müsse weniger defizitorientiert vermittelt und neu definiert und umgedeutet werden. Die Profis seien nicht mehr "die Experten über das Leben" der Betroffenen, sondern sie seien zur Begleitung da, zum Sich-daneben-Stellen-und-Fragen. Fachbücher müssen umgeschrieben werden, um weniger Pessimismus zu verbreiten und mehr Hoffnung zu erlauben.
"Recovery - Das Ende der Unheilbarkeit" gehört als Grundlagenwerk in jede Universität. Darüber hinaus wäre es sicherlich eine tolle Initiative, eine (oder viele!) Arbeitsgruppe aus Peers , aus Studierenden, aus Professionellen - in getrennten Gruppen sowie trialogisch - zu bilden, die sich monatlich treffen und über einzelne Kapitel des Buches sprechen, um diese wertvollen Inhalte bekannter zu machen und für sich selbst umsetzen zu können. (Heike Oldenburg)